How to fix the future - - Andrew Keen - ebook

How to fix the future - ebook

Andrew Keen

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Opis

Gegen die digitale Verwahrlosung

Die Zukunft ist kaputt, konstatiert Internetkritiker Andrew Keen. Das Internet funktioniert zwar als Technologie, aber es dient nicht in ausreichendem Maße der Gesellschaft. Noch lässt sich die Zukunft jedoch „reparieren“, so Keens optimistische Diagnose: durch staatliche Aufsicht, Innovation durch Wettbewerb, gesellschaftliche Verantwortung, Arbeitnehmer- und Verbraucherinitiativen und neue Bildungsansätze. Anhand von vielen Beispielen aus aller Welt zeigt Andrew Keen, was wir tun können, wenn wir in unserer zunehmend digitalisierten Welt an den menschlichen Werten festhalten wollen, und welchen Weg wir als Individuen, aber auch als Gesellschaft einschlagen müssen, um eine Zukunft zu gestalten, auf die wir uns wieder freuen können.



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EPUB
MOBI

Liczba stron: 438




Zum Buch

Die Digitale Revolution krempelt weite Bereiche unseres Lebens um. Zwar lassen sich die Errungenschaften einer weltumspannenden Vernetzung durch das Internet nicht leugnen, aber sie reißt auch unser politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben aus den vertrauten Bahnen und stellt uns vor gewaltige Herausforderungen. In seinem neuen Buch richtet Internetkritiker Andrew Keen den Blick optimistisch nach vorn und skizziert, wo wir in Gesetzgebung, Wirtschaft, Politik, Ethik und Bildung ansetzen können, wenn wir eine menschenwürdige digitale Zukunft entstehen lassen und unsere Selbstbestimmung wiedererlangen wollen.

Zum Autor

Andrew Keen, 1960 in Hampstead geboren, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in London, Sarajevo und Berkeley. Er lehrte an mehreren US-amerikanischen Universitäten und ­gründete 1995 ein erfolgreiches Internetunternehmen im Silicon Valley. Der britisch-amerikanische Autor, Redner und Unternehmer zählt weltweit zu den einflussreichsten Kritikern des Internets. Er veröffentlicht einen stark frequentierten Blog, auf Deutsch erschien von ihm zuletzt Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können (DVA 2015). Andrew Keen lebt mit seiner Familie in Berkeley.

Andrew Keen

HOW TO FIX THE FUTURE

Fünf Reparaturvorschläge für eine menschlichere digitale Welt

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Deutsche Verlags-Anstalt

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem TitelHow to Fix the Future bei Atlantic Monthly Press, einem Imprint von Grove Atlantic Inc., New York. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2018 by Andrew Keen Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München Umschlagabbildungen: © Getty Images, Typografie: DVA/Andrea Mogwitz Gesetzt aus der Caecilia LT Satz und E-Book Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-22222-2V002www.dva.de

Für unsere Kinder

Inhalt

Vorwort für die deutsche Ausgabe

Vorwort – Das Internet der Menschen

 

Einleitung – Alles schon mal da gewesen

 

1 Das Gesetz der Utopie

2 Ein Werkzeugkasten für die Zukunft

3 Was alles schiefläuft

4 Utopia: Eine Fallstudie (1)

5 Utopia: Eine Fallstudie (2)

6 Staatliche Aufsicht

7 Innovation durch Wettbewerb

8 Gesellschaftliche Verantwortung

9 Die Macht von Arbeitnehmern und Verbrauchern

10 Bildung

 

Schluss – Unsere Kinder

 

Dank

Anmerkungen

Register

Motto

Eine Grundregel des Rates besagt, dass nie über eine Sache am selben Tag entschieden werden darf, an dem sie vorgebracht wird, sondern dies erst in der nächsten Sitzung geschehen soll. Denn falls jemand in der Hitze der Diskussion etwas Unbedachtes gesagt hat, hat er so die Möglichkeit, darüber nachzudenken und muss sich nicht genötigt fühlen, aus dummer Scham an seiner ursprünglichen Meinung festzuhalten und auf diese Weise lieber das Gemeinwohl zu gefährden als seinen eigenen guten Ruf, nur weil er zu Beginn nicht genügend Weitsicht gezeigt hat. Deswegen soll man lieber überlegt sprechen als hastig das Wort ergreifen.

Thomas Morus, Utopia 1

Vorwort für die deutsche Ausgabe

Es ist mir eine Ehre, dass mit How to fix the future bereits mein drittes Buch ins Deutsche übersetzt wird. Dass meine Arbeit in Deutschland zur Kenntnis genommen wird, freut mich umso mehr, als diesem Land bei der Neugestaltung der Zukunft eine entscheidende Rolle zukommen wird.

Viele Experten aus Silicon Valley haben Europa als Mitgestalter des digitalen 21. Jahrhunderts längst abgeschrieben. Der Kontinent sei in der Vergangenheit gefangen und überreguliert, die Unternehmen könnten nicht mit denen von Silicon Valley mithalten und das Bildungswesen sei nicht innovativ.

Doch sie täuschen sich. In Wirklichkeit sind es die Experten aus Silicon Valley, die in alten Denkschemata gefangen sind. Wie ich in diesem Buch zeigen werde, ist der deutschsprachige Teil Europas besonders gut aufgestellt, um in der zweiten Welle der Digitalen Revolution ein zentraler Akteur zu werden.

Deutschland hat eine lange Tradition, andernorts begonnene technische Revolutionen aufzugreifen und neu zu gestalten. Und wenn sich heute abzeichnet, dass das Modell von Silicon Valley gescheitert ist, hat Deutschland mit einer Mischung aus Innovation, Gesetzgebung und Bildung einmal mehr die Chance, auch in der Industrie 4.0 zum Vorreiter zu werden.

Nicht umsonst beginnt mein Buch in Berlin auf einer Veranstaltung der Venture-Capital-Gesellschaft BlueYard Capital, auf der deutsche Unternehmer die Redezentralisierung des Internets mit neuen Technologien wie Blockchain vorantreiben. Einige Kapitel später treffe ich auf der Konferenz Digital Life Design (DLD) in München, der renommiertesten Technologiekonferenz Europas, weitere deutsche Unternehmer, die Internetsuche und – werbung neu erfinden. Amerikanische Technologiekonzerne wie Facebook und Google ver­lieren das Vertrauen der Nutzer, und in diese Bresche springen deutsche Projekte wie die Suchmaschine Cliqz und der Werbeblocker Adblock Plus.

Auch auf dem Gebiet der Sozialreformen kann Deutschland auf eine lange Tradition zurückblicken. Reichskanzler Otto von Bismarck führte die staatliche Sozialversicherung ein, die später von allen führenden Industrienationen imitiert werden sollte. Im Zeitalter der Intelligenten Maschinen, die sämtliche unserer Arbeitsplätze gefährden, hat Europa einmal mehr die Chance, ein Sozialversicherungswesen zu schaffen, das all diejenigen schützt, deren Arbeit von Maschinen übernommen wird. Einmal mehr kommt hier dem deutschsprachigen Teil Europas eine Vorreiterrolle zu, zum Beispiel der Schweiz, in der die Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen besonders weit fortgeschritten ist.

Außerdem spielt Europa, allen voran die deutschen Wettbewerbshüter, eine führende Rolle im Kampf gegen die Monopolisten aus Silicon Valley. Verantwortungsbewusste europäische Politiker wie die Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager wollen dafür sorgen, dass in einer zunehmend von Monopolisten wie Google, Apple und Amazon beherrschten Wirtschaft gleiche Wettbewerbsbedingungen für Start-ups herrschen. Und deutsche Politiker wie der frühere Justiz- und heutige Außenminister Heiko Maas sind wichtige Vorreiter im Kampf gegen Fake News, Volksverhetzung und andere strafbare Aktivitäten im Netz. Das von Maas initiierte und 2018 in Kraft getretene Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozi­alen Netzwerken (NetzDG) belegt Facebook, Twitter und andere soziale Plattformen mit einer Strafe von bis zu 50 Millionen Euro für die Veröffentlichung von gesetzeswidrigen Inhalten.

Bleibt die Bildung, die größte Herausforderung des beginnenden 21. Jahrhunderts, die so neugestaltet werden muss, dass junge Menschen im Zeitalter der intelligenten Maschinen überleben und erfolgreich sein können. Das ist aber nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine der aufregendsten Chancen in einer Zeit, in der wir endlich von sämtlichen niederen Tätigkeiten befreit werden könnten. Auch hier, bei der Reform des Bildungswesens, kommt Konzepten aus dem deutschsprachigen Raum eine ganz entscheidende Rolle zu. Heute sind besonders Ideen wie die von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorf-Pädagogik, gefragt, um den Menschen in uns zu bilden. Es ist kein Zufall, dass Waldorfschulen gerade in Silicon Valley stark in Mode sind und Manager von Google und Facebook ihre Kinder hier unterrichten lassen – auch meine Tochter geht auf eine Waldorfschule!

