Im Himmel gibt es Coca-Cola - Christina Nichol - ebook

Im Himmel gibt es Coca-Cola ebook

Christina Nichol

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Opis

Georgien, 2002: Die Kommunisten sind schon lange fort, aber besser geworden ist trotzdem nichts. Es gibt kaum Arbeit, und wenn es Arbeit gibt, gibt es keinen Lohn. Und wenn es doch Lohn gibt, dann liegt das daran, dass die Arbeit . . . vielleicht nicht ganz sauber ist. Aber einen aufrechten Mann gibt es in Georgien, einen, der die Werte hochhält und dem die Korruption nichts anhaben kann: Slims Achmed Makaschwili, seines Zeichens bescheidener kleiner Anwalt beim Seerechtsministerium. Entschlossen, seinem rückwärtsgewandten Land zu neuen Chancen, Effekti­vität, kurzum: zum amerikanischen Traum zu verhelfen, wendet er sich in langen, hingebungsvollen Briefen an Hillary Clinton und malt ihr in schillernden Farben seine Vision eines modernen Georgien aus – immerhin ist die Senatorin Schirmherrin eines Programms, das Unternehmen in ehemaligen Sowjetländern schulen soll in erfolgreicher Geschäftsführung. Allen Unkenrufen und Wahrscheinlichkeiten zum Trotz wird Slims erhört und eingeladen – nach San Francisco! Für sechs Wochen! Diese Reise wird sein Leben und eine ganze Nation verändern. Endlich kann er sich aus der Nähe ansehen, wie der Fortschritt funktioniert. Doch Slims ist noch nicht sehr lang in Amerika . . . da kommen ihm seine laute, keifende Familie und sein gepei­nigtes, feierfreudiges Land gar nicht mehr so blöd vor. Ein großartiger Schelmenroman, eine unwirkliche Satire – und ein Werk von sprühender Fabulierlust und größtem Ideenreichtum.

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mare

Christina Nichol

IM HIMMEL GIBT ES COCA-COLA

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Rainer Schmidt

mare

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetunter http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die Originalausgabe erschien 2014unter dem Titel Waiting for the Electricity beiThe Overlook Press, Peter Mayer Publishers,Inc., New York.

Copyright © 2014 by Christina Nichol

© 2016 by mareverlag, Hamburg

Covergestaltung Nadja Zobel / Petra Koßmann, mareverlag, HamburgAbbildung [M]: mare, Foto: © KeithBishop / Getty Images

Typografie (Hardcover) Farnschläder & Mahlstedt, HamburgDatenkonvertierung eBook bookwire

ISBN eBook: 978-3-86648-321-7

ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-234-0

www.mare.de

Für Swiadi, Giorgi, Wanitschka und die beiden Mananas, groß und klein

»Das ist wie die Büchse der Pandora.

Als Zeus sie aufmachte, kam alles rausgeflogen.

Was noch übrig war? Nur die Hoffnung.«

Georgischer Arbeiter bei der Fertigstellungder Baku-Tbilissi-Ceyhan-Pipeline

1 Eine Flutwelle von Frauen, groß und vollbusig, in lange schwarze Kleider gehüllt, wälzte sich schwerfällig zum Meer hinunter.

Obacht! Geht ihnen aus dem Weg.

Die Horde dieser drallen Frauen kam die Hänge herab wie eine Invasionsarmee. In den Minibussen knackten sie Sonnenblumenkerne zwischen den Zähnen und blickten dabei starr geradeaus, interessiert nur an der Sonne und an der Verheißung der See. Am Strand würden alle diese Frauen sonnenbaden. Manche standen dann, ein piroschok in der einen Hand, ein Bier in der anderen, bis an die Schenkel im Wasser und riefen dem kleinen Schako zu, er solle nicht so weit hinausschwimmen. Die aus den Dörfern badeten noch immer in ihren Kleidern, die dann in den Falten an ihren Körpern kleben blieben.

Die Luft war heiß. Die Luft war trunken. Die Luft war vergoren zu Sommer, zu einem ernsthaften und entschlossenen Sommer. Es war der 19. August, der letzte Tag der Saison, auch bekannt als Tag der Wende, und alle versuchten, ihren Körper noch zu schwärzen, bevor das Wetter umschlug. Armenier, Aseri, Georgier, sogar Russen wuchteten sich auf den Sommer, den hohen, späten Sommer, und der Sommer ächzte wie ein überladener Tisch.

Im Anfang, als Gott das Land unter allen Völkern verteilte, verpassten wir Georgier die Sitzung. Am nächsten Morgen sahen wir uns um und erkannten, dass wir heimatlos waren. »He!«, schrien wir zu Gott. »Was ist mit unserem Land?«

»Wo wart ihr denn gestern Abend?«, fragte Er. »Ihr habt die Sitzung verpasst. Ich habe alles Land weggegeben.«

»Wir haben was getrunken!«, riefen wir. »Wir haben auf deinen Namen angestoßen!«

Darüber freute Gott sich so, dass Er uns alles Land gab, das Er für sich selbst aufgehoben hatte. Deshalb sollen wir uns entspannen und Gottes schöne Erde genießen.

Die Armenier sagen: »Wir haben die Sitzung auch verpasst, und uns hat Er nur die Steine gegeben, die Er für sich aufgehoben hatte.« Deshalb ist ihr Land übersät von Steinen, und deshalb machen sie sich jetzt auch an unserem Strand breit.

Wir haben jahrtausendelang auf Gottes Land gelebt und seine Schönheit und Fülle genossen, und immer hielten wir eine Hacke in der Hand, um die Wunder Seiner heiligen Erde zu säen und zu ernten. Aber wegen unserer Nachbarn hielten wir in der anderen Hand ein Gewehr.

Eines Tages kam Gott, um nachzusehen, wie es allen ging. Er besuchte jedes Land in der Nachbarschaft. Als Erstes kam Er nach Armenien und fragte: »Wie geht es euch? Gefällt euch alles? Schlaft ihr gut? Keine Klagen?«

Die Armenier sagten: »Alles ist gut. Wir haben ein feines Leben auf den Steinen, die du uns gegeben hast.«

Gott sagte: »Es freut mich, dass es euch so gut geht. Ja, es bereitet mir so gute Laune, dass ich euch einen Wunsch erfüllen werde, was immer es ist.«

»Na ja«, antworteten die Armenier, »wie gesagt, wir sind zufrieden. Aber …« Dann machten sie eine Pause und fingen an, sehr demonstrativ nachzudenken und sich dabei mit dem Finger an die Schläfe zu klopfen. »Wenn wir uns wirklich etwas einfallen lassen sollen, dann würden wir uns wünschen, dass du Aserbaidschan vernichtest. Diese Typen versuchen dauernd, uns unseren See zu klauen.«

Also ging Gott zu den Nachbarn nach Aserbaidschan, um zu sehen, wie sie zurechtkamen. »Hallo!«, rief Er. Die Aseri hatten alle Hände voll damit zu tun, mit ihren Booten auf dem Kaspischen Meer herumzufahren, zu fischen und den ganzen Kaviar aufzuessen. »Wie geht’s euch da unten?«

»Es geht. Gott sei gepriesen.«

»Na, und was wünscht ihr euch?«

»Wir wären dir wirklich dankbar, wenn du die Armenier dezimieren könntest. Als Nachbarn sind sie wirklich lästig. Sie versuchen immer, eins von unseren Weizenfeldern zu annektieren.«

Dann kam Gott nach Georgien.

»Der Sieg sei dein! Gaumardschos!«, riefen wir, als wir Ihn sahen, und streckten unsere weingefüllten Widderhörner in die Höhe. »Wir küssen dich!« Wir waren bereits sehr glücklich über Seine Großzügigkeit, und als Er uns fragte, was wir uns wünschten, sagten wir, wir brauchten weiter nichts. »Wir bitten um nichts«, riefen wir. »Es reicht, wenn du Armenien und Aserbaidschan ihre Wünsche erfüllst.«

So geht die Geschichte.

Man sagt, um die Geschichten in unserem Herzen lebendig zu erhalten, müssen wir sie einander weitererzählen, denn wenn man Geschichten nur hört, aber nicht weitererzählt, wird man wie der Mann, der nur Trauben pflückt, die Reben aber nicht beschneidet, wie einer, der erntet, aber nicht sät. Dann kann es sein, dass man erstarrt und leicht in die Irre zu führen ist. Wenn es in den alten Zeiten so weit war, dass ein Junge seine Geschichte erzählen sollte und er nicht wusste, wie er anfangen sollte, wenn sein Mund nicht funktionierte, als wäre er voller Steine, dann sagten die Ältesten, die um das Feuer saßen: »Du muss so anfangen: Es war einmal. Es war einmal. Es war keinmal.« So fängt jede Geschichte an. Es bedeutet, dass etwas, das einmal wahr war und vielleicht sogar ein zweites Mal wahr war, nicht unbedingt auch beim dritten Mal wahr ist.

In Georgien war es einmal wahr, dass wir nur ein Leben haben und es deshalb nicht mit dem Streben nach materiellen Gütern verschwenden sollen. Es war außerdem wahr, dass wir im Paradies lebten. Aber es erforderte Hartnäckigkeit, sich jeden Tag daran zu erinnern, dass wir im Paradies lebten. Wir haben hier Tanz, Liebe, Wein, Sonne, eine uralte Kultur und Schönheit. Aber kein Geld. Deshalb sind wir ein bisschen aus der Mode gekommen, denn heutzutage regiert Geld die Welt.

Daher habe ich beschlossen, die Geschichte meines Landes weiterzuerzählen, um inmitten von Lebensbedingungen, die extrem schwierig geworden sind, ein bisschen Hoffnung in unseren Herzen lebendig zu erhalten.

