Frühzeit der Weltgeschichte - Oswald Spengler - ebook

Frühzeit der Weltgeschichte ebook

Oswald Spengler

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Opis

Dieser Band beinhaltet gesammelte Fragmente aus dem Nachlaß des 1936 verstorbenen Kulturhistorikers. Inhalt: I - Geschichte und Geschichtsschreibung Die Absicht des Buches Zu Geschichte und Geschichtsschreibung II - Die vier Kulturstufen Zur bisherigen Prähistorie Die Kulturstufen III - Menschwerdung Allgemeines Kulturwerden Religion, Ethik, Moral, Recht Rasse, Stamm, Volk Sprachen und Namen Kunst Ackerbau und Viehzucht Technik und Verkehr, Waffen IV - Atlantis - Kasch - Turan Zum Wesen der drei Frühkulturen Grabkult - Mutterrecht - Frömmigkeit V - Ägypten und Babylon Die alten Südkulturen Kalender VI - Wanderungszeit: Streitwagen- und Seevölker Die Welt des Nordens - Landschaft Bronzezeit, Streitwagen, Heldentum Zur Indogermanenfrage Die Seevölker - Allgemeine Betrachtungen Etrusker, Sarden, Sikuler, Pelasger Cypern und Phönikien Israel und Philister Aram und Assur Urartu, Armenier, Mitanni, Kassiten Hethiter Kreta, Kafti, Javones Achäer und Mykene Der Trojanische Krieg VII - Blick auf Hochkulturen und Zivilisation Aufstieg der Antike China - Indien - Reitervölker Spätantike und Magische Kultur Einige Ausblicke

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Frühzeit der Weltgeschichte

Oswald Spengler

Inhalt:

Oswald Spengler – Biografie und Bibliografie

Frühzeit der Weltgeschichte

I - Geschichte und Geschichtsschreibung

Die Absicht des Buches

Zu Geschichte und Geschichtsschreibung

II - Die vier Kulturstufen

Zur bisherigen Prähistorie

Die Kulturstufen

III - Menschwerdung

Allgemeines Kulturwerden

Religion, Ethik, Moral, Recht

Rasse, Stamm, Volk

Sprachen und Namen

Kunst

Ackerbau und Viehzucht

Technik und Verkehr, Waffen

IV - Atlantis – Kasch – Turan

Zum Wesen der drei Frühkulturen

Grabkult – Mutterrecht – Frömmigkeit

V - Ägypten und Babylon

Die alten Südkulturen

Kalender

VI - Wanderungszeit:

Streitwagen- und Seevölker

Die Welt des Nordens – Landschaft

Bronzezeit, Streitwagen, Heldentum

Zur Indogermanenfrage

Die Seevölker – Allgemeine Betrachtungen

Etrusker, Sarden, Sikuler, Pelasger

Cypern und Phönikien

Israel und Philister

Aram und Assur

Urartu, Armenier, Mitanni, Kassiten

Hethiter

Kreta, Kafti, Javones

Achäer und Mykene

Der Trojanische Krieg

VII - Blick auf Hochkulturen und Zivilisation

Aufstieg der Antike

China – Indien – Reitervölker

Spätantike und Magische Kultur

Einige Ausblicke

Frühzeit der Weltgeschichte, Oswald Spengler

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849619565

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Vladislav Gansovsky - Fotolia.com

Oswald Spengler – Biografie und Bibliografie

Deutscher Kultur- und Geschichtsphilosoph, geboren am 29. Mai 1880 in Blankenburg im Harz, verstorben am 8. Mai 1936 in München. Sohn eines Postsekretärs. Nach dem Bestehen des Abiturs 1899 studiert er Mathematik und Naturwissenschaften in Halle, München und Berlin. Bereits 1904 promoviert er. Von 1908 bis 1911 arbeitet er als Gymnasiallehrer in Hamburg, anschließend zieht er um nach München. Nach einer kurzen Anstellung als Kulturredakteur arbeitet er als freier Schriftsteller. Immer wieder kommt er auch in Kontakt mit den Nationalsozialisten, mit denen er anfangs sympathisiert, sich dann aber immer mehr abwendet. Er stirbt an Herzversagen.

Wichtige Werke:

    Der metaphysische Grundgedanke der heraklitischen Philosophie, 1904.

    Der Untergang des Abendlandes, 1918 – 1922

    Preußentum und Sozialismus, 1919.

    Neubau des Deutschen Reiches, 1924.

    Politische Pflichten der deutschen Jugend. 1924.

    Der Mensch und die Technik. Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931

    Politische Schriften, 1932.

    Jahre der Entscheidung, 1933.

Frühzeit der Weltgeschichte

Fragmente aus dem Nachlass

I - Geschichte und Geschichtsschreibung

Die Absicht des Buches

1

Die Prähistoriker suchen die Epochen der menschlichen Geschichte in Museumsobjekten – Gerät, Stoff. Ich suche sie in den Epochen des menschlichen Seelenlebens. Das ist das Grundlegende. Alles andre ist [eine] Folge davon.

2

Sehr scharf gegen die heutige Richtung, die schließlich Geschichte mit Kulturgeschichte verwechselt hat. Weltgeschichte ist Staats- Kriegs-, Machtgeschichte und nicht Geschichte von Stilformen und geistigen Strömungen. Alles das wird erst historisch, wenn es politisch geformt wird: Kirche, nicht Religion; Handel, nicht Kunstwerke, Kunst und Dichtung zählen überhaupt nicht – sie sind eine Flucht vor der Wirklichkeit.

Ich habe im ›Untergang des Abendlandes‹ die Formlehre gegeben. Ich gebe hier die Geschichte selbst.

3

Einleitung:›Weltgeschichte‹ ist Austrag eines unlösbaren Konfliktes [zwischen] Seele [und] Geist, ein Bild seelischer Zerrissenheit, ein hoffnungsloser, selbstzerstörerischer Kampf innersten Seelenlebens, dessen zeitliches Bild Schlachten, Könige, Religionen, Techniken sind. Dabei ist es die Lebensmacht, die führt und sich in ihren Schlachten des Geistes, der Religion, der Technik, der Moral bedient. Nicht die Religionen, die Kirchen sind weltgeschichtlich, nicht die Erfinder, sondern die politischen, wirtschaftlichen Verwerter der Erfindungen.

4

Einleitung:An einem großen Beispiel – dem einzigen, übersehbar – zeigen, wie die ›zwei Zeitalten‹ [ineinander] übergehen, eine hohe Kultur aus einer primitiven Welt [entsteht]. Die enormen Zusammenhänge bis Ostsee, Kongo und Ceylon.

Wie sich leise eine Krise zeigt, mystisch, plötzlich, Geburt der Seele.

5

Hier in großen Zügen den Sinn der ›Weltgeschichte‹ entwickeln. Sinn der Weltgeschichte: Voraussetzung ist die durch Augen- und Denkgewöhnung der Allnatur entfremdete ›Menschenseele‹ geschichtlichen Stils, um 5000 sich ablösend. Die vorherrschenden Züge des durchgeistigten Innenlebens, für das Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft bewußt geworden sind! Als Bild, Umwelt, Ziel. Das Nachher- und Vorherwissen. So wird der Mensch ein geschichtliches Wesen: c Geschichte leidend, d Endgewitter. Ahistorisch ist die Verneinung eines vorhandenen Sieges, historisch die Bejahung.

Weltgeschichte ist organisiertes Geschehen, mit immer klarerem Blick auf das Geschehene und Bevorstehende. Spottet ihrer selbst: denn trotzdem ist das ein Erleiden eines tragischen Verhängnisses! Hybris. Hier das Problem des Persönlichen und Überpersönlichen. Das Wir ist Kultur, das Ich ist Träger, Vernichter, Zerfall. ›Ich‹ ist sprachlich hybrid, rassenmäßig steril. Die Individualität ist die Form des Zerstäubens.

Seele der Landschaft: Inbegriff der Allnatur, mit der der Urmensch verbündet lebt, dem geschichtlichen Mensch entfremdet als Schale: in ihm ist (Rasse) auch noch ein Stück ›Landschaft‹. So steht der Geist, sich zerreibend, zwischen der Natur drinnen und draußen, jene und diese vergiftend, selbst getrieben, erliegend. Grandiose Perspektive!

6

Demnach ist Geschichte die ›öffentliche‹ Geschichte der großen Vielheiten, getragen von den bedeutenden einzelnen, und nicht das Privatschicksal jedes einzelnen ohne Rücksicht auf seinen Rang – sei es durch Tradition, Sitte oder eigne Gewalt. Aber nicht die dünnblütigen Geistigen entscheiden, sondern das Vollblut der Abenteurer, Kämpfer, Ordner, Sieger.

Weltgeschichte ist die Geschichte menschlichen Vollbluts, das am Geist verkümmert. Auf den einzelnen kommt es nicht an. Der Tod von noch so vielen wird durch die Fruchtbarkeit der Mütter ersetzt: der Lebensstrom geht weiter. Und wo das nicht der Fall ist, ist es aus, auch wenn jedes unfruchtbare Einzelleben erhalten bleibt. Aber der Konflikt ist gegeben zwischen der Tendenz der Mengenvölker und den starken Wenigen.

7

Geschichte als der Strom einzelner, unwiderruflicher, einmaliger Taten und Täter ist das, was erzählt und nur erzählt werden kann. Geschichtsschreibung ist also Dichten, epische oder tragische Dichtung, mit dem Auge für Schicksale: andernfalls bleibt man in dem Hilfswissen und Vorwissen der Datensammlung [stecken]. Aber erzählen läßt sich nur das, was man lebendig vor sich sieht, nicht die Form des Tuns, sondern die Tatsache der Tat. Und wo die Daten verschollen sind, läßt sich die tatsächlich gewesene, aber vergessene Geschichte nur ahnen. Die Form ist erhalten, nicht das Wesen. Es ist wenig: aber je tiefer der Dichter das Unvergessene sieht, desto deutlicher ahnt er an den Resten das Vergessene.