Im Januar 2018 traf ich mich auf der Münchner DLD-Konferenz mit Dr. Paul-Bernhard Kallen, dem Vorstandsvorsitzenden der Hubert Burda Media Holding, dem drittgrößten Medienkonzern Deutschlands und Veranstalter der Konferenz. Ich bat ihn, die Entwicklung der Digitalen Revolution für mich einzuordnen.

»An welchem Punkt der Entwicklung befinden wir uns?«, frage ich ihn und verwende den in den Vereinigten Staaten so beliebten Vergleich mit dem Baseball. »In welchem Inning sind wir?«

»Von Baseball verstehe ich nichts«, erwidert Kallen und sieht mich mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung an. »Aber von Fußball. Ich könnte Ihnen sagen, wo wir uns in einem Fußballspiel befinden.«

Ich verziehe das Gesicht. Als Engländer weiß ich aus leidvoller Erfahrung um die Fußballstärke der Deutschen, die bei Welt- und Europameisterschaften die schlechte Angewohnheit haben, England in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen aus dem Turnier zu kicken.

»Wir sind ungefähr in der sechzigsten Spielminute«, meint Kallen und lächelt vielsagend. »Der Moment, in dem das Spiel so richtig Fahrt aufnimmt.«

Kallens Metapher trifft insbesondere auf Deutschlands Position in der sich rasch weiterentwickelnden digitalen Welt zu. Nach einer Stunde Spielzeit versuchen die Mannschaften sich neu aufzustellen, um die Partie noch zu gewinnen. Zwar haben die Deutschen in den ersten sechzig Minuten alles andere als souverän gespielt. Doch wie englische Fans nur zu gut wissen, sagt das noch gar nichts über den Ausgang des Spiels aus.

Wir befinden uns also in der sechzigsten Minute des digitalen Spiels. Bei unseren Bemühungen, die Zukunft noch herumzureißen, könnte nun die Stärke der Deutschen greifen, technische Innovationen aufzunehmen und zu optimieren. Die Stunde Europas ist gekommen – die Stunde echter Innovation, staatlicher Aufsicht und Bildung. Es ist der Moment, in dem sich entscheidet, ob wir das Spiel gewinnen oder verlieren werden.

Berkeley, Kalifornien, Mai 2018

Vorwort – Das Internet der Menschen

In den mehr als zehn Jahren, in denen ich mich kritisch mit der Digitalen Revolution auseinandergesetzt habe, wurde ich als Maschinenstürmer, Miesmacher oder »Antichrist von Silicon Valley« beschimpft. Zunächst war ich nur eine von wenigen kritischen Stimmen, die das Gerede von den segensreichen Auswirkungen des Internets für die Gesellschaft hinterfragten. Doch in den letzten Jahren ist der Optimismus hinsichtlich unserer technischen Zukunft in Pessimismus umgeschlagen, und der Chor der Kritiker wurde lauter. Inzwischen polemisiert scheinbar jeder gegen den Überwachungskapitalismus, die Big-Data-Monopole, die Dummheit der Internetgemeinde, die jugendlichen Milliardäre von Silicon Valley, Fake News, antisoziale Medien, die Massenarbeitslosigkeit der Technologiegesellschaft, Internetsucht und die Existenzbedrohung durch intelligente Algorithmen. Meine Meinung ist anschlussfähig geworden, und heute bezeichnet mich niemand mehr als Antichrist.

Timing ist alles, wie ich aus meiner Erfahrung als Gründer einer Reihe zeitlich schlecht abgepasster Start-ups nur allzu gut weiß. Nachdem ich drei Bücher geschrieben habe, in denen ich die Abgründe der Digitalen Revolution ausgeleuchtet habe, glaube ich, dass nun der Moment für einen positiveren Ausblick gekommen ist. Dieses Buch ist also keine weitere Kampfschrift gegen die Übel der Technologie von heute, sondern es will konstruktive Antworten auf die zahllosen Fragen am digitalen Horizont geben. Um eine beliebte Floskel aus Silicon Valley zu bemühen: Dieses Buch ist ein Wendepunkt in meiner Laufbahn als Autor. Was Sie in Händen halten, ist ein Buch, das Auswege aus der Krise zeigt. Die Zukunft schreit geradezu nach Lösungen – die Frage ist nur, wie sie aussehen könnten.

Daneben handelt dieses Buch von Menschen in aller Welt – von Estland über Singapur und Indien nach Westeuropa, in die Vereinigten Staaten und darüber hinaus –, die sich daranmachen, die großen ­Herausforderungen des Digitalzeitalters anzupacken. »Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden«, meinte der Philosoph Immanuel Kant einmal. Aber irgendetwas Gerades haben alle Menschen, die ich in diesem Buch vorstelle.

Auch wenn es nicht die eine Patentlösung für alles gibt und nicht das eine Patentrezept für den Aufbau der idealen vernetzten Gesellschaft, sind sich diese Menschen in einem Punkt ähnlich: in ihrer Entschlossenheit, ihre Zukunft im Angesicht der scheinbar nicht beherrschbaren und nicht haftbar zu machenden Kräfte der Technologie selbst in die Hand zu nehmen und ihre Selbstbestimmung zurückzuerlangen.

Heute wird, nicht ganz zu Unrecht, viel Aufhebens um das »Internet der Dinge« gemacht, das neue Lieblingskind von Silicon Valley. Doch in diesem Buch geht es nicht um ein Internet der Dinge, sondern um ein Internet der Menschen. Ich zeige, dass es nicht intelligente Apparate sind, die die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen werden, sondern intelligente Menschen – Neuerer, Regulierer, Pädagogen, Verbraucher und vor allem engagierte Bürgerinnen und Bürger, die das tun, was sie schon immer getan haben. In einer Zeit, in der unsere herkömmliche Vorstellung dessen, was Menschsein bedeutet, durch künstliche Intelligenz und andere Formen der Technik bedroht ist, ist diese humanistische Wahrheit – die älteste aller alten Ideen – die eigentliche Botschaft dieses Buchs.

Es ist jedoch keineswegs garantiert, dass ein globales Netzwerk von Menschen die Probleme unserer Zukunft erfolgreich lösen wird. Wir stehen vor so dringenden wie komplexen Herausforderungen. Uns bleibt nicht mehr unendlich viel Zeit. Die digitale Uhr, deren Zeit schneller voranzuschreiten scheint als ihr analoger Vorfahr, tickt bedrohlich. Wenn wir nicht jetzt handeln, dann laufen wir Gefahr, zu ohnmächtigen Bedienelementen der neuen Geräte und Plattformen der Technologiekonzerne zu verkommen. Dieses Buch ist also ein Weckruf in einer Gesellschaft, die bereits von einem schleichenden technologischen Determinismus infiziert ist. Und es soll uns daran erinnern, dass unsere Selbstbestimmung – unsere immerwährende Verantwortung, unsere Gesellschaft zu gestalten – das entscheidende Instrument ist, um eine menschenwürdige digitale Zukunft entstehen zu lassen.

Anders als intelligente Autos wird unsere Zukunft nie in der Lage sein, sich selbst zu steuern. Niemand von uns, auch nicht der Antichrist von Silicon Valley, hat übermenschliche Kräfte. Aber wenn wir zusammenarbeiten, so wie wir dies im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder getan haben, können wir eine bessere Welt für unsere Kinder schaffen. Ihnen widme ich dieses Buch. Sie sind der Grund, warum wir die Zukunft in Ordnung bringen müssen.

Berkeley, Kalifornien, Juli 2017

Einleitung – Alles schon mal da gewesen

Die Zukunft ist kaputt – diesen Eindruck kann man zumindest bekommen. Wir stecken zwischen den Betriebssystemen zweier ganz unterschiedlicher Kulturen. Das System des 20. Jahrhunderts hat ausgedient, doch das, was an seine Stelle getreten ist, eine angeblich für das 21. Jahrhundert aktualisierte Version, funktioniert nicht so, wie sie sollte. Die Anzeichen für das Dilemma sind überall zu erkennen: der Niedergang der Industriewirtschaft, die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die strukturelle Arbeitslosigkeit, das kulturelle Unbehagen, der Zerfall der internationalen Bündnisse aus der Zeit nach dem Kalten Krieg, der Niedergang der Mainstream-Medien, der Vertrauensverlust in traditionelle Institutionen, das Ende des Rechts-Links-Schemas in der Politik, eine epistemologische Krise der »Wahrheit« und eine populistische Revolte gegen das Establishment. Und während wir nur allzu gut wissen, was alles nicht mehr funktioniert, haben wir offenbar keine Ahnung, wie wir das System wieder in Ordnung bringen können.

