Eruptionen: Soldnia, Band 1 - Konstantin Kornel - ebook

Eruptionen: Soldnia, Band 1 ebook

Konstantin Kornel

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Opis

Eloby, ein Kontinent irgendwo, eine fiktive Welt, nicht unähnlich der möglicherweise künftigen, die aus den gegenwärtigen Problemen resultieren könnte: das Ausgeschöpftsein konventioneller Energie- und Rohstoffressourcen, die zunehmende Unfähigkeit der zentralistischen Verwaltungen und eine vollkommen verschleiern wollende Informationspolitik. Unruhen beginnen, deren Urheber und Protagonisten nicht klar zu orten sind, in die Josua Melson und Jean Louis Denouis an getrennten Orten ungewollt verwickelt werden. Kann eine Maschine Menschen wirklich Leben zurückgeben, die sich eindeutig im medizinischen Zustand des Todes befunden haben? Was würde mit den Wieder-Belebten geschehen? In Tradition der Science-Fiction- und Fantasy-Literatur erwachsen mysteriöse Kreaturen, vernetzen sich Lebenswege, die in einen Konflikt gezogen werden, in dem nicht alles so ist, wie es beim ersten Anblick erscheint.

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Konstantin Kornel

SOLDNIA I

ERUPTIONEN

Engelsdorfer Verlag

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dank für die große Unterstützung,

meinem

Vater Lutz Nitzsche-Kornel

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

© Einbandfoto Armin Krause, Leipzig

Aus dem Zyklus „Finnland – Am Nordmeer“

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Erster Teil

1.

2.

3.

4. Montag, 6. Januar

5.

6.

7. Freitag, der 3. Februar.

8. Ein abgelegenes Industriegebiet in einem Randbezirk von Netlar – in der Nacht vor dem 5. Februar.

9.

Es war 12 Uhr mittags, am 5. Februar.

10.

ZWEITER TEIL

1.

2.

3.

4. Mittwoch, 8.Februar

5.

6.

7.

9.

10.

11

Epilog

Zum Autor

Erster Teil

Die Welt Soldnia

mit ihren beiden Kontinenten Eloby und Nitsua.

Wir sind in Kanzer, einer ruhigen Stadt

im Südwesten Elobys.

1.

Die imposante Kathedrale, die sich unmittelbar im Zentrum von Kanzer wie ein Gebirge erhob, war gefüllt mit Menschen in grau und schwarz. Die Sitzreihen reichten nicht aus für den immensen Andrang. Viele waren gezwungen, sich auf die Balkone der oberen Ränge zu zwängen und bis hin zum großen Hauptportal standen sie im Mittelschiff eng gedrängt. Die Sonne fiel gedämpft durch die Farben der Bleiglasmosaike der hohen schmalen, gotisch anmutenden Fenster, die sich zu beiden Seiten der Kirchenschiffe bis zur spitzgratgewölbten Decke erhoben und tauchte diesen heiligen Ort in ein dunkel schimmerndes Licht, das als Ensemble eine seltsame Vertrautheit ausstrahlte, Herberge und Furchtort zugleich.

Das krachend-hallende Klacken von Schuhen mit harten Sohlen auf Steinboden durchzuckte in rhythmischen Stößen die feierliche Stille und ließ sämtliche Blicke zum Podium wandern, hinter das Joshua Melson gemächlich trat. Er räusperte sich vorsichtig, mit professionellem Abstand zum Mikrophon, worauf ein sekundenlanges erwartungsvolles Schweigen eintrat, das Joshua mit einem leisen „Vielen Dank, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Es ehrt mich, ehrt uns sehr“, beendete.

Er bemerkte, wie sehr er schwitzte, nahm seine Lesebrille ab, ohne die er seine vorbereitete Rede nicht hätte wiedergeben können und wischte die wenigen Tropfen auf den Gläsern mit einem Taschentuch vorsichtig ab. Er fühlte sich seit jeher unwohl in Anzügen – und besonders diesen hatte er nie gemocht, doch leider war es sein einziger schwarzer. Doch der gegebene Anlass ließ keine andere Farbwahl zu. Er trug darunter ein alabasterweißes Hemd mit einer schwarz-rot gestreiften Krawatte, die mit den kaum vergehenden Sekunden immer enger zu werden drohte. Joshua drückte sich eine Träne weg und versuchte erneut, die Ansprache zu beginnen: „Ich wünschte, der Anlass, zu dem wir alle hier erschienen sind, wäre ein glücklicherer.“

Seine Augen brannten mit jedem Wort mehr, er fühlte, wie die Tränen hervorzubrechen versuchten, doch gab er dem Reflex nicht nach. „Ich bedanke mich aus tiefstem Herzen bei den Vielen, die schon hier gesprochen haben. Jede einzelne Rede, Anekdote und Geschichte hat mich zutiefst berührt. Nun spreche ich, ihr Mann, als Letzter zu Ihnen, um ihr noch die Ehre und Liebe zukommen zu lassen, die sie verdient.“

Er ließ eine kurze Pause, um sich nochmals zu sammeln und blickte dabei, gemächlich die Augen schweifen lassend, eindringlich auf die Masse der schweigenden Gesichter. Er spürte die Unsicherheit in seiner Brust und beschloss, seine Rede auf das Minimalste zu verkürzen. Er war noch nicht wieder stark genug.

„Den Tod meiner Frau werde ich niemals verkraften. Mein Verstand, dieses scharfe Messer der Rationalität, versteht es, doch mein Gefühl, eine unerbittliche Fessel, will nicht glauben, dass es sie nicht mehr geben soll.“

Die bisher mit Mühe zurückgehaltenen Tränen brachen heraus, benetzten Joshuas Lippen mit einem salzigen Hauch. „Ich danke dir, Josephine, für alles, was du je für mich getan hast. Du warst immer für mich da. Du warst die liebevollste, größte und großartigste Frau und Mutter, die …“ – wobei sein Mund zitterte und er kraftvoll das Podium packen musste, um sich wieder fassen zu können. Er konnte nicht mehr. Es war zu viel für ihn: „Ich hoffe, du bist jetzt an einem besseren Ort, Josephine. Ich werde dich niemals vergessen. Ich werde dich immer lieben. Immer.“

Das letzte Wort flüsterte er in das Mikrophon und trat zurück. Er überließ die riesige Halle dem mächtigen Schweigen, das nur durchbrochen wurde von seinen erneut hallenden Schritten, bis er sich wieder auf einem Stuhl niedergelassen hatte. Er hockte allein am äußeren Ende der Stuhlreihe, die rechts neben dem Altar aufgestellt worden war. Ein kurzer Blick auf den leeren Platz rechts neben ihm, erinnerte ihn schmerzhaft an das Fehlen seines Sohnes Alexander, worauf er wie erstarrt, mit den Ellbogen auf den Knien und das Gesicht in seinen Händen verborgen, den Tränen freien Lauf lassen musste.

Es war sehr kühl, selbst für einen solchen Februarmorgen. Eine kräftige Böe von draußen trieb einen unangenehmen Schauer heran und er spürte plötzliche Gänsehaut. Die Luft war klamm und erfüllt vom stetigen Getöse der Stadt. Der Klangteppich aus ihren Verdauungsgeräuschen wurde abrupt durch die dumpf schallenden Glocken überlagert, die eben in diesem Moment in Bewegung gesetzt worden waren als der Sarg mit den vier Trägern an Alex vorbei durch das Portal zu dem parkenden Wagen zu schweben schien, der diesen zur Beisetzungsfeier in das Haus der Melsons bringen sollte. Das schwarze längliche Gefährt mit den verhangenen Scheiben stand direkt vor der Eingangspforte. Alex, der vermisste Sohn, lehnte an einer Säule, in einer der hintersten Reihen der Kathedrale, da er eben noch rechtzeitig zum Beisetzungsgottesdienst angekommen war. Er wollte sich nicht zu seinem Vater setzen, auch wenn er ahnte, wie schlecht der sich jetzt fühlen mochte. Die Wut in ihm war noch zu stark. Sie hatte sich mit der Trauer, dem Schmerz und dem nicht begreifen Wollen, was geschehen war, gepaart. Er kam nicht darum herum, seinen Vater für den Tod seiner Mutter verantwortlich machen zu müssen.

