Ein Sommer voller Himbeereis - Persephone Haasis - ebook

Ein Sommer voller Himbeereis ebook

Persephone Haasis

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Opis

Wenn das Leben dir Himbeeren schenkt, dann mach Eis daraus!

Wie jeden Sommer zaubert Pauline im Eiscafé ihrer fränkischen Heimat herrliche Kreationen für ihre Gäste. Ob sinnliche Sorten oder liebevoll dekorierte Eisbecher – Eis ist Paulines Leidenschaft. Und es könnte alles so schön sein, wären da nicht Paulines Geldsorgen und ihr gebrochenes Herz. Um sich abzulenken, streift Pauline oft durch den Antiquitätenladen ihrer Ersatzgroßmutter Anna und versteckt dort heimlich Zettel mit ihren Wünschen. Eines Tages findet sie dabei die Nachricht eines Unbekannten und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Ganz im Gegensatz zu Annas arrogantem Enkel Christian, der plötzlich ständig in Paulines Laden auftaucht ...

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PERSEPHONE HAASIS, geboren 1989, hat Kreatives Schreiben, Literaturwissenschaft und -vermittlung in Hildesheim und Bamberg studiert. Ihr Debüt »Ein Sommer voller Himbeereis« spielt in einem kleinen Eiscafé und erzählt von der großen Liebe, von Freundschaft und der Leidenschaft für das Eismachen. Selbstgemachtem Eis kann die Autorin übrigens nicht widerstehen – ihre Lieblingssorte ist natürlich Himbeereis. Persephone Haasis lebt in Kaiserslautern.

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Persephone Haasis

Ein Sommer voller Himbeereis

Roman

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hier unter Lizenz benutzt.

© 2019 Persephone Haasis

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Copyright © 2019 Penguin Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: Favoritbüro

Umschlagmotiv: © zarzamora/shutterstock, Tukhfatullina Anna/shutterstock

Redaktion: Lisa Wolf

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel GmbH, Köln

ISBN 978-3-641-23596-3V002

www.penguin-verlag.de

PROLOG

Die Wärme des Abends senkte sich auf die Terrasse. Pauline saß gemeinsam mit ihrer Familie und ihrer Freundin Florence um den alten Gartentisch, nachdem es ein herrliches Essen gegeben hatte. Sie hatten Fisch und Gemüse gegrillt, dazu hatte Paulines Großmutter Salat, eingelegte Peperoni und Oliven gereicht. Jetzt waren alle satt und genossen zufrieden, zurückgelehnt auf ihren Holzstühlen, die letzten warmen Strahlen der Sonne.

»Bist du dir denn wirklich sicher, dass du deine Ausbildung zur Patissière abbrechen willst?« Mathilde sah ihre Tochter fragend an.

Pauline seufzte. »Ja, ich glaube schon.«

Sie hatte diese Auszeit bei ihrer Familie dringend gebraucht, um sich darüber klar zu werden, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte, nachdem sie wegen eines Patzers mit dem Küchenchef aneinandergeraten war – mal wieder. Pauline hatte doch selbst nicht verstehen können, warum ihre Brioches wie harte Steine aus dem Ofen gekommen waren. Bei Toni in der Küche sah das alles immer so unkompliziert aus. Ihrer Großmutter gelang es spielend, einen Gugelhupf zu backen, der so fluffig leicht war, dass man meinen konnte, der Teig sei aus Wolken gemacht. Bei Pauline selbst hingegen schien beim Backen alles schiefzulaufen, was nur schieflaufen konnte. Das Einzige, was sie erstaunlich gut hinbekam, waren die Sorbets und die Mousses au Chocolat, und das lag sicherlich daran, dass beides nicht im Backofen zubereitet werden musste.

Die letzten Tage hier waren viel zu schnell vergangen, aber Pauline war sich in dieser Zeit immer sicherer geworden, dass sie nicht mehr nach Paris zurückwollte. Trotzdem, morgen Abend saß sie wie so oft schon wieder im Zug, aber dieses Mal war sie fest entschlossen, nach ihrer Ankunft ihre Sachen zu packen und sich etwas Neues zu suchen – auch wenn sie im Moment noch keine Ahnung hatte, wohin ihre Reise gehen sollte.

»Kinder, bevor die Melancholie überhandnimmt, kümmern wir uns lieber um das schmutzige Geschirr«, sagte Paulines Großmutter und zwinkerte ihrer Enkelin zu. »Der Abwasch macht sich schließlich nicht von allein.«

Pauline und Florence wollten schon aufstehen, um beim Tischabräumen zu helfen, aber ihr Vater bedeutete ihnen beiden, sitzen zu bleiben.

»Das übernehmen wir, ihr habt morgen wieder genug zu tun. Genießt den letzten Abend!«

Pauline gab sich geschlagen, denn sie wusste, dass ihre Eltern keinen Widerspruch gelten lassen würden. Sie lehnte sich zurück und ließ den Blick über den Garten schweifen. Von der Terrasse aus führten drei Stufen hinunter auf eine Wiese, deren Ende mit einem Kirschlorbeer eingefasst war. Dahinter versank die Sonne als leuchtend gelber Ball und färbte die Wolken in warme Rot- und Orangetöne. Es sah fast ein bisschen so aus, als würde der Himmel in Flammen stehen, während sich jetzt über der Hecke eine gleißend helle Linie flüssiges Gold ergoss.

»Es ist einfach herrlich hier«, sagte Florence glücklich.

Pauline nickte. »Danke, dass du mich zum Fahren überredet hast. Die paar Tage hier haben mir wirklich gutgetan.«

»Ach was, ich danke dir, dass du mich mitgenommen hast.« Florence lachte und griff nach ihrem Weißweinglas. »Auf den schönen Abend«, sagte sie und prostete ihrer Freundin zu.

Schon als Kind war Pauline immer gern in Tonis Haus hier am Stadtrand in Bayern gewesen, denn hier schien die Zeit auf geheimnisvolle Weise stillzustehen. Im ungemähten Gras, in dem mehrere Obstbäume standen, fanden sich Mauergänseblümchen und Blauer Natternkopf, über denen noch vereinzelte Schmetterlinge flatterten. Links gab es einen Kräutergarten mit duftendem Basilikum und frischer Zitronenmelisse, und rechts war ein kleiner Bereich für die Gemüsebeete abgeteilt. Früher hatte sie dort oft gemeinsam mit Toni Möhren gesät oder frische Bohnen geerntet.

Auch die letzten Tage hatte Pauline sich wieder ganz wie damals gefühlt. Sie erinnerte sich an den Nachmittag im Stadtpark, an dem sie und Florence auf einer Picknickdecke gelegen und einfach nur den kleinen Wellen des Sees gelauscht hatten, an ihren Bummel durch die beschauliche Fußgängerzone und wie sie heute zusammen mit ihrer Großmutter unter klarem blauem Himmel und bei strahlendem Sonnenschein die Himbeeren von den Hecken im Garten gepflückt hatten. Abends war sie dann todmüde ins Bett gefallen, eingehüllt in den Duft von Lavendel wie früher in ihren Kindertagen, in denen Toni immer einen Zweig davon zwischen den weißen gestärkten Leinenbezügen und Kopfkissen in der Wäschekommode verwahrt hatte.