Was ist die Ursache dieser gewaltigen Verwerfungen? Die einen nennen als Grund ein Zuviel an Globalisierung, die anderen ein Zuwenig. Die einen suchen die Schuld beim Neoliberalismus, also der Wall Street und dem Finanzkapitalismus mit seiner unersätt­lichen Profitgier. Wieder andere sehen die Ursache in unserer neuen, instabilen Weltordnung, allen voran dem autoritären Regime in Russland, das ihrer Ansicht nach Europa und die Vereinigten Staaten mit einer Flut der Desinformation destabilisiert. Dazu kommen der fremdenfeind­liche Reality-TV-Populismus eines Donald Trump und der Erfolg des Brexit-Votums in Großbritannien, auch wenn sich nicht genau sagen lässt, ob das nun die Ursachen oder die Folgen unseres Dilemmas sind. Klar ist jedoch, dass die Eliten jeden Kontakt zur Stimmung in der Bevölkerung verloren haben. Ihre Krise erklärt nicht nur den Vertrauensverlust, der unseren modernen Demokratien so zu schaffen macht, sondern auch die populistischen Ressentiments gegen die politische Klasse. Aber es hat auch den Anschein, dass wir den Kontakt zu etwas sehr viel Wesentlicherem verlieren als nur zum Establishment des 20. Jahrhunderts – nämlich den Kontakt zu uns selbst. Wir wissen nicht mehr, was es heißt, in diesem Zeitalter des galoppierenden Umbruchs Mensch zu sein.

Wie Steve Jobs gerne sagte, um bei der Präsentation seiner neuen tollen Apple-Produkte die Spannung zu steigern: »One more thing.« Es gibt »noch etwas«, über das wir an dieser Stelle reden müssen – das größte Etwas in der Welt von heute: die Digitale Revolution, die weltumspannende Hypervernetzung durch das Internet, die hinter einem großen Teil dieser Brüche und Verwerfungen steckt.

Im Jahr 2016 nahm ich an einem zweitägigen Workshop des Weltwirtschaftsforums (WEF) teil, der die »digitale Transformation« der Welt zum Thema hatte. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die »Kombinationswirkung« der neuen internetgestützten Technologien, zum Beispiel Mobiltechnologie, Datenwolken, Künstliche Intelligenz, Sensoren und Big-Data-Analyse. »So wie die Dampfmaschine und die Elektrifizierung mit dem beginnenden 18. Jahrhundert ganze Wirtschaftszweige revolutionierten, so verändern die modernen Technologien die Branchen von heute bereits auf dramatische Weise«, so die Schlussfolgerung des Symposiums. 1 Bei diesen gewaltigen Umwälzungen stehen schwindelerregende wirtschaftliche Werte auf dem Spiel. Bis 2025 könne die Weltwirtschaft bis zu 100 Billionen Dollar umsetzen, wenn sie bei der Digitalen Revolution alles richtig mache, so die Verheißung des Workshops.

Aber nicht nur die Industrie wird von der digitalen Technologie auf dramatische Weise umgestaltet. So wie die Industrielle Revolution Gesellschaft, Kultur, Politik und das Bewusstsein des Einzelnen überformte, so krempelt die Digitale Revolution im 21. Jahrhundert weite Bereiche unseres Lebens um. Hier steht weit mehr auf dem Spiel als 100 Billionen Dollar. Die strukturelle Arbeitslosigkeit, die Ungleichheit, die Erosion von Normen und Werten, das Misstrauen und der populistische Zorn unserer verunsicherten Zeiten sind auf die eine oder andere Weise sämtlich eine Folge dieser zunehmend frenetischen Umwälzungen. Vernetzte Technologien – unter anderem ermöglicht durch Steve Jobs’ große Erfindung, das iPhone – im Zusammenspiel mit anderen digitalen Technologien und Geräten reißen unser politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben aus den vertrauten Bahnen. Die Digitale Revolution stellt ganze Branchen auf den Kopf, von der Bildung und dem Transportwesen über die Medien und das Finanzsystem bis hin zum Gesundheitswesen und dem Gastgewerbe. Vieles, was uns in der Industriegesellschaft selbstverständlich erschien – die Form der Arbeit, die Rechte des Einzelnen, die Legitimität von Eliten und selbst das Menschsein an sich –, wird in diesem neuen Zeitalter der kreativen Zerstörung radikal infrage gestellt. Gleichzeitig verwandelt sich Silicon Valley in eine zweite Wall Street, wenn sich die milliardenschweren Unternehmer zu Herren des Universums aufschwingen. Im Jahr 2016 schütteten Technologiekonzerne beispielsweise mehr Bonuszahlungen (in Aktienform) an ihre Mitarbeiter aus als die Wall Street. 2 Unser neues Jahrhundert wird also zu einem vernetzten Jahrhundert. Aber zumindest bislang ist es auch eine Zeit der größer werdenden wirtschaftlichen Ungleichheit, der Arbeitsplatzunsicherheit, der kulturellen Konfusion, der politischen Verwirrung und der existenziellen Angst.

Das was natürlich alles schon einmal da. Der Workshop zur »digitalen Transformation« erinnerte uns daran, dass schon zwei Jahrhunderte zuvor die Industrielle Revolution die Welt auf den Kopf stellte und Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik radikal neu erfand. Damals gab es drei große Reaktionen auf all diese verwirrenden Veränderungen: Ja, Nein oder Vielleicht.

Reaktionäre, Maschinenstürmer und Romantiker wollten die neue Technik zerstören und in die Vergangenheit zurückkehren, die ihnen wie ein goldenes Zeitalter vorkam. Idealisten – zu denen Kapitalisten ironischerweise genauso zählten wie Kommunisten – waren der Ansicht, dass die neuen industriellen Produktionsformen schließlich ein Schlaraffenland des grenzenlosen Wohlstands schaffen würden, wenn man sie nur ließe. Und daneben gab es noch die Reformer und Realisten, eine breites Spektrum aus verantwortungsbewussten Politikern aller Parteien, Unternehmern, Arbeitnehmern, Philanthropen, Staatsdienern, Gewerkschaftern und Bürgern, die versuchten, die von der neuen Technik verursachten Probleme zu lösen, indem sie an die Selbstbestimmung des Menschen appellierten.

Die Frage, ob uns der aktuelle dramatische Umbruch tatsächlich nutzt, wird wie damals mit Ja, Nein oder Vielleicht beantwortet. Romantiker und Fremdenhasser lehnen die globalisierende Technologie ab, weil sie angeblich gegen die Naturgesetze oder gar die »Menschlichkeit« selbst verstößt (im Digitalzeitalter ein so überstrapaziertes wie unterdefiniertes Wort). Technikutopisten aus Silicon Valley und einige Kritiker des Neoliberalismus sind dagegen der Ansicht, die Digitale Revolution werde sämtliche Menschheitsprobleme ein für alle Mal lösen und uns in ein postkapitalistisches Schlaraffenland katapultieren. In ihren Augen ist dieser Wandel im Grunde unvermeidlich. 3 Und dann gibt es da noch die Vertreter des Vielleicht, zu denen ich mich zähle: weder Pessimisten noch Optimisten, sondern Realisten und Reformer, die erkennen, dass unsere Gesellschaft heute vor der gewaltigen Herausforderung steht, die Probleme dieser Umwälzungen zu bewältigen, ohne die Technologie zu verdammen oder zu glorifizieren.

Dies ist also ein Vielleicht-Buch, das davon ausgeht, dass sich die Digitale Revolution, ähnlich wie die Industrielle Revolution vor ihr, erfolgreich bezähmen, regulieren und reformieren lässt. Es bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass die besten Aspekte dieses Umbruchs – die gesteigerte Innovationskraft, Transparenz, Kreativität und der frische Wind – zu einer Verbesserung der Welt beitragen können. Und es skizziert eine Reihe von geeigneten rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen, ethischen und Bildungsreformen, die dabei helfen können, unsere gemeinsame Zukunft in Ordnung zu bringen. Genau wie die Digitale Revolution von der Kombinationswirkung unterschiedlicher Technologien getragen wird, wie der WEF-Workshop feststellte, so besteht die Lösung ihrer zahlreichen Probleme darin, mehrere Ansätze miteinander zu kombinieren. Ein Patentrezept für die ideale Gesellschaft, egal ob digital oder analog, gibt es nicht. Und so gibt es auch nicht die eine Lösung – sei es die entfesselte Marktwirtschaft oder die allgegenwärtige staatliche Kontrolle. Vielmehr bedarf es einer Strategie, die staatliche Aufsicht, zivilgesellschaftliche Ver­antwortung, Arbeitnehmer- und Verbraucherinitiativen, Innovation durch Wettbewerb und neue Bildungsansätze miteinander in Einklang bringt. Eine ähnlich vielseitige Herangehensweise war es auch, mit der man schließlich viele der gravierendsten Probleme der Industriellen Revolution in den Griff bekam.