Die Orgel spielte ein Requiem. Dazu schallten die Glocken leise und schwebend aus dem Gebäude. Die Leute, die gestanden hatten, begaben sich nun langsam auf den Weg nach draußen. Alex folgte dem langsamen Strom. War das die Trauerfeier für seine Mutter? Warum spürte er davon nichts? Es war alles so weit weg, überhaupt nicht greifbar. Er schnappte nach dem Moment, nach der Realität und versuchte sich der Situation bewusst zu werden. Es gelang ihm nicht. Er war gefangen in einem mächtigen, ihm unbegreiflichen Ereignis. Hunderte Menschen, die gekommen waren, um seiner Mutter die letzte Ehre zu erweisen. Wie viele waren wohl nur Schaulustige? Einige wenige, die sich beruflich dazu verpflichtet gefühlt hatten. Und niemand der nachvollziehen konnte, was es ihm bedeutete. Kein Einziger war unter diesen Menschen, der wie er am liebsten aufgeschrien und sie alle verscheucht hätte. Er hatte während ihres Lebens so selten die Möglichkeit gehabt, ihr wirklich nahe zu sein. Wieso musste sich das nach dem Tod so unbarmherzig fortsetzen?

Er trat endlich mit der Menge durch das Tor und spürte die klare Luft, die seine Lungen füllte und sein Gesicht erröten ließ. Draußen zerstreuten sich die Besucher in alle Richtungen. Der Leichenwagen stand etwas abseits, damit er nicht den Ausgang versperrte. Mittlerweile war die Orgel verstummt und auch die Letzten hatten ihre Plätze verlassen und den Weg nach draußen angetreten. Er drehte sich um und blickte verstohlen durch das Mittelschiff zu dem einsamen Stuhl neben dem Altar, wo sein Vater saß. Zusammengeschrumpft auf einen Bruchteil seiner Größe, die dunkelbraunen kurzen Haare nicht wie sonst ordentlich zu einem Mittelscheitel gekämmt, sondern zerzaust, das Gesicht verdeckend. Mitleid wollte ihn packen, doch er wich dem aus. Einige Leute erkannten Alex, wollten ihr Beileid kundtun. Er hörte nichts mehr, sah nichts mehr, öffnete wie im Trance die Tür seines Wagens, setzte sich, drehte den Zündschlüssel und fuhr los.

Das Haus der Melsons lag mitten auf dem höchsten Hügel wenig östlich der Stadt, den man von jedem freien Platz im Ort erkennen konnte. Genauso war es möglich, von da aus wiederum die komplette Stadtfläche zu überschauen. Es war ein herrschaftliches, längliches Gebäude, das mit seinem leicht vorstehenden Mittelrisalit entfernt an ein kleines Schloss erinnerte. Vor allem die beiden dorischen Säulen die neben der Eingangstür standen, wirkten so sehr majestätisch wie bedrohlich. Hinter dem Hauptgebäude, das in einem warmen Aprikos gestrichen war, stand noch ein fensterloser, grauer Komplex, der Joshua und Josephine Melson als persönliches Laboratorium gedient hatte.

Jede Facette des Gebäudekomplexes verkündete dem kritischen Betrachter eine überhebliche Dekadenz.

Es war weit nach Mitternacht und der Himmel über der Stadt strahlte sternenklar. Alex saß auf seinem Bett. Der Raum war ihm vertraut, denn es war sein früheres Kinderzimmer. Hier fühlte er sich etwas wohler und geborgener als im restlichen Haus, das ihm schon immer, doch gerade jetzt noch mehr, fremd und kalt vorkam. Er hatte mit sich ringen müssen, um auf dem Weg nach Netlar, der Hauptstadt, in der er derzeit wohnte, umzukehren, um doch noch die Trauerfeier hier im Haus zu besuchen. Für seinen Vater hatte er das getan. Oder? Er wollte ihm noch eine Chance geben. Als er am frühen Nachmittag angekommen war, erfüllte das Haus bereits der schwellende Lärm flüsternder Leute. Das Gefühl von Befremden, das ihn in der Kathedrale so eingenommen hatte, schlich sich wieder an, doch er bemühte sich, es abzuschütteln und seinen Kopf freizubekommen. Seine Mutter war im kleineren der Wohnzimmer aufgebahrt, in einem sehr stimmigen, ruhigen Ambiente, was Alex ein wenig beruhigte, da er befürchtet hatte, dass sein Vater die Aufbahrung womöglich im großen Foyer angeordnet haben könnte. Die weinroten Gardinen waren zugezogen und zwei kleine Tischchen standen mit Blumen und Kerzen geschmückt neben dem schlichten Ebenholzsarg. Niemand sonst befand sich im Raum und er genoss die Minuten der Zweisamkeit mit seiner Mutter, die ihm seit dem Beginn seiner Erinnerung so viel bedeuteten. Er hatte mit ihr geredet, ihr von seinen Gefühlen und Ängsten erzählt und anfangs tat es ihm sehr gut. Doch schon nach ein paar Minuten entstand ein schmerzhaftes Gefühl der Leere in ihm. Nie in seinem Leben war die Einsamkeit so stark gewesen. Daraufhin war er in sein altes Zimmer gegangen, um sich hinzulegen. Nun saß er bereits einige Stunden auf der Bettkante und schaute ins Nichts. Die gesamte Zeit über hatte er die leisen Gespräche mitverfolgt und sie verflucht. Sein Zorn war während der Stunden gewachsen. Sein Zorn auf seinen Vater. Der hatte ihm nicht sehr Detailliertes über den Tod seiner Mutter gesagt. Sie hatten nie viel gesprochen, angemessen ihres niemals sonderlich guten Verhältnisses zueinander. Joshua war stets viel zu beschäftigt gewesen. Er und seine Mutter waren Wissenschaftler aus tiefstem Herzen. Er Chemiker, Neurobiologe und Physiker, sie Mathematikerin und Biologin. Die meiste Zeit forschten und arbeiteten sie. Sein Vater war dazu häufig unterwegs, um Vorlesungen zu halten oder um Sponsoren für ihr großes, geheim gehaltenes Projekt zu finden.

Der Name Melson wurde in den höchsten Kreisen des Staates mit anerkennendem Respekt genannt. Doch diese Ehre, die etliche Privilegien mit sich brachte, an denen er seit jeher partizipiert hatte, zog auch viele Pflichten nach sich. Seine Eltern waren dadurch sehr selten zu Hause gewesen, vor allem der Vater. Alex hatte seit seiner frühesten Kindheit gemerkt, dass seine Mutter die einzige Person im Haus bleiben würde, der er jemals sein Herz öffnen könne. Sie hatte sich immer darum bemüht, jede frei verfügbare Minute mit ihm zu verbringen, ihm Liebe und Geborgenheit zu geben, die ihm sonst so fehlten.