An diesem Mittag hatte die Hitze über dem Obstgarten des kleinen Hauses gestanden und die Düfte der Gräser, Blüten und Früchte intensiviert, wie Pauline es noch nie zuvor erlebt hatte. Gedankenverloren pflückte sie einen Stängel Pfefferminze aus einem Topf neben der Terrasse und atmete den für sie unverwechselbaren Geruch nach Liebe, Kindheit und Gastfreundschaft ein. So gerne wollte sie all diese Eindrücke bewahren, die ihr immer wieder Halt gaben.

Da kam ihr plötzlich eine Idee. Sie entschuldigte sich bei ihrer Freundin, stand auf und ging mit raschen Schritten in die Küche. Ihre Eltern, die ihr gerade wieder entgegenkamen, sahen ihr verwundert hinterher.

Pauline band sich Tonis weiße Spitzenschürze um, pflückte mehrere Minzblätter und hackte sie klein. Sie nahm eine Vanilleschote aus dem Vorratsschrank ihrer Großmutter und kratzte das Mark mit dem Messerrücken heraus. Sofort mischte sich in der alten Landhausküche das intensive Aroma der Vanille mit dem herben Geruch der Pfefferminze. Pauline suchte in einem der Oberschränke nach Tonis alter Metallsaftpresse, nahm sich eine Zitrone aus dem Obstkorb und presste eine Hälfte davon aus. Den Saft fing sie in einem Glasmessbecher auf, in einem anderen schlug sie frische Sahne. Jetzt brauchte sie nur noch ihre Hauptzutat: eine Schale tiefgefrorener Himbeeren. Heute Mittag hatte sie mehrere davon in den Gefrierschrank gestellt, weil es dieses Jahr so viele davon gab, dass Toni entschieden hatte, einen Teil der Beeren einzufrieren.

Pauline öffnete die Tür des Gefrierschranks und spürte sofort die Kälte auf ihren nackten Armen. Sie nahm eine der Vorratsdosen heraus, legte den Deckel beiseite und ließ die rosa Beeren, die jetzt einen weißen glitzernden Reif trugen und dadurch aussahen, als stammten sie aus einem geheimnisvollen Zaubergarten, in den Mixer fallen. Aus dem grauen Zuckertopf nahm sie eine Prise Rohrzucker und ließ ihn auf die Früchte rieseln. Dann fügte sie die Minze, den Zitronensaft und das Vanillemark hinzu, nahm noch einmal die Flasche mit der flüssigen Sahne aus dem Kühlschrank, goss vorsichtig etwas davon zu den übrigen Zutaten und startete anschließend den Mixer. Innerhalb kürzester Zeit verband sich alles zu einer verführerisch rosaroten Eiscreme.

Pauline formte mit zwei Esslöffeln halbrunde Kugeln, setzte sie auf Dessertteller und legte jeweils eine Handvoll frische Himbeeren, Brombeeren und Johannisbeeren darum. Sie spritzte einen Klecks geschlagene Sahne daneben, garnierte die Haube mit einem Pfefferminzblatt und raspelte mit Tonis alter Küchenreibe ein paar Flocken aus weißer Schokolade darüber. Dann brachte sie die Teller nach draußen auf die Terrasse.

»Das sieht ja wunderbar aus!«, freute sich ihre Mutter mit einem warmen Lächeln. »Ich wusste gar nicht, dass es noch Nachtisch gibt.«

Als Pauline sich den ersten Löffel auf ihrer Zunge zergehen ließ, entfaltete sich der Geschmack der süßen Früchte, vermischt mit der herben Minze und dem Spritzer frischer Zitrone, ganz genau, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sofort fühlte sie sich in einen Morgen aus ihrer Kindheit zurückversetzt. Sie sah sich barfuß und im Nachthemd die Holztreppe in Tonis altem Haus herunterrennen, an dessen unterem Treppenabsatz ihr Vater stand, sie in seinen Armen auffing und im Kreis herumwirbelte. Dann war er mit ihr gemeinsam in die Küche gegangen, in der ihre Mutter schon eine Himbeer-Vanille-Torte, verziert mit weißen Schokoladenherzen und saftigen Beeren, auf den Tisch gestellt hatte. Toni hatte das gute Porzellan aufgedeckt, und in einer bauchigen Teekanne dampfte frisch aufgebrühter Pfefferminztee aus dem Kräutergarten ihrer Großmutter. Ja, dieses Eis erinnerte sie wirklich an einen Geburtstagsmorgen von damals.

»Pauline, wie hast du das so schnell gemacht?«, rief Florence überrascht. »Das ging ja ganz fix und schmeckt einfach köstlich! So fruchtig und erfrischend, ganz anders als deine Brioches!«

Pauline warf ihrer Freundin für den Seitenhieb auf ihre Backkünste einen strengen Blick zu, aber sie spürte, wie ihre Wangen vor Stolz glühten.

»Es war nur eine spontane Idee«, sagte sie. »Ich wusste nicht einmal, ob es funktionieren würde.«

»Das hat es«, sagte Mathilde beeindruckt, und Richard nickte ebenfalls zustimmend.

»Dieses Eis zergeht so samtig weich auf der Zunge – das ist einzigartig.« Florence probierte einen weiteren Löffel, schloss genießerisch die Augen und schien über etwas nachzudenken. Schließlich beugte sie sich zu Pauline. »Du solltest dir überlegen, ob du dich nicht ganz aufs Eismachen spezialisieren willst. Du hast wirklich Talent.«

»Findest du?«

»Deine Freundin hat voll und ganz recht«, bestätigte Toni, und als sie ihrer Enkelin jetzt aufmunternd zulächelte, bildeten sich unzählige kleine Fältchen um ihre leuchtend blauen Augen. »Wer so etwas nebenher mal schnell auf den Tisch zaubern kann, dem gelingt sicherlich noch viel mehr.«

APRIL

1.

Hinter dem morschen Holzzaun, der das kleine Mehrfamilienhaus in der Nähe von Bamberg umgab, wiegte sich ein Meer aus weißen und gelben Osterglocken im Wind. Es war der erste richtige Frühlingstag in diesem Jahr, die Luft war noch kühl, aber ein Sonnenstrahl kitzelte Pauline bereits an der Nasenspitze, als sie vor die Tür trat und den Vorgarten durchquerte. Sie schloss ihr Fahrrad ab und schwang sich auf den Sattel. Der Fahrtwind wehte ihr durchs Haar und spielte mit ihrem Rocksaum, während sie durch die Straßen der fränkischen Kleinstadt radelte, die langsam zum Leben erwachte. Dieser Morgen fühlte sich wunderbar leicht und unbeschwert an. Pauline war auf dem Weg zu ihrem Eiscafé, denn nach jenem schicksalshaften Abend auf der Terrasse hatte sie die Entscheidung getroffen, sich selbstständig zu machen und ein eigenes Café zu eröffnen. Nun, ein paar Jahre später, war sie die stolze Besitzerin von »Paulines Eishimmel«, und vor ein paar Tagen hatte sie mit Florence, ihrer besten Freundin und Mitarbeiterin, beschlossen, dass dieser Tag perfekt wäre, um den Laden für die Sommersaison wieder zu öffnen. Bestimmt konnten es die Leute kaum mehr erwarten, sich das erste Eis des Jahres zu gönnen.

