Ein wunderbares Jahr - Laura Dave - ebook

Ein wunderbares Jahr ebook

Laura Dave

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Opis

Giorgia Ford steht kurz davor, den Mann ihrer Träume zu heiraten. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Bis ihre Welt plötzlich zerbricht – ausgerechnet in dem Moment, in dem sie ihr Brautkleid anprobiert. Kurzentschlossen steigt Giorgia in ihr Auto und fährt an den einen Ort, an dem sie sich geborgen fühlt: auf das Weingut ihrer Familie im Hinterland Kaliforniens. Doch dort schmieden Giorgias Eltern abwegige Zukunftspläne, die ihren Weinberg bedrohen. Giorgia muss um die heile Welt ihrer Kindheit kämpfen – und entdeckt dabei, dass sich das Glück manchmal dort versteckt, wo man es schon lange nicht mehr gesucht hat ...

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 403




Roman

Aus dem Amerikanischenvon Ivana Marinović

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »800 Grapes« bei Simon & Schuster, New York.

1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Mai 2015 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.Copyright © der Originalausgabe 2015 by Laura DaveCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: www.buerosued.deUmschlagmotiv: Plainpicture/Elisabeth CölfenRedaktion: Susann RehleinES · Herstellung: samSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN 978-3-641-11126-7www.blanvalet.de

J.Ohne dich gäbe es wahrscheinlich kein Buch.Doch ganz bestimmt gäbe es keinen so großartigen Wein.

Teil 1

Die Trauben

Sebastopol, Kalifornien, sechs Monate zuvor

Mein Vater liebte es, die wundervolle Geschichte zu erzählen, wie er meine Mutter kennengelernt hatte. Es war ein verschneiter Dezembermorgen, und mein Vater – zwei Becher Kaffee in den Händen und einen riesigen Stapel Zeitungen an die Brust gedrückt – hatte es eilig, in den gelben VW Käfer seines Mitarbeiters zu gelangen, der vor dem Lincoln Center in New York parkte. (Sein erster Wein, Block 14 – der einzige Wein seines allerersten Jahrgangs –, war im Wall Street Journal erwähnt worden.) Und wegen der Aufregung über den Artikel und wegen des dampfend heißen Kaffees bemerkte Daniel Bradley Ford nicht, dass zwei gelbe Käfer vor dem Lincoln Center parkten und dass es nicht sein für die Ostküste zuständiger Vertreter war, der sich fröstelnd in den Fahrersitz des gelben Käfers kuschelte, sondern seine zukünftige Frau – Jenny.

Er hatte sich in den falschen Wagen gezwängt, um darin auf die hinreißendste Frau zu treffen, die er je gesehen hatte. Sie trug blaue Fäustlinge und eine passende Baskenmütze, unter der sich lange blonde Locken bis über die Schultern ergossen. Ein großes Cello nahm die gesamte Rückbank ein.

Die Legende besagt – und so wie ich meine Eltern kenne, bin ich geneigt, ihnen zu glauben –, dass meine Mutter nicht aufschrie. Sie fragte auch nicht, wer mein Vater war oder was er in ihrem Auto zu suchen hatte. Sie schenkte ihm lediglich eines ihrer magischen Lächeln und sagte: »Ich habe mich schon gewundert, wo du so lange bleibst.« Dann streckte sie ihre Hand nach einem der Kaffeebecher aus, den er ihr in seiner Verblüffung reichte.

Synchronisation, sagte mein Vater dann immer. Das war eines seiner Lieblingsworte. Synchronisation: die zeitliche Übereinstimmung von Ereignissen, die es brauchte, um sie in völliger Harmonie zusammenwirken zu lassen. Ein Dirigent, dem es gelingt, sein Orchester im Einklang zu halten. Das Zusammentreffen einer Lichtreflexion und der richtigen Belichtungszeit, welches eine perfekte Fotografie hervorbringt. Zwei gelbe VW Käfer, die zur selben Zeit vor dem Lincoln Center parken – und in einem davon sitzt die Liebe deines Lebens.

Das ist keinesfalls mit Schicksal zu verwechseln, würde mein Vater hinzufügen, Schicksal hat nichts mit Handlung zu tun. Doch bei Synchronisation geht es vor allem um Handlung. Alle Systeme sind höchst aktiv, die verschiedenen Teile so gut wie oder ganz und gar in Bereitschaft.

Dies war auch der Grundsatz, nach dem mein Vater seine Arbeit in Angriff nahm: vorrangig als Wissenschaftler, dann erst als Winzer. Er war einer der ersten biodynamischen Weinbauern Amerikas gewesen, selbstverständlich auf seine ganz eigene Art. Er war der Meinung, dass nicht nur die Trauben selbst, sondern auch die ökologischen, sozialen und ökonomischen Systeme in ihrer Gesamtheit synchronisiert werden mussten, um sie zum Wachsen und Gedeihen zu bringen. Es anders anzugehen, so sagte mein Vater, war nichts als Faulheit.

Ich selbst hatte Schwierigkeiten zu erkennen, welche Rolle Synchronisation in meinem eigenen Dasein spielte – oder hätte spielen sollen. Zumindest bis sie daherkam und mein Leben der seligen Unwissenheit und des sturen Optimismus zerstörte – und das auf eine Art und Weise, die ich nicht ignorieren konnte, außer indem ich davonrannte.