Vor vier Jahren zog Alex aus. Er hatte genug von diesem Haus, genug von seinem Vater und den ewigen Ausreden, weswegen Joshua wieder ein Wochenende oder gleich ganze Wochen fort bleiben müsse. In dieser Zeit nach Alex Auszug schrieb er sich regelmäßig Briefe mit seiner Mutter, die weiterhin der einzige Mensch war, der er sich anvertraute. Jedenfalls fast. Vor einem Monat kam jedoch der erwartete Brief nicht. Sie hatte versprochen zu schreiben. Zwei Wochen lang erhielt er kein Zeichen von ihr. Also geschah etwas, wovon er sich seit seiner Abreise geschworen hatte, es nie wieder zu tun. Er rief zu Hause an. Doch auch dieser Versuch, den Kontakt mit seiner Mutter wieder aufzunehmen, misslang. Es war niemand da. Nicht einmal die Haushälterin nahm ab. Nun erwachten in ihm ernstliche Sorgen und er fuhr noch am selben Nachmittag los, nachzusehen was möglicherweise geschehen war. Am späten Abend schließlich erreichte er Kanzer und eilte sofort die steile Serpentinenauffahrt zum Anwesen seiner Eltern hoch. Drinnen brannte kein Licht, niemand beantwortete sein Läuten. Als letzter Einfall ging er außen um das Haus herum, um im Labor nachzusehen, als zufällig seine Mutter aus diesem heraus trat, wohl um frische Luft aufnehmen zu können. Sie strahlte vor Freude über diese unerwartete Begegnung. Sie hatte ihm daraufhin euphorisch erzählt, dass sie derzeit in einer enorm wichtigen Phase eines bahnbrechenden und geheimen Projekts fest steckten. Sie entschuldigte sich für die versäumte Post und versprach, wieder regelmäßig zu schreiben. Erleichtert fuhr Alex wieder zurück nach Netlar und wartetet vergebens auf den Brief, der nie ankommen sollte. Anstatt dessen erreichte ihn eine Woche darauf ein Brief seines Vaters, in dem mit zittriger Handschrift geschrieben zu lesen war:

Komm nach Hause, Josephine ist tot!

Er wollte es zuerst nicht begreifen. So stand er vor seinem Briefkasten im Hausflur und zitterte. Er dachte an einen schlechten Scherz, doch alle seine inneren Stimmen hatten ihm die Sicherheit gegeben, dass es Ernst war. Wieder war er sofort den weiten Weg nach Kanzer gerast, dort ein Haus voller Chaos – und seine tote Mutter vorzufinden.

Ein lautes Geräusch weckte ihn aus seinen Erinnerungen. Die Haustür war zugefallen und die plötzliche Ruhe im Haus hatte ihn aufgeschreckt. Er schaute auf die Uhr: viertel vor Eins. Er hörte Schritte näher kommen. Es konnte nur sein Vater sein; dennoch und vielleicht gerade deshalb klangen sie bedrohlich. Er verspürte nur noch das zwingende Bedürfnis, endlich allein unter den Lebenden zu sein. Er wollte nur zu Josephine. Er brauchte Ruhe.

Die plötzliche Stille bedrückte Joshua. Die Tür war der letzte laute Knall der diesen anstrengenden Tag eigentlich zur Ruhe kommen lassen sollte. Nun kam er nicht umhin, zu seinem Sohn sich zu begeben. Die letzte Zeit war eine Zeit der Reue für ihn gewesen. Ihm war mit jeder Minute, die seine Frau tot war, mehr von seinem fehlerhaften Verhalten klar geworden und nun wollte er sich vor sich selbst verstecken, lief durch die großen, nur spärlich beleuchteten Flure des Erdgeschosses in die Richtung des alten Kinderzimmers. Er atmete tief durch, fasste sich einen Moment, um sich selbst klar zu machen, weshalb er hier war und stellte sich in den Türrahmen. Der Raum lag im Dunkeln. Nur spärlich vom Licht aus dem Flur und von dem der Sterne durch die Fenster erhellt. Sein Sohn saß zusammengekauert auf der Bettkante in Richtung Fenster gewandt. Joshua blickte verstohlen an ihm vorbei durch die Fenster, die einen wunderschönen Blick auf die Lichter der Stadt boten. Er fing sich, der Situation bewusst werdend.

„Mein Sohn … Alex. Ich weiß, dass es für dich genauso schwer ist“, stammelte er und kam sich fast lächerlich vor bei seinen Worten. Er wusste nicht, wie er sich angemessen ausdrücken sollte. „Können wir nicht darüber sprechen?“

Er schluckte tief und vermeinte, dass Alex seine Unsicherheit mitbekam. Er hatte keine Regung gezeigt, seit Joshua im Raum war, dennoch bemerkte Joshua seine Anspannung. Fast unhörbar flüsterte Alex plötzlich: „Jetzt willst du dich plötzlich dafür entschuldigen, dass sie wegen dir sterben musste. Ich weiß schon, wie es war.“

Joshua blieb der Atem weg nach dieser Anschuldigung. Er hatte nicht von sich gedacht, dass er die Gedanken seines Sohnes gut deuten konnte, doch in solche Abgründe zu blicken, hatte er nicht erwartet. Er fühlte sich unbeholfen. Mit lauterer, und bestimmterer Stimme fuhr Alex fort:

„Ich weiß, dass du es hättest verhindern können!“

„Du weißt selber, dass das nicht wahr ist!“, fuhr Joshua ihm ins Wort.

Alex erhob sich ruckartig zu seiner vollen Größe und schaute Joshua mit durchdringenden Augen an: „Was weiß ich?!“, schrie er seinen Vater an. „Nichts weiß ich, weil du dein Maul nicht aufbekommst. Weil du das nie konntest!“

Alex drehte sich wieder um, stellte sich ans Fenster und lehnte sich mit den Ellenbogen aufs Fensterbrett. Es fühlte sich kalt an und ihn überkam eine Gänsehaut. Joshua wollte noch nicht aufgeben.

„Ich will doch mit dir reden. Es fällt mir sehr schwer, Alex. Wieso können wir denn nicht noch mal von vorn beginnen? Wieder aufeinander zugehen. Ich will die vielen Jahre wieder gutmachen. Wieso können wir es nicht wenigstens versuchen?“

Joshua stand zitternd im Raum. Er hatte sich bewusst entblößt, um Reue zu zeigen. Die Pause des Schweigens wurde immer unerträglicher für ihn.

Mit einem Ruck drehte Alex sich um und schaute seinem Vater tief in die dunklen braunen, jetzt feuchten Augen: „Weil es dafür zu spät ist!“

Joshua konnte auf diesen plötzlichen Schlag nicht reagieren und stand regungslos im Raum, lange nachdem Alex an ihm vorbei hinaus geflüchtet war und das entfernte Knallen der Eingangstür durch das leere Haus hallte. Als er hörte, wie Alex den Wagen anließ, fasste er sich und trat an das Fenster. Er konnte noch flüchtig erkennen, wie das kleine blaue Auto am Fenster vorbei und um die Ecke in Richtung Stadt fuhr. Das Motorengeräusch war noch lange Zeit zu hören. Eine Welle der Kraftlosigkeit überkam ihn. Er fasste mit der flachen Hand an die Glasscheibe, ohne zu wissen, warum und fühlte die kalte glatte Oberfläche. Dahinter lag das kleine beleuchtete Stück Straße vor dem Haus mit der Silhouette der nächtlichen Stadt Kanzer, deren Lichter sich bis zum Horizont erstreckten.

Es war Sonntag, der 5. Februar.

2.

