Familie mit Herz 63 - Familienroman - Charlotte Vary - ebook

Familie mit Herz 63 - Familienroman ebook

Charlotte Vary

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Opis

Wenn ein Glücksstern erlischt Mareike und Toby brauchen einen Schutzengel - heute ... Von Charlotte Vary Über die junge vierköpfige Familie, die vor Kurzem ins Dorf gezogen ist, weiß kaum einer etwas. Er ist Amerikaner und sehr reich, so tuschelt man, sie eine Deutsche obskurer Herkunft. Gemeinsam haben sie zwei kleine Kinder. Auf den ersten Blick also eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Doch der Familie fällt es schwer, in diesem kleinen Dorf Anschluss zu finden, Fremden gegenüber ist man dort zurückhaltend. Einzig Nachbarin Greta, eine junge liebenswerte Frau, wird ihre Bezugsperson und Freundin. Vor allem Mareike und Toby lieben Greta abgöttisch. Und als das Schicksal schon bald darauf brutal zuschlägt, ist es Greta, die um die beiden Kinder kämpft wie eine Löwin ...

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Inhalt

Cover

Impressum

Wenn ein Glücksstern erlischt

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Yulyazolotko / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9076-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Wenn ein Glücksstern erlischt

Mareike und Toby brauchen einen Schutzengel – heute …

Von Charlotte Vary

Über die junge vierköpfige Familie, die vor Kurzem ins Dorf gezogen ist, weiß kaum einer etwas. Er ist Amerikaner und sehr reich, so tuschelt man, sie eine Deutsche obskurer Herkunft. Gemeinsam haben sie zwei kleine Kinder. Auf den ersten Blick also eine Familie wie aus dem Bilderbuch.

Doch der Familie fällt es schwer, in diesem kleinen Dorf Anschluss zu finden, Fremden gegenüber ist man dort zurückhaltend. Einzig Nachbarin Greta, eine junge liebenswerte Frau, wird ihre Bezugsperson und Freundin. Vor allem Mareike und Toby lieben Greta abgöttisch. Und als das Schicksal schon bald darauf brutal zuschlägt, ist es Greta, die um die beiden Kinder kämpft wie eine Löwin …

In das kleine, bescheidene Haus, das dem ihrigen gegenüberlag, schien das Glück eingezogen zu sein. Als Greta Hell morgens aus der Haustür trat, um die Zeitung hereinzuholen, beobachtete sie, wie die junge Frau sich mit einer innigen Umarmung und zärtlichen Küssen von ihrem Mann verabschiedete, der jetzt wohl in die Stadt zur Arbeit fuhr. Sie winkte ihm noch nach, als sein Auto bereits um die Kurve gebogen war. Erst als Kindergeschrei hinter der grünen Tür laut wurde, wandte sie sich um und ging ins Haus zurück.

Auch Greta trat in die Diele ihres komfortablen Heims zurück. In der blitzblanken, hochmodernen Küche fütterte sie Feli, die Katze, und Schnuffel, den Hund. Dann trug sie ihr Frühstückstablett in das elegante Esszimmer nebenan.

Während sie Kaffee trank, dachte sie über das junge Paar nach, das drüben eingezogen war, und ein wenig auch über sich selbst. Über die Andersons wusste Greta noch nicht viel. Er war Amerikaner, tuschelte man ihm Dorf, und sie eine Deutsche obskurer Herkunft. Sie hatten zwei kleine Kinder und lebten sehr zurückgezogen, was die Neugier und den Unwillen der Dörfler erregte. Das Häuschen am Waldrand hatten sie nur gemietet. Es gehörte dem wohlhabenden Metzger aus dem Ort, der sich für seine eigene Familie ein repräsentativeres Anwesen gebaut hatte.

Man hielt viel von Geld und Gut, von Ansehen und Bodenständigkeit hier in Tettenweiler. Schwäbische Dickschädel, dachte Greta ein bisschen abfällig. Fremde haben es schwer, sich hier zu behaupten.

Auch Greta stammte nicht aus dieser Gegend, war aber bereits als Kind zugezogen und hier aufgewachsen. Ihre Eltern hatten ihr Vermögen und ein schönes Haus hinterlassen, zu groß für eine Person. Gretas Vaters lebte nicht mehr. Ihre Mutter hatte sich in zweiter Ehe mit einem Italiener verheiratet und wohnte nun in Florenz.

