Haus ohne Halt - Marilynne Robinson - ebook

Haus ohne Halt ebook

Marilynne Robinson

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Opis

Ein kleiner Ort in den Rocky Mountains, Mitte der 1950er. Hier wachsen die Schwestern Ruth und Lucille bei ihrer Großmutter auf. Nach deren Tod übernimmt ihre Tante Sylvie den Haushalt. Und während die verträumte Ruthie sich von der eigenbrötlerischen Art der Tante angezogen fühlt, sehnt sich Lucille nach Normalität. Die beiden werden einander immer fremder … Eine poetische, gefühlskluge Geschichte über Landstreicherinnen und Heimatlosigkeit, Stille und Anderssein.

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Band 13 der

Marilynne Robinson

Haus ohne Halt

Roman

Aus dem Englischen von Sabine Reinhardt-JostNeu bearbeitet und mit einem Nachwort von Karen Nölle

© 2012

Verlag Silke Weniger, Gräfelfing / Hamburg

herausgegeben von Karen Nölle

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Sabine Reinhardt-Jost

Neu bearbeitet von Karen Nölle

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Housekeeping, erschienen 1980 bei Farrar, Straus & Giroux, Inc, New York, NY. Der Roman erschien 1984 erstmals in deutscher Sprache unter dem Titel Das Auge des Sees beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

© 1980 Marilynne Robinson

Gestaltung und Satz Kathleen Bernsdorf, Berlin

ISBN 978-3-942374-57-6

www.editionfuenf.de

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Wohnen in Möglichkeit

Die Autorin

Die Übersetzerin

Bisher bei uns erschienen

Für meinen Mannund für James und Joseph, Jody und Joel,vier wundervolle Jungen

1 Mein Name ist Ruth. Ich bin mit meiner jüngeren Schwester Lucille unter der Obhut meiner Großmutter Mrs Sylvia Foster aufgewachsen, und als sie gestorben war unter der Obhut ihrer Schwägerinnen Miss Lily und Miss Nona Foster, und als die geflüchtet waren unter der Obhut ihrer Tochter Mrs Sylvia Fisher. Mit all diesen Vorfahren aus verschiedenen Generationen haben wir in demselben Haus gewohnt, dem Haus meiner Großmutter, für sie gebaut von ihrem Mann Edmund Foster, einem Eisenbahnangestellten, der Jahre, bevor ich geboren wurde, von dieser Welt schied. Durch ihn sind wir in dieses abgelegene Nest geraten. Er war im Mittleren Westen aufgewachsen, in einem Haus, das aus der Erde ausgehoben war, mit Fenstern eben über dem Boden beziehungsweise eben auf Augenhöhe, so dass es von außen ein bloßer Buckel war, kaum mehr eine menschliche Behausung als ein Grab, und der Ausblick von innen durch die vollkommene Flachheit dieser Weltgegend derart verkürzt war, dass der Horizont nur das Erdhaus und sonst nichts zu umfassen schien. Daher begann mein Großvater alles zu lesen, was er an Reiseliteratur finden konnte, Tagebücher von Expeditionen in die Gebirge Afrikas, die Alpen, die Anden, den Himalaya und die Rocky Mountains. Er kaufte sich einen Farbkasten und malte die Lithographie eines japanischen Gemäldes des Fudschijama aus einer Illustrierten ab. Auch viele andere Berge malte er, die nicht zu identifizieren waren, wenn sie denn wirklich existierten. Es waren allesamt sanft ansteigende Kegel oder Buckel, einzelne oder mehrere in Haufen oder Gruppen und je nach Jahreszeit grün, braun oder weiß, aber immer mit Schneehauben, und diese Hauben waren je nach Tageszeit rosa, weiß oder golden. Auf einem großen Bild setzte er einen glockenförmigen Berg ganz in den Vordergrund und bestückte ihn mit minuziös gemalten Bäumen, die alle im rechten Winkel zum Boden standen und genau so wuchsen, wie der Flor von gefaltetem Plüschstoff absteht. Jeder Baum trug leuchtende Früchte, und in den Zweigen nisteten bunte Vögel, und alle Früchte und Vögel waren an der Neigung des Bodens ausgerichtet. Übergroße Tiere, gepunktet und gestreift, waren zu sehen, wie sie unbehindert die rechte Seite hinauf- und unbeschleunigt die linke hinunterliefen. Ob das Geniale an diesem Bild Unkenntnis oder Einbildungskraft war, habe ich nie entscheiden können.

Eines Frühlings verließ mein Großvater sein unterirdisches Haus, wanderte zur Eisenbahn und bestieg einen Zug nach Westen. Dem Schalterbeamten sagte er, er wolle in die Berge, und der Mann sorgte dafür, dass er hier abgesetzt wurde, was vielleicht nicht mal ein böser Scherz oder überhaupt ein Scherz war, denn hier gibt es Berge, unzählige Berge, und wo keine Berge sind, stehen Hügel. Das Gelände, auf dem die Ortschaft errichtet wurde, ist ziemlich eben, da es ehemals zum See gehörte. Es sieht aus, als hätten sich vor Urzeiten die Dimensionen der Dinge verschoben und eine Reihe seltsamer Übergänge zurückgelassen, zwischen den Bergen, wie sie mal gewesen sein müssen, und den Bergen, wie sie jetzt sind zum Beispiel, oder zwischen dem See, wie er früher war, und dem See, wie er jetzt ist. Im Frühling kehrt der alte See noch manchmal zurück. Man öffnet eine Kellertür, und vor einem schwimmen Gummistiefel mit den hellen Sohlen nach oben, und Bretter und Eimer klatschen an die Schwelle, und die Treppe ist von der zweiten Stufe an nicht mehr zu sehen. Der Boden quillt, die Erde verwandelt sich in Schlamm und dann in schlickiges Wasser, und das Gras steht bis zu den Spitzen im eisigen Nass. Unser Haus stand am Rand der Stadt auf einer kleinen Anhöhe, so dass wir selten mehr als eine schwarze Pfütze in unserem Keller hatten, auf der ein paar staksige Insekten glitten. Im Obstgarten bildete sich ein länglicher Teich, Wasser so klar wie die Luft, über Gras und schwarzen Blättern und heruntergefallenen Ästen, umgeben von nassem Gras und schwarzen Blättern und heruntergefallenen Ästen, und auf der Oberfläche, schwach wie das Bild in einem Auge, Himmel, Wolken, Bäume, unsere schwebenden Gesichter und kalten Hände.

