Gran Torino. Königs Erläuterungen. - Clint Eastwood - ebook

Gran Torino. Königs Erläuterungen. ebook

Clint Eastwood

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Opis

Die Königs Erläuterung Spezial zu Clint Eastwood: Gran Torino ist eine verlässliche und bewährte Filmanalyse und Interpretationshilfe für Schüler und weiterführende Informationsquelle für Lehrer und andere Interessierte: verständlich, übersichtlich und prägnant.

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KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN SPEZIAL

3127

Filmanalyse zu

Clint Eastwood

GRAN TORINO

Stefan Munaretto

Über den Autor dieser Erläuterung: Stefan Munaretto unterrichtet Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in Braunschweig. Als Autor von Interpretationen und Lernhilfen zur Literatur und zum Film hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Eine Neuausgabe von Wie ­analysiere ich einen Film? Das Standardwerk zur Filmanalyse erschien 2014 im C. Bange Verlag.

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52 a UrhG: Die öffentliche Zugänglichmachung eines für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werkes ist stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig.

1. Auflage 2017

ISBN 978-3-8044-4127-9

© 2017 by C. Bange Verlag, 96142 Hollfeld Alle Rechte vorbehalten! Titelabbildung: Clint Eastwood in Gran Torino © akg-images / Album / ­Double Nickel Entertainment / gerb

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INHALT

VORWORT

1. HINTERGRUND

Clint Eastwood

Angry White Men

Detroit

2. INHALT

Filmdaten/Stab/Darsteller

Inhaltsangabe (Kurzfassung)

Die Reise eines Helden

3. THEMATISCHE ASPEKTE

Männlichkeit

Religion

Das Fremde und das Eigene

Rache und der Kreislauf der Gewalt

4. FIGUREN UND FIGURENKONSTELLATIONEN

Walt Kowalski

Die Familie Kowalski

Die Familie Lor

Die Hmong-Gang

Pater Janovich

5. ERZÄHLSTRATEGIEN

Poetische Gerechtigkeit

The Unity of Effect

Action, Spannung, Humor

Zitate, Anspielungen, Hommage

6. FILMSPRACHE

7. MUSIK UND TON

8. REZEPTION

9. ENGLISH ABSTRACT

Historical Background

Thematic Elements

Characters

Narrative Strategies

Visual Design

Music

Critical Reception

LITERATUR

Film

Übergreifende Darstellungen

Rezensionen

Filmanalyse

VORWORT

Clint Eastwoods Film Gran Torino erzählt eine Geschichte von schlichter Eleganz, die an komplexe Themen rührt. Der Erfolg des Films beweist, dass es ein Bedürfnis nach Spielfilmen gibt, die uns zum Nachdenken darüber anregen, wie wir in Zukunft zusammen leben wollen und welche Vorbilder uns weiterbringen in einer Zeit, in der die Gesellschaften in den USA wie in Europa besorgnis­erregend auseinanderdriften und ethnische und soziale Spannungen ihre Grundlagen angreifen.

Mit dem amerikanischen Wahlkampf von 2016 und der Präsidentschaft von Donald Trump ist dem Film nun eine ganz neue Aktualität zugewachsen. Man kann ihn in seiner ersten Hälfte als eine Vorstudie und in seinem zweiten Teil als einen Gegenentwurf zu dem auffassen, was in Amerika geschehen ist. Die Vorstudie widmet sich einem der sprichwörtlich gewordenen zornigen weißen Männer aus einer der einstmals blühenden und jetzt heruntergekommenen Industriemetropolen des Mittleren Westens, der sich nur noch fremd und abgehängt im eigenen Land fühlt. Walt ­Kowalski, der Protagonist, ist so kaputt wie die Straßen und Häuser seines Viertels von Detroit. Er reagiert seine Wut über den ­eigenen Zustand und den der Welt an den asiatischen Einwanderern ab, die neben ihm wohnen. Am Anfang schwebt über Walt noch der Geist von Dirty Harry, des „Man with No Name“ und der anderen einsamen Rächer, die in früheren Jahrzehnten Jagd auf Verbrecher machten und mit dem Namen des Darstellers synonym waren. Auch Walt hat zuerst noch deren düsteren Blick, ihre Aggressivität und Rücksichtslosigkeit. Dann aber nimmt er eine überraschende Entwicklung, von der Eastwood unwiderstehlich und glaubwürdig erzählen kann, weil sie eng verwoben ist mit seiner eigenen. Die Abkehr von der Gewalt und ihrer Faszination ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung damit in zahllosen Filmen. Im zweiten Teil verwandelt sich Walt in die Antithese des „tough guy“ aus Eastwoods frühen Werken, und Gran Torino wird zu ­einem Plädoyer für Gemeinschaftsgeist, Versöhnung, Sanftmut und Nächstenliebe.