8

Anlage und Einleitung:›Weltgeschichte‹ im engeren Sinne ist die Geschichte der Hochkulturen. Der inneren Form, nicht dem banalen Vorhandensein von Dokumenten nach gegen die vorausgehenden [Stufen] abgesetzt. Ein Ganzes als Akt, als Bild, als Form, als Schicksal. Wer es unternimmt, Weltgeschichte zu beschreiben, muß wissen, was er will. Die bloße Wiedergabe der Kenntnisse dessen, was geschehen ist, ist banal. Nicht das Bild, der Sinn des Bildes ist die Aufgabe. Das 19. Jahrhundert, banal bis zum Unerträglichen, rationalistisch, common sense, tat das. Aber niemand legt mehr in ein Bild, als er hineinzulegen hat. Eine Weltgeschichte für einen Plattkopf ist platt. Fortschrittsphilister, Demokraten, Evolutionisten, Nützlichkeitsidioten.

Die Weltgeschichte ist ein tragisches Schicksal. Ihre Schauplätze sind Schlachtfelder unlösbarer seelischer Konflikte. Ihr Erbe sind Leichen und Ruinen. Es ist dumm und feige, das vertuschen zu wollen wie die Literaten. Nicht ihre Qual, ihre Größe soll begriffen werden. Keine Klagen, sondern Stolz! Kein Ausweichen, sondern Aufsichnehmen! Wie Aischylos [die] Orestie und Shakespeare den Macbeth gesehen hat, ist das Menschentum der Weltgeschichte, tragisch und groß. Als in dunkler Urzeit menschliches Verstehen das Feuer erfand, war das Verhängnis im Marsch, das sich einst erfüllt: das Heraustreten aus der allebendigen Natur, der Trotz gegen sie, der Wille, anders, stärker zu sein als sie, und das erhob sich bis zur Unterwerfung der Natur, Hybris. Denn trotz allem blieb die menschliche Seele Natur. Im [Menschen] selbst brach der Kampf aus zwischen der Natur hier und dem andren dort, in dem er bis zur ungeheuren Größe des Leidens, Siegens und Vergehens emporwuchs, das Bild der Erde verwüstete, um endlich zu erliegen: der späte Mensch ist wieder eins mit der Natur, ein Rest, ein Leichnam. Wir aber, wir Heutigen, die auf dem Gipfel einer dieser Seelenschlachten stehen, Opfer und Zuschauer zugleich, wir sollten den Stolz des Fechters haben.

Wieviele sind es – die so erleben können? Die Masse der Menschen ist gemein. Der gemeine Mensch will vom Leben nichts als Länge, Gesundheit, Unterhaltung, Bequemlichkeit – ›Glück‹. Wer das nicht verachtet, sollte den Blick von der Weltgeschichte abwenden, denn sie enthält nichts dergleichen. Größe im Leiden ist das beste, was sie geschaffen hat.

9

Weltgeschichte ist die bewußte Geschichte. Das Wissen um Ziele, Möglichkeiten, Mittel, das Gedächtnis für Erfolge und Niederlagen, die Ahnung oder [die] Hoffnung auf Glück, der Ruhm als die Form des persönlichen Nachlebens unter Persönlichkeiten – das alles unterscheidet Geschichte vom Geschehen, Geschichte haben vom bloßen Erleiden eines Schicksals, Geschichte machen von bloßen Triebhandlungen. Zur Geschichte gehört der Horizont von Raum und Zeit, von Ferne, auf dem sich das gewollte, geplante oder vergangene Tun und Leiden abhebt. Er beginnt mit dem Nachdenken in Form des Sprechens, zuerst das kleine, tägliche, einzelne Tun, wachsend über das Tun fürs Leben – das Leben als Gesamtschau nach Sinn, Zeit, Inhalt – und steigt von Kultur zu Kultur bis zum faustischen Tun in den Perspektiven des Unendlichen, des Weltalls und der Jahrtausende: Napoleon.

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Begründung, weshalb die Weltgeschichte erst 3000 anfängt. Bis dahin gibt es nur eine Gattungsgeschichte der Menschenart. Und selbst im Aufstieg der primitiven Kulturen gibt es nur eine Geschichte von Formen. Das einzelne Geschehen ist gleichgültig, denn es macht keine Epoche. In diesen Urvölkern ist der Abstand der Besten von dem Rest nicht groß. Was geschieht, geschieht aus der Mitte. Der Stamm handelt, denkt, fühlt. Der einzelne ist nur der Schauplatz und der Ausdruck dieses Handelns. Schon daß dieses Geschehen sich über weites Land ausbreitet, erdhaft ist, bezeugt die Unpersönlichkeit auch des einzelnen Lebens. Am Anfang aller Hochkultur steht die Stadt als Symbol der Seele: die Menschen ballen sich an einem Punkt, und hier entsteht ›Geschichte‹.

Es ist der Trieb des Rassehaften in den Lebensstürmen, von dem jedes Einzelleben einen Funken enthält, aber das Getriebensein wird gefaßt in Taten, Entschluß, Ziel, Willen, und hier ist der einzelne nicht nur Träger, sondern auch Führer. Hier beginnt die entschiedene Trennung der Völker in Subjekt und Objekt der Tat: Führer und Opfer, Helden und Pöbel. Jede dieser Kulturen ist ein Kampf zwischen ihnen. Der Held, Schöpfer, Führer zeugt die Kultur, die Masse nagt an ihr, schmarotzt.

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Stets hervorheben, wie die männliche Geschichte der Taten von der weiblichen der Familie durchkreuzt wird (Napoleon, Servilia, Habsburg), d.h. von Heiraten, Protektion, Bevorzugung von Verwandten. Die ›Geschichte der Ideen‹ ist ein Hirngespinst. Es kommt nur darauf an, wer sich der Ideen bedient und wie. Münzer z.B.: wie die Ideen der Demokratie von nur wenigen reichen Familien benutzt werden. Dahin gehört der Nepotismus der Päpste.

12

Ich teile demnach die Geschichte nicht in Zeitalter und nicht in geographische Geschichtsbezirke, sondern in Formen ein: Vorgeschichte, Hochgeschichte, Nachgeschichte. Alle drei sind mit Staaten und Schlachten, Taten und Gedanken einzelner erfüllt, nur daß sie im Anfang wenig, in der Mitte viel, am Ende nichts bedeuten.

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Um die Wende des 5./4. Jahrtausends beginnt es so, von zwei Punkten menschlichen Aufstiegs, Schwerpunkten von Durchgeistigung: Dolmen und Kasch. Es gibt noch keine ›Völker‹. Namenlos ist alles. Aber Ideen dieser Art ergreifen die Bevölkerungen, strahlen weiter, treiben vorüber. Im Norden aktiv, wandernd, im Süden passiv, deutend. Alle lebendige Schöpfung kommt von Norden, aus dem Entbehren, der Kälte. Der Süden hat die Sättigung, die Sonne. Das Leben ist Flamme. Der Süden empfängt, der Norden zeugt.

Ich erzähle und lasse die Beweise für später.

14

Die Gesamtlage des Buches viel tiefer herausholen. Voraussetzung ist das erste Zeitalter zwischen Eiszeit und Hochkultur. Da die großen ›Rassen‹ nach Sprache, Kunst, Mythus etc. [aufzeichnen]. Wenn es nun Tatsache ist, daß in jeder Kultur sich eine Gegenseele ausbildet, die örtlich sehr scharf charakterisiert ist, so sollte das mit dem Phänomen bodenständiger Rassen zusammenhängen. So gut der Yankee Indianer wird, so gut ist der echte Franzose Höhlenmensch der Aurignacrasse.

Das Sadistische geht von Florenz (Etrusker) und Paris (Aurignac) aus, das Dionysische von den Stammsitzen der Vordorer. Man denke an die Drawida- und Yangtsekunst, im Magischen an den arabopersischen Gegensatz, in Ägypten an den Gegensatz oberägyptischer und Westdeltakunst, die uns nur in kretischer Form erhalten ist (die letztere ist ornamental und antiplastisch!). Zum Plastischen (Bild) gehören Epos, Novelle (1001 Nacht ist persisch), zum Ornamentalen Kunstlyrik (Trovatore, Arabien) und Fabel. Das deutsche Epos entstammt dem homo alpinus (Bildtanz des Schuhplattlers), die deutsche Musik den Germanen (Ornamenttanz des Walzers). Zur Ornamentik gehört die Baukunst. Beide sind reine Symbolik, priesterlich. Die imitative Bildkunst ist mehr vital. Dabei muß man aber tiefer gehen: das konstantinische Porträt ist Ornament der Seele (›stilisiert‹)!

15

Wenn die Wissenschaft erst [gräbt], einen Riß zwischen ›Paläolithikum‹ und ›Neolithikum‹ feststellt: hier Scherben, Knochen, Pflug, Gräber findet, so ist sie blind geblieben: Sie hat Spuren künstlichen Lebens gefunden, das vom Organischen zum Organisierten geschritten ist, vom Ahnen zum Überlegen, vom Nützen zum Machen. Die Seele ist anders. Eine Welt neuer Gefühle beherrscht das Leben. Der Baum der Erkenntnis! An ihm sind Haß und Liebe, Seelenangst und Überschwang, Grausamkeit und Mitleid, ›Wahrheit‹, ›Gerechtigkeit‹ etc. gewachsen. Der höhere Mensch ist groß und furchtbar. Über seinem Dasein – wie lange noch? – hegt ein Hauch von Glück und einem fürchterlichen Wollen von Qual und Leid. Denn Wissen birgt Leiden, und die Wissenschaft ist die Tragödie dieses Zuvielwissens, das in unendliches Leid ausschlug, das jener sich und andren zufügte und von sich und andren empfing.

16

Was ist Weltgeschichte? Zunächst nicht Menschengeschichte überhaupt, sondern deren Verlauf im Zeitalter hoher Kultur, wo man von ihr weiß, wo sie Epochen hat. Also Stadt, Stand. Dann aber nicht Geschichte des Geistes (Kunst, Religion, Wissenschaft), sondern des Lebens, des Blutes, der Rassen. Nicht Privatgeschichte (Biographie), sondern ›In-Form- des Lebens selbst in Generationen: politisch, wobei Wirtschaft und Geist eingeordnet sind als Motive. Staat und Geschichte [sind] Wechselbegriffe. Krieg und Politik [sind] identisch: gegen die ideologische Faselei. Alles Geistige ändert nichts. Tatsachen und Wahrheiten.