Also tat ich genau das an jenem schicksalhaften Freitag. Ich rannte davon.

Mit nichts als meinem Kleid am Leib und einem hastig gepackten Koffer fuhr ich vom sonnigen Süden Kaliforniens, der vierzehn Jahre lang mein Zuhause gewesen war, in das kleine Städtchen in Nordkalifornien, am Rande des Russian River Valley – meine Heimat all die Jahre davor.

Neun Stunden, fünf Raststätten, zwei schreckliche Kaffee-Milchshake-Plörren (eine mit Vanille-, eine mit Erdbeergeschmack) und eine Packung Schoko-Karamell-Bonbons später erreichte ich Sonoma County. Ich hätte Erleichterung verspüren sollen, doch als ich das vertraute Ortsschild mit der Aufschrift Sebastopol passierte, erhaschte ich im Rückspiegel einen Blick auf meinen Ausblick. Das Haar löste sich aus dem Knoten, die Augen blickten zutiefst verstört – und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich dabei war, geradewegs in die nächste Vollkatastrophe hineinzuschlittern.

Also wendete ich, um die neun Stunden nach Los Angeles zurückzufahren.

Doch es wurde bereits spät, ich hatte bis auf die Bonbons nichts gegessen, es fing an wie aus Kübeln zu schütten, und ich war so müde, dass ich kaum noch klar denken konnte. Also nahm ich die Ausfahrt nach Santa Rosa. Ich wusste, wo ich hinfuhr, noch bevor ich es mir eingestehen konnte.

Die Brothers’ Tavern war so etwas wie eine Institution in Sonoma County. Die ursprünglichen Besitzer – zwei Brüder – hatten das Lokal vor achtundsiebzig Jahren mit dem hehren Plan eröffnet, der Laden in Sonoma zu sein, der am längsten aufhatte und der das beste Bier servierte. Die nachfolgenden Besitzer waren bei diesem Plan geblieben, wobei sie die Bar und die Küche auf ein höheres Niveau brachten und ihr preisgekröntes Bier vor Ort brauten.

Die heutigen Besitzer der Brothers’ Tavern waren selbstverständlich meine Brüder, Finn und Bobby Ford. Und sobald ich reinkäme, wäre die Bombe geplatzt. Sie würden mir an der Nasenspitze ansehen, was los war.

Doch als ich die Bar betrat, stand nur Finn hinter der Theke, ohne Bobby. Eigentlich schmiss Bobby am Wochenende den Laden, das war das erste Anzeichen. Meinen Vater nicht auf seinem Barhocker an der Ecke sitzen zu sehen war das zweite. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Freitagabend vorbeizuschauen. Die einzig wahre Art und Weise, das Wochenende einzuläuten, pflegte er zu sagen, war es, sich ein Gläschen mit seinen Jungs zu genehmigen. Mein Herz wurde vor Enttäuschung ganz schwer, als mir klar wurde, dass dies der eigentliche Grund war, warum ich hergekommen war, trotz der unweigerlichen Konsequenzen. Damit mein Vater ein Gläschen mit seinem Mädchen trank, Bombe hin oder her.

Doch heute war nur Finn da und starrte mich an, als würde er mich nicht wiedererkennen. Und für einen Moment fragte ich mich, ob dem so war. Mit meinem wirren Haar, das sich aus dem Dutt löste, und meinem gekünstelten, gezwungenen Lächeln. Ich rechnete es ihm hoch an, dass er mein Auftauchen nicht lautstark kommentierte. Ich ging an den anderen Gästen vorbei, die mich anstarrten, und steuerte den Barhocker am anderen Ende der Theke an – in der Nähe des Kamins –, den Stammplatz meines Vaters. Ich setzte mich, während Finn das pseudo-unauffällige Glotzen mit ein paar strengen Seitenblicken unterband. So war Finn, ganz der große Bruder, allzeit bereit, mich zu beschützen, selbst wenn er noch nicht einmal wusste, wovor.

Er schenkte mir ein breites Lächeln. »Was machst du denn hier?«

»Ich hab eine kleine Spritztour gemacht.«

»Eine Neun-Stunden-Spritztour?«, sagte er.

Ich zuckte mit den Schultern. »Es ist eben mit mir durchgegangen.«

»Offensichtlich.« Er hielt inne. »Kein Strafzettel?«

»Nein, Finn, kein Strafzettel«, antwortete ich. Ich wusste, dass er mich für eine furchtbare Fahrerin hielt, eine, die es schafft, sich einen Strafzettel einzufangen, während ihr gerade der Sprit ausgeht. Obwohl das nur ein einziges Mal passiert war.

»Da bin ich aber froh«, sagte er aufrichtig. Dann nickte er bedächtig, während er mich betrachtete und wohl überlegte, wie tief er nachbohren durfte.