Vielleicht können wir uns retten. Vielleicht können wir unsere Lage verbessern. Aber nur vielleicht. Mit diesem Buch möchte ich eine Landkarte skizzieren, die uns hilft, uns im unbekannten Gelände der vernetzten Gesellschaft zu orientieren. Um eine solche Karte anzufertigen, habe ich einige Hunderttausend Kilometer zurückgelegt – von Nordkalifornien, wo ich lebe, über Estland, Indien, Singapur, Russland und Westeuropa zurück in die Vereinigten Staaten. Ich habe mit Regierungschefs, Ministern, Start-up-Gründern, Medienmanagern, Wettbewerbsrechtlern, Anwälten für Arbeitsrecht, EU-Kommissaren, führenden Risikokapitalgebern und einigen der weitsichtigsten Zukunftsforschern von heute gesprochen. Alles, was ich hier schreibe, verdanke ich diesen Menschen. Meine Aufgabe war es nur, die Punkte zu verbinden, die sie mit ihren Taten und Ideen gesetzt haben, und daraus eine neue Landkarte entstehen zu lassen.

Einer der visionärsten Teilnehmer des WEF-Workshops war Mark Curtis, Start-up-Gründer, Autor, Designer und Mitgründer von Fjord, einer Londoner Kreativagentur, die zum Beratungsunternehmen Accenture gehört. »Wir brauchen eine optimistische Landkarte der Zukunft, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt«, sagte er zu mir, als ich ihn in seinem Büro im Londoner West End besuchte – eine Landkarte, die uns eine Orientierungshilfe für die Zukunft bietet und uns ein Bild von diesem unbekannten Ort vermittelt.

Ich hoffe, dass dieses Buch diese Landkarte ist. Von der Alten Teppichfabrik in Berlin über die vornehmen Clubs von Bangalore und die Anwaltskanzleien in Boston bis zur Europäischen Kommission in Brüssel zeichnet dieses Buch die Konturen einer neuen Landschaft und zeigt, wie Behörden, Innovatoren, Pädagogen, Verbraucher und Bürger die Zukunft in Ordnung bringen. Doch es gibt keinen Taxiservice, der uns per Wischen oder Mausklick in diese Zukunft transportiert. Nicht einmal die intelligenteste Technologie ist in der Lage, die Probleme zu lösen, die sie selbst verursacht hat. Das können nur wir Menschen. Und genau darum geht es mir in diesem Buch. Ich will zeigen, wie Menschen an unterschiedlichen Orten einige der größten Probleme des Digitalzeitalters lösen, und uns anspornen, sie zum Vorbild zu nehmen.

Kapitel 1 – Das Gesetz der Utopie

Selbstbestimmung

Der Raum stammt aus dem 19. Jahrhundert, doch die Einrichtung ist aus dem 21. Jahrhundert. Das Innere – die oberste Etage eines ehemaligen Berliner Fabrikgebäudes – ist heruntergekommen, der Putz bröckelt von den Backsteinwänden, die Dielen sind krumm getreten, und von den Säulen, auf denen die niedrige Decke ruht, blättert die Farbe. Das vierstöckige Backsteingebäude, eines der wenigen Berliner Überbleibsel aus dem Industriezeitalter, ist die Alte Teppichfabrik. Aber wie so vieles aus dem alten Berlin wird auch dieses heute von neuen Menschen mit neuer Technik gefüllt. Eine Gruppe von Investoren, Unternehmern und Entwicklern hat sich vor einem Großbildschirm versammelt, von dem sie ein blasser, unrasierter Brillenträger konzentriert anstarrt. Alle lauschen gebannt. Der junge Mann auf dem Bildschirm ist eines der bekanntesten Gesichter des Cyberspace.

»Unserer Gesellschaft kommt das Gefühl der Selbstbestimmung abhanden«, erklärt er. »Das ist die existenzielle Bedrohung, vor der wir alle stehen.«

Die Szenerie – der baufällige Raum, das gebannte Publikum, das pixelige Gesicht auf dem Bildschirm – erinnert mich an den legendären Fernsehspot, mit dem Apple 1984 während der Super-Bowl-Übertragung für den ersten Macintosh warb. In dieser Werbung für das Gerät, mit dem das Computerzeitalter eingeläutet wurde, spricht ein Mann in einer ähnlichen Fabrikhalle von einem ähnlich großen Bildschirm zu einer Gruppe ähnlich gebannter Zuhörer. Nur dass der Mann in der Macintosh-Werbung eine Art Big Brother ist, der allgegenwärtige Diktator aus Orwells dystopischem Zukunftsroman 1984. Der junge Mann auf dem Berliner Bildschirm dagegen ist ein Feind der Diktatur. Wenn überhaupt, dann könnte man ihn als Opfer der Tyrannei bezeichnen.

Der Mann heißt Edward Snowden. Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Verräter. Aber wie auch immer, er ist ein früherer CIA-Mitarbeiter, der Geheiminformationen über eine Reihe von Überwachungsprogrammen von amerikanischen Geheimdiensten veröffentlicht und sich in Wladimir Putins Russland geflüchtet hat, von wo aus er nun überwiegend im Cyberspace mit dem Rest der Welt kommuniziert.

Das Berliner Publikum hat sich in der Alten Teppichfabrik zu einer Veranstaltung mit dem Titel »Decentralized & Encrypted« eingefunden, sie wird von der Risikokapitalgesellschaft BlueYard Capital veranstaltet. Genau wie dieses Buch will die Konferenz herausfinden, wie sich die Zukunft richten lässt. »Wir müssen unsere Werte nicht nur in Texten festschreiben, sondern auch in den Anwendungen und der Struktur des Internets«, heißt es in der Einladung. Es geht darum, die digitale Technologie moralisch aufzuladen, damit das Internet unsere Werte verkörpert.

Der Snowden auf dem Berliner Bildschirm ist der menschliche Widerstand in Person. Unverwandt blickt er ins Publikum und wiederholt seine Botschaft. Doch diesmal beschreibt er nicht unsere kollektive Ohnmacht – seine Botschaft ist vielmehr ein Ruf zu den Waffen.

»Ja, was wir verlieren, ist das Gefühl für unsere gesellschaftliche Selbstbestimmung«, wiederholt er.

Es scheint angemessen, dass er seine Gedanken im Cyberspace kommuniziert. Das Wort »Cyberspace« selbst wurde 1984 vom Science-Fiction-Autor William Gibson in seinem Roman ­Neuromancer geprägt, um einen neuen Kommunikationsbereich zwischen Computern zu beschreiben. Es basiert wiederum auf dem Begriff »Kybernetik«, der Wissenschaft der vernetzten Kommunikation, die Mitte des 20. Jahrhunderts vom Mathematiker Norbert Wiener am Massachusetts Institute of Technology (MIT) begründet wurde. Und Wiener benannte seine neue Wissenschaft seinerseits nach dem altgriechischen Wort kybernetes, das einen Steuermann oder Lotsen bezeichnet. Es ist kein Zufall, dass Wiener, der zusammen mit seinen MIT-Kollegen Vannevar Bush und J. C. R. Licklider als einer der Väter des Internets gilt, 1 diesen Namen wählte. Wiener hatte die Hoffnung, dass uns die vernetzte Technologie in eine bessere Welt führen würde. Diese Annahme, die neben Bush und Licklider auch Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak sowie viele andere Vordenker des 20. Jahrhunderts teilten, ging davon aus, dass uns die neue Technologie in den Stand versetzte, unsere Gesellschaft umzukrempeln. »Sie werden sehen, warum 1984 nicht wie 1984 wird«, versprach die Apple-Werbung in der Super-Bowl-Pause und verhieß ein Gerät, das die Welt für immer verändern würde.

Diesen Optimismus teilt Edward Snowden in seinem virtuellen Vortrag in der Alten Teppichfabrik nicht. Über den Cyberspace, vermutlich aus einem russischen Versteck einige Tausend Kilometer östlich von Berlin, warnt er sein Publikum, dass die moderne Technologie – das allgegenwärtige Netzwerk, das jede unserer Handlungen ausspionieren und kontrollieren kann – uns die Fähigkeit nimmt, unsere Zukunft selbst zu gestalten. Die Technik ist kein Lotse mehr, sondern ein Gefängniswärter.