Hauptsächlich aus diesem Grund war ich gerade dabei, den folgenden Brief in englischer Sprache aufzusetzen:

19. August 2002

Sehr geehrte Frau Clinton,

mein Name ist Slims Achmed Makaschwili, und ich komme aus der Kleinstadt Batumi am Schwarzen Meer. Es ist eine sehr kleine Stadt. Man kann sagen, sie ist schön und sonnig. Für mich ist es die Stadt.

Aber dann kamen mir Bedenken: Was wäre, wenn Hillary noch nie von Batumi gehört hätte? Ich wollte nicht, dass sie sich unwissend vorkam, auch wenn sie eigentlich von uns gehört haben sollte, denn Inga Tscharchalaschwili und Maia Lomineischwili – zwei berühmte Georgierinnen – haben mit großem Erfolg an der Internationalen Schachmeisterschaft in Batumi teilgenommen.

Ich schrieb also weiter:

Batumi ist eine Kleinstadt, von der nicht viele Leute wissen. Das weiß ich, denn ich habe Batumi im Internet gesucht, und dort war nur ein Bild von der Palme zu finden. Der Tourist hat geschrieben: »Die Stadt sieht aus wie abblätternde Farbe.« Das liegt daran, dass wir uns in einer Neubauphase befinden. Der örtliche Diktator reißt die alten Gebäude ab und lässt viele Rasenflächen anlegen, weil sich niemand mit einer Pistole hinter einem Rasen verstecken kann. Dazu kommt, dass die geistlichen Führer Meditationshütten aus dem 12. Jahrhundert bauen. Wir machen Fortschritte im zivilen und im religiösen Bereich. Wir haben sogar eine Bank. Es ist eine glänzende und moderne Bank, aber es ist kein Geld mehr darin. Die neuen Zertifizierungsanforderungen von 1998 haben die Zahl der Banken von 200 auf 43 verringert.

Ich glaube wirklich, wir brauchen ein bisschen Hilfe hier drüben auf dem Land, vor allem ich! Besonders weil Georgien ein christliches Land ist, und es ist schwierig, in einem christlichen Land einen muslimischen Namen zu tragen! Mit einem georgischeren Namen wie zum Beispiel Dawito, Dato, Temuri oder Toto könnte ich eine höhere Position in der Verwaltung kriegen.

Aber jetzt komme ich zu einer wichtigeren Information. Ich will Ihnen erklären, wieso Batumi ein natürlicher Hafen ist. Der Hafen liegt am Ende der Eisenbahn aus Baku und wird hauptsächlich für Erdölprodukte benutzt. Unsere Stadt rühmt sich, acht Liegeplätze zu haben, und zwar mit einer Gesamtkapazität von 100000 Tonnen allgemeiner Ladung, 800000 Tonnen Schüttgut und sechs Millionen Tonnen an Öl- und Gasprodukten. Zu den technischen Anlagen gehören Portalkräne und Kranbrücken für das Verladen von Containern auf Güterwagen. Wie Sie sehen, bietet Batumi Ihnen und Ihrem Land großartige Geschäftschancen!

Aber dann dachte ich noch einmal darüber nach, was ich geschrieben hatte. Schließlich töteten die Erdölprodukte alle Fische.

Ich lehnte mich auf dem Kaffeehausstuhl zurück und schaute auf das Meer hinaus. Die philippinischen und türkischen Frachter am Horizont, die auf den Hafen zusteuerten, atmeten in Zeitlupe eine kalkähnliche Substanz aus. Alle andern waren immer noch auf dem Weg zum Strand.

Am Tag der Wende beginnt sich alles zu ändern. Es ist der Tag, an dem das Meer anfängt, langsam abzukühlen. Sogar der Wetterbericht sagte fallende Temperaturen voraus. Im Morgenfernsehen hatte Nachrichten Nostalgie uns in Erinnerung gerufen, was ein Jahrzehnt zuvor am 19. August passiert war, und uns alte Filmaufnahmen gezeigt, in denen Boris Jelzin einem Panzer brüllend befahl, sich vom Moskauer Weißen Haus zurückzuziehen. Jener 19. August war der Tag des gescheiterten Staatsstreichs in Russland, der Tag, von dem unsere Alten mit einer von Nostalgie und Vorwurf schweren Stimme sagen: »Unser Land wechselte von Rot zu Schwarz.«

Buchstäblich Schwarz. Wir hatten seit elf Jahren keine zuverlässige Stromversorgung mehr gehabt. Und in den letzten acht Tagen hatten wir überhaupt keinen Strom mehr gehabt. Den ganzen Sommer über war die Versorgung sporadisch gewesen, und im Treppenhaus hatte das Licht nur unregelmäßig geflackert. Die Regierung erklärte, der Staudamm verfüge nicht über genug Wasser für die Turbinen, aber als wir sahen, dass der Stausee seinen höchstmöglichen Pegelstand erreicht hatte, fiel uns auf, dass das, was wir hier – wie überall – mit eigenen Augen sahen, das genaue Gegenteil dessen war, was die Regierung erklärte.

Ich nahm den Stift wieder in die Hand und sah mich im Café um, ob vielleicht jemand da war, den ich kannte. Ich wusste, ich musste unauffällig schreiben, denn normalerweise scheibt kein Mensch im Café. Man rezitiert nur laut Gedichte oder trinkt Eiskaffee und beschwert sich über seine Schwiegermutter.

Ein Dschungel von Weinranken schlang sich um die Spaliere und die leer stehenden Gebäude am Boulevard – ein Verkehrsstau aus Pflanzenwuchs, grüne Wellen, die wie eine Brandung auf den Gehweg prasselten. Dazwischen bahnten Fußgänger sich einen Weg zum Strand. Ich pflückte ein großes Blatt mit dickem Stiel und benutzte es als Sonnenschirm.

Einmal habe ich einen Brief an Pink Floyd geschrieben, aber sie haben nie geantwortet. Mein bester Freund Malchasi sagte, mein Brief sei wahrscheinlich in einem Papierkorb in Warwick gelandet. Mit meinem Brief an Hillary würde es hoffentlich besser laufen. In Georgien haben die Frauen zu Hause die Macht. Ich nahm an, in Amerika ist es genauso.

Ein paar Wochen zuvor hatte ich im Seerechtsministerium, wo ich arbeite, ein Fax bekommen. Genau genommen war es nicht an mich adressiert, sondern an den Ersten Stellvertretenden Minister für Seerecht. Es war ein Antrag auf die Teilnahme an einem Wettbewerb mit dem Titel »Mittelständische Unternehmensprojekte für ehemalige Sowjetrepubliken zur Gewährleistung von Demokratie und Sicherheit in einer Welt nach 9/11« unter der Schirmherrschaft von Hillary Clinton. Der Gewinner sollte nach Amerika reisen und an einer Unternehmenstagung teilnehmen, die sich mit den »Herausforderungen und Chancen des Projektmanagements in den Entwicklungsländern« beschäftigen würde. Normalerweise erhielten nur der örtliche Diktator, seine Familie und seine engsten Freunde jemals eine solche Gelegenheit. Diesmal aber war die Sache in unserem Faxgerät gelandet.

Das Fax war wie eine Sternschnuppe, die ich aufgelesen und in die Tasche gesteckt hatte. Und dann setzte es meine Hose in Brand. Um genau zu sein, war es meine Packung Scherzzigaretten, die meine Hose in Brand setzte. Aber das kleine Loch, das sie hineinbrannten, weckte ein Gefühl von Dringlichkeit und erinnerte mich an das Fax und daran, dass es bei dem Wettbewerb einen Abgabetermin gab, auch wenn der 7. Januar noch ziemlich weit entfernt zu sein schien.

Ich hatte die letzte Woche in meinem Dorf in der Bergregion nordöstlich der Stadt bei der Haselnussernte verbracht. Um die Wahrheit zu sagen, ich hasse diese Art von Arbeit. Wenn wir auf den Getreidefeldern arbeiten, können wir jedoch wenigstens dieses alte Lied singen:

Kommt her, ihr alle, und schaut meine Sense,Schaut und seht, wie schön sie ist.Sie ist gemacht aus gutem Stahl.Kommt, ihr Arbeiter aus den Bergen,Und segnet, die das Korn gepflanzt.

Aber singen wir Lieder über Nüsse? Nein, denn wir hassen Nüsse. Tatsächlich sangen wir »Scheiße! Scheiße!«, als wir die Nüsse von den Bäumen schüttelten.

Manche sagen, die Leute in unserem Dorf sind faul und wir ziehen Odessa-Trauben, weil man aus Odessa-Trauben zwar keinen besonders guten Wein machen kann, sie aber leicht zu ziehen sind und wir sie nicht irgendwie speziell düngen müssen. Manche Leute sagen auch, wir ziehen gern große Gemüsesorten wie zum Beispiel Kürbisse, denn dann brauchen wir nur einen Kürbis zu pflücken und können lange davon essen. Das ist natürlich scherzhaft gemeint, aber es stimmt, dass wir nicht wie die Türken sind, die dauernd arbeiten. Die Türken schauen uns an und sagen: »Ihr habt ein so großes Haus, aber ihr arbeitet nicht viel. Wie kann das sein?« Wir sagen ihnen, das nennt man das Große Georgische Geheimnis. Sogar die Türken möchten wissen, was hinter diesem Geheimnis steckt. Aber ich kann nicht erklären, was es ist. Vielleicht ist es ein Geschenk Gottes.

Die Leute in Dgwari allerdings, dem Dorf auf der anderen Seite unseres Berges, sind richtige Workaholics. Sie pflanzen alles – Veilchen, Steine. Kürzlich haben sie so hart gearbeitet, dass sie alle Bäume an den Berghängen abgeholzt haben. Aber dann hat die Erde ihren Halt verloren, der Berg fing an zu bröckeln, und ihre Häuser rutschten ins Tal. Die Leute mussten in tiefer gelegenes Gelände ziehen, in die stillgelegte Teeverarbeitungsfabrik. »Siehst du, was passiert, wenn man zu hart arbeitet?«, warnte mein Großvater mich. »Die Berge kommen ins Rutschen, und du verlierst deinen Platz auf ihnen. In der Sowjetunion war das besser«, sagte er und zeigte auf seine Götter, Stalin und Lenin, die auf seine Brust tätowiert waren.