Finn war mein Lieblingsbruder. Meine beiden Brüder waren mir lieb und teuer, aber Finn war in meinen Augen etwas ganz Besonderes, auch wenn ich mit dieser Meinung alleine dastand. Bob war auf eine offensichtlichere Art beeindruckend: Kapitän der Highschool-Footballmannschaft, eine Legende im Ort, erfolgreicher Risikokapitalgeber mit einem erfüllten Privatleben in San Francisco – wundervolles Stadthaus, wundervolle Autos, wundervolle Familie. Bob hatte die Bar als eine Art Hobby gekauft – und um Finn eine Aufgabe zu geben. Finn machte sich nicht viel aus Karriere. Er arbeitete in der Bar, damit er umsonst trinken und seinen sonstigen Lebensunterhalt weiterhin mit dem Fotografieren verdienen konnte, was so viel hieß wie dass er fast nie Geld dafür sah. Finn war ein toller Fotograf, aber er konnte offenbar nur arbeiten, wenn es ihn überkam. In dieser Hinsicht glich er ein wenig meinem Vater, der an einer Art Reinheitsgebot festhielt, das nur er verstand.

»Hab ich Dad verpasst?«

»Er war heute Abend nicht hier.« Finn zuckte mit den Schultern, wie um zu sagen: Frag mich nicht, warum. »Wir können ihn anrufen. Wenn er weiß, dass du da bist, kommt er bestimmt.«

Ich schüttelte den Kopf und hielt meine Lider gesenkt, aus Angst, Finns Blick zu begegnen. Finn ähnelte meinem Vater unglaublich. Beide hatten diese dunklen Augen und das dazu passende dunkle, volle Haar. Sie waren attraktive amerikanische Jungs wie aus dem Bilderbuch. Der einzige augenfällige Unterschied bestand darin, dass Finn seine wilde Mähne gerne unter einer umgekehrten Baseball-Cap versteckte, üblicherweise eine von den Chargers, so wie auch an diesem Abend. Deshalb war es so schwer, ihm zu sagen, was los war, ohne das Gefühl zu haben, gleichzeitig meinen Vater zu enttäuschen.

Finn räusperte sich. »Mom und Dad wissen also nicht, dass du hier bist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, und ich wäre dir dankbar, wenn du es ihnen vorerst nicht sagen würdest. Du weißt schon, wegen der Umstände. Es war ja ganz offensichtlich nicht geplant.«

»Offensichtlich.« Er hielt inne, als wolle er noch etwas hinzufügen, überlegte es sich dann jedoch anders. »Sie werden sich freuen, dich zu sehen«, sagte er schließlich. »Dass du da bist. Egal aus welchem Grund. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass du zur Ernte nach Hause kommst, weißt du?«

Die Ernte. Die Traubenlese. Für meinen Vater die fünf wichtigsten Wochen des Jahres. In meiner Not war ich an genau jenem Wochenende angekommen, das ihm heilig war – das letzte Wochenende der Traubenlese. Jedes Jahr kam ich zu dieser Zeit heim. Wir alle. Wir kehrten zurück in unser Elternhaus: Meine Brüder schliefen in ihren alten Jugendzimmern und ich in meinem. Unsere jeweiligen Ehe- und Lebenspartner und Kinder bevölkerten den Rest des Hauses. Wir halfen meinem Vater gemeinsam dabei, die letzten Rebstöcke abzuernten, kosteten die ersten Schlucke Wein und blieben zum Weinlesefest. Doch dieses Jahr hätte es anders ablaufen sollen. Es gab eine ganze Reihe von Gründen, warum ich eigentlich nicht hätte dabei sein sollen.

Finn merkte, dass er das falsche Thema angeschnitten hatte, und trat von einem Fuß auf den anderen. »Was möchtest du trinken?«, fragte er schnell.

Ich machte eine ausholende Bewegung zur Bar hinter ihm. Der Bourbon, der Scotch und der Whiskey waren sehr verlockend.

Finn grinste und schenkte mir ein Glas Bourbon ein – und ein Glas Rotwein. »Das ist, was du denkst, das du willst«, er zeigte auf den Bourbon. »Und von dem hier«, er schob mir den Wein hin, »wirst du garantiert mehr als zwei Schlucke nehmen.«

»Danke«, sagte ich.

»Ist mir ein Vergnügen.«

Ich nippte am Bourbon – und wandte mich augenblicklich dem Wein zu. Finn stellte die Flasche auf den Tresen, damit ich sehen konnte, was er mir eingeschenkt hatte. Es war ein dunkler und kraftvoller Pinot Noir, The Last Straw Vineyard, B-Minor, Jahrgang 2003. Ein Wein vom Gut unseres Vaters und mein und Bobbys Lieblingswein, eine Sache immerhin, die wir gemeinsam hatten.

»Ein guter Tropfen«, sagte ich. »Du solltest die Flasche zurückstellen und etwas davon für Bobby aufheben.«

Finn nickte knapp, als gäbe es da etwas, das er nicht sagen konnte. Dann entspannte er sich wieder. »Hast du Hunger?«, fragte er. »Ich könnte dir noch was zu essen besorgen.«

»Hat die Küche nicht schon zu?«

Finn lehnte sich über die Theke. »Nicht für dich«, erwiderte er.

Er hätte mir nichts Netteres sagen können, und ich schenkte ihm ein Lächeln, um ihm zu zeigen, wie sehr ich das zu schätzen wusste. Dann wandte er sich zur Küche um und nahm im Gehen noch einen Schluck von meinem Bourbon.

Ich setzte mich aufrecht auf meinem Barhocker hin und ignorierte die Blicke, die sich nun, da Finn uns den Rücken zugekehrt hatte, wieder auf mich richteten.

Doch Finn drehte sich noch einmal kurz um. »Hey, Georgia …«, begann er.