Pauline bog in den Stadtpark ein und entdeckte die neu bepflanzten Blumenbeete, die in verschiedenen Farben miteinander um die Wette leuchteten. Als sie die Allee am Ende des Parks erreichte, kam bereits ihr Eiscafé in Sicht. Es lag in einer Reihe mit anderen kleinen Geschäften, einem Buchladen, einer Gärtnerei und einem Antiquitätengeschäft, nicht weit vom Stadtpark entfernt. Pauline verlangsamte ihr Tempo, und ihre Vorfreude wuchs.

An ihrem Café angekommen, stieg sie von ihrem Rad und schob es in den Fahrradständer, den sie sich gemeinsam mit Anna Bergmann, der Besitzerin des Antiquitätenladens nebenan, teilte. Sie sah kurz durch Annas Schaufenster, aber drinnen war noch alles dunkel. Kein Wunder, es war ja auch noch ziemlich früh am Morgen, und Pauline war immer eine der Ersten, die ihren Laden öffnete. Sie drehte den Schlüssel im Schloss, und mit einem leisen Knacken sprang die Tür auf.

Früher hatte sich im Erdgeschoss des Hauses eine Apotheke befunden. Es war ihre Großmutter Toni gewesen, der die leer stehenden Räume damals aufgefallen waren, und schon bei ihrer ersten Besichtigung war Pauline von dem Charme der ehemaligen Ladeneinrichtung verzaubert gewesen. Die gelben achteckigen Fliesen, deren Zwischenräume mit dunklen Quadraten aus Keramik ausgelegt waren, die hohe Stuckdecke und die alten Apothekerschränke aus Eichenholz, die von einer längst vergangenen Zeit erzählten, strahlten genau das Ambiente aus, was sie gesucht hatte. Gemeinsam mit ihrem Vater hatte sie den Laden renoviert und dabei, so viel wie möglich von der ursprünglichen Ausstattung bewahrt.

Paulines Schritte hallten leise auf dem Fliesenboden, als sie jetzt zwischen den fünf Tischgruppen hindurchging, deren Holzstühle gut mit den deckenhohen Apothekerschränken an der hinteren Wand harmonierten, die sie jetzt für ihre eigenen Zwecke nutzte. Damals hatte Pauline direkt gewusst, dass auf diese Seite des Schranks die Orangenschalen kämen, daneben der Holunderblütensirup, und gemeinsam mit Toni hatte sie später beim Einräumen die perfekten Plätze für all die anderen Gewürze und Soßen ausgetüftelt, sodass alles griffbereit stand und gut zu erreichen war. Die übrigen Wände des Cafés hatte Pauline weiß gelassen, damit der Raum hell und freundlich blieb und die Kunstdrucke von Edgar Degas’ Balletttänzerinnen besonders schön zur Geltung kamen. Pauline lief auf den alten Tresen zu, in den ihre Eisvitrine eingelassen war, und atmete den Duft von Zimt und Schokolade ein, der sich auf die Chiffonvorhänge und die puderfarbenen Polster der Sitzgruppen gelegt hatte. So wunderbar roch es immer im Café, wenn sie frisches Eis gemacht hatte.

An der Theke angekommen, fiel ihr Blick auf das Foto ihrer Großmutter, die ihr aus einem ovalen Bilderrahmen freundlich entgegenlächelte. Diese Aufnahme war die letzte, die sie von Toni gemacht hatte. Sie war draußen vor dem Eishimmel entstanden, als sie sich an einem warmen Juliabend nach getaner Arbeit einen Granatsplitter-Becher gegönnt hatten. Mit ihrer Großmutter hatte sie so viele schöne Stunden hier verbracht, nebeneinander hatten sie im Eislabor gestanden, Toni an der Rührschüssel und Pauline an der Eismaschine, während sie Vanilleeis und Apfelstrudel für ihre Gäste zubereiteten und Pauline ihrer Oma dabei ihr Herz ausschüttete. Auch heute noch fühlte sie sich Toni in ihrem Eiscafé besonders nahe. Es war fast ein bisschen so, als ob ihre Großmutter dort einen ganz eigenen Zauber zurückgelassen hatte. Pauline bemerkte, dass sich bei ihren Gedanken ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete. Im Eishimmel fühlte sie sich wohl, hier war sie glücklich.

Gedankenversunken strich sie mit der Hand über die weiße Marmorplatte hinter der verglasten Eisauslage. Sie mochte die angenehme Kühle der Oberfläche, vor allem im Sommer, wenn sie die Eisbecher dort anrichtete. Ihre Finger folgten den glitzernden gold-grauen Spuren, die sich durch das makellose Weiß zogen. Die Maserung erinnerte sie an ihre Orangen-Joghurt-Eiskreation aus dem letzten Sommer, und sofort bekam sie Lust, sich ein neues Rezept auszudenken. Aber zuerst wollte sie noch etwas Nachschub der Sorten zubereiten, die bei den Gästen am beliebtesten waren, und dazu zählten zweifelsfrei Schokolade und Vanille, Haselnuss und Stracciatella.

Ein Motorrattern riss Pauline aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah, dass draußen gerade ein himmelblauer Lieferwagen vor ihrem Eiscafé auf dem Gehweg zum Stehen kam. Florence, wie immer praktisch in Jeans und Baumwollbluse gekleidet und die kastanienbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, sprang aus dem Fahrerhäuschen, winkte kurz in ihre Richtung und verschwand dann hinter dem Lieferwagen.

Pauline verließ das Café, um ihrer Freundin beim Ausladen der Einkäufe zu helfen.

»Guten Morgen«, begrüßte sie Florence und umarmte sie herzlich.

»Bonjour, ma chère.« Florence drückte Pauline zwei Wangenküsschen auf.

»Du bist aber früh dran. Ich habe erst um neun mit dir gerechnet.«

»Nicolas braucht nachher noch den Wagen, um die Lebensmittel für sein Restaurant zu besorgen. Deshalb bin ich jetzt schon da. Ich war auch schon auf dem Wochenmarkt und beim Biobauern und habe Sahne, Zucker und Früchte für das Eis gekauft. Und in der Gärtnerei hatten sie so schöne Frühlingsblumen, dass ich unbedingt welche kaufen musste. Ich soll dir von der Besitzerin übrigens schöne Grüße bestellen. Bist du damit einverstanden, wenn ich nachher die Blumenkästen bepflanze?«

»Na klar.« Pauline ließ Florence bei der Gestaltung des Eishimmels freie Hand, denn wenn es darum ging, das Café in eine Wohlfühloase zu verwandeln, war ihre Freundin genau die Richtige.