Mein Großvater sagte immer, zu Sowjetzeiten war alles besser. Das Grün war grüner, und das Rot war roter. Er sagt, das Mineralwasser im ältesten Café von Tbilissi schmeckte süßer, und die Frauen, die dort arbeiteten, konnten zwölf Gäste gleichzeitig bedienen und dabei noch den kartuli tanzen. Damals hatten wir Theater und Bibliotheken, und jedes Dorf hatte sein eigenes Parlament. Wir lieferten Baumwollschlafanzüge an die ganze Sowjetarmee und hatten eine eigene Zahnbürstenfabrik. Die Urlaubsstrände hatten stets magnetischen Sand von hoher Qualität. Heute hat der Sand seine magnetischen Eigenschaften restlos verloren.

Für meinen Großvater war es zu Sowjetzeiten offensichtlich besser. Wir waren damals die reichste Republik, ein Land von Aristokraten, und die Menschen arbeiteten in so wichtigen Stellungen, dass sie Uniformen tragen mussten. Georgien belieferte die gesamte Sowjetunion mit Mandarinen! Tee! Wein! Rosen! von so hoher Qualität, dass sie mit Ausrufungszeichen versehen werden mussten. Mein Großvater konnte zwei Koffer mit Rosen füllen, die er bei uns im Dorf züchtete, über das Wochenende einen subventionierten Flug nach Moskau nehmen und seine Rosen dort für einen Rubel das Stück an die verliebten Paare an der Schlittschuhbahn verkaufen.

Aber jetzt kauft Russland unsere Rosen nicht mehr, und deshalb saßen wir mitten auf einem Haufen Nüsse wie die Arbeiter in einer türkischen Fabrik, und meine Hände waren wund vom Schälen. Wir hatten fünfhundert Kilo Haselnüsse von den Bäumen gesammelt. Diese Nüsse hatten drei Jahre lang die Gebühren für mein Studium an der Universität und unsere Wohnung in Batumi bezahlt. Ich hoffte, dieses Jahr würden sie dafür bezahlen, dass ich das Land verlassen konnte.

In unserem Dorf ist die Luft so klar, dass man kein Telefon braucht. Die Stimme kann mühelos hindurchschlüpfen, sodass jeder über alles Bescheid weiß, und man muss sehr leise sprechen, wenn man nicht belauscht werden will. Als ich Marika, einem Mädchen am anderen Ende des Dorfes, leise zurief, sie solle einen Cocktail für mich und sich selbst machen, da hörte es ihre Mutter. Marika beklagte sich von ihrem Balkon aus bei mir: »Slims Achmed! Meine Mutter sagt, ich hätte einen ganzen Liter Wodka genommen, um unseren Cocktail zu machen, aber es war nur ein kleines Glas.« Ihre Mutter schrie aus dem Obstgarten zurück: »Ich habe nichts dergleichen gesagt. Sie sucht nur eine Ausrede, um zum Strand hinunterzulaufen, statt mir zu helfen, die Pflaumensauce in Flaschen zu füllen!«

Auf diesem Wege, durch die kristallklare Luft, hörten wir auch das Gerücht, das der Eismann über sein Megafon verbreitete: dass die Haselnüsse in diesem Jahr an Wert verloren hätten. Einen Lari pro Kilo. Oder ein Kilo Nüsse für ein Hörnchen Eis. Die Haselnussernte war kaputt.

Wegen dieser Nachricht hatten alle im Bus auf der Rückfahrt nach Batumi schrecklich schlechte Laune. Sogar die Busfahrer stritten sich, welcher Minibus als nächster abfahren dürfte. »Du kommst nach mir«, sagte einer.

»Deine Mutter!«, antwortete ein anderer. Ihre Geduld schwand dahin wie die Hitze, und sie fingen an, sich gegenseitig mit den Schirmen zu bedrohen, mit denen sie sich vor der Sonne schützten. Noch ein Mann mischte sich ein. »Fickt euch doch alle. Habt ihr die Schreierei nicht langsam satt?«

Ein Dummkopf fragte mich, ob er sich neben mich setzen dürfe. »Ja«, sagte ich, »ich glaube, alle Sitze in diesem Bus fahren nach Batumi.«

Eine Frau mit einem Wasserball stieg ein, aber als sie den Fahrer sah, rief sie: »Uff! Ich hasse Ihre Fahrweise«, und stieg wieder aus.

»Halte bei dem großen Baum da!«, rief ein Fahrgast.

»Bei welchem großen Baum? Hier sind nur große Bäume«, maulte der Fahrer.

»Was bist du für ein Esel? Du siehst den großen Baum nicht?«

Als wir den letzten Berghang nach Batumi hinunterfuhren, war ich schon sehr gereizt. Ich musste eine andere Möglichkeit finden, viertausend Dollar für ein Visum aufzutreiben. Das war die Frage, es war immer die Frage, die philosophische Leitfrage für die Betrunkenen auf dem Gehweg. Und danach fragten sie: »Was ist der Sinn des Lebens, und wer hat Schuld?«

Natürlich war die Frage, wie ich viertausend Dollar für ein Visum auftreiben sollte, nicht ganz von dem gleichen philosophischen Kaliber wie die Fragen unserer antiken Philosophen. Niemand wusste, warum genau viertausend Dollar für ein Visum erforderlich waren. Man wusste nur, dass jeder, der es geschafft hatte, Georgien zu verlassen, mindestens so viel gehabt hatte. Ich kannte aber nur einen, der aus Georgien hinausgekommen war: Mein Freund Wano ging nach Amerika und überzog die Frist seines Touristenvisums. Jetzt arbeitet er bei einer Firma in Detroit als Betongießer.

Väter, die es mit Skepsis sahen, dass bei ihren Söhnen die philosophische Frage aufkam, wie man viertausend Dollar auftreibt, waren in letzter Zeit dazu übergegangen, ihnen zu sagen: »Es ist Sünde, allein zu trinken und philosophisch zu werden. Ihr solltet lieber lernen, zu trinken, um die Gemeinschaft mit anderen zu feiern. Sonst werdet ihr allzu intellektuell. Wir sind nicht wie die Leute im Westen, die sich in metaphysischen Abstraktionen verlieren.« Aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war mein Vater nicht da, um mich vor den Gefahren einer allzu großen Intellektualität und allzu vieler philosophischer Fragen zu warnen. Die georgische Unabhängigkeit war mit der unmittelbareren Tragödie seines Todes zusammengefallen. Er starb am Steuer eines Minibusses in der Nähe der abchasischen Grenze. Ein paar ausgehungerte abchasische Soldaten erschossen ihn durch die Windschutzscheibe, als sie die Münzen sahen, die er von seinen Fahrgästen bekommen hatte und die an einem Magneten am Armaturenbrett klebten – insgesamt achtundzwanzig Lari, ungefähr vierzehn Dollar. Die Soldaten behaupteten, sie hätten vergessen, wie Geld aussehe, und bei dem Anblick seien sie durchgedreht.

Nach der Beerdigung fing mein Freund Malchasi an, auf der Straße zu trinken. Mein kleiner Bruder Suka fand Trost in der Gesellschaft christlicher Engel. Meine Schwester Juliet suchte in englischsprachigen Romanen nach ihrer Identität, und ich fing an, das Recht der See zu studieren, um herauszufinden, wie ich sie überwinden und dieses dunkle Land verlassen könnte.

Auf der Rückfahrt bergab nach Batumi holperte unser kleiner Bus heldenhaft durch die Furchen, vorbei an den Quellen, die ihr Wasser auf die Straße sprudeln ließen. Der Fahrer hatte sein Radio laut gestellt, und Großmütter mit Badelaken und Picknickkörben auf dem Schoß lauschten mit spitzen Lippen der blechernen Stimme von Gloria Gaynor und ihrem Lied »I Will Survive«.

Aber vor uns war eine Straßensperre. Eine kleine Gruppe von schwarz gekleideten Männern winkte uns an den Straßenrand, genauso langsam und träge, wie ein Löwe in einer Natursendung eine Antilope angreift. Der Fahrer hätte geradewegs durchfahren sollen, aber stattdessen bremste er und hielt an. Die Frau neben mir seufzte und schob ihre Tasche auf dem Schoß zurecht. Die Straßenarbeiter rissen die Türen auf und kletterten die Stufen herauf in den Bus. »Nicht schon wieder!«, sagte ich. Sie schrien den Fahrer an, er solle das Radio leiser stellen, und dann zogen sie Handgranaten aus den Taschen.

»Die sind aber klein«, sagte der Fahrer.

Sie befahlen ihm, in den Wald zu fahren.

»In welchen Wald?«, fragte der Fahrer und hob verzweifelt die Hände. »Hier ist überall Wald.«

Sie zeigten auf eine kleine Wiese hinter ein paar Bäumen und sagten, er solle dort parken. Auf der Lichtung mussten wir aussteigen und alles ausziehen, sogar unsere Socken. Ich hockte auf der Wiese und hielt meine letzten zwölf Lari in der Hand. Meine letzte Gehaltszahlung lag eine Weile zurück, und ich wusste, wenn sie zu mir kämen, würden sie sagen: »Was? Ein erwachsener Mann hat nur zwölf Lari?« Das wusste ich, weil ich in diesem Jahr nun schon zum dritten Mal in einem öffentlichen Verkehrsmittel ausgeraubt wurde und weil es immer gleich lief. Da ich nicht die Statur meines besten Freundes Malchasi habe, der mal als Leibwächter für den Bürgermeister gearbeitet hat und jemandem ein Fahrrad um den Hals wickeln kann, flüsterte ich dem Mann neben mir zu, ich hätte nur zwölf Lari. Er gab mir einen seiner Zwanzig-Lari-Scheine.