»Das Recht auf Privatsphäre ist das Recht an der eigenen Person. Es geht um Macht. Es geht um die Notwendigkeit, unsere Achtung zu bewahren und in Ruhe gelassen zu werden«, erklärt Snowden auf dem Bildschirm. An diesem Ort aus dem 19. Jahrhundert spricht er die Vorstellung von der Unverletzlichkeit unserer Privatsphäre aus, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat.

Von einem geheimen Ort in Russland aus stellt Edward Snowdon seinem Berliner Publikum eine entscheidende Frage: »Was bedeutet es, dass wir alle transparent sind und keine Geheimnisse mehr haben?« Und er hat auch eine Antwort. Seiner Ansicht nach bedeutet es, dass wir nicht mehr existieren. Snowden sieht unser unverbrüchliches Recht auf unsere Privatsphäre anders als die Romantiker des 19. Jahrhunderts. 2 Er erinnert eher an die Argumentation, die der Bostoner Anwalt Samuel Warren und der spätere Verfassungsrichter Louis Brandeis 1890 in einem Artikel im Harvard Law Review aufmachten. In einer Reaktion auf die damals neue Fotografie erklärten sie: »Einsamkeit und Privatheit sind wesentlich für den Einzelnen«; deshalb sei »das Recht, in Ruhe gelassen zu werden«, ein »allgemeines Recht auf Unverletzlichkeit der Person«. Außerdem sprachen sie von einem »Recht an der eigenen Persönlichkeit.« 3

Aber wie sollen wir einen Wert aus dem 19. Jahrhundert im Alltag des 21. Jahrhunderts aufrechterhalten? Lässt sich Selbstbestimmung im Digitalzeitalter neu erfinden?

Auf dem Höhepunkt des Macintosh-Spots aus dem Jahr 1984 kommt eine junge Frau in rot-weißem Trainingsanzug in die Fabrikhalle gelaufen, schleudert einen Hammer nach dem Bildschirm und zerschmettert das Bild von Big Brother. Sie ist natürlich keine Maschinenstürmerin, denn in dem einminütigen Werbefilmchen ging es schließlich darum, die Millionen Zuschauer zum Kauf eines neuartigen, 2500 Dollar teuren Tischcomputers zu bewegen. Doch der Apple-Spot erinnert uns daran, dass wir mit unserer Selbstbestimmung in der Lage sind, die Welt zu verändern und uns gegen all diejenigen zu wehren, die uns unserer Rechte berauben wollen.

Die Frage, die Edward Snowden auf dieser Veranstaltung in Berlin aufwarf, steht auch im Mittelpunkt dieses Buchs: Wie können wir gegenüber der Technologie unsere Selbstbestimmung zurückgewinnen? Wie werden wir wie diese junge Frau aus der Macintosh-Werbung wieder zu Steuerleuten und Lotsen unserer eigenen Angelegenheiten?

Das Mooresche Gesetz

Edward Snowden hat Recht. Unsere Zukunft ist kaputt. Sie hat ein Loch. In den vergangenen fünfzig Jahren haben wir revolutionäre neue Technologien erfunden – allen voran den PC, das Internet, die Künstliche Intelligenz und die virtuelle Realität –, die unsere Gesellschaft von Grund auf verändern. Aber etwas fehlt in dieser Welt der Daten, eine Sache wurde im neuen Betriebssystem vergessen.

Wir.

In der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts haben wir vergessen, wo unser Platz, der Platz des Menschen, ist. Und das ist das Loch. Und die Zukunft, unsere Zukunft, wird so lange nicht funktionieren, solange wir dieses Loch nicht füllen.

Alles wird andauernd aktualisiert, nur der Mensch nicht. Es gibt keine menschliche Entsprechung für das Mooresche Gesetz, 4 das auf den Intel-Mitgründer Gordon Moore zurückgeht. Dieser hatte 1965 prognostiziert, dass sich die Leistungsfähigkeit von Prozessoren alle anderthalb Jahre verdoppeln würde, und heute, ein halbes Jahrhundert später, bleibt das Gesetz 5 der Motor dessen, was Thomas Friedman das »Zeitalter der Beschleunigung« nennt. 6 Das heißt, dass das iPhone in Ihrer Tasche um ein Unvorstellbares schneller, vernetzter, leistungsstärker und intelligenter ist als sein Urahn, der einst revolutionäre Macintosh, geschweige denn die riesigen Großrechner, die Mitte der sechziger Jahre ganze Räume füllten. Doch obwohl Propheten der Singularität uns die unmittelbar bevorstehende Verschmelzung von Mensch und Maschine verheißen (Ray Kurzweil, Googles oberster Zukunftsforscher, erwartet dieses Ereignis für das Jahr 2029), sind wir Menschen heute weder schneller noch intelligenter oder bewusster als 1965.

Was Friedman beschönigend als »Kluft« zwischen Mensch und Technik bezeichnet, ist in Wirklichkeit »die zentrale Ursache für viele politische und gesellschaftliche Turbulenzen in aller Welt [und] vermutlich die größte Herausforderung für die Politik der Gegenwart«. 7 Und Joi Ito, der Leiter des MIT Media Lab, warnt, wenn sich alles schnell entwickelt, nur der Mensch nicht, dann ist die Konsequenz ein gewaltiges gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches »Schleudertrauma«. 8

Wenige haben sich so eingehend mit dieser Ungleichzeitigkeit beschäftigt wie der Mann, den Thomas Friedman als seinen »Lehrer« bezeichnet – der Philosoph Dov Seidman, Autor von How und Chef der Beratungsfirma LRN, die Unternehmen in ethischen, kulturellen und Führungsfragen berät. 9, 10

Seidman erinnert uns daran, dass es für den menschlichen Fortschritt kein Mooresches Gesetz gibt und dass Technik keine moralischen Probleme lösen kann. Vor allem hat er mir in zahlreichen Gesprächen klargemacht, dass sich die hypervernetzte Welt des 21. Jahrhunderts nicht nur äußerlich, sondern von Grund auf von der Vergangenheit unterscheidet. Und da sich die Welt viel schneller verändert hat als wir Menschen, müssen wir jetzt alles tun, um diesen moralischen Rückstand wieder aufzuholen, so Seidman.

Seidman bezeichnet Computer als »unser externes oder Zweitgehirn«. Doch aus evolutionärer Sicht habe sich hier ein »exponentieller Sprung« ereignet, und das neue Gehirn habe unser Herz, unsere Moral und unsere Vorstellungen überrundet. Wir seien so sehr damit beschäftigt, auf dieses Zweithirn zu starren, dass wir vergessen, uns auf intelligente Weise um unsere ureigensten menschlichen Bedürfnisse zu kümmern, so Seidman. Während diese Geräte immer schneller werden, scheinen wir selbst im Stillstand zu verharren; während sie immer mehr Daten über uns erzeugen, werden wir selbst nicht intelligenter; und während sie immer mehr Macht an sich reißen, laufen wir Menschen Gefahr, die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Vielleicht stehen wir daher nicht an der Schwelle zur Singu­larität, sondern zu ihrem Gegenteil, einem Zustand, den man als »Dualität« bezeichnen könnte: einer immer tieferen Kluft zwischen Menschen und intelligenten Maschinen, und zwischen Technologiekonzernen und dem Rest der Menschheit.

Dov Seidman hat Recht: Das Mooresche Gesetz hat uns entwurzelt. Wir scheinen auf eine Welt zuzutreiben, die wir weder verstehen noch wirklich wollen. Und mit diesem Gefühl der Ohnmacht wächst auch unser Misstrauen gegenüber unseren traditionellen Institutionen. Das Edelman Trust Barometer, das weltweit Befragungen zum Thema Vertrauen durchführt, verzeichnete 2017 den größten jemals beobachteten Vertrauensverlust in unsere gesellschaftlichen Institutionen. Rund um den Globus erlebten Politiker und staatliche Institutionen einen beispiellosen Absturz, die Medien genossen in 17 Ländern weniger Vertrauen als je zuvor. Grund sind nach Ansicht von Richard Edelman die Finanzkrise des Jahres 2008, aber auch die Globalisierung und der technische Wandel. 11 Diesem Vertrauensschwund zu begegnen ist »die große Aufgabe unserer Zeit«, sagte mir Edelman, als ich ihn in New York aufsuchte.