Dass es auf die gesellschaftlichen Versäumnisse, die im Populismus zum Ausdruck kommen, nicht die ersehnten einfachen Antworten gibt, zeigt am besten die Person Clint Eastwood in ihrer Widersprüchlichkeit selbst. Seine Empfehlung, den Kandidaten Donald Trump zu wählen, scheint mit dem Geist von Gran Torino schwer vereinbar zu sein[1]. Trump wiederum inszeniert sich selbst im Stil einiger älterer Eastwood-Figuren als raubeiniger Outsider, der es allein mit einem übermächtigen System (in diesem Fall ­Washington) aufnimmt. Im Vergleich zu einem Charakter wie Walt Kowalski fehlt Trump allerdings etwas Entscheidendes. Die Ethik, die Gran Torino zugrunde liegt, basiert auf dem Wunsch, Grenzen zwischen Menschen aufzuheben und alte Wunden zu heilen, während der neue Präsident ausdrücklich unversöhnlich ist und als Denkmuster ein „Wir gegen sie“ bevorzugt. Entscheidend bei ­einer Figur wie Walt ist, dass er sich verändert und Einsicht in seine eigene Fehlbarkeit erlangt. Auch das ist für Eastwood ein unverzichtbarer Bestandteil von Männlichkeit und etwas, das an Trump noch nicht festgestellt wurde (Stand Juni 2017). Gran ­Torino hat unabhängig von den besonderen Zeitumständen Bestand, aber wer das Amerika von heute verstehen will, findet in dem Film ­jedenfalls einen guten Ansatzpunkt.

1. HINTERGRUND

Clint Eastwood

Clint Eastwood ragt heraus unter den Filmemachern Hollywoods. Die Karriere des Schauspielers und Regisseurs (* 1930 in San ­Francisco) überspannt mittlerweile sechs Jahrzehnte und lässt sich grob in drei Phasen einteilen:

Phase 1 (1959–1966): Erste Erfolge in den USA als Darsteller in einer Western-Fernsehserie und Einstieg in eine internationale Filmkarriere mit Italo-Western,

Phase 2: (1966–1992): etablierter Filmstar, spezialisiert auf die Genres Western und Kriminalfilm; Einstieg in eigene Regie­tätigkeit,

Phase 3: (1992 – heute): Aufstieg zum hochangesehenen ­Regisseur und Oscar-Preisträger mit Erbarmungslos.

Popularität erlangte Eastwood zuerst als ungestümer Cowboy Rowdy Yates in der Fernsehserie Rawhide, die von 1959 bis 1966 produziert wurde und klassische Western-Themen verhandelte. Fast in jeder Folge ging es um die Abenteuer und Herausforderungen während eines Viehtriebs durch die Weiten des amerikanischen Westens. Rawhide steht in der Tradition des klassischen Western-Genres, welches das harte Leben der Siedler, Cowboys und Pelztierjäger glorifiziert, die im 19. Jahrhundert den Westen eroberten. In dieser Pionierzeit entwickelte sich der individualis­tische Sozialtypus, der vielen US-Bürgern bis heute als vorbildlich erscheint. Zum Modell des idealen Mannes schlechthin wurde der Westerner erst zwischen 1930 und 1950 durch das Kino erhoben. Darsteller wie John Wayne und Gary Cooper verkörperten das ­Ideal in seiner reinsten Form, als ritterlichen, stoisch-entschlossenen Mann mit moralischem Kompass, der am liebsten in der Gesellschaft anderer Männer in der endlos weiten Landschaft unterwegs ist. Ihre eigentliche Aufgabe bestand darin, Gesetz und Ordnung in der Wildnis durchzusetzen. Dabei zögerten sie nicht, die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen mit Waffengewalt zu verteidigen. In fast allen von Clint Eastwood gespielten Figuren sind mehr oder weniger deutliche Spuren dieses Typus zu finden.

Schon bevor die letzte Staffel von Rawhide ausgelaufen war, hatte Eastwood über den Umweg Europa eine Karriere beim Spielfilm begonnen. Sein Mitwirken in Sergio Leones Italo-­Western-Trilogie (1964–1966) machte ihn auch international bekannt. Zu dieser Zeit war die Phase der Heldenepen im Western schon vorbei. Mit der Gesellschaft hatte sich auch das Genre verändert und begonnen, seine eigenen Mythen kritisch zu hinterfragen. Als Hauptfiguren bekam das Publikum nun ambivalente Gestalten zu sehen, eher Antihelden als Helden und manchmal nicht komplett von den Bösen zu unterscheiden. Die Schweigsamkeit, der grüne Poncho und die Zigarillos des namenlosen Revolverhelden und Kopfgeldjägers aus Leones Dollar-Trilogie wurden für eine Zeitlang so etwas wie Markenzeichen für Eastwood.