»Ja?«

»Du weißt aber schon, dass du noch dein Hochzeitskleid anhast, oder?«

Ich blickte hinunter auf die wallende Spitze, die von der 800 Kilometer langen Fahrt und meinem Sprint über den Parkplatz der Brothers’ Tavern verdreckt war. Und von etwas, das leider Gottes aussah wie ein verirrtes Schoko-Karamell-Bonbon.

Ich berührte den weichen Stoff. »Doch, das weiß ich.«

Er nickte und wandte sich wieder Richtung Küche. »Alles klar«, sagte er, »das gegrillte Käsesandwich kommt sofort.«

Der letzte Tropfen

Synchronisation: Systeme, deren sämtliche Teile in zeitlicher Übereinstimmung ablaufen, bezeichnet man als synchron. Die Wechselbeziehung von Dingen, die normalerweise separat voneinander existieren könnten.

In der Physik Simultanität genannt.

In der Musik: Rhythmus.

Im wahren Leben: Endloskatastrophe.

Es war nach Mitternacht, als ich todmüde die Auffahrt zum Haus meiner Eltern erreichte. Ich bereute sofort, Finns Angebot ausgeschlagen zu haben, bei ihm in Healdsburg zu übernachten, um mich erst am nächsten Morgen meinen Eltern zu stellen. In etwas angemessenerer Aufmachung. Doch nach jenem Tag wollte ich nur noch in das breite, weiche Bett, in dem ich meine gesamte Jugend geschlafen hatte, samt der Flanellbettwäsche, den herzförmigen Kissen und allem Drum und Dran.

Als ich links in die Auffahrt einbog, passierte ich das kleine hölzerne Schild mit der handgeschnitzten Aufschrift THE LAST STRAW, EST. 1979. Die Weinberge erstreckten sich links und rechts des Weges, zwanzig Morgen Weinreben zu beiden Seiten des Wagens. Die Rebstöcke waren reich und üppig mit Trauben und Wildblumen geschmückt und bildeten ein weiches Kissen für das reizende gelbe Landhaus meiner Eltern, das vor mir auf dem kleinen Hügel thronte.

Es war ein hübsches Haus, das mich mit seinen großen Fensterläden, den Blumen auf den Fenstersimsen und der leuchtend roten Tür mit einem tröstlichen Gefühl erfüllte. Auf der Rückseite zogen sich große Erkerfenster über die gesamte Länge und gaben den Blick auf die ursprünglichen zehn Morgen Land frei – und auf ein kleines Cottage ganz hinten auf dem Anwesen, das Winzerhaus, in dessen zwei Räumen mein Vater tagtäglich seiner Arbeit nachging.

Ich stellte den Motor ab und starrte aus dem Autofenster auf das Haus meiner Eltern. Außer in ihrem Schlafzimmer war es in allen Räumen dunkel. Ich war verwundert, dass sie um diese Zeit noch wach waren, aber aller Wahrscheinlichkeit nach war es nur meine Mutter, die lesend im Bett lag. Sie würde mich nicht kommen hören.

Ich stieg aus dem Wagen und lief zur Eingangstür, wo ich den Ersatzschlüssel aus dem Blumentopf fischte. Leise schlüpfte ich hinein. Falls ich sie aufwecken sollte, falls sie mich hören sollten, dann jetzt. Die rote Tür quietschte nämlich beim Öffnen. Eine Lektion, die jedes Kind der Familie Ford hatte lernen müssen, als es zum ersten Mal versuchte, sich später als vereinbart ins Haus zu schleichen.

Doch ich schloss die Tür, und im Haus blieb es still. Dann stand ich im Dunkeln und lächelte in mich hinein. Es war der erste ruhige Moment des Tages, und ich sog ihn in mich auf, eingehüllt von den vertrauten Düften: einer Mischung von Freesien und Zitronen – irgendein Reinigungsmittel, das meine Mutter benutzte – und dem Nachtjasmin vor den Fenstern, die sie stets offen ließ, um eine sanfte Brise hereinzulassen. Solch eine Brise gab es nirgends in Los Angeles, und das erfüllte mich mit dem beglückenden Gefühl, Los Angeles wäre Abertausende Meilen weit weg.

Ich ging in die Küche, ohne Licht anzuschalten, und fuhr mit den Fingern über die hölzerne Arbeitsfläche und den rustikalen Tisch, auf dem noch das Geschirr vom Abendessen stand – Teller, zwei Gläser und eine Weinflasche.

Ich beschloss, mich nützlich zu machen, und begann das Geschirr einzusammeln, als mein Blick durchs Fenster fiel. Dort stand es, direkt neben dem Whirlpool. Ein riesiges Zelt aus weißem Segeltuch. Es war das Zelt, unter dem ich in acht Tagen hätte heiraten sollen. Und nun, da es schon nach Mitternacht war, zählte man da nur noch sieben Tage? Los Angeles war plötzlich wieder sehr, sehr nahe. Wortwörtlich. Das Klingeln meines Handys zerriss die Dunkelheit. Ich drückte reflexartig auf Annehmen, ich wollte meine schlafenden Eltern nicht wecken und sie erst recht nicht erschrecken.

»Leg nicht auf«, sagte er. Es war Ben. Seine Stimme durchs Telefon zu hören erschütterte mich zutiefst.

