Im Bann der Plattformen - Geert Lovink - ebook

Im Bann der Plattformen ebook

Geert Lovink

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Opis

Die digitale Welt im Post-Snowden-Zeitalter: Wir wissen, dass wir unter Überwachung stehen, aber machen weiter, als ob es nichts zu bedeuten hätte. Obwohl Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon unsere Privatsphäre immer stärker infiltrieren, bleibt die Nutzung der sozialen Medien ungebrochen - unterstützt durch immer kleinere Geräte, die sich fest in unseren Alltag eingenistet haben. Wir sind hin- und hergeworfen zwischen Angst vor Abhängigkeit und verdeckter Obsession. Mit diesem fünften Teil seiner laufenden Untersuchungen zur kritischen Internetkultur taucht der niederländische Medientheoretiker Geert Lovink in die paradoxe Welt der neuen digitalen Normalität ein: Wohin bewegen sich Kunst, Kultur und Kritik, wenn sich das Digitale immer mehr in den Hintergrund des Alltags einfügt? Der Band behandelt u.a. die Selfie-Kultur, die Internet-Fixierung des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen, das Internet in Uganda, die Ästhetik von Anonymous und die Anatomie der Bitcoin-Religion: Wird die Geldschaffung durch Cyber-Währungen und Crowdfunding zu einer Neuverteilung des Reichtums beitragen oder die Kluft zwischen reich und arm eher vergrößern? Was wird in diesem Zeitalter des Freien das Einkommensmodell der 99% sein? Geert Lovink zeichnet nicht einfach ein düsteres Bild der leeren Wirklichkeit einer 24/7-Kommunikation, sondern zeigt auch radikale Alternativen hierzu auf.

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Die digitale Welt im Post-Snowden-Zeitalter: Wir wissen, dass wir unter Überwachung stehen, aber machen weiter, als ob es nichts zu bedeuten hätte. Obwohl Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon unsere Privatsphäre immer stärker infiltrieren, bleibt die Nutzung der sozialen Medien ungebrochen – unterstützt durch immer kleinere Geräte, die sich fest in unseren Alltag eingenistet haben. Wir sind hin- und hergeworfen zwischen Angst vor Abhängigkeit und verdeckter Obsession.

Mit diesem fünften Teil seiner laufenden Untersuchungen zur kritischen Internetkultur taucht der niederländische Medientheoretiker Geert Lovink in die paradoxe Welt der neuen digitalen Normalität ein: Wohin bewegen sich Kunst, Kultur und Kritik, wenn sich das Digitale immer mehr in den Hintergrund des Alltags einfügt?

Der Band behandelt u.a. die Selfie-Kultur, die Internet-Fixierung des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen, das Internet in Uganda, die Ästhetik von Anonymous und die Anatomie der Bitcoin-Religion: Wird die Geldschaffung durch Cyber-Währungen und Crowdfunding zu einer Neuverteilung des Reichtums beitragen oder die Kluft zwischen reich und arm eher vergrößern? Was wird in diesem Zeitalter des Freien das Einkommensmodell der 99% sein?

Geert Lovink zeichnet nicht einfach ein düsteres Bild der leeren Wirklichkeit einer 24/7-Kommunikation, sondern zeigt auch radikale Alternativen hierzu auf.

Geert Lovink, niederländischer Medientheoretiker, Internetaktivist und Netzkritiker, ist Leiter des Institute of Network Cultures an der Hochschule von Amsterdam (networkcultures.org) und Professor für Medientheorie an der European Graduate School. Er gilt als einer der Begründer der Netzkritik. Bei transcript bereits erschienen: »Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur« (2008) und »Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur« (2012).

Geert Lovink

Im Bann der Plattformen

Die nächste Runde der Netzkritik

(übersetzt aus dem Englischen von Andreas Kallfelz)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

eBook transcript Verlag, Bielefeld 2017

© transcript Verlag, Bielefeld 2017

Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Covergestaltung: Kordula Röckenhaus, Bielefeld

Lektorat & Korrektorat: Dagmar Buchwald, Bielefeld

Konvertierung: Michael Rauscher, Bielefeld

Print-ISBN: 978-3-8376-3368-9

PDF-ISBN: 978-3-8394-3368-3

ePub-ISBN: 978-3-7328-3368-9

http://www.transcript-verlag.de

Inhalt

Danksagungen

Einleitung

Vorbereitungen auf ungewöhnliche Entwicklungen

Was ist das Soziale in den sozialen Medien?

Nach dem Social-Media-Hype

Was tun mit der Informationsüberflutung?

Eine Welt jenseits von Facebook

Die Alternative Unlike Us

Hermes am Hudson

Medientheorie nach Snowden

Die Einkommensmodelle des Internets

Ein persönlicher Bericht

Die Moneylab-Agenda

Jenseits der Kultur des Freien

Der Bitcoin und sein Nachleben

Netcore in Uganda

Die I-Network-Gemeinschaft

Jonathan Franzen als Symptom

Internet-Ressentiment

Urbanisieren als Verb

Die Karte ist nicht die Technologie

Erweiterte Updates

Fragmente der Netzkritik

Occupy und die Politik der Organisierten Netzwerke

Bibliographie

Danksagungen

Im Bann der Plattformen ist das fünfte Buch in einer Buchserie über kritische Internetkultur, die ich vor fünfzehn Jahren zu schreiben begonnen habe. Es erschien zuerst im Juni 2016 in englischer Sprache bei Polity Press, betreut von John Thompson und seinem Team, und ist nun nach Zero Comments (2008) und Das halbwegs Soziale (2012) meine dritte Veröffentlichung bei transcript. Für ihre Unterstützung danke ich Sabine Niederer, Leiterin des Create-IT Knowledge Centres und Geleyn Meyer, Dekanin der Fakultät für Media & Creative Industries an der Hochschule von Amsterdam (HvA), zu der auch unser Institute of Network Cultures (INC) gehört. 2013 hat Geleyn Meyer die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass meine Teilzeitstelle in eine Vollzeitstelle umgewandelt werden konnte. Im Zuge dieser Umstellung habe ich auch meine Tätigkeit in der Abteilung für Medienwissenschaften an der Universität Amsterdam (UvA) aufgegeben, wo ich seit 2006 an der Gestaltung des einjährigen Masterstudiengangs Neue Medien beteiligt war.

Die jüngste Phase an der HvA war von unsicherer Finanzierung und einer Zentralisierung der angewandten Forschung mit Ausrichtung auf die Kreativwirtschaft geprägt. Trotz der Kürzungen der Kulturfördermittel in den Niederlanden und einem wachsenden Druck, sich auf den kommerziellen Bereich auszurichten, konnte das INC eine Reihe von Forschungsnetzwerken, Publikationsreihen und Konferenzen unter Titeln wie »Unlike Us: Alternatives in Social Media« (2011–13), »MyCreativity Sweatshop: an Update on the Critique of the Creative Industries« (2014), das »Hybrid Publishing Toolkit: Research into Digital Publishing Formats« (2013–14), »Society of the Query: the Politics and Aesthetics of Search Engines« (2013), »MoneyLab: an Ongoing Collective Investigation into Internet Revenue Models« (2014–15) und »The Art of Criticism: a Dutch/Flemish Initiative on the Future of Art Criticism« (2014–16) veranstalten. Anfang 2015 wurde eine unabhängige Abteilung des INC eingerichtet, das Publishing Lab, das von Margreet Riphagen geleitet wird.

Sehr viele Ideen entstanden im Rahmen meiner zweitägigen Masterklassen, die ich auf der ganzen Welt betreut habe. Besonders danken möchte ich Larissa Hjorth and Heather Horst vom Digital Ethnography Research Centre der RMIT University in Melbourne für ihre Einladungen in den Jahren 2013 und 2014, Henk Slager vom Masterprogramm der Hogeschool voor de Kunsten (HKU) in Utrecht für unsere langjährige Zusammenarbeit, Florian Schneider an der Art Academy Trondheim, Wolfgang Schirmacher für die alljährlichen 3-Tage-Treffen an der European Graduate School in Saas-Fee (wo ich meine ersten vier Ph.D.-Studenten betreut habe), Christiane Paul von der New School, durch deren Einsatz ich zwischen 2010 und 2012 drei Klassen betreuen konnte, Leah Lievrouw von der UCLA, Michael Century vom Rensselaer Polytechnic Institute, Ingrid Hoofd, damals noch an der National University of Singapore, and Mariela Yeregui, die meinen Besuch in Buenos Aires organisiert hat.

Immer gibt es auch Kollaborationen, und es ist eine große Leidenschaft von mir, mich mit anderen auszutauschen, um dabei die diskursiven Grenzen zu erweitern und aus den eigenen unsichtbaren Prämissen herauszutreten. In diesem Buch gibt es drei Ko-Autorschaften, die ich erwähnen muss. Zuerst die mit Ned Rossiter, meinem Freund und Kommentator meiner Arbeit, mit dem gemeinsam ich das Konzept der organisierten Netzwerke entwickelt habe (ein Projekt, das demnächst auch im Mittelpunkt einer eigenständigen Publikation stehen wird). Zweitens die Ko-Autorschaft mit dem INC-Botschafter und Nachrichten-Kenner Patrice Riemens, mit dem ich gemeinsam das Bitcoin-Kapitel geschrieben habe. Und schließlich die Zusammenarbeit mit Nathaniel Tkacz von der Warwick University, mit dem ich schon 2009 das Critical-Point-of-View-Netzwerk und 2012 das MoneyLab-Projekt ins Leben gerufen habe und der hier gemeinsam mit mir das Kapitel über die MoneyLab-Agenda geschrieben hat.

In Los Angeles hat Peter Lunenfeld mich dazu ermuntert, in die zeitgenössische amerikanische Literatur einzutauchen. Ich danke ihm für die Gastlichkeit und Freundschaft, die ich nun schon über fast zwei Jahrzehnten genieße. Der Essay über Jonathan Franzen ist ihm gewidmet.

Das Uganda-Kapitel zu schreiben wäre nicht möglich gewesen ohne die großzügige Unterstützung durch Ali Balunywa, einem meiner ehemaligen Master-Studenten an der Universität Amsterdam, der meinen Besuch in Uganda im Dezember 2012 organisiert hat.