In der zweiten Phase seiner Karriere spielte Clint Eastwood in zahlreichen populären Filmen mit. Bis heute identifizieren ihn viele vor allem mit der Rolle des Polizeidetektivs Harry Callahan in Dirty Harry (1971), einem brutalen, zur Selbstjustiz neigenden und von Kritikern als „faschistisch“ etikettierten Cop. Mitten in San Francisco, der Hauptstadt der Hippies und des liberalen Amerika, machte dieser unbarmherzig Jagd auf einen Serienmörder. Jetzt war Callahans großkalibriger Revolver, eine 44er Magnum, der Gegenstand, der Eastwoods Leinwandpersönlichkeit am meisten zu definieren schien.

Clint Eastwood in Dirty Harry (1971)© picturealliance / Mary Evans Picture Library

Der Dirty-Harry-Regisseur Don Siegel förderte die Ambitionen seines Hauptdarstellers, selbst hinter die Kamera zu treten. Noch im selben Jahr wie Dirty Harry kam Sadistico (Play Misty for Me), Eastwoods erste Regiearbeit, heraus. Ab jetzt waren seine Charaktere komplexer und differenzierter. Die Männer, die Eastwood in seinen eigenen Filmen meistens auch selbst spielte, sind oft mysteriöse Gestalten, denen das Leben tiefe Wunden geschlagen hat. Manche suchen nach Erlösung von einer Schuld aus der Vergangenheit, oder sie haben sich von ihrer Familie oder alten Freunden entfremdet, ohne dass man genau erfahren würde, weshalb. In Pale Rider (1985) und Erbarmungslos (Originaltitel: Unforgiven), dem Film, mit dem 1992 der Durchbruch zum angesehenen Filmemacher und Oscar-Preisträger gelang, blieb Eastwood noch dem Western-Genre treu. Beides sind sogenannte alternative oder revisionistische Western, die ein düsteres und realitätsnahes Bild der Epoche zeichnen, statt den Westen zu romantisieren. Darin entzaubert er überlieferte Vorstellungen von der Geschichte des amerikanischen Mannes schon an ihrem Ursprung, denn diese Filme zeigen, mit welcher Brutalität gegen Menschen und Natur die Siedler das Land in Besitz nahmen.

Erbarmungslos bedeutete endgültig den Durchbruch zum angesehenen Regisseur. Der Film wurde für neun Oscars nominiert und gewann vier, unter anderem für den besten Film und die beste Regie. Der Film markierte einen weiteren Wendepunkt in Eastwoods Entwicklung. Während ihm seit den Dirty-Harry-Zeiten häufig Gewaltverherrlichung unterstellt wurde, war seine Haltung zum Waffengebrauch nun zweifelsfrei kritisch.[2] Anschließend wandte sich Eastwood vom Western ab. Aber seine Filme wurden weiterhin von männlichen Charakteren und Themen dominiert, so zum Beispiel American Sniper (2014), Eastwoods kommerziell erfolgreichster Film, in dem Bradley Cooper unter seiner Regie den Scharfschützen Chris Kyle spielt (Gran Torino erzielte das zweitbeste Einspielergebnis, dicht gefolgt von dem Pilotendrama Sully aus dem Jahr 2016). Unabhängig vom Genre hat sich ein klassischer Eastwood-Charakter herausgebildet. Auch der pensionierte und verwitwete Autoarbeiter Walt Kowalski in Gran Torino weist Züge auf, die man schon von anderen Protagonisten wie dem Secret-Service-­Agenten Frank Horrigan aus In the Line of Fire (1993) oder dem Box­trainer Frankie Dunn in Million Dollar Baby (2004) kennt. Mit dem klassischen Western-Helden verbindet die Männer in Eastwoods Filmen bis heute, dass sie nie durch feste Bindungen daran gehindert werden, ihre Ziele zu verfolgen. Liebesbeziehungen spielen keine entscheidende Rolle (außer in The Bridges of Madison County, 1995). Meistens bietet die Handlung dem Protagonisten die Möglichkeit zur Bewährung, zum Beispiel, indem er sich (zunächst wider­strebend) als Mentor für einen jungen, unerfahrenen Charakter zur Verfügung stellt. Seit Erbarmungslos mit dem abgenutzten Western-Söldner William Munny geht es in Eastwood-Filmen zunehmend auch um das Problem, was aus dem Individualisten und Einzelgänger im Alter wird.