Das scheint widersprüchlich. Einerseits hat die Digitale Revolution das Potenzial, unser aller Leben in Zukunft zu bereichern. Andererseits verschärft sie die wirtschaftliche Ungleichheit, die Arbeitslosigkeit und die Erosion unserer Normen und Werte. Das Internet wollte die Menschen zu einer einzigen Nation zusammenschweißen – dem globalen Dorf, wie es der kanadische Medienprophet Marshall McLuhan nicht ganz unironisch nannte. Doch die Dualität von heute beschränkt sich nicht nur auf die Kluft zwischen Mensch und Maschine, sondern sie beschreibt auch das immer größer werdende Gefälle zwischen Arm und Reich, zwischen den technologisch Überlasteten und den technologisch Abgehängten und zwischen dem analogen Rand und dem digitalen Zentrum.

Die Landkarte ist die Botschaft

Ähnlich wie während anderer radikaler Umbrüche der Vergangenheit leben wir heute in einer utopischen und dystopischen Zeit zugleich. Utopisten verheißen uns eine Zukunft, in der Milch und Honig fließen, Untergangsprediger prophezeien die unmittelbar bevorstehende Apokalypse. Doch das eigentliche Problem sind weniger unsere neuen Betriebssysteme als wir selbst. Wenn wir die Zukunft in Ordnung bringen wollen, müssen wir also zuallererst aufhören, die Technik zu glorifizieren oder zu verteufeln. Letzteres ist weitaus schwieriger. Wir müssen uns darauf besinnen, wer wir selbst sind. Wenn wir entscheiden wollen, wohin die Reise gehen soll, müssen wir wissen, woher wir kommen.

Und noch etwas ist widersprüchlich. Alles scheint sich zu wandeln, aber in anderer Hinsicht hat sich im Grunde genommen gar nichts verändert. Es heißt, dass wir eine noch nie dagewesene Revolution erleben – für die einen ist es die größte Revolution der Menschheitsgeschichte, für die anderen eine beispiellose existenzielle Bedrohung der menschlichen Art. Das mag zwar nicht falsch sein, doch wir kennen ähnliche Prophezeiungen schon aus der Vergangenheit. So warnte Anfang des 19. Jahrhunderts der romantische Dichter William Blake vor den »Satansmühlen« und ihren katastrophalen Auswirkungen für die Menschheit. Die Zukunft war schon oft kaputt, aber genauso oft wurde sie wieder in Ordnung gebracht. Das ist die Geschichte der Menschheit. Wir machen Dinge kaputt und reparieren sie – mithilfe von Gesetzgebern, Innovatoren, Bürgern, Verbrauchern und Pädagogen – wieder, so wie wir das immer getan haben. Die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Missstände – Macht und Reichtum der Eliten, wirtschaftliche Monopole, zu starke oder zu schwache Staaten, entfesselte Märkte, Massenarbeitslosigkeit, die Aushöhlung individueller Rechte, kultureller Niedergang, das Verschwinden von öffentlichen Räumen oder die existenzielle Frage nach der Rolle des Menschen – sind heute immer noch dieselben wie in früheren Krisen.

Bei genauerem Hinsehen finden sich immer wieder solche Momente in der Geschichte. Im Dezember 1516 wurde beispielsweise in Louvain, einer Universitätsstadt in den damaligen spanischen Niederlanden, ein Büchlein veröffentlicht. Es erschien in einer Welt, die noch größere wirtschaftliche Verwerfungen und noch tiefere Existenzkrisen durchlebte als unsere heutige. Die Vorstellungen der feudalen Welt waren bis in die Grundfesten erschüttert. Die Zeit war von wirtschaftlicher Ungleichheit, Massenarbeitslosigkeit und Weltuntergangsstimmung geprägt. Der polnische Astronom Nikolaus Kopernikus war gerade zu der schier unvorstellbaren Erkenntnis gelangt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums war. Die demokratisierende Technik von Johannes Gutenbergs Druckerpresse untergrub die seit Jahrhunderten bestehende Macht des katholischen Klerus. Schlimmer noch, populistische Prediger wie Martin Luther hatten eine entsetzliche neue Theologie der Vorhersehung erdacht, die den christlichen Gott mit einer derartigen Machtfülle ausstattete, dass den Menschen kein freier Wille mehr blieb, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vielen Menschen des 16. Jahrhunderts muss die Zukunft wie ein bodenloser Abgrund vorgekommen sein. Neue Welt- und Gottesbilder schienen sie zu Fußnoten zu degradieren. Sie wussten nicht mehr, wo ihr Platz im Universum war und wie sie ihr Leben selbst bestimmen konnten.

Besagtes Büchlein lässt sich unter anderem als Versuch verstehen, die Zukunft wieder einzurenken und das Vertrauen der Menschen in ihre eigene Selbstbestimmung wiederherzustellen. Es war nicht mehr als ein Pamphlet, geschrieben von einem Mann, der als Ketzer verschrien und heiliggesprochen werden sollte, ein Anwalt und Mönch, Landbesitzer und Vorkämpfer der Landlosen, vulgärer mittelalter­licher Spaßmacher und gebildeter klassischer Gelehrter, Humanist und Katholik, Apologet und Kritiker des alten Betriebssystems des Europa des 16. Jahrhunderts.

Sein Name war Thomas Morus, und das Buch, das er auf Lateinisch schrieb, trug den Titel Utopia – was sich als »Nirgendwo« oder als »guter Ort« übersetzen lässt. Morus stellte sich eine Insel vor, die außerhalb von Raum und Zeit existierte, ein Land, das Traum wie Albtraum war, mit einer staatlich kontrollierten Wirtschaft und Vollbeschäftigung, ohne jede Privatsphäre, mit relativer Gleichberechtigung von Mann und Frau und einem intimen Vertrauensverhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten. In Morus’ Utopia gab es keine Rechtsanwälte, keine teuren Kleider und keine leeren Vergnügungen. Dieser Nicht-Ort war und ist eine Provokation, er ist stets am Horizont als ewige Kampfansage an die Mächtigen, verführerische Verheißung und finstere Warnung zugleich.

Heute, fünf Jahrhunderte nach der Veröffentlichung, hört man, dass Utopia ein »Comeback« erlebt. 12 Aber in Wirklichkeit ist Morus’ Schöpfung nie in Vergessenheit geraten. Utopia ist immer und überall relevant und das Buch so zeitlos wie zeitgemäß. Und auch jetzt, da wir von einer Industrie- in eine Netzwerkgesellschaft übergehen, bleiben die großen Fragen, die Morus in seinem Büchlein aufwirft – der Zusammenhang von Privatsphäre und Freiheit, der Sozialstaat, die Rolle der Arbeit in einer gesunden Gesellschaft, die Bedeutung des Vertrauens zwischen Herrschenden und Beherrschten und die Verpflichtung aller Bürger gegenüber ihrer Gemeinschaft –, so aktuell wie eh und je. Der Dichter Oscar Wilde brachte diese Zeitlosigkeit auf den Punkt, als er zu dem damals neuen Betriebssystem des Industrie­kapitalismus anmerkte: »Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie lässt die eine Küste aus, an der die Menschheit ewig landen wird. Und wenn die Menschheit da angelangt ist, hält sie Umschau nach einem bessern Land und richtet ihre Segel dahin.« Das schrieb er 1891 in »Der Sozialismus und die Seele des Menschen«, seiner Kritik an den unmoralischen Fabriken und Schlachthöfen der Industriegesellschaft. 13

Was also ist die zentrale Botschaft – das Morus’sche Gesetz, wenn man so will – dieses rätselhaften Buchs aus dem 16. Jahrhundert?

Diese Frage hat Generationen von Denkern beschäftigt. Einige sind der Ansicht, Morus trauere der Allmende nach, dem Gemeindeland der traditionellen mittelalterlichen Gemeinschaft. Progressive Denker wie Oscar Wilde sahen in dem Buch eine moralische Kritik am aufkeimenden Kapitalismus, während Konservative darin eine erbarmungslose Satire des Agrarkommunismus erkennen wollen. Wieder andere erinnern daran, dass Morus ein guter Freund des niederländischen Theologen Erasmus von Rotterdam war, des Autors von Lob der Torheit, und halten das Buch deshalb für einen einzigen Witz, die schlauste aller menschlichen Torheiten.

Für all diese unterschiedlichen Deutungen finden sich Anhaltspunkte in diesem schwer zu fassenden Text. Es gibt jedoch noch eine ganz andere Lesart des Buchs, das zwischen 1516 und 1518 in vier Auflagen gedruckt wurde; die erste erschien in Louvain, die zweite in Paris und die dritte und vierte, die nach Ansicht von Historikern den Absichten des Autors am nächsten kommt, in Basel. 14 Der auffälligste Unterschied zwischen der ersten und den beiden letzten Ausgaben ist eine Karte der fiktiven Insel. Der Basler Druck enthält eine detaillierte Landkarte, die von Erasmus in Auftrag gegeben und wahrscheinlich von dem Renaissancemaler Hans Holbein dem Jüngeren ausgeführt wurde.