Darüber hinaus möchte ich auch Joost Smiers, Sebastian Olma, Mieke Gerritzen, Daniel de Zeeuw (re: lulz) und Michael Dieter für unsere ermutigenden Gespräche in Amsterdam danken; Margreet Riphagen, Miriam Rasch und Patricia de Vries für ihre großartige Arbeit am INC; Henry Warwick für die Zusammenarbeit an unserem Offline-Bibliothek-Projekt; Saskia Sassen für ihre außergewöhnliche Unterstützung und Bernard Stiegler und Franco Berardi für ihre Freundschaft.

In der Zeit, in der dieses Buch geschrieben wurde, starb Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in Frankfurt an einem Herzinfarkt. In seinem Fall war das Rettungsteam nicht rechtzeitig zur Stelle. Er war im gleichen Alter wie ich (*1959). Während der letzten Jahre hat Frank mich, vor allem über sein Lieblingsmedium Twitter, immer wieder ermuntert, ein breiteres Publikum für meine Arbeit zu suchen, trotz der beträchtlichen politischen Differenzen zwischen uns. Ebenso wie er erlebe ich den direkten Austausch mit amerikanischen Kollegen als sehr motivierend, um europäische Alternativen zu entwickeln. Trotz mancher Entmutigungen und Rückschläge in der letzten Zeit wurde das Buch in seinem Geist geschrieben, um eine unabhängige öffentliche europäische Diskussion und Infrastruktur zu entwickeln. Dies ist eines von vielen Themen auf meiner zukünftigen Agenda: die Begegnung von Medientheorie und Logistik.

Einige der Kapitel wurden schon vor einer Weile von Morgan Currie in Los Angeles redigiert. Einen großartigen Job hat Rachel O’Reilly in Berlin gemacht, die das gesamte Buch, unterstützt von meinem langjährigen Übersetzer Andreas Kallfelz, lektorierte. Social Media Abyss/Im Bann der Plattformen ist Linda Wallace, der Liebe meines Lebens, und unserem DJ-Sohn Kazimir gewidmet, die nach dem außergewöhnlichsten Überleben eine so starke Gemeinschaft gebildet haben.

Einleitung

Vorbereitungen auf ungewöhnliche Entwicklungen

Sloganismus: »Der Anfang ist nah.« (Anonymous) – »Das Internet kommt mir wie eines der billigen Magazine vor, die ich im Wartezimmer meines Zahnarztes automatisch in die Hand nehme. Unwiderstehlich, aber sinnlos.« (Johanna DeBiase – Pump and Dump) – »Von Journalisten kann man nicht erwarten, dass sie die Dinge dauerhaft verändern.« (John Young) – »Das steht aber so auf Facebook!« – »Dein schlimmster Feind ist nicht der, der auf der Gegenseite steht. Es ist die Person, die die Stelle besetzt, von der aus du kämpfen würdest, aber nichts tut.« (Georgie BC) – »Künstler überleben, indem sie etwas Anderes machen.« (X) – »Wenn du eine Nadel im Heuhaufen finden willst, brauchst du erst mal einen Heuhaufen.« (Dianne Feinstein) – Alles Luftige erstarrt zu versteinerten Institutionen – »Setz dein bestes LinkedIn-Gesicht auf.« (Silvio Lorusso) – »Die meisten inspirierenden Zitate, die mir im Internet zugeschrieben werden, sind Blödsinn, den ich nie sagen würde.« (Albert Einstein – er hat nur Low-Impact-Journale gelesen) – »Es gibt kein kostenloses Mittagessen. Keine kostenlose Suchmaschine. Keine kostenlose Webmail. Keinen kostenlosen Cloud-Speicher.« (Mikko Hypponen) – Der Cyberspace: Unser Heim der Nutzlosen Wahrheit – »Jeder hat einen Plan, bis er eins aufs Maul kriegt.« (Mike Tyson) – »In diesem Gespräch fehlt deine Stimme.« (Vimeo) – »Fördere dich doch selbst« (Get Real) – »Das Internet der Diebe« (Christian McCrea) – Operationale Theorie des katastrophischen Alltags – »Beschleunige deinen Ausstieg: Die Politik der (System-)Migration.« (E-Book-Titel)

Im Bann der Plattformen beschreibt das Zusammenschrumpfen eines Horizonts, vom unbegrenzten Raum, der das Internet einmal war, zu einer Handvoll Social Media Apps. In diesem globalen Niedergang haben die IT-Giganten wie Google und Facebook ihre Unschuld verloren. Den vorhandenen Steuerungsmodellen fehlt der nötige Konsens, um noch funktionieren zu können. Seit Snowden wissen wir, wie kompromittiert das Silicon Valley ist, das nicht nur die privaten Daten seiner Nutzer weiterverkauft, sondern sich auch an staatlicher Überwachung beteiligt. Zum ersten Mal ist es Wellen des Aktivismus ausgesetzt, angefangen bei Wikileaks, Anonymous und Snowden bis hin zu Protesten gegen Google-Busse, Uber und Airbnb. Die öffentliche Meinung ist umgeschlagen, und während diese Netzkultur zunehmend auf Ablehnung stößt, verwandeln sich Kontoversen in offene Konflikte. Viele haben das Mem der »Sharing-Ökonomie« inzwischen als Betrug erkannt. Die selbstevidente kalifornische Ideologie funktioniert nicht mehr. Zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des gleichnamigen Essays[1] wird die Vorherrschaft der einst mächtigen Libertären endlich angefochten – aber was kann an ihre Stelle treten?

Bei der Untersuchung dieser Frage begann ich mit den Architekturen der sozialen Medien und mit Internet-Ertragsmodellen, um schließlich zu Dingen zu kommen, die organisatorisch anstehen: Wie können Protestbewegungen, von Occupy bis Bangkok, ihre Präsenz erhöhen und sich besser untereinander verbinden? Werden aufflammende Proteste sich in politische Parteien umformen oder wird der anarchistisch dezentrale Ansatz beibehalten? Es scheint, als ob post-1848 wieder aufleben würde. Warten wir auf unsere Version der Pariser Kommune? Die gegenwärtige Stagnation, obwohl immer wieder unterbrochen von Wellen des Widerspruchs, deutet allerdings darauf hin, dass wir uns in einer post-revolutionären Zeit befinden, in der das ancien régime zwar seine Legitimation verloren hat, trotzdem aber an der Macht bleibt, während die Gegenkräfte weiterhin auf der Suche nach Organisationsformen sind.

Nach den Snowden-Enthüllungen finden sich die Internetnutzer in einer Spannungssituation, die die pragmatische Ingenieursklasse, in deren Händen bislang die Steuerung des Internets lag, immer vermeiden wollte. Keiner ist mehr geschützt, aber angeblich können alle unbesorgt sein. Die letzten zwanzig Jahre waren für die sozialen Medien eine Zeit der Konsolidierung, in die auch der Trend vom Personal Computer zum Smartphone und von den klassischen zu den aufstrebenden Märkten fällt.[2] Das pathetische Statement dieser Kampagne lautet, dass »das Internet zerbrochen ist«, aber die Wahrnehmung unserer Niederlage käme wohl besser in der Maxime »Wir haben den Krieg verloren« zum Ausdruck, denn es ist unklar, wer es repariert und wie es wieder aufgebaut werden soll.[3] Der ursprüngliche Techno-Optimismus unter weißen, männlichen Geeks, dass ein freies und offenes Internet, zusammengehalten von »Rebellencode«, alles überstehen wird, ist von einer digitalen Version des Staatsmonopolkapitalismus verdrängt worden, wie ihn Lenin einst definiert hat. Das unschuldige Zeitalter des Laissez-Faire-Konsenses ist endgültig Vergangenheit. Wird die Infrastruktur des Kapitalismus jemals wichtig genug genommen werden, um sie nicht einem Haufen von Freibeutern zu überlassen?

Reden wir über Plattform-Kapitalismus

Brachten die achtziger Jahre die Medientheorie hervor und waren die Neunziger das Jahrzehnt der Netzwerke, so leben wir nun im Bann der Plattformen. Wie der Begriff andeutet, geht die Tendenz dahin, sich nach oben zu orientieren – zu zentralisieren, zu integrieren, zusammenzufassen. Während sich die Netzwerk-Ideologie ihrer dezentralen Natur rühmte, verkündet die Plattformkultur stolz, dass die Menschheitsfamilie endlich ein gemeinsames Zuhause gefunden hat.[4] In seinem Paper von 2010 führte Tarleton Gillespie feinsäuberlich die verschiedenen Gründe auf, warum sich aus den Nachwehen des Dotcom-Crashs heraus das Plattform-Konzept entwickelte. Laut Gillespie wurde der Begriff »Plattform« strategisch gewählt, um die gegensätzlichen Aktivitäten der Online-Dienste als neutralen Boden für DIY-Nutzer und größere Medienproduzenten darzustellen und gleichzeitig der Kollision von Privatsphäre und Überwachungsaktivitäten, Gemeinschafts- und Werbeinvestitionen die Tür zu öffnen.[5] »Plattform« verweist auch auf die Vereinigung von und mit verschiedenen Akteuren – durch eine Vielfalt von Anwendungen – zu einer höheren Synthese.

Wie wäre es, wenn wir alles disliken würden? Positive Reformer werden mit allen Mitteln versuchen, uns von der Erforschung der verborgenen Kräfte negativer Ermächtigung abzuhalten. Die Macht der Kritik wird schnell als »extrem« (wenn nicht gar terroristisch) schlechtgemacht. Mit der Angst vor einer Masse, die plötzlich nicht mehr »folgt«, kehren alte Traumata des gewalttätigen populistischen Mobs zurück – und diese Angst ist auf der Ebene der (Selbst-)Organisation im Zeitalter des Plattform-Kapitalismus nicht anders. Wo werden die amorphen kollektiven Energien hinfließen, nachdem wir das Internet überhitzt haben? Warum fällt es so schwer, sich eine Welt vorzustellen, in der alle Plattformen oder ›Vermittler‹ wie Google, Facebook und Amazon ausgemustert wurden, nicht nur die alten, sondern auch und besonders die neuesten und coolsten?