»Dann hör auf, mich anzurufen.«

»Ich kann nicht.«

Ich liebte seine Art zu sprechen. Es war wie ein Eröffnungsplädoyer für seine gesamte Person: ruhig, ernsthaft, mit einem Wort – britisch. Ich hatte eine Schwäche für Akzente, die anderen Vorzüge zählte ich eigentlich nur zuerst auf, um meine Glaubwürdigkeit zu wahren. Wir hatten über einen Monat am Telefon miteinander gesprochen, bevor wir uns das erste Mal sahen. Ben war Architekt und lebte zu diesem Zeitpunkt in New York. Ich war Anwältin für Immobilienrecht, und meine Kanzlei arbeitete an einem seiner Projekte in Los Angeles, ein moderner Bürokomplex in der Innenstadt. So haben wir uns ineinander verliebt, am Telefon, indem wir uns über so unsexy Dinge wie Baugenehmigungen und Rechnungsstellungen unterhielten. Und später dann über alles, was wirklich wichtig war.

»Du musst mir erlauben, dass ich es dir erkläre, Georgia«, sagte er. »Ich behaupte nicht, dass es eine gute Erklärung gibt. Ich will nur sagen, dass es nicht das ist, was du denkst.«

»Danke, ich verzichte.«

»Das ist verrückt. Ich liebe dich. Du weißt, dass ich dich liebe. Du hast nicht gesehen, was du denkst, das du gesehen hast. Ich habe nichts mit Michelle, schon bevor wir zusammengekommen sind, war da nichts mehr. Aber Maddie …«

Ich legte auf.

Den Namen Maddie aus seinem Mund zu hören fühlte sich zu real an. Sie hatte einen Namen. Zehn Stunden vor diesem Telefonat hatte sie noch nicht einmal existiert, und jetzt hatte sie schon einen Namen. Zehn Stunden vor diesem Telefonat war ich noch glücklich gewesen. Spät dran, aber glücklich. Ich war zwanzig Minuten zu spät zu meiner letzten Anprobe in Cecilia’s Bridal Shop in Silver Lake gestürmt. Es war die Anprobe für mein Hochzeitskleid, das Cecilia höchstpersönlich in ihrem 50-Quadratmeter-Lädchen genäht hatte. Ein Kleid im Meerjungfrauenschnitt aus hauchdünner weißer Chantilly-Spitze, gerafftem spanischem Tüll und mit seidenweichen Ärmeln.

Ich liebte dieses Kleid – wie der Stoff sich um meine Hüften schmiegte, wie er meine Schultern zerbrechlich und zart erscheinen ließ –, und ich erwischte mich dabei, wie ich lächelte, als Cecilia (nachdem sie mir mein Zuspätkommen verziehen hatte) mich bat, in meinen Satin-Pumps über den Boden zu schweben und mich auf das kleine Podest zu stellen, wo sie sich um den Saum kümmern wollte.

Ich stolzierte zu dem Podest am Schaufenster und warf mich in Pose. Jetzt die Hände in die Hüften, sagte Cecilia und erfreute sich an den begeisterten Blicken der Passanten draußen.

Dann sah ich meinen Verlobten die Straße herunterkommen.

Ben spazierte mit einer Frau die Straße entlang, die ich nicht kannte. Und sie war nicht irgendeine Frau. Sie war die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Langes seidiges, rotes Haar und ein umwerfendes Lächeln. Eine Miniaturversion von ihr – rothaarig und winzig, etwa vier oder fünf Jahre alt – ging an ihrer Seite. Doch es war die Frau vor dem Schaufenster, die meinen Blick auf sich zog. Ich kannte sie von irgendwoher, doch ich würde noch eine Minute benötigen, um sie einzuordnen. Eigentlich würde Cecilia sie für mich einordnen. Für sie war mein Verlobter nur eine Randnotiz.

Und das war noch gar nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste war, dass ich an das Schaufenster klopfte und es nicht schaffte, Bens Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich wartete aufgeregt, dass er sich umdrehte. Ich wollte sein Gesicht sehen – sein markantes Kinn und seine hohen Wangenknochen und das eine Grübchen in seiner Wange, das keinen Sinn ergab. Ich überlegte, dass es einen vernünftigen Grund geben musste, warum er mit dieser Frau unterwegs war. Wir hatten den Morgen zusammen im Bett verbracht, in unserem gemeinsamen Heim, und hatten Pfirsichtoast gefrühstückt. Wir hatten gelacht, uns ausgezogen. In zwei Wochen würden wir heiraten. Wir waren verliebt bis über beide Ohren.

Aber Ben hörte mich nicht. Er spazierte weiter, Richtung Sunset Junction. Die Frau lief gut gelaunt an seiner Seite, ihr Mini-Ich neben ihr her. Die Frau lehnte sich an ihn, an meinen Verlobten, und legte ihre Hand auf seinen Rücken, als würde sie dorthin gehören. Und das riss mich aus meiner Starre. Ich raffte den ungesäumten Spitzenrock und stürzte, Cecilia im Schlepptau, los.

»Ben!«, rief ich seinen Namen.

Ben drehte sich um. So auch die Frau und das kleine Mädchen. Und dann begriff ich, woher ich sie kannte, die Frau, die die Hand ihrer Tochter hielt. Cecilia hinter mir nannte ihren Namen. Michelle Carter. Die berühmte britische Schauspielerin, die so viele amerikanische Zeitschriftencover zierte. Aus der Nähe sah sie blass aus und dünn wie ein Blatt.