17

Die Weltgeschichte ist [der] Konflikt der Natur im Menschen und außer dem Menschen, den andren großen Schauspielen der Natur verwandt, in denen ihre Lebensströme gegeneinander prallen – das Erdbeben, das Gewitter, der Sturm. Schönheit der Vernichtung hegt darüber, Größe des Siegenwollens. Dumm und widerlich ist es, ›Fortschritt‹ im Streben nach Nutzen und Nützlichkeit darin zu suchen. Vom Standpunkt des Fortschrittsphilisters ist die Geschichte sinnlos – Gott sei Dank. Die menschgewordenen Mächte der Natur rasen gegen die andren.

18

Weltgeschichte ist die Geschichte von Wesen und ihren Taten? Da jede Tat sich gegen etwas richtet, das überwunden, umgestaltet, eingefügt, ausgelöscht werden soll, um ein Leben gegen ein andres durchzusetzen, so ist sie gewaltsam. Da sie stets und überall so wirkt, wie mildes Grübeln es nicht erträgt, so ist sie verbrecherisch – verbrecherisch im edlen Sinne. Da sie Leben gegen Leben stellt, so ist sie blutig und tötet, um Leben zu fördern. Etwas andres ist sie nicht und kann sie nicht sein: Es gibt keine Geschichte als Evolution von Ideen: ›Geistesgeschichte‹, wie sie Philosophen verstehen, ist der Blick über die wechselnden Einbildungen von einzelnen Schulen und Rassen, mag man sie Wahrheiten, Gedanken oder Grundsätze nennen. Zur wirklichen Weltgeschichte steht sie nicht anders als das Schauen auf die Wellen.

19

Düsteres Geheimnis: Hebbel: "Doch rühre nimmer an den Schlaf der Welt". Der Geist tut es – das ist die große Schuld in der Tragödie der Menschheit. Die Natur rächt sich, indem sie die Menschen vernichtet. Denn es ist Wesen und Aufgabe des Geistes, die Welt zu wecken; aber eben damit bricht das Verhängnis herein. Die Natur läßt ihrer nicht spotten. Aber der Schlaf der Welt ist ihre Schuld, gemessen an der Idee des Geistes. Das Wecken ist die Schuld des Geistes, gemessen an der Idee der Natur – Meinung Hebbels.

20

Was ich schreibe, ist eine Tragödie. Die ›Weltgeschichte‹ in diesem Aspekt ist tragisch: der ›frei‹ gewordene Mensch im Kampf gegen die Welt – um sich, in sich, in den andren Menschen. Der höhere Mensch ist ein Verhängnis. Er hinterläßt mit seinen Gräbern die Erde als Schlachtfeld und Trümmerstätte. Er hat Pflanze und Tier, Meer und Gebirge in seinen Untergang gezogen. Er hat das Antlitz der Welt blutig gezeichnet, verstümmelt, zerrissen. Aber es war Größe darin. Wenn er nicht mehr ist, wird sein Schicksal etwas Großes gewesen sein. Und selig die, welche Zeiten dieser Größe erleben, schauen können.

21

Wenn ich auch die ›Weltgeschichte‹ vom mittelalterlichen Schema befreie (Altertum – Mittelalter – Neuzeit) und unabhängig von meiner eignen Lage betrachte, so ist doch die gesamte innere Form des Schauens bedingt durch Ort und Zeit meines Einzellebens: darüber kommt kein Mensch fort. Was ich sehe, ist für die Chinesen und Inder nur bedingt wahr. Wird der Chinese Christ, so ist [sein Glaube] Taoismus in christlicher Fassung.

22

Die höhere Geschichtsschreibung deutschen Stils (Ranke, Meyer, Taine) ist Romantik und wird mit ihr erlöschen. Ich bin der letzte. Die englische ist rationalistisch, flach, kausal, untragisch.

23

Zur Disposition:Im ersten Band nur einige große Zeitstufen, daher die einzelnen Seelengebiete aphoristisch, mehr fragend als antwortend. Aber gleich lokalisiert: auf dem Globus als Sonnennähe, Eisnähe, Meernähe, Meerferne, Ebenen, Höhen. Es gibt von Anfang an führende und nachfolgende oder schöpferisch mitgehende und zurückbleibende Gebiete – ist da die Landschaft maßgebend als Wurzel der Seelen oder die Seele frei von der Macht der Landschaft, so daß sie schaffend auch wandern kann?

Zeitgrenze für Bd. I um 4000, also abschließend mit Vollendung von Grammatik, Metallguß, Sonnengott.

24

Die ›Weltgeschichte‹ im eigentlichen Sinn beginnt nicht mit den Menschen. Sie beschreibt das Schicksal des höheren Menschentums, auch wenn sie dessen primitiveres Zeitalter beschreibt. Es muß sehr vieles vorauf gehen, bis die seelisch bedeutendsten Elemente innerhalb der Gesamtmenschheit dahin kommen, Geschichte zu erleben, statt Geschehnisse zu erleiden. Aber es tritt im Laufe der Schicksale der Gattung homo – Menschheit ist weiter nichts als ein anmaßender Titel dafür – erst sehr spät – hier und da, beileibe nicht überall – der Punkt ein, wo das Gefüge der Menschenwerke, der geistigen wie der stofflichen, eine Macht für den Menschen selbst wird, wo also ›Kultur‹ nicht nur Ausdruck, sondern verstandener, allmächtiger Ausdruck ist und damit zur Umwelt wird. Ich schweige hier aber noch von der langen und reichen Vorgeschichte, weil sie metaphysischer Ausdruck ist und nur metaphysisch erschlossen werden kann. Hier wird die Menschenseele geboren und gereift. Von da an ist sie in ihren Grundzügen vollendet und beginnt nun zu schaffen. Der Inbegriff dieser Schöpfung ist die Welt, deren Geschichte erzählt wird.

Es gibt also einen Übergang von der Seelengeschichte zur Weltgeschichte: von den Geheimnissen der Seele zum Bild einer Welt menschlicher Schöpfung. So verstehe ich ›Weltgeschichte‹. Diese Welt der Schöpfung ist gemeint.

25

Was heute überwunden werden muß, ist der Feuerstein- und Topfscherbenmaterialismus aus der Zeit, wo Dampfmaschinen und Telegraphendrähte für Sinn und Inbegriff von ›Kultur‹ gehalten wurden. Man verwechselt in diesem ersten Jahrhundert des Abstiegs, [dem] neunzehnten Jahrhundert, Symptome und Sinn des Lebens, und wenn wirklich für die weißen Massen unsrer Städte, die gelehrten und ungelehrten, die Symptome den ganzen Sinn des Daseins ausmachen, so ist das nur eben ein Symptom dafür, daß das Dasein sinnlos, überflüssig geworden, am Ende angelangt ist. Aber das war hier, am Anfang, nicht der Fall. Wenn man heutige Unterscheidungen wählt, so waren diese ersten Menschen nicht Techniker, sondern Träumer, ahnungsvolle, zerquälte, erwachende Träumer. Und an den Faustkeilen und Glockenbechern ist nicht das bedeutsam, daß sie das Leben bequemer gestalten – das hat man gar nicht empfunden –, sondern daß die Seele zu Formen drängte, die schwer von Symbolik waren.

Fehlt es den Scherbenordnern an metaphysischer Tiefe, so fehlt es der Kulturkreislehre vor allem an historischem Sinn. ›Schichten‹ sind nicht Zeitalter. Tempo, Dauer und Richtung sind die Elemente der geschichtlichen Zeit und nicht das bloße Nebeneinander. Aber während die Scherbenordner nur mit Jahrtausenden um sich werfen, weil ihnen das Geheimnis des Werdens verschlossen ist, haben die Ethnographen den Unterschied von Jahrtausend und Jahrzehnt vergessen.

Und trotzdem liegt das ganze Geheimnis der Geschichte, der Seele, des Lebens in der Zeit, im Wann, Wie lange, Wie schnell, im Warum und Wohin. Und wenn das Warum auch ein ewiges Geheimnis bleiben wird, an dem wir nur, ehrfürchtig oder neugierig, herumtasten, so ist doch das Wann und Wo das tiefste Symbol für das, was wir ahnen.

26

Man kann die Geschichte des Menschentums in zwei große Abschnitte teilen: In eine Zeit des Aufstiegs, wo die Menschenseele sich bildet und wo alles äußere Geschehen, Entstehen und Vergehen bedeutungslos ist gegenüber dem metaphysischen Aufbau dessen, was künftigem Geschehen (als dem Ausdruck davon) zugrunde liegt, und in eine Zeit des inneren Besitzes, wo diese Seele in ihrer Struktur fertig ist und nun das Leben Gestalt [annehmen] soll, immer reicher, feiner, gefährlicher: wo in steigendem Maße das Einzelereignis seine Bedeutung hat.

[Die Darstellung] jener ersten Zeit, die Früh- und Jugendgeschichte der Seele, hoffe ich bald vor [legen zu können]. Hier soll erzählt werden, was sich in der Wirkungsgeschichte der reifen Seele begab. Denn das ist der Unterschied: die Begebenheit gibt den Zeiten Fülle und Sinn. Die inneren Voraussetzungen sind da. Also Schöpfung der Seele, womit das Leben Sinn erhält, Schöpfung des Lebens durch die fertige Seele. Also vom Organischen zum Organisierten, [vom] Schicksal zur Kausalität. Das soll hier nur angedeutet sein.

27

Das Weltbild des faustischen Menschen der Endzeit, tapfer, skeptisch, tief, nicht was ›wahr‹ ist, sondern was uns, den Menschen des späten Abendlandes, wirklich ist, ein Bild, mit dem wir verwachsen, das wir selbst sind, das jeder einzelne, sofern er Tiefe hat, sucht, in sich dunkel ahnt, das ihm deutlich zu machen, ist meine Aufgabe.

28

Und man muß seine Zeit begreifen! Denn nur aus einer Zeit heraus gibt es ein Weltbild, ›ewige‹ Bilder sind Unsinn.