Florence war inzwischen in den Laderaum gestiegen und reichte ihrer Freundin eine Holzkiste mit Frühlingsblumen. Beim Anblick der Stiefmütterchen, Tulpen und Osterglocken ging Pauline das Herz auf.

Gemeinsam luden sie den Lieferwagen aus und brachten die Einkäufe hinein. Pauline naschte von den Erdbeeren, die so verführerisch dufteten, dass sie einfach nicht widerstehen konnte, und auch die Zitronen, Orangen und der Rhabarber sahen zum Anbeißen aus. Auf Florence war einfach Verlass. Sie achtete beim Einkaufen auf gute Bioqualität, und das schmeckte man später auch beim Eis.

Während Florence sich auf den Weg machte, um ihrem Mann den Lieferwagen zurückzubringen, begann Pauline mit dem Eismachen. Sie zog sich ihre blütenweiße Kochbluse und die schwarz-weiß karierte Hose an, steckte ihr Haar zu einem Dutt fest und ging in die Küche, das Herzstück des Eishimmels. Hier, im Eislabor, konnte Pauline ganz für sich sein und ungestört arbeiten. Natürlich machte es ihr auch Spaß, Eisbecher für ihre Kunden zuzubereiten, doch die Arbeit im Eislabor war für sie etwas ganz Besonderes. Es fühlte sich beinahe magisch an, wenn sie es wieder einmal geschafft hatte, die Zutaten für eine neue Sorte bis ins kleinste Detail perfekt aufeinander abzustimmen, und sich die einzelnen Nuancen der neuen Kreation zu einem besonderen Geschmackserlebnis zusammenfügten.

Pauline spürte unfassbare Vorfreude in sich aufsteigen, als sie jetzt eine Schürze aus dem Schrank nahm und sich umband. Durch die große Fensterfront fiel Tageslicht, das die blank geputzte Einrichtung aus Edelstahl glänzen ließ, und die beiden Kühlschränke gegenüber der Eismaschinen surrten erwartungsvoll. Sie nahm einen Ordner vom Regal über ihrer Arbeitsfläche und suchte das Stracciatellarezept heraus. Auf dem hellen Linoleumboden hörte man ihre Schritte fast gar nicht, als sie jetzt die Zutaten, die sie für das Eis benötigte, zusammentrug. Pauline gab Milch und Sahne in den Pasteurisierer, startete das Programm, und die Maschine begann vertraut zu brummen. Dann wog sie die angegebene Menge ihres selbst hergestellten Eispulvers für Milcheis ab, das später beim fertigen Eis für die richtige Konsistenz sorgte, ließ Zucker in einen Messbecher rieseln und gab eine Prise Salz dazu.

Während sie alle Zutaten mit einem Schneebesen vermischte, musste sie daran denken, wie sie früher als Kind bei Toni in der Küche gesessen und ihr beim Backen zugesehen hatte. Sie hatte das Bild noch ganz genau vor sich: die Eckbank aus Holz mit ihren rot-weiß gewürfelten Kissenbezügen, auf der sie sitzen durfte, die handgestickte Tischdecke und den Feldblumenstrauß in der grauen Steingutkanne auf dem Tisch und Toni, die neben dem Herd stand und Zwetschgen entsteinte. Für Pauline waren die gemeinsamen Stunden mit ihrer Großmutter die schönste Zeit in ihrer Kindheit gewesen. Nie hatte sie sich so geborgen gefühlt, wie wenn sie gemeinsam mit ihr am warmen Ofen gebacken hatte. Das war auch der Grund gewesen, warum sie sich nach ihrem Abitur entschieden hatte, nach Frankreich zu gehen und Patissière zu werden. Sie wollte genauso werden wie Toni, die mit ihren Kuchen und Backwaren eine ganze Stadt verzaubern konnte. Aber dann war alles doch ganz anders gekommen …

»Ich bin wieder da«, hörte sie Florence rufen. »Kann ich dir beim Eismachen helfen?«

»Wenn du Lust hast, gerne.«

»Was für eine Sorte machst du denn gerade?«

»Stracciatella.« Pauline gab den Inhalt ihrer Schüssel zu dem Sahne-Milch-Gemisch in den Pasteurisierer und stellte die gewünschte Temperatur ein, dann reichte sie ihrer Freundin einen Block Zartbitterschokolade, und Florence hackte diesen mit einem Messer in kleine Stücke, die Pauline später erwärmen und unter das Eis mischen würde. Der betörende Kakaoduft stieg ihr in die Nase, und sie konnte nicht widerstehen und naschte ein Eckchen Schokolade.

»Hey! So hast du nachher nur Milcheis!«

»Was denn? Ich muss doch die Zutaten prüfen.« Pauline zwinkerte ihr zu und räumte das benutzte Geschirr in die Spülmaschine. Bis der Eismix fertig war, hatte sie noch etwas Zeit. Deshalb entschied sie, jetzt eine Variegato zuzubereiten, eine Mischung aus Fruchtsoße und Konfitüre. Diese eignete sich hervorragend, um Joghurteis zu marmorieren oder Eisbecher kunstvoll zu dekorieren.

Pauline wusch die Erdbeeren und zerteilte sie in kleine Stücke, die sie zusammen mit Zucker, einem Spritzer Zitronensaft für die Frische und etwas Wasser auf dem Herd aufkochte. Dabei seufzte sie leise.

»Was ist los?«, wollte Florence wissen.

»Ich musste gerade an meine Oma denken. Wir waren einmal bei Anna im Garten Erdbeeren pflücken. Sie hatte ein riesiges Feld davon hinter ihrem Antiquitätenladen, und Toni und Anna sind mit ihren Strohhüten auf dem Kopf den ganzen Tag in der sengenden Sonne auf Knien herumgerutscht und haben die Früchte für mich zusammengesammelt. Toni ist daraufhin drei Wochen lang zu einem Orthopäden gehumpelt, weil sie Probleme mit ihrer Bandscheibe bekommen hat, aber sie hätte es sich um nichts in der Welt nehmen lassen, bei der Ernte zu helfen.«

»Das sieht ihr ähnlich«, sagte Florence amüsiert.

»Stimmt. Aber es hat sich gelohnt. Im Sommer haben wir dann zu dritt im Schatten unter dem Kirschbaum gesessen und das Eis genossen, bis Anna irgendwann über ihren wuchernden Basilikum geschimpft hat. Da ist Toni auf die Idee gekommen, dass man auch daraus Eis machen könnte.«

»Dann hat sie dich also zu deinem legendären Basilikumeis inspiriert?«

Pauline nickte. »Bis heute ist es Annas Lieblingssorte – und das nicht nur, weil es eine besonders schöne Form des Unkrautvernichtens ist, wie sie immer sagt. Ich glaube, sie mag es auch so gerne, weil es sie an ihre Freundin erinnert.«

»Das kann ich mir gut vorstellen, die beiden waren ja unzertrennlich.« Florence lächelte.

»Ja, das stimmt.« Pauline füllte die Variegato in Einmachgläser, und Florence ging wieder nach vorne ins Café, um die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung zu treffen.

