Formen des Vergessens - Aleida Assmann - ebook

Formen des Vergessens ebook

Aleida Assmann

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Opis

Vergessen als Filter, als Waffe und als Voraussetzung für die Schaffung des Neuen. Angesichts der gegenwärtigen Dominanz der Auseinandersetzung mit Erinnerung haben wir das Vergessen anscheinend vergessen. Tatsächlich ist aber nicht das Erinnern, sondern das Vergessen der Grundmodus menschlichen und gesellschaftlichen Lebens. Für das Erinnern bedarf es einer aktiven Anstrengung, Vergessen hingegen geschieht lautlos und scheinbar unspektakulär. Dass Vergessen aber auch ein aktiver Prozess sein kann, zeigt Aleida Assmann in ihrer zweigeteilten Untersuchung. Im ersten Teil beschreibt sie neben sieben konkreten Techniken für das Vergessen dessen verschiedene Ausprägungen: vom selektiven Vergessen zur Fokussierung auf bestimmte Erinnerungen, über defensives Vergessen etwa als Selbstschutz der Täter, bis hin zum konstruktiven Vergessen als umfassendem Neubeginn. Im zweiten Teil liefert Assmann sieben Beispiele zu den zuvor beschriebenen Formen des Vergessens. Dabei geht sie unter anderem auf die Unsichtbarkeit von Denkmälern (deren eigentliche Aufgabe das Erinnern sein sollte), das Vergessen von Menschenrechtsverbrechen »im Schatten des Holocaust" (wie dem Genozid an den Herero) oder die (Un-)Möglichkeit des Vergessens im Internet ein.

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HISTORISCHE GEISTESWISSENSCHAFTEN

FRANKFURTER VORTRÄGE

Herausgegeben von

Bernhard Jussen und Susanne Scholz

Band 9

Aleida Assmann

Formen des Vergessens

WALLSTEIN VERLAG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2016

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf

Lithographie: SchwabScantechnik GmbH, Göttingen

ISBN (Print) 978-3-8353-1856-4

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4054-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4055-8

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Die Verschränkung von Erinnern und Vergessen

Techniken des Vergessens

Zugangsweisen und Vorarbeiten

Sieben Formen des Vergessens

1. Automatisches Vergessen

2. Verwahrensvergessen

3. Selektives Vergessen

4. Strafendes Vergessen

5. Defensives Vergessen

6. Konstruktives Vergessen

7. Therapeutisches Vergessen

Sieben Fallstudien

Die (Un-)Sichtbarkeit von Denkmälern – Musil, Aljoscha und Dr. Karl Lueger

Lenin vergessen – über das Verschwinden von Denkmälern und Geschichtsdaten

Leuven, Sarajevo, Palmyra – Vandalismus und die Zerstörung materiellen Kulturerbes

Im Schatten des Holocaust – Armenien, Herero und Nama: Genozide im frühen 20. Jahrhundert

Nakba und Holocaust – Palästinensische Erinnerungsorte in Israel

Die Entfernung eines Grundsteins – Der Fall Hans Robert Jauß und die Universität Konstanz

Das Recht auf Vergessen werden – eine schleichende Kulturrevolution im Internet?

Anmerkungen

Vorwort

»I forgot to remember to forget« – singt Elvis Presley in einem sehnsuchtsvollen Song, in dem er beklagt, dass er seine Liebe nach dem Abbruch einer Beziehung nicht so einfach abstellen kann. Elvis hat in diesem Lied ein handfestes Vergessensproblem, das der Harvarder Psychologe Daniel Schacter in seiner Liste von sieben Formen des Vergessens an letzter Stelle aufgeführt hat: Beharrungsvermögen oder Hartnäckigkeit (persistence). Diese siebte ›Sünde der Erinnerung‹, wie er sie nennt, besteht in der wiederholten Erinnerung an Gefühle, Informationen oder Ereignisse, die wir gerne ganz aus unserem Bewusstsein verbannen würden, doch dies gelingt uns nicht; wir erinnern uns weiterhin gegen unseren Willen an das, was wir nicht vergessen können.[1]

In einer etwas anderen Bedeutung kann ich den Satz aus dem Elvis Song auf das vorliegende Buch beziehen. Ich hätte womöglich vergessen, mich daran zu erinnern, dieses Vergessens-Buch zu schreiben, wäre nicht nach einem Vortrag in Frankfurt Bernhard Jussen auf mich zugekommen, der mir dafür einen Platz in seiner Reihe als Publikationsort anbot. Zusammen mit dem Wallstein Verlag hat er einen attraktiven Rahmen für diese Erweiterung meines Vergessens-Projekts geschaffen und es damit vor dem Vergessen bewahrt.

Die Vorarbeiten zu diesem Projekt gehen, wie so oft, auf Impulse, Interesse, Ideen und nicht zuletzt auch die Forderungen anderer zurück. Sie haben die verschiedenen Stadien, die der Text durchlaufen hat, entschieden mitgeformt. Am Anfang stand ein unvergessliches Kolloquium in Romainmoitier, das André Blum 2010 zusammen mit Theresa Georgen, Wolfgang Knapp und Veronika Sellier organisierte. Der Tagungsband erschien 2012 unter dem Titel Potentiale des Vergessens. Weitere Anregungen zum Thema verdanke ich Johannes Zachhuber und seiner Oxforder Gruppe sowie einem von David Shulman (Martin Buber Society Jerusalem) und Giovanni Galizia (Zukunftskolleg Konstanz) geleiteten Workshop an der Universität Konstanz. Besonders erwähnen möchte ich aber auch die konstruktiven Diskussionen nach Vorträgen, aus denen ich viele Fragen und Anregungen mitnehmen konnte.