Diese Landkarte könnte ein Hinweis auf die Botschaft des Buchs sein. Auf den ersten Blick zeigt sie ein hügeliges Eiland mit einer befestigten Stadt in der Mitte und im Vordergrund einem Hafen, vor dem zwei Schiffe ankern. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch eine ganz andere Landschaft. Wenn man ein Auge zukneift und das Bild ein wenig schräg ansieht, verwandelt sich Utopia mit einem Mal in einen grinsenden Totenschädel, ein Memento mori, ein Symbol für die Sterblichkeit des Menschen, das in der klassischen lateinischen und der mittelalterlichen europäischen Literatur verbreitet war. Die Insel selbst ist der Schädel, ein Schiff ist Hals und Ohr, das andere der Unterkiefer, wobei der Rumpf die Zähne sind und der Mast die Nase. 15

Aber was brachte den Künstler dazu, die Karte von Utopia in einen Schädel zu verwandeln? Wie so oft bei Thomas Morus und anderen Humanisten des frühen 16. Jahrhunderts verbirgt sich hier ein esoterisch-humoristisches Element, das Memento mori spielt mit dem Nachnamen Morus, und die Darstellung der Insel als Schädel ist eine klassische menschliche Torheit im Stile von Erasmus. Doch die Karte enthält noch eine weitere, lebensbejahende Botschaft, die, genau wie der in der Karte versteckte Schädel, nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts führten Morus, Erasmus und andere Humanisten eine heftige Debatte mit Reformatoren wie Luther, in der es unter anderem um die Willensfreiheit des Menschen ging. Nach Ansicht von Luther war Gottes Macht derart absolut, dass den Menschen keinerlei Selbstbestimmung mehr blieb. Die Humanisten hielten jedoch an der Vorstellung der Willensfreiheit fest. Utopia ist ein Ausdruck dieser Willensfreiheit. Indem Morus eine ideale Gesellschaft erfand, demonstrierte er, dass wir in der Lage sind, uns eine bessere Welt vorzustellen. Und indem er seinen Lesern seine Vision dieser Gemeinschaft vortrug, lud er sie ein, über die realen Probleme in ihrer eigenen Gesellschaft zu diskutieren.

Utopia war also eine Aufforderung zum Handeln. Das Buch geht davon aus, dass wir über die Fähigkeit verfügen, unsere Welt selbst zu gestalten und zu verbessern. Das ist die andere Bedeutung des grinsenden Schädels in Holbeins Karte. Im Alten Rom erinnerte man mit dem Memento mori siegreiche Generäle daran, dass auch sie sterblich waren. »Memento mori. Respice post te. Hominem te esse memento«, rief ein Sklave dem heimkehrenden General bei seinem Triumphzug zu. »Erinnere dich daran, dass du sterben wirst. Aber bis dahin, denk daran, dass du ein Mensch bist.« Im heidnischen Rom war der Totenschädel nicht nur ein Symbol des Todes, sondern auch des Lebens. Er gemahnte daran, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen und sich im öffentlichen Leben nützlich zu machen, solange man noch die Gelegenheit dazu hatte.

Im Gegensatz zum technischen Determinismus des Mooreschen Gesetzes erinnert uns das Morus’sche Gesetz an unsere Pflicht, unsere Welt zu gestalten. Auch in Utopia ist oft die Rede von unserer Pflicht gegenüber der Gemeinschaft. »Denn alle Gesetze werden nur zu dem Zweck gemacht und verkündet, dass niemand seine Pflichten vergisst«, schreibt Morus.

Das Morus’sche Gesetz definiert also, was es heißt, ein gesellschaftlich verantwortlicher Mensch zu sein. Morus versuchte nicht nur, selbst danach zu leben, sondern er starb auch dafür, hingerichtet von Heinrich VIII., weil er sich weigerte, dem britischen Monarchen den Segen zur Scheidung von seiner ersten Frau zu geben. Nach Ansicht des Humanisten bedeutet Menschsein, die Zügel des eigenen gesellschaftlichen und weltlichen Schicksals selbst in die Hand zu nehmen.

Heute, im Zeitalter der Beschleunigung und fünf Jahrhunderte nach der Veröffentlichung von Utopia, fühlen sich viele dem scheinbar unvermeidlichen technischen Wandel, der unsere Gesellschaft so radikal verändert, ohnmächtig ausgeliefert. Doch Morus erinnert uns daran, dass es unsere Pflicht ist, unsere Angelegenheiten selbst zu regeln und Lotsen unserer Gesellschaft zu sein. Das machte nicht nur schon im 16. Jahrhundert unsere Menschlichkeit aus, sondern auch heute.

»Hominem te esse memento«, rief der römische Sklave dem siegreichen General zu. Heute können wir scheinbar nicht anders, als zielstrebig Kurs auf die neue hypervernetzte Gesellschaft zu nehmen. Wir sollten uns diese Worte ins Gedächtnis rufen, wenn wir um unseren Platz in dieser unbekannten Welt kämpfen.

Trend Mensch

Im Einleitungskapitel zu seinem Bestseller Thank You for Being Late: Ein optimistisches Handbuch für das Zeitalter der Beschleunigung feiert Thomas Friedman das Mooresche Gesetz über fünfzig Seiten hinweg als eine Art Naturgesetz für die Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts. 16 Doch Gordon Moores Beobachtung zur Leistungssteigerung von Mikroprozessoren ist kein geeigneter Kompass, weder für Optimisten noch für Pessimisten. Denn, wie Dov Seidman zu Recht feststellt, dieses Gesetz sagt rein gar nichts über uns Menschen aus.

Das Morus’sche Gesetz hilft da schon weiter, denn es erklärt, wie wir das Loch in der Zukunft mit unserer Selbstbestimmung füllen können. In der IT-Branche ist das Schlagwort »Mensch« heute Trend. Der Showdown mag nicht ganz so brutal ausfallen wie der Cage Fight »Mensch gegen Maschine« 17 oder »Mensch gegen Computer«, 18 den einige Zukunftsforscher an die Wand malen, doch die menschlichen Kosten der Digitalen Revolution werden in unserer digitalen Gesellschaft zunehmend zum zentralen Problem. Alle scheinen zu erkennen, dass wir auf eine Konfrontation zulaufen, die der israelische Historiker Yuval Noah Harari als »Dataismus vs Humanismus« zuspitzt – seiner Ansicht nach ein unentscheidbarer Kampf zwischen denen, die der Algorithmus kennt, und denen, die sich selbst kennen. 19 Aber jeder scheint seine eigenen Lösung parat zu haben, um dem »Team Mensch«, wie es der Medienguru Douglas Rushkoff nennt, 20 zum Sieg zu verhelfen.

Alle scheinen wissen zu wollen, was es bedeutet, im digitalen Zeitalter Mensch zu sein. Wenige Tage vor der Konferenz »Decentralized & Encrypted« in der Alten Teppichfabrik nahm ich in Berlin an einer Lunch-Runde mit dem etwas drögen Titel »Auf dem Weg zu einer menschenzentrierten Datenrevolution« teil. Im Vormonat hatte ich in Oxford über »den wahren Menschen« gesprochen, in Wien über die »Rückeroberung der Menschlichkeit«, und in einem Vortrag in London hatte ich behauptet, »die Zukunft der Arbeit ist menschlich«. Klaus Schwab, der Schweizer Gründer des Weltwirtschaftsforums, meint, in diesem Interesse einen neuen Humanismus zu erkennen. »Am Ende geht es um Menschen und Werte«, sagt er zu den Auswirkungen der Digitaltechnologie auf die Arbeitswelt; 21 daher benötigen wir, um ihre Probleme lösen zu können, ein »menschliches Narrativ«. 22

Aber um diese »menschliche Erzählung« im Zeitalter der intelligenten Maschinen schreiben zu können, müssen wir erst einmal definieren, was es überhaupt bedeutet, ein Mensch zu sein. »Sobald man die Frage Was ist der Mensch? stellt, wird es zur Religion«, warnte mich Autor und Entwickler Jaron Lanier einmal bei einem Mittagessen in New York, als wir uns auf eine Diskussion über die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf den Menschen vorbereiteten. Vielleicht hat er Recht. Aber in einer Welt, in der wir eine Technik entwickelt haben, die beinahe menschlich ist, scheint es nur natürlich, dass wir dazu neigen, uns mit diesen intelligenten Maschinen zu vergleichen, um herauszufinden, was uns und diese neue Technologie ausmacht. Ganz abgesehen davon – wenn wir nicht mehr an unsere eigene Menschlichkeit glauben, woran können wir dann noch glauben?