Als mein Großvater seinen Zielbahnhof erreichte, hatte er eine Anstellung bei der Eisenbahn. Er muss sich mit einem Schaffner angefreundet haben, der ungewöhnlichen Einfluss besaß. Die Stelle war keine besonders gute. Er war Bahn- oder vielleicht Stellwärter. Jedenfalls ging er bei Anbruch der Nacht zur Arbeit und lief bis zum Morgengrauen mit einer Lampe umher. Aber er war ein pflichtbewusster und fleißiger Arbeiter, der zur Beförderung bestimmt war. Binnen zehn Jahren beaufsichtigte er das Be- und Entladen von Vieh und Fracht, und nach weiteren sechs Jahren wurde er stellvertretender Bahnhofsvorsteher. Diesen Posten hatte er zwei Jahre inne, als, bei der Rückkehr von einer Besorgung in Spokane, sein irdisches und berufliches Leben durch eine spektakuläre Entgleisung beendet wurde.

Zwar berichteten Zeitungen aus so entfernten Städten wie Denver und St. Paul von ihr, doch genaugenommen war die Entgleisung gar nicht spektakulär, denn sie wurde von niemandem gesehen. Das Unglück geschah mitten in einer mondlosen Nacht. Der Zug, der schwarz und schnittig war und den Namen Fireball trug, hatte die Brücke bereits mehr als zur Hälfte überquert, als die Lokomotive mit der Schnauze zum See hin kippte und dann der Rest des Zuges hinter ihr her ins Wasser rutschte wie ein Wiesel, das von einem Felsen gleitet. Den Unfall überlebten ein Schlafwagenschaffner und ein Kellner, die auf der rückwärtigen Plattform des Bremswagens gestanden und persönliche Angelegenheiten besprochen hatten (sie waren entfernt miteinander verwandt), aber als richtige Zeugen zählten sie nicht: aus den gleichermaßen einleuchtenden Gründen, dass die Dunkelheit für jedes Auge undurchdringlich gewesen war und dass sie mit dem Blick nach hinten am Ende des Zuges gestanden hatten.

Die Leute kamen mit Lampen ans Wasser. Die meisten von ihnen blieben am Ufer stehen, wo sie nach einiger Zeit ein Lagerfeuer bauten. Aber einige der größeren Jungen und jüngeren Männer liefen mit Seilen und Laternen auf die Eisenbahnbrücke. Zwei oder drei von ihnen rieben sich mit Wagenschmiere ein und schirrten sich in ein Seil, und die anderen ließen sie an der Stelle, wo nach Meinung des Schlafwagenschaffners und des Kellners der Zug verschwunden sein musste, ins Wasser hinunter. Nach zwei Minuten, mit einer Stoppuhr gemessen, wurden die Seile wieder hochgezogen. Die Taucher kletterten steifbeinig an den Pfählen hinauf, wurden von den Seilen befreit und in Decken gewickelt. Das Wasser war gefährlich kalt.

Bis zum Morgengrauen schwangen sich die Taucher von der Brücke und kletterten wieder hinauf oder ließen sich ziehen. Ein Koffer, ein Sitzpolster und ein Salatkopf waren alles, was sie bargen. Einige der Taucher berichteten, sie wären auf dem Weg nach unten im Wasser an Trümmern vorbeigeschwommen, aber die Trümmer mussten wieder versunken oder in der Finsternis davongetrieben sein. Als man die Hoffnung aufgab, Fahrgäste zu finden, war sonst nichts mehr zu retten, so dass nur diese drei Relikte blieben, eines davon verderblich. Man begann zu mutmaßen, dass dies doch nicht die Stelle war, wo der Zug von der Brücke abgekommen war. Man überlegte, wie sich der Zug wohl durchs Wasser bewegen würde. Ob er trotz seiner Geschwindigkeit wie ein Stein versinken oder trotz seines Gewichts wie ein Aal weiter fortgleiten würde. Wenn er die Gleise wirklich hier verlassen hatte, war er womöglich erst hundert Fuß weiter gelandet. Oder vielleicht hatte er sich nach dem Aufprall noch überschlagen oder war weiter weggerutscht, denn die Brückenpfeiler waren in den Kamm einer überfluteten Hügelkette eingelassen, deren eine Seite die Wand eines breiten Tales bildete und die auf der anderen Seite scharf abfiel (eine weitere Kette von Hügeln lag zwanzig Meilen nördlich, und einige von ihnen bildeten Inseln). Allem Anschein nach hatten diese Hügel einst das Ufer eines anderen Sees gebildet und waren aus einem brüchigen Gestein, das vom Wasser ausgehöhlt und steil abgetragen worden war. Wenn der Zug zur Südseite hin abgestürzt war (nach der Aussage des Schlafwagenschaffners und des Kellners war das so, aber mittlerweile wurde ihnen kaum noch geglaubt) und dann gerutscht war oder sich ein-, zweimal überschlagen hatte, konnte er nochmals abgestürzt und viel tiefer und weiter entfernt versunken sein.