29

Schauen und ›Dichten‹:Jeder Schöpferdrang ist visionär – dichterisch. Man sieht in das Weib (oder den Mann) ein Bild hinein. Die Geschlechtsliebe tritt zum Geschlechtsdrang hinzu. Ebenso das Dichterische in den Willen zur Macht: Erobern, Zerstören, Grausamkeit. Wollust im Töten. Brennen, Vernichten, Schaffen. Alexander, Napoleon. Jeder große Täter (Stinnes, Bismarck) ist ›Dichter‹. (Kreuger, Borkman.) Die ›Tat‹ wird als Dichtung geboren. Sonst ist man nur subaltern: Rechner, Organisator, Bürokrat. Dichterisch sein [heißt] Ideen haben. Schau ist Idee.

30

Daß sich die meisten Denker einbilden, ›die‹ Wahrheit gefunden zu haben, die alle richtig finden sollten, ist grotesk. Ich begnüge mich, meine Metaphysik zu schildern in der Hoffnung, verwandten Seelen zur Bildung der ihrigen zu helfen.

31

Bei jeder gelehrten Philosophie muß man die scholastische Kruste erst abkratzen, um zu sehen, was für ein Philosoph dahintersteckt; bei den meisten ergibt es sich: gar keiner. Bei Eckart z.B. ein ganz andrer, als der gelehrte Firnis vermuten läßt.

32

Wie diese Welt sich gewandelt hat! Ein lachender Weltgeist über dem Getriebe blickt heute auf ehrbare Zylinder, Degen, Ordenssterne herab und einen Atemzug früher auf Staatsperücke und Galanteriedegen, wo früher die Steinaxt im Walde blitzte, – und irgendwo in dem Winkel der Steinwüsten, die Städte heißen, sitzen bebrillte Schulmeister, gegen das Treiben der Welt wohl verwahrt, und tüfteln über den Begriffen und Schlüssen, eifersüchtig aufeinander, unermüdlich in Wortstreit und Schreiben, und teilen das Ergebnis Jüngern mit, damit diese es wichtigtuend ebenso unter sich vermehren. Niemand kümmert sich darum.

33

Diese Fachansichten! Was ursprünglich das Ziel aller Forschung war, die menschliche Entwicklung zu verstehen, haben sie längst aus den Augen verloren. Jedes Fach hat seine Begriffswelt, durch die man nur noch sieht, was hineinpaßt. An einem Punkt, wo Menschen lebten und starben, sieht der eine eine ›neolithische Station‹, der andre ›Bandkeramik‹, der dritte einen Neandertalerschädel. Dieser kennt nur die Faustkeilserien in ungestörter Lage, jener die Brennerschicht. Wie aus einer andren Welt herein schallen Begriffe wie urindogermanische Flexion – da sieht man keine Menschen mehr, sondern Buchstaben.

Ich will durchaus keine ›neue‹ Erkenntnismethode scharfen. Das gibt es nicht. Ich will nur jeden einzelnen an Erkenntnisweisen erinnern, die jeder täglich gebraucht, ohne es zu merken. Der ganze Schatz von Erfahrungen, den wir haben, beruht auf solchen ›unentdecktem‹ Methoden.

34

Was der Historiker nicht zu trennen [vermag]: Geschichte als das geistige Bild vor seinem inneren Auge mit einer geistigen Ordnung, und Geschichte als das Bewegte im All. ›Ein Volk tritt in die Geschichte ein‹ – in das Bild oder in den Strom? Jenes ändert sich durch ein aufgefundenes Buch, dieser durch Mutation.

35

Um sich ganz in diese fernen Zeiten zu verlieren, muß man Dichter sein – oder Maler –, an einem Spätsommertag im Süden, und ein Glas sonnenhaften Weins im Kopfe. Dann sieht man diese Jahrtausende vor sich, mitten in einer Landschaft wie Märchen. Wer nur am Schreibtisch und seine armselige Logik anstrengend darüber nachdenkt, den wird das Leuchten dieser Frühzeit niemals anstrahlen.

36

Kritik der Forschung:Was vor uns hegt, von emsigen Sammlern und Ordnern aufgehäuft, sortiert, beschrieben, sind Reste von Werken. Werke sind Ergebnisse von Taten. Taten sind Ausdrücke von Seelen. Ob Topfscherben oder Genitive oder Spuren von Schlachten – es sind immer Trümmer als Zeugen eines Lebens, einer Tatenreihe, eines Seelentums. Wie wenig ist übrig? Wie verzerrt, einseitig, bedingt. Welcher Fehler, aus der Summe der Reste den Umfang der Seele erschließen zu wollen: aber von Ideen und Entschlüssen gibt es keine Reste. Die Trümmer sind an sich banal, das Wertloseste von allem. Wo sie das Niveau der Schlüsse bestimmen, ist die Wissenschaft selbst wertlos, gehaltlos, seelenlos. Hier reden, in verhallenden Lauten, Menschen zu uns. Nur ein Dichter erlebt sie wieder, der aus einer Spur eine Welt erwecken kann. Denn von [den] Werken erhält sich nur Stein und Metall, nur der Rest fürs Auge. Die Laute, Musik, Tanz, die Geschichten, Szenen, Taten, die Haltung, [das alles] fehlt, der Wille ist verschollen. Können wir sie nicht aus dem Abgrund der Vergangenheit heraufrufen, so ist die Forschung wertlos. Es ist gleichgültig, ob man Waffen, Schädel, Scherben oder Briefmarken sammelt. Und in das zerstörte Bild der Reste den kleinen Egoismus des Tages tragen: Fortschritt, Zweckmäßigkeit, Mangel an physikalischem Wissen als Ursprung der Religion – wie banal, wie dumm ist das alles!

37

Für die Urgeschichte einen Fehler zeigen, den die ›Weltgeschichte‹ auch begangen hat und der daher kommt, daß heute Fachgelehrte allein das Wort führen, die ihr ›Material‹ zum Tyrann haben. Das Wort Rankes, daß die Geschichte beginnt, wo Urkunden vorliegen – nein, mein Herr, da beginnt der Zettelkasten, nicht die Geschichte selbst! Oder haben einst die Römer genau dort begonnen, geschichtlich zu sein, wo wir die ältesten Fetzen Manuskript haben? Hybris!

Aber ebenso der Prähistoriker. Die ›Funde‹ begrenzen die Geschichte, und nach der Einteilung der Funde teilen sie die Perioden. Arme Menschen einer Urzeit! Wenn sie einen Schaber aus Holz machen statt aus Stein, so gehen sie uns nichts mehr an, denn wir finden den Schaber nicht.

Was ich will, dort wie hier, ist die Befreiung des geschichtlichen Blicks – des physiognomischen Taktes – vom Zufall erhaltener Gegenstände oder Zeugnisse, durch Ausbildung einer Art des Schließens, welche solchen Unsinn ausschließt. Die Geschichte der Römer ist älter als unsre Zeugnisse, nur wissen wir nichts von ihr, aber wir müssen sie als vorhanden einreihen. Die Geschichte der Urmenschen ist viel älter als die Steinzeit – in einem ganz andren Sinne als das ›Eolithenproblem‹. Sie reicht in Zeiten und Zustände, wo es ›Artefakten‹ gar nicht gab – aber die Entwicklung der Seele. Und sie ist das Tragende; sie ist wichtiger als die Zeugnisse. Wir müssen lernen, daß die Einteilung in Stein- und Bronzezeit nicht klüger war, als wenn wir die Geschichte Europas einteilen wollten in Rabenkiel-, Feder- und Schreibmaschinenzeit. Man verwechselt den Ausdruck mit dem, was ausgedrückt wird. Schnurkeramik geht tiefer als die Tatsache der Keramik. Der Metallguß ist eine Folge einer veränderten Weltanschauung, ein Symbol. Wir müssen die Stufenfolge unabhängig machen von der Einteilung der Funde in den Museen. Wie nebensächlich Stein und Bronze für die innere Epoche sind, zeigen die ägyptische und [die] babylonische Kultur, die mitten darin liegen, ohne Einschnitt. Hier ist die Geschichte eine Geschichte des Innenlebens, das sich im Stil der Bauten, Ornamente, sozialen Formen ausdrückt und nicht in einer Geschichte des Materials. Das gilt ebenso vom Eisen.

Wir wollen doch eine Geschichte des Menschen und nicht des Materials schreiben, also [eine Geschichte] der Seele.

38

Die Evolutionsidee begriff nur das Nacheinander, und zwar falsch, indem sie Stufen für modern – geistig – rational hielt, die Kulturkreislehre, ebenfalls veraltet, nur das Nebeneinander, das durch ein ›früher‹ oder ›später‹ durchaus noch keine chronologischen Werte erhält. Es bleibt der Schritt zu tun, wirklich das zu schreiben, was die ›Vorgeschichte‹ in ihrem Namen enthält, nämlich Geschichte, in welcher neben Ort und Richtung Tempo und Dauer, das Wann und Wielange eine Rolle spielen. Geschichte aber ist Erzählung des Lebens, nicht Aufzählung seiner Spuren.

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Weltgeschichte im engeren Sinn [ist] Geschichte der hohen Kulturen und ihrer Vorbereitung, 10000 Jahre. Vorher liegt die Region des ›Ungeschichtliche‹, ein fortwährendes Auf und Nieder von Völkern, Staaten, Künsten, ohne Fortschritt. Die Wissenschaft verfährt hier rein sammelnd und ordnend, also naturwissenschaftlich: es handelt sich um Zustände. Weil nämlich hier ein großer Zusammenhang berührt wird: Geschichte der Lebensweisen, deren Historie sich auf Gattungen und Zeiten bezieht, die von jener aus gesehen als Stillstand erscheint.

Weiter von der Geschichte des Lebens zurück zur Geschichte der Erdoberfläche des Planetensystems! Da erscheint [die Naturwissenschaft] zuständig, weil die relativen Zeiten ungeheuer sind.

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Geschichtsb[ilder]:

1. Das Geschichtsbild, Welt als Geschichte: es ist, wie Goethes ›Dichtung und Wahrheit‹ seine Biographie darstellt, die Tatsache der Erinnerung in einem eignen Geist symbolisch gestaltet, belebt, durchstrahlt.