Als das grüne Lämpchen am Pasteurisierer blinkte und dieser mit einem regelmäßigen Piepen ankündigte, dass er fertig war, gab Pauline den Eismix in das Reifegerät. Dort würde er jetzt mehrere Stunden quellen und immer wieder gerührt werden, sodass sich alles zu einer glatten Masse verband. Erst danach konnte sie damit weiterarbeiten und die Schokolade daruntermischen. Sie nahm den Eismix für Schokoladeneis, den sie schon vorbereitet hatte, und prüfte mit einem Kochlöffel die Konsistenz. Zufrieden füllte sie den Mix in die Eismaschine, stellte die gewünschte Temperatur ein und drückte den Startknopf. In wenigen Minuten würde das Eis fertig sein. Bis es so weit war, wog sie die Zutaten für die nächste Sorte ab. Jetzt war Haselnuss an der Reihe.

Pauline war so ins Eismachen vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, wie schnell die Zeit verging. Erst als Florence wieder den Kopf zur Tür hereinstreckte, stellte sie fest, dass der Eishimmel bereits geöffnet haben müsste.

»Pauline, draußen ist unser erster Gast. Gibt es schon Eis?«

»Ja, natürlich.« Pauline ging zu dem großen Gefrierschrank und öffnete ihn. »Die Auswahl ist zwar noch überschaubar, aber einige Sorten sind schon fertig. Ich bringe sie gleich nach vorne.« Sie nahm eine Edelstahlwanne mit Vanilleeis heraus, und das silberne Metall beschlug auf dem Weg zur Eisvitrine sofort in der Wärme. »Ich bin gleich für Sie da!«, rief Pauline der Frau am Fenster zu, schob die Glastür der Vitrine zur Seite und setzte die Wanne in die Halterung ein. Sie nahm den Deckel ab, und darunter kam ein helles, cremiges Eis zum Vorschein. Wie Wellen auf dem offenen Meer türmten sich kleine Gipfel, in denen immer wieder schwarze Punkte von echter Vanille zu finden waren. Pauline dekorierte die Schale mit zwei Vanilleschoten und einer weißen Blüte und brachte dann eine Schale Schokoladeneis heraus, das mit einem Gitter aus Zartbitterschokolade garniert war. Auf dem Haselnusseis lockten ganze Nüsse und Krokant die Gäste zum Probieren. Pauline steckte die von Hand beschrifteten Schilder in die Eiswellen und betrachtete zufrieden ihr Werk.

»Das sieht ja fabelhaft lecker aus«, stellte eine ältere Dame fest, und Pauline erkannte sie sofort an der Stimme.

»Anna! Wie schön, dich zu sehen! Wie geht es dir?«

Anna war von ihrem Tisch am Fenster aufgestanden, um die ersten Eissorten in der Vitrine persönlich zu bestaunen.

»Sehr gut, meine Liebe, und wie geht es dir? Du bist ja schon wieder richtig fleißig, wie ich sehe.«

»Ja, endlich ist wieder Frühling! Der Winter hat viel zu lange gedauert, und meine Gäste mussten sich ganz schön in Geduld üben.«

»Aber das Warten hat sich gelohnt«, stellte Anna anerkennend fest. »Darf ich mal probieren, was du da gezaubert hast?«

»Natürlich.« Pauline nahm einen gekühlten Eisbecher aus der Gefriertruhe unter dem Tresen und öffnete die Vitrine. Mit einem Eisportionierer formte sie drei gleichmäßige Kugeln, die sie nacheinander in den Becher gab. »Möchtest du Sahne dazu?«

»Ja gerne, ein bisschen.« Anna setzte sich wieder ans Fenster, vor dem inzwischen mehrere Balkonkästen mit Frühlingsblumen standen. Florence hatte auch die übrige Dekoration fertiggestellt, denn auf jedem der Tische befand sich nun ein buntes Gesteck in einem Keramiktopf oder ein duftender Strauß in einer schlanken Vase.

Pauline nahm die frisch geschlagene Sahne aus dem Kühlschrank, füllte sie in einen Spritzbeutel und zauberte eine kleine Sahnerose auf das Eis. In einem Schubladenschrank mit Jugendstilschnitzerei, der ebenfalls zur ursprünglichen Apothekeneinrichtung gehörte, hatte sie Besteck, Kekse und andere Kleinigkeiten untergebracht. Sie holte Löffel und Servietten für Anna und sich heraus und drehte sich zu einem Regal, in dem sich mehrere schlanke Flaschen befanden. Darin waren unterschiedliche Öle und Wässer mit besonderen Geschmacksrichtungen abgefüllt, die Pauline bei der Eisherstellung für ihre ausgefalleneren Sorten benutzte. Sie nahm eine Flasche mit der Aufschrift »Schokoladensoße« aus dem Regal und träufelte etwas davon auf die Sahnehaube von Annas Eisbecher. In den eckigen Keramikdosen und braunen Rundschulterflaschen in der Optik der alten Apothekeneinrichtung, die danebenstanden, bewahrte sie verschiedene Gewürze, Kräuter, getrocknete Früchte und andere Leckereien zum Garnieren der Eisbecher auf. Die Etiketten hatte sie noch zusammen mit Toni alle von Hand beschriftet, was der Caféeinrichtung eine persönliche Note verlieh.

Pauline nahm die Keramikdose mit den Schokoladenstreuseln vom Regal und ließ ein paar davon über Annas Eisbecher rieseln. Zum Schluss garnierte sie die Sahnehaube mit frischen Erdbeerstückchen und steckte zwei Waffelröllchen von Florence in ihr Kunstwerk.

»Mmh, das sieht ja hinreißend aus!«, freute sich Anna, als Pauline ihr den Eisbecher überreichte.

»Es sind leider nur die Standardsorten. Zu mehr bin ich bisher noch nicht gekommen.«

»Das macht gar nichts. Dein Basilikumeis vermisse ich zwar schon besonders lange, aber ich bin auch eine große Freundin deiner übrigen Eiskreationen.« Anna nahm den langstieligen Löffel vom Silbertablett, kostete das Eis und verdrehte genießerisch die Augen. »Himmlisch!«, schwärmte sie. »Einfach himmlisch. Pauline, du machst das beste Eis auf der ganzen Welt.«

»Ach was.« Pauline musste lächeln, als Anna sich auch den zweiten Löffel genauso schmecken ließ. »Das kannst du doch gar nicht wissen, schließlich hast du bestimmt noch nicht in jeder Eisdiele auf der ganzen Welt ein Eis gegessen.«

»Das nicht«, gab Anna zu. »Aber das brauche ich auch nicht, denn ich habe das beste Eiscafé zum Glück gleich neben meinem Laden.«

»Wie läuft es denn bei dir?«, erkundigte sich Pauline.

»Ganz gut. Vor ein paar Tagen habe ich bei einer Haushaltsauflösung wieder viele schöne Stücke ankaufen können. Ende der Woche kommt die Lieferung. Bis dahin möchte ich noch ein bisschen umräumen. Mal sehen, wie das klappt. Im hinteren Teil des Ladens bei den Möbeln ist noch etwas Platz, wenn man sie geschickter arrangiert. Nur die alten Knochen wollen im Moment nicht so mitspielen.« Sie verzog das Gesicht.