Um den Unterschied zwischen Mensch und Maschine zu klären, sprach ich mit Stephen Wolfram, Gründer des Softwareunternehmens Wolfram Research und einer der führenden Informatiker und Technologieunternehmer der Welt. Wolfram war Eton-Schüler, studierte in Oxford und an der Caltech, promovierte mit 20 in theoretischer Physik und erhielt im Alter von 22 Jahren als jüngster Stipendiat aller Zeiten ein MacArthur-»Genie«-Fellowship. Außerdem ist er Autor des Bestsellers A New Kind of Science, Entwickler des Softwarepakets Mathematica und des Online-Dienstes Wolfram Alpha, einer Art hyperintelligenten Suchmaschine, die auch im Apple-Assistenten Siri steckt. Und als wäre das alles noch nicht genug, ist er Erfinder von Wolfram Language, einer Programmiersprache, die auf Mathematica und Wolfram Alpha aufbaut und die Kommunikation zwischen Mensch und Computer ermöglichen soll.

Ich lernte Wolfram auf der Next Web Conference in Amsterdam kennen. Doch statt über die abstrakte Zukunft zu sprechen, unterhielten wir uns einen angenehmen Abend lang über unsere persönliche Zukunft – unsere Kinder. Er ist ein Anhänger des Hausunterrichts und unterrichtet seine Kinder zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls Mathematikerin ist. Auch seine Mutter Sybil war Lehrerin – sie unterrichtete Philosophie an der Universität Oxford, und ihr Spezialgebiet war die Sprachphilosophie von Ludwig Wittgenstein.

»Was ich mache?«, wiederholt Wolfram meine Frage nachdenklich, als hätte man ihm, dem Wunderkind und weltberühmten Physiker, nie eine kniffligere Frage gestellt. Dann erklärt er, er versuche, den Menschen beizubringen, die Sprache von Maschinen zu verstehen. Er will der Künstlichen Intelligenz eine Sprache geben, die wir alle verstehen können.

»Ich möchte eine gemeinsame Sprache für Mensch und Maschine entwickeln«, sagt er. »Herkömmliche Computersprachen richten sich an Maschinen. Und Maschinen können keine menschliche Sprache erzeugen.«

Ich frage ihn, was er von der pessimistischen Befürchtung hält, dass Maschinen wirklich intelligent und wir zu ihren Sklaven werden könnten.

Computer – die denkenden Maschinen, die Mitte des 19. Jahrhunderts von der Mathematikerin Ada Lovelace und ihrem Geschäftspartner Charles Babbage erdacht wurden – sind die prägende Erfindung der letzten Jahrhunderte, so Wolfram. Doch es gebe etwas, das sie nicht haben, und das seien »Ziele«, wie er es nennt. Computer wissen nicht, was sie als Nächstes tun sollen. Darauf können wir sie auch nicht programmieren. Sie wären niemals in der Lage, den nächsten Absatz dieses Buchs zu schreiben. Und sie sind nicht in der Lage, die Zukunft in Ordnung zu bringen.

Wolfram ist ein großer Bewunderer von Ada Lovelace, und seine Überlegungen zu den intellektuellen Grenzen der Software gehen auch auf sie zurück. »Die Analytische Maschine soll nichts Eigenes hervorbringen. Sie kann nur das tun, was wir sie zu tun anweisen«, schrieb Lovelace 1843. 23 »Sie soll uns helfen, das verfügbar zu machen, was wir bereits wissen.«

»Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen«, sagt Wolfram und zitiert einen der Aphorismen aus Ludwig Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen. Das trifft auch auf die intelligentesten Denkmaschinen zu, fährt er fort. Wenn eine dieser Maschinen sprechen könnte, dann würden wir sie nicht verstehen, weil wir anders sind. Und wenn Maschinen unsere Sprache sprechen könnten, dann könnten sie uns nicht verstehen, weil wir Ziele haben, während sie, wie Lovelace sagt, »nichts Eigenes hervorbringen« können.

Die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit über »den Menschen« gibt. Zumindest keine absolute. Jede Generation definiert den Menschen nach ihren eigenen Anliegen und Umständen. Der Humanismus der Renaissance begann beispielsweise mit der Wiederentdeckung einer Vergangenheit, die im Mittelalter verschüttet worden war. Für einen Thomas Morus oder Niccolò Machiavelli bedeutete ein Mensch zu sein, in die Roben der Antike zu schlüpfen, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Fünfhundert Jahre später sind unsere Anliegen und Umstände ganz andere. Heute ist unser Menschsein eng damit verknüpft, in welchem Verhältnis wir zur vernetzten Technologie, vor allem zu Denkmaschinen stehen. Wenn es eine neue Renaissance geben soll, dann muss die Beziehung zu intelligenten Maschinen im Mittelpunkt des neuen Humanismus stehen.

Wolframs Definition, die das menschliche Wollen in den Mittelpunkt rückt, ist so zeitlos wie zeitgemäß. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts besteht unsere Einmaligkeit darin, dass wir »Eigenes hervorbringen« können. Das unterscheidet uns von intelligenten Maschinen. Das ist zugleich eine Aktualisierung des Morus’schen Gesetzes, das uns an unsere Sterblichkeit genauso erinnert wie an unsere Verantwortung, die Gesellschaft mitzugestalten.

Um die drängendsten Probleme der Zukunft in den Griff zu bekommen, müssen wir die Menschen in den Mittelpunkt unserer Erzählung stellen; wir brauchen ein »menschliches Narrativ«, wie es Klaus Schwab vom Weltwirtschaftsforum fordert. Genau darum geht es in diesem Buch. Inmitten des digitalen Umbruchs schildert diese Erzählung die vielen Antworten der unterschiedlichsten Menschen an den unterschiedlichsten Orten auf die unterschiedlichsten Probleme unseres neuen Netzwerkzeitalters. Sie bringen die Zukunft in Ordnung. Getreu dem Morus’schen Gesetz versuchen sie, ein neues Betriebssystem zu schaffen – für Menschen, nicht für Maschinen. Sie alle eint die Überzeugung, dass Menschen in diesem Zeitalter der intelligenten vernetzten Maschinen ihr eigenes Schicksal wieder in die Hand nehmen und einmal mehr Autoren ihrer eigenen Geschichte werden müssen.

Kapitel 2 – Ein Werkzeugkasten für die Zukunft

In Betaland

Das Stadtviertel stammt aus dem 19. Jahrhundert, doch es ist voller Dinge aus dem 21. Jahrhundert. Ich besuche meinen alten Freund John Borthwick, Gründer der New Yorker Venture Studios Betaworks, das Technologie-Start-ups ausbrütet. Wir treffen uns im Betaworks-Studio im New Yorker Meatpacking District, einem Viertel von Manhattan, das nach seinen gigantischen Schlachthöfen benannt wurde und heute zu den angesagtesten Stadtteilen zählt. Das Viertel mit seinen Pflasterstraßen, Boutiquen, exklusiven Clubs und Restaurants liegt am südlichen Ende der High Line, der alten New York Central Railroad, die zu einem fünf Kilometer langen Hochpark umgebaut wurde.

Borthwicks Studio befindet sich in einem alten Backsteingebäude, das noch vor nicht allzu langer Zeit eine verlassene Fabrikhalle war und heute ein offenes Kreativbüro ist. Überall sitzen junge Programmierer herum, die »hauseigenen Hacker« von Betaworks, und starren auf Bildschirme. Es ist eine Art Renaissance. Die analoge Fabrik ist als digitale Drehscheibe wiederauferstanden. In einer Industrie­ruine des 19. Jahrhunderts erschaffen diese Hacker die vernetzte Welt des 21. Jahrhunderts.

Doch diese neue Welt befindet sich noch in der Betaversion – so bezeichnen IT-Entwickler Produkte, die noch nicht ganz marktreif sind. Und über diesen aufstrebenden Ort – Betaland, wenn Sie so wollen – will ich mit Borthwick sprechen. Wir sind seit Jahren befreundet. Wie ich begann er während des ersten Internetbooms Mitte der neunziger Jahre als Start-up-Unternehmer. 1994 gründete der Absolvent der Wharton Business School eine Informationswebsite namens Ada Web, in Anspielung auf Ada Lovelace. Drei Jahre ­später verkaufte er Ada Web und einige andere Internetunternehmen an AOL und wurde dort Leiter der Produktentwicklung. Später stand er an der Spitze der Technologieabteilung des Medienriesen Time Warner, um schließlich 2008 sein Unternehmen Betaworks zu gründen. Dort hat er mit Investitionen in erfolgreiche Anbieter wie Twitter und AirBnB ein Vermögen verdient.