Sein Entschluss zu fliehen, war plötzlich über Alex gekommen. Es war, als könnte er nicht anders, als hätte ihn eine unsichtbare Hand davon weg getrieben, sich der Diskussion zu stellen. Jetzt saß er in seinem Auto und fragte sich, ob es Furcht gewesen war. Er hatte seine Gefühle nicht unter Kontrolle. Also beschloss er, alles von sich abzulegen und sich nur auf die Straße zu konzentrieren. Der Hügel, auf dem das Haus stand, lag am Rand eines elitären Villenviertels, kurz vor der Innenstadtgrenze von Kanzer. Nach ein paar Straßen kam er spürbar in eine dichter bewohnte Gegend. Es befanden sich kaum Menschen auf der Straße. Kanzer war eine Kleinstadt und selbst das als Zentrum Bezeichnete lag fast verlassen da. Er merkte, dass er zu schnell fuhr und verlangsamte seine Fahrt. Er hatte keine Eile. Er liebte diesen Ort sehr, so wie man wohl nur eine Heimat lieben konnte. Er hatte reichlich gute Erinnerungen an die vielen verwinkelten Plätze, die die Stadt bot. Aus der Hauptstraße bog er in eine kleinere ein, die ihn direkt zur Goise, dem Fluss führte, der sich quer durch den Ort wand. Auf der alten Steinbrücke hielt er am Straßenrand an. Von hier aus konnte er direkt auf die Kathedrale blicken, die direkt am Flussufer erbaut worden war. Sie stand mächtig und gelassen da, angestrahlt in einem warmen gelben Licht, umgeben von großen weiten Grünflächen, ruhig und verlassen. Er musste an den Beisetzungsgottesdienst am Morgen denken, dann an die anderen Ereignisse, die in dieser Nacht stattfinden würden, ein kurzer Moment der Sorge. Lieber nicht daran denken. Dadurch, dass seine Mutter nun fort war, verband ihn nichts mehr mit Kanzer. Nur Schatten. Er hatte sich soeben dazu entschieden, diese Verbindung zu kappen. Also genoss er den stillen Moment, um sich im Inneren dieses Ortes, der so viele Jahre seine Heimat gewesen war, zu verabschieden. Er kam sich ein wenig zu melancholisch und plötzlich auch lächerlich vor und ließ den Motor wieder an. Auf der Straße musste er wenden, um in die Richtung der Autobahn nach Netlar zu gelangen. Während des Wendens hatte er kurz den Blick auf das Haus seines Vaters werfen können, das hoch auf dem Hügel hinter der Stadt prahlte. Die Überheblichkeit, die dieses große Haus auf dem Hügel hinter der Stadt ausstrahlte, machte ihn plötzlich wieder einmal wütend. Er wollte nicht an solchem Lebensstil teilhaben, den er als dekadent verabscheute und wurde sich im selben Moment bewusst, dass er vor kurzem erst beschlossen hatte – weshalb nicht früher, fragte er sich –, dass er das nicht mehr tat. Er hatte einen besseren Weg gefunden, sein Leben zu beschreiten. Sogar so etwas wie ein Sinn lag darin. Das löste in ihm ein Gefühl der Zufriedenheit aus, wie er es seit Wochen nicht mehr gespürt hatte. Mit diesem Gefühl bog er in die Auffahrt ein, die ihn nach Netlar, nach Hause führte.

Joshua saß im kleinen Wohnzimmer und starrte die Wand an. Nervös knetete er ein Stück Wachs, das er von einer der Kerzen gekratzt hatte und dachte nach. Er zitterte und wippte mit dem linken Fuß, ohne es zu bemerken. Plötzlich schaute er geradeaus auf Josephine, die immer noch im Sarg aufgebahrt da lag. Er warf das Stück Wachs weg und verlor sich in seinen Erinnerungen:

Es war ein warmer Sommertag, vor nun fast fünfundzwanzig Jahren. Joshua war damals achtzehn geworden, befand sich auf dem Weg zum höchsten Schulabschluss und fühlte sich froh, sein Leben bald der Wissenschaft widmen zu dürfen. Er war ein sehr stiller Junge. Mit Vorliebe mied er die Konfrontationen mit zu vielen Menschen, war gern allein, ein typischer Außenseiter. Aber das war ihm egal. Anerkennung oder Beachtung maß er keinen Wert bei. An jenem Tag nun wurden sportliche Wettkämpfe ausgetragen, denen er stets fern geblieben war. Nur hatte Marc, ja er erinnerte sich an den blonden, großen, dummen Marc, mal wieder andere Pläne mit ihm. Es gab eine Schlägerei, wenn man es überhaupt eine solche nennen konnte. Marc hatte Joshua geschubst, woraufhin er ebenso konterte. Das nahm Marc als Anlass, Joshua mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen. Joshua ging zu Boden, wieder einmal gedemütigt vor der ganzen Klassenstufe, daran gewöhnt, wieder einmal resignierend. Unter dem bohrenden Gelächter und beißenden Gekicher der Mitschüler stand er lustlos auf und schlurfte zu einer Bank, um sich zu setzen und wollte den Vorfall schon vergessen, als plötzlich ein Mädchen aus der tuschelnden Menge sprang und lauthals anfing loszuschreien, was für ein kindisches Verhalten das denn wäre. Ob denn nun alle übergeschnappt seien. Er sah sofort, dass sie schön war. Sie hatte dunkles, schulterlanges Haar, zu einem Zopf zusammengebunden und große, braune, wilde Augen. Sie stellte sich mit verschränkten Armen vor ihn und verteidigte ihn vor den Übeln dieser Welt. Das war Joshuas erste Erinnerung an Josephine.

Er stand auf und beugte sich über den offenen Sarg. Ihr Gesicht hatte sich nicht sehr stark verändert. Einige erste Falten zeigten sich. Ihm war es so, als hätte sie aber niemals ihre Stärke verloren. Sie war seit jeher ein unbeirrbarer Mensch gewesen, wusste, was sie wollte und hatte sich nie davon abbringen lassen. Er berührte ihre Hand und erschrak, wie kalt diese war. Er konnte immer noch nicht akzeptieren, dass sie tot war. – Ex und Finis! Nun überkam es ihn mit einem plötzlichen Hauch von Hilflosigkeit.

Sie hatten sich allmählich kennen gelernt und waren sich näher gekommen. Sehr früh hatte Josephine ihre Eltern verloren und war abwechselnd bei verschiedenen Onkels und Tanten untergekommen, die weit verstreut über das Land gewohnt hatten. Irgendwann war sie aus einem ihr unbekannten Grund bei ihrer Tante mütterlicherseits verblieben, die in Kanzer lebte. Josephine war selbstbewusst und stark nach außen, das Leben hatte sie hart gemacht. Innen steckte aber ein sensibles Mädchen, das einfach nur ab und zu an die Hand genommen werden wollte. Sie verband Herz und Härte. Auf die erste Begegnung und Joshuas gehaspelter Bedankung hatte sich ein längeres Gespräch angeschlossen, in dem klar geworden war, dass Joshua und sie die Leidenschaft und Liebe zur Wissenschaft verband. Sie erzählte ihm heißblütig von den Möglichkeiten der Gentechnik, von denen sie auf ihren Reisen so viel gelesen und gehört hatte, während er ihr die unglaublichen Errungenschaften der Nano-Physik erklären wollte. Dabei führte er sie in seine kleine Welt und sie ihn in die große, weite.

Joshuas Eltern freuten sich, dass seine Einsamkeit und Zurückgezogenheit ein Ende hatte. Sie luden Josephine oft zum Essen oderdem traditionellen Nachmittagskaffee ein und nach einigen Monaten verbrachten die beiden fast jeden Nachmittag zusammen, hockten in Joshuas Zimmer, lernten oder erzählten sich gegenseitig heißblütig von ihren Fortschritten bei den höchsteigenen Untersuchungen.

Eines Tages saßen sie wie immer über ihre Bücher gebeugt auf seinem Bett als sie plötzlich aufschaute. Mit einigen dunklen Strähnen, die über ihrem Gesicht schwebten, blickte sie Joshua mit ihren mandelförmigen Augen an und nahm seine Hand. Mit einem Moment verschwand das Zimmer um sie herum und Blattgrün, eine frisch gemähte Wiese, Blumen und ein Sonnenaufgang im Sommer strömten durch Joshuas Nase, als Josephine ihm ganz nah kam und ihn küsste. Furchtlos entblößte sie ihm ihre Seele und gestand ihm ihre Liebe. Es war ein kurzer Moment, der alle seine Hoffnungen bestätigte und seine Ängste zerstreute. Fassungslos war er. Ungläubig und von so viel Glück durchdrungen, wie er es niemals für möglich gehalten hätte.