Mit dem Angebot des Wallstein Verlags eröffnete sich eine Perspektive, diese Vorarbeiten noch einen Schritt weiter zu führen und um einen zweiten Teil mit Fallbeispielen zu ergänzen. Die Themenfelder Erinnern und Vergessen haben eine feste professionelle Basis nur in den Disziplinen Psychologie und Neurowissenschaft. Alles, was darüber hinausgeht, überschreitet die Grenzen fachwissenschaftlicher Spezialisierung und wird damit zur Beute der Kulturwissenschaft. Das machen auch die Fallgeschichten wieder deutlich, die hier mit eingeschlossen sind. Ich verstehe die Rekonstruktion der unterschiedlichen Kontroversen und Praktiken im Umgang mit unbequemen Vergangenheiten, die das Absenken ins Vergessen und das Wiederauftauchen aus dem Vergessen begleiten, als eine ›kleine Ethnographie des Vergessens‹. Die Sammlung von Beispielen, die auf Ereignisse innerhalb des letzten Jahrzehnts fokussieren, dabei aber auch längerfristige Perspektiven einschließen, zeigt, wie aktuell das Ringen um Erinnern und Vergessen ist, mit dem Gesellschaften ihr Verhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder neu justieren und vermessen.

Dass das Buch so bald erscheinen konnte, verdanke ich der produktiven Zusammenarbeit mit dem Wallstein Verlag und seinem hilfreichen Termindruck. Insbesondere konnte ich mich auf die kompetente und effektive Unterstützung des Lektors Martin Wiegand verlassen, der mich kommunikativ und zuverlässig durch den Produktionsprozess geleitete und dem Buch seine handliche und lesbare Gestalt gegeben hat. An alle Impulse, Anregungen, kompetente Hilfe und Unterstützung werde ich auf keinen Fall vergessen, mich zu erinnern!

Konstanz im August 2016

Aleida Assmann

Einleitung

In Deutschland hat sich eine Erinnerungskultur entwickelt, die mit der Überzeugung verbunden ist, dass die Geschichtslast des Holocaust nicht mehr durch Vergessen entsorgt werden kann. Seitdem hat das Erinnern eine zentrale Bedeutung in unserer Kultur angenommen und wird immer öfter mit einer ethischen Pflicht gleichgesetzt. Gegen diese verbreitete implizite Überzeugung hat sich Jan Philipp Reemtsma ausgesprochen: »Erinnert muss werden, erinnern hat eine imperativische Semantik. Doch was soll am Erinnern positiv sein? Erinnern wie Vergessen sind menschliche Eigenschaften, die weder gut noch schlecht sind, sondern beide dazu gehören, das Leben zu bewältigen.«[1]

Erinnern oder Vergessen sind nicht an sich gut oder schlecht, da ist Reemtsma unbedingt zuzustimmen. Das Vergessen ist auch weit mehr als ein defizienter Modus des Erinnerns. Seine Bedeutung reicht weit über die notorische Erinnerungsschwäche und gelegentliche Ausfallerscheinungen hinaus. Um einen Eindruck von den vielfältigen Formen und Funktionen des Vergessens zu gewinnen, müssen wir deshalb genauer nach den psychologischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen fragen, innerhalb derer Menschen sich erinnern oder vergessen, sowie nach den Gefühlen, die dabei mobilisiert oder stillgestellt werden.

Die Verschränkung von Erinnern und Vergessen

Da wir nicht anders als im Medium unserer Sprache denken können, bewegen wir uns immer schon in den Kategorien und Bedeutungsbeziehungen, die uns die Worte vorgeben. Das Wort ›Vergessen‹ steht im Deutschen üblicherweise in einem klaren Gegensatz zu ›Erinnern‹. Vergessen erscheint in dieser Bedeutungs-Konstellation als Antipode und Widersacher des Erinnerns, das eine schließt das andere effektiv aus. Dieser Gegensatz zwischen Erinnern und Vergessen prägt sich auch in unserem Denken aus. Die beiden Begriffe entwickeln dabei die Tendenz, immer neue Gegensatzpaare hervorzubringen:

Vergessen

Erinnern

schlecht

  –  gut

einfach

  –  aufwendig

kostenlos

  –  teuer

schnell

  –  langsam

unbewusst

  –  bewusst

Die bereits in die Sprache eingebaute Asymmetrie erklärt vielleicht auch, warum dem Erinnern zunächst sehr viel mehr Aufmerksamkeit und Forschungsenergie gewidmet war. Im Vergleich dazu führte das Vergessen ein Schattendasein. Haben wir über dem Aufbau von Erinnerungskulturen und der Erforschung des individuellen und kollektiven Gedächtnisses das Vergessen vergessen?[2]

Nein, es ist längst in die Aufmerksamkeit und Forschung zurückgekehrt. Mit einem vielbeachteten Aufsatz ›Seven Types of Forgetting‹ von Paul Connerton wurde 2008 die erste Nummer der Zeitschrift Memory Studies eröffnet. Ann Whitehead sprach 2009 von einer diskursiven Wende in der Gedächtnisforschung, die vom Erinnern aufs Vergessen umstellt: »So paradox es klingen mag, Vergessen ist ein wichtiges, ja wesentliches Element in der Weiterentwicklung der Gedächtnisstudien.«[3] Seitdem haben wir aber auch die Vorstellung abgelegt, dass Erinnern und Vergessen einen idealtypischen Gegensatz bilden. Die Vergessens-Forschung beginnt mit der Einsicht in die Verschränkung der beiden Begriffe. Aber auch diese Einsicht ist keineswegs neu.