Gemeinsam mit vielen anderen fordere ich eine kritische Theorie der Vermittler, die in ihrem Wesen technisch, kulturell und ökonomisch ist.[6] In seinem Essay Digital Tailspin stellt der Berliner Netzkritiker Michael Seemann die Forderung nach »Plattform-Neutralität« auf, wobei er gleichzeitig auch die Fallstricke im Auge behält, die mit dem Begriff »Neutralität« verbunden sind.[7] Er spricht sich auch für »Filter-Souveränität« als neuer Form von Informationsethik aus. Auf der positiven Seite erkennt Seemann an, dass »das bedeutendste Feature dieser Plattformen in den unbegrenzten, vielfältigen Netzwerkeffekten liegt, die sie haben können«. Es ist wichtig, dass die Debatte über die sozialen Medien die Kultur des Lamentierens überwindet, die die bürgerliche Fixierung auf den Verlust der Privatsphäre begleitet. Ein besseres Verständnis für die politische Ökonomie der privaten Daten zu bekommen ist eine gute Sache – trotzdem muss dies nicht automatisch in ein politisches Programm übersetzt werden. Für Seemann ist »Kontrollverlust« ein wichtiger, neu definierter Ansatzpunkt, um aktuelle Strategien zu entwickeln.[8] »Die wirksamste Methode, uns von der Plattform-Abhängigkeit zu befreien, ist der Aufbau dezentralisierter Plattformen.« Für eine Weile war WhatsApp eine solche Alternative, als Zufluchtsort vor Facebook, bis Facebook es dann gekauft hat.

In den letzten Jahren gab es eine kleine Zahl von Versuchen, »Plattform-Studien« als eigene Disziplin einzuführen, bislang ohne großen Erfolg.[9] Auf eine umfassende Theorie des »Plattform-Kapitalismus« müssen wir wohl noch eine Weile warten. Schafft es die Plattform-Gesellschaft, zwei Jahrzehnte nach Manuel Castells’ klassischer Trilogie der Netzwerk-Gesellschaft, das gleiche Publikum zu erreichen wie Thomas Piketty oder Naomi Klein? Während das Internet in die Gesellschaft heute voll integriert ist, lässt sich das für die akademischen Anstrengungen in diesem Feld nicht behaupten. Dafür gibt es zum Teil institutionelle Gründe. Die Internet-Forschung sitzt immer noch zwischen allen Fakultätsstühlen, da sie sich weder als eigenständige Disziplin etablieren durfte, noch von anderen Disziplinen engagiert aufgegriffen wurde. Trotzdem ist die Geschwindigkeit, mit der sich dieses Forschungsfeld entwickelt, nach 25 Jahren immer noch atemberaubend und macht es überforderten Intellektuellen weiterhin schwer, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Ihnen bleibt nur die Rolle, die Auswirkungen der IT-Entwicklung in einem sich rasant erweiternden Spektrum von Feldern nachträglich zu erfassen.

In diesem Monopolstadium sind die Märkte fingiert und ein reines Glaubensmodell für verwirrte und betäubte Außenseiter. Während Wall Street, Silicon Valley und Washington DC konvergieren, statt zu konkurrieren (wie die offizielle Lesart immer noch besagt), wird die Macht selbst zu einer Black Box, mit dem Algorithmus als seiner perfekten Allegorie. Und Algorithmen haben Folgen, wie Zeynep Tufekci so klar beschrieben hat. Ihre Analyse der Ferguson-Proteste von 2014 verdeutlicht hellsichtig die Macht der kontingenten Beziehung zwischen Facebooks algorithmischen Filtern und politischen Ursachen und Wirkungen, die Unmöglichkeit von Netzneutralitäts-Regeln in Krisenzeiten und die merkwürdige, unverständliche Logik hinter dem, was bei Twitter jeweils »trending« ist – und was nicht.[10]

Die Digitalisierung und Vernetzung aller Felder des Lebens hat sich noch nicht verlangsamt; immer noch gibt es dort draußen viele »unschuldige« untermedialisierte Bereiche. Aber am beunruhigendsten ist die von Frank Pasquale in seiner Studie Black Box Society minutiös beschriebene Verschleierung der Technologie selbst. Das Bestreben einer eher angewandten Netzkritik, wie sie am Institute of Network Cultures betrieben wird, geht dahin, konkret bestimmte Online-Dienste zu untersuchen, wie Suchmaschinen, soziale Medien, Wikipedia oder Online-Video. Aber was haben wir mit solchen Fallstudien gewonnen? Arrangieren wir bloß die Deckbestuhlung auf der Titanic um? Welchen Status hat die spekulative kritische Theorie im Licht einer wachsenden Kluft zwischen den Sozial- und den Geisteswissenschaften? Können wir sicher sein, dass in der Entwicklung neuer und alternativer Werkzeuge der wirksamste Weg liegt, um die gegenwärtigen Plattformen zu unterminieren?

Dass unser »Thermidor«-Moment in der Internetentwicklung gekommen ist, macht auch die »Clickbait«-Technologie deutlich. Um Clickbaiting handelt es sich, wenn ein Herausgeber mit Überschriften versehene Links setzt, die Leute zum Klicken animieren, ohne dass genauere Hinweise darauf gegeben werden, zu welchen Inhalten der Link eigentlich führt.[11] Das ist die Boulevard-Presse 2.0, Gleichschaltung im globalen Maßstab.[12] Clickbaits wecken Neugier auf einen amorphen Raum. Die präsentierten Artikel sind dabei nicht wirklich Nachrichten, aber erscheinen so, indem sie formal und technisch zwischen Websites und sozialen Medien eingestreut werden. Doch die Clickbait-Technologie wird sich nicht mehr lange halten, da die meisten sie inzwischen als üble Technik zur Generierung von Online-Werbeeinnahmen durchschaut haben; die Medienunternehmen müssen also bald nach anderen Mitteln Ausschau halten, um das Publikum anzuziehen. Es gibt auch eine Facebook-Version von Clickbaiting. Man konnte allerdings beobachten, dass Facebook begann, Seiten mit Strafen zu belegen, »die exzessiv sich wiederholende Inhalte posten und zum like-baiting einladen. Like-baiting findet statt, wenn ein Posting die News-Feed-Leser sofort zum Liken, Kommentieren oder Sharen auffordert.«[13] Die globalen Nachrichten zum Zeitgeschehen sind mittlerweile vollständig interaktiv geworden. Nehmen wir die Taboola-Software, die den Administratoren von Nachrichtenseiten hilft, ihre Inhalte genauer anzupassen. Der Gründer von Taboola erklärt: »Auf jeden, der ein Content-Element hasst, kommen etliche, die es lieben und draufklicken. So registrieren wir es als beliebten Artikel und lassen es stehen, damit noch mehr Leute draufklicken und es sehen können. Wenn niemand draufgeklickt oder dazu getwittert hat, nehmen wir es runter.«[14]

In der letzten Zeit haben wir eine kulturelle Verschiebung weg vom aktiven, bewussten Nutzer und hin zum Subjekt als fügsamem und ahnungslosem Diener gesehen. In Abwandlung dessen, was Corey Robin über Konservative schreibt, könnten wir sagen, dass wir die Internet-Nutzer bedauern und sie als Opfer betrachten. In der öffentlichen Wahrnehmung hat der Nutzer die Seiten gewechselt und sich von einem ermächtigten Bürger in einen hoffnungslosen Loser verwandelt. Nun ist das Genre, in dem wir mitspielen, zu einem tragischen geworden, aber wir wissen nicht recht, was eigentlich die Handlung ist, welche Wiederholungen oder Geschichten (siehe Franzen) überhaupt verwendet werden. Die Stimmung des Nutzers ist gedrückt, da er sich gleichzeitig der Rechtschaffenheit seines Anliegens und der Unwahrscheinlichkeit seines heroischen Triumphs sicher ist. Ob wir reich oder arm sind oder irgendwo dazwischen stehen, dieser Nutzer ist einer von uns.[15] Aber warum sollte aus der unbestreitbaren Niederlage Bescheidenheit hervorgehen? Frömmigkeit ist nicht mit Würde kompatibel. Wie können die Nutzer ihr Schicksal wieder in die eigene Hand nehmen, in dieser »verwalteten Welt«, um einen Begriff aus dem Universum Adornos und Horkheimers aufzugreifen? Dies ist vielleicht erst dann möglich, wenn die Infrastruktur der Überwachung abgebaut ist. Ähnlich wie die nukleare Bedrohung durch die Umstände des Kalten Krieges wurde mit den Snowden-Files nun das Wissen darüber, wie Kameras, Bots, Sensoren und Software verwendet werden, klar offengelegt. Erst wenn die Technologie ausgemustert und neutralisiert ist, kann die kollektive Angst sich auflösen. Ein erster Schritt besteht darin, »die Dinge sichtbar zu machen«, wie Poitras, Greenwald, Appelbaum, Assange und so viele andere es bereits tun. Das ist die »Berlin-Strategie«[16], die gerade im Gange ist: eine kritische Masse zivilgesellschaftlicher und technointelligenter Non-Profit-Organisationen zu schaffen, die unbarmherzig das bürgerliche Bewusstsein mit einem nie endenden Strom von Enthüllungen belästigen.[17]

Silicon-Realpolitik

»Krieg ist Leben, Frieden ist Tod« ist einer der Orwellschen Slogans in Dave Eggers Silicon-Valley-Parabel The Circle. Wie nehmen diese Motive in der Ära der monopolistischen Konsolidierung Gestalt an? In diesem digitalen Zeitalter der Totalen Integration gibt es keine alten Industriegiganten mehr, die gestürzt werden müssen. Die heutigen Barone leben in Mountain View – und wollen mit Krieg und imperialer Besatzung nichts zu tun haben. Statt unseres Bildes der Bay-Area-Industrien als zufälliger technischer Evolution der »Whole Earther«, die umgeformt, vereinnahmt und korrumpiert wurde, würde ich eine andere Lesart des Silicon Valley vorschlagen: als Degeneration des libertären Konservatismus, in Gegensatz zu seinen Behauptungen. Mein Führer ist hier Corey Robins’ The Reactionary Mind, ein Buch, das für den Internet-Kontext ungemein erhellend ist. Robins Beobachtungen zwingen uns, unsere Denkrichtung zu verschieben und in Silicon Valley keine gefallenen Hippies mehr zu sehen, die ihre fortschrittlichen Ziele verraten haben, sondern ihre grausame und zugleich unschuldige Mentalität als reaktionär zu verstehen, nur darauf ausgerichtet, die wachsende Macht der konservativen 1 Prozent weiter zu stärken. Die echten Hippies haben sich vor langer Zeit zur Ruhe gesetzt, und ihr Erbe war leicht zu tilgen.[18] Diese Perspektive gibt uns die Freiheit, das »geschwächte moralische Rückgrat« der Dotcom-Ära und ihren »verschwundenen Kampfgeist« zu erkennen. Das Problem an der bürgerlichen Gesellschaft, wie Robin sie beschreibt, ist ihr Mangel an Vorstellungskraft. »Frieden ist angenehm, und beim Angenehmen geht es um momentane Befriedigung.« Frieden »löscht die Erinnerung an konflikthafte Spannungen, heftigen Streit, den Luxus, uns selbst zu definieren, weil wir wissen, gegen wen wir uns auflehnen«.[19] Nachdem das Silicon Valley seine Unschuld verloren hatte, brauchte es erst mal etwas Zeit, um zu realisieren, dass es sich nun für Krieg und Konflikt rüstete.