Ich bemühte mich, den Mund zu halten, als sie zu mir kamen, und blickte einfach starr zu Boden und auf die kleinen Bergkräuter, die aus dem zertrampelten Gras zu meinen Füßen ragten. Ich wollte sie nicht in Versuchung führen, mir meine Goldzähne zu ziehen.

Als die Räuber allen ihr Geld abgenommen hatten, bedankten sie sich bei uns. Der älteste zuckte zerknirscht die Achseln und sagte: »Meine Mutter ist krank. Ich brauche das Geld, um ihre Stromrechnung zu bezahlen.« Ein anderer schob die Hand in die Tasche und gab den Frauen ein paar Lari zurück. »Nehmt das«, sagte er und tätschelte ihnen die Hände. Dann stiegen sie in den Bus und fuhren weg.

Ich zog meine schwarze Hose wieder an, meine Socken, mein Hemd und meine Wolljacke.

»Das ist dieses neue Robin-Hood-Phänomen«, sagte jemand. »Man stiehlt es den Männern und gibt es den Frauen.«

»Das war die Polizei«, spekulierte ein anderer.

Ich wischte mir mit einem Büschel Gras den Lehm von den Schuhen und zündete mir eine Parliament-Zigarette an. Gerade als meine Nervosität nachließ – scheni deda! Deine Mutter! Es war die falsche Packung gewesen, die mit den Scherzzigaretten, und sie zerknallte vor meinem Gesicht und riss mich in die explosive Gegenwart zurück, in die Welt des georgischen Mannes und seiner Lust am Feuerwerks-Gewehrknall.

Damit will ich nicht andeuten, dass in Georgien ständig Gewehre knallten. Es stimmt, man kannte uns als die Kugelfuß-Generation, seit wir im Bürgerkrieg mit Abchasien in den Neunzigern die Kugeln mit den Schuhsohlen abwehren mussten. Aber wir hatten niemals Ähnlichkeit mit diesen Dandy-Gangstern oder mit den amerikanischen Motorradhelden in ihren Lederjacken. Wir fuhren nicht Motorrad. Wir fuhren nicht mal Fahrrad. Wir waren keine Nomaden. Wir sahen uns, wie meine Schwester Juliet wohl sagen würde, lieber als »ein richtiges Land mit klassischen Banditen«.

Ich hatte diese Banditen-Mentalität allmählich satt. Es wurde Zeit, jemanden um Hilfe zu bitten. Wir brauchten einen ausländischen, gutmütigen, gesetzestreuen Polizisten, der hier einschreiten konnte, einen von diesen gesunden amerikanischen Cops, die auf dem Pferd herumritten, einen, der in den Bürgern ein Gefühl von Würde weckte.

Deshalb ging ich, als ich vom Berg heruntergewandert war, nicht an den Strand, sondern in das Sonnenschirmcafé am Strandboulevard und bat um Hilfe.

Hillary, ich will versuchen, Ihnen mehr über mich zu schreiben. Ich bin natürlich keine so interessante Person wie Sie, aber trotzdem will ich etwas schreiben. Ich liebe Tiere, besonders Fische. Einmal hatte ich einen Fisch, den ich Billclinton nannte, aber leider hat er etwas Giftiges gegessen, und damit war sein Leben zu Ende. Und wie ist es mit Ihnen? Mögen Sie Tiere, oder haben Sie ein Haustier? Wir haben einen kleinen Garten zu Hause, aber vor allem liebe ich Kakteen.

Ich bin Seerechtsanwalt, aber für mich persönlich ist es ein sehr langweiliges Leben. Die Chefs sind alle alte Kommunisten, und es ist ein unglückseliger Umstand, dass die Gesetze unseres Landes erst geändert werden können, wenn sie alle tot sind.

Jetzt zu einer wichtigen Information über meine Vorfahren. Haben Sie schon von Buffalo Bill’s Wild West gehört? Mein Ururgroßvater aus meinem Dorf in Gurien ging mit Fürst Iwane Macharadse nach Iowa und machte die Cowboys mit traditionellen Reitkunststücken bekannt. Die Leute hielten sie für Kosaken, aber in Wirklichkeit waren sie Gurier aus meinem Dorf. Sie konnten drei Pferde gleichzeitig reiten und dabei auf dem Kopf stehen. Sie waren so geschickt, dass sie zu Pferde keinen Selbstmord begehen konnten, selbst wenn sie es wollten. Das ging nur auf festem Boden.

Zu Sowjetzeiten hat die Regierung verboten, amerikanische Cowboy-Filme im Fernsehen zu zeigen. Aber manchmal, an kirchlichen Feiertagen, wurden sie doch gesendet. Da wir ein so irrwitzig religiöses Volk sind, hat die Sowjetregierung sich diese List ausgedacht, um uns dazu zu bringen, dass wir zu Hause blieben und uns verbotene Filme anschauten, statt in die Kirche zu gehen. Mein Großvater schaute sich diese Filme an – Die glorreichen Sieben, Ringo – und versuchte die ganze Zeit, dabei seine Verwandten zu entdecken.

Wenn mein Großvater einen Cowboy-Film gesehen hatte, sagte er immer: »Die einzige Hoffnung ist der Cowboy!« Er begann, den Cowboy zu imitieren: Er trug einen Strohhut, saß auf dem Balkon und zupfte auf einer mit Saiten bespannten Kokosnuss.

Er bestand darauf, dass mein Vater mich Slims taufte, nach Slim Sherman, nach der Legende aus Am Fuß der blauen Berge. Sie sehen also, Hillary, auch wenn ich von einer uralten poetischen Kultur abstamme, bin ich doch ein Cowboy, und ich komme aus einer Cowboy-Familie. Ein echter Amerikaner wie Giorgi Bush.

Slims Achmed sieht vielleicht aus wie eine Islam-Cowboy-Namenskombination, aber in Wirklichkeit ist es ein Name aus dem 19. Jahrhundert, der den gleichen inbrünstigen Traum Georgiens von der Unabhängigkeit von Russland verkörpert, den auch die Dichter Nikolos Barataschwili und Akaki Zereteli im 19. Jahrhundert zum Ausdruck brachten. Aber keine Sorge, Hillary. Wenn Sie keine georgischen Dichter kennen, ist das normal.

Der muslimische Teil, die Achmed-Hälfte, wird im Rachen ausgesprochen, am Zäpfchen: Ach-med. Das schmeckt wie Wahrheit, wie die Stimme eines gurischen Frosches. Tatsächlich schmeckt es wie die Liebe. Hillary, ich weiß, dass der englische Satz I love you einen wunderschöner Klang hat. Und auch der französische. Je t’aime. Wiederum. Wunderschön. Vielleicht werden Sie unseren georgischen Ausdruck für die Liebe nicht so schön finden: me schen mikwarchar. Ja. Das ist nicht so schön.

Aber, meine liebe Hillary, mein Großvater dachte nicht an die Liebe, als er mir meinen Namen gab. Er dachte an seinen Freund Achmed aus dem muslimischen Dorf auf der anderen Seite des Flusses. Achmed stahl immer unsere Schweine, um zu verhindern, dass wir das Schweinefleisch aßen. Mein Großvater hoffte, wenn er mich auf den Namen Achmed taufte, würde das muslimische Dorf aufhören, unsere Schweine zu klauen. Außerdem wollte er Frieden mit den Türken schließen. Wenn wir Frieden mit den Türken hätten, könnten wir uns von den Russen befreien. Er meinte: »Wenn die Engländer uns kolonisieren, wird Juliet (das ist meine Schwester) mit ihrem englischen Namen überleben. Wenn wir unsere Unabhängigkeit zurückgewinnen, wird es Suka (meinem Bruder) mit seinem georgischen Namen gut gehen. Und wenn die Amerikaner oder die Türken einmarschieren, wird Slims Achmed davonkommen.«

Jetzt möchte ich Ihnen eine sehr wichtige Frage stellen: Haben Sie den Film Jesus Christ Superstar gesehen? Kennen Sie den Titelsong »Was interessiert euch das Morgen, lebt lieber im Heute«?!! (!) So leben wir schon sehr lange, vielleicht schon seit fünfzehn Jahrhunderten, und ich glaube nicht, dass es ein besonders guter Rat ist. Wir haben uns von Russland befreit, und jetzt strecken wir die Hand aus und warten darauf, dass uns jemand aufhilft.

Mit Respekt für Ihre Art

Slims Achmed Makaschwili

2 Während ich am Boulevard saß und meinen Brief schrieb, kroch eine Wolke über den Himmel wie ein riesiger Ölfleck. Petroleum, Dieseldunst und der scharfe Geruch eines bevorstehenden Unwetters erfüllten beißend die Luft. Die Schatten der städtischen Gebäude wurden winterlich, die Farben gedämpft wie die eines Gewehrs. Georgien hat immer noch seine eigene Poesie, dachte ich, und es konnte auf eine designerhafte Art sogar schön sein wie die sandweißen Dünenhäuser in Casablanca.

Ich packte meinen Brief an Hillary ein und machte mich auf die Suche nach Malchasi, um ihm zu erzählen, dass die Haselnusspreise in den Keller gegangen waren.