Nach einer Weile kamen einige kleinere Jungen auf die Brücke und begannen, zuerst vorsichtig und dann fast übermütig, mit Angstgeschrei nach unten zu springen. Als die Sonne aufging, saugten die Wolken das Licht auf wie einen Fleck. Es wurde kälter. Die Sonne stieg höher, und der Himmel wurde hell wie Blech. Die Oberfläche des Sees war vollkommen glatt. Wenn die Füße der Jungen auf das Wasser trafen, gab es ein schwaches brechendes Geräusch. Auf den Wellen, die sie machten, schaukelten durchsichtige Eisstücke und fügten sich, wenn das Wasser sich beruhigte, wie Teile eines Spiegels zusammen. Einer der Jungen schwamm vierzig Fuß von der Brücke fort und tauchte dann in den alten See hinab, wobei er sich an der Wand entlangtastete, kopfüber den blinden, leblosen Stein hinunter, und sich schließlich unten vom Grund abstieß. Doch auf einmal entsetzte ihn der Gedanke daran, wo er sich befand, und er schnellte zur Luft empor und streifte unterwegs etwas mit einem Bein. Er fasste nach unten und legte die Hand auf eine vollkommen glatte Fläche, parallel zum Grund, aber, wie er glaubte, sieben bis acht Fuß darüber. Ein Fenster. Der Zug war auf der Seite gelandet. Der Junge schaffte es nicht, noch ein zweites Mal hinzufassen. Das Wasser trieb ihn nach oben. Er sagte, dass von allen Dingen, die er berührt habe, nur diese glatte Fläche nicht überwachsen oder von einer losen Schicht wie Schlick umwölkt gewesen sei. Dieser Junge war ein genialer Lügner, ein einsamer Bursche mit dem grenzenlosen Bedürfnis, andere für sich zu gewinnen. Seine Geschichte wurde weder geglaubt noch nicht geglaubt.

Als er zur Brücke zurückgeschwommen und hochgezogen worden war und den Männern oben von seinem Ausflug in die Tiefe berichtete, begann das Wasser trübe und milchig zu werden wie erkaltendes Wachs. Splitter flogen, wenn ein Schwimmer auftauchte, und die Eishaut, die sich bildete, wo das Eis gebrochen war, sah frisch, glasig und schwarz aus. Alle Schwimmer kamen heraus. Am Abend hatte sich der See versiegelt.

Diese Katastrophe hinterließ drei neue Witwen in Fingerbone: meine Großmutter und die Frauen von zwei betagten Brüdern, die einen Gemischtwarenladen besaßen. Diese beiden alten Frauen hatten dreißig Jahre oder mehr in Fingerbone gelebt, aber sie zogen fort, die eine zu ihrer verheirateten Tochter in North Dakota und die andere, in der Hoffnung, Freunde oder Verwandte zu finden, nach Sewickley in Pennsylvania, das sie als Braut verlassen hatte. Sie sagten, sie könnten nicht länger am See wohnen. Sie sagten, der Wind rieche nach ihm, sie könnten ihn im Trinkwasser schmecken und sie könnten den Geruch, den Geschmack und den Anblick nicht ertragen. Sie warteten nicht die Trauerfeier ab und nicht die Einweihung des Gedenksteins, bei der Scharen von Trauernden und Schaulustigen, angeführt von drei Bahnbeamten, zwischen Geländern, die für diesen Anlass angebracht worden waren, auf die Brücke zogen und Kränze auf das Eis warfen.

Es ist wahr, dass man sich in Fingerbone stets des Sees oder der Tiefen des Sees, der lichtlosen, luftlosen Wasser dort unten bewusst ist. Wenn der Boden im Frühling gepflügt wird und aufgebrochen daliegt, steigt aus den Furchen sein stechender, wässriger Geruch. Der Wind ist wässrig, und alle Pumpen, Bäche und Gräben riechen nach Wasser, unvermischt mit anderen Elementen. Unter allem liegt der alte See, der zugedeckt ist und namenlos und ganz und gar schwarz. Dann kommt Fingerbone, der See auf den Karten und Photographien, der von Sonnenlicht durchdrungen ist und lebendigem Grün und unzähligen Fischen Raum bietet und in dem, wer im Schatten eines Stegs hinunterschaut, den steinigen erdigen Grund fast so gut sehen kann wie trockenen Boden. Und darüber kommt der See, der im Frühling steigt und das Gras dunkel färbt und hart macht wie Schilf. Und über allem das Wasser, das im Sonnenlicht schwebt, scharf wie der Atem eines wilden Tiers, und diesen Bergkessel ausfüllt.

Meine Großmutter scheint nicht erwogen zu haben, von hier wegzugehen. Sie hatte ihr ganzes Leben in Fingerbone gewohnt. Und obwohl sie nie davon sprach – und ohne Zweifel selten daran dachte –, war sie eine fromme Frau. Das heißt, sie verstand das Leben als einen Weg, auf dem man sich fortbewegte, einen verhältnismäßig leichten Weg durch ein weites Land, und das Ziel war von Anfang an da, in einer vorbestimmten Entfernung, es stand im gewohnten Licht vor einem wie ein einfaches Haus, in das man eintrat und in dem man von ehrenwerten Menschen begrüßt und in ein Zimmer geführt wurde, in dem alles, was man je verloren oder verlegt hatte, beisammen war und auf einen wartete. Sie ging von der Vorstellung aus, dass sie und mein Großvater sich eines Tages wiederbegegnen und ihr Leben weiterführen würden, ohne die Sorgen ums Geld, in einem milderen Klima. Sie hoffte, bis dahin würde er von irgendwoher ein wenig mehr Beständigkeit und Vernunft angenommen haben. Das Alter hatte bei ihm bislang nichts dergleichen bewirkt, und sie war skeptisch, ob die Verklärung dazu hinreichte. Da sie ein Haus hatte, eine Rente, und die Kinder fast groß waren, war für sie das Bittere an seinem Tod, dass er ihr wie eine Art Fahnenflucht erschien, die nicht einmal gänzlich unerwartet war. Wie oft war sie morgens aufgewacht und hatte festgestellt, dass er fort war. Und manchmal war er tagelang umhergelaufen und hatte mit dünner Stimme vor sich hin gesungen und mit ihr und seinen Kindern so gesprochen, wie ein sehr höflicher Mann mit Fremden spricht. Und nun war er endgültig verschwunden. Sie hoffte, wenn sie wieder vereint waren, würde er anders sein, wesentlich verändert. Aber darauf verlassen mochte sie sich nicht. Mit dieser Art Überlegungen richtete sie sich in ihrer Witwenschaft ein und wurde eine ebenso gute Witwe, wie sie eine gute Ehefrau gewesen war.

