Fire&Ice 12 - Fabio Bellini - Allie Kinsley - ebook

Fire&Ice 12 - Fabio Bellini ebook

Allie Kinsley

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Opis

Dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen, versucht Fabio herauszufinden, wie sein Leben weiter gehen soll. Um über seine Zukunft nachzudenken, nimmt er Skys Einladung an und reist nach Boston. Als Ella in sein Leben tritt, ändert sich alles und Fabio fasst neuen Mut. Er sieht, wie viel das Leben ihm noch zu bieten hat. Ella hat Angst um Fabios Leben und auch sein inniges Verhältnis zu Sky ist ihr suspekt. In kürzester Zeit scheint alles auseinanderzubrechen und ihre junge Liebe wird auf eine harte Probe gestellt. Kann ihre Liebe dies überstehen? Auch wenn es um Leben und Tod geht? Dieses Buch ist Teil einer Serie, dabei aber in sich abgeschlossen. Der nächste Teil, handelt von einer anderen Person dieser Gruppe. Der Liebesroman ist ca. 270 Taschenbuchseiten lang und enthält explizite Sexszenen. Weitere Informationen: www.allie-kinsley.de -> jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren & monatliche Bonuskapitel lesen. www.facebook.com/allie.kinsley www.twitter.com/Allie_Kinsley Instagram allie.kinsley Fragen, Anregungen oder Kritik gerne auch an [email protected]

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Allie Kinsley

Fire&Ice 12 - Fabio Bellini

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Bereits erschienen:

1 Afrika

2 Boston

3 Begegnungen

4 Neue Perspektiven

5 Immer mehr

6 Newton

7 Entscheidungen

8 Was nun?

9 Aussprache

10 Neues Leben

11 Alles nicht so leicht

12 Eifersucht

13 Drahtseilakt

14 Wir bekommen das hin

15 Die Klippe

16 Der Kampf

17 Gemeinsam

18 Familie

19 Angst

20 Operation

21 Epilog

Bonuskapitel

Leseprobe

Rechtliches, oder was keiner lesen will und trotzdem drin stehen muss ...

Impressum neobooks

Bereits erschienen:

Fire&Ice

Band 12

Fabio Bellini

Allie Kinsley

Fire&Ice 1 - Ryan Black

Fire&Ice 2 - Tyler Moreno

Fire&Ice 3 - Shane Carter

Fire&Ice 4 - Dario Benson

Fire&Ice 5 - Brandon Hill

Fire&Ice 5.5 - Jack Dessen

Fire&Ice 6 - Chris Turner

Fire&Ice 6.5 - Gregor Zadow

Fire&Ice 7 - Logan Hunter

Fire&Ice 7.5 – Jonas Harper

Fire&Ice 8 - Julien Fox

Fire&Ice 9 - Luce Suarez

Fire&Ice 10 - Joey Parker

Fire&Ice 11 - Matthew Fox

Fire&Ice 12 - Fabio Bellini

Fire&Ice 13 - Alex Altera

Fire&Ice 14 - Taylor Falk

Sweet like Candy

Divided like Destiny

Protect Me - Brian

Protect Me - Ash

Protect Me - Ray

Protect Me - Dante

Protect Me - Chase

Protect Me - Levin

Protect Me - Dean

Protect Me - Thomas

Yearn for Adam

Yearn for Slade

Copyright © 2016 Allie Kinsley

All rights reserved.

www.doctor-lektor.de

Cover Foto: bigstockphoto.com, ID: 46064884, Copyright: Studio10Artur

1 Afrika

FABIO

Es war früh am Abend und Fabio saß in der drückenden Hitze im Inneren des Hauses. Die Luft fühlte sich stickig an, doch in dem abgedunkelten, von einem großen Deckenventilator gekühlten Raum, war es zumindest erträglich.

Er brütete über den Berichten für die Organisation in Deutschland, für die er arbeitete. Oder zumindest sollte er das tun. Denn immer wenn er diese dämlichen Formulare ausfüllte, anstatt einen Patienten zu behandeln, nervte ihn seine Arbeit sehr.

Genau dann fiel ihm grundsätzlich wieder ein, warum er überhaupt hier hingekommen war.

Sky.

Seine beste Freundin und seine große Liebe. Leider war diese Liebe einseitig. Sky hatte in ihm nie mehr als einen großen Bruder gesehen. Fabio hatte gehofft, dass sie, als sie Robert endlich verlassen hatte, erkennen würde, wie viel sie ihm bedeutete. Bis zuletzt hatte er dafür gebetet, dass sie seine Liebe erwidern könnte.

Vergebens.

Statt zu ihm zu finden, hatte sie sich in Ryan Black verliebt.

Auf dem jährlichen Mittelalterfestival in Talin vor drei Jahren hatten die beiden sich kennengelernt.

Fabio hatte bis zuletzt gehofft, dass es sich nur um einen Urlaubsflirt handeln würde. Leider hatte sich herausgestellt, dass Ryan der Eigentümer von JB-Industrials war, genau von der Firma, bei der Sky zu arbeiten begonnen hatte.

Mehr und mehr war ihm klar geworden, dass es absolut keine Chance mehr für ihn gab. Er hatte die Liebe seines Lebens verloren.

Jedes Mal, wenn Sky ihm eine E-Mail gesendet hatte, war sein Herz in eintausend Teile zersprungen.

Eines Tages hatte seine Mutter, die ziemlich viel italienisches Temperament besaß, ihm die Leviten gelesen. Da war er endgültig aufgewacht.

Er würde Sky nicht für sich gewinnen können. Nicht einmal, wenn es mit Ryan schief gehen sollte. Sky würde niemals das gleiche für ihn empfinden wie er für sie. Damit wäre eine Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Als ihm sein Kollege von dieser Organisation erzählt hatte, hatte er sich sofort angemeldet. Vier Monate, um rauszukommen und Abstand zu allem zu gewinnen, hätten genügen sollen.