Ben sah mich an. Die Frau sah mich an. Das Mädchen sah Ben an. »Daddy …«, sagte sie.

Hier muss ich innehalten.

Bei dem, was Maddie sagte.

Zu Ben.

Ich muss hier innehalten, bevor Cecilia sich vorbeugte und so viel Spitze an sich riss, wie sie nur konnte, während mein Blick an dem kleinen Mädchen klebte, diesem wunderhübschen kleinen Mädchen, das mich verwundert ansah.

Die Leute blieben auf der Straße stehen, starrten Michelle Carter an und zeigten mit dem Finger auf sie.

Ben kam auf mich zu, die Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben. Vier Worte kamen aus seinem Mund, aber nicht die Worte, die man vielleicht erwarten würde. Kein: Es tut mir leid. Kein: Es ist nicht wahr. Kein: Ich kann es erklären. Nur dieser eine Satz – als wäre es das Einzige, was er in diesem Moment sehen könnte. Und wenn dem so war, was war es schon wert?

»Du siehst wunderschön aus«, sagte er.

Zehn Stunden später streifte ich mir die Satin-Pumps von den Füßen und hastete bei meinen Eltern die Treppe hinauf, um mich in die Sicherheit meines Kinderzimmers zu flüchten, wobei ich den Rocksaum anhob, um nicht zu stolpern.

Mein Handy klingelte abermals und tönte durch das gesamte Haus.

»Leg nicht auf«, sagte Ben.

»Hatten wir das nicht gerade schon?«

»Du bist aber rangegangen oder nicht? Ein Teil von dir will hören, was ich zu sagen habe.«

Er hatte nicht unrecht. Man konnte ein Handy ausschalten, und ich hatte es nicht getan. Ich hatte es nicht über mich gebracht. Ein Teil von mir wollte hören, wie Ben etwas sagte, das alles wieder in Ordnung bringen würde, das ihn mir wieder näherbringen würde. Ich setzte mich auf eine Treppenstufe, und mein Kleid bauschte sich zu beiden Seiten.

»Du musst wissen, dass ich bis vor ein paar Monaten keine Ahnung von Maddies Existenz hatte …«, begann er.

»Sie ist deine Tochter?«

Er hielt inne. »Ja«, sagte er, »sie ist meine Tochter.«

Ich schluckte. »Wie alt ist sie, Ben?«

»Viereinhalb.« Er betonte das halb, und ich wusste, wieso. Wir waren seit fünf Jahren zusammen, und das halbe Jahr bedeutete, dass Maddie vor meiner Zeit gezeugt worden war, vor unserer Zeit. »Ich wollte das natürlich nicht für immer und ewig geheim halten, aber mit Michelle ist es kompliziert«, fuhr er fort. »Und ich wollte das Ganze klären, bevor ich dich da mit hineinzog.«

»Was meinst du mit kompliziert?«

Er zögerte. »Das ist auch kompliziert.« Ich stand wieder auf. Ich hatte genug – genug von Bens dürftigen Erklärungen und genug von meinem Herzen, das mir bis zum Hals klopfte. »Hör zu, ich will nur nicht, dass du etwas überstürzt. Wir heiraten in einer Woche.«

»Im Moment bin ich mir da nicht so sicher.«

Er verstummte. »Das habe ich mit überstürzt gemeint«, sagte er dann. Er klang am Boden zerstört. Und das erinnerte mich leider an unser allererstes Gespräch. Meine Kanzlei hatte Ben eben erst als Klienten gewonnen, und ich rief an, um mich vorzustellen, als gerade sein Fahrrad gestohlen worden war. Damals wusste ich das noch nicht, aber Ben hatte jenes Fahrrad seit zehn Jahren besessen, und es war weniger sein bevorzugtes Fortbewegungsmittel gewesen als vielmehr … ein Körperteil. Dennoch, am Ende unseres Gespräches machte er Witze und war gut gelaunt, und sein Fahrrad und sein Kummer gehörten bereits der Vergangenheit an. Wegen mir, hatte er damals behauptet. Und selbst jetzt gab es diesen Teil in mir, der ihn um jeden Preis glücklich machen wollte. »Wo bist du?«, fragte er. »Lass mich zu dir kommen, damit wir von Angesicht zu Angesicht darüber sprechen können.«

Ich war auf dem Treppenabsatz angelangt. Und vielleicht, weil Ben fragte, wo ich mich befand, blickte ich mich um. Mein Zimmer befand sich links von mir und stand sperrangelweit offen. Das Schlafzimmer meiner Eltern lag gleich zu meiner Rechten. Und dort kam gerade ein riesiger Mann heraus, ein behaarter 120-Kilo-Mann, den ich nicht kannte. Mit nichts bekleidet als einem um die Hüften geschlungenen Handtuch. Meine Mutter, in ein ebensolches Handtuch gewickelt, stand neben ihm. Neben diesem Mann, der nicht mein Vater war.

»O mein Gott!«, kreischte ich und ließ mein Handy fallen.

»O mein Gott!«, kreischte meine Mutter.