›Der größte Teil geht verloren‹. Darstellung des menschlichen Gedächtnisses aus einem spanischen Emblembuch der Barockzeit.[4]

Es gibt ein barockes Sinnbild, das deutlich macht, wie unlösbar Erinnern und Vergessen ineinander greifen.[5] Es zeigt ein aufgeschlagenes Buch in einer Wolke, was auf heutige Betrachter überraschen mag, weil es wie eine prophetische Vorwegnahme aktueller elektronischer Speichermodalitäten wirkt. Aus dieser Wolke regnet es jedoch herab, was veranschaulichen soll, wie sich der geistige Inhalt des Buches verbreitet. Von den kostbaren Tropfen des Wissens findet nur ein winziger Prozentsatz seinen Weg in eine Flasche, die unter dem Buch aufgestellt ist. Die Botschaft wird versprüht, erreicht aber aufgrund hoher Streuverluste nicht ihr Ziel. Dieses Ziel ist das Gedächtnis, das als eine Flasche mit einem engen Hals symbolisiert wird. Das Bild veranschaulicht die Dynamik und Dialektik des Gedächtnisses, in dem grundsätzlich Platzmangel herrscht, weshalb Erinnern und Vergessen untrennbar ineinandergreifen. Seine Botschaft wird in einer Inschrift zusammengefasst, die auf einer Banderole das Bild durchzieht: ›Periit Pars Maxima‹: Der größte Teil geht verloren.

Das aus Bild und Text komponierte Emblem illustriert einen Leitsatz der antiken Mnemotechnik, einer Disziplin, die sich für die Speicherkapazität des menschlichen Gedächtnisses interessierte und in der Renaissance wiederentdeckt wurde. Die Mnemotechnik erfand immer neue Methoden, um das menschliche Merkvermögen zu schärfen und die Gedächtniskraft zu steigern. Das Bild enthält also nicht nur eine pessimistische Diagnose über die engen Grenzen des menschlichen Gedächtnisses, sondern auch das Versprechen, diese Grenzen zu erweitern. Wer sich den Virtuosen des Gedächtnis-Trainings anvertraut, kann den ›Flaschenhals‹ seines eigenen Gedächtnisses effektiv erweitern und den eingelagerten Inhalt auch ordentlich sortieren, um ihn leichter und zuverlässiger wieder abzurufen. Das Emblem funktioniert gewissermaßen wie ein Inserat, mit dem die Gedächtnislehrer der frühen Neuzeit ihre Kunst anpriesen, um Kunden zu werben. Die Beischrift mahnt: »Was wir lesen und was wir auswendig lernen, vergessen wir, kaum dass wir den Kopf abgewandt haben« – es sei denn, ihr lernt von uns, wie ihr eure ›Gedächtnismuskeln‹ systematisch trainieren und stärken könnt.

Trotz der prophetischen Konstellation von Buch und Wolke entstand das Bild in einer Zeit, als das individuelle Gedächtnis noch in einem engen Verhältnis zum kulturellen Gedächtnis stand und eine andere Bedeutung hatte. Es kam deshalb darauf an, das Gedächtnis zu trainieren, aber es gab damals noch nicht die Vorstellung vom Gedächtnis als einem rein funktionalen Werkzeug, das man für kurzfristige Belastungsproben einspannt, um eine Klausur zu bestehen in der Absicht, dieses Wissen dann so bald wie möglich wieder loszuwerden. Pauken, um gleich wieder zu vergessen, ist das Gegenteil der Wertschätzung des Gedächtnisses, das von der Antike bis in die Neuzeit galt und in einem Satz zusammengefasst ist, den auch Kant noch zitiert hat: ›Tantum scimus, quantum memoria tenemus‹ (wir wissen nur so viel, wie wir im Gedächtnis behalten).[6] In dieser Tradition kam es darauf an, das Gedächtnis solide mit Faktenwissen, Lehrmeinungen und einem großen Schatz an Zitaten zu füllen. Diese Tradition der klassischen Rhetorik ist bereits von Montaigne in Frage gestellt worden, der die Beweglichkeit eines freien Geistes einem prall gefüllten Gedächtnis vorzog. Montaigne entzog sich also dem Werben der Mnemotechniker und wurde damit zu einem frühen Anwalt des Vergessens. Seit der Aufklärung wurden die Begriffe Geist und Gedächtnis entkoppelt und haben sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Unabhängig von seiner Tradition und ihren kulturgeschichtlichen Voraussetzungen kann uns das Bild eine Vorstellung von der Dynamik des Gedächtnisses vermitteln, in der Erinnern und Vergessen aufs Engste ineinandergreifen. Was wir uns landläufig als Gegensätze vorstellen, wird unter dem Aspekt des Platzmangels und der damit verbundenen Zwänge des Gedächtnisses als ein komplexerer Zusammenhang sichtbar. Erinnern ist aber auch deshalb eng mit dem Vergessen liiert, weil beide zusammen die wechselnden Rhythmen unseres Bewusstseins organisieren. Das, woran wir uns erinnern, musste zeitweilig von der Bildfläche des Bewusstseins verschwunden sein. Erinnern ist ja gerade nicht (wie das die Mnemotechnik anstrebte) mit einem direkten Zugriff auf Wissen gleichzusetzen, sondern entspricht eher der Figur einer ›Wiederholung‹ oder ›Wiedererkennung‹ über zeitliche Intervalle hinweg. Erinnern gewinnt sein Gewicht und seine Bedeutung aus der Überwindung eines zeitlichen Abstandes und einer Phase der Geistesabwesenheit: man holt etwas in die Gegenwart hinein oder lässt sich auf etwas ein, was vorübergehend oder längere Zeit nicht Gegenstand der Aufmerksamkeit, des Wissens oder des aktiven Bewusstseins war. Auf Erinnern und Vergessen als unterschiedliche Bewusstseinslagen zielt auch die Definition des amerikanischen Autors Ambrose Bierce: »Etwas vorher nicht Bewusstes mit Ergänzungen ins Gedächtnis rufen.«[7] Besonders einschlägig ist in dieser Hinsicht ein Begriff von Friedrich Georg Jünger, einem Pionier der Vergessensforschung. Er hat zwischen zwei Formen des Vergessens unterschieden, solchen, die mit Verlust und solchen, die mit Erhaltung verbunden sind: »Das Vergessen, das die Verwahrung des Gedachten und seine Rückkehr ins Denken ermöglicht, ist das unwahrnehmbare Verwahrensvergessen.«[8] Das Verwahrensvergessen ist ein Latenzgedächtnis.