Im Unterschied zu den meisten Washingtoner Think Tanks kalkuliert das Silicon Valley mit der Apokalypse und nicht gegen sie. Sein implizites Motto ist immer: »Es kann losgehen!« Über die Neo-Konservativen bemerkt Robin dagegen, dass »ihr Endspiel, falls sie eins haben, in einer apokalyptischen Konfrontation zwischen Gut und Böse, Zivilisation und Barbarei besteht – Kategorien, die der von der amerikanischen Freihandels- und Globalisierungs-Elite kultivierten Vision einer Welt ohne Grenzen diametral entgegengesetzt sind.«[20] Eine solche Bereitschaft zum Konflikt gibt es im Valley nicht. Googles Überidentifikation mit seinem alten Slogan Don’t be Evil und dessen spätere Preisgabe sagen alles. Entgegen dieser anfänglichen Mentalität, Gutes tun zu wollen, müssen wir lernen, uns in die Gedankenwelt des Risikokapital-Gurus Peter Thiel zu versetzen, der bereit ist, mit dem Bösen zu denken, und einer der wenigen, der offen über die autistischen Tendenzen der Techno-Elite spricht. In seinem Buch Zero to One formuliert er seine vier Regeln für Start-ups so: »1. Mut zum Risiko ist besser als Banalität. 2. Ein schlechter Plan ist besser als gar keiner. 3. Konkurrenz verdirbt das Geschäft. 4. Der Vertrieb ist genauso wichtig wie das Produkt.« In seiner Analyse haben sich im Silicon Valley nach dem Dotcom Crash zunächst andere Maximen herausgebildet, die besagen, dass Unternehmen »schlank« bleiben müssen und besser ungeplant agieren. »Man sollte nicht wissen, wohin das Unternehmen steuert, denn Planung gilt als überheblich und unflexibel. Stattdessen sollte man ausprobieren und das Unternehmertum als agnostisches Experiment begreifen.«[21] Aber auch diese Denkweisen spiegeln nur die Logik der Kriegswirtschaft wider, die mit kaltem Zynismus betrieben wird und auf den naiven Idealismus der Fürsprecher des freien Markts herabblickt.

Peter Thiel rügt offen das Hobbessche Status-quo-Denken. Frank Pasquale kommt hingegen zwar zu ähnlichen Schlussfolgerungen, aber bringt auch einen neuen sozialen Realismus zum Ausdruck. Während der Wettbewerb gedämpft wird und die Kooperation verstärkt, »zielen die meisten Start-ups heute darauf ab, nicht mehr mit Google und Facebook zu konkurrieren, sondern von ihnen gekauft zu werden. Statt auf einen Wettbewerb zu hoffen, der vielleicht niemals eintritt, müssen wir sicherstellen, dass die natürliche Monopolisierung, die bei Suchmaschinen und sozialen Netzwerken eingetreten ist, sich nicht zu sehr zu Lasten der übrigen Wirtschaft auswirkt.«[22] Im Klappentext für Julian Assanges When Google met Wikileaks werden die unterschiedlichen Positionen zwischen dem Hacker und Whistleblower Assange und dem Google-Manager Eric Schmidt folgendermaßen dargestellt: »Für Assange basiert die befreiende Kraft des Internets auf seiner Freiheit und Staatenlosigkeit. Für Schmidt ist Emanzipation gleichbedeutend mit den Zielen der US-amerikanischen Außenpolitik und davon angetrieben, nicht-westliche Länder an westliche Unternehmen und Märkte anzuschließen.«[23]

Ein kurzes Update zur Aufmerksamkeit

Schauen wir einmal, was sich bei der Internet-Theorie in den letzten Jahren getan hat. Lässt man die üblichen Techno-Optimisten und Silicon-Valley-Marketinggurus beiseite, sind hier vor allem zwei Richtungen einer näheren Betrachtung wert. Der amerikanische Ansatz, vertreten durch Nicholas Carr, Andrew Keen und Jaron Lanier, die in erster Linie Wirtschaftsautoren sind, oder – aus dem akademischen Bereich kommend – Sherry Turkle, kritisiert an den sozialen Medien vor allem deren Oberflächlichkeit: der schnelle, kurze Austausch der Menschen in ihren »Echokammern« (der sogar das Gehirn schädigen kann, wie Carr zu beweisen versucht hat) führt zu Vereinsamung und zu einem Verlust an Konzentrationsfähigkeit. Dagegen hat in jüngerer Zeit Petra Löffler aus Weimar mit ihrer Arbeit über die Rolle der Zerstreuung in den Arbeiten von Walter Benjamin und Siegfried Kracauer diesen Bedenken eine europäische Note gegeben.[24] Die in diesem Buch weiter hinten folgende Fallstudie über das europhile »Netz-Ressentiment« des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen lässt sich vielleicht zwischen diesen Positionen einordnen. Die Netzkritik kann nicht so tun, als ob sie diese sehr realen Sorgen um Informationsüberflutung, Multitasking und Konzentrationsverlust nichts angingen, und Wissenschaftler wie Trebor Scholz und Melissa Gregg befassen sich mit ihnen auch explizit. Trotzdem ist es auch gut, solche Ängste manchmal zu vergessen und sich mit den eigentlichen Wurzeln zu beschäftigen, die den unter Druck stehenden ›timelines‹ der sozialen Medien zugrunde liegen.

Im Kontrast zur moralistischen Wende in den US-amerikanischen Mainstream-Kanälen betonen europäische Autoren wie Bernard Stiegler, Ippolita, Mark Fisher, Tiziana Terranova und Franco Berardi (mich selbst zähle ich auch dazu) den breiteren ökonomischen und kulturellen Kontext (der Krise) des digitalen Kapitalismus, der seine eigenen »pharmakologischen« Wirkungen erzeugt (und in direkter Linie zur Selbstregulierung durch Medikamente führt).[25] Für diese Autoren ist ein den Körper einbeziehender Ansatz nötig, um den einfachen Rückzug in den »Offline-Romantizismus« zu überwinden – eine Option, die allzu leicht wahrgenommen wird, wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Körper nicht mehr Schritt halten und die Routine die Herrschaft übernimmt. Die Politik des Internets inklusive seiner Interface-Ästhetik sollte über Sloterdijks Mentaltraining, bei dem er vorschlägt, die Versuchungen der Technologie durch genau abgestimmte lebensverändernde Routinen zu »meistern«, hinausgehen. Die Verschreibung von Therapeutika ist immer zu kombinieren mit einer politisch-ökonomischen Haltung gegenüber der Finanzialisierung der Wirtschaft, den Auswirkungen der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit mit ihren unsichtbaren Infrastrukturen und der Rolle des Klimawandels, während wir gleichzeitig das Digitale verarbeiten.

Abgesehen von unseren Gefühlen und Ressentiments gegenüber einer Technologie, die uns mit ihrem Übermaß an Daten überwältigt, was machen wir, wenn es, wie David Weinberger sagt, »zu groß ist, um es erfassen zu können«, und die hübsche informationsgraphische Aufbereitung uns auch keine einfachen Antworten gibt?[26] Egal ob wir nun sensible nordamerikanische Wirtschaftstheoretiker sind oder mehr auf der europäischen Linie liegen, der gegenwärtige Abschwung in der kritischen Theorieproduktion zum Thema Zerstreuung und Disziplinierung der Arbeit kann nur bedeuten, dass uns dies erhalten bleibt. Trotzdem kann es immer noch vorkommen, dass sich moralische Meme einschalten und zum Beispiel das öffentliche Starren auf Smartphones plötzlich uncool werden lassen.