So hat jeder abendländische Mensch ein solches eignes, nicht mitteilbares Bild der Welt als Geschichte, in das das Bewußtsein des eignen Lebens aufgeht und das allem Tun und Wirken zugrunde liegt. Dichtung und Wahrheit insofern es die eigne Größe ist, die bloße Data beseelt. Solche Bilder der Geschichte, wie sie die einzelnen haben, haben auch alle einzelnen Gruppen, Stände, Schichten, Epochen. Es gibt ein gotisches, ein Renaissancebild der Geschichte, ein Bild der Geschichte für den Menschen des 19. Jahrhunderts. Andrerseits ein deutsches, ein französisches Bild, das von der Seele eines solchen Volkes spezifisch gefärbt, psychologisch bestimmt ist; ein Bild des S[ozialisten], des Konservativen, des L[iberalen], des Priesters; des Bauern, des Gelehrten der großen Städte, des Historikers von Beruf; so daß aus all diesen tausend [Bildern] endlich für jeden ein Eigentum herauskommt, das man mit [keinem] teilt und das die nie zu beseitigende Grundlage allen Streits bildet.

2. Von ganz andrer Art ist aber das historische Weltbild des antiken Menschen.

3. Verwandtschaft der Geschichtsbilder mit Sage und Märchen: beim Urmenschen [sind sie] nahezu identisch, beim Bauern, beim antiken Menschen. Selbst beim höchststehenden Westeuropäer [geht] das Bild am Horizont in Sage über (der Form nach: Karl der Große, Napoleon, Völkerschlacht bei Leipzig, Sedan sind heute im Volksbewußtsein sagenhaft geformt).

4. Diese sagenhafte Form gestaltet die Oberfläche, den Zufall; die organische Struktur in der Tiefe ist Gefühl, Intuition. Ebenso wie auch das ›Bild der Natur‹ nur des Gebildeten wissenschaftlich (und das auch nur in den intellektuellen Momenten!), im übrigen ebenfalls Naturmythus ist und bleibt. Der Intellekt hebt im Leben eines höheren Menschen für Momente ein wissenschaftliches Naturbild heraus, über dessen Konstanz und Dauer man sich täuscht.

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Zur Weltgeschichte. Aphorismen:Hatschepsut und Teje, die große Kaiserin und die Cäsarenmutter aus der Tiefe, die sich stets mit abbilden läßt, – das sind Livia, Agrippina und die Frauen um Elagabal. Hier sind Bilder nötig: nebeneinander diese Frauen, Echnaton und Mark Aurel, Trajan und Ramses, Thutmosis und Augustus. Oder Cäsar. Solche Momente in einem Aphorismenzyklus unter dem Titel ›Perspektiven‹ (Vergleiche und Tiefblicke höchster Art)! Ein zweiter Zyklus: Sub specie aeternitatis: letzte Ausblicke über Kulturen im ganzen. Und so mehreres ordnen. Bilder dazu! Eine neue Art von illustriertem Buch schaffen! Vor allem Porträtköpfe! Ornamente, um den ›Stil der Geschichte‹ ahnen zu lassen. Eine Art Graphologie der Historie.

Ein Aphorismenzyklus über den Begriff der Sonnen- und Mondzivilisation. Hier die Völkertypen von der Art der Römer, Preußen, Azteken – und die Japaner, Karthager, Juden, die noch in spätere Zivilisationen hineinragen.

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Historische Methode:Das Wesen der naturwissenschaftlichen Methode, der einzigen reinen wissenschaftlichen Methode, die es gibt, ist sehr einfach. Um so schwieriger ist [die Methodenfrage] in der Historie. Die vorbereitende Arbeit (Sichten des Materials, Sammeln) ist nämlich systematischer Natur, eine Ameisenarbeit, die dem niederen Historiker sein Ein und Alles ist, die aber auch den großen Historiker oft über das Wesen seiner Leistung täuscht. Er bemerkt nicht, daß der Gehalt seiner schöpferischen, nicht systematisch-ordnenden Leistung jenseits dieser Arbeit und ihrer Methode liegt. Dazu kommt, daß ein Historiker, sobald er sich und seine schöpferischen Einsichten und Erleuchtungen mitteilt, notgedrungen sich systematischer Mittel: der Sprache, der Begriffe, Urteile, Folgerungen bedienen muß. Denn prosaische geistige Mitteilung ist nicht physiognomisch, sondern systematisch.

Hier steht also die Form der Mitteilung im Widerspruch zum Gehalt des Mitzuteilenden, und tiefe Denker haben das schmerzlich empfunden: Wieviel vom Besten und Tiefsten geht da verloren! Wie sehr muß das ganz Individuelle, Feine abgeschliffen, vergröbert werden, wenn es in die Fassung der Sprache eingeht. Eine geheime Sehnsucht nach künstlerischem Ausdruck: poetische Beschreibung, dramatische Konzeption, Bild, Vision, Andeutung durch blitzartige Aphorismen (die das Mittel der Sprache nur berühren)! Unglücklicherweise hat selbst große Historiker dieser Tatbestand verführt. Da sie den Geist dieser Mitteilungsform erkannten, so meinten sie, darin auch die spezifisch historische Methode zu sehen, und sie quälten sich ab, ihren Äußerungen die Gestalt von Ursache und Wirkung, Schlüssen, Urteilen, Begriffen zu geben, statt diese notgedrungen heterogene Sphäre möglichst zu vermeiden.

Trotzdem wird man an jeder großen historischen Leistung den physiognomisch-schöpferischen Kern sehr wohl von der wissenschaftlich-systematischen Materie unterscheiden, durch die allein er mitteilbar wurde.

Zu Geschichte und Geschichtsschreibung

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Historische Betrachtung ist faustische Skepsis. Es gibt Rassen und Kulturen des Erkennens. Auch als Naturwissenschaftler erkennt man nur in der Art von seinesgleichen und überzeugt nur Menschen der gleichen Art.

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Schicksal und Kausalität:Was Schicksal ist, läßt sich nicht definieren, nur sehend erleben. Die meisten Menschen [sind] zu dumm dazu. Da wird dann die Geschichte in Daten zerlegt und eins als Ursache, das andre als Wirkung bezeichnet. Wer das tut, weiß nicht, was Geschichte ist.

Mussolini [ist] Schicksal. Keine Wirkung. Tragisch. Die ganze Menschheit ist eine Tragödie. Dem Tropf, der kausal denkt, erscheint die Geschichte sinnlos. Sie hat aber einen Sinn, an dem die kleinen menschlichen Maßstäbe und Wertungen – Recht, Unrecht – lächerlich werden. Die Geschichte hat noch nie auf dergleichen Rücksicht genommen.

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Was mit dem Menschen geschieht und wie der Mensch Geschichte macht (cd) – seine ›Weltgeschichte‹ –, indem er seines Horizonts, seiner Lage, Ziel [und] Mittel bewußt wird – und damit vom Schicksal in seiner Seele getrieben wird. Diese bewußte Geschichte beginnt mit der Sprache. Unterschied zwischen den großen Individuen und der Menge: die Großen haben den größeren physiognomischen Blick der Tatsache, aber sie stehen trotzdem im Dienste des Schicksals.

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Der echte Staatsmann und Historiker fühlt sich als Element des Stromes der Wandlung, der unabänderlich strömt. [Politik ist] Kunst des Möglichen. Sich selbst als Element fühlen (Napoleon). Bejahung des Schicksals, amor fati. Der Systematiker, der Ketten von Ursachen, Zahlen, Gesetzen konstruiert [und] statt zu schauen, kritisch zerlegt, glaubt die Kette der Ursachen ändern zu können – Ideologie, Utopie.

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Der große Geschichtsschauer bildet sich die ganze Systematik (Zahl, Daten, Theorie), ohne ihr zu erliegen. Als Mittel zur Verdeutlichung des Geschauten. Der Sammler und Ordner von Daten und Zahlen kommt nie aus dem kahlen Schema heraus zu einem Schauen des Wirklichen, des lebendigen Wandeins.

Data des Raumes (Zahl, Statistik, Chronologie, Karte, Tabelle) sind nur Ausdrucksmittel, nicht Selbstzweck.

Man kann Geschichte des Lebens – biographisch oder welthistorisch – nur bildhaft schildern, im Nacheinander oder [in] künstlerischer Gruppierung (›Untergang des Abendlandes‹).

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Was ist Kultur?›Leben‹ als Einheit, Menschenleben vor allem eine Einheit.

Kulturen [sind] die organischen Exemplare der Gesamtheit ›Menschenleben‹. Ihre innere Form: Jugend, Alter, Dauer (1000 Jahre), Tempo.

Die konkreten Formen dieser Schicksale [sind] nicht vorauszusehen, aber das Ende der inneren Gestalt ist sicher.

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Die Zahl tötet das Leben – aus Angst Berechnenwollen – Orakel, Prophezeiung, Horoskop. Chronologie darf nie Hauptsache, Schema werden. Der echte Historiker und Staatsmann sieht die Gestalt des Kommenden unwiderruflich voraus (Kunst des Möglichen), der Systematiker sieht nichts. Deshalb rechnet er, und immer falsch. Ihm fehlt die lebendige Zeit. Er spekuliert raumhaft, zeitlos, gesetzhaft.

Die Angst des Systematikers will Daten und Regeln entdecken, um dem Schicksal zu entgehen. Der Physiognomiker hat Ehrfurcht vor dem Schicksal. Er will es bildhaft andeuten, nicht umgehen.

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Kultur ist unbewußte Verwirklichung des Möglichen, Drang, nicht Entschluß. Alle Kulturformen entstehen unwillkürlich. Kein Volk schafft Kultur, sondern wird von der Kultur geschaffen. Die Volkstypen sind wie Kunstwerke und Denkweisen Ausdruck der Kulturen, Symbole.

Wer denkt oder malt oder dichtet, will bewußt nur schaffen; wie es wird, tut eine Macht in ihm, die ihn treibt. ›Es‹ neben ›Ich‹.

Allzu großes Bewußtsein des Gewollten tötet das Schöpfertum. Es bleibt nur Kritik, Selbstkritik. Man weiß, wie es werden sollte, aber kann es nicht machen.

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Nachtrag:Wie in jeder Kultur das Denken sich analog entwickelt, indem der eigne und einzige Blick in die Welt sich sprachlich geistig in Formen herausstellt, die gleichartig ablaufen, am verborgensten in der jeweiligen Logik, die für den ersten Blick ›allgemein menschlich‹ ist. Was grundverschieden ist, ist das Entscheidende, wirklicher als alle Einsichten, nämlich die Methode des Sinnens, Forschens, Schauens: die antike, chinesische, ägyptische Methode sind das ›Urphänomen‹.