Von wegen. Mittlerweile hatte er seinen Vertrag so oft verlängert, dass er seit beinahe zweieinhalb Jahren in Afrika war.

Er war ausgebrannt. Körperlich und vor allem emotional total erschöpft.

Das Leid und das Elend, das hier herrschte, war für ihn nicht vorstellbar gewesen, bis er es mit eigenen Augen gesehen hatte.

Er hatte noch zwei Monate vor sich, aber danach würde er sich eine Pause gönnen müssen, um seine Kraftreserven wieder aufzutanken.

Sie waren zwar nicht mitten in den Kriegsgebieten stationiert, aber immer dort, wo der Krieg schon gewütet hatte. Was er dort zu sehen bekam, hätte er niemals für möglich gehalten. Halb verhungerte, verstümmelte Menschen. Kinder, deren Augen so alt waren, wie er sich an manchen Abenden nach getaner Arbeit fühlte, und deren Gesichter vom Kummer gezeichnet waren.

Während er gedankenverloren am Schreibtisch saß, hörte er plötzlich einen lauten Knall und kurz darauf die Sirene. Er schnappte sich seinen Rucksack, rannte aus dem Gebäude und sah sich hektisch um. Dann konnte er in dem wilden Durcheinander endlich die Laufrichtung der Rettungskräfte erkennen.

Schnell folgte er ihnen. Etwas weiter rechts der Laufroute, sah er Aaida, ein kleines Waisenmädchen, das über ein angrenzendes Feld auf ihn zugelaufen kam. Sie kreischte und rannte immer schneller in seine Richtung, aber Fabio verstand ihre Worte nicht.

Er rannte ihr entgegen, wollte sie zurück zu den Betreuern bringen. Sie war nur noch ungefähr einhundert Meter von ihm entfernt, da explodierte der Boden unter ihr und alles wurde schwarz vor Fabios Augen.

Wochen später, als sein Zustand nach einigen schweren Operationen wieder stabil war, hatte Bron, einer seiner afrikanischen Kollegen, ihn über die Vorkommnisse ins Bild gesetzt.

Aaida war auf eine Springsplittermine getreten. Der Sprengsatz war in die Luft gegangen und hatte Aaida sofort getötet.

Fabio selbst hatte vierundzwanzig Splitter abbekommen. Obwohl er noch einhundertdreißig Meter vom Sprengsatz entfernt gewesen war.

Es war ein schwerer Schlag, nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Organisation. Der Verlust dieses kleinen, gerade einmal neun Jahre alten Mädchens hatte sie alle tief erschüttert.

An diesem Tag waren neben Aaida noch zwei weitere Kinder gestorben. Als die Beisetzung stattfand, war Fabio noch im Krankenhaus gewesen und hatte, da man ihn aufgrund der Schwere seiner Verletzungen in ein künstliches Koma versetzt hatte, noch nichts von den furchtbaren Vorkommnissen gewusst.

Mittlerweile befand er sich auf dem Weg der Besserung, aber er würde noch zwei weitere Wochen warten müssen, bis das nächste Flugzeug nach Deutschland ihn mitnehmen konnte.

Vorher würde er niemanden informieren. Seine Eltern und Freunde würden sich nur unnötig Sorgen um ihn machen.

Kurz vor dem Abflug würde er bei seinen Eltern anrufen, damit sie wussten, dass er zurückkam.

Sein Magen krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, das Ärzteteam ohne seine Hilfe zurückzulassen. Aber in seinem momentanen Zustand war er sowieso mehr zusätzliche Last als wirkliche Hilfe.

Zuhause angekommen würde er sich überlegen müssen, wie sein Leben weitergehen sollte. Was er von da an tun wollte.

Weitere zwei Wochen später war es endlich soweit. Er konnte zurück nach Hause fliegen. Seine Eltern waren außer sich, als sie von dem schrecklichen Unfall erfuhren. Fabio hatte es nicht anders erwartet.

Er wurde direkt in das Universitätsklinikum in Düsseldorf eingeliefert. Dort wurden die Nachuntersuchungen eingeleitet.

Beim Routineröntgen seines Thorax fanden die Ärzte einen weiteren Splitter, den die Mediziner im Camp mit ihren begrenzten Mitteln nicht entdeckt hatten.

Der Splitter hatte sich im Herzbeutel abgekapselt, den Herzmuskel selbst aber nicht verletzt. Wenn Fabio sich von seinen Operationen und den Reisestrapazen erholt hätte, würden die Ärzte untersuchen, ob es sicherer war, den Splitter zu entfernen oder ihn einfach an Ort und Stelle zu lassen.

Der Gedanke an eine Operation am Herzen schnürte Fabio die Kehle zu. Als Arzt kannte er alle Risiken, wusste, dass man bei einem gesunden Menschen immer zur Entfernung raten würde, aber das war nicht genug. Bilder von fremden Händen, die in seinem Herzen nach einem Bombensplitter suchten, verfolgten ihn wochenlang.

Er kannte alle gängigen Methoden, alle Spezialisten, aber es reichte ihm nicht. Keiner von ihnen konnte ihm eine Garantie geben, dass er wieder aufwachen würde.

Und die Alternative? Ein Leben lang vorsichtig zu sein und sein Herz nur nicht zu sehr zu strapazieren.

Vom Regen in die Traufe.

Tagelang war er zuhause gesessen und hatte über seine Möglichkeiten nachgedacht. Aber seine Gedanken drehten sich nur im Kreis, fanden keine Lösung, spielten ihm nur immer wieder Szenen von einer auf ihn zu rennenden Aaida, dem Camp Lazarett und den Ärzten in der Uniklinik vor.

Skys Anruf und ihre Bitte, dass er nach Amerika kommen sollte, um sich dort mit einigen Spezialisten zu unterhalten, hatten ihn aus diesem furchtbaren Teufelskreis gerissen.

Er würde zu ihr fliegen. Weniger, um wirklich eine Lösung für sein Problem zu finden, mehr, um ihr und seinen Freunden von den Setarips nahe zu sein. Er musste raus aus diesem Trott und einen neuen Weg finden, sein Leben zu leben.