Nach dem Tod ihres Vaters wichen ihr die Mädchen nicht von der Seite, beobachteten sie bei allem, was sie tat, liefen ihr durchs Haus nach und waren ihr im Weg. Molly war in jenem Winter sechzehn; Helen, meine Mutter, fünfzehn; und Sylvie dreizehn. Wenn sich ihre Mutter mit der Flickwäsche hinsetzte, scharten sie sich auf dem Fußboden um sie und suchten es sich gemütlich zu machen, indem sie die Köpfe an ihre Knie oder ihren Stuhl lehnten, aber waren ruhelos wie kleine Kinder. Sie zupften Fransen aus dem Teppich, knifften den Rocksaum der Mutter, pufften einander manchmal, während sie dies und das von der Schule erzählten oder die endlosen kleinen Klagen und Anschuldigungen, die zwischen ihnen aufkamen, aus der Welt schafften. Nach einer Weile stellten sie meistens das Radio an und begannen Sylvies Haar zu bürsten, das hellbraun und schwer war und ihr bis zur Taille reichte. Die älteren Mädchen verstanden es geschickt zu Pompadourfrisuren mit Löckchen über den Ohren und im Nacken aufzustecken. Sylvie setzte sich in den Schneidersitz und las Illustrierte. Wenn sie müde wurde, ging sie auf ihr Zimmer, machte ein Schläfchen und kam zum Abendessen wieder herunter, die prächtige Frisur schief und zerzaust. Nichts konnte sie zur Eitelkeit bewegen.

Wenn es Zeit zum Abendessen war, folgten sie ihrer Mutter in die Küche, deckten den Tisch und nahmen die Deckel von den Töpfen. Dann setzten sie sich um den Tisch und aßen zusammen, Molly und Helen immer mäkelig und Sylvie mit einem Milchbart. Sogar dann, in der hellen Küche, wo die weißen Vorhänge die Dunkelheit aussperrten, spürte ihre Mutter, wie sie sich zu ihr hinneigten und ihr ins Gesicht und auf die Hände schauten.

Nie mehr seit ihrer frühen Kindheit hatten sie sich so um sie gedrängt, und nie mehr seither war sie sich so sehr des Geruchs ihrer Haare, ihrer Weichheit, Plusterigkeit, Sprunghaftigkeit bewusst gewesen. Das erfüllte sie mit einem seltsamen Stolz, der gleichen Freude, die sie gespürt hatte, wenn eine von ihnen als Säugling die Augen an ihr Gesicht geheftet und nach ihrer anderen Brust gegriffen hatte, ihrem Haar, ihren Lippen, hungrig danach, sie zu berühren, begierig darauf, für eine Weile satt zu werden und zu schlafen.

Sie hatte schon immer tausenderlei Möglichkeiten gekannt, sie mit dem zu umgeben, was wie Lebensgenuss scheinen musste. Sie wusste tausend Lieder. Ihr Brot war locker, und ihre Marmelade war sauer; an Regentagen buk sie Kekse und kochte Apfelmus. Im Sommer stellte sie eine Vase mit Rosen aufs Klavier, riesige duftende Rosen, und wenn die Blüten reiften und die Blütenblätter abfielen, legte sie sie mit Nelken und Thymian und Zimtstangen in ein hohes chinesisches Gefäß. Ihre Kinder schliefen auf gestärkten Laken unter dicken Steppdecken, und am Morgen füllten sich die Vorhänge mit Licht, wie sich Segel mit Wind füllen. Natürlich drückten sie ihre Mutter und berührten sie, als wäre sie fort gewesen und gerade wieder zurückgekehrt. Doch nicht, weil sie fürchteten, sie würde verschwinden wie ihr Vater, sondern weil sein plötzliches Verschwinden ihre Aufmerksamkeit für sie geweckt hatte.

Schon bald nach ihrer Heirat war sie zu dem Schluss gekommen, dass Liebe zur Hälfte aus einer Sehnsucht bestand, die durch Besitz nicht zu lindern war. Als sie noch kinderlos waren, hatte Edmund einmal am Ufer eine Taschenuhr gefunden. Das Gehäuse und das Glas waren unbeschädigt, aber das Werk fast völlig von Rost zerfressen gewesen. Er schraubte die Uhr auf, leerte sie und legte anstelle des Ziffernblatts einen Kreis aus Papier ein, auf das er zwei Seepferdchen gemalt hatte. Das schenkte er ihr als Medaillon an einer Kette, aber sie trug es fast nie, weil die Kette zu kurz war, als dass sie die Seepferdchen ohne weiteres hätte betrachten können. Sie fürchtete, es an ihrem Gürtel oder in ihrer Tasche zu beschädigen. Wohl eine Woche trug sie die Uhr bei sich, wohin sie auch ging, und wenn es nur durchs Zimmer war, und das nicht, weil Edmund sie für sie gemacht hatte oder weil das Bild weniger farbenfroh und unbeholfen war als seine anderen Bilder, sondern weil die Seepferdchen selbst so eigentümlich, so kurios und wappentierartig waren und wie Insekten gepanzert. Sobald sie die Augen von ihnen gewandt hatte, sehnte sie sich nach ihrem Anblick, und der Wunsch blieb, selbst wenn sie in die Betrachtung versunken war, noch lebendig. Die Sehnsucht ließ nicht nach, bis irgendetwas – ein Streit, ein Besuch – ihre Aufmerksamkeit ablenkte. Und genauso berührten und beobachteten sie nun auch ihre Töchter – und folgten ihr, eine Weile lang.