Ein Autor, der sich mit der These der Informationsüberflutung produktiv auseinandergesetzt hat, ist Evgeny Morozov. In seiner Studie To Save Everything, Click Here präsentierte er eine übergreifende Theorie, die die oberflächlichen Medien- und Repräsentationsanalysen hinter sich lässt. Im Zentrum dieses kritischen Projekts steht eine IT-Marketingtaktik, die er »Solutionismus« nennt. Kostensenkung und Disruption sind zu eigenständigen Zielen und Industrien geworden, die auf alle Bereiche des Lebens angewendet werden können – und werden. Nach seinem ersten Buch über amerikanische Außenpolitik und das Internetfreiheits-Programm der ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton dehnte Morozov seine Analysen auf das Gesundheitssystem (das »quantifizierte Selbst«), Logistik, Mode, Bildung, Mobilität und die Kontrolle öffentlicher Räume aus. Er warnte uns, dass Technologie soziale Probleme nicht lösen kann: Das müssen wir selbst tun. Während er gegenüber der menschlichen Natur skeptisch bleibt, lautet seine Botschaft, dass Programmierer die Komplexität menschlicher Gewohnheiten und Traditionen berücksichtigen und sich mit plakativen Behauptungen zurückhalten sollten.[27]

Anfang 2015 nahm Morozov einen interessanten Kurswechsel vor. In einem ausführlichen Interview mit der New Left Review wird der Besitz der IT-Infrastrukturen zum Dreh- und Angelpunkt: »Sozialisiert die Datenzentren!« – »Ich werfe die Frage auf, wer sowohl die Infrastruktur als auch die über sie verteilten Daten betreiben und besitzen soll, denn ich glaube nicht, dass wir es weiter akzeptieren können, wenn alle diese Dienste nur vom freien Markt bereitgestellt und erst im Nachhinein reguliert werden.«[28] Den europäischen Versuch, Google zu regulieren, lehnt er ab.[29] Aber ein europäischer Suchalgorithmus wird auch nicht funktionieren. »Google wird seine Vormachtstellung behaupten, solange seine Herausforderer nicht dieselben zugrundeliegenden Nutzerdaten haben. Um weiterhin eine Rolle zu spielen, müsste Europa sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Daten und die Infrastruktur, die sie hervorbringt (Sensoren, Mobiltelefone etc.), der Schlüssel zu fast allen Bereichen wirtschaftlicher Aktivität sein werden.« Der Grund, weshalb Europa nicht viel gegen seine Abhängigkeit von US-amerikanischen Konzernen machen kann, liegt darin, dass Gegenmaßnahmen »sich direkt gegen das richten würden, wofür das neoliberale Europa heute steht.« Morozov ist der Meinung, dass ein Unternehmen niemals die Daten der Bürger besitzen dürfte. »Den Bürgern müssen ihre Daten selbst besitzen können, ohne sie zu verkaufen, um besser eine gemeinschaftliche Planung ihres Leben zu ermöglichen.«

Das Internet als technosoziales Unbewusstes

Nachdem es sich zu einer allgemeinen Infrastruktur für alles gewandelt hat, tritt das Internet nun in seine Reifephase ein. Unser Problem mit den sozialen Medien ist nicht ihre »Verdinglichung«. Auch liegt die Herausforderung unserer Zeit nicht in einer im Hintergrund stattfindenden »Rationalisierung«. In The Uprising konstatiert Franco Berardi, dass »im digitalen Zeitalter Macht immer damit zu tun hat, die Dinge einfach zu machen«.[30] Während das moderne Zeitalter der Bildung für alle und des Klassenkompromisses, das sich unter dem Schirm von Wohlfahrtstaat und Kaltem Krieg entwickelt hatte, ausläuft, übernehmen Datifizierung und Finanzialisierung als die zwei Seiten der neoliberalen Kontrollgesellschaft die Regie. Dagegen muss es eine »universale Vernunft des Digitalen« geben, nur worin besteht die? Ohne einen Plan oder eine Entscheidung in Sicht bietet sich das Digitale als bequeme, aber auch unhinterfragte neue Norm dar. Es gibt nichts mehr, was verifiziert werden muss, nichts Neues zu sehen (außer süßen Katzen). Die ratlosen New-School-Nutzer, die voll mit ihrem Alltagsleben ausgelastet sind, haben nun die Apps installiert, sich registriert, einen Account angelegt und die Nutzungsbedingungen bestätigt, um in die Welt der Reibungslosigkeit zu gelangen. Seid willkommen im Reich des unterschwelligen Komforts, der unerträglichen Leichtigkeit des Wischens, Klickens und Likens.[31]

Hierin liegt die These dieses Buchs: die kommende Herausforderung ist nicht die Allgegenwart des Internets, sondern seine Unsichtbarkeit. Aus diesem Grund ist Big Brother der falsche Bezugsrahmen. Soziale Medien sind alles andere als monströse Maschinen. Das süße »Auge« des Bildschirms bietet ein Schauspiel, das mühelos unsere Aufmerksamkeit zerstreut. Die geistige Kontrolle wird subtiler und manifestiert sich nicht mehr in exemplarischen Bildern und Objekten. Die sozialen Medien sammeln ihren Einfluss im Hintergrund. Hier brauchen wir den Input einer neuen Generation von Techno-Psychoanalytikern, die die in Vergessenheit geratene Disziplin der Massenpsychologie, ausgehend von Freud und Canetti, auf den aktuellen Stand bringen, um die heutigen Zustände des kollektiven Unbewussten zu erklären. Im Gegenzug sollten diese Einsichten mit einer neuen Gruppe von Soziologen geteilt werden, die die Abstraktion der Arbeit (in der Folge von Digitalisierung und Automatisierung) durchdenken. Wie könnte die Soziologie von Big Data weggelockt werden und mal wieder zur kritischen Theorie beitragen? Braucht man einen neuen Methodenstreit, oder kann man der regressiven Begeisterung für quantitative Analysen anders begegnen? Natürlich muss unsere expressionistische Wissenschaft auch ihren eigenen defensiven, depressiven Zustand überwinden. Eine Möglichkeit, dies zu tun, bestünde in einer radikalen Neubewertung der »französischen Theorie« und der mechanischen Art, wie Theorie in der jüngsten Zeit praktiziert wurde.[32] Es ist immer schön, von Schwärmen zu träumen und die vernetzte Multitude zu proklamieren (und vor deren dunkler Seite zu warnen), aber genauso wichtig ist es, neue Formen von Sozialität zu entwerfen, die diese Energien nutzen, zum Beispiel in Plattformen für »kollektive Aufmerksamkeit«, die eher auf langfristige Kollaborationen ausgelegt sind als auf spontane Einmaltreffen.[33] Die Macht von Konzepten, die implementiert werden und ein eigenes Leben entwickeln, ist immer noch aktuell, und es gibt viele Beispiele dafür, auch in diesem Buch.

Wo findet man Mitstreiter, mit denen man gemeinsam arbeiten und leben, die man lieben und um die man sich kümmern möchte? Wie können wir uns neue Organisationsformen vorstellen, die sowohl horizontal als auch vertikal sind, mit Verbindungen nach außen und einer reichen inneren Struktur? Sind wir bereit für politische Dating-Portale und hyper-lokales soziales Signaling? Was wäre ein Like mit technischen Konsequenzen? Wie können wir über das simple »Klicktivismus«-Niveau von Avaaz hinausgehen und skalierbare lokale Organisationen bilden, die gleichzeitig auf akute Ereignisse reagieren können und eine langfristige Agenda verfolgen? Wie kann Peer-to-Peer-Solidarität aussehen?[34] Aus diesem Grund bleibt auch die Anonymous-Episode von 2009–2012, die Gabriele Coleman präzise dokumentiert hat[35], so nachhaltig subversiv und inspirierend, trotz aller tragischen Fehler und Vertrauensbrüche, die mit langen Freiheitsstrafen für Barrett Brown und andere endeten.[36] Bei der Frage »Was tun?« kommt es nicht nur darauf an, wie man die Führer der Welt auf ihren Gipfeltreffen anspricht, sondern auch, wie man eine digitale Sensibilität gestaltet, um direkte und dauerhafte Verbindungen zu noch unbekannten Anderen zu bilden.

Im Übrigen, wie Michael Seemann schreibt: »Dezentrale Herangehensweisen werden nur funktionieren, wenn man die Daten offen hält. Nur offene Daten können zentral abgefragt und gleichzeitig vor Entwendung geschützt werden.«[37] Bietet das »föderierte Web« eine mögliche Alternative zur Zentralisierungsstrategie des Status quo? Was bedeutet es, wenn wir uns zusammenschließen? Föderation ist offenkundig ein altes politisches Konzept, das den freiwilligen Zusammenschluss zu einer größeren staatlichen Einheit bezeichnet. Im Internet-Kontext geht eine Föderation über direkte Peer-to-Peer Verbindungen hinaus und bezieht sich auch auf Protokolle und Governance-Fragen. Aber können wir auch von einer Föderation von Fähigkeiten sprechen? Wenn wir Daten aus verschiedenen Quellen vermischen und sie in unserem Browser zusammenbringen, widersetzen wir uns der Logik der zentralen Datensilos. Könnte das eine wirksame Antwort auf den unhinterfragten Aufstieg der Datenzentren sein? Man kann dieses Vorgehen natürlich leicht als rein technische Lösung abtun. Aber Smari McCarthys Vorschlag für einen technischen Ausweg aus dem Faschismus (Engineering Our Way Out of Fascism) sollte als strategischer Beitrag ernst genommen werden.[38] Faschismus ist hier definiert als der »perfekte Zusammenschluss von Staat und Geschäftswelt«. Heutige Fragen der politischen Organisation sind in ihrem Kern technologisch. Diejenigen, die mit Machiavelli, Hobbes, Hegel oder Schmitt argumentieren, wiederholen die Probleme der herrschenden Eliten und versuchen implizit, soziale Bewegungen und ihre Dynamik durch einen übergeordneten Körper (die Partei), der politischen Dissens koordinieren und kontrollieren soll, auszuschalten.

Technologie ist immer politisch, hierauf kann man sich leicht einigen; schwieriger ist es aber, sich klarzumachen, dass Politik im Kern technisch ist. Wir fühlen uns von der Reinheit des abgetrennten Reichs der Intrige angezogen, wo Interessen aufeinanderprallen und Machtspiele ausgetragen werden, statt uns mit dem Erbe von Albert Speer auseinanderzusetzen: wir Programmierer sind Hacktivisten und Geeks; der Technokrat ist immer der andere.