Er erinnerte sich noch wortwörtlich an das, was sie damals zu ihm gesagt hatte: „Ich liebe dich Joshua. Ich möchte mit dir zusammen sein. Solange wir leben. Und wenn es möglich ist, sogar noch darüber hinaus.“ Sie hatte damals kindisch gekichert und meinte doch jedes Wort todernst.

Sein Herz klopfte stark. Nun war es soweit. Es ist nicht so gekommen, wie wir es uns erhofft hatten. Es ist schief gelaufen. Du bist gestorben. Doch das werde ich wieder gutmachen. Dein Tod wird nicht sinnlos sein. Dein Tod wird endlich sein! Wir haben zusammen daran gearbeitet, wir haben so lange alles daran gesetzt und niemals aufgegeben

Nun wild entschlossen erhob er sich, griff vorsichtig unter sie und hob sie aus dem Sarg heraus. Er lief mit ihr durch den Korridor, stieß die Haustür mit dem Fuß auf und trat nach draußen. Die kalte Winterluft schnitt ihm scharf in das Gesicht – doch nichts sollte ihn nun aufhalten. Mit gezielten Schritten schritt er rechts um das Haus herum und ging auf die massive Stahltür des Laboratoriums zu. Kurz hielt er Josephine mit nur einem Arm, um die Sicherheitskombination einzugeben, woraufhin die Tür sich mit einem Klicken öffnete. Er schob sie mit dem Fuß auf und ließ sie hinter sich zufallen. Die langen kalten Lampen an der Decke erwachten automatisch mit einem knisternden Flackern zum Leben. Durch und durch kalt und steril lag die Halle da. Der Boden bestand aus unzähligen glatt polierten Metallplatten und spiegelte das kalte weiße Licht der Dioden von den Deckenlampen verschwommen wider. Überall standen, scheinbar chaotisch, doch eigentlich mit akribischer Ordnung aufgestellt, komplizierte Geräte herum, von denen einige beim Öffnen der Tür angesprungen und andere permanent aktiv waren. Trotz des unpersönlichen Klimas im Raum fühle Joshua sich wohlig behütet. Viel eher als in Gesellschaft, besonders denen, wo er um finanzielle Unterstützung für sein Projekt buhlen musste. Er hatte zusammen mit Josephine fast durchgängig die gesamten letzten zwei Jahre hier verbracht. Er legte sie vorsichtig auf eine Art Trage, die neben einem großen Gerät stand, das aussah wie ein großer sargförmiger Kühlschrank. Nachdem er an einer Konsole hantiert hatte, öffnete sich der Glasdeckel und das Gerät wurde zischend und quietschend in eine waagerechte Position gebracht. Innen war der Behälter mit weichem Stoff ausgekleidet. Joshua nahm Josephine vorsichtig von der Trage und bettete sie hinein. Er befestigte Lederriemen an ihren Hand- und Fußgelenken, fixierte ihren Kopf und schloss mit einem Knopfdruck den Glasdeckel wieder, worauf sich der Behälter quietschend in eine senkrechte Position bewegte. Joshua stellte sich hinter eine mattglänzende Konsole, die unmittelbar vor dem Gerät aufgebaut war, völlig geistesanwesend und konzentriert. Für Gefühle jeglicher Art war nun kein Raum mehr in ihm. Das Risiko eines Fehltritts war enorm. In Gedanken ging er jeden Schritt noch einmal gründlich durch, bevor er tief durchatmete und auf einen grünen Knopf neben einem Bildschirm drückte. Der Raum schien plötzlich zum Leben erweckt worden zu sein. Von überall drangen Zischgeräusche zu ihm und Behälter mit Flüssigkeiten aller Art begannen laut zu gluckern. Dampf quoll heftig aus einigen Geräten um ihn herum. Joshua ging einen Schritt zur Seite und stellte sich vor einen massiven, grünen Hebel.

„Du wirst wieder leben, Josephine!“, brüllte er sich Mut zu und legte mit Wucht den Hebel um, der laut knallend einrastete. Sein Herz klopfte wie wild und er dachte, er bekäme keine Luft, so groß war der Druck in ihm. Er hatte Angst. Sie kam plötzlich und ohne Vorwarnung über ihn und begann seine Sinne zu lähmen, wogegen er mit allen psychischen Kräften ankämpfte. Er zuckte, als der Bildschirm rot zu blinken begann. Nachdem er auf ein paar Tasten gedrückt hatte, hörte das Blinken auf. Noch lief alles nach Plan. Er überprüfte noch einmal nervös alle Anzeigen. Das Programm näherte sich dem kritischen Punkt. Der, an dem beim letzten, dem entscheidenden Versuch alles schief gelaufen war. Nochmals überprüfte er die Anzeigen. Alles schwankte im grünen Bereich. Nichts Beunruhigendes. Nun war der Moment gekommen. Er drehte an dem kleinen Rädchen, das die Menge der Mixtur regulierte, die Joshua nun intravenös in den toten Körper seiner Frau injizieren ließ. Seine Hände schwitzten. Nun musste er beweisen, dass er den Fehler behoben hatte. Der Generator durfte diesmal nicht überhitzen! Er kontrollierte wieder die Anzeigen, die nur ein kleines unbedeutendes Bisschen in den orangen Bereich gerutscht waren. Plötzlich knallte es laut hinter seinem Rücken und er dachte sofort, dass das nun das Ende des Experiments war. Als er sich umdrehte, sah er, dass nur ein Stück aus einem unter Druck stehendem Rohr abgesprungen war, wodurch die Kühlflüssigkeit, nun gasförmig geworden, aus der offenen Stelle zischte. Noch nichts war verloren. Er schnappte sich den schweren Industrietacker vom Regal an der Wand gegenüber, hob das Stück Metall vom Boden auf, hielt es schnell auf die defekte Stelle und befestigte es mit vier kräftigen Schüssen. Als er sich umdrehte, waren die Anzeigen immer noch in keinem Besorgnis erregenden Bereich. Er war erleichtert. Der Generator summte nun immer lauter und war in vollem Gange. Die Geräte zischten, gluckerten und piepten. Er hatte alles unter Kontrolle. Da kam das erste Signal. Die Anzeige, die für die Reaktionen des Behälters da waren, piepte und leuchtete. Es war das Herz. Es war sein Herzschlag. Die Spannung in ihm war zu groß. Mit den Mäusen und Kaninchen waren sie nie weiter als bis zu diesem Punkt gekommen. Er gab mehr Energie hinzu. Die hohe Spannung, die aufgewendet wurde, konnte der Generator nicht lange aushalten, geschweige denn die Geräte, Kabel und Lötstellen. Er musste schnell einen Gang höher schalten.

Quietschend kam er zum Stillstand. Sein Herz klopfte heftig. Nur ein Gefühl. Eine Ahnung. Es war, als wusste er, dass irgendetwas passiert war, aber er wusste nicht, wohin er dieses Gefühl einordnen sollte. Erst einmal atmete er tief durch und schaute sich um, ob er nicht die Fahrbahn blockierte, doch hinter ihm war die Straße völlig leer, der Wagen stand halb auf dem Seitenstreifen.