2 Boston

FABIO

Wie jeden Tag seit fast einer Woche ging er durch den Union Street Park I.

Sky hatte ihm angeboten, bei ihr zu wohnen, während er auf die Untersuchungen der Bostoner Ärzte wartete. Erst schien es ihm eine gute Idee zu sein. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher.

Die Spannung war mehr als nur geladen. Er geriet immer wieder mit Ryan aneinander und Skys Gegenwart tat ihm nicht allzu gut.

Fabio setzte sich auf dieselbe Bank, auf der er jeden Tag saß. Sie stand genau vor einem kleinen, künstlich angelegten See, auf dem sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte.

Der Winter in Boston war genauso trostlos, wie er selbst sich fühlte. Eiskalt, mitten in der Bewegung erstarrt und eingefroren.

Wieder hallte die Explosion in seinen Ohren nach. Der Zeitpunkt, an dem alles in seinem Leben zu einem abrupten Stillstand gekommen war. An dem sich alles vollkommen verändert hatte.

Dabei war er fest davon überzeugt gewesen, endlich wieder den Boden unter seinen Füßen zu spüren. Er hatte etwas gefunden, für das es sich zu leben lohnte. Eine Aufgabe, Menschen, die ihn brauchten.

Zu akzeptieren, dass Sky jemand anderen liebte, war nicht einfach gewesen.

Immer wieder hatte er von seinen Freunden und auch von ihr Nachrichten bekommen. Er erfuhr auf diese Weise, dass sie wirklich mit Ryan zusammen war, dass sie zusammenlebten und geheiratet hatten.

Zu akzeptieren, dass sie jemanden gefunden hatte, mit dem sie genau das teilte, was er sich mit ihr so sehr gewünscht hatte, war ihm schier unmöglich erschienen.

Aber er hatte keine Wahl. Ryan konnte ihr etwas geben, was er selbst nicht konnte. Er wusste noch nicht einmal, was es war, aber er war nicht der Mann, den Sky an ihrer Seite wollte.

Seine Freundschaft zu Sky war unter seinen Gefühlen zerbrochen. Er hatte es in dem Moment gemerkt, als er ihr Haus betreten hatte.

So zurückhaltend kannte er sie nicht und es tat ihm in der Seele weh. Es war seine Schuld. Er wusste, dass er es nicht ganz verbergen konnte, dass ihm der Anblick dieses perfekten Familienglücks weh tat.

Seine wunderschöne Sky in den Armen eines anderen, mit einer kleinen, ebenso bezaubernden Tochter und einem Hochschwangerenbauch.

Er hätte niemals zustimmen sollen, bei ihr zu wohnen. Ihretwegen und auch seinetwegen. Aber er hatte sich so sehr gewünscht, dass alles wieder gut werden würde. Dass es zumindest für ihre Freundschaft noch eine Chance gab.

Sie hatten so viele gute Zeiten miteinander erlebt, waren zusammen aufgewachsen und hatten viele Hürden gemeistert. Diese guten, aber auch die schlechten Zeiten, die Sky mit ihrem Ex Robert erlebt hatte, hatten sie zusammengeschweißt. Eine feste Einheit aus ihnen gebildet.

Er bereute es, dass ihre Freundschaft wegen seinen Gefühlen so einen irreparablen Schaden genommen hatte. Oft schon hatte er sich die Zeit zurückgewünscht, in der er einfach nur bei ihr sein konnte und sie im Arm halten konnte.

Sky hatte ihre Entscheidung getroffen. Jetzt war es an ihm, sein eigenes Leben weiterzuleben, einen Menschen zu finden, der zumindest annähernd so perfekt war wie Sky.

Er wünschte sich für Sky nur das Beste. Sie hatte es verdient. Sie sollte glücklich sein.

Liebe konnte wunderschön sein, aber sie konnte auch verdammt weh tun, wenn sie nicht erwidert wurde.

"Ist da noch frei?" Die weiche Stimme riss ihn mitten aus seinen Gedanken.

Er sah auf und direkt in große, runde, bernsteinfarbene Augen.

Er nickte automatisch und die Frau, die er auf Mitte zwanzig schätzte, setzte sich schweigend neben ihn.

Verstohlen musterte er sie, während sie ohne einen Ton zu sagen, neben ihm saß.

Sie war klein, reichte ihm im Sitzen nur knapp über die Schulter. Sie war rundlich, was der dunkelblaue Daunenmantel nur noch unterstrich. Die Röhrenjeans steckte in ebenfalls dunkelblauen Winterboots, die sie von sich gestreckt und an den Knöcheln überkreuzt hatte.

Ihre dunkelbraunen, kurzen Haare reichten ihr gerade so auf die Schulter. Ihr Gesicht war rundlich mit vollen, von der Kälte geröteten Wangen. Die Nase war klein und gerade, die Lippen voll und sahen sehr weich aus.

Als ihm aufging, dass er sie anstarrte, wendete er den Blick ab und sah geradeaus.

Es schien nicht so, als würde sie sich gern unterhalten wollen und er selbst war auch nicht in der Stimmung für Smalltalk.

Er wollte seinen Gedanken nachhängen und herausfinden, was er jetzt mit seinem Leben anstellen sollte, wie es weitergehen sollte.

Er dachte an den Splitter in seinem Herzbeutel. Er hatte ein Leben und doch keines. Es kam ihm so vor, als würde er am Rand einer tiefen Schlucht stehen. Entweder würde er für immer dort stehen bleiben, oder zu allen anderen auf die andere Seite springen.

Die Menschen auf der anderen Seite lebten wirklich. Sie hatten Spaß, hatten Freunde und eine Beziehung. Er dagegen stand allein auf seiner Seite. Sah ihnen dabei zu, wie sie das Leben nutzten, das ihnen geschenkt wurde. Aaida hätte so ein Leben haben sollen. Sie war ein fröhliches, lebenslustiges Mädchen gewesen und immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Sie hätte nicht überlegt, sie wäre gesprungen.