Wenn man es jetzt ansieht, möchte man es kaum glauben, aber es heißt, als Königin Tamar im 12. Jahrhundert mit ihren Soldaten nach Batumi kam, war die Stadt so sauber, dass sie ihren Truppen befahl, die Schuhe auszuziehen. Selbst zu Sowjetzeiten war alles in Ordnung, und die Bäume standen wie Soldaten in einer Reihe. Die sowjetische Nationalhymne unserer Stadt ging so:

Gehst du in die adscharischen Berge,Wehen süße Düfte durch dein Herz,Und schaust du Batumi tief in die Augen,Bist du geheilt von jeder Krankheit.Batumi, so blitzsauber,Batumi, so atemberaubend,Du bist der Smaragd, du bist das Paradies.Wenn diese Stadt sich in dich verliebt,Dann schenkt sie dir ihre ganze Seele,Und wenn nötig, wird sie für dich sterben.

Aber ich glaube, die Stadt hat einen Teil ihrer Kraft verloren. Ich kenne zum Beispiel niemanden, für den die Stadt in letzter Zeit gestorben wäre.

Ein Brotlaster hielt vor dem Café Paradies. Sein Motor übertönte das Geschrei der Männer, die Kasbegi-Bier aus braunen Flaschen tranken. Der Fahrer sprang heraus und trug mit seinen schmutzigen Händen Brote und Brötchen ins Restaurant.

In der Ferne, und zur Feier des letzten Sommertages, war Batumis Bibelkünstler dabei, mit Steinen von der Farbe des jungen grünen Weins und allen Schattierungen des Sonnenbrands georgisch-orthodoxe Kreuze in den Strand zu sticken.

Auf der anderen Seite des Platzes entdeckte ich Malchasi. Er stand mit Gotscha Abaschidse an dem Steindenkmal für Gotschas Großonkel, den Paten unserer Stadt. Der Pate in seiner traditionellen georgischen Tracht – die tscherkeska mit den speziellen Brusttaschen für Artilleriepatronen, die Dolchscheide am Gürtel, die Filzmütze auf dem Kopf – sollte jeden daran erinnern, wie ein echter georgischer Mann aussieht, dass er ein Edelmann ist, der stets seine Würde bewahren muss. Aber Gotscha hatte dieses Erscheinungsbild nicht geerbt. Gekleidet in sein neues schwarzes Seidenhemd aus Thailand – für sein »Image« –, verjagte er jeden, der auf sein kleines Rasenstück trat, auf Batumis neue Minigolfanlage.

Gotscha stammt aus einer der aristokratischen Familien, die in jüngerer Zeit sämtliche Grundstücke am Meer aufgekauft haben. Er wohnt in einem der zentral gelegenen Apartmenthäuser, die kürzlich renoviert wurden und jetzt wie griechische Tempel aussehen und Balkone haben, deren Geländer von Batumis berühmtesten Bronzeschmieden angefertigt wurden. Gotscha sagt, er ist mit einem berühmten König aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. verwandt, dem die Kachelbrennerei gehörte, die jetzt von den Archäologen ausgegraben wird. Aber Gotscha ist keine edle Seele. Er denkt das eine, sagt das andere und tut dann das Dritte.

Malchasi, der neben ihm stand, sah aus wie eine Figur aus einem der viktorianischen Romane meiner Schwester, düster und romantisch – abgesehen von seiner gigantischen Nase. Wenn Malchasi auf dem Rücken im Meer schwimmt, zeigen die Leute am Strand auf seine Nase und rufen: »Vorsicht! Ein Hai!« Er erinnert mich an das armenische Rotkäppchen, das zum Wolf sagt: »Oh, was hast du für eine große Nase«, und der Wolf antwortet: »Schau doch mal in den Spiegel.«

Malchasi trug die neue Jeans, die er sich in der vorigen Woche auf dem türkischen Markt gekauft hatte, und sein »GEORGIA TECH«-T-Shirt. Er schaute auf seine Stiefel hinunter und wippte vor und zurück, wie getrieben von der Last irgendwelcher Überlegungen. Malchasi konnte den ganzen Nachmittag so stehen. Es war sein bevorzugtes Vergnügen. Er sah aus wie der südamerikanische Pfauenbarsch, den ich im Delfinarium von Batumi gesehen hatte, als es noch existierte – braun und rostrot gezeichnet, undomestizierbar. Träge schwamm er hin und her, und dann plötzlich schnellten seine Flossen hoch, und im Bruchteil einer Sekunde hat er den kleinen Goldfisch gefressen. Im nächsten Moment verfiel er wieder in seine Trägheit und spuckte die Schuppen aus. Malchasi hat den gleichen Unterkiefer.

Ich pfiff, und als Malchasi mich sah, verabschiedete er sich von Gotscha.

»Gotscha hat mir einen Job bei Herbalife angeboten«, vertraute Malchasi mir an, als wir auf dem Boulevard zum Meer hinuntergingen. »Aber ich lehne es ab, für eine russische Firma zu arbeiten. Diese Typen fahren mit ihren Volkswagen in Georgien herum und halten Predigten über Kräuterheilmittel. Aber Kräuterheilmittel – ihre Mutter! Georgier haben Gedichte geschrieben, als die noch auf den Bäumen hockten. Wir sollten in Jekaterinburg herumfahren und Werbung für Wein und Haselnüsse machen.«

»Gute Idee«, sagte ich. »Denn jetzt kostet ein Kilo Haselnüsse gerade so viel wie ein Hörnchen Eis.«

»Scheni deda!«, sagte er und wühlte in der Hemdtasche nach den Streichhölzern. Wenn Malchasis Mund ein Kunstmuseum wäre, dann wäre die Zigarette eine Dauerinstallation.

Wir kletterten über die Steinblöcke zum ausgefransten Saum der Brandung. Malchasi hatte eine neue Packung Viceroys aufgerissen und das Silberpapier mit dem Wind flattern lassen. Er schüttelte eine Zigarette heraus und bot sie mir an. Die Brandung war wilder als sonst, weil ein Unwetter aufzog, und dichte Schwärme von Quallen dümpelten nahe am Strand.

Wir setzten uns hin und rauchten und schauten hinaus zu den Frachtern aus Bulgarien, Odessa, der Türkei. Ans Meer gekettet, saßen sie da draußen, als ob sie auf etwas warteten, genau wie wir alle. Malchasi betrachtete prüfend das Wasser, als wäre er sein Beschützer. Die Wellen prasselten über die Steine und näherten sich kriechend seinen Stiefeln. Das Schwarze Meer sah im Moment nicht besonders romantisch aus; also spähte ich hinüber und versuchte, die andere Seite auszumachen, wo ich gern sein wollte. Aber die Badenden waren im Weg – unschuldige Kinder, die mit bunten Schwimmgeräten spielten und die letzte Wärme der Sonne ins Wasser quirlten, während die Wärme ihrerseits das radioaktive Material aufquirlte, das dort unten schlummerte.

Es wurde windig, Wasser bäumte sich auf, und eine feine Schicht Rohöl legte sich auf Malchasis Jeans. Er wollte sie mit dem Taschentuch wegwischen, aber er verschmierte den Fleck nur noch weiter. Ich dachte an die Dornhaie im Schwarzen Meer, die ausstarben wegen dieses Rohöls, das sich auf der Wasseroberfläche sammelte wie Kommunalpolitiker zu einer Sitzung. Ich grub meine Hand in die Strandkiesel, hob einen auf und rollte ihn auf der Handfläche hin und her, sodass sie sandig wurde. »Was ist mit dem italienischen Schiffskapitän?«, fragte ich Malchasi. »Hast du was von ihm gehört?«

Ende Juni hatte ein italienischer Schiffskapitän Malchasi aufgefordert, ihm einen Brief mit einer detaillierten Auflistung seiner Berufserfahrung zu schreiben. Malchasi hatte geschrieben: »Scheunenzimmerer, Bauer, Toastmeister für Dorfhochzeiten, Leibwächter, Casinoangestellter.« Dann hatte er noch Größe, Alter und Sternzeichen angegeben (192 cm, 27 Jahre, Waage), außerdem sein Temperament (Choleriker) sowie die Eigenschaften, die er bei anderen Leuten schätzte (Frauen: Intelligenz, Ehre, spirituelle Kraft. Männer: Tapferkeit, Geselligkeit, körperliche Beschützerfähigkeit), seine schlechteste Angewohnheit (gerät immer zwischen die Fronten), sein Lieblingsland (Georgien), seine Schulbildung (keine Schulbildung) und seine Sprachkenntnisse (Georgisch, Russisch, ein bisschen Englisch).

Aber nein, Malchasi hatte noch nichts gehört, und als er es mir jetzt sagte, wirkte er verärgert, als wollte er, dass ich aufhörte, davon zu reden. Ich erkannte, dass Malchasi, der Träumer vom Berg, sich zu einem der typischen georgischen Männer entwickelte, die auf der Straße in der Nähe der Busfahrer die Köpfe zusammensteckten, ihre private Junta bildeten und zu viele Geschäfte mit Gotscha auf dem Boulevard machten.

»Wahrscheinlich hat der Italiener versucht, dich anzurufen, aber das Telefon hat nicht funktioniert«, sagte ich. »Hast du deinen Brief dem Postboten gegeben oder in den Briefkasten geworfen? Sie leeren die Briefkästen nicht mehr.«

»Ich habe ihn per E-Mail verschickt«, sagte er.

»Oh.« Ich zielte auf eine Qualle und warf meinen Kieselstein ins Wasser. »Wusstest du, dass die Koreaner die Dinger essen?«

»Blach«, sagte er und warf auch einen Stein, aber nicht auf die Qualle.

»Was wäre«, fragte ich, »wenn du die Chance bekämst, Georgien zu verlassen und auf einem Schiff zu arbeiten, aber nie mehr zurückkommen dürftest?«

Malchasi antwortete nicht. Seine dörfliche Schwere nahm nur noch weiter zu, und er starrte düster auf das Meer hinaus. Flüsternd zitierte er unseren Dichter Alexander Gomiaschwili:

In diesen Bergen bin ich geboren,Ihre Lieder und Legenden haben mich stark gemacht.

Dann saßen wir schweigend da und schauten auf das Meer.