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Ein Mensch der großen Tat, wie Napoleon, der in Augenblicken einer schweren Entscheidung schwankt und Zweifel hat, erlebt den Punkt, wo das Denken von Ursache und Wirkung sich als wesenlos erweist und das Schicksal sich enthüllt. Dann hilft kein Denken mehr, nur der Instinkt, der Glaube an den Stern.

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Der Schaffende fühlt sich frei. In jeder Tat liegt Freiheit. Jede Tat, auch die mißlingende, ist dem Wesen nach ein Sieg des freien Willens. Nur der Tatenscheue, der Denker, Priester, Tüftler, kennt diese wirkliche Freiheit nicht. Ihm wird das Wort zum Problem, wie alle Wirklichkeit. Aber das spricht nur die Unnatur seiner Existenz aus.

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›Seele‹ ist ein Stück Geschichte, ein Sichregen in Form: ›Charakter‹ heißt das. Aber Charakter gibt es von einzelnen, Völkern, Ständen, Kulturen und schließlich vom geschichtlichen Menschen überhaupt: Alles das [sind] seelengeschichtliche Ströme von Ort, Dauer, Tempo und Art.

Die Geschichte selbst (die ›öffentliche‹, die Weltgeschichte) ist nichts als der sichtbare, fühlbare, erlebbare Ausdruck dieser ›geheimen‹ Geschichte. Seelengeschichte und Weltgeschichte verhalten sich wie Wollen und Tun, Drang zum Zeichen und Zeichnen, Zorn und Schlag.

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Aber wann beginnt in dieser Geschichte des Seelenanstiegs das Distanzgefühl? Unter Tieren von Rasse [ist es] vorhanden, aber als Trieb der Zugehörigkeit. Unter Menschen aber endlich bewußt, begriffen und deshalb in furchtbarer Tiefe wirksam.

In allen Hochkulturen [ist es] schon alt. Aber wann entsteht das? Die erlesenen Typen des herrischen und heiligen Bewußtseins, heute als soziale und geistige Überlegenheit empfunden – und nachgeäfft. Aber Kultur ist beinahe nichts andres als Distanz. Sie ist paucorum hominum. Die meisten müssen für die Ziele der wenigen arbeiten – in Politik, Religion, Kunst –, sonst entsteht nichts.

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Ideen, die nicht Interesse und Leidenschaften vitaler Art hinter sich haben, bleiben Literatur. Das Christentum kam nur auf, weil es das Feldzeichen der Armen, des Pöbels, der Rassefremden war, das Luthertum ebenso als Waffe der Bauern, Zünfte, Städte, Fürsten, die Idee von 1789, die von Marx ebenso.

Der Geist spielt in der Geschichte keine Rolle, nur die Triebe.

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Die Geschichte schildert das menschliche Herz (Napoleon). Dagegen sind die Gedanken, auch die ewigen, alle Jahrhunderte anders. Und was eine Religion oder ein Denker als Sinn, Bestimmung ›des Menschen‹ und ›der‹ Geschichte hinstellt, ist bloß der Geschmack seiner Zeit.

Der Mensch als Sinn der Welt! Welche Überhebung! Dies zerbrechliche Geschöpf, das für 5000 Jahre ›Geist‹ hat und dann daran zugrunde geht! Der Mensch ist ein Teil, ein Element der Welt, wie Pflanze, Gesteine, Wolken. Daß er sich selbst wichtig vorkommt, ist begreiflich. Jeder Hund und Frosch tut das und sieht seine Welt in bezug auf sich. Das ist ein primitives Vorurteil. Der reife Mensch sieht, wie zufällig, überflüssig seine Art in der Welt ist.

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Zeitalter des keimenden, reifenden, herrischen Geistes. Also in den höchsten Fällen Unbewußtheit und Ahnung, Schauder der Schwermut und Angst, Orgien des lärmenden Triumphes und stillen Ekels.

Überhaupt [ist die] ›Geschichte der Menschheit‹ die Tragikomödie des Geistes, der den Menschen auf die Galeere der Ursachen und Zwecke schmiedet, im Morgengrauen wundervoll, Regungen eines schönen Kindes, Spiele des Geistes, dann versengend, Samum, unter den Sanddünen seiner ›Errungenschaften‹ das Leben begrabend.

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Einleitung:Es folgt aus dieser Art, Geschichte zu sehen, daß der Geist und die Ergebnisse seines Grübelns darin keinen Platz haben. Diese Ergebnisse sind praktisch wichtig genug, aber das hängt nicht davon ab, ob sie ›wahr‹ oder ›falsch‹ sind. Und in jedem Falle ändern sie nur die äußeren Formen des Geschehens, nicht seinen tieferen Sinn. Wenn der Dolch [des Brutus] danebengestoßen hätte, wäre die Geschichte anders geworden. Wenn Newton nie gelebt hätte, hätte sich nichts geändert.

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Was an Größe in der Geschichte liegt, sind die mächtigen Leidenschaften von Rassen, von Völkern, Familien, Ständen, von einzelnen. Was sie kosten, Ströme von Blut, den Brand von Städten, Trümmer, ist nicht zu teuer. Und erst, wenn die öde Vernunft aus den Städten überquillt, wie eine schmutzige Flut, mit Menschlichkeit, Friede oder dem Streben, den Pöbelmenschen mit dem Glück der meisten: Bequemlichkeit, Vergnügen, Brot und Bier zu erfüllen, legt sich eine unermeßliche Langeweile über die Welt, so daß die Menschen von Leidenschaft in andre Erdteile fliehen, Verbrecher werden, Selbstmord begehen – oder diese Welt in Trümmer schlagen.

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Die ursprünglichste Form menschengeschichtlichen Denkens ist in Atlantis und Kasch die religiös-kalendarische Fixierung; groß gedacht hat erst die Heldenkultur: Der Ursprung echten Geschichtsdenkens ist der Ruhm. Berühmt sein, unvergessen sein, in der Geschichte fortleben. Und man lebt fort in Gestalt von Namen und Taten, mythologisch, in Form der Heldensage, die im strengen Gegensatz zu allem früheren (Gilgamesch) eine wirkliche Persönlichkeit meint. Und die älteste Form der ›Geschichtsschreibung‹ ist der Heldensang. Der Skalde ist die Vorform des Historikers: Über Geschichte soll man dichten. Und deshalb behält Geschichtsschreibung hohen Ranges immer etwas vom Heldensang. Weltgeschichte ist eine große Sage vom Glück und Ende des ikarischen Menschen.

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In c noch langer Atem. – ein Jahrhundert bedeutet nicht viel. Erst in d [ist] ein Jahrhundert schon viel.

Daher das Wissen um die Flüchtigkeit der Zeit, die Angst vor dem Tode, daher das Bedürfnis die Zeit zu gebrauchen, den Kalender als Ausdruck der Angst vor der Kürze des Daseins, das Gefühl für Geschichte, Chronologie – Aufzeichnung des Geschehens als etwas Flüchtiges, Verlorenes. Der historische Sinn [ist] Ausdruck des schnellen Lebens auf eine Katastrophe zu.

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Was ist Kultur?Man hat darunter, je nach dem Gewicht der eignen Persönlichkeit, sehr Verschiedenes verstanden: eine Summe von Bequemlichkeiten vom Pfeil bis zum Telefon – Abstraktionen von Museumsbeständen. Ich sehe in einer Kultur ein geschichtliches Ereignis, einmalig, unwiderruflich, und in ihm verwirklicht, vollzogen das Schicksal einer Wesenheit, die Geschichte einer Seele. Kultur ist nicht, sondern geschieht, vollendet sich in und durch Menschen, welche Elemente ihres Ausdrucks sind.

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Gegen Kulturkreise:Ist die prähistorische Art des Ordnens oberflächlich [weil materialistisch], so ist es [auch] die ethnographische der Kulturkreislehre aus einem anderen Grunde: ihr fehlt der Instinkt für die Tiefe der Zeit. Man wird an jedem Orte ›ältere‹ und ›jüngere‹ Schichten von Kulturzügen auffinden, aber das bedeutet noch nicht ›alt‹ und ›jung‹. Es fehlt das Maß für die Größe des Abstandes.

Wenn in Polynesien um 1900 n. Chr. etwas ›alt‹ ist, diese Inseln aber erst in später Zeit überhaupt besiedelt worden sind, so ist 1600 uralt, aber das wäre für Japan sehr jung, und für das Verhältnis zu Babylon fehlt ein ausreichender Wert. Tatsächlich ist aber Madagaskar erst um 600 von Malaien besiedelt worden.

Hier wird es deutlich: die Ideen Tempo und Dauer fehlen der Kulturkreisvorstellung. Sie setzt Heute und Gestern mit Urzeit und Gegenwart gleich – es ist, als ob man die Bildung der Alpen und einer Sanddüne vergleichen wollte. Der Bogen z.B. soll in Polynesien Schichten beweisen: aber der zusammengesetzte Bogen kommt im Jungpaläolithikum Spaniens als Waffe vor, 5000 vor Chr. – demgegenüber sind die Bogenformen Polynesiens nicht Zeitalter, sondern flüchtig.

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Gegenseele:Der Kampf, die Kultur als Schlacht, findet den symbolischen Ausdruck in dieser Zweiheit. In Ägypten und Babylonien, wo mehr Mischung als Unterwerfung ist, ist der Gegensatz nicht so schroff. Beide Elemente bilden ›Bauerntum‹ und ›Gesellschaft‹. In den Nordkulturen dagegen sehr schroff: Unter- und Oberseele.

Vorsicht: Die Gegenseele ist nicht identisch mit Bauerntum, die Oberseele nicht mit Gesellschaft. Sondern überall da, wo der Sieg fraglich blieb, bildet sich ein Sitz der Gegenseele heraus: Sparta – Rom oder Florenz – Paris. Die Siegesseele formt die Gegenseele als ihren Pol.

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Elemente des Geschehens:Kulturen als Organismen. Beschränkung des Themas auf die c- und d-Kulturen. Ablehnung der Einteilung in Neolithikum, Bronzezeit usw. Ablehnung der Kulturkreislehre.