Wir brauchen eine Verschiebung von der Aufmerksamkeitsökonomie zu einem Web der Intentionen. Die Strategie sollte sein, das Soziale herauszukristallisieren durch »Netzwerke mit Konsequenzen«. Die gegenwärtigen Architekturen der sozialen Medien zielen nur auf Wert (im Sinne von Geschäft). Sie verfolgen Geschehnisse und vermarkten Nachrichten (ohne sie zu produzieren) für ein Publikum, dessen Vorlieben dann an den höchsten Bieter verkauft werden können. Die Abstraktion ist unser schwarzes Loch. Eine Lösung wären hier fokussierte Nutzergruppen (auch bekannt als organisierte Netzwerke), die außerhalb der Like-Ökonomie und ihrer schwachen Links operieren können. Gegenseitige Hilfe jenseits der Empfehlungsindustrie. Teilen ohne Airbnb und Uber. Eine Renaissance des kooperativen Internets ist möglich.[39] Wir sollten die vielfältigen Anstrengungen, allgemeine Software und passende Maschinensprachen zu entwickeln, nicht abschreiben, denn sie sind unsere einzige tragfähige Strategie gegen die monopolistischen Vermittler. Wir müssen eine verführerische Mischung aus Föderalismus und »Re-Dezentralisierung« finden. Die Ästhetik kollektiver Sinnhaftigkeit feiern und Werkzeuge entwickeln, die unsere Wertprinzipien in die Gesellschaft einschreiben. Das wird nur möglich werden, wenn wir uns auf allen Ebenen von den kostenlosen, eingebauten Gegen-Monetarisierungsverfahren verabschieden, sodass das Geschenk wieder zu einer wertvollen Geste wird statt einer ungreifbaren, versteckten Voreinstellung. Um dort hinzukommen, müssen wir das Netzwerk als eine eindeutige Form wiedergewinnen, klar abgegrenzt von der Arbeitsgruppe, der Partei oder den alten Hierarchien in Unternehmen, Armeen und religiösen Organisationen. Wie verhält sich das Netzwerk als soziale Praxis zur Kooperative als rechtlicher Form? Diese Art strategischen Denkens erlaubt es uns, den »retikulären Pessimismus« abzuschütteln, der laut Alex Galloway behauptet, »dass es aus den Fesseln der Netzwerke kein Entkommen gibt«.[40] »Netzwerke sind ein Modus der Vermittlung wie jeder andere auch«, folgert er. Richten wir also unsere Aufmerksamkeit auf die unverhofften organisatorischen Möglichkeiten, die vor uns liegen – innerhalb und außerhalb des Netzwerks. Lasst uns die Ränder wieder neu besetzen und Netzwerke als neue institutionelle Formen begreifen.

Anmerkungen

1 | 2015 ist es zwanzig Jahre her, dass die Nettime-Mailingliste gegründet wurde, und zwanzig Jahre, dass Richard Barbrook und Andy Cameron ihren berühmt-berüchtigten Aufsatz über die kalifornische Ideologie schrieben. Das Institute of Network Cultures hat anlässlich dieses Jubiläums im November 2015 eine Neuedition des Essays herausgegeben. Siehe: http://networkcultures.org/publications/

2 | Zu Statistiken über soziale Medien, siehe: www.pewinternet.org/2015/08/19/mobile-messaging-and-social-media-2015/

3 | Radikale Optionen sind begrenzt, und es hat auch noch niemand konkrete Vorschläge eines »cut-ups« des Internets gemacht (nicht einmal in einem künstlerisch-subversiven Sinne à la William Burroughs). Die Angst vor einer »Balkanisierung« sitzt tief. Heute träumt keiner mehr von einem schrägen Paralleluniversum (und nicht mal Silk Road und andere Dark-Web-Initiativen verwirklichen so etwas). Interoperabilität ist das unausgesprochene Apriori aller Kommunikationssysteme. Die einzig verbliebene Option ist Kryptographie.

4 | Am 27. Aug. 2015 »kam Facebook auf die bis dahin beispiellose Rekordmarke von einer Milliarde Nutzer am Tag. ›Das war das erste Mal, dass wir diesen Meilenstein erreicht haben, und wir fangen gerade erst an, die ganze Welt zu verbinden‹, schrieb Mark Zuckerberg.« http://money.cnn.com/2015/08/27/technology/facebook-one-billion-users-single-day/index.html

5 | Tarleton Gillespie, »The politics of platforms«, in: New Media & Society, vol. 12, no. 3, 2010, S. 248–350. Er schreibt: »Plattformen sind üblicherweise flach, nichtsagend und für jeden offen.« Sie sind »vorwegnehmend, aber nicht ursächlich«. Schon das Wort selbst »suggeriert ein progressives und egalitäres Arrangement, das denen, die sich auf sie begeben, Unterstützung verspricht.« – »Der Begriff bewahrt ein populistisches Ethos: ein Repräsentant, der deutlich und entschlossen zu seiner Wählerschaft spricht. In jeder möglichen Bedeutung von ›Plattform‹ erscheinen Ebene und Zugänglichkeit sowohl als ideologische wie auch als physische Features.«

6 | Siehe Sascha Lobo am 3. Sept. 2014 auf Spiegel Online über Plattform-Kapitalismus: www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/sascha-lobo-sharing-economy-wie-bei-uber-ist-plattform-kapitalismus-a-989584.html, und Sebastian Olma, »Never Mind the Sharing Economy: Here’s Platform Capitalism«, am 16. Okt. 2014, http://networkcultures.org/mycreativity/2014/10/16/never-mind-the-sharing-economy-heres-platform-capitalism/

7 | Michael Seemann, Digital Tailspin, Amsterdam: Institute of Network Cultures, 2015, S. 39–42. In seinem strategischen Text behauptet Seemann, dass »Plattformen die Infrastruktur schaffen, auf deren Basis die nächste Gesellschaft agieren wird. In Zukunft wird jede politisch aktive Person lernen müssen, mit ihnen umzugehen.« Mehr dazu im Gespräch zwischen Seemann und Sebastian Giessmann auf der Re:publica, Berlin, Mai 2015, https://www.youtube.com/watch?v=-_2C1eO21SE&feature=youtu.be

8 | Hans Maarten van den Brink hat in seiner kleinen, auf Holländisch erschienenen Anthologie ähnlich argumentiert, wo er den »Verlust der Unabhängigkeit« der klassischen Medienmacher als Ausgangspunkt sah, um eine neue öffentliche Medienlandschaft zu gestalten. Siehe: Hans Maarten van den Brink (Hg.), Onaf, over de zin van onafhankelijkheid in cultuur en media, Amsterdam: Nieuw Amsterdam Uitgevers, 2013.

9 | Einen naheliegenden Hinweis gibt hier die den Plattform-Studien gewidmete MIT-Buchreihe, die 2009 von Nick Montfort und Ian Bogost ins Leben gerufen wurde: https://mitpress.mit.edu/index.php?q=books/series/platform-studies. Ein anderer wäre Anne Helmonds PhD an der Universität von Amsterdam (online veröffentlicht im August 2015) mit dem Titel »The Web as Platform: Data Flows in Social Media«. URL: www.annehelmond.nl/2015/08/28/dissertation-the-web-as-platform-data-flows-in-the-social-web/#respond

10 | Zeynep Tufekci, »What Happens to #Ferguson Affects Ferguson«, https://medium.com/message/ferguson-is-also-a-net-neutrality-issue-6d2f3db51eb0#.5pofu5uqw, 14. Aug. 2014.

11 | Siehe: Forbes, 26. Aug. 2014.

12 | Siehe auch: »When Clicks Reign, the Audience is King« von Ravi Somaiya, NYT, 16. Aug. 2015: »Es gab Beschwerden aus verschiedenen Ecken der Medienwelt, dass die Qualität der Online-Nachrichten nachgelassen habe und es nun eine stärkere Ausrichtung auf das Virale gebe, auf Kosten der Substanz.« http://mobile.nytimes.com/2015/08/17/business/where-clicks-reign-audience-is-king.html?referrer=&_r=0

13 | www.sociallyquantum.com/2015/05/facebook-is-going-to-suppress-click.html

14 | Siehe: www.bbc.com/news/business-29322578, 30. Sept. 2014.

15 | Corey Robin, The Reactionary Mind, New York: Oxford University Press, 2011, S. 98–99. Es ist hier wichtig, den Konservativen zu de- und repolitisieren, als eine Figur, die sich innerhalb eines weiteren technokulturellen Kontexts bewegt und darin eingebunden ist.

16 | Berlin wird weithin als (globales) Zentrum von Computerhackern, Geeks und Zivilgesellschaftsaktivisten wahrgenommen, kombiniert mit einer bescheidenen Start-Up-Kultur und einer weiterhin florierenden Kunstszene, die alle von den noch erschwinglichen Mieten, günstigen Lebenshaltungskosten und einer guten öffentlichen Infrastruktur profitieren. Auch die hier erreichte kritische Masse erleichtert es NGOs und Kampagnen, von Berlin aus zu operieren (z.B. TacticalTech und irights.info).

17 | In ihrem Bericht über die Transmediale 2015 in Berlin schreibt die norwegisch-australische Wissenschaftlerin Jill Walker: »Bis jetzt war das Programm größtenteils auf eine einseitige Kritik an Datifizierung und sozialen Medien beschränkt, die so simplifizierend ist, dass sie alles nur noch schlimmer macht. Die Liste all der Dinge, denen wir auf der Spur sind, herunterzubeten, ist cool. Aber wenn das mal erledigt ist, bringt es einen wirklich weiter, dasselbe im Prinzip immer neu zu wiederholen?« http://jilltxt.net/?p=4221. Die Berlin-Strategie ist natürlich die bessere Antwort auf einen solchen interpassiven Blick, der die naive Erforschung von Big Data verteidigt und Kritik zu einem subjektiven Lamentieren kleinredet. Die Berliner Digital-Rights-Szene agiert durch Bildung von Koalitionen, um zentrale Internet-Kontroversen auf langfristige politische Agenden zu setzen. Sie gründet sich dabei auf ein starkes Netzwerk diverser Initiativen, die verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen entstammen, vom Chaos Computer Club über Transmediale und Berliner Gazette bis zu netzpolitik.org und ihren re:publica-Versammlungen.

18 | Unabhängig von der Bedeutung historischer Studien wie der von Fred Turner an der Stanford University oder des Netzkultur-Kreises um Michael Stevenson und die Webcultures-Mailingliste (webcultures.org) tendieren sie doch immer zu Erklärungen aus der und für die Vergangenheit und leider nicht für die Gegenwart. Die Brüche seit den späten neunziger Jahren, als die Geschäfts- und Finanzwelt Einzug hielten – in Kombination mit einer bereits in den siebziger Jahren vollzogenen »konservativen Revolution« –, sind einfach zu groß gewesen, um die historische Gegenwart des Internets deutlich artikulieren zu können.