»Ich glaube nicht, dass ich Georgien für immer verlassen könnte«, sagte Malchasi schließlich. »Lieber möchte ich sehen, was hier passieren wird.«

»Aber was ist denn hier? Das Land ist praktisch zerstört«, sagte ich.

»Nur Georgien kann Georgien zerstören«, sagte er. »Zwei Georgier können ein Land sein. Wenn drei sich einig sind, sind sie eine Welt.«

»Das Problem ist nur«, sagte ich, »dass es heutzutage fast unmöglich ist, drei Georgier unter einen Hut zu bringen.«

»Es seid denn«, sagte er, »es wären du und ich und Schalwa.«

»Schalwa. Welcher Schalwa? Der Optiker oder der Polizist?«

»Der Polizist«, sagte er. »Hör zu, Slims, ich habe heute einen Ausländer kennengelernt, einen Engländer, der im Hafen arbeitet. Er ist Geologe, ein Pipeline-Spezialist. Ich halte ihn für sehr wertvoll.«

»Und was willst du mit ihm machen? Ihn kidnappen?«

»Ich habe keine Angst vor dem elektrischen Stuhl. Wir haben ja keinen Strom.« Das war ein Witz mit langem Bart.

»Sei kein Esel«, sagte ich. »Du kriegst kein Geld von der englischen Regierung. Das hat schon letztes Jahr jemand versucht. Da haben sie den Fußballspieler entführt.«

»Kein Geld von der Regierung. Von Schalwa. Er sagt, er gibt mir sein Auto.«

»In seinem Auto wohnt ein Huhn.«

»Wir können das Huhn essen und das Auto reparieren. Du weißt, dass niemand Respekt vor unserer Polizei hat. Die Leute bitten sie um Feuer. Schalwa sagt, er gibt mir sein Auto, wenn ich den Engländer entführe, sodass er ihn vor laufenden Fernsehkameras retten kann. Das wird die Polizei in ein heldenhafteres Licht setzen.«

»Warum will Schalwa ihn retten? Sonst ist es immer die Polizei, die Leute entführt.«

»Pipeline-Mitarbeiter sind tabu. Das ist eine Regel.«

»Es klingt nicht machbar.«

Malchasi zog eine Braue hoch, sodass sie aussah wie ein Krummschwert. »Zeig mir einen Mann, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, und ich zeige dir einen Mann, der außerstande ist, sich seine Hose anzuziehen.«

»Woher hast du denn das?«

»Aus Juliets Buch mit berühmten englischen Redensarten. Aber im Ernst.« Er verschränkte die Arme vor der mächtigen Brust, und seine glühenden Wangen wollten nicht zu seinen kleinen Ohren passen. »Du kannst jeden fragen, was der Name Makaschwili bedeutet. Alle wissen, dass die Makaschwilis berühmt für ihre Träume sind.«

Malchasi und ich haben denselben Nachnamen, aber wir sind nicht blutsverwandt. Malchasis Mutter starb bei seiner Geburt. Ich kenne nicht alle Einzelheiten, aber sie war jung, die örtliche Klinik war noch nicht geöffnet, die Hebammen waren auf dem Rinderjahrmarkt. Alle waren fassungslos über Malchasis Unglück, als sein Vater drei Jahre später von türkischen Scharfschützen erschossen wurde, als er versucht hatte, die Grenze zur Türkei zu überschreiten, um nicht nach Afghanistan geschickt zu werden. Nach der Beerdigung übernahm es Malchasis Onkel, ihn in den georgischen Traditionen zu unterweisen: wie man jagt, wie man Wein macht oder zumindest am Geruch erkennt, aus welcher Traubensorte er gemacht ist, und wie man einen richtigen georgischen Toast ausbringt. Der Onkel war so versessen darauf, Malchasi zur Selbstständigkeit zu erziehen, dass er einmal seine Scheune abriss, damit Malchasi lernen konnte, sie wieder aufzubauen. Das war vielleicht übertrieben.

»Unser Name kommt in den Geschichtsbüchern nicht vor«, sagte ich. »Wahrscheinlich weiß niemand außerhalb des Brauereiviertels, dass wir berühmt sind.«

Aber Malchasi hatte recht. Die Makaschwilis sind Träumer. Wenn wir uns zu Sowjetzeiten auf dem Strandboulevard trafen, fingen wir schon an zu träumen, noch bevor wir einander mit einem Kuss auf die Wange begrüßten. Wir träumten davon, wie wir in den nördlichen Regionen von Abchasien goldgefleckte Forellen angelten. Wir träumten davon, wie wir unsere Schwerter schärften, um gegen die Türken zu kämpfen. In holprigem Englisch verfassten wir Briefe an die niedlichen europäischen Mädchen, die wir auf der Internationalen Schachmeisterschaft in Batumi kennengelernt hatten: Hallo Sweet Heart, wann immer Du willst, Du kannst zurückkommen und das wahre Leben genießen. Wenn man hat keine Sorge wegen Geld und wenn hat Auto – Georgien! ist genau richtig, um wahre Natur zu fühlen.

Als Malchasi und ich noch im Dorf wohnten, streiften wir über die Weiden und mischten die Milch eines Schafes mit der Säure eines zerdrückten Feigenblattes. Die Säure ließ die Milch zu Quark gerinnen, und den kühlten wir in einem Bach und aßen ihn dann zu Mittag. »Das ist ein echtes romantisches Touristenklischee«, sagte ich mal zu ihm. »Du solltest Fremdenführer werden. Dann könntest du die russischen Touristen überraschen, indem du so tust, als wärest du ein ungebildeter Schafhirte, und sie dann verblüffst, weil du ihre Fragen auf Französisch beantwortest.« Das war ein Witz, denn er sprach kein Französisch, und Schafe konnte er auch nicht leiden.

Als ich in die Stadt gezogen war, bedrängte ich ihn, mir zu folgen. »In Georgien geht die Privatisierung los«, sagte ich, »und dadurch gibt es in Batumi jede Menge gute berufliche Chancen. Ein Freund von mir fotografiert georgische Türen, ein anderer macht Fenster, und ich studiere Seerecht.« Und so war Malchasi, damals Anfang zwanzig, zu uns gezogen – zu jung zum Heiraten und zu alt für die Uni, und er rauchte nicht mal.

Er war auch kein Freund des Rauchens, schon gar nicht bei Frauen. Wenn er eine junge Frau rauchend an einer Ecke stehen sah, bat er sie um die Zigarette, steckte sich das Filterende in die Nase und gab sie ihr dann zurück. Aber als er seinen ersten Job bekommen hatte und in einem Hochzeitsrestaurant in Batumi arbeitete, rasierte er sich den Schnurrbart ab und fing an zu rauchen. Qualmend saß er unter einem Tungbaum in der Nähe und hörte seine Kassette mit Superhits aus den 90ern: Alla Pugatschowa, Kino, Nautilus und sogar »Aisha«, den algerischen Schlager. Im Dorf nannte man ihn Malchasi, den Disco King, seit er von einem Anthropologen einen Kassettenrekorder ergattert und in einem alten Güterwagen eine Disco eingerichtet hatte.

Aber die Leute hatten aufgehört zu heiraten, Malchasi hatte seinen Job verloren, und wir träumten davon, die wahre Natur anderer Gegenden zu fühlen, uns auf einem Öltankzug nach Kasachstan zu verstecken und in der zentralasiatischen Haschischindustrie zu arbeiten. Malchasis Onkel im Dorf hatte uns beigebracht, Marihuana zwischen den Handflächen zu rollen, bis sie schwarz wurden, und er hatte uns das ganze Verfahren beschrieben: wie die Frauen nackt über die öligen Felder in der Steppe rannten und das feinste Harz an ihren Körpern kleben blieb (das Harz von zweiter Güte ist das, welches an den Pferden kleben bleibt). Aber wir hatten den größten Teil des letzten Sommers am Kiesstrand herumgelegen und uns in Malchasis Radio die neuen Punkbands aus Tbilissi angehört. In ihren Texten baten sie Gott, Georgiens Seele zu erretten, sie beklagten sich, ohne den verdämmten Krieg gebe es keinen Frieden und die Welt habe die Nase voll von blöden Gitarrensolos. Jetzt träumten wir davon, einen Job im Hafen zu bekommen, bei einer Klimaanlagenfirma oder einem schwedischen Hausgerätehersteller zu arbeiten, bei einem Postdienst. Irgendetwas Verlässliches.

»Wie wär’s, wenn du wieder im Casino arbeiten würdest?«, fragte ich ihn.

»Nugsar, der Eigentümer, meinte, ich melke zu oft den Büffel. Er meinte, deswegen rutschten mir die Karten immer aus der Hand.«

»Und was ist mit dem Job im Wald, den sie dir angeboten haben?«

»Ich will kein Holzhacker sein! Ich hab’s satt, unsere Bäume an die Türkei zu verkaufen, damit sie dort ihre Städte aufbauen können.«

»Aber ich kriege nie ein Ausreisevisum, wenn sich rausstellt, dass ich bei einer Entführung mitgeholfen habe.«

»Ich sage dir doch, es ist besser, nicht wegzugehen. Außerdem spricht der Engländer nicht Georgisch. Ich brauche deine Englischkenntnisse.«

»Aber ich habe genug von kriminellen Aktivitäten«, sagte ich. »Ich bin heute wieder mal ausgeraubt worden.«

»Schon wieder?« Malchasi hatte die merkwürdige Angewohnheit, mir jedes Mal die Schuld zu geben, wenn ich ausgeraubt wurde. »Jedenfalls – der Engländer heißt Anthony. Er hat Probleme mit der Pipeline. Ich habe ihm erklärt, die Pipeline soll durch unser Dorf gehen und wir könnten ihm helfen. Er hat schon zugesagt, morgen Abend zum Essen zu kommen, zur Feier von Mariä Himmelfahrt.«

3 Der Wind über dem Meer nahm weiter zu – die Wellen wurden schon ungeduldig –, und er wehte die Stimmen der stämmigen Mütter davon, die ihren Kindern zuriefen, sie sollten aus dem Wasser kommen, und sie an das Datum erinnerten: Es sei der 19. August und deshalb Schluss mit Schwimmen.