»Wenn du willst, können wir das zusammen machen«, bot Pauline sofort an. Sie wusste, dass Anna seit einiger Zeit Probleme mit dem Rücken hatte und nicht mehr so schwer tragen konnte. Es war deshalb schon öfter vorgekommen, dass sie der älteren Dame beim Umräumen im Laden geholfen hatte.

»Hast du dafür denn überhaupt Zeit?«

»Natürlich. Ich kann ja in den nächsten Tagen in der Mittagspause oder nach Feierabend einfach mal bei dir vorbeischauen.«

»Sehr gern.« Anna lächelte Pauline an. »Du bist wirklich ein Engel.«

2.

An diesem Mittag war nicht sehr viel los im Eishimmel, lediglich zwei Frauen tranken nach einem Stadtbummel, darauf ließen zumindest ihre Tüten und Taschen schließen, einen Kaffee, und ein Geschäftsmann war mit seinem Smartphone beschäftigt. Pauline warf einen Blick auf die Uhr. Vielleicht würden in einer guten halben Stunde ein paar Schulkinder auf ihrem Nachhauseweg eine Kugel Eis kaufen, aber bis dahin war nicht mit großem Andrang zu rechnen, sodass sie Florence im Eishimmel eine Weile allein lassen und wie versprochen im Antiquitätenladen vorbeischauen konnte.

»Ich bin kurz mal drüben bei Anna«, sagte sie und faltete ihre Schürze zusammen.

»Ist gut.« Florence stellte die Kaffeetassen auf zwei Silbertabletts und legte jeweils einen ihrer selbst gebackenen Butterkekse auf die Untertassen. »Grüß sie von mir.«

»Mache ich.« Pauline nickte ihren Gästen im Vorbeigehen zu und verließ dasCafé. Draußen war es frisch, und an den vier Sitzgruppen, die vor dem Eishimmel standen, saß niemand, was Pauline nicht sonderlich verwunderte. Sie zog ihre Strickjacke enger um sich und sah nach oben. Dunkle Wolken hingen am Himmel, sicherlich würde es heute noch Regen geben. Ein ungemütlicher Wind fuhr durch ihr honigblondes Haar und ließ das Schild des Antiquitätenladens leise quietschend hin und her schwingen. »Bergmann Antiquitäten« stand verschlungen darauf, daneben war ein gemütlicher Sessel abgebildet.

Pauline öffnete die schwere Glastür des Antiquitätengeschäfts und trat ein. Unzählige Vitrinen aus Nussbaum und Mahagoni beherbergten Schätze wie Broschen, Schmuck, Postkarten und Silberbesteck. Daneben fügten sich die unterschiedlichsten Tische mit den dazugehörigen Stühlen oder verwaisten Einzelstücken zu einem unübersichtlich wirkenden Labyrinth zusammen. Pauline musste sich regelrecht hindurchschlängeln, um in den Nachbarraum mit dem wuchtigen Schreibtisch aus dem 19. Jahrhundert zu gelangen, hinter dem Anna in ihrem Ohrensessel mit moosgrünem Samtbezug saß und gerade einen Pokal aus Bronze polierte. Auch in diesem Zimmer wusste sie nicht, wohin sie zuerst blicken sollte. In verschiedenen Schränken und Vitrinen fanden sich Porzellanservice in allen möglichen Ausführungen, auf einem Regal drängte sich eine Armee von Milchkännchen und Blumenvasen eng aneinander, und auf einer Anrichte standen goldene Sammeltassen mit Barockmotiven, die aussahen, als ob sie zu einer Teezeremonie bei Alice im Wunderland einluden. An der Wand über dem Schreibtisch und neben den Schränken waren Bilder von Wildblumensträußen, hübschen Mädchen, Landschaften, Herren in Uniform und Heiligen aufgehängt, allesamt dunkel gehalten und in Öl gemalt. Pauline hatte das Gefühl, von Hunderten Augenpaaren angestarrt zu werden. Sogar der röhrende Hirsch auf seinem grünen Hügel schien sie fest im Blick zu haben, als sie jetzt einige Schritte in den Raum machte. Sie blieb mit ihrer Strickjacke an einer Sammlung von Spazierstöcken hängen, die sich in einem schmiedeeisernen Ständer dicht zusammendrängten. Vorsichtig befreite sie den Stoff aus dem Silberbeschlag eines Schirms, der mit weißer Spitze bespannt war und in einem vergangenen Jahrhundert bestimmt einmal eine Komtess vor einem Sonnenstich bewahrt hatte.

»Hallo, meine Liebe«, begrüßte Anna sie, stellte den Pokal beiseite und stand mit einem Ächzen aus ihrem Sessel auf. »Was machst du denn hier?«

»Ich habe im Moment nicht so viel zu tun und dachte, ich schaue mal, ob ich dir vielleicht ein bisschen helfen kann.«

Auf Annas Gesicht breitete sich ein warmes Lächeln aus. »Das ist aber lieb von dir. Komm, ich möchte dir etwas zeigen.« Sie winkte Pauline zu sich und nahm eine geschnitzte Holzkiste von einem Regal. »Ist die nicht toll?«

Pauline stimmte nickend zu und fuhr mit ihren Fingerspitzen über die kostbare Einlegearbeit.

»Mach sie mal auf«, ermutigte Anna sie.

Vorsichtig öffnete Pauline den Deckel, woraufhin leise klassische Musik erklang und sich eine Ballerina, kaum größer als ein Fingerhut, aufrichtete und sich vor einem ovalen Spiegel um sich selbst drehte. Das Innere der Kiste war mit dunkelblauem Samt ausgeschlagen. Sicherlich war sie früher einmal für die Aufbewahrung von Schmuck oder anderen Geheimnissen eines jungen Mädchens gedacht gewesen.

»Sie ist wunderschön«, flüsterte Pauline und lauschte andächtig, bis sich die Ballerina immer langsamer drehte und die Musik schließlich verstummte.

»Unter ihr befindet sich ein Aufziehmechanismus«, sagte Anna. »Eine knifflige Mechanik, es hat mich einiges an Arbeit gekostet, bis ich ihn reparieren konnte.«

»Ich finde es bewundernswert, dass du so viel Geduld dafür hast«, gab Pauline zu.

»Mit solchen Dingen ist es wie mit den Menschen. Manchmal denkt man, dass man gar nicht an sie herankommt, aber dann, auf einmal, entdeckt man etwas Besonderes, etwas Einzigartiges, und das ist dann der Schlüssel zu ihrem Herzen. In diesem Moment geben sie ihre ganze Schönheit und ihr wahres Inneres preis.«

Pauline klappte die Spieldose zu und seufzte tief. »Ich wünschte, ich hätte bei Pascal früher den Schlüssel zu seinem Herzen gefunden, dann wäre die Enttäuschung nicht so groß gewesen.«

Pascal war Paulines erste große Liebe gewesen – bis sie ihn vergangenes Jahr mit ihrer Freundin Lena im eigenen Bett erwischt hatte. Pauline hatte lange gebraucht, bis sie sich von ihrem gebrochenen Herzen erholt hatte, und anschließend hatte sie sich geschworen, nie wieder auf einen Mann hereinzufallen. Männer zum Verlieben gab es nur in Romanen und schnulzigen Filmen, davon war sie überzeugt.