19 | Corey Robin, The Reactionary Mind, S. 171–173.

20 | Corey Robin, The Reactionary Mind, S. 183.

21 | Peter Thiel, Zero to One – Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, S. 25–26.

22 | Frank Pasquale, The Black Box Society, The Secret Algorithms That Control Money and Society, Cambridge (Mass.): Harvard University Press, 2015, S. 141.

23 | Julian Assange, When Google Met Wikileaks, New York/London: O/R Books, 2014. Wenn Thiel die Rolle des rechten Libertären spielt, ist Eric Schmidt der vernünftige Realpolitiker, den europäischen Sozialdemokraten nicht unähnlich.

24 | Petra Löffler, Verteilte Aufmerksamkeit, Eine Mediengeschichte der Zerstreuung, Zürich: diaphanes, 2014. Siehe auch mein Interview mit ihr, das sich auf die Verbindung zwischen ihrem geschichtlichen Material und der gegenwärtigen Debatte richtet, »The Aesthetics of Dispersed Attention, an Interview with German Media Theorist Petra Loeffler«, veröffentlicht auf der Nettime-Liste am 24. Sept. 2013 und in NECSUS #4, Nov.ember 2013, www.necsus-ejms.org/the-aesthetics-of-dispersed-attention-an-interview-with-german-media-theorist-petra-loffler/, sowie ihren Vortrag auf Unlike Us #3, Amsterdam, März 2013. Mehr dazu in Kapitel 2.

25 | Für Bernard Stiegler sind diese Spannungen auch ein Symptom und haben damit zu tun, dass die sogenannten »analogen Natives«, die immer noch die meisten unserer Institutionen kontrollieren, die junge Generation mit sich alleingelassen haben. »Hauptziel der Pharmakologie der Massenmedien ist es, die Weitergabe von Rezepten zwischen den Generationen zu ersetzen. Solche Rezepte, die immer den Eintritt in eine Verbindlichkeit ausmachen, werden durch die Kontrolle des Verhaltens ersetzt, das ständig durch Marketing – und seine wichtigsten Transportmittel, die Produktionen der Programmindustrie – transformiert wird.« Bernard Stiegler, States of Shock, Stupidity and Knowledge in the 21st Century, Cambridge: Polity Press, 2015, S. 219.

26 | David Weinberger, Too Big to Know, New York: Basic Books, 2012.

27 | Mehr zu Morozov in meiner Besprechung von Save Everything, Click Here vom 23. Apr. 2013 in Open Democracy, www.opendemocracy.net/geert-lovink/eugene-morozov-attacks-internet-consensus-single-handed. Mit Morozovs Angriff auf das, was er »McLuhanesken Medienzentrismus« nennt, in diesem Fall Internetzentrismus, stimme ich nicht überein. Aus meiner Sicht brauchen wir viel mehr kritische Wissenschaftler, die das Internet sehr ernst nehmen und anfangen, sich von innen mit seinen Funktionen auseinanderzusetzen, als einer Technologie, einer Kulturtechnik, einer Industrie und Infrastruktur der politischen Ökonomie, und es nicht bloß im Cultural-Studies-Stil als populistische Oberfläche deuten. Techno-Determinismus ist eine wichtige Phase in einer solchen Lernkurve, während ein breiteres Verständnis der neoliberalen Gesellschaft (und seiner Geschichte) eine weitere wesentliche Säule bleibt. Auch Künstler, Aktivisten und Programmierer kommen in Morozovs Universum nicht vor oder erscheinen höchstens als Dummköpfe.

28 | Evgeny Morozov, »Socialize the Data Centres!«, New Left Review 91, Jan./Feb. 2015, S. 45–66; https://newleftreview.org/II/91/evgeny-morozov-socialize-the-data-centres

29 | Laut Stephen Fiedler, der für das Wall Street Journal aus Brüssel berichtet, wird Europa sich weder für eine Regulierung im alten Stil entscheiden noch das chinesische Modell wählen (bei dem Amazon einfach durch Alibaba und Google durch Baidy ersetzt wird). Stattdessen liefe es eher auf ein Insider-Modell hinaus. Nach Meinung von Günther Oettinger von der Europäischen Kommission sollten »die führenden europäischen Industrieunternehmen digitale Plattformen aufbauen, die die Zukunft beherrschen« (22. Mai 2015). Dies hieße aber nicht nur, amerikanischen Unternehmen Einhalt zu gebieten, sondern würde auch europäische Start-ups entmutigen, und das gilt natürlich auch für zivilgesellschaftliche Initiativen.

30 | Franco Berardi, The Uprising: On Poetry and Finance, Los Angeles: Semiotext(e), 2012, S. 15. Berardi bezieht sich hier auf einen Brief von Bill Gates an John Seabrook.

31 | Geschrieben im Dialog mit der Einleitung von Bernard Stieglers States of Shock, S. 3.

32 | Ein möglicher Weg dorthin läge in einer kritischen Neu-Lektüre klassischer Texte und ihres Erbes, wie zum Beispiel bei Bernard Stiegler in seinem 2012 erschienenen Buch States of Shock. Er untersucht hier vor allem die »postmoderne« Phase im Werk von Lyotard, um darüber parallele Strömungen in der Philosophie und Verschiebungen in der Wissensindustrie aus der Perspektive einer politischen Ökonomie des Digitalen zusammenzudenken. Eines seiner Urteile: »Die Schwammigkeit der politischen und ökonomischen Aussagen der Philosophie scheint sich, im Nachhinein, zu einer fürchterlichen Blindheit gegenüber dem, was anfangs mit der konservativen Revolution und den ersten Schritten hin zur Finanzialisierung durchsickerte, zu entwickeln.« (S. 100) Ein anderer Ansatz ginge in Richtung von Andrew Culps Blog Anarchist Without Content, der einen radikalen Wechsel vom Fröhlichen Deleuze zum Dunklen Deleuze vorschlägt. »Wozu soll Freude in dieser Welt des zwanghaften Positivismus gut sein? Es ist an der Zeit, von der Kapelle in die Krypta hinabzusteigen. Wir haben genug, um einen Gegenkanon zu errichten.« Das Dark-Deleuze-Glossar enthält Konzepte wie: Weltzerstörung, Asymmetrie, Unterbrechung, Entfaltung, das Katastrophische oder die Kraft des Falschen. URL: https://anarchistwithoutcontent.wordpress.com/

33 | Zur Definition von »Plattformen für kollektive Aufmerksamkeit« siehe: http://caps-conference.eu/ und http://ec.europa.eu/digital-agenda/en/collective-awareness-platforms-sustainability-and-social-innovation

34 | Ein Beispiel dafür könnte das Kunstprojekt von Ine Poppe und Sam Nemeth sein, die während ihres Urlaubs auf der griechischen Insel Lesbos mit Flüchtlingen aus Syrien in Kontakt kamen. Sie befreundeten sich mit einem von ihnen, Ideas, und beschlossen, seiner Reise auf WhatsApp zu folgen. Ihr Blog: http://ideasodyssey.blogspot.nl/. Ein Bericht dazu: http://mashable.com/2015/07/03/syrians-europe-whatsapp-refugees

35 | Gabriele Coleman, Hacker, Hoaxer, Whistleblower, Spy: The Many Faces of Anonymous, London/New York: Verso, 2014.

36 | Siehe: https://freebarrettbrown.org/ »Barrett Brown ist ein inhaftierter amerikanischer Journalist. Er galt als inoffizieller Sprecher von Anonymous, bevor er seine Verbindung zu dem Kollektiv 2011 beendete. 2012 stürmte das FBI sein Haus, und im selben Jahr wurde er in 12 Punkten angeklagt, die mit dem Stratfor-Hack von 2011 zusammenhingen. Den umstrittensten Anklagepunkt, der in Verbindung zu den gehackten Daten stand, ließ man fallen, trotzdem wurde Brown 2015 zu 63 Monaten Haft verurteilt.

37 | Michael Seemann, Digital Tailspin, S. 43.

38 | Smari McCarthy, Engineering Our Way Out of Fascism, ein Keynote-Vortrag auf der Free-Software-Konferenz FSCONS 2013, entstanden unter dem Eindruck der Snowden-Enthüllungen, http://smarimccarthy.is/2014/05/28/engineering-our-way McCarthys Zielvorgabe ist, »alles zu dezentralisieren, alles zu verschlüsseln und alle Endpunkte zu verschließen«, um anschließend diese Dienste den nächsten fünf Milliarden Leuten zur Verfügung zu stellen. »Unterm Strich: wenn man Software entwickelt, aber dies nicht zum Wohle der gesamten Menschheit, hilft man nur den Faschisten.«

39 | Siehe den Sonderteil in The Nation vom 27. Mai 2015 mit Beiträgen von Janelle Orsi, Frank Pasquale, Nathaniel Schneider, Pia Mancini und Trebor Scholz. Die Autoren diskutieren die Frage, wie technische Plattformen für das Gemeinwesen geöffnet werden können. »Wir haben eine Wahl: die Plattformen weiter so zu nutzen, dass sie die Wohlstandskluft vergrößern, oder technische Plattformen als Gemeingut zu errichten.« (Janelle Orsi) Entscheidend sind gemeinsames Eigentum und Kontrolle. Trebor Scholz schlägt vor, Apps zu entwickeln, die die Kooperation zwischen Plattformen erlauben. »Um gute digitale Arbeit zu verwirklichen, müssen Gleichgesinnte sich organisieren, Kerne der Selbstorganisation bilden und für demokratische Rechte von Cloud-Arbeitern kämpfen.«

40 | David Berry/Alex Galloway, »A Network is a Network is a Network: Reflections on the Computational and the Society of Control«, in: Theory, Culture & Society, 2015.

Was ist das Soziale in den sozialen Medien?