Ich nahm Malchasis Radio, stellte den Jazzsender ein und klemmte es mir unter den Arm, als der Regen losprasselte. Wir rannten am Wasser entlang nach Hause, quer über den Schulhof, bevor die Fluten unser Viertel abriegeln konnten.

Wir wohnen in Piw Sawod, dem Brauereiviertel, in einem Plattenbau aus den Siebzigerjahren. Allerdings sollte es, weil die Bierbrauerei nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschlossen wurde, eigentlich besser »Öltankzugviertel« heißen, denn durch unseren Hinterhof kreischen und scheppern mitten in der Nacht sämtliche Öltankzüge. Wir wohnen in Reihe 8, Gebäude 7, aber eigentlich haben wir keine Adresse. Wenn jemand uns sucht, reicht es, wenn er ruft: »Makaschwili!«, und noch mal: »Makaschwili!« Jeder weiß, wo wir wohnen.

Eigentlich braucht jeder, der zu uns möchte, nur nach dem Gebäude zu suchen, an dem die unordentlichste Wäsche hängt. Die Sadsaglischwilis, die über uns wohnen, drapieren ihre Wäsche zum Trocknen immer vor unseren Fenstern, und zwar ohne jede Ordnung. Der Name Makaschwili kommt von dem georgischen Wort für »träumen«. Sadsaglischwili kommt von dem Wort für »Söhne einer unordentlichen Familie«.

Als wir ins Haus rannten, klang der Regen, der herunterrauschte, wie ein Riesenapplaus vom Großen Toastmeister. Der Einzige, der sich bei diesem Wetter stur und unbeeindruckt zeigte, war Batumis neuer Bischof, Vater Michail. Er hatte vor Kurzem einen ganzen Klan von »Groupies«, wie wir sie nannten, rekrutiert, die ihm halfen, unserer Wohnung direkt gegenüber seine Hütte aus dem 12. Jahrhundert zu bauen. Sie hatten Steine aus dem Flussbett gesammelt und mit einem Eselskarren quer durch die Stadt transportiert, und jetzt legten sie einen Block auf den andern und verschmierten die Fugen mit Mörtel.

»Baut weiter!«, hörten wir Vater Michail singen.

Malchasi legte die Hand wie einen Trichter an den Mund und brüllte aus dem Fenster: »Bauen!«

»Die Inbrunst des 12. Jahrhunderts!«, rief meine Mutter zu Guliko, der Kindergartenleiterin, auf dem Nachbarbalkon hinüber.

»Was hat er denn da vor? Will er etwas bauen?«, rief Guliko zurück. Was sie zum Ausdruck brachte, war der aktuell weitverbreitete Unglaube, irgendjemand könne auf den waghalsigen Gedanken verfallen, etwas zu bauen.

»Sogar Juliet hilft mit«, stellte Malchasi stirnrunzelnd fest.

Ich schaute aus dem Fenster. Meine Schwester stand am Rand der Gruppe von Heilsuchenden und malte mit ihrem Stiefel ein kleines Fragezeichen in den Schlamm. Seit sie im Kinematografischen Club von Batumi den neuen Film gesehen hatte, Jeanne D’Arc, hatte sie einen Johanna-von-Orléans-Komplex entwickelt. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpullover, aß lobiani – Bohnenbrot – und besuchte an den Fastentagen, mittwochs und freitags, das neue Sojabohnenrestaurant nahe der Universität.

Malchasi zog sein Hemd aus, hängte es über den Küchenstuhl, streifte die Hose herunter und stellte sich in Unterhose in die Balkontür, wo er seine ölfleckige türkische Jeans in Fetzen riss, die seine Finger blau färbten. »Sieh mal, wie billig diese Jeans ist«, sagte er. In Georgien hat man manchmal Lust, Löcher in Sachen zu machen. Angeblich bedeutet es, man sei verliebt. Im 19. Jahrhundert sagte der Dichter Tschawtschawadse: »Georgische Liebe ist eine Versehrung.«

Während Malchasi die Fetzen seiner Jeans nacheinander über das Geländer warf, sah ich, dass sich auf der anderen Seite des Hofes immer mehr Leute um den Bischof versammelten. Vielleicht wollten einige seine Mauertechnik aus der Nähe begutachten. Andere wollten sich anscheinend seinen Segen holen. »Er ist wie ein Rockstar«, sagte Malchasi. Seine nackten Beine waren ölfleckig wie das Fell einer gescheckten Kuh, eine von der deutschen Rasse, die ausgezeichnetes Rindfleisch liefert, keine georgische, die besser für Butter geeignet ist.

»Vater Michail sagt, heutzutage geschehen Wunder«, sagte meine Mutter, die am Herd stand. »Er sagt, die Ikonen in der Kirche haben angefangen, um Georgien zu weinen. Malchasi, hast du schon gehört, dass die Ikonen zu weinen angefangen haben?«

»Das ist kein gutes Zeichen«, sagte Malchasi. »In der Vergangenheit haben sie immer vor einer Invasion geweint.«

»Von dieser neuen Christlichkeit wird mir ganz übel«, sagte ich und ließ Wasser in einen Topf laufen, um Makkaroni zu kochen. »Ich glaube, ich werde die Religion wechseln.«

»Hmm.« Malchasi kratzte sich am Kopf. »Wie kann ein georgischer Mann seine Religion wechseln?«

»Das war ein Witz.«

»In jedem Witz steckt ein Körnchen Wahrheit«, sagte er.

Meine Mutter drehte sich zu mir um. »Slims«, sagte sie, »hast du die Kornspeicher repariert, als du im Dorf warst?«

»Ja, Deda«, sagte ich.

»Als dein Vater noch lebte«, sagte meine Mutter brummig, »mussten die Kornspeicher nie repariert werden. Ach, wenn dein Vater doch noch lebte – er hätte das Korn längst gemäht. Der da, der arbeitet einfach nicht gern.« Sie zeigte auf mich. Ich saß auf der Couch und schlug Wörter im englisch-georgischen Lexikon nach.

Ich wollte meinen Brief an Hillary weiterschreiben, aber es war schwer, ein ruhiges Plätzchen zu finden, wo ich mich konzentrieren konnte. Zu Hause störten sie mich ständig und zwangen einander, Suppe oder sonst etwas zu essen. Und alle waren laut. Ich glaube, das größte Problem in Georgien ist die Lärmbelästigung.

Als meine Schwester Juliet nach Hause kam, zog sie sich um und tauschte das schwarze viktorianische Kostüm, das sie an der englischen Fakultät der Universität trug, gegen ein Hauskleid, in dem sie aussah wie ein Pirat aus dem Iran. Dann setzte sie die Banditenmütze auf, die unsere Urgroßmutter während der Sowjetrevolution getragen hatte. Juliet hatte angefangen, diese Mütze zu tragen, nachdem ihr jemand den Schirm geklaut hatte, aber inzwischen trug sie sie, weil sie sich damit fühlte wie eine Art klassischer Bandit. Sie und meine Mutter standen zusammen am Herd und brauten eine Hautcreme aus Ziegenmilchsahne und einem Büschel Rosmarin.

Ich sah mich in der Küche um, denn ich wollte versuchen, Hillary detailliert zu beschreiben, wie wir lebten. Wir hatten zu viele Möbel. Derselbe riesige, orangegelb glänzende Porzellanschrank aus Sowjetzeiten stand immer noch unverrückbar an der Wand und rief kleinlaut: »Stabilität!« Jemand hatte den Deckel einer Pappschachtel für Süßigkeiten, der mit einem Bild von blauen Nelken bedruckt war, hinter die Glasscheibe im Fenster der Backofentür geklemmt. Der Backofen funktionierte nicht mehr; wir benutzten nur noch die Kochplatten. Auf dem Tisch lag keine Decke. Ich habe keine Ahnung, wo meine Mutter die Tischdecke aufbewahrt. An der Wand hingen Bilder von Palmen und Meer. Juliets Gitarre hing auch da, neben einem ausgehöhlten Kürbis für Wein und einem gusseisernen Porträt unseres großen mittelalterlichen Epikers Rustaweli in seinem Rittergewand aus dem 12. Jahrhundert. Auch ein Kalender von der örtlichen Ölgesellschaft mit Bildern vom Bau der neuen Pipeline in Bordschomi hing dort an der Wand.

Aber dann dachte ich mir, Hillary würde sich vielleicht nicht so sehr für unsere Küche interessieren.

Anders, als meine Mutter glaubte, war ich nicht faul. Das Hauptproblem war unser Geschäftsklima.

Liebe Hillary,

ich möchte Ihnen unser Geschäftsklima etwas eingehender beschreiben. Der örtliche Diktator hier besitzt das Monopol für alle Unternehmen: Er züchtet Strauße wegen der Eier und Ziegen wegen der süßen Milch. Jeder kauft seine süße Milch, weil er den Ziegen beim Melken Wiener Walzer vorspielt. Er hat auch über hundert kaukasische Hunde für … ich weiß es nicht – weil sie ihm ein gutes Gefühl im Herzen geben. Was die uralte Rasse des Kaukasischen Schäferhundes angeht: Sie ist der Stolz aller Völker im Kaukasus und in Transkaukasien, aber zugleich auch eine Plage für diese Völker. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versuchte jede ihrer souveränen Republiken sich zum wahren Begründer dieser Hunderasse zu erklären. Was wurden da nicht für neue Namen erfunden! Arsaks Hund? Langhaariger georgischer Wolfshund? Aserbaidschanischer Gurdbasar? Alanischer Hund? In jeder Gegend, jedem Dorf gibt es einen Namen, und das ist tragisch für diese Rasse. Haben Sie einen Vorschlag, wie sie heißen sollte? Einmal, als unser Diktator im Urlaub in der Schweiz war, wollte sein Lieblingshund nicht mehr fressen. Also schickten seine Wärter den Hund zu ihm. Dies illustriert, wie Sie sehen, die Liebe zwischen einem Mann und seinem Hund.