Manchmal schrien sie nachts auf, mit kleinen, spitzen Schreien, von denen sie nicht wach wurden. Die Schreie verstummten, sobald sie, wie leise auch immer, an die Treppe kam, und wenn sie ihre Zimmer erreichte, fand sie alle ruhig schlafend, und die Quelle des Schreis verbarg sich in der Stille wie eine Grille. Ihr Kommen allein genügte, um das Geschöpf zu beruhigen.

Eigentlich waren die Jahre zwischen dem Tod ihres Mannes und dem Fortgehen ihrer ältesten Tochter fast ausnahmslos friedliche Jahre. Mein Großvater hatte manchmal Enttäuschung geäußert. Ohne ihn waren sie von der zermürbenden Hoffnung auf Erfolg, Anerkennung und Beförderung befreit. Sie hatten keinen Anlass zu Erwartungen, nichts zu bereuen. Ihr Leben lief von der sich neigenden Welt ab wie der Faden von einer Spule – Frühstückszeit, Abendbrotzeit, Fliederzeit, Apfelzeit. Wenn der Himmel diese Welt war, nur bereinigt von Unglück und täglicher Mühsal, wenn Unsterblichkeit dieses Leben war, nur gehalten in Stillstand und Würde, und wenn diese geläuterte Welt und dieses unvergängliche Leben als Welt und Leben zu denken waren, denen ihre wahre Natur geschenkt war, so ist es kein Wunder, dass fünf zufriedene, ereignislose Jahre meine Großmutter so einlullten, dass sie etwas vergaß, was sie nie hätte vergessen dürfen. Molly hatte bereits sechs Monate, bevor sie wegging, eine vollkommene Veränderung durchgemacht. Sie war offen religiös geworden. Sie übte Kirchenlieder auf dem Klavier und schickte dicke Briefe an Missionsgesellschaften, denen sie Berichte über ihre kürzliche Bekehrung und je zwei lange Gedichte beifügte, eines über die Auferstehung und das andere über den Marsch der Legionen Christi durch die Welt. Ich habe diese Gedichte gelesen. Das zweite spricht sehr einfühlsam von den Heiden und insbesondere von Missionaren: »… Die Engel kommen, fortzuwälzen/Den Stein, der schließt ihr Grab.«

Binnen sechs Monaten hatte Molly sich nach China verpflichtet, um dort für eine Missionsgesellschaft zu arbeiten. Und schon während Molly noch Kirchenlieder wie »Beulah Land« und »Lord, We Are Able« in die Luft schmetterte, saß Helen, meine Mutter, im Obstgarten und unterhielt sich leise und ernst mit einem gewissen Reginald Stone, unserem mutmaßlichen Vater. (Ich habe nicht die geringste Erinnerung an diesen Mann. Ich habe Fotos von ihm gesehen, beide vom Tag seiner zweiten Hochzeit. Dem Anschein nach war er ein blasser junger Mann mit glattem schwarzen Haar. Er sieht aus, als fühlte er sich in dem dunklen Anzug wohl. Es ist deutlich, dass er sich auf beiden Bildern nicht als das photographierte Objekt erachtet. Auf dem einen schaut er meine Mutter an, die mit Sylvie spricht, welche der Kamera den Rücken kehrt. Auf dem anderen sieht er aus, als streiche er die Beulen in seiner Hutkrone glatt, während meine Großmutter, Helen und Sylvie in einer Reihe neben ihm stehen und in die Kamera schauen.) Ein halbes Jahr nach Mollys Aufbruch nach San Francisco und von dort in den Orient gründete Helen mit diesem Stone einen Haushalt in Seattle, nachdem sie ihn offenbar in Nevada geheiratet hatte. Von Sylvie weiß ich, dass meine Großmutter über das heimliche Durchbrennen und die ferne Heirat sehr erzürnt war und Helen in einem Brief mitteilte, sie werde sie niemals als richtig verheiratet betrachten, bis sie nach Hause komme und sich vor den Augen ihrer Mutter noch einmal trauen lasse. Helen und ihr Mann reisten mit dem Zug an und hatten einen Koffer mit ihrer Hochzeitsgarderobe, eine Schachtel mit Schnittblumen und Champagner in Trockeneis dabei. Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass meine Mutter und mein Vater jemals viel Geld hatten, deswegen ist zu vermuten, dass sie sich in Unkosten stürzten, um die Gefühle meiner Großmutter zu beschwichtigen. Dennoch verbrachten sie, laut Sylvie, keine vierundzwanzig Stunden in Fingerbone. Die Beziehungen müssen sich dennoch ein wenig gebessert haben, denn wenige Wochen darauf bestieg Sylvie mit neuem Hut und Mantel, mit neuen Schuhen und den besten Handschuhen, der besten Handtasche und Reisetasche ihrer Mutter den Zug nach Seattle, um ihre verheiratete Schwester zu besuchen. Sylvie besaß einen Schnappschuss von sich, wie sie elegant, jung und adrett aus der Tür des Eisenbahnwagens winkt. Soweit ich weiß, kehrte Sylvie danach nur noch einmal nach Hause zurück, um sich im Garten meiner Großmutter dort hinzustellen, wo Helen gestanden hatte, und einen Mann namens Fisher zu heiraten. Bei diesem Anlass wurden offenbar keine Fotos gemacht.