Schlagzeilen für die Wenigen: »Vergessen Sie bei der nächsten Einstellungsrunde die Persönlichkeitstests, schauen Sie einfach nur in das Facebook-Profil der Bewerber.« – »Stephanie Watanabe hat Donnerstag Nacht fast vier Stunden damit verbracht, sich mit etwa 700 ihrer Facebook-Freunde zu entfreunden – und ist immer noch nicht fertig.« – »Facebook-Entschuldigung oder ins Gefängnis: Mann aus Ohio muss sich entscheiden.« – »Studie: Facebook-Nutzer werden unfreundlicher« – »Frauen achten mehr darauf, wer Zugang zu ihren persönlichen Daten hat.« (Mary Madden) – »Alle herausgeputzt, und nirgendwo kann man hingehen.« (Wall Street Journal) – »Ich bemühe mich inzwischen, sozialer zu sein, denn ich will nicht allein sein, und ich will Menschen treffen.« (Cindy Sherman) – »In 30% der Profil-Updates ging es um Gefühle von Wert- oder Hoffnungslosigkeit, Schlafstörungen oder zu viel Schlaf und um Konzentrationsschwierigkeiten, nach den Kriterien der American Psychiatric Association alles eindeutige Symptome einer Depression.« – »Suche nach Berliner Polizeibeamtem, der auf Facebook mit Nazi-Gruß zu sehen ist.« – »Fünfzehnjährige jammert und verflucht ihre Eltern auf Facebook. Der angewiderte Vater nimmt einfach die Pistole und zerschießt ihren Laptop.«

Der Gebrauch des Begriffs ›sozial‹ im Kontext der Informationstechnologie reicht bis in die Anfänge der Kybernetik zurück. Eine Unterdisziplin der Soziologie wurde geschaffen, die Soziokybernetik, die das »Netzwerk der sozialen Kräfte, die das menschliche Verhalten beeinflussen«[1], und seine Fähigkeiten, Informationssysteme zu modifizieren und zu optimieren, untersuchen sollte. In den achtziger Jahren, als die Software-Produktion sich schon weit entwickelt hatte, tauchte das Soziale in Form von ›Groupware‹ wieder auf. Zur gleichen Zeit wies Friedrich Kittler von der materialistischen Schule der deutschen Medientheorie die Rede von ›sozial‹ als irrelevant und unsinnig zurück (Computer rechnen, sie greifen nicht in die menschlichen Beziehungen ein, also Schluss damit, unsere irdischen, allzu menschlichen Wünsche auf elektronische Schaltkreise zu projizieren).[2] Den ganzheitlichen Hippies der Wired-Schule war dieses zynische alt-europäische Maschinendenken jedoch egal, sie orientierten sich lieber an einer positiven, menschenbezogenen Sichtweise, die Computer als Werkzeuge der persönlichen Befreiung feierte, eine Haltung, aus der Steve Jobs später ein Designprinzip und eine Marketingmaschine machte. Bevor die IT-Industrie Mitte der neunziger Jahre vom Dotcom-Risikokapital übernommen wurde, bestand fortschrittliches Computerarbeiten vor allem in der Entwicklung von Werkzeugen und war auf die Zusammenarbeit von zwei oder mehr Personen ausgerichtet; nicht auf ›Teilen‹, sondern darauf, den Job zu erledigen. Das Soziale bedeutete hier Austausch zwischen isolierten Knotenpunkten. Gleichzeitig war die kalifornisch individualistische Ausrichtung auf coole Interfaces und Benutzerfreundlichkeit – nicht zuletzt aufgrund ihrer ›alternativen‹ Anfänge – immer auch von Investitionen in den Gemeinschaftsaspekt der Netzwerke begleitet. Allerdings bedeutet dieses kalifornische ›Soziale‹ nur Teilen unter Nutzern. Mit kollektivem Eigentum oder Versorgung der Allgemeinheit hat es nicht viel zu tun.

Tatsächlich waren Computer immer Hybride zwischen dem Sozialen und dem Posthumanen. Seit den Anfängen ihres industriellen Lebens als gigantische Rechenmaschinen sah man bereits die Möglichkeit und auch Notwendigkeit, verschiedene Einheiten aneinanderzukoppeln.[3] In seinem unveröffentlichten Essay »Wie Computer-Netzwerke sozial wurden« zeichnet der Medientheoretiker Chris Chesher aus Sydney die historische und interdisziplinäre Entwicklung einer ›Offline‹-Wissenschaft nach, die die Dynamik menschlicher Netzwerke erforscht – von der Soziometrie und der Analyse sozialer Netzwerke (die bis in die 1930er Jahre zurückgeht) über Granovetters Studie zu »weak ties« (1973) und Castells’ Netzwerkgesellschaft (1996) bis hin zu aktuellen technowissenschaftlichen Analysen, die sich unter dem Dach der Actor Network Theory versammeln. Der entscheidende konzeptionelle Schritt liegt im Übergang von Gruppen, Listen, Foren und Netzgemeinschaften zur Ermächtigung locker miteinander verbundener Individuen in Netzwerken. Diese Verschiebung hatte bereits in den neoliberalen neunziger Jahren begonnen und wurde durch immer leistungsfähigere Computer, wachsende Speicherkapazitäten und Bandbreite sowie vereinfachte Schnittstellen auf inzwischen immer kleineren (mobilen) Geräten verstärkt. Hier liegt der Einstieg in das Imperium des Sozialen.

Wenn wir uns die Frage stellen, was dieses ›Soziale‹ in den heutigen sozialen Medien tatsächlich bedeutet, könnten man als Ausgangspunkt auch sein Verschwinden nehmen, das der französische Soziologe Jean Baudrillard beschreibt, wenn er die Verwandlung von Subjekten in Konsumenten untersucht. Baudrillard zufolge hat das Soziale in einem bestimmten Moment seine historische Rolle verloren und ist in die Medien implodiert. Ist das Soziale nun aber nicht mehr diese einst bedrohliche Mischung aus politisierten Proletariern, verbitterten Arbeitslosen und verdreckten Clochards, die die Straßen bevölkern und bereit sind, egal unter welcher Flagge, die nächste Gelegenheit zum Aufstand zu ergreifen, wie manifestieren sich soziale Elemente dann im Zeitalter der digitalen Vernetzung?

Die ›soziale Frage‹ ist vielleicht nicht gelöst, aber im Westen hatte man jahrzehntelang das Gefühl, sie sei neutralisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war vor allem instrumentelles Wissen gefragt, wie das Soziale zu organisieren ist, was dazu führte, dass die Beschäftigung mit dem Sozialen, auf konzeptioneller und technischer Ebene, an einen eher geschlossenen Zirkel von Experten delegiert wurde. Können wir jetzt, inmitten eines globalen ökonomischen Abschwungs, eine Rückkehr oder gar Wiedergeburt des Sozialen beobachten? Oder ist die ständige Rede vom Aufstieg der ›sozialen Medien‹ bloß eine zufällige linguistische Koinzidenz? Können wir, noch in den nicht enden wollenden Nachwehen der Finanzkrise von 2008 steckend, von einem wachsenden sozialen und Klassenbewusstsein sprechen, und falls ja, kann das auch auf den elektronischen Bereich übergreifen? Trotz Arbeitslosigkeit, wachsender Einkommensunterschiede und der Erfolge der Occupy-Proteste scheint ein global vernetzter und sich schnell ausbreitender Aufstand unwahrscheinlich. Proteste entfalten eher dort ihre Wirkung, wo sie lokal sind, unabhängig von ihrer Präsenz im Netz. ›Meme‹ reisen dagegen mit Lichtgeschwindigkeit und verbreiten die Grundideen. Aber wie können die getrennten Bereiche von Arbeit, Kultur, Politik und vernetzter Kommunikation so in einem globalen Kontext verknüpft werden, dass Informationen (z.B. über Twitter) und zwischenmenschliche Kommunikation (E-Mail, Facebook) auf die Ereignisse in der realen Welt tatsächlich Einfluss nehmen?

Hier müssen wir unsere Überlegungen zum Sozialen in einen größeren strategischen Zusammenhang stellen, der über die typische ›Social-Media-Frage‹ hinausgeht. Vielleicht werden ja all die säuberlich verwalteten Kontakte und Adressbücher eines Tages überquellen und den virtuellen Bereich verlassen, wie der Erfolg der Dating-Sites nahezulegen scheint. Aber teilen wir Informationen, Erfahrungen und Gefühle nur, um uns in ihnen zu bespiegeln, oder konspirieren wir vielleicht auch, um als ›soziale Schwärme‹ in die Wirklichkeit einzudringen und Ereignisse in der sogenannten ›echten Welt‹ zu schaffen? Werden Kontakte zu Kameraden mutieren? Natürlich haben die sozialen Medien einige der organisatorischen Probleme des Sozialen gelöst, mit denen die Baby-Boomer-Vorstadt-Generation vor 50 Jahren zu tun hatte: Langeweile, Isolation, Depression, unerfülltes Begehren. Wie hat sich die Art, wie wir uns begegnen, heute verändert? Haben wir eine unbewusste Angst vor (oder sehnen wir uns nach) jenem Tag, an dem unsere lebensnotwendige Infrastruktur zusammenbricht und wir uns wirklich gegenseitig brauchen? Oder sollen wir das Simulakrum des Sozialen eher als organisierte Agonie deuten und uns auf den Verlust der Gemeinschaft nach dem Auseinanderbrechen von Familien, Ehen, Freundschaften usw. einstellen? Mit welcher Logik stellen wir diese ständig wachsende Sammlung von Kontakten sonst zusammen? Ist der Andere, umbenannt in ›Freund‹, mehr als unser zukünftiger Kunde oder ›Lebensretter‹ in unseren prekären Geschäftspraktiken? Welche neuen Formen der sozialen Imagination gibt es bereits? Oder mag am anderen Ende dieser Fragen vielleicht, als Antwort auf die täglichen Belastungen durch das ›Soziale‹, das künftige Kulturideal in der Einsamkeit liegen, wie Nietzsche und Ayn Rand nahegelegt haben?[4] Wann wird unsere Administration der Anderen in etwas gänzlich Neues umschlagen? Wird das Befreunden einfach über Nacht weg sein, wie so viele andere medienabhängige Praktiken, die im digitalen Nirwana verschwunden sind: Usenet-Foren, Telnet-Server-Verbindungen oder das früher weitverbreitete HTML-Programmieren der eigenen Websites?