Die Frage war nur, ob er die Angst in seinem Inneren überwinden konnte und das Risiko, das der Sprung mit sich brachte, eingehen konnte.

Es konnte gut gehen und er würde auf der anderen Seite ankommen, es konnte aber auch schief gehen und er würde sterben.

Unbewusst rieb er sich über die Brust. Sein Leben hing Tag für Tag an einem mehr oder weniger stabilen Seil. Zumindest die immer wiederkehrenden Albträume hatte er mit Hilfe eines Therapeuten in den Griff bekommen. Die vielen schlaflosen Nächte hatten seinem Körper zugesetzt.

"Das war schön, aber ich muss jetzt leider weiter. Danke", sagte die Frau neben ihm und stand auf.

"Wofür?", fragte er und sah mit schräggelegtem Kopf zu ihr auf.

"Deine Gesellschaft." Sie lächelte ihn so warm und wunderschön an, dass er das Lächeln automatisch erwiderte.

Vielleicht war es sogar das erste echte Lächeln seit Monaten.

"Ich habe dich nicht sehr gut unterhalten", gab er zurück.

"Manchmal ist Schweigen Gold und Gesellschaft völlig ausreichend."

Sie zwinkerte ihm zu und ging davon. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln und die Hände hatte sie tief in den Taschen ihres Mantels vergraben.

Jetzt, wo sie weg war, ergaben ihre Worte Sinn. Es stimmte, es war schöner gewesen, zu zweit auf dieser Bank zu sitzen und den starren See anzusehen.

Es war eine beinahe unheimliche Leere, die sie auf seiner Bank hinterlassen hatte, als ob jemand fehlte, der dort sitzen sollte.

Sie war vielleicht fünfzehn Minuten bei ihm gesessen und dennoch kam ihm seine Bank jetzt verlassen vor.

Also stand er auf und ging zurück zu dem Parkplatz, auf dem das Auto stand, mit dem er zum Park gefahren war.

Es wurde Zeit nach Hause zu gehen.

Oder zumindest in Skys Zuhause. Sein eigenes würde er hoffentlich irgendwann finden.

ELLA

"Hey Granny!", rief Ella beim Betreten des Hauses. Sofort stieg ihr der Duft von frischem Braten in die Nase.

"Ella Liebes, komm, das Essen ist gleich fertig." Ella lächelte. Das Essen war immer fertig, wenn sie nach Hause kam.

Sie lebte, solange sie denken konnte, mit ihrer Granny zusammen. Ihre Mutter war gestorben, als sie noch ein Baby war und ihr Vater hatte außer seiner Karriere nichts im Sinn, deshalb war sie bei der Mutter ihrer Mutter aufgewachsen.

Es hätte ihr nichts Besseres passieren können. Granny hatte ihr so viel Liebe geschenkt und ihr ein Leben ermöglicht, dass sie bei ihrem Vater niemals hätte führen können.

Manchmal nahm er sie mit auf geschäftliche Veranstaltungen. Meistens wenn es um irgendwelche wohltätigen Dinge ging.

Dort sah sie dann all die Püppchen, die niemals ein Leben wie sie gehabt hatten. Ella beneidete sie keine Sekunde lang!

Sie hatte eine Granny, die sie einfach, aber liebevoll erzogen hatte, einen Dad, den sie zwar so gut wie nie zu Gesicht bekam, aber wenn, dann wusste er die Zeit wenigstens zu nutzen und sie wurde nicht wie ein Klotz am Bein behandelt.

Ja, sie hatte ein tolles Leben und genoss jede Sekunde in vollen Zügen. Es konnte so kurz sein, man sollte es nicht mit Dingen oder Menschen verschwenden, die einen nicht glücklich machten.

Als sie in der hellen Küche ankam, trug Granny gerade zwei Teller zum hölzernen Esstisch.

Manchmal kam es Ella so vor, als würde ihre Granny von Jahr zu Jahr kleiner werden. Sie selbst war schon nur 1,60 Meter groß, ihre Granny noch fast einen Kopf kleiner, wenn sie so gebückt ging, wie in diesem Moment. Sie wirkte verloren in der blau gemusterten Schürze, die sie immer zuhause trug.

Die kurzen, grauen Haare standen ihr wirr vom Kopf ab und wurden nur unzureichend durch den braunen Haarreif gebändigt.

Ihr Gesicht war voller Falten und die funkelnden bernsteinfarbenen Augen, die ihren so ähnlich waren, wirkten viel jünger als der Rest von ihr. Sie war mittlerweile schon 79 Jahre alt und Ella machte sich Sorgen um sie.

Ella küsste sie auf die weiche Wange und nahm ihr die Teller ab.

"Danke Granny."

Sie setzten sich auf die alten, knarrenden Stühle. Sie hätten sich problemlos neue leisten können, finanziell hatte ihr Dad immer sehr gut für sie gesorgt, aber weder Ella noch ihre Granny legten Wert auf neue Dinge.

"Natürlich, Liebes. Du musst doch was essen", tadelte sie sanft.

Nein, das musste sie wirklich nicht. Sie war mehr als rund genug mit Kleidergröße 44, aber das würde ihre Granny niemals durchgehen lassen. Und ihr eigener innerer Schweinehund auch nicht.

Sie liebte Essen in allen Variationen. Doch am liebsten das Essen ihrer Granny … das bei weitem nicht gesund oder diätfördernd war.

Im Gegenteil. Ihre Granny kochte mit Vorliebe richtig fett oder richtig süß. Wahlweise auch in Kombination.

Und es schmeckte göttlich!

"Wie war dein Tag?", fragte Granny.

Ella dachte an ihre Arbeit im städtischen Tierheim. Kein schöner Tag, sie hatten eine ältere Hündin einschläfern müssen.

Deshalb war sie im Anschluss auch durch den Park gegangen, um ihre Gedanken zu sortieren, bevor sie zu Granny nach Hause ging.