In dem einen Jahr hatte meine Großmutter drei stille Töchter, und im nächsten Jahr war das Haus leer. Ihre Mädchen waren still, so muss sie geglaubt haben, weil die Abläufe und Gewohnheiten ihres Lebens sie fast ganz der Notwendigkeit zu sprechen enthoben hatten. Sylvie trank ihren Kaffee mit zwei Stück Zucker, Helen mochte ihren Toast dunkel, und Molly aß ihren ohne Butter. Diese Dinge waren bekannt. Molly bezog die Betten, Sylvie putzte das Gemüse, Helen spülte das Geschirr. Diese Dinge waren festgelegt. Hin und wieder durchsuchte Molly Sylvies Zimmer nach nicht zurückgegebenen Büchern aus der Leihbücherei. Gelegentlich buk Helen eine Portion Kekse. Und Blumensträuße brachte Sylvie herein. Diese vollendete Ruhe hatte sich nach dem Tod ihres Vaters im Haus eingestellt. Das Ereignis hatte ihr gesamtes Leben erschüttert. Zeit und Luft und Sonnenlicht brachten Schockwelle um Schockwelle, bis alle Erschütterung verbraucht war und Zeit und Raum und Licht sich wieder beruhigten und nichts mehr zu beben und nichts mehr schief zu sein schien. Das Unglück war dem Blick entschwunden wie der Zug, und wenn auch die Stille danach nicht größer war als die Stille zuvor, so hatte es doch den Anschein. Und der liebe Alltag war so fugenlos geheilt wie ein Bild auf dem Wasser.

Eines Tages muss meine Großmutter einen Korb mit Bettlaken hinausgetragen haben, um sie im Frühlingssonnenschein aufzuhängen – im schwarzen Witwenkleid, die Rituale des Alltäglichen wie eine Glaubenshandlung vollziehend. Auf dem Boden werden noch fünf, sechs Zentimeter verharschter Schnee gelegen haben, hier und da mit Erde zwischen den Rissen und Wärme im Sonnenlicht, wenn der Wind sie nicht völlig wegblies, und dann wird sie sich schwer atmend in ihrem Korsett gebückt haben, um ein nasses Laken an den Säumen hochzuheben, das sich, als sie es an drei Stellen an die Leine geklammert hatte, in ihren Händen zu bauschen und springen, zu flattern und zittern und im Licht zu strahlen begann, mit so munteren und übermütigen Bewegungen, als tanzte ein Geist in seinen Totengewändern. Dieser Wind!, sagte sie dann, denn er trieb ihr die Mantelschöße an die Beine und pustete, dass Strähnen ihrer Haare flogen. Er kam vom See her, und er roch süß nach Schnee und streng nach getautem Schnee, und er rief Erinnerungen an die kleinen raren langstieligen Blumen wach, die zu pflücken sie und Edmund halbe Tage gelaufen waren, obwohl sie am nächsten Tag immer schon alle verwelkt waren. Manchmal nahm Edmund Eimer und einen kleinen Spaten mit und grub sie mitsamt der Erde aus und brachte sie nach Hause, um sie einzusetzen, und sie gingen ein. Es waren seltene Pflanzen, und sie wuchsen aus Ameisenhaufen und Bärenkot und dem Fleisch verendeter Tiere. Sie und Edmund kletterten, bis sie nassgeschwitzt waren. Pferdebremsen verfolgten sie, und im Wind wurde ihnen kalt. Wo kein Schnee mehr war, sahen sie manchmal die Reste eines Stachelschweins, hier die Zähne, dort den Schwanz. Der Wind roch sauer nach altem Schnee und Tod und Kiefernharz und Wildblumen.

In einem Monat würden diese Blumen blühen. In einem Monat würden das ganze ruhende Leben und der ausgesetzte Zerfall von neuem beginnen. In einem Monat würde sie nicht mehr trauern, weil sie in dieser Jahreszeit nie das Gefühl gehabt hatte, dass sie verheiratet wären, sie und der schweigsame Methodist Edmund, der auch noch Krawatte und Hosenträger trug, wenn er Wildblumen suchte, und der sich von Jahr zu Jahr genau erinnerte, wo sie wuchsen, und der sein Taschentuch in eine Pfütze tauchte, um es um die Stängel zu wickeln, und ihr den Arm reichte, um ihr über steile und steinige Stellen hinwegzuhelfen, mit einer wortlosen und unpersönlichen Höflichkeit, die sie ihm nicht verübelte, weil sie nie wirklich den Wunsch verspürt hatte, sich mit jemandem verheiratet zu fühlen. Manchmal stellte sie sich einen eher dunkelhäutigen Mann vor, mit grellen Streifen auf dem Gesicht und dem eingefallenen Bauch, mit einem Fell um die Lenden und baumelnden Knochen an den Ohren und Lehm und Klauen und Reißzähnen und Knochen und Federn und Sehnen und Fell als Schmuck um Arme und Taille und Hals und Fesseln, der ganze Körper eine Proklamation, dass er viel gefährlicher war als all der Tod, dessen Trophäen er trug. Ein bisschen so war Edmund. Wenn der Frühling nahte, erwachte in ihm eine starke mystische Erregung, und seine Frau geriet ihm in Vergessenheit. Er las Eierschalen auf, einen Vogelflügel, einen Kieferknochen, die aschgrauen Überreste eines Wespennests. Jedes dieser Dinge musterte er mit absoluter Konzentration und steckte sie dann in seine Taschen, zum Klappmesser und dem Wechselgeld. Er musterte sie, als könnte er sie lesen, und steckte sie ein, als könnte er sie besitzen. Das ist der Tod in meiner Hand, und in der Brusttasche mit meiner Lesebrille steckt Vernichtung. In solchen Zeiten vergaß er sie und seine Hosenträger und seinen Methodismus, und trotzdem liebte sie ihn gerade dann am meisten, als eine Seele, die ganz allein war, so wie ihre eigene auch.