Vor diesem Hintergrund verbietet es sich, Erinnern und Vergessen ausschließlich als Gegensätze zu begreifen; ebenso wenig dürfen wir sie einfach miteinander gleichsetzen. Das geschieht zum Beispiel in Kontexten, wo Erinnerungspraktiken kritisiert werden. Rituelle, gebetsmühlenartige Formen der Wiederholung, so heißt es immer wieder, leisten nur dem Vergessen Vorschub. Alle Anzeichen eines routinisierten, trivialisierten oder kommerzialisierten Erinnerns können auf diese Weise pauschal als Formen des Vergessens beurteilt werden. Vor allem aber müssen wir einen Sicherheitsabstand halten von zwei Zuständen, die als Neuropathologien bekannt sind: vollständiges Erinnern und vollständiges Vergessen. Über solche Extremzustände haben wir anschauliche pathologische Berichte von Medizinern und phantastische Berichte von literarischen Autoren und Filmen. Die vollständige Löschung von Gedächtnisspuren haben wir im Zustand der totalen Amnesie vor Augen, wie wir sie heute mit der Alzheimerkrankheit verbinden; den entgegengesetzten Zustand des total recall haben uns Arnold Schwarzenegger in seinem gleichnamigen Film und Jorge Louis Borges in einer berühmten Erzählung über den Hypermnestiker Funes vorgeführt.[9]

Das Gedächtnis, in dem sich Erinnern und Vergessen auf vielfältige Weisen verschränken, arbeitet zwischen den Extremen ›alles speichern‹ und ›alles löschen‹. Dafür eröffnet es unterschiedliche Räume für das, worauf später noch einmal zurückgegriffen werden kann. Diese Räume können wir uns nach dem Modell eines Geschäfts mit Schaufenster, Verkaufsraum und Magazin vorstellen. Ebenso sind auch im Gedächtnis manche Dinge mehr oder weniger zugänglich, präsent und zugriffsbereit. Weniges wird im Schaufenster ausgewählt und ausgestellt, vieles kann im Inneren des Ladens besichtigt werden, und noch mehr ist entzogen und muss auf bestimmte Stichworte warten, bis es noch einmal zum Vorschein kommt. Die räumliche Metapher ist dabei nur eine Anschauungshilfe, um den Begriff des Vergessens zu differenzieren und unterschiedliche Grade des Vergessens hervorzuheben. Auf manches kann man leicht zugreifen, weil es innerhalb einer gut etablierten Ordnung von Synapsen adressierbar ist; anderes muss man länger suchen oder darauf warten, bis es sich von selbst einstellt, und vieles bleibt für immer verloren. Das Spannende und Paradoxe ist dabei, dass das Gedächtnis zugleich ein Monitor ist, der in Echtzeit eine Beobachtung und Reflexion der Vergessens-Operationen zulässt. Augustin unterschied deshalb zwischen einem partiellen Vergessen, das das eigene Vergessen noch zu registrieren vermag, und einem totalen Vergessen, aus dem nichts mehr zurückgeholt werden kann: »Noch nicht völlig also haben wir vergessen, wovon wir uns wenigstens erinnern, dass wir es vergessen haben. Darum: was wir ganz vergessen hätten, könnten wir auch gar nicht als Verlorenes suchen.«[10]