Der Mann wich ein Stück zurück in Richtung des Schlafzimmers meiner Eltern, das er offenbar viel zu gut kannte. Dann besann er sich, kam auf mich zu und streckte seine Hand aus. »Henry«, sagte er. »Henry Morgan.«

Ich stand wie festgewachsen auf dem Treppenabsatz. Nicht, dass es einen Sinn ergab, doch ich reichte ihm ebenfalls die Hand. Meine Mutter schlug sich zutiefst bestürzt die Hand vor den Mund. Ich glaubte, es wäre die Scham, erwischt worden zu sein. Doch dann hob sie den Arm und berührte meine Wange, erst mit ihrer Handfläche, dann mit ihrem Handrücken.

»Was hast du bloß mit deinem Hochzeitskleid angestellt?«, fragte sie.

Was Henry betrifft

Allen Hochrechnungen zufolge schien es nicht der beste Tag meines Lebens zu werden. Ich saß mit meiner Mutter im Esszimmer – wir trugen beide Pullover und Jeans, mein Kleid hing an der Tür, und die Stille zwischen uns war zum Zerreißen gespannt.

Henry war fort. Meine Mutter hatte sich auf den Stufen vor der Eingangstür von ihm verabschiedet, während ich dastand und abwartete, bis er abzog. Es war wie das, was meine Mutter mir in der Zwölften angetan hatte, als ich mit diesem tätowierten Fiesling Lou Emmett ging. Nur auf eine ganz absurde Weise umgekehrt.

Ich hatte nicht vor, den Anfang zu machen. Normalerweise hätte ich über den Tisch hinweg nach ihrer Hand gegriffen, um ihr das Reden zu erleichtern, aber dieses Mal konnte ich mich nicht überwinden. Meine Mutter würde selbst herausfinden müssen, wie sie das hier erklären wollte.

Also blickte ich stattdessen über ihren Kopf hinweg an die Wand, die mit Fotos übersät war, all jenen Fotos, die das gemeinsame Leben meiner Eltern ausmachten – aus der Zeit, als sie noch jung waren, auf diesem Weingut hier, und sogar aus der Zeit davor. Auf einem meiner Lieblingsfotos ist meine Mutter zu sehen, als sie noch Cellistin bei den New Yorker Philharmonikern war. Sie lächelt in die Kamera, und das Cello schmiegt sich an ihr langes schwarzes Kleid. Die Frau, die mir jetzt gegenübersaß, glich ihrem eigenen Abbild von damals erstaunlich: langes lockiges Haar, ausgeprägte Wangenknochen, eine Nase, die nicht so recht dazu passen wollte. Und kein Tröpfchen Make-up, selbst heutzutage benötigte sie keins.

Neben dem Foto von ihr hing eins, das mich beim Softballspielen zeigte. Als Jugendliche war ich ein echter Wildfang und ein halber Junge gewesen (wohl um mit Bobby und Finn mithalten zu können). Ich trug praktisch ausschließlich T-Shirts, Jeans und Turnschuhe und hatte mein Haar immer nur zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Ähnlichkeit war nicht zu leugnen: mein Haar, die dunklere Version ihrer Locken; dieselbe leicht gekrümmte Nase; meine Augen, grün wie die meines Vaters, jedoch geformt wie die ihren.

Früher sagte meine Mutter immer, ich sei ihr Ebenbild, das man in die Farben meines Vaters getunkt hätte. Das war, bevor ich nach Los Angeles zog und mich von dieser Stadt verändern ließ, wie sie das wohl mit all ihren Bewohnern tut: Stück für Stück, immer nur ein kleines bisschen, bis man sich selbst kaum mehr wiedererkennt. Irgendwo auf dem Weg zwischen Yoga-Kursen und Partys erwischte ich diese hübsche junge Frau dabei, auf alle möglichen Dinge achtzugeben, um die sich mein früheres Ich nie gekümmert hatte. Womöglich wäre es genauso gewesen, wenn ich Sonoma verlassen hätte, um nach New York oder Chicago zu ziehen, aber ich war mit achtzehn nun einmal nach Los Angeles aufgebrochen, wo ich einige grundlegende Lektionen lernte, die man mir als Tochter eines Weinbauern in einem Männerhaushalt beizubringen vergessen hatte – nämlich wie man sich attraktiv kleidet und sexy fühlt.

Die Veränderung konnte man an der Esszimmerwand ablesen. Meine Mutter witzelte, ich hätte mich von einer dunkleren Version ihrer selbst zu einer glamourösen Filmstar-Ausgabe verwandelt. Wohingegen ich ihr versicherte, dass ein Spaziergang über den Abbot Kinney Boulevard unter den echten Filmstars sie eines Besseren belehren würde. In Wahrheit sah ich tatsächlich anders aus, und bis zu einem gewissen Grad war ich auch stolz darauf. Die südkalifornische Sonne hatte mein Haar gebleicht, ich hatte gut zehn Pfund abgenommen, und ich begann mich zu kleiden, als hätte ich Ahnung davon. Unter der Aufsicht (und Beharrlichkeit) meiner Freundin Suzannah kaufte ich mir ein Paar Schuhe, das teurer war als eine Monatsmiete. Am nächsten Tag versuchte ich, die Schuhe zurückzugeben – mir war ganz schlecht vor Schuldgefühlen –, doch der Laden gewährte grundsätzlich kein Rückgaberecht. Also behielt ich sie. Und ich liebte sie. Gerechterweise muss ich zugeben, dass es geradezu magische Schuhe waren: verführerische Stilettos, die endlos lange Beine zauberten. Außerdem, wenn das keine Rechtfertigung ist!, überdauerten die Schuhe sowohl jenes Apartment als auch die darauffolgenden.