Greta war siebenundzwanzig eine aparte, kluge, vielleicht ein wenig herbe Frau. Sie war hochgewachsen und schlank, hatte dunkles schulterlanges Haar und warme goldbraune Augen. Sie arbeitete als Grafikerin. Teils führte sie Aufträge für eine Ulmer Firma aus, teils gestaltete sie frei künstlerische Grafiken.

Sie war gut im Geschäft. Finanzielle Sorgen kannte sie nicht.

Und dennoch …

Manchmal gestand sie sich selber ein, dass sie sich etwas einsam fühlte. Gewiss mit dem Auto war sie rasch in Ulm, wo es Theateraufführungen und Konzerte gab und wo sie Freunde hatte. Aber hier auf dem Dorf fühlte sie sich zuweilen isoliert.

Die neuen Nachbarn erregten ihre Neugier. Es waren junge Leute wie sie, und sie schienen strahlend glücklich zu sein. Vielleicht bot sich eine Gelegenheit, sie kennenzulernen.

Greta drängte es eigentlich nicht, zu heiraten. Sie liebte ihre Unabhängigkeit. Aber wenn sie beobachtete, wie zärtlich das junge Paar miteinander umging, dann packte sie leiser Neid. So eine Ehe musste doch etwas Wunderschönes sein!

Gretas Wunsch erfüllte sich rascher, als sie geahnt hatte. Gegen zehn Uhr, sie hatte sich eben an ihren Arbeitstisch gesetzt, klingelte es. Schnuffel gebärdete sich so rasend, dass sie ihn in die Küche verbannte.

Der Briefträger, dachte Greta. Schnuffel kann ihn nicht ausstehen.

Aber es war die neue Nachbarin, Frau Anderson, die vor der Tür stand.

„Guten Morgen! Entschuldigen Sie bitte den frühen Überfall, Frau Hell“, sagte sie mit angenehmer Stimme. „Ich bin Silvie Anderson von gegenüber. Hätten Sie wohl bitte ein paar Eier für mich übrig? Ich will den Kindern Omeletts machen und sehe zu meinem Entsetzen, dass ich gestern beim Einkaufen die Eier vergessen habe. Ich könnte natürlich ins Dorf radeln, aber dann müsste ich Toby und Mareike allein lassen. Das tue ich ungern. Sie sind noch so klein. Verzeihen Sie! Es ist mir ein bisschen peinlich…“

„Aber nein, keine Ursache!“, entgegnete Greta freundlich. „Kommen Sie doch für einen Augenblick herein! Auf dem Land hilft man sich gerne aus. Man hat ja nicht wie in der Stadt gleich nebenan einen Laden. Es kann gut sein, dass ich demnächst etwas von Ihnen brauche.“

Silvie Anderson trat in die Diele und blickte sich um.

„Wunderschön haben Sie es!“, staunte sie mit fast kindlicher Bewunderung.

Greta führte die junge Frau in die Küche, wo Schnuffels schrilles Bellkonzert urplötzlich abbrach. Er kam schwanzwedelnd näher und beschnupperte sehr interessiert Silvie Andersons Schuhe. Die Nachbarin schien ihm zu gefallen.

Greta nahm eine Schachtel Eier aus dem Kühlschrank und reichte sie Frau Anderson hin.

Mein Gott, sie ist ja noch ein richtiges Kind, schoss es ihr durch den Kopf. Sie kann doch kaum älter sein als siebzehn. Dabei hat sie bereits zwei Kinder.

„Danke! vielen, vielen Dank!“ Silvie Anderson strahlte ihre gefällige Nachbarin an. „Ich gebe sie Ihnen natürlich demnächst zurück. Oder ist es Ihnen lieber, wenn ich sie gleich bezahle?“

Greta winkte ab. „Das hat Zeit!“

Sie war ganz in den Anblick der jungen Frau versunken. Ein Märchenwesen!, dachte sie. Elfe, Fee, Nymphe, nichts von dieser Welt!

Fast zu zart gebaut, mit langen, mädchenhaften lichtblonden Locken und blauen Augen wie Glockenblumen. Kein Wunder, dass ihr Mann in dies Zaubergeschöpf vernarrt ist.

„Ich muss gehen, die Kinder warten!“, sprudelte Silvie Anderson hervor. „Besuchen Sie mich doch einmal, Frau Hell! Mein Mann arbeitet in Ulm, und so bin ich viel allein mit den Kleinen. Vielleicht ginge es gleich heute Nachmittag?“

Greta nickte, obgleich sie kaum je Besuche machte, so spontan schon überhaupt nicht.