Das Gedächtnis schaltet und waltet also über Erinnern und Vergessen, und das schließt sogar eine Wahrnehmung dieser schwer zu kontrollierenden Bewegungen zwischen Bewusstmachen und Unbewusstwerden mit ein. Statt Erinnern und Vergessen in diametraler Opposition zueinander zu sehen oder gar für das eine oder andere zu optieren, ist es deshalb hilfreicher, den Zwischenraum zwischen den Polen genauer zu vermessen und die Formen der Verschränkung und Überlappung zu analysieren. Bei dieser Ausleuchtung zeigt sich ein differenziertes Spektrum mit Abstufungen, Schattierungen und schleichenden Übergängen zwischen dem Vordergrund des Bewussten und dem Hintergrund des Nicht-Bewussten und Unbewussten. Die folgende Übersicht versucht, die Dynamik von Erinnern und Vergessen im kulturellen Gedächtnis in ihren unterschiedlichen Institutionen und Phasen zu veranschaulichen, wobei zentripetale Kräfte des Bewahrens und Konservierens auf zentrifugale Kräfte des Zerstreuens und Zerstörens treffen. Dabei zeigen sich drei wichtige Abstufungen und Zusammenhänge. Erstens erscheinen Erinnern als auch Vergessen jeweils in einer aktiven und passiven Variante, wobei zu betonen ist, dass die Kraft des Archivs in Bezug auf die Konservierungsleistung unbedingt als aktiv, jedoch in Bezug auf die Hierarchie im kulturellen Gedächtnis eher als passiv einzustufen ist. Zweitens deutet der Überblick die Arbeitsteilung und das Zusammenspiel in der Arbeit der Institutionen an. Museen und Bibliotheken, Geisteswissenschaften wie Literatur- und Kunstwissenschaft, Geschichte und Archäologie arbeiten sowohl im Horizont des Kanons wie des Archivs. Die Übersicht unterstreicht die Beweglichkeit kultureller Objekte im Spannungsfeld zwischen Erinnern und Vergessen. Zwischen Kanon, Archiv und dezentralen Depots spielt sich das Gebrauchsleben der kulturellen Objekte ab. Was im Archiv gelandet ist, kann im Falle einer Umwertung und Neudeutung grundsätzlich wieder in den Kanon aufsteigen, was unter der Erde noch materiell erhalten ist, können Archäologen und Prähistoriker noch einmal ins Museum zurückholen. Passives Vergessen ist nicht endgültig; für wiederentdeckte Relikte gibt es Rückwege in die Vorratskammern und Schausäle der Kultur. Das gilt jedoch nur bedingt fürs aktive Vergessen. Was mit Gewalt zerstört oder mit Absicht entsorgt worden ist, kann nicht mehr zurückgeholt werden. Hier bleibt nur die Möglichkeit einer Erzählung oder einer Kopie, um die Lücke vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren. Diese Übersicht sollte man jedoch nicht missverstehen, denn auch sie steht unter dem Motto: »Der größte Teil geht verloren« (und das ist auch gut so).

Techniken des Vergessens

›Vergessen‹ ist ein pauschaler Sammelbegriff, unter dem sich sehr unterschiedliche Handlungen, Verfahren und Strategien verbergen. Es lohnt sich, auch einmal die verschiedenen Techniken zu benennen, mit denen Vergessen in praktischen und symbolischen Akten umgesetzt wird. Die folgenden Begriffe sind als ein Vorschlag in dieser Richtung gemeint und nicht als eine abschließende Liste.

Löschen

Eine radikale Technik des Vergessens ist die Löschung einer Spur. Das kann sich auf Texte und Botschaften ebenso beziehen wie auf materielle Relikte. Mit der Löschung einer Spur wird das Fortleben einer Person oder eines Ereignisses im Gedächtnis der Nachwelt ebenso unmöglich wie die Aufdeckung eines Verbrechens. Löschen ist deshalb die radikalste Form, eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit endgültig zu durchtrennen.

Zudecken

Avishai Margalit unterscheidet zwischen ›Löschen‹ (blotting out) und ›Zudecken‹ (covering up).[11] Während im Falle des Löschens der Akt des Vergessens absolut und unumkehrbar ist, wird beim Zudecken ein Problem oder inkriminiertes Ereignis lediglich aus der Kommunikation entfernt. Jeder weiß noch, worum es geht, niemand hat es vergessen, aber es hat seine emotionale Aufdringlichkeit verloren, mit der es den Konflikt zwischen Gruppen immer wieder neu entzündet und das Zusammenleben belastet hat.

Verbergen

Sigmund Freud hat den Drang zum Verbergen als einen wichtigen Motor des Vergessens ausgemacht. Er nannte ihn Verdrängung und erläuterte ihn als Bedürfnis, ein schuldhaftes oder schambesetztes Ereignis zu entsorgen. Verbergen führt jedoch nicht zur Auflösung einer belastenden Erinnerung, sondern ähnlich wie das deklarative Leugnen zu ihrer Verfestigung im psychischen Haushalt. In der Kulturgeschichte hat das Verbergen eine ganz andere Bedeutung. Materielle Schätze wie altägyptische Grabbeigaben wurden sorgfältig versteckt mit dem Effekt, dass sie späteren Grabräubern und noch viel späteren Archäologen in die Hände fielen. In der Ben-Esra-Synagoge in Kairo gibt es eine ›Genisa‹ (das Wort heiß so viel wie Versteck, Lager, Depot), wo liturgische Schriften aufbewahrt wurden, die nicht mehr im Kult gebraucht wurden. Neben Torarollen lagerten hier auch zahlreiche profane Schriften in judäo-arabischer Sprache, die über Jahrhunderte als bedeutende Zeugnisse der jüdischen Geschichte überdauerten.

Schweigen

Wie beim Zudecken wird beim Schweigen ein belastendes Ereignis nicht gelöscht, sondern nur aus der Kommunikation verbannt. Wenn das Zudecken durch Schweigen den Charakter einer sozialen Verabredung hat, der es den Mitgliedern einer Gruppe ermöglichen soll, wieder zusammenzuleben und miteinander respektvoll umzugehen, handelt es sich dabei um einen beziehungsstiftenden sozialen Akt. Wenn das Schweigen allerdings außerhalb solcher Konventionen aufgrund von Tabus und Traumata erzeugt wird, kann es sich zu einer unbewussten und unkontrollierten Form der Bewahrung und Weitergabe entwickeln. Das Verschwiegene wird dabei gut konserviert in einem Status der Latenz.[12]