Wann immer ich in Sonoma zu Besuch war, merkte meine Mutter an, wie schick ich doch aussähe. Doch ich wusste, dass sie meine Entwicklung vom Pferdeschwanz zum Bleistiftrock nicht guthieß. Sie war der Meinung, Eleganz bedürfe keines großen Aufwands, sondern hätte mit Natürlichkeit zu tun. Sie berührte gerne mein geglättetes, sonnengebleichtes Haar und sagte: »Glänzt schön.« Meine neuen Shopping-Errungenschaften kommentierte sie mit einem Pfeifen und einem verschmitzten Lächeln: »Dafür brauchst du in Los Angeles einen Waffenschein.«

Und jeden Morgen, wenn ich, wie damals als Kind, frisch aus dem Bett die Treppe heruntergestürmt kam, um eine ihrer Walnuss- oder Kirschwaffeln zu ergattern, strich sie als Erstes über meine Haut und sagte: »Meine Hübsche.«

Dieser Gegensatz machte es mir schwer, meine beiden Heime in Einklang zu bringen. Sonoma stand für verwaschene Jeans, Fleece-Pullis und praktische Feldstiefel. Los Angeles für Riemchenpumps und Jeans mit dem ruinösen Beigeschmack von 275 Dollar. Unbehaglich pendelte ich zwischen diesen zwei Welten hin und her, und beide schienen nicht richtig zu passen. Ich war etwas unsicher bezüglich Los Angeles und meines Lebens dort, das mir das Gefühl gab, es höchstens halbwegs im Griff zu haben. Und wenn ich zu meinen Eltern nach Hause kam, merkte ich, wie diese zusammengebastelte Version meiner selbst, die alles zu haben schien (und definitiv schickere Schuhe trug), anfing daran herumzumäkeln, wie unkultiviert und dörflich das Leben hier war, und das auf eine Art und Weise, die ich nicht von mir gewohnt war und die mir selbst missfiel, aber es gelang mir kaum, damit aufzuhören. Ich war immer noch dabei, mein Gleichgewicht zu finden.

Ich riss mich von den Fotos los, und meine Mutter fing meinen Blick auf. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Denk nicht, dass du dir so einfach ein Urteil über mich erlauben kannst.«

Es erschien mir nicht klug, ihr zu sagen, dass ich mir bereits ein Urteil erlaubt hatte. »Da ist ein nackter Mann aus dem Schlafzimmer spaziert, Mom«, erwiderte ich. »Und es war nicht Dad.«

»Tja, wer steht auch unangemeldet um Mitternacht in der Tür?« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist unsere Schuld, weil wir dein Zimmer nie umgestaltet haben. Du glaubst, dass hier alles immer beim Alten bleiben sollte.«

»Ich glaube viel eher, dass du kein Techtelmechtel mit jemand haben solltest, der nicht Dad ist.«

»Tja, wir haben aber kein Techtelmechtel.«

Ich sah sie verwirrt an. »Wie bitte?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Henry ist impotent, wenn du es unbedingt wissen willst.«

Ich hielt mir die Ohren zu. »Ich will gar nichts wissen. Ich will in die Vergangenheit reisen und nichts von alldem wissen.«

»Es tut mir leid«, sagte sie und hob kapitulierend ihre Hände. »Ich meine ja nur … Ich versuche nur, dir zu erklären, dass die Dinge komplizierter sind, als sie scheinen.«

Kompliziert. Das war auch Bens Wortwahl. Dabei hatten sie beide die Dinge doch in Wahrheit erst kompliziert gemacht. Das war der wichtige Teil, den beide unter den Tisch fallen ließen.

»Wo ist Dad?«

»Dein Vater und ich haben uns eine kleine Auszeit genommen«, sagte sie. »Die letzten Wochen hat er im Winzerhaus verbracht. Nicht, dass er das nicht jedes Jahr zur Erntezeit so machen würde.« Sie sagte das mit einem bitteren Unterton, den ich geflissentlich überhörte.

»Wegen Henry?«

»Wegen unserer Auszeit«, entgegnete sie.

Ich blickte durch das Erkerfenster auf den Weinberg hinter dem Haupthaus und auf den von Laternen erleuchteten Pfad, der zum Winzerhaus führte. Mein Vater schlief in einem der beiden Zimmer. Als ich noch ein kleines Mädchen war, bettelte ich immer, im anderen Zimmer übernachten zu dürfen, um in aller Frühe vor der Schule mit ihm die ersten Trauben pflücken zu können. Jeden Morgen war ich mit meinem Vater dort draußen und kümmerte mich mit ihm um den Weinberg. Ich sagte ihm, wenn ich erst groß wäre, würden meine Brüder und ich das Land übernehmen – um sein Erbe fortzuführen. Und ich meinte es ernst. Die Weinberge zu bewirtschaften war als kleines Mädchen mein größter Traum gewesen. Und nun hatte ich ihn dort draußen allein gelassen. Wir alle – auf die eine oder andere Weise.

»Wie konntest du mir nur vorenthalten, was los ist?«, fragte ich.

ENDE DER LESEPROBE