Weil Juliet an der Universität Englisch unterrichtete, fragte ich sie, ob ich ihr vorlesen könnte, was ich bisher an Hillary geschrieben hatte. Ich hoffte, sie könnte mir bei der Grammatik helfen.

Das werde sie gern tun, sagte sie, aber als ich alles vorgelesen hatte, fragte sie nur: »Meinst du, Hillary interessiert sich so sehr für Hunde?«

»Es geht nicht nur um Hunde, sondern um Geschäfte«, sagte ich.

»Ich glaube, wenn du einen geschäftlichen Brief an Hillary Clinton schreiben willst, dann musst du direkt zur Sache kommen.«

»Na, woher soll ich wissen, was ich Amerikanern schreiben kann, wenn ich noch nie einen kennengelernt habe oder in ihrem Land gewesen bin?«

»Hillary kennt dich auch nicht«, sagte Juliet. »Wahrscheinlich hat sie überhaupt noch nie von Georgien gehört. Du solltest ihr lieber ein breiteres Panorama bieten.«

»Wenn sie ein breiteres Panorama will, kann sie im Internet nachsehen«, sagte ich. »Aber was ist mit dem Englischen? Mit der Grammatik?«

Sie warf einen Blick auf den Brief. »I schreibt man groß«, sagte sie, »und you schreibt man klein.«

»Aber das ist sehr unhöflich«, sagte ich.

»Warum schreibst du überhaupt, wenn du nicht die Wahrheit schreiben kannst?«, warf Malchasi ein. »Wörter sind gar nichts, denn du kannst lügen oder etwas hinter ihnen verstecken, wie es dein Chef tut, und es gibt kaum eine Garantie dafür, dass das, was einer sagt, die Wahrheit ist. Besonders in der Stadt. Da ist es besser, sich auf Instinkt, Emotion, Gefühl und gute Erfahrungen mit freundlichen Menschen zu verlassen, denn dann geht es nicht um Worte, die täuschen können. Slims, wenn du einen Liebesbrief an Hillary schreiben willst, dann solltest du ins Dorf gehen. Nur im Dorf findest du noch wahre Liebe auf dieser Welt.«

»Ich versuche, Amerika um Hilfe zu bitten«, sagte ich. »Sonst enden wir noch alle wie du und schlagen uns mit kriminellen Aktivitäten durch.«

»Ich sage doch, es ist ein guter Plan«, sagte Malchasi. »Keine kriminelle Aktivität.«

»Amerika! Dollar! Was anderes habt ihr jungen Leute nicht im Kopf«, beschwerte sich meine Mutter, die jetzt den Rosmarin im Mörser zermahlte. »Erst waren es Rubel, jetzt sind es Dollar. Was ist denn mit unserem eigenen guten alten Lari? Opa!«

»Was ist passiert?«, fragte Juliet.

»Der Stößel ist abgebrochen«!, rief meine Mutter und verlor sich dann in ihrer üblichen Tirade darüber, dass alle intelligenten Georgier fortgingen und unsere Bevölkerung schrumpfte. »Genau wie die Sardellenbestände«, sagte sie. »Wegen dieser gefährlichen amerikanischen Lady.« Sie redete von Mnemiopsis leidyi, der fremden Quallensorte, die zehn Jahre zuvor in unser Meer eingedrungen war, nachdem so viele Öltanker gesunken waren und den pH-Wert aus dem Gleichgewicht gebracht hatten.

»Ich will nicht nach Amerika«, sagte Malchasi und brachte seinen Suppenteller zum Spülbecken. »Und ich habe dieses Gejammer satt. Es ist langweilig.«

»Wo willst du hin?«, fragte ich.

»Ich werde eine Ehefrau entführen.« Er schnallte sich die Stiefel zu.

»Geh nicht weg!«, rief meine Mutter ihm nach. »Ich brauche deine Hilfe beim Pflaumenabfüllen.« Aber Malchasi war schon zur Tür hinaus.

»Oh, was für ein Albtraum! Ein Albtraum. Sie arbeiten nicht gern«, sagte meine Mutter, und dann stieß sie den Löffel in das Pflaumenmus und ertränkte eine Biene.

4 Am nächsten Morgen hatten die Regengüsse aufgehört, und ich saß vor dem Café Paradies und kämpfte mit den Worten für einen neuen Brief an Hillary. Ich beobachtete, wie ein Regentropfen von der Eisenkette eines Ladenschilds fiel. Der Himmel war grau und weiß gestreift – in der bevorzugten Farbkombination mittelalterlicher Pferde.

Was ich Hillary eigentlich erklären wollte, war, dass es bei uns früher nicht üblich war, die kupfernen Stromleitungen zu stehlen oder die staatlichen Stromzähler mit dem Hammer zu zerschlagen. Als wir jünger waren, schlugen wir höchstens Äste der Maulbeerbäume, um mit den Blättern die Seidenraupen zu füttern. Mein Vater hatte gehofft, unser Dorf werde eines Tages ein Dorf der großen Helden des Kommunismus werden, das die staatliche Produktivität im Bereich der Seidenraupenerzeugnisse steigerte. Er war derjenige gewesen, der unser Seidenraupenkollektiv organisiert hatte, während der dörfliche Sowjet die Bücher mit dem Bildnis Lenins verteilte, die wir jetzt auf der Latrine als Klopapier benutzen. Aber seitdem die Seidenraupen eingegangen waren und die Leute aus den Dörfern in die Stadt zogen, veränderte sich alles. Sogar Malchasi hatte angefangen, wie ein Gockel herumzustolzieren. Er achtete jetzt immer darauf, dass seine Stiefel glänzten, und zitierte Sätze von Al Pacino.

Aber wir Makaschwilis sind keine Schauspieler, dachte ich. Schon gar keine Schauspieler aus dem Remake dieses religiösen Films über Johanna von Orléans.

Wir brauchen die Bibel nicht, überlegte ich. Wir brauchen sie nicht mehr in dem Sinne, dass wir irgendwelche Ratschläge darin finden könnten. Wir wissen bereits, wer wir sind – instinktiv und ohne nachzudenken. Die Kenntnis unserer selbst entstammt der Erfahrung, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion alles verloren zu haben und trotzdem noch hier zu sein. Wir sind geblieben.

Ich schaute über das Wasser zu den Vereinigten Staaten hinüber. Tatsächlich lag Bulgarien auf der anderen Seite des Meeres, aber ich schaute noch weiter nach Westen und wandte mich flehentlich an Hillary. »Was kann ich denn sonst tun in dieser winzigen Stadt, wo man nur herumsteht, den Boden anschaut und sich darüber streitet, wem er gehört? Wo man mit den Taxifahrern Backgammon spielt oder Blechstücke durch die Gegend kickt und so tut, als wäre man ein schüchterner und konzentrierter Mann, der ohne Wein nicht über die Liebe sprechen kann?« Ich merkte, dass ich einknickte. Ich würde Malchasi doch noch helfen, den Mann von der Pipeline zu kidnappen.

Genau genommen hatte ich meine Meinung über Nacht geändert. Ich war im Bus eingeschlafen, und ich habe den Verdacht, als Malchasi nach Hause kam, richtete er seine hellseherischen Hypnosekräfte aus dem tschidaoba – der georgischen Kampfkunst, die er in einem sowjetischen Pionierlager erlernt hatte – auf mich, denn als ich aufwachte, konnte ich nur noch daran denken, wie nützlich es wäre, wenn wir ein Auto hätten. Wir könnten ein Kilo Kaugummi kaufen, mit einem Kofferraum voll Trauben nach Sibirien fahren und mit dem Gewinn den Weinkeller meines Onkels zurückkaufen, den wir auf dem Weg in die Unabhängigkeit verloren hatten. Wir könnten in die Fußstapfen meines Vaters treten und Chauffeure werden, denn das war ein wirklich vornehmer Beruf. Wir könnten Witwen umsonst fahren. Wir könnten Wassermelonen in die Dörfer bringen, und Getreide. Ich könnte mithelfen, Georgien wieder zu einem Netzwerk zusammenzuknüpfen. »Also gut«, hatte ich am Morgen zu Malchasi gesagt. »Ich werde dir helfen, den Engländer zu kidnappen.«

Ich studierte die Broschüre für Touristen, die ich mir im Zentrum für Demokratie in Batumi hatte geben lassen. Da stand:

Zwar kommen Entführungen in Georgien gelegentlich vor, aber ein nennenswertes Risiko besteht nur in einigen Unruhegebieten (besonders in Abchasien und an der tschetschenischen Grenze, in geringerem Umfang auch in Swanetien und Südossetien). Aber ganz so, wie die Intensität der georgischen Gastfreundschaft gelegentlich das Gefühl wecken kann, man sei entführt worden, erweist sich eine tatsächliche Entführung in Georgien in den meisten angezeigten Fällen als nicht so furchterregend wie in anderen Gesellschaften. Gefährlicher sind vielleicht die Fahrgewohnheiten. In Georgien gibt es keinen Pannennotdienst.

Ich fing einen neuen Brief an.

Hillary, haben Sie jemals weiter darüber nachgedacht, dass wir Abschleppwagen brauchen?

(Oder hatte sie überhaupt jemals weiter darüber nachgedacht, dass unsere Straßen so sehr von Schlaglöchern übersät sind, dass selbst sehr