Ella wollte sie nicht mit solchen Dingen belasten.

"Ganz okay. Ich bin auf dem Heimweg noch in den Park gegangen."

Granny lächelte sie an, während sie die Gabel mit zittriger Hand zu ihrem Mund führte.

"Hast du an Tipsys Lieblingsplatz angehalten?"

Ella nickte. Ihre Grandma war noch nicht ganz über den Tod ihrer Yorkshire Hündin hinweggekommen.

Dann dachte sie an den Mann, der auf der Bank gesessen hatte, an der ihre Granny und Tipsy so unzählig viele Stunden verbracht hatten.

Er hatte so verloren ausgesehen wie ihre Granny, als sie die ersten Wochen ohne Tipsy zu dieser Bank gegangen war.

Einsam war er in der Kälte gesessen und hatte geradeaus gesehen, tief in Gedanken versunken. Also hatte sie sich zu ihm gesetzt, einfach nur, damit er nicht allein dort sitzen musste.

Gerne hätte sie ihn gefragt, warum er dort saß und warum er so traurig aussah, aber das stand ihr nicht zu. Also hatte sie ihn nur still aus dem Augenwinkel beobachtet. Seine große, athletische Gestalt, sein rabenschwarzes, kurzes Haar und den schweren Ausdruck in seinem schönen Gesicht.

Er war keine klassische Schönheit, dafür war seine Nase ein wenig zu groß und die Lippen ein wenig zu schmal und doch hatte er etwas Faszinierendes an sich.

Die dunklen Augen wirkten so müde, als wäre er seit Jahren rastlos und zu nichts anderem mehr fähig, als erschöpft auf dieser Bank zu sitzen.

"Jemand hat dir deinen Platz weggeschnappt", sagte Ella lächelnd.

"Meine Bank?"

"Mhm … das kommt davon, weil du nicht mehr vor die Tür gehst."

Auch das machte ihr Sorgen. Ohne Tipsy bewegte sich ihre Granny immer weniger. Ella überlegte schon eine ganze Zeit lang, ob sie sich nicht selbst einen Hund aus dem Tierheim nehmen sollte, damit ihre Granny hin und wieder mit ihm laufen gehen konnte.

"Es ist zu kalt, um aus reiner Freude hinauszugehen. Im Frühjahr wieder, Liebes."

Nicht wenn Ella es verhindern konnte. Wer rastet, der rostet und das durfte ihre Granny auf keinen Fall!

3 Begegnungen

FABIO

Als er am nächsten Tag wieder im Park auf seiner Bank saß, ertappte er sich dabei, wie er den Park nach ihr absuchte.

Ob sie wohl öfter hierher kam? Und warum? Sich einfach so neben einen Fremden zu setzen, um nichts zu tun, war nicht ganz normal.

Dennoch, oder gerade deshalb, ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Den ganzen Abend lang hatte er immer wieder an sie denken müssen.

Dieses unscheinbare Mädchen mit den faszinierenden Augen und diesem wunderschönen Lächeln. Das freundliche Mädchen ohne Namen.

"Ist da noch frei?"

Fabio sah auf und sie war da, als hätte er sie mit seinen Gedanken gerufen.

"Wieder da?", fragte er.

"Ja. Heute lieber nicht schweigen?"

Fabio zuckte die Schultern. Er war sich nicht sicher, ob und über was er mit ihr reden sollte. Er kannte sie ja überhaupt nicht.

Sie trug dieselbe Kleidung wie am Vortag, alles war gleich an ihr, er konnte sich genau an ihren Anblick erinnern.

"Was machst du hier?", fragte er zugegebenermaßen wenig eloquent.

"Sitzen", sagte sie und lächelte dabei schalkhaft.

Fabio erwiderte es. "Hier im Park meine ich."

"Ich gehe nach Hause."

Er konnte sie sich gut in einem richtigen Zuhause vorstellen. Einem, wie Sky es hatte.

Der Gedanke stimmte ihn traurig, also wandte er seinen Blick ab und sah hinaus auf den See.

"Ich muss los", sagte sie wenige Minuten später.

Er hatte sie vertrieben mit seinen trübsinnigen Gedanken.

"Danke."

Sie lächelte ihn an. "Für was?"

"Deine Gesellschaft."

Wieder ein Lächeln, dann drehte sie sich um und ging.

ELLA

"Deine Bank war wieder besetzt."

Granny lächelte. "Du musst ihm klar machen, dass es meine Bank ist."

Kauend schüttelte Ella den Kopf. "Er braucht sie, glaube ich."

"Hast du ihm Gesellschaft geleistet?" Ella wunderte sich nicht darüber, dass ihre Granny ihre Annahme nicht hinterfragte. Granny hatte ihr schließlich beigebracht, auf die Gefühlslage ihrer Mitmenschen zu achten.

"Ein wenig." Auch wenn sie es eher für sich selbst, als für ihn getan hatte. Die ganze Nacht hatte sie über ihn nachgedacht.

Warum er dort saß und ob er jeden Tag dorthin ging. Warum er so nachdenklich und schweigsam war. Warum er so traurig aussah.

"Du bist ein gutes Mädchen, Ella." Granny streckte ihre Hand aus und tätschelte über den zerkratzten Tisch hinweg ihre.

FABIO

Sky hatte ihn gefragt, was er jeden Tag im Park mache. Er hatte ihr davon erzählt, wie er die Ruhe und die eisige Luft genoss, dass er spazieren ging und sich schließlich auf die Bank setzte.

Nur von der Frau hatte er ihr nicht erzählt. Warum, wusste er selber nicht. Sie war sein kleines Geheimnis.

Ungeduldig sah er auf die Uhr. Gestern um diese Zeit war sie schon da gewesen.

"Hast du einen Termin?" Ihre Stimme kam aus dem Nichts.

"Nein. Du bist wieder hier."

Sie lächelte. "Ist da noch frei?"

"Ja." Ihr Lächeln war süß. Wie alles an ihr. Sie war einer dieser Menschen, denen man niemals etwas Schlechtes zutrauen würde.