Überschreiben

Überschreiben ist eine universale Operation des Vergessens, die bewusst und unbewusst in ganz unterschiedlichen Materialien praktiziert wird. Bereits das Nichtstun setzt Überschreibung in Gang, wenn sich zum Beispiel die Natur historische Schauplätze wie Tempel, Schlachtfelder oder Friedhöfe wieder zurückerobert oder sich im Stadtbild eine neue Bebauung über historische Reste legt. Gezielter vollzieht sich das Umschreiben beim Umbau und umfunktionierenden Wiedergebrauch von Gebäuden, die damit ihre Geschichte verlieren wie zum Beispiel die Synagoge von Czernowitz, die heute als Kino verwendet wird. Ähnlich wie sich in einem Palimpsest, einem wiederverwendeten Pergamentmanuskript, dessen Beschriftung entfernt, überschrieben und nachträglich wiederhergestellt werden kann, historische Schichten erhalten und abzeichnen, halten symbolische Überschreibungen noch etwas von der Grundstruktur des Überschriebenen fest. Beispiele dafür sind die christlichen Kirchen, die an den Orten antiker Tempel erbaut wurden und die kirchlichen Feiertage, die heidnische Feste überschrieben. Die Überschreibung spielt auch in der politischen Architektur eine wichtige Rolle, wie das Beispiel des Berliner Stadtschlosses zeigt, das nach dem Krieg in der DDR gesprengt wurde, um dem Palast der Republik Platz zu machen, der seinerseits nach 60 Jahren einer Rekonstruktion des Stadtschlosses zum Opfer fiel. In diesem Fall wurden die historischen Schichten abgetragen, aber die Erinnerung ist nicht gelöscht, solange die Geschichte dieses Ortes in der Mitte von Berlin noch weitererzählt wird.

Ignorieren

Durch Ignorieren werden Personen und Dinge aus dem Radius der Aufmerksamkeit ausgeschlossen und dadurch der Beachtung und Achtung entzogen. Die ignorierten Objekte und Personen führen ein Schattendasein, denn »man sieht nur, die im Licht sind, die im Dunkeln sieht man nicht«. Der Entzug von Aufmerksamkeit kann umgehend rückgängig gemacht werden, wenn es sich um Fragen der alltäglichen Wahrnehmung und der Fokussierung handelt. Dann kann das Auge jederzeit umschalten und Gegenstände, wie zum Beispiel ein Denkmal, das durch den routinisierten Blick ›unsichtbar‹ geworden war, aus dem Schattendasein im Hintergrund wieder in den Vordergrund des Interesses zurückholen. Wenn das Ignorieren jedoch in die Strukturen kultureller Wertschätzung eingeschrieben ist und in ihren Institutionen praktiziert und perpetuiert wird, bedarf es einer Umwertung der Werte, bevor zum Beispiel weibliche Künstlerinnen anerkannt und ihre Werke aus der strukturellen Amnesie erlöst und in das Gedächtnis der Gesellschaft aufgenommen werden. Keiner kannte bedeutende Impressionistinnen wie Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès oder Marie Bracquemond, bis ihre Werke 2008 in der Frankfurter Schirn in einer vielbeachteten Ausstellung zu sehen waren.

Neutralisieren

Die Rückstufung der Wertigkeit eines Ereignisses oder einer kulturellen Praxis geschieht durch kognitive Akte wie Marginalisieren, Musealisieren oder Historisieren. In diesem Fall muss sich der Deutungs- und Werterahmen einer Gesellschaft radikal ändern, damit sich eine neue Betrachtungsweise durchsetzen kann. Im deutschen Historikerstreit von 1986 ging es zum Beispiel darum, den Holocaust nicht zu historisieren, was einer Form des Vergessens gleichgekommen wäre. Die neutralisierende Rückstufung bedeutet einen mehr oder weniger abrupten Geltungsverlust. Er führt dazu, dass kanonisierte Personen oder Ereignisse, die eine große Strahlkraft entfalteten und für eine Generation lebenswichtig waren, sowie heilige Symbole, die wichtige Werte verkörperten, ihre tragende Bedeutung in der Gesellschaft verlieren und aus der Mitte des kulturellen Gedächtnisses an die Peripherie rücken. So hat zum Beispiel die Ikone Lenin in post-kommunistischen Ländern nach 1990 ihre Macht über die Menschen verloren.

Leugnen

Leugnen ist das Gegenteil von Neutralisieren. Es ist die hartnäckige Erhaltung eines Ereignisses oder einer Person im Gedächtnis der Gruppe unter der Verwendung eines negativen Vorzeichens. Die Operation des Leugnens erfordert permanente Verlautbarungen und impliziert einen großen Aufwand. Ebenso wenig wie die türkische Regierung den armenischen Genozid können die Holocaust-Leugner den Holocaust vergessen, weil sie ununterbrochen damit beschäftigt sind, ihre Gegner von ihrer Meinung zu überzeugen. Einer von ihnen, der Chemiker Jean-Claude Pressac, suchte nach Evidenz für seine Leugnungsthese und wurde darüber zum ersten Wissenschaftler, der das System der Gaskammern und Krematorien erforschte und bestätigte.

Verlieren

Die primäre Erfahrung des Vergessens stellt sich aus individueller Perspektive als ein Verlust dar. Dinge und Wissensbestände, die bis vor kurzem zugriffsbereit waren und einen wichtigen Teil des eigenen Lebens und der eigenen Erinnerung ausmachten, sind allmählich oder plötzlich irreversibel entzogen. Der Neurowissenschaftler Daniel Schacter nennt dieses Gefühl des Verlierens von Gedächtnissubstanz ›transience‹, was so viel wie Entschwinden, Vorübergehen und Ausbleichen heißt. Der sprichwörtliche Knoten im Taschentuch ist eine verzweifelte Reaktion auf diesen automatischen Sog des Vergessens. Damit sind wir wieder bei der Mnemotechnik, die jedoch anderen Regeln folgt als das Gedächtnis.