„Gern, Frau Anderson! Passt es Ihnen um vier Uhr?“

♥♥♥

Greta betrat mit der ihr eigenen Pünktlichkeit den nachbarlichen Garten, ein kleines Gastgeschenk in den Händen. Dicht an der Hauswand im Windschatten stand ein halbgedeckter Kaffeetisch. Löffel, Kuchengabeln und Zuckerdose fehlten noch. In der Küche fand sie Silvie Anderson mitten in einem Chaos von benutztem Geschirr, Kinderwäsche und Backutensilien. Die zarten Wangen der jungen Frau färbten sich rot vor Verlegenheit.

„O Frau Hell! Sie sind schon da?“, rief sie ein bisschen gestresst. „Ich wollte eben noch den Kuchen herausnehmen, und die Kleinen sind eben vom Mittagschlaf aufgestanden. Bitte, verzeihen Sie . . . Mit Kindern wird man nie pünktlich fertig. Nehmen Sie doch draußen Platz! Ich denke, wir trinken im Garten Kaffee bei dem schönen Wetter! Ich komme sofort, wirklich!“

Greta lächelte. „Keine Ursache für Entschuldigungen“, erwiderte sie beruhigend. „Lassen Sie sich nur Zeit!“

Der Garten war eine blühende Wildnis. Am Zaun bildeten blauer Rittersporn, gelbe Spiräen und hohe Sonnenblumen eine bienenumsummte Mauer, die zur Straße hin abschirmte. Die Hauswand war überrankt von rosa Heckenrosen und violetten Clematis. In den Beeten wucherten orangefarbene Ringelblumen, weiße Margeriten und bunte Zinnien durcheinander. Das üppige Gras hätte längst gemäht werden müssen, und die paar verknorrten Obstbäume hatten wohl lange keine beschneidende Hand mehr gesehen. Aber all der Wildwuchs sah entzückend aus und war ein Paradies für Schmetterlinge und Bienen und wohl auch für Kinder.

Greta dachte an ihren eigenen supergepflegten Garten, und er kam ihr plötzlich langweilig vor. Sie beschäftigte einen gartenkundigen Rentner aus dem Dorf und arbeitete zuweilen selber gern mit Spaten, Rechen und Baumschere. Die Andersons ließen anscheinend alles lustig gedeihen, wie es wollte, und taten der Natur keinen Zwang an. Es fehlte Silvie wohl auch an Zeit für Gartenarbeit.

Greta wandte den Kopf, als sie spürte, dass sie angestarrt wurde. Und da hatten sich wirklich zwei Kinder vor ihr aufgebaut und waren in wortlose Betrachtung gesunken. Das etwa fünfjährige Mädchen hatte seine Arme fest und schützend um den dreijährigen Bruder geschlungen.

Brüderlein und Schwesterlein aus Grimms Märchen, fuhr es Greta durch den Sinn. Man müsste sie zeichnen, genauso, wie sie da stehen.

Die Kinder waren wirklich bezaubernd! Das ältere Mädchen hatte ein ernsthaftes bräunliches Gesicht, aus dem glänzende dunkle Augen wie Tollkirschen blitzten. Schwarze Zöpfe fielen seitlich an den Wangen herab bis auf das blaue Baumwollkleid, dessen Röckchen stämmige braune Beine sehen ließ. Eine kleine Indianerprinzessin, dachte Greta, eine Pocahontas.

Der Junge war zartgliedrig, lichtblond wie seine Mutter, mit denselben unwahrscheinlich blauen Augen. Als Greta ihm zulächelte flog auch über sein süßes Kinderantlitz ein Strahlen. Aber gleich versteckte er sein Köpfchen wieder an der Brust der Schwester wie ein scheues Vögelchen.

Silvie Anderson trat aus dem Haus mit einer Kaffeekanne und einer Kuchenplatte.

„Es hat so lange gedauert“, entschuldigte sie sich. „Aber nun können wir ungestört plaudern. Die Kinder spielen unterdessen im Garten. Sie sind friedlich, solange sie nur zusammen sind.“ Sie reichte jedem der beiden ein Stück Kuchen und sagte: „Das ist Frau Hell, unsere liebe Nachbarin! Gebt ihr die Hand und sagt Hallo!“

„Hallo“, echote Schwesterchen, und Brüderchen schloss sich an: „Hallo!“

Dann sprangen sie in den Garten hinein.