Sie setzte sich neben ihn und musterte ihn mit schräg gelegtem Kopf.

"Du bist spät dran heute", sagte er und ärgerte sich kurz darauf über sich selbst. Es klang ja, als hätte er auf sie gewartet.

Hatte er auch, aber das brauchte ja niemand zu wissen.

"Mhm, länger gearbeitet, deshalb muss ich auch gleich weiter."

"Nach Hause", sagte er und versuchte herauszufinden, wer wohl zuhause auf sie wartete.

"Ja, sorry." Schon stand sie wieder auf. Dann legte sie den Kopf schief. "Bist du am Wochenende auch hier?"

Er nickte. Er hatte nicht daran gedacht, dass es schon wieder Freitag war.

"Dann vielleicht bis morgen."

"Arbeitest du am Wochenende?"

"Oft freiwillig, ja. Ich muss los."

"Bye." Enttäuscht sah er ihr nach. Er wollte länger mit ihr dort sitzen. Sich mit ihr unterhalten und mehr über sie herausfinden.

Er kannte ja noch nicht einmal ihren Namen. "Warte!", rief er aus einem Impuls heraus.

Sie sah ihn über die Schulter an. "Ja?"

"Wie heißt du?"

Ihr Lächeln wurde breiter. "Ella, und du?"

"Fabio."

"Dann bis morgen, Fabio." Sie winkte ihm und er musste sich zusammenreißen, ihr nicht einfach nachzulaufen.

ELLA

Die freiwilligen Stunden, die sie samstags oft im Tierheim absolvierte, kamen ihr heute endlos vor. Es lag wahrscheinlich daran, dass sie ständig auf die Uhr sah, ob es endlich Zeit wurde, in den Park zu gehen.

"Hast du noch Zeit, mit Max rauszugehen?", fragte Alfred, der rüstige Tierheimleiter.

Ella nickte. Sie liebte den gemütlichen Bernhardiner. Er war froh um jedes bisschen Aufmerksamkeit und war wirklich gut erzogen. Schade, dass er im Tierheim gelandet war. Sein Besitzer musste ins Altersheim und niemand aus der Familie konnte ihn aufnehmen.

Seine Vermittlungschancen standen schlecht. Er war fünf Jahre alt und würde bald ein künstliches Hüftgelenk brauchen. Mit dieser Prognose und bei seiner Größe in einer Großstadt war die Zukunft eher tristes Tierheimleben für ihn.

Sie hätte ihn gerne mitgenommen, war sich aber sicher, dass so ein riesiger Kerl, egal wie brav er war, für ihre Granny einfach zu viel sein würde.

Leider war es nicht immer möglich, den eigenen Hund mit ins Tierheim zu nehmen.

Es war schon vorgekommen, dass das Tierheim unter Quarantäne gestellt worden war, dann galt zum Beispiel ein striktes Verbot.

Mit einem kleinen Hund wäre das kein Problem. Granny würde sich hervorragend um ihn kümmern können … aber Max? Er wog mehr als Granny selbst.

Sanft streichelte sie über den riesigen Kopf. So gern sie dem Kerl eine Chance geben würde, er war einfach zu groß für Granny.

"Na dann komm. Wir gehen eine Runde durch den Park."

Max wedelte langsam mit dem Schwanz und trottete ihr dann gemächlich hinterher.

FABIO

"Ist da noch frei?"

Fabio riss den Kopf nach oben, als er Ellas Stimme hörte.

"Hi, du bist schon da?"

Sie lächelte. "Das wollte ich dich auch gerade fragen." Dann setzte sie sich neben ihn. Da erst fiel ihm der riesige Hund auf, der ihn neugierig musterte.

"Du hast einen Hund?"

Ella streichelte langsam den Kopf des Riesen, der höchstwahrscheinlich ein Kind in einem Happs fressen könnte. "Nein, leider nicht. Max ist Teil meiner Arbeit."

Verwirrt sah Fabio sie an.

"Ich arbeite im städtischen Tierheim", erklärte sie.

"Davon kann man leben?"

"Nicht wirklich … aber sie tun mir so leid. Niemand kümmert sich wirklich um sie, sie haben kein Zuhause, keine Bezugsperson, niemand, der wirklich Zeit mit ihnen verbringt."

Während sie sprach, kraulte sie langsam die Ohren des Monsters. Der Hund legte den Kopf in ihren Schoß und genoss jede Sekunde.

Auf einmal fühlte er sich wie der Hund. Einsam. So einsam, dass er um Ellas Aufmerksamkeit lechzte wie ein Hund. Er saß stundenlang in einem Park und wartete seit Tagen nur auf sie.

"Ich bin ein menschlicher Max", sagte er von sich selbst angewidert.

"So war das nicht … ich dachte nur, du könntest vielleicht Gesellschaft gebrauchen …"

Fabio riss den Blick von dem Rüden hoch und sah in Ellas zerknirschtes Gesicht. Jetzt erst verstand er, dass auch sie ihn für einen menschlichen Max hielt. Jemand, der keine Bezugsperson hatte, einsam war und Aufmerksamkeit brauchte.

Er war noch armseliger, als er gedacht hatte.

"Okay, dann viel Spaß noch euch beiden. Ich muss dann mal los." Schnell stand er auf.

"Fabio warte!"

Am liebsten wäre er losgejoggt, aber so armselig wie er nun mal war, durfte er noch nicht einmal mehr Sport machen.

Er verfluchte dieses verdammte Stück Metall in seinem Herzen, verfluchte die beschissene Idee, nach Afrika gegangen zu sein, und Sky, die Auslöser von all dem war.

ELLA

Sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen wegen Fabio. Sie hatte ihn nicht vor den Kopf stoßen wollen und sie fand absolut nicht, dass er ein menschlicher Max war.

Im Gegenteil, je öfter sie ihn traf, desto faszinierender fand sie ihn. Sie wollte wissen, woher dieser Schmerz in seinen Augen kam und warum ein gut aussehender Kerl wie er hier Tag für Tag ganz allein im Park saß.