Zugangsweise und Vorarbeiten

Wie die Zeit an materiellen Substanzen, so nagt das Vergessen an Wissensbeständen, die es durchlöchert, dezimiert und gänzlich zum Verschwinden bringt. Wir haben keinen Sinn für die Zeit, die wir zwar messen, aber nicht direkt beobachten können. Auch das Vergessen entzieht sich unserer Wahrnehmung. Eine Studie über Vergessen ist deshalb mit einem methodischen Problem konfrontiert: wie kann man diese negative Energie in Evidenz umsetzen und das, was sich dem Bewusstsein und der Aufmerksamkeit entzieht, beobachten und beschreiben? Es gibt durchaus Zugänge zum Vergessen. Solange es nicht ganz vollständig ist und sich noch in einem Mischverhältnis mit Erinnertem befindet, kann es in Spuren, Prozessen und Strategien nachgewiesen werden. Dem Vergessen als einer Tätigkeit und einem Prozess kann man sich am besten von zwei Seiten aus annähern: Man kann beobachten, wie etwas gerade im Vergessen versinkt und wie es aus dem Vergessen wieder zurückkehrt. Solche Übergangsphasen sind historisch bedeutsam und werden als schmerzlich oder glückhaft empfunden, weil sich in ihnen unser Verhältnis zur Vergangenheit, zu unserem Wissen und zu unseren Mitmenschen manifestiert und neu justiert wird.

Individuelles und kollektives Vergessen funktioniert wie ein Konturstift; es grundiert das Selbstbild und formt die Biographie. Was wir gemeinsam vergessen haben und was wir vergessen wollen, bildet deshalb, wie schon Ernest Renan wusste, die Grundlage nationaler Identität.[13] In diesem Buch sollen die sozialen, kulturellen und politischen Kontexte rekonstruiert werden, in denen sich Vergessen vollzieht. In einem ersten Überblick werden sieben Formen des Vergessens vorgestellt, die das breite Spektrum der Motive, Begleitumstände und Tätigkeiten beleuchten, in denen etwas ins Vergessen versenkt oder aus dem Vergessen wieder hervorgeholt wird. Vergessen hat je nach den Begleitumständen eine negative und eine positive Seite. Es wird als Schaden und Verlust, als Fluch und Segen wahrgenommen, je nachdem, in welchem Zusammenhang es ins Spiel kommt. Wenn es Wichtiges und Wertvolles angreift und zerstört, ist es ein Fluch, wenn es Komplexität reduziert und von dunklen Seiten abschirmt, wird es als Segen erfahren. Vergessen bleibt mit dem Bild des Flaschenhalses verbunden. Es vermindert und verknappt, dadurch macht es das, was übrig bleibt, allererst kostbar und bedeutungsvoll.

Bei dieser Untersuchung der Dynamik von Erinnern und Vergessen in sozialen und politischen Kontexten kann ich mich auf wichtige Vorarbeiten stützen. Dazu gehören Mario Erdheims ethnopsychoanalytische und Lyotards psychohistorische Studien, die die gesellschaftliche und kulturelle Produktion von Unbewusstheit untersuchten.[14] Von einer anderen Seite machte Umberto Eco 1988 mit einem Essay einen pfiffigen Vorstoß.[15] Er fragte, ob es wohl parallel zur Erinnerungskunst auch so etwas wie eine Kunst des Vergessens geben könne. Kaum, dass er sie gestellt hat, hat er seine Frage auch schon selbst abschließend beantwortet. Nein, ein solches Projekt sei undenkbar, denn es handele sich dabei um einen performativen Widerspruch: Das, worauf ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit gelenkt wird, könne nicht gleichzeitig aus unserem Bewusstsein verschwinden. Harald Weinrich hat sich von diesem Essay jedoch nicht abschrecken lassen und ein Jahrzehnt nach Eco ein wunderbares Buch mit dem Titel Lethe veröffentlicht. In Antwort auf Eco nannte er sein Buch im Untertitel Kunst und Kritik des Vergessens. Darin hat er aus dem Fundus seiner Bildung literarische Texte aus verschiedenen Jahrhunderten vorgestellt, die das Vergessen zum Gegenstand der Reflexion machen. Dabei konnte er zeigen, dass es nicht nur einen reichhaltigen historischen Diskurs zu diesem Thema, sondern auch handfeste kulturelle Praktiken des Vergessens gibt.[16]

Seit der Millenniumswende liegen zwei weitere interessante Ansätze zur Typologisierung des Vergessens vor. Der eine stammt von dem Harvarder Neurowissenschaftler Daniel Schacter (2001), der andere von dem Sozialanthropologen Paul Connerton (2008). Überraschenderweise haben beide unabhängig voneinander ihre Ergebnisse in eine ähnliche Form gebracht. Ihre Aufsätze lauten: ›The Seven Sins of Memory‹ bzw. ›Seven Types of Forgetting‹.[17] Die Mnemotechnik lehrt uns, dass man sich sieben Gegenstände oder Stichworte besonders gut merken kann. Auch wenn es um das Vergessen geht, bedienen wir uns gern ihrer Regeln. Deshalb werde auch ich mich an diese heilige Zahl halten und sieben Formen des Vergessens vorstellen. Ich revidiere und erweitere dabei die bestehenden Kategorien in der Hoffnung, dass mit meiner Umschreibung nicht nur eine weitere Taxonomie des Vergessens entsteht, sondern auch die strukturellen Zusammenhänge und Spannungen zwischen diesen Formen deutlicher in Erscheinung treten.