Was konnte dieses Gefühl bewirkt haben. Hatte der Wagen sich seltsam angefühlt? War es ein körperliches Gefühl? War es wegen der Fabrik? Er schloss diesen Gedanken aus. Dann musste er plötzlich an seine Mutter denken. Ihr Bild durchfuhr sein inneres Auge. Etwas war geschehen. Das spürte er, und es hatte mit ihr zu tun. Mit diesem Gefühl konnte er nicht weiter fahren. Er musste umkehren. Schwere Sorgen überkamen ihn, gepaart mit dem schlechten Gewissen, dass er nicht hätte wegfahren dürfen. Es verwirrte ihn und er verstand es nicht, doch er wendete sofort und fuhr zurück, diesmal schneller, bestimmter, konzentrierter. Ein Ahnen trieb ihn an, ohne dass er hätte Widerstand leisten können. Etwas war geschehen und er musste herausfinden, worin es bestand.

Ein Fehler! Diese Befürchtung war ihm als erster Gedanke durch den Kopf gefahren, nachdem er den Regler ein wenig höher gedreht hatte. Zwar nur ein Bruchteil einer Sekunde, doch er hörte, wie sich die Geräusche der Geräte veränderten. Die Anzeigen bestätigten sein Gefühl. Sie rutschten unsicher hin und her, den roten Bereich schneidend. Ein Schriftzug blinkte auf dem Bildschirm auf: System überlastet! System überlastet. Er ignorierte die Warnung und tippte konzentriert auf die Tastatur ein. Schweißperlen rannen ihm die Stirn herunter und tropften auf die Armatur. Das Blinken hörte nicht auf. Es wurde stärker. Gleichzeitig begannen etliche rote Lämpchen an den verschiedensten Geräten zu leuchten.

Das Herz schlug.

Funken sprühten plötzlich aus einem Gerät. Joshua hämmerte auf die Konsole ein, so dass die Funken plötzlich verschwanden. Es knallte. Und noch einmal. Und wieder. Aus allen Ecken des Raums kam Spannung. Überall lösten sich Metallteile und flogen durch die Luft.

Die Lunge atmete.

Qualm trat aus einer Öffnung am Boden aus; sofort darauf auch aus einem Gerät an der Wand, das sofort Funken versprühte und laut zischte. Eine Sirene ertönte. Joshua biss die Zähne zusammen. Er hatte es noch unter Kontrolle. Seine Sinne waren gespitzt, aufs schärfste konzentriert. Wie ein Orgelspieler in seiner musikalischen Ekstase wirkte er, wie er sich über die Armatur beugte und mit beiden Händen Tasten drückte, Hebel betätigte und an Rädchen drehte.

„System überlastet! System überlastet! Sofort Stromversorgung kappen!“, schallte es blechern befehlend aus einem Lautsprecher. Die Anzeigen blinkten wild im roten Bereich.

Die Neuronen im Hirn erwachten.

Wieder ein Knall. Diesmal lauter und mit einer starken Erschütterung verbunden. Etwas war explodiert. Joshua schaute sich um und sah Flammen, die aus einem Gerät stießen. Die Tasten reagierten nicht mehr. Plötzlich explodierte die Konsole. Er musste beide Hände schützend vor sein Gesicht nehmen, um sich vor den sprühenden Funken schützen zu können. Er hatte keine Kontrolle mehr. Wieder schallte die Stimme durch den Raum. Diesmal übertönt vom Fauchen und Zischen, vom Knallen und Kreischen der Explosionen:

„Generator sofort abschalten. Reaktorschmelze steht bevor. Generator sofo …“ Die Stimme verstummte. Joshua nahm nichts mehr wahr. Seine Gedanken wurden von seinem Überlebensinstinkt überlagert. Er rannte zur Tür, beinahe in eine Stichflamme geratend, die hinter ihm aufloderte. Die Tür kam näher. Er lief hindurch – - – und im selben Moment, in dem sein Körper plötzlich federleicht wurde, verstummte scheinbar jedes Geräusch in seiner Umgebung zu einem bedrohlichen Brummen. Sein Körper wurde von einer seltsamen Macht durch die Luft geworfen. Wie durch einen Katapult abgeschossen, schleuderte ihn die Druckwelle der Explosion einige Meter weit auf die feuchte Rasenfläche, auf der er schmerzhaft mit den Händen zuerst aufkam und noch ein Stück weiter rollte. Es war so laut, dass er nichts mehr hörte. Nur ein Fiepen. Er drehte sich um, konnte noch fast erleichtert denken, dass das Labor die verhältnismäßig kleine Explosion überstanden hatte, als das gesamte Gebäude in einem gigantischen heißen Feuerball aufloderte, ein gleißender Strahl sich daraus hoch in den dunklen Nachthimmel erhob und sich Geröll, Staub und Feuer zu einem gigantischen Getümmel durch die Luft verteilte. Wie ein konzentrierter Blitz fuhr der Lichtstrahl in einem Bruchteil einer Sekunde hoch und erlosch so schnell, wie er erschienen war. Die Luft beruhigte sich. Splitter verschiedenster Art rieselten noch auf den Boden um ihn herum. Ein Steinchen hatte ihn an der Wange getroffen. Er spürte keinen Schmerz. Das Fiepen in seinen Ohren verschwand langsam. Die Luft war warm und voller beißendem Qualm.

Es fröstelte ihn an seinem Rücken. Er sah den brennenden Haufen Schutt und Geröll, der einmal das Labor gewesen war. Tränen brannten in seinen Augen. Er konnte nicht ausreichend atmen, konnte nicht denken. Sein Gesicht war nass von Tränen und Blut, er verwischte beides wie im Trance, lief davon. Mit langsamen Schritten stolperte er über den lädierten Rasen. Keiner seiner Sinne war noch intakt. Nur eine unsichtbare Macht trug ihn weg, den Hang des Hügels hinunter. In die Stadt.

Kanzer lag kalt und verlassen da. Der Himmel hatte sich zugezogen und war jetzt von drohenden Wolken bedeckt. Es würde bald schneien, dachte Joshua, als er nach oben blickte. Er fühlte sich zerschmettert. Ein kurzer Moment hatte in ihm sein Seelengerüst einbrechen lassen. Er hatte förmlich gespürt, wie der Turm in sich zusammen gefallen war. Nun tauchte er ab in einen See. Während seines langen Marsches den Hügel hinab in Richtung Stadt, bemerkte er nicht einmal die beißende Kälte und hatte nur im Sinn, das Risiko des Erwachens aus dieser Trance so lange wie möglich fern zu halten, in dem er sich betrinken würde. Es war so, als ob er einen Punkt ansteuerte, der für ihn das Ankommen bedeutete. In ihm wuchsen keine kompletten Gedankenstränge mehr. Nur Wörter, halbe Sätze, Bilder und Erinnerungen flackerten vor seinem Inneren Auge auf. Joshua überließ seinem Körper die psychoautomative Kontrolle. Das trug ihn in das kleine Trinker- und Spielerviertel, das nahe am Fluss lag. Es war eine kleine Bar, die er bis zu diesem Tage beim zufälligen Vorbeigehen, während seiner regelmäßigen Spaziergänge immer mit Abscheu und herablassendem Blick angeschaut hatte. Der Schriftzug „Dean’s Bar“ flackerte über der Tür. Nun trat er ein.

Innen war es spärlich gefüllt. Die Luft hing muffig aber warm im Raum. Zigarettenqualm drang unbarmherzig in die Augen und Lungen. Aus einigen dunklen Ecken wehten Fetzen gemurmelter und gekrächzter Gespräche, dazwischen das Klirren von Gläsern und Poltergeräusche. Ein Televisor lief am Tresen. Er setzte sich auf irgendeinen Barhocker und fühlte dabei wie die Wärme in seinen Körper zurückfloss, bestellte den stärksten Schnaps und leerte ein Glas nach dem anderen.