In der Gesamtschau ist Clint Eastwoods Bild von Individuum und Gesellschaft ambivalent. Das „altmodische“ amerikanische Leitbild des rauen Einzelgängers wird nicht vollständig verworfen, aber gleichzeitig zeigen seine Filme, dass ein reiner Individualismus den Horizont verengt. So begleitet und deutet Eastwood den schmerzhaften Bewusstseinswandel einer Nation, deren Lebensweise und Wertvorstellungen sich im Umbruch befinden. Dass Clint Eastwood so tief in der amerikanischen Psyche wurzelt, erklärt sich aber nicht aus seinen Charakteren und Geschichten allein. Diese eignen sich als Projektionsfläche für die Sehnsüchte und Ängste von Millionen, weil der Mensch Eastwood selbst mit seiner Leinwandpersönlichkeit zu einem einzigen Ganzen verschmolzen ist. Als Privatmann und als Geschäftsmann wirkt er genauso ungebunden und eigenwillig wie seine Filmhelden. Es ist bekannt, dass Eastwood sieben Kinder von fünf Frauen hat. Künstlerisch hat er sich seit 1967 mit der Gründung seiner eigenen Produktionsfirma Malpaso ein großes Maß an Unabhängigkeit von den großen Hollywood-Studios gesichert. Auch seine Unterstützung für die Republikanische Partei bestätigt seinen Sonderstatus innerhalb des Showbusiness, das in seiner überwiegenden Mehrheit der Demokratischen Partei zuneigt. Andererseits hat sich ­Eastwood auch schon Forderungen von Demokraten angeschlossen, etwa nach mehr Umweltschutz und nach schärferer Waffenkontrolle. Aufgrund dieser Gegensätze in seinen Filmen und ­seiner Person bietet er Identifikationspotenzial sowohl für Liberale wie für Konservative in dem entlang dieser Linien tief gespaltenen Land.

Clint Eastwood ist vermutlich der letzte Filmstar, der noch völlig mit dem identifiziert wird, was er im Kino repräsentiert. Zuerst als „Man with No Name“ und „Dirty Harry“, später als reumütiger und dann rückfälliger Outlaw in Erbarmungslos, immer aber als „American Rebel“[3], wie eine Biografie über ihn betitelt ist, hat er sich den Status eines kulturellen Phänomens und einer lebenden ­Legende erworben. Darin unterscheidet er sich von einem jüngeren Star wie Leonardo DiCaprio, der auch charismatisch ist, in erster Linie aber als großer Schauspieler überzeugt und sich in die unterschiedlichsten Charaktere einfühlen kann. Eastwood hingegen spielt minimalistisch, wirkt oft ausdruckslos und bedient sich aus einem begrenzten Repertoire an mimischen Mitteln. Er blinzelt, zieht die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, mahlt mit den Kiefern, wirft die Stirn in Falten, hält Blicken unerträglich lange stand, spuckt aus usw. Seine Faszinationskraft entstammt in erster Linie seiner imponierenden Präsenz, zu der auch sein lakonischer Humor gehört sowie der aufrechte Gang bei 1,93 Meter Körpergröße. Damit beeindruckt er auch noch als 78-Jähriger in Gran Torino.

Mit Gran Torino vergleichbare Filme

Die Figur des griesgrämigen alten Mannes, der am Ende menschenfreundlich wird, trifft man im Kino zunehmend häufig an. Diese Filme entstehen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Wenn der Ruhestand angesichts der stark erhöhten Lebenserwartung noch zwanzig Jahre und mehr beträgt, kann der Einzelne mit 65 nicht aufhören, sich für andere Erfahrungen zu öffnen. Die Welt um die Protagonisten herum hat sich rasant verändert und zwingt sie, alte Gewissheiten auf den Prüfstand zu stellen, damit sie noch einmal am Leben teilnehmen können. Fast immer leitet eine Trennung oder der Tod der Ehefrau eine Krise ein, und meistens erweist sich die Konfrontation mit fremden Kulturen und ungewohnten Formen des Zusammenlebens als ­Katalysator für einen Neuanfang. So spielt Richard Jenkins in Ein Sommer in New York – The Visitor (2007) einen verwitweten Wirtschaftswissenschaftler, in dem die Begegnung mit einem von der Abschiebung nach Syrien bedrohten Musiker wieder Lebenslust und Kampfgeist weckt.

About Schmidt (2002) mit Jack Nicholson und Broken Flowers (2005) mit Bill Murray sind als Roadmovies inszeniert. Die meisten dieser Filme sind Tragikomödien mit grotesken Elementen. Das trifft auch auf Song for Marion (2012) mit Terence Stamp zu und auf St. Vincent