Überblick über die c-Kulturen, heute noch dauernd (daneben noch Reste von Menschentum, die in a-b-Kulturen erstarrt sind, am Südende [der Kontinente] z.B.). Hier noch nicht die Seele dieser c-Kulturen schildern, sondern nur Zeit, Ort und äußere Form. Sie liegen in ihren Uramöben alle in der alten Welt, nördlich des Äquators, und bilden eine Gruppe.

Also Gruppe der Amöben und Gruppe der Pflanzen. Vergleich aus der Biologie: der Urformen des Lebens sind wenige: in der Tiefe immer wieder dieselben. Es gibt nur ein ›Leben‹.

Warum ich mit dem 5. Jahrtausend beginne. Typus und Schicksale, Zahl, Vorkultur, Ort und Zeit der c-und d-Kulturen. Vorläufiges Gesamtbild der Kulturvegetation, deren Oberschicht ›Weltgeschichte‹, deren Unterschicht ›Völkerkunde‹, deren Humus ›Prähistorie‹ ist. So ordnen sich die Fachwissenschaften.

Haupt- und Nebenamöben, Plasma mit vielen Nuclei. Namengebung, Wortschatz, Grammatik, Form und Ziel. Capsien sinnlich symbolisch, Solutréen Sein und Tat, Kasch abstrakt.

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Gegen Kulturkreise und Prähistorie:Es handelt sich in der gesamten Deutung der Kultur noch darum, die Erbschaft des vorigen Jahrhunderts endgültig loszuwerden, die alle heutigen Systeme noch beherrscht: nämlich die Sucht, statt von der Seele von Stoff und Werkzeug auszugehen; und statt die Erzeugnisse fühlend zu begreifen, sie als Ergebnisse modern-intellektueller Zweckmäßigkeitssucht zu werten. Die Geschichte der Urzeit erscheint modernen Gehirnen als Geschichte der Technik, die ›Bronzezeit‹ ist ein Begriff wie die ›Zeit der Dampfmaschine‹. Und die Kulturkreislehre (zit[iere] Frobenius!) ist, wenn man über bloße Worte zu gedanklichen Grundlagen dringt, nichts als die Ansicht, daß technische Methoden – Bogen, Keramik, Ackerbau – den Charakter der ›Völker‹ entscheiden.

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Neue Begriffe:Es gibt etwas, das ich prähistorische Tradition nennen will. Das ist eine Macht, die sich jeder reifen Kultur überlegen erweist und sie in ihren Bann zieht. Diese Tradition stammt aus den c-Kulturen, die als Bauerntum, ›Volk‹, ›Land‹ das Fundament aller Hochkulturen bilden, welche nur ihre Städte darüber und darauf gründen. Dazu gehören die ewigen Bewegungstendenzen. Wenn z.B. eine solche von Tunis nach Molfetta, Kreta, Karien, Etrurien, Sardinien, Spanien besteht, so unterlagen ihr geistig die Karthager.

Es gibt also Erben dieser Tradition. Und alle Hochkulturen treten da eine uralte Erbschaft an. So die Perserkönige, als sie den keramischen Diminiweg aufnahmen, wie vorher Sargon. Ein andres ist die Tendenz, die Ausdruckssprache in gewisser Richtung – Ausdrucksrichtung – zu entwickeln: in Mythen, Stein, Staat.

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Eine Folge der Aufteilung in materialistische Stufen von Stein- und Metallgebrauch ist, daß man eine ganze Reihe von Werkzeugformen aufstellte und für alle Länder einordnete; fand man irgendwo nichts, war in Spanien kein Neolithikum, so glaubt man an eine Zeit, wo die Bevölkerung abgewandert war. Tatsächlich aber hat es nie eine menschliche Kultur überhaupt gegeben, sondern nur Einzelkulturen von individueller Form, folglich auch stets Sonderentwicklungen. Das Capsien z.B. ist ein Stück des äußeren Ausdrucks der Atlantis, und es bildet mit der spanischen Kupferzeit ein organisches Ganzes.

Damit löst sich die Stufenfolge nach dem Material in die Zeitfolge organischer Kulturen auf, und zwar primitiver Kulturen verschiedenen Ranges. Der Grad der Primitivität hängt aber, wie alles Menschliche, nicht von der Zeit, sondern vor allem vom Menschentum ab. Schon im ›Jungpaläolithikum‹ heben sich deutlich Gebiete höherer und niederer Primitivität ab, und zur Zeit der Keramik sind die Rangunterschiede bereits unermeßlich.

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Was Kultur überhaupt und hohe Kultur unterscheidet, ist die Menschengröße, die Höhe und Tiefe von Seele, die am Wollen und am Leiden wächst bis zur Sonnenhöhe der Weltgeschichte im Anbruch des Heldentums. Die großen Kulturen sind ihre Schlachten: die Siege bis zum Abendrot und dann der Blick in das furchtbare Umsonst über der Walstatt.

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Der rein zufällige Umstand, daß im ›Neolithikum‹ gar nicht die Steingeräte, sondern die Tongefäße zuerst ins Auge fallen, weil sie sich am massenhaftesten erhalten, bringt es mit sich, daß nun auf einmal die Einteilung ganz äußerlich nach Gefäßformen und Verzierungen erfolgt, obwohl beides ganz verschiedene Bedeutung besitzt. Und es ist nur Zufall, daß diese Merkmale trotzdem auf richtige Wege – teilweise – leiten.

Die Gefäßformen sind Formen der Lebenshaltung, also der Körperhaltung, der Rasse und ihres bewegten Stils, ihrer Geste. Sie gehören also zusammen mit den Formen der Waffen, Geräte, Gräber, Hütten, Kleidung; das ist Sitte im weitesten Sinne. Die Gefäßverzierung dagegen ist ein Ausdruck des Weltgefühls und gehört zur Religion, zu Kult, Mythus, Ritus, Schmuck. Jene, Rasseform, Gebrauchsform, läßt auch auf die politische Struktur schließen: Struktur von Familie, Stamm, Sippe. Zu dieser muß auch die verlorengegangene Kunst gehören: Tanz, Sang. Siedlungsformen.

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Kann man Metaphysik überhaupt in gelehrter wissenschaftlicher Form einfangen? Sicher ist, daß sie in den großen Kunstwerken – Bauten, der Musik, der Malerei, den Dramen lebt. Und in der Darstellung der großen Geschichte. Denn Geschichtsschreibung ist Gestaltung, Schöpfung, ist Dichtung im höchsten Sinne. Nur durch geschichtliche, nicht durch systematische Darstellung läßt sich außerhalb der Kunst mitteilen, was an Geheimnis in der Welt und im Menschen schläft.

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Was nötig ist, die eigentliche große Aufgabe des 20. Jahrhunderts in der ›psychologischen‹ Forschung, ist nicht irgendeine Psychologie (Klages), sondern die Geschichte der menschlichen Seele, ihrer Entstehung, Entwicklung, [ihres] Niedergang[es]; wie sie Leid auf Leid häuft, denn dem Tier gegenüber ist das menschliche Leiden, weil innerlich und über Gegenwart und Körper hinaus, ins Unendliche gesteigert. Der Mensch ist das seelisch leidende Tier. Das ist seine Tiefe, seine Größe. Deshalb ist die Weltgeschichte des Menschen eine Tragödie. Denn alles, was er ausdrückt, seine gesamte Kultur, sein Wollen und Kämpfen, Kunst, Religion, Staat, Krieg, ist aus dem Leiden an dem Dasein der Seele entstanden.

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Was ist denn Philosophie, so wie man bei dem Worte fühlt, ohne es definieren zu wollen oder [zu] können? Keine Wissenschaft, wenn auch, wie beim physiognomischen Schauen der Weltgeschichte, das Wissen Voraussetzung ist, sondern Tiefe, Ahnen des Unaussprechlichen. Nicht die kritische Intelligenz [entscheidet], sondern das weltenferne Schauen und Grauen, die Ehrfurcht vor nicht lösbaren Rätseln. Glühende Weisheit, letzte Schauer eines Ahnens im selben Augenblick.

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Was und wie ein Denker denkt – das ist die eine Frage. Aber warum gerade er so denkt, ist wichtiger. Zieht man von seinen Gedanken alles ab, was durch die Sprache, die Wortgebundenheit seines Denkens bestimmt ist – die Urteile z.B. –, was er anderen nachspricht, weil es ihm nicht möglich ist, sich von der Schematik seiner Lehrer in der Kirche, der Schule, der Umgebung, der Fachwissenschaft zu befreien, so bleibt seine Persönlichkeit, soweit sie sich in Gedanken ausdrückt. Philosophisch reden – dozieren z.B. – ist gefährlich. Noch gefährlicher die schriftliche, schriftgebundene Philosophie, das Buch, das System. Was man in tiefen Augenblicken wirklich denkt, kommt nie unverändert in die Folge von sprachlichen Sätzen. Und wer nicht zwischen den Zeilen lesen kann, der erfährt oft das Entscheidende nicht.

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Wendung durch Schopenhauer, 19. Jahrhundert. Trotz seiner Kantischen Halbheiten. Welt als Vorstellung. Das ist das Neue. Nietzsche lehnte sich gegen seine eigne kritische Einsicht auf, weil er als Pastor Zukunftsideale nötig hatte: [den] Übermenschen, [die] Wiederkunft, an die er selbst nicht glaubte.

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Das 19. Jahrhundert, materialistisch gesinnt und darwinistisch begeistert über die Steinzeittheorie, außerdem im Glauben der Fortschrittphilister befangen, stellte an Hand des Stoffes der Funde, was bezeichnend ist für die Plattheit des Denkens, ein Schema auf, das für die ›Menschheit‹ gültig sein sollte und in das nun nach Form und Stoff alles Gefundene eingeordnet wurde. Wir sind im Begriff, diese Art der Betrachtung aufzugeben: es gab keinen ›Fortschritt‹, und es gab keine Stufen der Menschheitsentwicklung. Es gab nur Kulturen, organische, örtlich und zeitlich begrenzt, mit einer individuellen Ausdruckssprache. Wenn in einem Lande eine solche ›Stufe‹ ›fehlt‹, so heißt das nicht, daß die Menschen fehlten, sondern daß eine Kultur, zu deren Ausdruck diese nicht allgemein menschliche Stufe gehörte, dieses Land nicht berührt hat. Es gibt keinen ›Hiatus‹.