Der Wind also, der die Bettlaken bauschte, verkündete die Auferstehung des Alltäglichen. Bald würde die stinkende Zehrwurz sprießen, ihr mostiger Geruch würde durch den Obstgarten ziehen, und die Mädchen würden ihre Baumwollkleider waschen und stärken und bügeln. Und jeder Abend würde seine vertraute Fremdheit mitbringen, und die ganze Nacht hindurch würden Grillen zirpen, unter ihrem Fenster und in der schwarzen Wildnis, die sich von Fingerbone nach allen Seiten erstreckte. Und sie würde die tiefe Einsamkeit spüren, die sie seit ihrer Kindheit an jedem langen Abend empfunden hatte. Es war die Art von Einsamkeit, die machte, dass die Uhren langsam und laut klangen und Stimmen sich anhörten, als kämen sie übers Wasser. Alte Frauen, die sie gekannt hatte, zuerst ihre Großmutter und dann ihre Mutter, hatten abends im Schaukelstuhl auf der Veranda traurige Lieder gesungen und waren nicht ansprechbar gewesen.

Und meine Großmutter dachte nun, sich zum Trost, nicht über die Lieblosigkeit ihrer Kinder oder der Kinder generell nach. Ihr war, wenn sie ihre Mädchen ansah, häufig, eigentlich immer, aufgefallen, dass ihre Gesichter sanft und ernst und nach innen gekehrt und ruhig waren, genau wie schon, als sie klein gewesen waren, genau wie sie bis heute waren, wenn sie schliefen. Wenn ein Freund oder eine Freundin im Zimmer war, beobachteten ihre Töchter aufmerksam das Gesicht und neckten oder beschwichtigten oder scherzten und wussten alle auf die feinsten Veränderungen im Ausdruck oder in der Stimme zu reagieren, selbst Sylvie, wenn sie denn wollte. Aber auf die Idee, ihre Worte und ihr Verhalten an der Miene ihrer Mutter auszurichten, kamen sie nicht, und das hätte sie auch nicht gewollt. Der Wunsch, ihnen diese Unbefangenheit zu erhalten, ging so weit, dass er sie oft veranlasste, bestimmte Dinge zu sagen oder zu tun oder zu unterlassen. Sie war damals eine imposante Frau, nicht nur wegen ihrer Größe und ihres langen scharfgeschnittenen Gesichts, nicht nur ihrer Herkunft wegen, sondern auch weil es ihrer Absicht entsprach, das zu sein, was sie schien, um ihre Kinder nicht zu verwirren oder zu überraschen. Sie kleidete und gab sich wie eine Matrone und grenzte ihr Leben deutlich von dem ihrer Töchter ab und bemühte sich, ihren Kindern niemals zu nahe zu treten. Ihre Liebe zu ihnen war umfassend und gerecht, ihr Regiment großzügig und absolut. Sie war beständig wie das Tageslicht, und sie wollte so selbstverständlich sein wie das Tageslicht, um nur die stille Insichgekehrtheit ihrer Gesichter zu genießen. Zu ergründen. Eines Sommerabends ging sie in den Garten. Die Erde in den Beeten war leicht und weich wie Asche, von blassem Lehmgelb, und die Bäume und Pflanzen waren reif und grün wie immer, und überall raschelte es gemütlich. Und über der hellen Erde und den sattgrünen Bäumen war der Himmel von dunklem Ascheblau. Zwischen den Beeten kniend, hörte sie die Stockrosen an die Schuppenwand bummern. Sie spürte, wie ihr Haar im Nacken jäh von einem wässrigen Wind angehoben wurde, und sie sah, wie sich die Bäume mit Wind füllten, und hörte ihre Stämme wie Masten ächzen. Sie grub ihre Hand unter eine Kartoffelpflanze und tastete im trockenen Netz der Wurzeln behutsam nach neuen Kartoffeln, glatt wie Eier. Sie legte sie in ihre Schürze und kehrte zum Haus zurück und dachte: Was habe ich gesehen, was habe ich gesehen. Die Erde und den Himmel und den Garten, nicht so, wie sie immer sind. Auch die Gesichter ihrer Töchter sah sie, wie sie nicht immer waren, und nicht, wie die von anderen Leuten, und sie verhielt sich still und zurückhaltend und wachsam, um die Fremdheit nicht zu vertreiben. Sie hatte ihnen nie beigebracht, gut zu ihr zu sein.

Insgesamt siebeneinhalb Jahre vergingen zwischen Helens Fortgang aus Fingerbone und ihrer Rückkehr, und als sie schließlich zurückkam, tat sie es an einem Sonntagmorgen, als, wie sie wusste, ihre Mutter nicht zu Hause war, und blieb nur lange genug, um Lucille und mich auf der Bank in der Veranda mit den Fliegenfenstern abzusetzen, mit einer Schachtel Grahamkekse, um Streit und Unruhe vorzubeugen.

Vielleicht war es Taktgefühl, dass uns meine Großmutter nie nach unserem Leben mit unserer Mutter fragte. Vielleicht war sie nicht neugierig. Vielleicht war sie so aufgebracht über Helens heimliches Verhalten, dass sie sich beharrlich weigerte, davon Kenntnis zu nehmen. Vielleicht wollte sie nicht auf Umwegen erfahren, was Helen ihr nicht hatte sagen wollen.