Als sie ihn am Sonntag nicht antraf, fühlte sie sich elend.

Sie hatte ihn eindeutig in seinem Stolz verletzt, auch wenn sie das überhaupt nicht gewollt hatte.

Sie ging nicht nur mit Max, sondern im Anschluss noch mit Pico, einem Chihuahua Rüden in den Park, in der Hoffnung, ihn dann anzutreffen.

Vergebens. Fabio tauchte nicht auf. So langsam glaubte sie, ihn nie wieder zu treffen. Der Gedanke stimmte sie seltsam traurig. Es kam ihr beinahe wie ein Verlust vor, obwohl sie ihn gar nicht kannte.

FABIO

"Wann hat er denn endlich diesen Termin?", hörte Fabio Ryan ungeduldig fragen, als er im Erdgeschoss des riesigen Hauses angekommen war.

Die Stimmen der beiden kamen aus der großen Wohnküche.

Fabio und Ryan hatten nicht unbedingt das beste Verhältnis. Wie auch, wenn sie beide dieselbe Frau liebten.

"Ich glaube, er sagte, er hätte Mittwoch einen Termin mit Dave. Lass ihn doch erstmal ankommen, Ryan. Er hat viel durchgemacht."

Ja, selbst in Skys Augen war er ein menschlicher Max, nur dass er in ihren Augen sogar ein todkranker, menschlicher Max war.

Konnte es wirklich noch schlimmer kommen? Vor seinem inneren Auge tauchten Ellas wunderschöne bernsteinfarbene Augen auf. Leider konnte er sich kaum auf die Farbe konzentrieren, da er nur das Mitleid in ihrem Blick sah. Dabei kannte sie ihn noch nicht einmal und hatte ihn dennoch so schnell durchschaut.

Er fühlte sich schlecht, weil er sie einfach so hatte stehen lassen. Ella war ein guter Mensch. Einfühlsam und umsichtig.

Wer außer ihr würde sich in einem Park neben einen Wildfremden setzen, nur weil dieser einsam aussah?

"Ich habe eine wunderschöne Wohnung mitten in der Stadt, da könnte er sich in Ruhe erholen", knurrte Ryan.

Sky seufzte.

"Es geht ihm nicht gut, Ryan. Wie soll ich ihn da ganz allein in deiner Wohnung lassen?"

"Ich kann ihm eine Krankenschwester engagieren."

Sky schlug etwas mit Schwung auf den Tisch. "Ryan Black. Es reicht jetzt. Diese Eifersuchtsmasche ist absolut fehl am Platz. Fabio ist mein Freund und er ist schwer krank. Ich trage deinen Ring am Finger, unsere Tochter schläft oben in deinem Haus und ich habe einen riesigen Bauch, in dem dein nächstes Baby brütet. Also sei still und zufrieden mit dem, was du hast."

"Unser Haus!"

"Hör auf Erbsen zu zählen! Du weißt genau, worum es geht!"

"Weiß ich, Baby. Es tut mir leid."

Fabio entschloss sich, jetzt lieber in die Küche zu gehen, bevor er sich die Liebesschwüre der beiden anhören musste.

"Hi … ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass ich in die Stadt fahre", sagte er, so locker wie möglich. Gar nicht so leicht, wenn man die beiden so engumschlungen ansehen musste.

Sky lächelte ihm entgegen. "Schon wieder?"

"Ja, dann habt ihr ein wenig … Zeit zu zweit …" Unbehaglich rieb er sich über den Nacken.

"Du bist unser Gast, Fabio. Du musst nicht gehen. Wir können auch gemeinsam etwas unternehmen."

Sky sah nicht, wie Ryan bei ihren Worten das Gesicht verzog. Er hatte absolut kein Interesse an einem Abend zu dritt.

Einen kurzen Moment lang meldete sich der Teufel in Fabio, der ihm riet, nur hierzubleiben, um Ryan eins auszuwischen. Schnell schüttelte er den Gedanken ab.

Er musste es für sie alle nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon war.

"Danke, aber nein danke. Ich möchte ein wenig an die frische Luft und mich bewegen", antwortete er deshalb und lächelte so überzeugend wie möglich.

Er verabschiedete sich von den beiden und fuhr mit dem Audi, den Ryan ihm aus dem Fuhrpark seiner Firma JB-Industrials besorgt hatte, zum Union State Park I.

Er war spät dran. Vielleicht würde Ella schon weg sein, aber er wollte es dennoch versuchen. Die Art, wie er sie am Samstag hatte stehen lassen, war nicht richtig gewesen. Ella hatte das nicht verdient.

Als er auf den schmalen Weg einbog, der zu seiner Bank führte, sah er sie ein ganzes Stück weiter vorne gehen.

"Ella!", rief er, aber sie reagierte nicht. Er beschleunigte seine Schritte und rief noch einmal: "Ella!"

Endlich sah sie über ihre Schulter hinweg zu ihm zurück.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Sie sah genauso süß aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Die gleichen geröteten Wangen, das vom Wind zerzauste Haar, Ella eben. Schnell ging er auf sie zu.

"Fabio. Ich hab nicht mehr mit dir gerechnet." Sie klang ehrlich erfreut, ihn zu sehen.

Und auch das war Ella. Freundlich, gutmütig. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie jemals nachtragend sein würde.

Sie blieb stehen und wartete darauf, dass er sie einholte.

"Ich bin spät dran. Wollen wir uns setzen?" Er nickte zurück in Richtung der Bank.

"Ich kann nicht. Tut mir leid. Ich bin schon zu spät."

Stimmt ja. Sie musste nach Hause. Wie dieses Zuhause wohl aussah?

"Darf ich dich ein Stück begleiten?", fragte er.

Wieder lächelte sie auf diese süße Art und ließ ihre geraden, weißen Zähne aufblitzen.