Nach und nach verschwanden die Gedankenfetzen und wurden von einem gleichmäßigen Brummen in ihm abgelöst. Ein angenehmer Nebel kam auf, ließ ihn abtauchen, als hätte er in die Stille der Meerestiefen gelangen können. Der Bildschirm flimmerte immer noch, ohne Ton, als der Mann hinterm Tresen ihn lauter stellte, da eine Sonder-Nachrichtensendung begann.

„Eloby-TV jetzt mit den Top-Neuigkeiten: Der Konflikt zwischen der rebellierenden Untergrundgruppe um den ominösen Führer Snake und den Eloby’schen Streitkräften hat sich soeben mitten in der Netlaer Innenstadt zu nicht geahnten Ausmaßen zugespitzt. Wir haben erste Bilder und schalten live zu unseren Kollegen vor Ort.“

Es tauchte ein Mann im Bildschirm auf, der sich an seinem Mikrophon festklammerte. Er stand vor einer im Dunkeln liegenden Straße, die von einigen einzelnen Feuern flackernd erleuchtet wurde. Im Hintergrund konnte entfernt das Chaos und die panischen Menschen auf der Straße erkannt werden.

„Soeben haben sich die Kämpfe wieder beruhigt und das Militär konnte die Aufständischen in die Flucht schlagen. Bislang ist noch nicht viel über das Geschehen bekannt. Es gibt aber laut Aussagen des Polizeisprechers bereits sieben Tote und eine hohe Anzahl Verletzter. Die Krawalle begannen in einer nachts sehr belebten Straße direkt im Zentrum von Netlar. Zurzeit suchen die …“

Joshuas Nacken verkrampfte sich durch das Aufblicken zum Fernseher. Er massierte sich leicht die Schultern und blickte wieder zusammengesackt auf seine, auf dem Tresen liegenden Hände.

Er bestellte eine ganze Flasche vom stärksten Schnaps und verließ torkelnd die muffige Bar. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine überdachte Einfahrt, in der ein noch schwach brennendes Stahlfass stand. Joshua legte sich in eine Nische in der Einfahrt, in der er von der Straße aus nicht sichtbar war. Die Backsteinmauern umfingen ihn und schützen ihn vor dem kühlen Wind. Ein kleines, blaues Auto fuhr die Straße entlang und im letzten Moment bevor Joshua vor Erschöpfung einschlief, sah er dessen Lichtkegel über die beschädigte Wand huschen.

Alex machte sich ernstlich Sorgen. Sein Herz klopfte schnell, als er die Auffahrt endlich erklommen hatte. Etwas stimmte nicht. Er hielt vor der Eingangstür und sprang heraus. Die Klingel hallte durch das Haus. Es brannte noch Licht im Foyer und auch in einigen Zimmern. Als nach dem dritten Klingeln jedoch immer noch niemand öffnete, schaute er sich um und dachte nach: Wo kann er nur sein? Plötzlich fiel ihm auf, dass er schon die ganze Zeit einen merkwürdigen Geruch wahrgenommen hatte. Es stank penetrant nach Verbranntem. Er schrak auf, rannte um das Haus herum und traute seinen Augen nicht, als er den noch immer glimmenden Ruinenhaufen vor sich sah. Sein Mund stand offen und er brauchte einen Moment, um zu realisieren, was er da sah.

Papa, was hast du nur getan?

Verzweifelt durchkämmte er die Ruine nach den Resten einer Leiche. Aber er fand nichts. Alles, was einmal zum Labor gehört hatte, war zerstört. Nur ein seltsames Gerät, das wie ein Kühlschrank aussah, lag unversehrt, mit Ruß bedeckt, inmitten der Trümmer. Er ging näher heran und wunderte sich immer mehr darüber, was sein Vater in diesem ominösen Labor getrieben haben mochte. In diesem Moment hörte Alex ein Knacken aus dem dunklen Waldstück hinter sich. Er drehte sich ruckartig um, lauschte gespannt in die Dunkelheit. Sein Herz klopfte noch stärker.

Nur nicht die Nerven verlieren jetzt. Das war nur ein Fuchs oder irgendein anderes Tier, dachte er und versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Da vermeinte er plötzlich, die Silhouette eines Menschen zwischen den Bäumen zu sehen.

„Ist da wer?“, knurrte er halblaut, doch fordernd. Es blieb still. Sein Brustkorb schien zu schrumpfen. Die Figur bewegte sich nicht. „Papa?! Bist du das?!“, rief er, sich selbst zu beruhigen. Er tastete durch seine Taschen, auf der Suche nach etwas, womit er sich sicherer fühlen könnte. Da spürte er die kalte Oberfläche seiner Pistole in der Jackeninnentasche. Die hatte er vergessen, noch am letzten Abend geglaubt, sie zu benötigen. Doch das war ein gänzlich anderes Sorgenthema. Innerlich bestärkt zog er die Pistole aus dem Halfter und richtete sie zitternd auf die starre Person: „Jetzt kommen Sie heraus und zeigen Sie sich! Sonst schieße ich.“ Er dachte dabei kurz, dass er sich vielleicht zu rüpelhaft anhörte und dass derjenige ihm gegenüber mehr Angst hatte, als er vor ihm. Überhaupt kam er sich ziemlich aufschneiderisch vor mit dieser aufgesetzten Dominanz. Mit gezwungen sanfter Stimme versuchte er es noch einmal: „Ich will Ihnen nichts tun. Bitte zeigen Sie sich.“

Die Form im Dunkeln veränderte sich plötzlich unheimlich und Alex dachte, er würde ein violettes Schimmern erkennen. Er rieb sich die Augen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Hast du etwa Angst, Alex?“, drang es langsam und kalt, aber suggestiv gesprochen aus dem Dunkel des Waldes.

3.

Alex zuckte zusammen. Die Stimme, die zwischen den schwarzen Bäumen dahinwaberte klang ruhig und beängstigend, ihn an brüchiges Metall erinnernd. Sie war tief, hatte aber etwas seltsam Ungreifbares, als käme sie von weit weg oder verzerrt. Die kühle nach geschmolzener Plastik stinkende Luft war erfüllt von leisen Geräuschen, die aus der Ferne heranwehten.

„Ich habe keine Angst. Ich bin zu müde, verwirrt, ich habe Angst. Ich rede mit mir selbst“, flüsterte er vor sich hin.

„Das tust du nicht. Ich stehe hier direkt vor dir!“, krächzte es aus der Dunkelheit. Sein Bauch verkrampfte sich.

„Wieso kommst du nicht heraus? Ich will wissen wer du bist und was das hier soll.“ „Willst du das wirklich?“

Er gewöhnte sich allmählich an die merkwürdige Stimme, da veränderte sie sich plötzlich und wurde zart und vertraut. Es klang wie eine ihm schon lange bekannte Frauenstimme. Wieso konnte er sie so schwer zuordnen: „In Ordnung. Ich komme heraus. Aber du musst die Waffe herunter nehmen. Du könntest dich erschrecken und möglicherweise geschähe ein Missgeschick.“

Alex’ Körper spielte verrückt. Schweiß rann ihm aus den Poren, sein Herz raste, seine Arme und Beine zitterten und er versuchte sich zu erinnern, woher er diese, genau diese Stimme kannte. Sein Verstand bemühte sich angestrengt, einen logischen Schluss aus dem Geschehen ziehen zu können, doch scheiterte er damit kläglich. Sein Arm senkte sich, sowohl vor Erschöpfung als auch vor Resignation.

Seine Mutter Josephine trat mit drei wackeligen Schritten in das spärliche Licht.

Alex versteinerte. Für einen kurzen Moment wurde ihm schwarz vor Augen.