»Na, na.« Anna tätschelte ihre Hand. »Noch immer Liebeskummer?«

Pauline schüttelte den Kopf. »Das nicht, aber ich mache mir immer noch Vorwürfe, wie ich auf jemanden wie ihn hereinfallen konnte.«

»Liebes, das passiert jedem von uns einmal. Wir alle machen Fehler. Daraus lernen wir, dass wir es morgen besser machen können. Ich bin mir sicher, dass auch auf dich das Glück wartet. So, und jetzt komm, lass uns ein bisschen umräumen, das lenkt von den Sorgen ab, schließlich bist du bestimmt nicht gekommen, um dir von einer alten Dame Ratschläge fürs Leben erteilen zu lassen. Du wirst deinen Weg schon gehen, da bin ich mir sicher.«

Pauline erwiderte Annas Lächeln. Wie sehr wünschte sie sich, dass die alte Dame recht hatte. Seit ihrer Trennung von Pascal hatte sie zwar ein paar Männer kennengelernt, doch keiner hatte es geschafft, ihr Herz für sich zu gewinnen. Benjamin hatte sie nach vier Dates sitzen lassen, und Timo war so gähnend langweilig gewesen, dass sie sich mit einer Ausrede noch vor dem Dessert davongeschlichen hatte, obwohl es ein Apfel-Calvados-Rahmeis gegeben hatte, das sie nur zu gern probiert hätte. Nur mit Oliver hätte sie sich etwas Ernsteres vorstellen können, aber dazu war es dann doch nicht gekommen. Pauline war zu misstrauisch, hatte ihm ihr Herz nicht vollständig öffnen können, und Oliver hatte für ihr Verhalten kein Verständnis gehabt. So war es bei ein paar Dates und einer aufregenden Nacht geblieben. Seitdem hatte sich Pauline vorgenommen, sich nicht mehr leichtsinnig zu verlieben. Es gab andere Dinge, wichtigere Dinge, wie ihre Freundschaft zu Anna oder Florence, und natürlich den Eishimmel, der ihre ganze Aufmerksamkeit verlangte. Trotzdem träumte sie manchmal davon, jemanden an ihrer Seite zu haben, dem sie vertrauen konnte, der sie blind verstand und dem sie nichts erklären musste. Eine Schulter zum Anlehnen, sodass sie die Welt einen Augenblick lang vergessen konnte …

Sie schob die sehnsüchtigen Gedanken beiseite und folgte Anna in den hinteren Raum des Ladens, in dem sich ebenfalls zahlreiche Dinge angesammelt hatten. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass das Antiquitätengeschäft einem Wartesaal glich. Immer wieder fanden sich hier alte und neuere Dinge zusammen und standen gemeinsam in den verwinkelten Räumen, bis sich jemand ein Teil aussuchte und es mit nach Hause nahm oder verschenkte. Wenn Pauline besonders melancholisch gestimmt war, so wie heute, fühlte sie sich ein wenig wie der halb blinde Standspiegel, der schon seit einer halben Ewigkeit in der hintersten Ecke stand und nahezu in Vergessenheit geraten war. An sich war er ganz nett anzusehen, aber niemand schien ihn mit seinem Fehler haben zu wollen.

Das Schrillen des Telefons holte Pauline in die Wirklichkeit zurück.

»Moment, da muss ich kurz rangehen.« Anna lief mit beschwerlichen Schritten zum Schreibtisch und nahm den Hörer ab.

Pauline blieb allein zurück. Sie strich mit ihrer Hand über den Deckel einer Wäschekommode und musste wieder an die Spieldose denken, die Anna ihr gezeigt hatte. Auf einmal spürte sie, wie Sehnsucht in ihr aufstieg und ihr Herz wie ein dunkles Tuch umhüllte. In solchen Momenten, in denen sie sich besonders einsam fühlte, glaubte sie, dass ihr die alten Möbel und Gemälde ihre Geschichten zuflüsterten. Der Gedanke an die Leben, die all die alten Gegenstände einmal begleitet hatten, und die Vorstellung, wohin sie eines Tages vielleicht kommen würden, war wie ein kleiner Hoffnungsschimmer für sie. Manchmal nahm sie dann ein Blatt Papier und schrieb ihre Gedanken dazu auf. Anschließend versteckte sie ihre Nachricht in dem alten Möbelstück, das sie inspiriert hatte. Das war ihre Eigenart, ihr Geheimnis, von dem niemand sonst wusste. Nicht einmal Anna oder Florence hatte sie davon erzählt.

Und auch jetzt kam ihr wieder eine Idee für ein solches Briefchen. Pauline ging zu dem Sekretär an der gegenüberliegenden Wand, rückte sich den Stuhl auf dem Perserteppich zurecht und setzte sich. Vor ihr auf dem Schreibtisch befanden sich ein Füllfederhalter und einige Bögen Papier, die Anna dort zur Dekoration hingelegt hatte. Sie nahm sich einen Bogen, teilte ihn in der Hälfte und begann zu schreiben:

Als ich klein war, habe ich mir immer eine solche Spieldose gewünscht. Ich habe davon geträumt, all meine Schätze darin zu verwahren: das Haarband meiner besten Schulfreundin, das sie mir geschenkt hat, eine dunkelblaue Glasmurmel, die Muschel, die ich im Urlaub am Meer gefunden habe – vielleicht sogar meinen ersten Liebesbrief. Und später hätte ich die Dinge darin aufbewahrt, die mich an besondere Momente mit meiner großen Liebe erinnern: Konzertkarten von unserer Lieblingsband, einen außergewöhnlich geformten Stein von einem gemeinsamen Ausflug, die Rechnung von dem Restaurant, in dem wir uns das erste Mal verabredet haben, vielleicht ein Schmuckstück von ihm. Aber leider wäre die Kiste heute leer und niemand in Sicht, der sie mit mir gemeinsam füllen könnte …

Sie wartete, bis die Tinte getrocknet war, und faltete das Papier zusammen. Da Anna immer noch telefonierte, konnte Pauline ihren Zettel problemlos in der Spieldose verstecken. Sie malte sich gerne aus, wie jemand einen ihrer Briefe fand. Vielleicht konnte sie mit ihren Zeilen ja eine lang vergessene, aber sehr schöne Erinnerung wecken oder eine Sehnsucht neu entfachen. Vielleicht brachte sie Annas Kunden ja auch dazu, ihren Blick in eine völlig andere Richtung zu lenken, oder sie konnte mit ihren Gedanken ein schönes Gefühl bei ihnen auslösen und sie zum Träumen bringen.