"Gern." Sie schob die Hände zurück in die Manteltaschen, was den Mantel an ihrem Bauch nur noch weiter aufstellte.

Gerne würde er wissen, wie es unter diesem Mantel wohl aussah.

Sie setzten sich in Bewegung und gingen eine ganze Zeit lang schweigend nebeneinander her.

"Ich wollte mich für Samstag entschuldigen", sagte er und kickte mit dem Fuß einen Stein vom Weg.

"Ich auch. Blödes Missverständnis."

Im einträchtigen Schweigen liefen sie nebeneinander her.

"Hast du ... vielleicht mal etwas mehr Zeit ... zum Reden, oder so?", stammelte er etwas unbeholfen. Er wusste nicht genau, wie er es formulieren sollte. Wusste ja noch nicht einmal, was genau er wollte.

Aber er wollte Ella näher kennenlernen. Er wollte mehr von diesem Menschen erfahren, der den Charakter eines Heiligen zu haben schien.

Sie lächelte ihn vorsichtig an. "Mein Terminplan ist ... recht voll", sagte sie.

Fabio erinnerte sich daran, dass sie immer pünktlich Zuhause sein musste. Wer wartete auf sie? Ihr Mann? Ihre Kinder?

"Weil du am Abend nach Hause musst?", hakte er vorsichtig nach und versuchte sich gegen die vernichtende Antwort zu wappnen.

Aber Ella schüttelte den Kopf. "Nein. Wegen der Arbeit. Ich muss Granny nur rechtzeitig Bescheid geben, damit sie nicht auf mich wartet."

"Granny?" Fabio hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber sie hörte sich prinzipiell schon mal nicht schlecht an ... außer Ella stand auf Frauen.

Dann runzelte er die Stirn. Er suchte keine Frau, sondern eine Freundin und wollte Ella lediglich rein platonisch näher kennenlernen.

Sein Herz war noch vergeben, das zeigten seine Reaktionen auf Sky und Ryan nur allzu gut.

"Meine Großmutter. Wir wohnen zusammen."

Mit aller Kraft ignorierte er den Stein, der ihm vom Herzen fiel.

"Hört sich schön an."

Ellas Lächeln wurde so weich und herzlich, dass Fabios Herz schneller schlug.

"Ist es auch."

Eine Weile schwiegen sie wieder, dann bogen sie auf eine Straße ein.

"Da vorne ist es schon. Sehen wir uns morgen?"

Fabio ärgerte sich, dass er die Zeit nicht besser genutzt hatte, nickte aber. "Gern. Morgen werde ich wieder pünktlich sein."

Ella lachte. "Dann kannst du mir auch erzählen, wie es kommt, dass du jeden Tag im Park bist."

Fabio nickte, dann drückte Ella seinen Arm und überquerte die Straße.

Sie ging die wenigen Stufen zu dem kleinen Reihenhaus nach oben und sperrte die Tür auf. Ohne einen Blick zurück verschwand sie nach drinnen.

Aus zwei Fenstern schien Licht auf die Straße, aber niemand kam nah genug ans Fenster, damit er etwas erkennen konnte.

Seufzend drehte er sich um und ging zurück zu seinem Wagen.

Morgen würde er sie wiedersehen und hoffentlich mehr Zeit mit ihr haben.

ELLA

Sie beeilte sich, von der Arbeit im Tierheim in den Park zu kommen. Sie konnte es kaum erwarten, Fabio endlich wiederzusehen. Dieser Mann gab ihr nur Rätsel auf, die sie endlich lösen wollte.

Als sie bei Grannys Bank ankam, wartete er bereits auf sie.

"Hi Ella."

"Hey." Lächelnd setzte sie sich neben ihn.

"Du hast vergessen zu fragen, ob da noch frei ist", sagte er ebenfalls lächelnd.

"Erzähl es nicht meiner Granny. Sie bekommt einen Anfall, wenn sie von dieser Unhöflichkeit erfährt."

Fabios Züge wurden weicher. "Hört sich nach einer tollen Frau an."

"Das ist sie. Sie hat mich aufgezogen", gab Ella strahlend zurück.

Fabio runzelte die Stirn. "Wo waren deine Eltern?"

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. "Das ist aber die letzte Frage zu mir! Wir wollten über dich sprechen. Meine Mum ist gestorben, als ich noch sehr klein war. Mein Dad arbeitet viel, daher bin ich froh, dass ich bei meiner Granny aufgewachsen bin. Und jetzt zu dir. Was treibt dich hierher?"

Fabios Blick glitt auf den See hinaus. "Ich versuche nachzudenken, mein Leben zu sortieren."

"Im Park?" Eigentlich sollte sie das nicht wundern, ihre Granny hatte das schließlich genauso gemacht.

"Naja ... im Park, in Boston ... ich komme aus Deutschland und bin bei Freunden zu Besuch."

Ella war sofort Feuer und Flamme und ließ sich jedes Detail über sein Leben in Deutschland erzählen. Dann löcherte sie ihn mit Fragen über andere Länder Europas.

"Wir sollten langsam los", unterbrach Fabio ihren Frageschwall.

"Oh verdammt!" Sie war so vertieft in ihre Fragerei, dass sie die Zeit völlig vergessen hatte. Sie war noch nicht viel zu spät, aber sie würde sich beeilen müssen.

"Ich kann dich wieder begleiten."

Sie lächelte ihn dankbar an. So hatte sie wenigstens noch einige Minuten, um ihn weiter auszufragen.

"Und warum bist du hier in Boston?", fragte sie, während sie den Weg entlang gingen.

"Freunde besuchen und herausfinden, was ich mit meinem Leben anstellen möchte." Er klang sehr nachdenklich.

Ehe Ella sich entscheiden konnte, ob sie weiter nachbohren sollte oder nicht, waren sie bereits vor dem Haus ihrer Granny angekommen und Fabio verabschiedete sich von ihr.

"Dann sehen wir uns morgen wieder im Park?", fragte sie und schalt sich innerlich selbst, weil sie so hoffnungsvoll klang.