„Wieso starrst du mich so an Alex?“, hörte er seine Mutter fragen, die ihn unaufhörlich mit großen verwirrten Augen anstarrte. Sie hatte ihre Arme um sich geschlungen, als würde sie frieren. Okay, jetzt drehe ich völlig durch. Er schüttelte den Kopf, rieb sich die Augen und gab sich selber eine Backpfeife, da er gelernt hatte, sich dadurch aus einer Trance lösen zu können. Dann blickte er wieder auf die rätselhafte Figur vor sich. Er sah eine Frau mit dunkelbraunen langen Haaren, einem roten, an manchen Stellen zerrissenen Kleid und seltsam aufgerissenen Augen vor sich.

„Du bist nicht verrückt. Ich bin es wirklich! Deine Mutter! Ich verstehe es selbst nicht.“

„Das kann nicht sein! Du bist tot! Ich war heute bei deiner Beerdigung!“ Alex war sich in diesem Moment nicht mehr darüber im Klaren, ob sein Verstand noch funktionierte. Was, wenn er tatsächlich nur mit einer Wahnvorstellung hier in der Kälte stand und Selbstgespräche führte.

„Du siehst doch, dass ich lebe, Alex.“ Sie glitt ein wenig näher auf ihn zu. Schwebend bewegte sie sich fort, so schien es Alex, auch wenn er genau beobachtete, wie jeder Schritt den Grasboden berührte. Als sie ihren Arm hob, um ihn anzufassen, wich er zurück und richtete seine Pistole wieder auf sie. Diesmal hielt er sie mit beiden Händen fest. „Ich bin verrückt!“, schrie er plötzlich heraus. „Verschwinde! Lass mich in Ruhe. Verschwinde!“ Er fühlte wie Tränen der Verzweiflung seine Wangen hinunter liefen. Der Abend war zu lang. Zu viel Stress, zu viel Aufregung.

„Ich erkläre es dir, Schatz. Ich erkläre es dir. Beruhige dich. Ich war tot. Doch etwas ist passiert. Ich verstehe es selbst nicht genau. Dein Vater … Er …“

„Was … er?!“

„Die Maschine. Es hat etwas mit der Maschine zu tun. Glaube ich. Ich weiß es nicht. Mir ist kalt!“ Bei der letzten Bemerkung machte sie einen Schritt auf ihn zu, um seine Schulter zu fassen und rote Augen blickten ihn flehend an.

Er schreckte zurück und stolperte über ein Trümmerteil, fiel hart zu Boden und ein Schuss durchbrach brutal schallend die Stille. Er schlug hart mit dem Kopf auf ein Stück Metall und verlor für einen kurzen Moment das Bewusstsein.

Als er wieder aufwachte, wusste er zuerst nicht, wo er war. Er tastete seinen Körper ab, nach Verletzungen zu fühlen. Dann erinnerte er sich Stück um Stück und setzte sich auf. Er hockte auf der Wiese hinter dem Haus seines Vaters, inmitten von Trümmern des Labors. Es war still, niemand war irgendwo zu sehen. Hatte er tatsächlich geglaubt, seine Mutter lebend erblickt zu haben, auferstanden von den Toten. Er musste über sich selber staunen, über die Lächerlichkeit dieser Halluzination. Da entdeckte er die abgeschossene Pistole, die zwischen seinen Füßen lag, hob sie auf und steckte sie zurück in das Halfter. Er schwitzte, begann aber gleichzeitig zu frieren, da sich sein Inneres langsam wieder beruhigte. Nicht durchdrehen! Erst muss ich Papa suchen.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter.

Sofort verkrampften sich seine Innereien. Er hielt den Atmen an. Nicht umdrehen. Da fiel ihm eine glänzende Pistolenkugel in seinen Schoß. Eine Sekunde verging.

Schreiend sprang er taumelnd auf, versuchte, nicht über irgendetwas zu stolpern und rannte in Richtung Haus. Da erschien wie aus dem Nichts vor ihm ein nebliges Gebilde, schwarz und violett schimmernd, schwebend in der Luft. Rot leuchtende Augen durchdrangen ihn bis ins Mark.

„Du kannst jetzt nicht gehen! Noch lange nicht!“ Etwas, das wie ein Mund inmitten des Nebels anmutete, grinste ihn an. Mit gefletschten perlweißen Zähnen und einer blutroten Zunge. „Du hörst mir jetzt zu Alex“, sprachen die brennenden Augen zu ihm.

Er war völlig gelähmt vor Angst und Verwirrung. Das nebelige Wesen verwandelte sich plötzlich zuckend, wie unter Schmerzen, zu einer Menschengestalt. Wieder stand seine Mutter vor ihm. Schwitzend und kraftlos, als würde etwas ihre gesamte Anstrengung in Anspruch nehmen. Mit sanfter, schwacher Stimme presste sie jedes Wort hinaus: „Dein Vater und ich haben an einem Gerät experimentiert, das Totes wieder lebend machte. Bei den Versuchen ging etwas schief. Es geriet außer Kontrolle. Es gab einen Unfall, bei dem ich … hinabstürzte.“ Sie hielt kurz inne und atmete laut: „Ich weiß nicht mehr, wie es geschah. Es war alles voller Feuer und Licht. Ich …“ Sie hielt noch mal kurz inne und schien sich zu sammeln: „Anscheinend ist es deinem Vater gelungen. Er hat mich wieder zum Leben erweckt. Vorhin erwachte ich. Wie aus einem tiefen Schlaf. Licht blendete mich von überall. Ich sah die Flammen um mich herum, wie alles in einem gleißenden Blitz erschrak. Dann war es plötzlich still. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich plötzlich zwischen den Bäumen stand und dich sah.“ Sie hielt sich den Kopf, als ob ihr schwindelig wäre. Dann schaute sie ihn plötzlich direkt an. „Alex, Schatz. Ich spüre, wie ich mich … innerlich auflöse. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Ich verstehe selbst nichts mehr. Ich fühle Kälte, grässliche Kälte. Und Dunkelheit … Es frisst sich durch mein Inneres …“ Sie begann zu weinen und schien Alex gar nicht mehr wahrzunehmen. Wie nach Atem ringend krümmte sie sich, fiel auf die Knie und legte ihre Hand auf ihre Brust.

Alex hatte jegliches Gefühl von Wirklichkeit verloren und ließ die Worte trunken durch seinen Kopf taumeln.

„Da ist etwas in mir. Und es macht mir Angst. Ich verliere die Kontrolle. Als würde das Leben aus mir gesaugt. Es fühlt sich wie Sterben an!“ Sie zuckte zusammen, als hätte sie ein starken Schmerz durchfahren, packte zitternd Alex Kragen und schaute ihn mit verzweifelten Augen an: „Hilf mir! Hilf mir, Alex!“ Dann erlosch ihr Blick plötzlich und wurde trübe.

Die Hände an seinem Kragen lockerten sich und Alex wich einen Schritt zurück, wobei er hart an die Hauswand stieß.

Josephine starrte ihn leer an. Dann begann sie zu lächeln, mehr und mehr, bis es ein breites kaltes Grinsen wurde, das ihr Gesicht ausfüllte. Sie wandte sich fixierend zu Alex. „Du wirst es nicht verstehen. Das musst du aber auch nicht, da du ihr jetzt folgen wirst, in das dunkle Reich in dem wir seit jeher lebten und niemals entkommen konnten. Bis jetzt!“ Ihr Mund bewegte sich, doch die tiefe brüchige Stimme schien aus dem Abgrund der Hölle zu kommen.

Alex fand seine Stimme wieder: „Was ist das hier? Was zur Hölle ist hier los?! Was passiert hier?“, brach es plötzlich aus ihm heraus.

Josephines Grinsen erschlaffte. Sie hob den rechten Arm, richtete ihn mit der Handfläche auf Alex und schaute ihn konzentriert an. Ihr Körper wurde zu einer beweglichen, schwebenden Masse und leuchtete in violetten Farbtönen.