„Sie sind reizend!“, beteuerte Greta. „Wenn Sie erlauben, möchte ich sie gerne gelegentlich einmal zeichnen. Ich bin nämlich Grafikerin.“

„Oh!“ Silvie staunte sie ehrfürchtig an. „Ein schöner Beruf! Freut mich, dass Ihnen meine beiden gefallen. Sie heißen Mareike und Tobias, genannt Toby. Es sind gute Kinder, wenn sie mich auch den ganzen langen Tag in Atem halten.“

„Das glaube ich“, stimmte Greta zu. „Das Mädchen ist doch sicher schon fünf Jahre alt. Sie sehen so unglaublich junge und mädchenhaft aus, Frau Anderson! Wie die große Schwester der beiden.“

Silvie lachte hell. „Ich weiß, was Sie jetzt fragen wollen“, antwortete sie. „Aber es geht schon alles mit rechten Dingen zu. Ich bin eine uralte Ehefrau, schon dreiundzwanzig. Mit siebzehn habe ich Dennis geheiratet, mit achtzehn Mareike bekommen, mit zwanzig Toby.“

„Sie sehen selber noch wie ein Kind aus“, meinte Greta versonnen. „Man wird sie kaum je für die Mutter der zwei halten, was?“

Silvie schmunzelte. „Na ja, es kommt schon vor, dass man mir meine Gören nicht abnimmt“, gab sie zu. „Und heute noch habe ich Schwierigkeiten, in einen Film zu kommen, der nur für Erwachsene ist. Dennis behandelt mich auch oft wie ein Schulmädel. Aber sonst ist er so lieb, ein so guter Ehemann! Ich weiß gar nicht, womit ich ihn verdient habe.“

Silvies lange, dichte dunkle Wimpern senkten sich über ihre Augen.

„Ich bin nämlich nur das uneheliche Kind einer Kellnerin. Und ich selber habe auch als Bedienung gearbeitet, als ich meinen Mann kennenlernte. Nehmen sie doch noch von dem Kuchen, Frau Hell! Oder schmeckt er Ihnen nicht? Ich weiß, eine Seite ist ein bisschen verbrannt. Ich bin keine Superköchin, wissen Sie?“

Sie sah so reizend aus in ihrer mädchenhaften Verlegenheit, dass Greta sie am liebsten in die Arme genommen hätte. Ihre Art, sich immer wieder zu entschuldigen, zeigte, dass es ihr trotz ihrer elfenhaften Schönheit an Selbstbewusstsein mangelte.

Silvie Anderson schien es richtig zu genießen, sich einmal bei einer freundlichen Geschlechtsgenossin aussprechen zu können. Sie sprudelte förmlich über vor Mitteilungsbedürfnis und vertraute Greta eine Menge Einzelheiten aus ihrem Leben an.

Silvie hatte eine karge, entbehrungsreiche Kindheit gehabt. Ihr Vater hatte sie nicht gekannt. Die Mutter hatte das Mädchen in ein Heim gegeben, da sie für ihren Unterhalt hatte arbeiten müssen. Silvie war als Kleinkind schwächlich und oft krank gewesen. Nach Abschluss der Schule hatte sie als Bedienung zu arbeiten angefangen.

„Es war oft nicht einfach“, erzählte sie. „Ich war noch so jung, nicht gerade kräftig und so schüchtern. Ich habe mich richtig durchboxen müssen. Eine Kellnerin ist ja für viele Männer nur ein leichtes Tuch, an dem man sich die Hände abwischt. Ich will damit sagen, dass man ihr wenig Achtung entgegenbringt. Aber ich hatte ja keine Wahl, weil ich nichts gelernt hatte. Ich musste sehen, wie ich mich durchschlug.“

Eine kleine Pause folgte, dann umspielte ein zartes Lächeln ihre Lippen.

„Aber dann lernte ich Dennis kennen, und alles wurde anders. Er war so höflich, behandelte mich mit so viel Respekt. Das war für mich etwas völlig Neues, ganz Wundervolles. Dennis studierte damals noch Maschinenbau. Stellen Sie sich vor, Frau Hell, er stammt aus einer sehr feinen Bostoner Familie. Sie besitzen eine große Maschinenfabrik und sind reich.