Gegen die Kulturkreislehre aber ist ihr Mangel an Verständnis für Dauer und Tempo einzuwenden. Es versteht sich von selbst, daß in heutigen Zuständen ältere und jüngere Formen zu[sammen] sind: aber das gilt nur relativ, für diese Völker, nicht für die Geschichte. Es ist Unfug, in Australien und Polynesien von einer ›Urkultur‹ zu sprechen, wenn die Besiedlung erst nach 1000 nach Chr. beginnt. Alles, was diese Schule an ältesten und tiefsten Schichten auf Grund lebendiger Gegenwartsbeobachtung entwickelt hat, ist allerjüngste Form, gemessen an dem, was die Geschichte Ägyptens und Babyloniens lehrt. Es handelt sich dort um die letzten Jahrhunderte, hier um Jahrtausende.

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Die abendländische Kultur [ist] die sonnenärmste. Diese winterlichen Städte, diese frierenden Menschen, die Not nicht nur des Hungers, sondern der Kälte, die Weltanschauung der langen Winternächte, das Denken in düsteren Stuben, das Dasein in verschlossenen Häusern – das alles hebt den Stil der faustischen Kultur aus allen andren heraus.

79

Hier muß eine Lücke des ›Untergang des Abendlandes‹ ausgefüllt werden: Das Allgemein-Menschliche. Das Phänomen ›Mensch‹ auf der Erdrinde. Das Ewig-Urmenschliche: Instinkte, Liebe, Hunger, Angst, Krieg, Haß. ›Leben‹ [ist] ein Urphänomen dieses Planeten. Sinn des Lebens in sich selbst. Der ›ungeschichtliche‹ Mensch als Augenblick des Erdschicksals. Aber inmitten dieses Ereignisses das Wunder der hohen Kulturen. Nun herausarbeiten, wie sich das vom Ewig-Primitiven abhebt und doch wieder ihm gleich ist. Wie im höchsten Kultursymbol doch nur eine Sublimation des Urmenschlichen steckt, so in der Wissenschaft die Urangst.

Wie aber die Reflexion hierüber, die Mechanisation des Weltbildes, nur Episode ist. Und nun die Gruppe der Kulturen als Ganzes, ihre Beziehungen, Zwischenstufen. Aufbau dieses nicht organischen Gemenges, das selbst keine Entwicklung hat, sondern nur eine Handvoll Einzelentwicklungen darstellt.

›Das Leben‹ ist die allmächtige Urtatsache. Alles andre, Kultur, Erkennen, Lieben, Hassen, sind nur Arten der Lebensäußerung. Cogito ergo sum ist Unsinn.

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Die winzige Menschenzahl der Urzeit, die das Bild ganz verändert. Daß Germanien zur Zeit des Tacitus 2.3 Millionen Einwohner hatte, muß der Urzeit gegenüber schon unermeßlich gewesen sein. Da waren es vielleicht 10000. Wie wird es in Zukunft sein, wenn die letzte Kultur verblüht ist? Wieder eine Reduktion auf winzige Zahlen?

König Gudea (um 2340), einer der mächtigsten Herrscher in der babylonischen Kultur, gibt stolz die Zahl seiner Untertanen mit 216000 an. Unter Urukagina seien es nur 36000 gewesen. Ebenso müssen die Zahlen in den alten ägyptischen, chinesischen und indischen Kulturen gewesen sein. Die späteren Kulturen rechnen schon mit ganz andren Zahlen auch bei feindlichen primitiven Völkern. Das ändert aber alles. Das Weltgefühl wird anders, sobald man statt unendlichen Flächen Nachbarn hat. Krieg, Intelligenz als Waffe, die Waffe selbst, die jetzt gegen Menschen nötig ist, die Konkurrenz um physische, geistige, t[echnische] Überlegenheit – um sich zu halten. Man muß sich übertreffen. Unter diesem Aspekt steht der Mensch seit 10000 Jahren; infolgedessen [findet man] gegen[über] früher eine rapide Änderung aller Bedingungen, aller Lagen, Stimmungen, Meinungen, Eindrücke (von andern, von der Natur, von den relativ seltener werdenden Tieren). Bis die hohen Kulturen blitzartig auftreten. Man denke an die tragische Vernichtung der Maya durch die abendländische Spätzeit. Ursprünglich [hat man] gar kein Gefühl für die andren Menschen, die man gelegentlich sieht. Dann aber, sobald sie ›Nachbarn‹ werden, [erwacht] der Urgegensatz Feind und Freund, Haß und Vertrag. Ursprung des Rechts?

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Die ›große Persönlichkeit in der Geschichte‹ ist fast eine Phrase. Man denkt nicht darüber nach, daß [ihre] Bedeutung in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit steht, daß hier der Zufall entscheidet, ob die großen Menschen einer Zeit an die Spitze treten – was eine ganze Reihe ganz unwahrscheinlicher Zufälle voraussetzt und außerdem eine große Epoche –, ob sie nur mitwirken oder ganz unentwickelt bleiben, auch für sich selber, während wenig oder gar nicht bedeutende Menschen die Tatsache mit ihrem Namen krönen. Wenn eine große Situation gegeben ist, nimmt der erstbeste den Platz ein: wenn sie es nicht ist, kann auch der größte Mensch seinen Platz nicht finden. Große Männer sind also etwas anderes als welthistorische Persönlichkeiten.

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Genie, Zufall:Hier ist doch zu unterscheiden, ob der berühmte Name der eines Mannes wie Hannibal oder Cäsar ist, der einer Zeit die Gestalt seines Wesens gibt, oder ein Danton oder [Robespierre], der nur aus Mangel an großen Personen einem anonymen Ereignis einen Zufallsnamen aufdrückt, selbst nur geschoben, nicht schiebend.

Unter den weltbewegenden Personen sind nur sehr wenige Genies, und nur wenige der Genies haben die Welt bewegt: meist waren es viel geringere Personen, die der Zufall an ihren Platz stellte. Auch Cäsar und Napoleon sind durch Zufälle an ihren Platz gekommen – wieviele Genies sind durch den negativen Zufall unentfaltet geblieben! Selten ist eine welthistorische Entscheidung zwischen zwei so unbedeutenden Personen wie Oktavianus und Antonius bei Aktium getroffen worden: die Pseudomorphose der arabischen Kultur, das Schicksal des Abendlandes, das nun nicht weiter organisiert wurde – aus Mangel an Energie bei Augustus –, die Form des Prinzipats: das alles war hier Zufall zwischen mittelmäßigen Leuten, während so bedeutende Köpfe wie Sulla und Cäsar wenig nachgewirkt haben. Aber andrerseits Hannibal! Nur durch ihn ist Rom groß geworden. Und wieder die Belanglosigkeit der Diadochen!

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Mythus und Geschichte:Der Mythus ist das Ursprüngliche. Primitive Menschen und Kinder empfinden ahistorisch. Vergangenheit ist ihnen ein wenig perspektivisches Bild, das dicht hinter der Gegenwart abschließt und keineswegs etwas ›andres‹ bietet. Auch der atheistische Mensch der Frühzeit sah wesentlich mythisch, obgleich schon die einzelnen weiten Perspektiven das Bild durchbrechen. Man beachte die Kostüme der Bilder aus der biblischen Geschichte, die heutig sind (Uhde ist natürlich Lüge). Ganz frei machen kann sich niemand. Selbst wir deuten uns die Seele des antiken Menschen, der Tragödie, der Kunst sehr ›gegenwärtig‹. Man denke an unsre Urteile über hellenische Plastik. Trotzdem gehört der historische Sinn in einer dynamischperspektivischen Weise zu den stets wachsenden Elementen der faustischen Seele. Ein geistiger Ruck ist 1500, dann wieder 1800. Heute das Maximum: die Wirkung sub specie der gesamten Weltgeschichte sehen! Das wird bald abnehmen.

Der Ahnenkult hat etwas Mystisches; er denkt nur an das Bleibende. Der antike Geschichtsdenker (Thukydides) ist statisch; alles ist und wird sein wie es gewesen ist, abgegrenzt durch den Mythus. Geschichte als universale Entwicklung ist einfaustisches Postulat. Die antike Biographie ist eine statische Zusammenstellung von Anekdoten, die faustische [ist] Entwicklung, die nur durch Anekdoten bewiesen wird. Man unterscheide also die bloße Dimension (Umfang) und die funktionale Variabilität des Geschichtsbildes.

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Mythus und Historie:Zum abendländisch zivilisierten Aspekt gehört ein Blick auf die (allerdings nebelhafte) ›Zukunft der Menschheit‹ mit einer Dimension von Jahrtausenden, ebenso wie uns ein Anfang, sei er homerisch oder biblisch, rein als Ganzes, peinlich würde. Einem Griechen wären derartige Vorstellungen nie eingefallen.

Zwei mächtige Endaspekte sind möglich und beide aufgestellt worden: Einen endlich zu erreichenden Idealzustand oder eine unbegrenzt fortschreitende Entwicklung zu ungeahnten Möglichkeiten. Antik ist nur die Vorstellung, daß der augenblickliche Zustand durch einen andren, auch möglichen, ersetzt werden könnte – statisch. Der Skeptiker erkennt diese [unsre ›unendliche‹] Vorstellung als Form, als Symbol.

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Hier sorgfältig Eduard Meyer I, 1.2 studieren über die allgemeine Verwandtschaft des Seelentums der drei indogermanischen Kulturen, z.B. Weltdenken, Göttertum, und der drei südlichen: Ägypten, Babylonien, Arabien. Dann das Verhältnis der hohen Kulturen zur Prähistorie (Diluvium, Steinzeit), ihre Gruppe und ihr Schicksal als ephemeres Phänomen der Erdoberfläche. Die vielen Einzelprobleme der Ursprachen, Urreligion, Ursitte, überhaupt der genetischen Voraussetzungen aller hohen Kulturen.

So [erscheint] z.B. im arischen Urdenken stets der Himmelsvater und die Mutter Erde, der Monismus des Weltseins, das Universale der Idee, bei den drei andren dagegen der Gegensatz von totem Stoff und lebender Kraft, Dualismus, lokal abgegrenzt, Götter als Gegensatz zur Welt, der Mensch geformt, nicht gezeugt etc.