Hätte sie mich gefragt, hätte ich ihr erzählen können, dass wir in zwei Zimmern im obersten Stock eines hohen grauen Gebäudes wohnten und alle Fenster – es waren im Ganzen fünf und eine Tür mit fünf Reihen kleiner Scheiben – auf einen schmalen weißen Laubengang hinausgingen, den höchsten in einem großen Vorbau aus weißen Treppen und Laubengängen, starr und verschachtelt wie ein gefrorener Wasserlauf an einer Felswand, von körnigem Grauweiß wie getrocknetes Salz. Von diesem Laubengang aus sahen wir auf breite Teerpappedächer hinunter, die, Dachrinne an Dachrinne, wie dunkle Zelte über gestapelte Warenvorräte gebreitet waren und über Tomaten und Rüben und Hühner, über Krabben und Lachs und über eine Tanzfläche mit einer Musikbox, in der jemand schon vor dem Frühstück »Sparrow in the Treetop« oder »Good Night, Irene« zu spielen begann. Doch von alledem sahen wir von unserem Blickpunkt aus nur die zeltartigen Dächer. Auf unserer Brüstung saßen Möwen in Reihen und spähten nach Abfall.

Da alle Fenster zu einer Seite lagen, waren unsere Zimmer zur Tür hin taghell und wurden nach hinten immer dunkler. An der Rückwand des Hauptzimmers gab es eine Tür, die auf einen mit Teppich ausgelegten Gang hinausging und nie geöffnet wurde. Sie war sogar von einer dicken grünen Couch verbarrikadiert, die so schwer und formlos war, dass sie aussah, als hätte man sie aus vierzig Fuß tiefem Wasser gezogen. Zwei graugelbe Sessel waren wie zu einer Gesprächsrunde dazugestellt. Über die Wand flogen zwei halbe Keramikenten. Außerdem standen in dem Zimmer noch ein runder Spieltisch mit einer karierten Wachstuchdecke, ein Kühlschrank, ein hellblauer Geschirrschrank, ein kleiner Tisch mit einer Kochplatte und eine Spüle mit einem Wachstuchvorhang untenherum. Helen zog uns ein Stück Wäscheleine durch die Gürtel und band uns am Türknauf fest, damit wir es selbst bei kräftigem Wind wagten, über die Brüstung des Laubengangs zu schauen.

Bernice, die unter uns wohnte, war unser einziger Besuch. Sie hatte lila Lippen und orangenes Haar und bogenförmige Augenbrauen, jede im Wettstreit zwischen Übung und Zittern mit einem einzigen braunen Strich gezogen, der manchmal am Ohr endete. Sie war eine alte Frau, aber sie schaffte es, wie eine junge Frau auszusehen, die an einer furchtbaren Krankheit litt. Sie verbrachte zahllose Stunden an unserer Tür, den langen Rücken gebeugt, die Arme über ihrem kugeligen Bauch gefaltet, und erzählte Skandalgeschichten, wobei sie aus Rücksicht darauf, dass Lucille und ich sie nicht hören sollten, die Stimme dämpfte. Zu all diesen Geschichten waren ihre Augen groß vor erinnertem Staunen, und ab und zu lachte sie und grub meiner Mutter die lila Klauen in den Arm. Helen lehnte am Türrahmen, lächelte mit gesenktem Blick und zwirbelte ihr Haar.

Bernice liebte uns. Sie hatte keine Familie, außer ihrem Mann Charley, der immer vor ihrer Tür saß, die Hände auf den Knien und den Bauch auf dem Schoß, seine Haut marmoriert wie eine Wurst und dicke pochende Adern an den Schläfen und auf den Handrücken. Er sparte mit Silben, wie um Atemluft zu sparen. Immer wenn wir die Treppe hinuntergingen, beugte er sich langsam hinter uns her und sagte: »Hey!« Bernice brachte uns gern Pudding, der mit einer dicken gelben Haut überzogen war und in reichlich Flüssigkeit mit der Konsistenz von Augenwasser schwamm. Helen verkaufte in einem Drugstore Kosmetika, und Bernice passte auf uns auf, während sie zur Arbeit war, obwohl Bernice selber nachts als Kassiererin in einem Fernfahrerlokal arbeitete. Sie passte auf uns auf, indem sie versuchte, so leicht zu schlafen, dass sie bei den ersten Geräuschen von Fausthieben, von zersplitternden Möbeln oder von den Folgen einer Putzmittelvergiftung wach wurde. Die Methode funktionierte, obwohl Bernice manchmal, von einem namenlosen Schrecken erfasst, im Nachthemd und augenbrauenlos die Treppe hochgerannt kam und an unsere Fenster trommelte, während wir friedlich mit unserer Mutter beim Abendessen saßen. Obschon diese Unterbrechungen ihres Schlafs selbst verursacht waren, nahm sie sie uns genauso übel wie die anderen. Aber sie liebte uns um unserer Mutter willen.

Bernice nahm sich eine Woche frei, damit sie uns ihr Auto für einen Besuch in Fingerbone leihen konnte. Als sie erfuhr, dass unsere Großmutter noch lebte, begann sie zu drängen, Helen solle unbedingt für eine Zeit nach Hause fahren, und zu ihrer großen Befriedigung ließ sie sich schließlich überreden. Es erwies sich als verhängnisvolle Reise. Helen fuhr mit uns durch die Berge und die Wüste und wieder in die Berge und schießlich zum See und über die Brücke in den Ort, an der Ampel nach links in die Sycamore Street und über sechs Querstraßen geradeaus. Sie stellte unsere Koffer auf die mit Fliegengittern geschützte Veranda, die von einer Katze und einer würdigen alten Waschmaschine bevölkert war, und sagte uns, wir sollten artig warten. Dann ging sie wieder zum Auto und fuhr in Richtung Norden fast bis nach Tyler, wo sie mit Bernices Ford von einem Felsen namens Whiskey Rock in die schwärzesten Tiefen des Sees raste.