Sieben Formen des Vergessens

1. Automatisches Vergessen – materiell, biologisch, technisch

Ich beginne mit einer grundlegenden Asymmetrie: Nicht Erinnern, sondern Vergessen ist der Grundmodus menschlichen und gesellschaftlichen Lebens. Erinnern ist die Negation des Vergessens und bedeutet in aller Regel eine Anstrengung, eine Auflehnung, ein Veto gegen die Zeit und den Lauf der Dinge. Wie im Körper eines Organismus die Zellen, so werden in der Gesellschaft Objekte, Ideen und Individuen periodisch ausgetauscht. Dieser schleichende Wandel gilt als selbstverständlich und natürlich, er versetzt niemanden in Alarmbereitschaft. Nicht das Erinnern, sondern das Vergessen ist also der Normalfall in Kultur und Gesellschaft. Vergessen geschieht lautlos, unspektakulär und allüberall, Erinnern ist demgegenüber die unwahrscheinliche Ausnahme, die auf bestimmten Voraussetzungen beruht.

Hier ein Beispiel für den Normalfall des Vergessens, der sich aus der Perspektive der betroffenen Individuen oft als ein tiefer und schmerzlicher Einschnitt darstellt. Ich beziehe mich dabei auf eine E-Mail, die mich in den ersten Januartagen 2010 erreichte:

»Leider mussten Paul und ich die Familie gleich nach dem Weihnachtstag alleine in Berlin lassen, weil mein Patenonkel, der letzte Verwandte meiner älteren Generation, am 23. Dezember starb. Er lebte alleine in dem großen Haus seiner Großeltern, hatte seit Jahrzehnten niemanden, außer ein-, zweimal im Jahr mich, in sein Haus gelassen; hatte auf zwei Etagen seine chemischen Versuche fortgeführt und alles, ALLES an Briefen etc. (Briefe der ausgewanderten Familie im 19. Jh., der gefallenen Geschwister im 2. Weltkrieg, Gasmaskenausrüstungen aus dem ersten Weltkrieg, Reklame, Original Klepperboote, Eingemachtes in den Kellern von vor Jahrzehnten …) aufbewahrt. Also, Paul und ich mussten, um überhaupt durch einige Zimmer durchgehen zu können, die Briefe, Bücher, Zeitschriften stapelten sich bis zur Decke, schließlich einen riesigen Container füllen. – Und trotzdem war es unmöglich, so grundsätzliche Dokumente wie ein Familienbuch zu finden. Ein Großteil der Erinnerung, das wagt man Dir ja gar nicht zu erzählen, liegt nun in diesem Container – Ich träume davon.«

Von allem, was zwischen Menschen erfahren, kommuniziert und produziert wird, ist es stets nur ein verschwindend kleiner Anteil, der tatsächlich von einem gelebten Leben übrig bleibt und weitergereicht wird. Ein Foto, eine Brosche oder ein Möbelstück, ein Sprichwort, ein Rezept, eine Anekdote, das ist – wenn es hoch kommt – alles, was bei den Enkeln oder Urenkeln noch von dem einst prall gefüllten Leben ihrer Großeltern ankommt. In Familien, die ausgebombt wurden, die geflohen und ausgewandert oder oft umgezogen sind, sammeln sich kaum materielle Rückstände an. Auch für die Rückstände eines Lebens, die in Kellern oder auf Dachböden noch einige Zeit überdauern, schlägt früher oder später die Stunde des Containers. Die Vernichtung von Hinterlassenschaften bei Haushaltsauflösungen, Umbauten oder Abriss mag für einzelne Menschen mühsam und schmerzlich sein, aus der Perspektive der Gesellschaft dagegen, die von diesen alltäglichen Vorgängen keinerlei Notiz nimmt, geschieht sie lautlos und automatisch.

Bei diesem lautlosen Vergessen spielen zwei Faktoren zusammen: soziales Vergessen und materielle Entsorgung. Beim sozialen Vergessen im Biorhythmus der Generationen werden die Erfahrungen der älteren Generation regelmäßig entwertet und durch neue ersetzt werden. Jede neue Generation ist bestrebt, sich mit ihren eigenen Erinnerungen, ihrer Agenda und ihren Projekten von der vorangehenden Generation ab- und gegen sie durchzusetzen. Die materielle Entsorgung beruht auf immer schnelleren Zyklen von Produkt-Serien. Die technischen Gegenstände, die uns umgeben, müssen zu Lebzeiten wiederholt ersetzt werden. Dieses Ersetzungs- und Überholungsprinzip ist ein konstitutiver Teil der wissenschaftlich-technischen Evolution und des damit verbundenen Konsumverhaltens. Die Forcierung des Generationenbruchs und die Beschleunigung der Warenproduktion sind also keine naturgegebenen Universalien, sondern zentrale Elemente des kulturellen Programms der Modernisierung in westlichen Gesellschaften. In dieser Sicht gelten Zerstörung und Vergessen als ein wichtiger Motor des Fortschritts. Diese Modernisierungsdynamik von Erneuern und Veralten, von Innovation und Obsoleszenz hat bereits Mitte des 19. Jahrhunderts im Aufschwung der industriellen Revolution der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson sehr genau beschrieben: