Flügelschwingen - Dradra Grimm - ebook

Flügelschwingen ebook

Dradra Grimm

0,0

Opis

Flügelschwingen: Lebensangst und Todesmut ist der erste Teil einer New Adult Buchreihe über Identitätsfindung, emotionalen Missbrauch, Freiheit, Angst, Liebe, Hass, Freundschaft, Schuld und Verbrechen. Es ist an der Zeit, das Nest zu verlassen. Die Flügel auszubreiten und zu fliegen. Mit nicht einmal Mitte zwanzig sollten ihnen alle Türen offenstehen. Eigentlich. Katiya kämpft darum, sich gegen den Willen ihrer Familie durchzusetzen und endlich ihren eigenen Weg zu gehen. Stattdessen soll sie einen Mann heiraten, den sie nicht liebt. Sachi ist auf der Flucht vor dem Spießbürgertum irgendwo zwischen Partys, Bikern, Hipsters und Esoterik-Gurus steckengeblieben. Zum Unmut ihrer Familie hat Sachi sich mit Leib und Seele der heruntergekommenen Werkstatt ihres Onkels verschrieben statt Medizin zu studieren. Yuriy hat sich in eine Sackgasse von gefährlichen Handlangeraufträgen und Knastbesuchen manövriert. Als Katiya von zu Hause ausreißt, treffen sich ihre Wege auf dem Spielfeld der mächtigen Familien Aschenburgs. Was sich zunächst wie der langersehnte Flug in die Freiheit anfühlt, endet verhängnisvoll.

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„Ich glaube, dass die Angst, die man hat, wenn man an einem Abgrund steht, in Wahrheit vielmehr eine Sehnsucht ist. Eine Sehnsucht, sich fallen zu lassen – oder die Arme auszubreiten und zu fliegen.“

– Isabel Abedi

Inhalt

Gebrochene Flügel

Porzellanpuppe

Im Goldenen Käfig

Fluchtlos

Verlockende Verführung

Flug in die Freiheit

Nebel zieht über den Fluss

Ausgeträumt

Marionette

Puppen töten nicht

Mit dem Rücken zur Wand

Das Welken der Blumen

Herbstblätter

Lass diese Nächte vergehen!

Der letzte Tag

Fremde Botschaft

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Der Mörder

Der Geisterwanderer

Es soll mein Stück werden

Danksagung

Leseprobe: Schlangenfrucht

Dradra & Trici

Triggerwarnung:

Dieses Buch behandelt sensible Themen wie Depression, Suizid, sexuellen Missbrauch, Mord, Todschlag und emotionale wie physische Gewalt.

Falls du oder Personen aus deinem Bekanntenkreis mit diesen Themen kämpfen und Hilfe brauchen, wende dich an eine Vertrauensperson, einen Arzt oder melde dich anonym bei einer Beratungsstelle wie zum Beispiel der TelefonSeelsorge:

www.telefonseelsorge.de

Telefonnummer: 0800 1110111

Darüber hinaus handeln und sprechen die in dem Buch auftretenden Figuren nicht ausschließlich moralisch. Sie sollen keine der oben aufgeführten Themen verherrlichen.

Ihre Meinungen spiegeln nicht unbedingt die Meinungen der Autorinnen wider.

1. Gebrochene Flügel

23. August

Sie kannte keine Freiheit.

Und nun würde ihr auf ewig verwehrt sein, zu erfahren, was Freiheit bedeutete.

Katiya presste die Lippen zusammen. Sie fühlte sich gefangen wie der Engel in ihrer Spieluhr. Um sie herum eine Kugel aus Glas. Es war ihr erlaubt, sich im Takt der Musik um ihre eigene Achse zu drehen.

Vorwärtskommen würde sie niemals.

Peter hatte sie von der Limousine auf die Wiese geführt.

Wasserfallförmig fielen die weißen Stofflagen bis zu ihren Knöcheln. Andere Leute würden in solch einem Kleid heiraten. Der Verlobungsring fühlte sich wie ein Fremdkörper um ihren Finger an, als sie die Hände zu Fäusten ballte.

Das Herz in Katiyas Brust schmerzte, doch es hatte aufgegeben, um Gehör zu flehen.

Die Verlobung war die richtige Entscheidung.

Liebe war nichts als ein Märchen.

Katiya hob das Kinn, zog die Schulterblätter zusammen. Brust raus, Bauch rein. Zu dem sanften Lächeln, das sich schicken würde, konnte sie sich nicht durchringen. Das schwarze Loch in ihrer Brust sog an ihr, um den letzten Teil ihrer Selbst zu verschlingen, der noch ihr gehörte.

Wie eine Puppe ließ Katiya sich weiter in die Menge führen. Stimmen summten in der Luft. Hier und da ein höfliches Lachen.

Peter hatte sämtliche Geschütze aufgefahren, um ihre Verlobung als das zu feiern, was sie ihm bedeutete. Katiya und er — sie waren einander Schicksal. Sie war sein Herz.

Sobald sie endlich verheiratet wären, würde er jede freie Minute, die er hatte, mit ihr verbringen.

Peter sollte im Immobilienbetrieb seines Vaters eine Führungsrolle übernehmen. Freie Zeit würde er dann hoffentlich kaum haben. Der Gedanke war bitter auf Katiyas Zunge. Und doch schmeckte sie seine Wahrheit.

Sie war eine Perfektionistin. Übereilte Entscheidungen traf sie nicht.

Trotzdem war sie dabei, den größten Fehler ihres Lebens zu begehen. So flüsterte es ihr zumindest ihre innere Stimme zu, die sie zu ignorieren gelernt hatte. Egal wie laut sie wurde.

Katiya fuhr auf, als der satte Klang einer Tuba über den großen See von Aschenburg schallte. Der Wind rauschte durch den nahen Wald. Die Band spielte moderne Lieder aus den Charts. Oldies. Obwohl Peter für gewöhnlich eher ein Fan von klassischer Musik war, machte er für die Party eine Ausnahme und kam gern der breiten Masse entgegen. So hatte er es formuliert.

Wenn es nach ihr ginge, hätte Katiya einen Trauermarsch angestimmt. Mit einem Mal kribbelte es ihr in den Fingern. Sie wollte nach Hause. In ihr Musikzimmer. An ihr Piano. Sie wollte, dass die Töne sie in eine Welt trugen, in der keine unsichtbaren Ketten um ihren Gliedern lagen.

„Gefällt es dir?“, fragte Peter. Mit einem sanften Lächeln auf seinen geschwungenen Lippen sah er sie an.

Die untergehende Sonne spiegelte sich in seinen silberblauen Augen wie im großen See. Die matschige Wiese duftete. Das Gras war noch immer nass vom Regen. Kalte Tropfen benetzten Katiyas Füße in ihren hohen Schuhen.

Sie fühlte sich vorgeführt.

Wie eine neue Immobilie, die Peter erstanden hatte.

Katiyas Aufmerksamkeit ruhte kurz auf einer Gruppe junger Männer in gesteiften Hemden.

Bekannte von Peter aus der Uni. Lauter Leute, die sie nicht kannte. Leute, die Katiya schon in dem Moment, in dem sie ihr vorgestellt worden waren, wieder vergessen hatte.

Peter nickte ihnen zu.

Katiya war hungrig darauf, einem Menschen zu begegnen, der echt war. Voller Sehnsucht, Leidenschaft und Sünde.

Ein Mensch, der es wagte, sich vom Spielfeld loszureißen, auf dem man sich über das schöne Wetter und über anstehende Herausforderungen im Studium unterhielt.

Katiya wollte das Feuer spüren. Wollte, dass die Hitze ihre Haut versengte. Sie wollte sich verbrennen. Das wäre besser als die lauwarme Sicherheit. Sie wollte weinen, schreien, wütend sein dürfen. Sie wollte ausbrechen und davonlaufen. Ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken.

„Ja. Schon“, erwiderte Katiya reflexartig auf Peters Frage.

Der Pavillon sah nett aus. Das Buffet köstlich. Die anderen schienen Spaß zu haben.

Peter gab ihr zu verstehen, dass er ein paar Worte mit seinen Kommilitonen wechseln wollte. Katiya sah ihm nach, wie er zwischen den aufgestellten Tischen verschwand.

So viele Menschen. Sie waren wie die Happen, die der Cateringservice vorbereitet hatte: Wunderschön anzusehen. Makellos und ansehnlich drapiert. Peters Bekannte hier stammten hauptsächlich aus der oberen Mittelschicht. Ein jeder von ihnen hatte etwas vorzuweisen: Ein Auslandsjahr. Einen Doktor. Irgendwelche anderen Auszeichnungen.

Katiya faltete die Hände übereinander.

Das Buffet war reich gedeckt. Egal wie viele dieser Happen sie kosten würde — ihr Hunger würde ungestillt bleiben. Und obwohl die Menge um sie herum summte, fühlte Katiya sich fürchterlich einsam.

„Wenigstens dich kenne ich.“ Erleichtert atmete sie auf, als Peters Schwester zu ihr trat und ihr ein Glas Sekt reichte.

Peters Schwester Zoe war eine hübsche junge Frau mit hellblondem, zartem Haar, das zu ihrer zierlichen Gestalt passte. Groß und schlank wie sie war, sah sie mit ihrem stets ausdruckslosen Gesicht aus wie ein Mannequin. Sie lächelte schwach. „Das ist auch deine Feier.“

Katiya wusste darauf nichts zu erwidern, sodass sie sich zu einem Lächeln durchrang. Eigentlich freute sie sich nicht, Zoe zu sehen. Katiya erinnerte sich nicht daran, jemals eine echte Unterhaltung geführt zu haben, die über den üblichen Smalltalk hinausging. Immer, wenn Katiya versucht hatte, ehrlich mit ihr zu diskutieren, hatte Zoe sich pikiert gegeben und das Thema gewechselt. Ausgerechnet seit ihrer Verlobung war zu der steifen Affektiertheit von Peters Schwester eine weitere Wand an Distanz hinzugekommen. Gerade jetzt, wo es darum ging, in ihre Familie einzuheiraten, fühlte Katiya sich dort verlorener denn je. Weder Peter noch seine Familie konnten sie aus dieser Glaskugel, in der sie lebte, befreien.

Niemand vermochte das.

Wäre Katiya ein chemisches Element, so wäre sie ein Edelgas. Unfähig, eine Bindung einzugehen.

Und auch, wenn Katiya ihre Zeit für sich und ihre Gedanken schätzte und liebte, fühlte sie sich einsam in ihrer unfreiwilligen Isolation.

„Bist du nervös?“, erkundigte sich Zoe weiter. Katiya zuckte die Achseln.

Sollte sie das vielleicht sein …? Sie zog die Stirn kraus. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Aber nervös … war sie nicht.

„Versuch, wenigstens einen guten Eindruck zu hinterlassen!“, setzte Zoe neu an. Verwirrt über den Unterton, den sie nicht einordnen konnte, wandte Katiya sich ihr wieder zu. „Es gibt eigentlich keine Frau, die Peter verdienen würde.“ Peters Schwester lächelte schwach.

Katiya erwiderte das Lächeln, bis ihr aufging, dass es als Erwiderung auf den letzten Kommentar nicht angebracht war. Hatte Zoe ihr eben gesagt, dass sie Peters nicht wert war …? Katiya atmete durch und schenkte Zoe ein weiteres kühles Lächeln, bevor ihr Blick in die Ferne ging.

Vielleicht war Peter auch ihrer nicht wert.

Katiya wünschte sich, den Gedanken zurücknehmen zu können. Auf der anderen Seite — ihre Gedanken waren frei. Sie gehörten nur ihr.

Katiya sah auf die glatte Wasseroberfläche. Tief in ihrem Inneren dieses Ziehen. Was, wenn sie als Mensch wirklich keinen Wert hatte? Gäbe es sie nicht, würde Peter dann einfach eine andere Frau an die Seite gestellt bekommen …?

Die Villen ihrer Familien lagen an dem großen See nahe dem Zentrum von Aschenburg. Peters Familie, die von Malvensteins, lebte seit jeher hier. Die anderen Häuser ringsum den See gehörten den Thorolfs und den erst vor ein paar Jahren hinzugezogenen van Dors. Auch die van Dors waren wohlhabend und obwohl sie im Stadtgeschehen ihren Platz noch nicht völlig gefunden hatten, waren sie wichtig.

Ja, der See und die Villen bildeten das Herz der Stadt: Würde es aufhören zu schlagen, würde Aschenburg nicht mehr funktionieren.

Wind rauschte durch die Wipfel der Nadelbäume.

Trotz allem waren ihre Familien keine echte Einheit. Vielmehr standen sie sich wie die schwarzen und weißen Figuren beim Schach gegenüber. Gedankenverloren fingerte Katiya an ihrem silbernen Verlobungsring herum. Ihre Familie, die Zavarins, und Peters Familie, die von Malvensteins, bildeten gemeinsam die eine Seite.

In Katiyas Kopf waren sie die schwarzen Figuren.

Sie waren düster. Geheimnisvoll.

Auf der anderen Seite standen die weißen Figuren: Die Familie Thorolf.

Wie auch Peters Familie lebten die Thorolfs schon seit vielen Generationen in Aschenburg. Damit das Spiel funktionierte, musste es beide Seiten geben. Trotzdem war es oberstes Ziel einer jeden Partei, die Partie letztendlich für sich zu entscheiden.

„Da bin ich wieder.“ Peter trat zu Katiya und Zoe und unterbrach ihre schleppende Unterhaltung. „Komm, lass uns rüber zum Buffet gehen!“ Peter gab Zoe zu verstehen, sie allein zu lassen. „Da ist Rudi. Den kennst du.“

Rudi war der Sohn der Thorolfs. Also einer von der weißen Mannschaft. Er war ein zurückhaltender junger Mann. Obwohl er Medizin studierte und ziemlich gut darin war, hängte er es nie an die große Glocke. Katiyas und Rudis Großväter waren früher einmal gute Freunde gewesen. Katiyas Vater Silas und Rudis Mutter waren Geschwister.

Mit eingezogenem Kopf stand Rudi wie bestellt und nicht abgeholt am Rande des Buffets, unter dem Pavillon, als suchte er nach einer Ausrede, schnell wieder gehen zu dürfen. Etwas, das Katiya auffallend sympathisch war.

„Und wie geht es dir, Rudi?“ Mit seinem charmantesten Lächeln trat Peter an Rudi heran. Katiya folgte ihm. Wenn das Licht so in Peters hellblonde Lockenpracht fiel, glänzte sie wie gesponnenes Gold.

„Oh, be-bestens!“ Rudi zuckte zusammen, als Peter ihn ansprach, und vergrub die Hände in seinen Jeans. Katiya fiel das scheußlich rot-schwarz karierte Hemd auf, das Rudi trug und das nicht zum eleganten Stil der anderen Festgäste passen wollte. „Herzlichen … Herzlichen Glückwunsch euch beiden“, stotterte Rudi. Katiya war sich sicher, dass er das vor allem deswegen sagte, um von seiner unpassenden Kleidung abzulenken. „zur Verlobung.“ Nervös warf Rudi sich eine wirre Strähne seines roten Haars aus der Stirn. Sommersprossen zeichneten sich auf seiner blassen Haut ab.

Peter lächelte und Katiya empfand Mitleid mit Rudi, diesem armen Tropf, der sich Peter gegenüber minderbemittelt fühlen musste. Die Thorolfs waren eine der Gründerfamilien von Aschenburg. Dennoch hatten sie viel an Geld, Macht und Ansehen verloren. Katiyas Mutter führte sie stets als abschreckendes Beispiel für alles Mögliche an. Möchtest du enden wie ein Thorolf?

„Danke. Wir haben Glück. Selbst das Wetter scheint uns seinen Segen zu geben.“ Peter spielte auf das unerwartete Aufklaren nach dem regnerischen Morgen an. „Wir“ Peter sah kurz zu Katiya, als wollte er ihr zeigen, dass das hier ihre gemeinsame Feier war, obwohl er alles organisiert hatte. „hätten ja auch gern deine Schwester eingeladen. Sarah.“

„Sachi“, murmelte Rudi und kassierte damit wieder einen irritierten Blick Peters. „Sie möchte Sachi genannt werden.“

„Wie auch immer.“ Peter winkte ab, als wäre das nicht von Bedeutung. „Sie wäre eingeladen gewesen … “ Peters Lächeln wurde fast ein wenig süffisant, bevor er sich wie bedauernd räusperte. „doch wir wissen ja alle, dass sie aktuell leider in leicht fragwürdigen Kreisen verkehrt.“

Rudi zog die Schultern hoch, als wüsste er genau, wovon Peter sprach. „Die Band ist gut“, wechselte er das Thema.

Peter schenkte ihm ein Lächeln. „Danke.“

„Ich spiel’ selbst auch“, brachte Rudi schüchtern hervor. Die Musik war seine Leidenschaft. Schon in der Grundschule war er zum Gitarrenunterricht gegangen. Mit zwölf hatte er seine ersten Songs geschrieben. Dann ... war er erwachsen geworden.

„Ja?“, gab Peter sich interessiert. Rudi war sich nicht sicher, inwieweit die Höflichkeit aus ihm sprach. Das konnte Katiya ihm ansehen. Tatsächlich sollte Rudi das Thema sein lassen, wenn er sich nicht blamieren wollte. So wusste Katiya nicht, was er so draufhatte — aber Peter, der seit seinem vierten Lebensjahr mit Klavier und Geige vertraut war, würde er wohl kaum beeindrucken können. Ein plötzliches Grollen unterbrach ihre Unterhaltung. Instinktiv blickte Katiya zum Himmel. Ein paar Wolken hingen über ihnen, als wären sie zu gemütlich, um davonzuziehen. Ein Gewitter schien nicht in Sicht. Woher dann ...? Das Grollen wurde lauter, schwoll zu einem Tosen an. Motorenlärm. „Hey, schaut mal!“, rief da einer von Peters Kommilitonen. „Die mit den Motorrädern!“

„Scheiße!“, rutschte es Rudi leise heraus. Da entdeckte auch Katiya sie: Vier Motorräder. Sie fuhren die Straße am See entlang. Umkreisten ihre Feier. Katiyas Augen wanderten zu Peter. Ratlos. Hilflos. Wie hatte sie diese Situation einzuschätzen? Peter verzog das Gesicht, sodass seine schönen Züge verkniffen aussahen. Nicht der zuversichtliche, tröstende Ausdruck, den Katiya gewohnt war. Seine Augen waren in die Ferne zu den Bikern gerichtet. „Was sind das für Rowdies?“

Sie glaubte, ihre Freiheit zu leben.

Highway to Hell. Auf eine abgefahrene Weise erschien es Sachi passend, dass es ausgerechnet dieses Lied der alten Rockband AC/DC war, das ihren ganzen Kopf ausfüllte und sogar beinahe das brüllende Röhren der Motoren übertönte. Der Fahrtwind war kalt. In Sachis Brust kribbelte es.

Da waren sie. Bei ihrer kleinen exklusiven Party.

Ihrer beschissenen Elite-Party.

Ihrer Party, zu der sie nicht eingeladen worden war.

Sachis Finger krampften sich enger um den Lenker ihres Motorrads. Sie liebte es. Den Nervenkitzel dieser spontanen, absolut dummen, aber verdammt reizvollen Aktion.

Die bahnbrechende Geschwindigkeit.

Sie flog. Ihr Flügelschlag kraftvoll. Ihr Schrei schneidend wie der Ruf einer Harpyie.

Die Dämmerung zog langsam auf. Um den See herum war alles noch dampfig vom Regen und der Hitze des Sommertages.

Sachi beschleunigte ein weiteres Mal und ihre Maschine tobte wie ein wildes Tier. „Hübsche Zelte!“ Sie lachte auf. Der Motorradhelm verschluckte ihre Worte, doch kümmerte sie das nicht.

Ihr ging es um das Gefühl, etwas hinausbrüllen zu können.

Das Adrenalin brachte das Blut in ihren Adern zum Kochen, während die Tachoanzeige gemeinsam mit ihrem Puls höher und höher raste.

Selbst hätte Sachi nicht sagen können, ob sie wütend, traurig oder einfach nur aufgedreht war. Eingeladen war sie zumindest nicht.

Der Wind zerrte an ihrer Kleidung. Die Umgebung verschwamm zu einem Strudel aus Grün, Grau, Braun und diesem unbändigen Drang, ausbrechen zu müssen.

Sie war schnell. Viel zu schnell. Und sie wollte noch mehr Geschwindigkeit erreichen.

Wie ein Hurricane wollte sie über die Wiese wüten. Diesen schicken Pavillon einreißen. Das Buffet sprengen.

War das Rudi? Wie ein Schluck Wasser in der Kurve stand ihr Bruder da bei dem Prinzesschen und ihrem Kerl. Sachi hätte kotzen können. Abermals betätigte sie das Gas. Völlig überdreht heulte sie auf.

Alle waren sie hier: Die gesamte Clique. Sven und seine langjährigen Freunde Akasya und Samir. Sven arbeitete mit ihr in der Werkstatt. Akasya war Friseuse und das, was man vielleicht als Sexbombe bezeichnen würde. Ihre Lippen waren meistens in einem schrillen Pink angepinselt und ihr viel zu starkes Augen-Make-up gab ihrem Gesicht etwas, das vielleicht auf eine Modenschau passte, aber ansonsten overstylt wirkte — an ihr aber auf eine verruchte Art und Weise gut aussah. Samir ... Nun. Er war der Größte ihrer Gruppe. Trank und rauchte für zwei. Sachi traute es ihm zu, dass er jemanden für eine Flasche Fusel oder ein Päckchen Zigaretten vermöbeln würde. Sachi hatte keinen guten Draht zu ihm. Aber er war schon immer einer ihrer Gang gewesen. Außerdem waren sie als Gruppe eindrucksvoller.

Sachi schmiss sich in eine scharfe Linkskurve, jauchzte ein weiteres Mal auf, bevor sie den anderen hinter sich zuwinkte. Das war das Zeichen.

Aufs Kommando hin stürzten sie den grasbewachsenen Hügel zum See hinab.

Schlamm spritzte, die Räder der Maschinen versackten im Morast. Rissen sich weiter.

„Alles Gute zur Verlobung“, schrie Sachi Peter und Katiya zu und reckte ihnen den ausgestreckten Mittelfinger entgegen, bevor sie wieder beide Hände an den Lenker nahm, um mitten durchs Buffet zu stürmen.

Es war eine Katastrophe.

Katiyas Puls jagte. Der Lärm. Ihr weißes Kleid war schlammbespritzt.

Was war das hier? Ein Anschlag?

Die Leute schrien. Brachten sich und ihre Wertgegenstände in Sicherheit vor den Bikern. Einer von ihnen hatte sein Handy laufen: Highway to Hell.

Katiyas Herz raste. Zu viele Eindrücke. Zu schnell. Zu laut.

Gefahr.

Sie wusste nicht, was passieren würde. Doch die Luft war schwer von der allgegenwärtigen Bedrohung. Der Lärm der Motoren. Katiya wirbelte herum. Wieder ging etwas zu Bruch.

Jemand schrie.

Peter war weg. Irgendwo in der Menge verschwunden, nachdem er sie hinter einen umgestürzten Tisch geleitet hatte. Mit bebenden Gliedern kauerte sie auf der matschigen Wiese. Ein paar der feinen Happen vor ihren Füßen.

Katiya schluckte.

Sie hatte Angst.

Keine Spur von Peter. Die Biker wütenden wie die Axt im Wald.

Erschrocken fuhr Katiya zusammen.

Scheppernd stürzten die dünnen Metallbeine des Pavillons übereinander.

Glas brach.

Katiya biss sich auf die Unterlippe, schmeckte Blut. Ihr Herz raste.

Sie! Katiya glaubte, den Kopf der Gruppe zu erkennen.

Rudis Schwester, von der sie vorhin gesprochen hatten. Die außer Rand und Band geratene Tochter der Thorolfs, die sich derzeit mit den wohl verkommensten Gestalten in Aschenburg abgab.

Katiya war wie gelähmt. Festgefroren in Faszination und Abscheu. Sachi lachte und johlte als hätte sie den Verstand verloren. Ihre Maschine wie ein blaues Ungetüm.

Katiya musste etwas unternehmen. Doch was? Ihr waren die Hände gebunden.

Sachi raste einen der letzten Tische des Buffets um. Die Bowleschale flog durch die Luft.

Nein.

Noch bevor die Schüssel am Boden zerschellte, durchzuckte Katiya ein Blitz von Entschlossenheit.

Sachi war beleidigt, weil man sie nicht eingeladen hatte. Und nun war sie hier, um sich dafür zu rächen ...?!

Wut kochte in Katiya hoch. Machtlos. Pochen in ihren Schläfen.

Die Welt um sie herum verstummte.

Dieser Moment war ein Sinnbild ihres Lebens, das ihr verbot, ihr Potential, ihre Wünsche und ihre Sehnsüchte auszuschöpfen. Sie konnte nichts tun, außer zuzusehen, wie alles vor ihren Augen vernichtet wurde.

Angetrieben von heißem Trotz raffte sie ihren Rock. Kletterte über den Tisch. Eines der lackierten Aluminiumbeine war zerbrochen. Katiyas Absätze versackten im Morast.

Plötzlich wusste sie, was sie zu tun hatte.

Sie konnte diese Machtlosigkeit besiegen.

Das Einzige, das sie zurückhielt, war die Angst.

Die Angst zu sterben.

Die Angst, dieses Leben zu verlieren, das ohnehin nicht ihr gehörte.

Sie konnte Sachi aufhalten. Sachi, die glaubte, einfach tun und lassen zu können, was sie wollte.

Jegliche Konsequenzen waren ihr mit einem Mal gleichgültig, als sie auf die Überreste der Musikausrüstung zu rannte. Blechern und scheppernd gab sie noch ein paar Töne von sich. Wie das letzte Röcheln eines Sterbenden.

In Katiya brannte der Wunsch, Sachi einen Stoß zu versetzen, dass sie im Buffet auf der Wiese landete. Katiya fuhr herum. Das Tosen eines näherkommenden Motorrads.

„Du“, schleuderte Katiya Sachi zornentbrannt entgegen. Katiya war es nicht gewohnt, dermaßen zu brüllen. War es nicht gewohnt, dem Instinkt zu toben, nachzugeben.

Sachi hörte sie nicht. Ihr blaugefärbtes Haar wirbelte unter ihrem Helm hervor.

Katiya biss die Zähne zusammen, dass ihr Kiefer schmerzte.

Aus den Augenwinkeln erkannte sie Peter. Er hielt sich ein Handy ans Ohr. Bestimmt holte er Unterstützung.

Da jedoch war sie schon unterwegs. Drauf und dran, Sachi den Weg zu versperren, indem sie sich mit weit ausgebreiteten Armen vor ihr aufbaute.

Sachi bemerkte sie zu spät. Viel zu sehr war sie auf die Schadenfreude in ihrem Inneren fixiert gewesen. Und dann plötzlich ... stand da Katiya. In ihrem weißen, verschmutzten Kleid mit den ausgebreiteten Armen, dem steinharten Blick hatte sie etwas von der Statue eines Racheengels.

Der zu ihr gekommen war.

Und ihr verdammt nochmal im Weg stand.

Sachi schnappte nach Luft. Viel zu nah. Setzte ihr Herz für einen Schlag aus?

Unmöglich zu bremsen.

Sachi wollte schreien. Sie würde sie überfahren.

Ein Fluch schwoll in ihrer Kehle. Da durchfuhr sie das Déjà-Vu.

«Pass auf, die Straße ist nass!» Die Windschutzscheibe klirrte. Der Airbag sprang hinaus.

Sachi riss den Lenker herum. Ihre Wahrnehmung verschwommen. Sie kippte. Sie— Das Motorrad verlor den Halt auf der schlammigen Wiese. Ein Kribbeln in Sachis Magen, als die Maschine ins Schleudern geriet. Schreie. Waren das ihre? Waren das …?

Keine Straße. Dieses Mal nicht. Kein Auto. Aber das Motorrad!

Sachi schrie, als sie über den Boden schlitterte. Dass sie in den See gestürzt war, kapierte sie erst, als sie Wasser schluckte.

Wasser rann ihr in den Helm.

Sie riss sich das Ding vom Kopf. Keuchte. Hustete. Bekam keine Luft in ihre Lungen.

Das Motorrad! Prustend kam sie an die Wasseroberfläche. Da fassten auch schon Hände nach ihr.

„Hey, bist du okay?“ Sven.

Sachi hustete noch mehr. Würgte. Spuckte Wasser. Nickte und hustete weiter. Sie fühlte sich wie zusammengeschlagen. Sie wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht.

Ihr Herz tobte.

Noch immer den Schock in den Knochen, suchte sie die Orientierung.

Da stand Katiya. Peter war bei ihr, legte ihr beschwichtigend die Arme auf die Schultern, als hätte sie eben sonst was erlebt. Samir und Akasya waren ebenfalls von ihren Maschinen abgestiegen. Ein paar Autos fuhren an. Vermutlich gehörten sie zu den Leuten, die Peter angerufen hatte.

„Sachi!“ Das war Rudi.

Bitte nicht. Keine Standpauke. Nicht jetzt.

„Ey Mann, chill!“ Sven hinderte Rudi daran, auf Sachi zuzulaufen. Er wollte ihr noch einen Atemzug Zeit geben, sich von dem Schock der ungewollten Landung zu erholen, doch da packte Rudi sie schon an den Unterarmen. Sie standen nun beide bis zu den Waden im See.

„Was bitte ist verkehrt mit dir?“, ging Rudi sie an. Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Stimme bebte.

„Warum? War doch lustig.“ Bockig warf Sachi sich das Haar aus der Stirn.

„Lustig?!“, keuchte Rudi, als zweifelte er an Sachis Verstand.

Tat er vermutlich auch.

Sie schnitt ihm eine Grimasse. „Ist doch nichts passiert.“ Zumindest nichts, was für ihn relevant war. Die Räder ihres frisierten Motorrads drehten noch durch und wirbelten Wasser umher.

Der Motor war tot.

Scheiße. Verkackte Scheiße. Zu viel stürzte auf Sachi ein. Die Maschine kaputt.

Sie zitterte, doch verschränkte sie die Arme, als Rudi fassungslos den Kopf schüttelte.

Sie hatte verdammtes Glück gehabt.

Um sie herum ein Schlachtfeld. Das war sie gewesen.

Entsetzen brach über Sachi zusammen.

„Rudi.“ Peter trat so unvermittelt zu ihnen, dass sie alle zusammenzuckten.

Er sah ernst aus. Aber nicht wütend. Eher ... freundlich.

Sachi zog die Augenbrauen hoch. Sein Gehabe entsprach vermutlich der Etikette.

Neben ihm stand Katiya. Die beiden waren so ein Pärchen, das nur in Symbiose existierte: Wo Katiya war, war Peter. Zumindest in der Öffentlichkeit.

Sachi starrte sie an. Katiya starrte mit unergründlichem Blick zurück.

Was ging in ihrem Kopf vor ...? Sachi musste blinzeln.

Sie biss sich auf die Zunge. So eine Scheiße.

„Ich muss euch leider bitten, die Feier zu verlassen“, brachte Peter ruhig hervor.

Rudi zog beschämt den Kopf ein, als wäre es er gewesen, der die Party im wahrsten Sinne des Wortes gesprengt hatte. „Ihr werdet von meinem Anwalt hören.“

„Anwalt?“ Hysterisch lachte Sachi auf. „Jetzt hab’ dich nicht so!“, fuhr sie fort, doch Rudi gab ihr mit einem Zischen zu verstehen, ruhig zu sein.

„Tut mir leid“, schluckte er kleinlaut. Sah zu Sachi. Zu Sven. Samir und Akasya, die bei ihren Maschinen standen. Akasya rief Sven etwas zu. Sie wollten abhauen. Rudi sah aus, als drehte sich ihm der Magen um. Früher in seiner — wenn man so wollte — rebellischen Phase. Da war er auch einer von ihnen gewesen. Damals, als er noch Musiker hatte werden wollen. Ereignisse wie heute bestärkten ihn wohl darin, dass es richtig gewesen war, ihnen, den Chaoten, den Rücken zugekehrt zu haben. „Danke“, würgte er hervor und sah wie ein Häufchen Elend zu Peter auf. „für die Einladung. Ich bringe Sachi nun nach Hause.“

***

„Halt’s Maul!“ Sachi knallte die Haustür zu, dass förmlich die Wände bebten. Sie selbst zitterte wie Espenlaub. Pochen in ihrem Knöchel. Zum Glück nur leicht umgestrauchelt. Sie wollte schreien und toben. Auf irgendetwas schlagen. „Halt einfach dein verschissenes Angsthasenmaul!“ Sachi schrie. Schrie den Druck hinaus, der sie fast explodieren ließ.

Erleichterung verschaffte es ihr keine.

„Aber …!“ Rudi sperrte die Tür hinter ihr erneut auf. Seine Stimme bebte und er war leichenblass. Dabei war ihm gar nichts Schlimmes passiert.

„Lass mich!“, fauchte Sachi. Ihre Stimme überschlug sich. Der Druck hinter ihren Lidern wurde so stark, dass ihr sicher bald der Kopf platzte. Heulen würde sie nämlich nicht.

Nicht vor Rudi, dem guten, lieben vernünftigen Rudi, an dem sie sich als seine kleine, dumme Schwester ein Vorbild nehmen sollte. Nicht vor ihrer Familie, vor der sie sich gleich rechtfertigen müsste.

Hastig schüttelte sie den Kopf und presste die bebenden Lippen zusammen, während sie sich geladen die klitschnassen Turnschuhe von den Füßen strampelte. Ihre Klamotten waren durchtränkt. Sie fröstelte. Ihr Herz sprang herum, als hätte es Schluckauf. Tatsächlich war Sachi kurz davor, Rudi zu drücken. Damit er sie zurückdrückte und ihr die Lüge erzählte, dass alles wieder gut werden würden. Mit jedem scheiß Jahr, das sie älter wurde, wurde das Band zwischen Rudi und ihr dünner.

Sie vermisste ihre gemeinsame Musik.

Sie vermisste ihren Bruder.

Stur blinzelte Sachi gegen diese verkackten Tränen an, die den Weg ins offene Wohnzimmer hinter einem trüben Schleier verschwinden ließen.

Sie wollte nicht streiten.

Sie … Sie musste hier weg. In ihr Zimmer. Die Tür absperren …!

„Potzblitz, was?“ Blindlings lief sie Opa Gerhard in die Arme.

Er musste auf den Lärm im Flur aufmerksam geworden sein. Er trug eine Schürze. Vermutlich hatte er eben wieder in der Küche aufgeräumt. Emma nannte ihren Mann oft liebevoll Küchenschabe, weil das neben dem Garten und der Fitness- und Gesundheitsanlage, die ihrer Familie gehörte, sein Lieblingsplatz war.

Sachi schnappte nach Luft, wollte etwas erwidern. Doch ihr Mund war trocken. Der Ausdruck in Opas Augen voller Entsetzen.

Was ist los mit dir?, schien er zu fragen. Sachis Magen wurde schwer.

Immer war sie Opas Wildfang gewesen. Er ihr Fels in der Brandung.

In Sachi stürzte etwas um. Sie wollte danach greifen, doch erwischte sie es nicht rechtzeitig.

Schon wieder hatte sie nur Scheiße gebaut.

Schon wieder—

Sie fuhr zusammen, als die Erinnerung an Kindheit am Boden ihres Herzens zerschellte.

„Was ist hier los?“ Eine grollende, ruhige Stimme. Bedrohlich und ehrfurchtsgebietend wie ein aufziehendes Gewitter. Theodor. Theodor Thorolf. Ihr Vater.

„Gar nichts“, patzte Sachi zurück. Mit einem Mal fror sie noch mehr. Ihre Atmung ging flach.

Sie hatte die Kontrolle verloren.

Sie …

„Gar nichts?“, wiederholte Theodor lakonisch. Seine Miene war ernst, als erwartete er, dass sie und Rudi ihm vom Ende der Welt künden würden. Wobei er vermutlich auch so geschaut hätte, wenn sie nicht mit Pauken und Trompeten hier angekommen wären. Im Gegensatz zu Gerhard hatte Theodor stets diesen Ausdruck von Verbitterung und übler Laune in seinem Gesicht. Seine Brauen waren gerade. Strenge, breite Linien über seinen unbewegten Augen. Rötlich wie sein Haar.

„Ich hab’ Scheiße gebaut, okay? Misch du dich da nicht ein. Verstehst du eh nichts von“, fauchte Sachi und verschränkte die Arme. Mama! Früher wäre Mama dazwischen gegangen. Leichtfüßig wie eine Elfe hörte Sachi sie förmlich auf der Treppe. Doch sie würde nicht bei ihnen ankommen.

Theodors Blick haftete auf ihr wie ein Pin in einer Korkwand.

Wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf seine Iris fiel, wirkten seine Augen manchmal wie bunte Juwele. Gold, grün und braun, wegen der vielen Sprenkel. Jetzt im Sonnenuntergang, der durch die großen Fensterfronten spähte wie ein ungebetener Zuschauer, wirkten seine Augen gelb wie die einer wütenden Raubkatze. Sachi wusste, dass ihr Vater in dieselben Augen zurückstarrte.

Ihr stellte es die Nackenhaare auf.

Warum konnte Theodor ihr nicht einfach eine verpassen?

Das wäre hundertmal besser als diese eisige Ruhe.

Das Schweigen zwischen ihnen war geladen und so straff gespannt, dass die fallende Nadel, die man hier literarisch sicherlich hätte fallen hören können, die unangenehme Lautlosigkeit gesprengt hätte wie eine Handgranate.

„Was in aller Welt ist passiert?“, wiederholte Gerhard. Seine Stimme schwankte und wieder schoss Panik in Sachi hoch. Ein Heulen wuchs in ihrer Kehle. Es war nicht gut für alte Leute, sich aufzuregen. Wenn Opa ihretwegen einen Herzinfarkt bekäme …!

Es erstaunte Sachi, wie lebendig sie sich fühlte, obwohl sie am liebsten auf der Stelle zusammengebrochen wäre.

„Was in aller Welt hast du schon wieder gemacht? Sarah!“, kam es da ruhig aber mit Schärfe von Theodor und er fixierte Sachi, die jeden Muskel in ihrem Körper anspannte. Sie hasste es, bei ihrem echten, langweiligen Allerweltsnamen genannt zu werden.

„Is’ nicht so wild.“ Sachi sah auf den Boden und hasste sich für diesen Reflex, der mehr Schuldeingeständnis war als jede noch so schleimscheißerische Entschuldigung.

Schon immer war sie ihm zu wild und zu neugierig gewesen. Eine Zeit lang hatte ihre Begeisterung für Asien und das Reisen sie verbunden. Jetzt in diesem Moment jedoch spürte Sachi bloß noch die Distanz, die zwischen ihr und Theodor, seit … seit jeher geherrscht hatte.

„Lüg mich nicht an!“

Wieder schüttelte ein Beben sie. Ihr nasses Haar tropfte auf den hellen Parkettboden. Rudi schlich hinter ihr ins Wohnzimmer. Der Duft von den Kräutern, die Oma auf der Fensterbank zog, stachen mit ihrer herben Lieblichkeit in Sachis Nase.

Sie wusste, dass ihre zur Show getragene Leichtfertigkeit Theodor noch mehr auf die Palme brachte. Nicht, dass sie ihn absichtlich provozierte. Doch sollte sie anfangen zu heulen, oder was?

„Hast du nicht schon genügend Schaden angerichtet?“ Theodors Gefühlskälte traf sie härter als jede Ohrfeige es hätte tun können. Sachi zuckte zusammen.

«Das geht klar!» Sachi hatte die Musik lauter gedreht. Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe. Die Straße vor ihnen glänzte. Sachi wechselte die Spur, betätigte wieder das Gas. Übermütig. Plötzlich dieses grelle Licht: Fernlicht. Jemand hatte vergessen, abzublenden.

Sachi fluchte. Geblendet.

Als nächstes hörte sie, wie ihre Reifen quietschten. Der Wagen geriet ins Schleudern. Reflexartig griff Mama nach ihrer Hand. Beide schrien sie. Doch da war es schon zu spät.

„Rudi!“ Als wüsste Theodor, dass er von ihm eine ehrliche Antwort erhalten würde, fixierte er ihn, der unter dem auffordernden Blick ihres Vaters die schmalen Schultern hochzog.

Sachi fuhr auf. Schmerz rumpelte durch ihre Blutbahn und vergiftete ihren gesamten Körper.

Mama.

Im Koma.

Mama …

„Ehm, wir … also …“ Rudi vergrub die Hände in den Taschen seiner schlammverschmierten Hose.

Sachi würgte gegen den Kloß in ihrer Kehle an. Der Tränenschleier mit einem Mal so dicht, dass sie es nicht wagte, zu blinzeln. Niemals, niemals würde sie vor Theodor heulen.

Schaden.

Immer wieder … richtete sie nur … Schaden an.

„Also … es … es ist eigentlich alles nur … halb so … schlimm“, brachte Rudi mit Mühe hervor, wobei seine Stimme brach.

Sachi fing seinen Blick auf. Ein Knistern floss durch sie hindurch.

Dass er sie nicht sofort verpfiff, rechnete Sachi ihm hoch an.

Wenn Peter jedoch wirklich einen Anwalt einschalten würde … Die Familien der Zavarins und der von Malvensteins waren keine, mit denen man es sich verscherzen sollte.

„Rudi, wir gehen in die Küche“, befahl Theodor. „Lass uns unter vier Augen sprechen.“

„Warum Rudi?“, brauste Sachi auf. Ihre Stimme schwankte. Doch die Bewegung war gut, um die verräterischen Tränen abzuschütteln. „Er kann ja echt gar nichts dafür!“

„Wir unterhalten uns später.“ Wenn er von Rudi erfahren hatte, was los gewesen war.

Sachi unterdrückte einen Fluch. Ihr Magen drehte sich zusammen.

Wie ein getretener Hund folgte Rudi Theodor zu der Essecke in dem offenen Wohnzimmer. Einer der mit apfelgrünen Bezügen versehenen Holzstühle schabte über den Boden. Ein abendlicher Luftzug ließ das Windspiel über dem Herd klingen, als hieß es Rudi und Theodor in der Küche willkommen.

„Was ist passiert?“ Opas Stimme leierte und versetzte Sachi um locker zwanzig Jahre zurück.

Früher hatte sie über alles mit ihm gesprochen.

Früher … Sachi sah ihn an.

In ihr sengte der Wunsch, sich mit ihrem Opa hinzusetzen und über die Geschichte zu reden, bis sie beide darüber lachen könnten.

So wie früher.

Aber so Vieles war nicht mehr wie früher.

„Ich geh’ in mein Zimmer“, krächzte sie tonlos.

Gerhard sah sie an, als erwartete er eine heftigere Reaktion von ihr.

Sie hatte ein bisschen Unruhe stiften, ein bisschen ihre Grenzen testen wollen.

Echten Ärger zu verursachen, hatte nicht in ihrer Absicht gelegen.

Plötzlich hallte wieder das Blaulicht in ihren Ohren.

„Diesmal ist es wirklich nicht so schlimm.“ Sachi wagte es nicht, sich noch einmal zu Opa umzudrehen. Die Tränen lösten sich aus ihren Augen. Heiß rannen sie ihr über die Wangen, als sie die Treppe nach oben floh.

Highway to Hell.

Dieser Abend hatte sie tatsächlich in die Hölle geführt.

***

Das Rauschen des Föhns war viel zu laut und schürte den Stress, der sich mit der Erleichterung einen unerbittlichen Kampf in Katiya lieferte. Konzentriert kämmte sie ihre Naturlocken in den Seitenscheitel. Ordentlich sollte das aussehen. Sie zupfte an einem losen Haar.

Aus dem großen Spiegel sahen Katiya ihre eigenen Augen entgegen.

Sie mochte ihre Augen. Nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen Farbe. Braun, mit einem Ton, der sie an einen besonders guten Rotwein denken ließ.

Ihre Augen waren groß. In ihnen brannten eine Leidenschaft und Stärke, die so anders waren als das, was sie sein sollte.

Ihre Pupille darin ein dunkler, endloser Schlund. Katiyas Lider zuckten. Sie hoben und senkten sich wieder in einem nahezu mechanischen Rhythmus. Je mehr Katiya sich auf ihr Blinzeln konzentrierte, desto unnatürlicher kam es ihr vor, sodass sie ihr Hauptaugenmerk auf etwas anderes zwang.

Ihr Gesicht, ihr Haar, ihren Körper …?

Peter bezeichnete sie als hübsch.

Selbstkritisch musterte Katiya ihr rundes Gesicht. Die Wangenknochen verliehen ihren Zügen etwas Widerspenstiges, das zu ihren Augen passte. Ihre schmalen Lippen waren nicht das, was sie als sinnlich bezeichnet hätte. Ihre Stupsnase hatte beinahe etwas Kindliches. Ihre blasse Haut war rein. Die Kosmetikerin, die sie wöchentlich besuchte, leistete gute Arbeit.

Eine Windböe ließ schwere Regentropfen gegen die Jalousien prasseln, hinter denen Katiya die Dunkelheit der Nacht aussperrte. Dabei mochte sie den Frieden der Stunden zwischen Sonnenuntergang und der Morgendämmerung. In dieser Zeit musste sie selten zu irgendwelchen Feiern. Diese Zeit gehörte ihr.

Die schwere, schwarze Uhr mit dem Pendel schlug in einem der Erker in Katiyas viel zu großem Zimmer. Auch ohne zu sehen, was das Ziffernblatt zeigte, wusste Katiya, dass es mittlerweile spät geworden war. Der Sturm draußen heulte erneut gegen die hohen Fenster. Zu viele Winkel in ihrem mit schweren Möbeln eingerichteten Zimmer, in denen sich finstere Gedanken in noch finstereren Schatten verbargen. Am Rande ihres Blickfelds fiel Katiya das Puppenhaus neben ihrer ausladenden Fensterfront auf. Jedes Stockwerk präsentierte eines der großen Häuser Aschenburgs. Katiya wurde klamm im Herzen, als sie sich ausmalte, wie es wäre, ins Haus der Familie von Malvenstein zu ziehen. Als Peters Ehefrau. Die den ganzen Tag darauf wartete, dass ihr Mann nach Hause kam.

Die Verlobungsfeier hatte nicht mehr lange gedauert, nachdem das Sicherheitspersonal aus Peters Haushalt die Biker davongejagt hatte. Das Essen war im Dreck gelandet, die Musikanlage beschädigt und die Gäste verstört. Die Security hatte geholfen, die gröbste Unordnung zu beseitigen, während sich einer nach dem anderen verabschiedet hatte.

Peter war enttäuscht.

Wieder stiegen Abscheu und Faszination in Katiya auf wie ein dunkler Dämon, der hinterhältig Besitz von ihr ergriff. Es war verrückt. Aber der Auftritt der Biker hatte Katiya auf verstörende Weise imponiert.

Noch immer schlug ihr Herz höher, wenn sie daran zurückdachte.

Wie fühlte es sich an, auf einer dieser Maschinen zu sitzen …?

Womöglich hatte das Schicksal ihr Sachi geschickt, um sie vor ihrer Hochzeit zu warnen.

Katiya schaltete den Föhn ab und wieder nahm der melancholische Klang der Spieluhr den Raum für sich ein. In einer Glaskugel drehte sich ein zierlicher Engel um die eigene Achse. Die Spieluhr war Katiyas größter Schatz. Damit das Glas nicht zerbrach, räumte sie sie immer in eine kleine, weiße Holzdose, die sie seit jeher als Talisman bei sich trug. Die Dose war so klein, dass sie schon damals in Katiyas winzige, weiche Kinderhand gepasst hatte. Jetzt stand sie auf der Waschbeckenablage in dem Badezimmer, das direkt an Katiyas Schlafzimmer anschloss. Heiße, vom Wasserdampf schwere Luft waberte zu Katiya hinüber.

Die Spieluhr spielte die Melodie eines Kriegsliedes — Katyusha. Das Lied erzählte von einer jungen Frau, die auf die Rückkehr ihres geliebten, im Krieg kämpfenden Mannes wartete. Täglich ging sie zum Ufer des Flusses, in der Hoffnung, dort ihren Liebsten heimkehren zu sehen. Die Kombination mit dem in Glas eingeschlossenen Engel machte das alles unglaublich kitschig. Als Kind hatte sich Katiya ausgemalt, dass der Mann im Krieg gefallen und daher niemals zurückgekehrt war. Vielleicht war letztendlich auch Katyusha gestorben und zu besagtem Engel geworden.

Katiya begann, ihr noch feuchtes Haar in drei Stränge zu teilen.

Vielleicht hätte sie gern Karriere gemacht. Wie ihre Mutter.

Vielleicht wollte sie ihr Zuhause nicht verlassen.

Katiya kannte die Filme und Serien, in denen die Braut vor dem Altar kehrt machte und mit wehendem Rock davonlief. Ein Bild, das Katiya für einen melodramatischen, köstlich bittersüßen Moment gefiel.

Sie war zwanzig Jahre alt.

Verlobt.

Mit gerade einmal einundzwanzig Jahren würde sie heiraten. Einen Mann, hinter dem vor allem ihre Familie stand.

Katiya hielt inne.

Peter und sie hatten schon von klein auf zusammengehört. Im Teenageralter waren sie dann schließlich ein Paar geworden. Noch immer erinnerte Katiya sich gern an diese Tage nach ihrem Schulabschluss zurück. Sie hatte sich den Knöchel verstaucht und Peter hatte sie nach Hause gefahren.

Er war ihr Retter in der Not gewesen. Der Prinz auf dem weißen Pferd.

Alles schien perfekt.

Schmetterlinge hatte Katiya noch nie im Bauch gehabt. Sie hatte sich damit abgefunden, dass die große Liebe nicht existierte. Doch sie wusste, dass Peter die beste Partie für sie war.

Wie Katiya ihre Spieluhr überall mit hintrug, trug auch Peter sie auf Händen. Immer war er für sie da. Es störte ihn nicht, dass sie gefangen war in einer Kugel aus Glas, durch die hindurch er sie niemals vollständig erreichen würde. Er gab ihr das Gefühl, liebenswert zu sein.

Sie war sein ein und alles.

Sein Mädchen. Seine Katiya.

Sie waren einander Schicksal.

Sie gehörte ihm. Auf ewig. Eine Gänsehaut ließ Katiya frösteln, obwohl es warm in ihrem Zimmer war.

Peter war klug, gutaussehend, zuvorkommend, talentiert und reich. Katiya mochte, schätzte und achtete ihn. Bei der Vorstellung jedoch, jeden Tag an seiner Seite aufzuwachen, wurde ihr klamm zu Mute.

Plötzlich kam es ihr falsch vor, das sagenumwobene Kribbeln nicht zu spüren. Sie sehnte sich nach dem Brennen der Leidenschaft Nach all den Dingen, die sie schon in so vielen Büchern gelesen, in so vielen Filmen gesehen hatte.

Sie wollte wahnsinnig sein vor Liebe und Leidenschaft, wenn sie vor den Altar trat.

Katiya verdrängte das Offensichtliche.

Stattdessen wanderten ihre Augen zu ihrem Make-up-Täschchen.

Jetzt verspürte sie ein Kribbeln. Sie könnte es ausprobieren! Es würde ja keiner sehen. Jäh fühlte sie sich wie ein kleines Kind, als sie verstohlen nach ihrem mit Brillanten verzierten Smartphone, das sie auf ihrer Kommode abgelegt hatte, griff und das Etui mit der großen Lidschattenpallette heranzog. Ihr Herz klopfte und ihre Hände zitterten, als ihre Finger über den Touchscreen glitten, um ihre Galerie nach den Bildern zu durchsuchen, die sie dort abgespeichert hatte. Peter, der gern ihre Fotografien betrachtete, schien sie noch nicht entdeckt zu haben, denn sie waren noch alle da: Die Models mit den wild geschminkten, dunklen Augen. Smokey Eyes.

Ihr gefiel diese Art, die Augen, die Spiegel der Seele, in Szene zu setzen, doch wusste sie, dass die Etikette das nicht vorsah.

Folglich fühlte Katiya sich, als täte sie etwas Verbotenes, als sie mit dem Pinsel nun über die dunkle Farbe strich, die quasi unbenutzt war, während die dezenten Weiß- und Rosatöne, sowie das weiche Beige und ein helles Silber so gut wie leer waren.

Ihre Hände bewegten sich wie von selbst, begannen, nach Vorlage der Models zu malen, sich zu verkünsteln. Ja. Tatsächlich war es eine Art Kunstwerk, das sie vollbracht hatte.

Katiya betrachtete ihr Gesicht mit den stark betonten Augen.

Sie wirkte ganz anders. Geheimnisvoller. Düsterer. Mehr wie ein Geschöpf der Dunkelheit. Nicht mehr wie ein Wesen des Lichts. Nicht, wie die junge Frau, die sie sein sollte.

Katiya wollte gar nicht rebellisch sein, sich nicht so aufmüpfig fühlen, wie sie es tat. Doch weswegen war es schon untersagt, sich so zu schminken, wie es ihr gefiel?

Katiya erschrak, als sie leise Schritte hinter sich vernahm. Sie fuhr dermaßen zusammen, dass sie den Pinsel, mit dem sie das Make-up aufgetragen hatte, fallen ließ und er in die Palette von Lidschatten fiel, die Farben stauben ließ und ihr Handy mit bunten Partikeln überzog.

„Ich wollte dich nicht erschrecken, Liebling.“

Peter.

Er hatte nicht angeklopft. Wieso auch? Vermutlich hatte er sie nur überraschen wollen. Er hatte ja nicht ahnen können, wie ungelegen er kam. Katiya kam sich vor wie entblößt, als Peter sie fassungslos anstarrte. Warum war er hier? So spät am Abend.

„Warum verunstaltest du dein schönes Gesicht so?“ Er zog die Brauen zusammen. Seine glatten Züge waren mit einem Mal verkniffen.

Weil es mir gefällt, hätte Katiya gern erwidert, doch ihre Lippen vermochten die Worte nicht zu formen. Nicht vor Peter. Sie enttäuschte ihn, machte ihn traurig. Augenblicklich fühlte Katiya sich schlecht.

„Du siehst aus wie eine …“, Peter räusperte sich, „Eine Prostituierte“, stieß er heiser hervor. „Das hast du doch nicht nötig, Katiya, komm!“ Er strich ihr über die Wange. Seine Finger waren kühl und doch vermochten sie es, Hitze bis tief unter Katiyas Haut zu schicken. Keine Leidenschaft. Sondern Scham. „Ich helfe dir, dich zu säubern.“

Gehorsam ließ sie sich anleiten, fügsam zu den Abschminktüchern zu greifen. Und auch wenn sie wusste, dass Peter sie niemals demütigen wollte, fühlte sie sich wie am Pranger, als sie vor ihrem Zimmerspiegel das Make-up aus ihrem Gesicht entfernte, die Abschminktücher gemeinsam mit ihrem freien Willen in den Kosmetikeimer warf.

War es ein Ausdruck der Zufriedenheit in Peters Zügen …?

Irgendein Teil in Katiya hätte gern geschrien, sich geweigert, gegen ihren eigenen Willen zu handeln. Doch was sollte sie tun? Wollte sie Peter unglücklich machen?

Sie musste verstört wirken, denn plötzlich spürte sie, wie Peter liebevoll und tröstend ihren Oberarm tätschelte.

„Es ist halb so schlimm, mein Engel. Jeder macht Dummheiten. Insbesondere, wenn er nervös ist. Das ist eine wichtige Zeit in deinem Leben.“ Er lächelte. „Unsere Verlobung. Bald steht dein einundzwanzigster Geburtstag an.“

Katiya kräuselte die Lippen.

Wieso musste sie permanent von einer großen Festlichkeit zur nächsten?

Es waren Termine. Nichts was ihr Spaß machte.

Und nichts, über das sie nun reden wollte.

„Wie geht es dir wegen vorhin?“ Voller Mitgefühl sah er sie aus seinen silberblauen Augen an. Erst da fiel Katiya ein, dass sie vielleicht unter Schock stehen sollte. Um ein Haar wäre sie schließlich unter den Rädern von Sachis Motorrad gelandet. War er deswegen hergekommen?

„Sieh hier!“ Peter streckte ihr etwas hin. Eine Tafel Schokolade. Zartbitter-Sauerkirsch. „Die isst du doch am liebsten!“ Katiya nahm die hundert Gramm Tafel entgegen. „Danke.“

Peter wusste, dass sie eigentlich keine Süßigkeiten mochte. Abgesehen von dieser einen Sorte.

„Es täte dir gut, dich angemessen zu bedanken.“ Wehmütig seufzte Peter. Als er weitersprach war seine Stimme weich wie Samt. „Bereite ich dir mit dieser kleinen Aufmerksamkeit denn keine Freude?“

„Doch. Schon.“ Katiya fehlten die Worte. Sie war noch nie der enthusiastischste Mensch gewesen. Peter für eine Tafel Schokolade um den Hals zu fallen, wäre mehr als aufgesetzt. Oder was verlangte er da von ihr? Nein. Peter war niemals fordernd. Er verlangte nichts. Bestimmt hatte er recht. Bestimmt hätte sie sich deutlicher freuen sollen. Unwillkürlich zog sie die Augenbrauen zusammen.

Oder war das eine Art Test?

Insbesondere in Peters Familie galt jedes Gramm zu viel auf den Rippen als Beweis für mangelnde Selbstkontrolle. Tante Irina machte deswegen regelmäßig Entschlackungskuren und Diäten. Das Papier der Schokolade knisterte unter Katiyas Fingern.

„Tut mir leid, Peter, aber …“ Hilflos suchte sie nach der richtigen Formulierung. Zu ihrem eigenen Schrecken stellte Katiya fest, dass sie aufrichtig von Peter genervt war. Oder zumindest von der Art, wie er sie hier aufgesucht hatte. Völlig unangekündigt. Mitten in der Nacht. „Ich bin müde und abgespannt“, sagte sie und legte die Schokolade auf den kleinen runden Tisch, um den herum zwei barocke Stühle mit kunstvoll verschnörkelten Rückenlehnen und dicken, weichen Samtpolstern standen.

Peter setzte einen steinerweichenden Blick auf. „Das verstehe ich, Katiya. Es war ein ereignisreicher Tag. Dann lass uns morgen über deinen Geburtstag sprechen.“

„Meinen Geburtstag?“ Was kam er nun schon wieder damit an?

Peter lächelte nachsichtig.

„Das ist ein wichtiger Geburtstag“, erinnerte er sie beinahe tadelnd. „Schließlich wirst du einundzwanzig Jahre alt.“

Katiya glaubte, dass er den Ring an ihrem Finger suchte, den sie beim Duschen abgenommen hatte. Reflexartig ballte sie die Hand zur Faust, um ihm die Sicht zu verwehren.

„Mit einundzwanzig bist du endgültig erwachsen. Eine Frau.“ Noch immer lag das Lächeln auf Peters Lippen.

Katiya schluckte.

Eine Frau. Seine Frau.

Sie musterte Peter. Seine leicht nach außen gebogenen Brauen. Die treuherzigen Augen. Das zarte Gesicht, das von seinen platinblonden Locken umschmeichelt wurde. Sie stellte sich vor, wie es wäre, ihm näher zu kommen. Näher als je zuvor. Stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie sich leidenschaftlich küssen würden. Wie sie es noch nie zuvor getan hatten. Würde ihr das gefallen?

Katiya merkte, dass sich nichts in ihr regte.

Kein Begehren. Keine Erregung.

Im Gegenteil. Auf einmal schauderte es ihr. Was war das? Angst? Angst vor … dem Unbekannten?

Sie malte sich eine andere Fantasie aus. Sie und Peter. Ihre potentiellen Kinder zwischen ihnen. Katiya schluckte. Wieso erfüllte keine Wärme ihr Herz? Weswegen war das Bild vor ihrem inneren Auge kein fröhliches Familienfoto, sondern ein steifes Ölgemälde …?

Peter hatte ihr eine Frage gestellt, sickerte es zu ihr hindurch. Es war Zeit, zu reagieren. Katiya zuckte die Achseln und kehrte in die Realität zurück. Sie selbst registrierte, wie unbeteiligt und gleichgültig sie wirkte. Aber es war nun einmal so, dass sie sich nicht weiter mit ihrem einundzwanzigsten Geburtstag befassen wollte.

Nicht mit dem Tag, an dem sie endgültig zu dem werden musste, was man von ihr verlangte.

Das Gefühl, dass Peter nicht aus freien Stücken hierhergekommen war, beschlich sie. Vielmehr war sie sich beinahe sicher, dass es ihre Familie war, die ihn zu diesem Besuch ermutigt hatte, nachdem ihre Verlobungsfeier im Desaster geendet hatte. Plötzlich fühlte Katiya sich unendlich bevormundet und als könnte sie ihren Angehörigen damit ihren Trotz demonstrieren, wandte sie sich von Peter ab und widmete sich erneut ihren Haaren.

„Mir ist nicht klar, was denn nun so besonders an diesem Volljährigkeitsfest sein soll“, meinte sie abwesend, während sie begann, ihr Haar für die Nacht zu flechten. „Letztendlich bedeutet das doch bloß, dass ich von diesem Tag an vollends strafmündig bin, oder nicht?“, sagte sie. Peter lächelte gutmütig, als hätte er ein kleines Kind dabei beobachtet, wie es wiederholt etwas unglaublich Naives tat.

„Ich wollte dich nicht mit diesem Thema belästigen, Katiya.“ Ein weiteres Mal streichelte er ihren Oberarm, bevor er seine Arme um sie legte. „Es tut mir leid. Bitte sei mir nicht böse.“

Katiya erwiderte nichts. Sie war wie erstarrt. Genoss die Wärme, die von Peters schlankem Körper ausging, genoss die Sicherheit seiner Umarmung — die Sicherheit, die gleichzeitig ein unangenehm beklemmendes Gefühl in ihr auslöste. Plötzlich wäre sie am liebsten davongelaufen.

Sie betrachtete ihr Spiegelbild.

Peter und sie.

Sie hielt noch immer ihren Zopf, Peter hatte seine Augen geschlossen, sog ihren Geruch ein.

Sein lockiges Haar wirkte weich und frisch gewaschen, wie es sich in die Strähnen ihres noch immer feuchten Haares wob.

«Du und ich. Wir sind einander Schicksal.»

„Entspann dich!“, säuselte Peter mit samtweicher Stimme und Katiya spürte seinen Atem in ihrem Nacken. Noch immer starrte sie in den Spiegel, sah, dass Peter es ihr gleichtat. Ihre Ebenbilder starrten sie an, beobachteten wie Peters Finger sich von Katiyas Nacken zu ihren Schultern bewegten, ihr den Bademantel abstreiften, den Gürtel lösten, bis der Stoff zu Boden glitt.

Katiya entfuhr ein Laut des Schreckens, doch Peter gab ihr mit einer beschwichtigenden Geste zu verstehen, dass sie unbesorgt sein sollte.

Katiya schluckte. Fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut, als sie merkte, wie Peters Augen verzückt über ihren nackten Körper glitten. Unnötig zu erwähnen, dass er sie zuvor noch nicht so dermaßen unbekleidet gesehen hatte.

Niemals waren sie und Peter intim gewesen.

In all den Jahren, die sie nun zusammen waren, hatten sie sich vielleicht ein paar Mal geküsst, Arm in Arm dagesessen.

Miteinander schlafen würden sie das erste Mal in ihrer Hochzeitsnacht.

Sie sollte unschuldig und rein den Bund der Ehe schließen.

Katiya kam das altmodisch vor. Doch das waren die Werte, die in Peters Familie noch immer tradiert wurden. Mit einem Mal fühlte sie sich fast schlecht, unanständig und … pervers, dieses Ideal in Frage zu stellen. Schließlich war sie — unverblümt gesprochen — ziemlich verklemmt. Dennoch gehörte eine gewisse Sexualität, eine gewisse körperliche Anziehung in eine Beziehung, deren brennendes Feuer sie um den Verstand brachte, oder …?

Katiya schluckte. Allein die Idee widerte sie an. Peters weiche Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Du wirst endlich zu einer erwachsenen Frau werden, Katiya.“ Er ließ seine Finger über ihre nackten Arme gleiten.

Ein Zittern überlief Katiyas Körper. Das Gefühl von Peters Berührungen war angenehm, gleichzeitig machte es ihr Angst. Was sollte das hier werden? Was hatte er mit ihr vor …? Sie konnte ihm vertrauen. Oder?

„Du wirst eine wunderschöne Braut werden.“

Voller Grauen nahm Katiya wahr, wie Peter weiterging, eine Grenze überschritt, als er jetzt ihren Körper berührte, seine Finger ihre Arme hinauf, ihr Schlüsselbein, ihre Brüste und schließlich ihre Taille ertasten ließ, über ihren Bauch strich und zu ihren Oberschenkeln wanderte.

Sie wollte ihn wegstoßen.

Was auch immer er im Sinn hatte: Sie wollte es nicht.

Nicht jetzt. Nicht hier.

Nicht auf einmal.

In dieser Situation.

Aber sie war wie erstarrt.

Es war Peter.

Peter würde ihr nicht schaden.

Peter war immer für sie da.

Und sie gehorchte ihm, der mehr wusste, konnte, durfte als sie.

Sein Blick half ihr, sich weiter zu kontrollieren, seine Augen beruhigten sie ein wenig.

Dennoch war sie angespannt. Jeder Muskel in ihrem Körper war bereit zur Flucht.

Peter schien das zu merken, denn trat er tröstend ein wenig näher an sie heran.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Katiya.“ Seine Lippen berührten ihr Ohr. „Du wirst meine Braut werden. Meine wunderschöne Braut.“ Sie spürte seine Hände nun deutlich zwischen ihre Beine wandern, auf eindeutigem Weg zu ihrem intimsten Bereich.

„Du wirst meine Kinder empfangen. Meiner Familie einen prachtvollen Erben gebären.“ Peters Finger drangen in sie ein, bewegten sich in ihr, als erkundeten sie auch dieses neue Gebiet, das auch eindeutig seines war. Katiya schloss die Augen und ließ es geschehen, versuchte die Eindrücke zu verarbeiten. Das Wohlbefinden durch Peters Nähe. Die Angst vor dem, was er sagte. Vor dem, was er tat. Den Ekel, der sie unweigerlich durchströmte. Ekel vor sich selbst. Vor ihrem Körper. Der Frau, die sie war und die Peter das machen ließ, was er tat.

Mit einem Mal sah sie die Situation aus den Augen einer dritten Person. Sie, die beiden jungen Erwachsenen vor ihrem Zimmerspiegel. Peter, der sie von hinten umschlungen hielt und es kaum erwarten konnte, sich mit ihr zu vereinen. Sie war sein. Ihr Körper gehörte ihm wie ihre Seele.

Katiya hatte das Gefühl, zu ersticken.

Da war keine Leidenschaft. Kein Feuer.

Es würgte sie, ihre Ohren sausten.

Sie wusste, dass sie keine Angst vor Peter zu haben brauchte, doch sie musste hier weg.

Sie hörte noch, wie Peter einen erstaunten Laut von sich gab, als sie sich jäh von ihm losriss.

Sie wollte sich entschuldigen, doch sie brachte nichts hervor.

Wie in Trance stürmte sie in ihr Badezimmer und schloss mit zitternden Händen die Tür hinter sich ab. Irgendwann fand sie sich keuchend über ihr Waschbecken gebeugt wieder.

Ihr eigener Atem war laut, schien zurückgeworfen von der Muschel des Waschbeckens noch lauter zu sein. Langsam hörte die Welt auf, sich zu drehen.

Mit bebenden Fingern griff Katiya nach einem der weichen, weißen Handtücher und wickelte sich in den reinen Stoff. Jemand klopfte an die Tür, rief ihren Namen. Es war Peter.

„Katiya“, flehte er voll Verzweiflung in der Stimme. „Bitte versteh mich nicht falsch! Es tut mir leid. Bitte. Öffne doch die Tür!“

Doch Katiya konnte nicht. Noch immer zitterte sie am ganzen Körper, den sie mit einem Mal mehr hasste als alles andere. Sie spürte wie ihr die stummen Tränen übers Gesicht rannen, hörte Peter weiter an die Tür hämmern. Irgendwann vibrierte ihr Handy. Peter, der nun auf diesem Weg versuchte, sie zu erreichen. Katiya jedoch reagierte nicht.

Sie starrte ihr Spiegelbild an wie das Bild einer Fremden.

Jäh fiel ihr Blick auf das kleine Kästchen, das neben ihrem Smartphone auf der Ablage lag.

Wieder ging eine Nachricht ein.

Katiya ignorierte sie, konzentrierte sich auf das Kästchen.

Es war ihre Spieluhr. Ihr Lied.

Es begleitete sie schon ihr ganzes Leben lang. Ihr Vater Silas hatte es ihr zur Geburt geschenkt. Die Spieluhr tröstete Katiya, wann immer Silas es nicht tun konnte. Und er war nie für sie dagewesen. Die Spieluhr jedoch, seitdem sie denken konnte. So auch jetzt.

Mit dem Rücken an die Tür gelehnt setzte Katiya sich mit dem eingeschlossenen Engel auf den hell gekachelten Boden. Die Fußbodenheizung war warm und machte Katiya fast ein wenig schläfrig, während sie die Box aufklappte und das Lied ertönte. Im Takt zu der Musik drehte sich auf einem kleinen Sockel die zierliche Gestalt eines Engels. Eine hübsche junge Frau. Ihr langes, lockiges Haar umspielte golden ihren grazilen Körper, aus dessen Rücken ein Paar samtweicher Schwingen entspross, das mit viel Liebe zum Detail aus Holz geschnitzt und weiß lackiert war. Die Flügel wirkten echt. Lebendig. Sie waren weit ausgebreitet und der Engel schien mit einem seligen Lächeln auf den formvollendeten Lippen irgendwo in den Himmel zu fliegen. Betäubt lauschte Katiya den melancholischen Klängen, die die Zahnräder mühselig hervorzubringen schienen. Katyusha war die Koseform des Namens Yekaterina. Abgesehen von dem Namen jedoch hatte Katiya nichts mit dem Mädchen aus der Geschichte gemein.

Wieder waren es die Flügel des Engels, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen. Wenn auch ihr Flügel wüchsen … Sie würde alles dafür tun, um sie zu spreizen und in die Freiheit zu fliegen.

2. Porzellanpuppe

24. August

Er hatte seine Freiheit verloren.

„Schwarzer Rabe, schwarzer Rabe.“

Gemütlich hatte er es sich nicht in seiner Zelle gemacht. Dieses Mal hatte er nicht lange gesessen. „Was kreist du über mir?“

Die Wände waren kahl und das Weiß, in dem sie gestrichen waren, wirkte nicht rein, sondern vermittelte einen sterilen, leblosen Eindruck von Kälte.

„Du bleibst ganz ohne Beute.“ Yuriys Lippen formten die Worte und ließen sie melodisch in das unerbittliche Schweigen, das ihn umfing, fließen. Er sang auf Russisch. Seiner Muttersprache. „Schwarzer Rabe, ich gehör’ nicht dir.“

Die Pritsche, auf der er saß, war steinhart. Die dünne Decke darauf stank muffig und Yuriy wollte sich gar nicht vorstellen, was für ein Ungeziefer darin nistete. Er hatte schlafen wollen, doch das hatte er schnell aufgegeben. Die Luft war verbraucht und klamm. Ein Geruch, der Yuriy an alten Käse erinnerte. Yuriy vermutete, dass der alte Linoleumboden stank. Oder waren es die speckigen Gitterstäbe?

„Was spreizt du deine Krallen über dem Haupte mein?“ Yuriy war allein. Seit gefühlt einer Ewigkeit wartete er auf seine Entlassung aus der Untersuchungshaft. Wie lange konnte man schon für das bisschen Papierkram brauchen? „Oder erhoffst du dir Beute?“, sang er weiter, um sich von seinem Trübsal abzulenken.

Das Leben war ein Geschenk Gottes. So hatte seine Mutter es immer gesagt. Yuriy hatte dieses Geschenk zerkratzt, zerbeult und unachtsam in eine Ecke geworfen, wo es jetzt eingestaubt hinter irgendwelchen Kartons und viel zu hohen Regalen lag. Unmöglich für Yuriy, es von dort wieder herauszuholen, es zu reparieren oder sonst etwas damit anzufangen.

„Schwarzer Rabe …“

Um es anders auszudrücken: Er hatte absolut, vollkommen und auf gesamter Linie versagt. Überhaupt gar nichts war so, wie er sich sein Leben damals als dummes, naives Kind vorgestellt hatte.

Niemals hatte er seine Heimat verlassen wollen. Deutschland war das Paradies. Trotzdem wäre er nie auf die Idee gekommen, hierherzugehen.

Niemals hatte er sich seinen Lebensunterhalt mit Einbrechen, Klauen und Schlägern verdienen wollen.

Die Haltestationen der holprigen Busfahrt seines Lebens hätten nie Jugendheim, Erziehungsanstalt und Knast heißen sollen. Weiß der Teufel, was noch folgen würde. Und wenn er mit Mitte zwanzig schon so über sein Leben urteilen musste, war er gar nicht mal so erpicht darauf, das Alter der Midlife-Crisis überhaupt zu erreichen.

Aber war das, was Mama mit ihrem Geschenk Gottes gemacht hatte, besser gewesen? Hatte sie es nicht auch einfach … weggeworfen?

Endlich hörte Yuriy Schritte. Die Tür wurde geöffnet.

„Strafgefangener Morozov“, ging ihn eine barsche Männerstimme an. Yuriy sah auf, verharrte jedoch noch ein paar Atemzüge vornübergebeugt auf seiner Pritsche sitzend. „Schwarzer Rabe, ich bin nicht dein.“ Yuriy erhob sich noch immer summend. Der Mann, der ihn gerufen hatte, verzog keine Miene, während die Frau an seiner Seite die Nase rümpfte, als Yuriy sich mit einem schmalen Grinsen auf den Lippen an ihr vorbeischob. „Das war schon immer mein Lieblingslied.“ Dass er sang … Nun, vermutlich war das eher etwas, was kein Inhaftierter tat — egal wie sehr er sich auf seine Freilassung freute. Die Belustigung in Yuriys Stimme mit dem deutlich hörbaren Akzent ließ die junge Beamtin sichtlich genervt die Brauen zusammenziehen. Wenn er ehrlich war, war ihm nicht nach Scherzen zu Mute. Im Gegenteil. Er war nun fünfundzwanzig Jahre alt. Früher einmal hatte er gedacht, dass das ein Alter war, in dem er sich den größten Teil seiner Lebensziele erfüllt hatte. Aber er war nun hier: Wieder einmal im Gefängnis. Verwaist. Alleinstehend. Ohne Perspektiven. Ein Lied davon zu singen, wie der Tod ihn in seine Arme schloss … Er ließ den Gedanken auslaufen und erwiderte mit einem ironischen Grinsen den Blick des Justizvollzugsbeamten. Seine Augen lagen im Schatten unter den dichten Brauen. So hellblau, kalt und stechend, dass sie die Kollegin des älteren Beamten an den Husky erinnerten, der sie mal gebissen hatte.

„Wie sieht es bei dir aus?“ Yuriy ging nun dazu über, die Melodie des Liedes, das er leise vor sich her gesungen hatte, zu pfeifen. „Oder magst du lieber Pop-Musik?“ Es verstand sich von selbst, dass er der Justizvollzugsbeamten viel mehr Respekt hätte zollen müssen. Aber das war Yuriy in diesem Moment egal.

Mittlerweile war ihm alles egal.

Das Einzige, woran er jetzt dachte, war endlich seinen Fuß aus dieser Gefangenenanstalt zu setzen. Auch wenn es dort draußen niemanden gab, der ihn ernsthaft vermisste. Yuriy ertrug es nicht, eingesperrt zu sein. Er brauchte seine Freiheit wie die Luft zum Atmen. Das Gefängnis war die Hölle. Yuriy fehlte es, selbst zu entscheiden, wie er sich kleidete. Wann er aß. Wann er schlief. Wieder merkte er, wie die Nervosität stärker an seinen Nerven zog und er förmlich mit den Hufen zu scharren begann.

„Mitkommen“, ordnete der Justizvollzugsbeamte an. Er war diensterfahrener als die junge Frau und nicht weiter beeindruckt von Yuriys Anwandlungen. Die Justizvollzugsbeamte presste die Lippen aufeinander. Endlich setzten sich die beiden Uniformierten in Bewegung. Yuriy folgte ihnen gehorsam durch den Korridor, der ihn in die Freiheit führen würde.

Er wusste, dass er kein allzu seriöses Erscheinungsbild bot. Mit seinem Dreitagebart und dem unverwandten Ausdruck in seinen Zügen hatte er etwas Schäbiges und Verschlagenes an sich. Die Narbe, die sich kreuzförmig über sein linkes Auge zog. Sein kurzgeschnittenes, wirres, tiefschwarzes Haar, das einen scharfen Kontrast zu seiner hellen Haut bildete. Es fehlten die Beweise, um Yuriy die Beteiligung an dem Einbruch vor ein paar Wochen in dem Haus einer Familie hier in der Stadt nachzuweisen. Aus diesem Grund mussten sie ihn laufen lassen: Im Zweifel für den Angeklagten.

Die letzten Sicherheitskontrollen, bevor man ihm seine Wertgegenstände wieder aushändigte: Seine Papiere, seine Hausschlüssel und eine silberne Kette. Yuriys Finger schlossen sich um das Medaillon, als fürchtete er, die Beamten würden es ihm aus den Fingern reißen wie zwei gierige Raben. Sie durchquerten die Eingangshalle. Endlich.