Diese Idee gefiel Pauline besonders gut, und sie stellte sich vor, wie vielleicht ein Mädchen die Spieldose geschenkt bekam und den Zettel darin fand. Vielleicht würde es die Botschaft darauf noch nicht verstehen, aber sie aufbewahren. Und irgendwann als junge Frau würde sie die Spieluhr wiederentdecken. Vielleicht hatte sie in Sachen Liebe mehr Glück als Pauline und würde den Zettel dann mit einem Lächeln beiseitelegen können und ihre eigenen Schätze und Erinnerungen in der Spieldose sammeln. Oder aber er könnte ihr dabei helfen, über ihr gebrochenes Herz hinwegzukommen, denn er würde ihr bewusst machen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein war.

Als Anna in diesem Moment von ihrem Telefonat zurückkam, strahlte sie übers ganze Gesicht. »Das war Christian, mein Enkel. Er kommt mich besuchen.«

»Aha«, erwiderte Pauline verwundert. In all den Jahren hatte Anna zwar immer mal wieder von ihm erzählt, blicken lassen hatte er sich bislang aber nie. Weder an Annas Geburtstag noch an Weihnachten war er zu Besuch gekommen.

»Mach nicht so ein Gesicht, Pauline.« Anna lächelte amüsiert. »Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen. Christian war die letzten Jahre beruflich in England, wo er auch studiert hat, und jetzt will er wieder nach Deutschland kommen. Er ist wirklich ein lieber Junge, aber das wirst du bald selbst feststellen.« Anna zwinkerte ihr kurz zu, ehe sie sich an das zitronengelbe Sofa stellte.

»Wir werden sehen«, entgegnete Pauline vorsichtig. Was Männer anging, blieb sie vorsorglich lieber skeptisch. Sie stellte sich auf die andere Seite des Sofas und half Anna dabei, es anzuheben. »Wohin willst du es haben?«, brachte sie unter zusammengebissenen Zähnen hervor, als sie es ein paar Zentimeter in den Raum gedreht hatten.

»Zum Fenster dort«, erklärte Anna und deutete mit dem Kopf in Richtung Fensterfront. »Da kann es erst mal bleiben, bis ich den Boden gewischt und das Schachbrett aufgebaut habe.«

»Na ja, etwas Gutes hat es, dass dich dein Enkel besuchen kommt. Er kann uns beim Möbelrücken helfen.«

3.

Mit überhöhter Geschwindigkeit raste Christian durch eine Tempo-30-Zone. Er war viel zu spät dran, nachdem er erfolglos versucht hatte, eine Straße, in der ein Traktor mit Anhänger gestanden hatte, zu umfahren und eine Abkürzung durch die Innenstadt zu nehmen. Die engen Straßen und Gassen hatten sich als regelrechtes Labyrinth entpuppt. Beinahe wäre er mit seinem Wagen in der Fußgängerzone gelandet, und bei seinem nächsten Versuch hatten ihn hupende Autofahrer darauf aufmerksam gemacht, dass er verkehrt herum in eine Einbahnstraße gefahren war. Es war zum Verrücktwerden. Früher, als er mit seinen Eltern hier gelebt hatte, war ihm die Stadt nie so verwinkelt und klein vorgekommen. Damals hatte er sich hier wohlgefühlt, doch jetzt regte es ihn gerade ziemlich auf, dass es keine Umgehungsstraße gab, die ihn um das Stadtzentrum herumführte. Er war die Größe und das pulsierende Leben von London gewohnt und konnte sich nur schwer vorstellen, wie er sich in diesem verschlafenen Nest wieder heimisch fühlen sollte.

Christian bog um die nächste Häuserecke und kam mit einer Vollbremsung vor einem Zebrastreifen zum Stehen, den gerade eine ältere Dame mit Rollator und Hündchen an der Leine im Schneckentempo überquerte. Er würde sicher zu spät bei seinem Onkel in der Firma auftauchen. Fluchend schlug er auf sein Lenkrad. Dabei hupte er aus Versehen, und die ältere Dame zuckte erschrocken zusammen. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an und schien sich für einen Moment zu überlegen, warum er sie angehupt hatte. Dann begann sie, wild zu zetern, bückte sich und hob ihren Hund auf den Arm. Das Tier, kaum größer als eine Ratte, stimmte in die Schimpftirade seines Frauchens mit ein und kläffte aufgebracht, allerdings drei Oktaven höher als seine Besitzerin.

Endlich hatte die ältere Dame die Fahrbahnmitte erreicht, und Christian konnte weiterfahren. Laut Navi lag die Firma seines Onkels noch zwei Kilometer entfernt. Er musste also nur noch an dem Park vorbei und aus dem Stadtkern raus. In Gedanken ging er noch einmal die wichtigsten Punkte durch, die er mit Oskar besprechen wollte. Der Termin war zwar kein Vorstellungsgespräch, aber für ihn hing beruflich viel von diesem Treffen ab. Als er in der Ferne das gläserne Gebäude sah, trat er das Gaspedal durch.

Wenige Minuten später bog Christian auf die neu asphaltierte Straße ab, fuhr in halsbrecherischem Tempo auf den geschotterten Parkplatz direkt vor dem Gebäudekomplex und parkte seinen Sportwagen. Er setzte seine Sonnenbrille ab und betrachtete die Glasfassade, die hoch in den Himmel ragte. Ein solches Büro war genau nach seinem Geschmack. Sein Onkel hatte ganze Arbeit geleistet. Schlicht und erhaben ragte es über die kleineren Häuser in der näheren Umgebung, und setzte zweifelsfrei ein Zeichen. Christian empfand es nahezu als Ritterschlag, dass er jetzt in das Architekturbüro seines Onkels einsteigen würde.

Er strich sein Jackett glatt und ging auf das Gebäude zu. Gläserne Schiebetüren glitten lautlos auseinander und gaben den Weg in die Lobby frei, wo ein dunkelblauer Läufer ihn geradewegs zu einem modernen Empfangstresen führte. Dort arbeiteten zwei Frauen, beide in eleganten Kostümen. Eine der beiden Damen telefonierte, doch die andere wandte sich ihm sofort mit einem Lächeln zu.

»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«

»Mein Name ist Christian Bergmann. Ich habe einen Termin mit meinem Onkel Oskar Bergmann.« Christian ließ sich nicht anmerken, wie nervös er war.

Die Empfangsdame nickte. »Bitte folgen Sie mir, Herr Bergmann. Ihr Onkel erwartet Sie bereits.« Sie ging auf den Aufzug zu, wobei ihre High Heels bei jedem Schritt auf dem Granitboden klackerten.

Das Innere des Aufzugs war nahezu komplett verspiegelt, nur der Boden bestand ebenfalls aus dunklem Granit. Christian beobachtete, wie die Empfangsdame den obersten Knopf des Aufzugs drückte. Sie war attraktiv, doch es fehlte die Ausstrahlung, und Christian empfand kein Bedürfnis, sie näher kennenzulernen. Während der Fahrt nach oben überlegte er, welchen Eindruck das Gebäude wohl auf jemanden hinterließ, der zum ersten Mal einen Termin bei seinem Onkel hatte. Er selbst kannte Oskars Leidenschaft für klare, schlichte Linien, und er war sich sicher, dass andere darin strukturiertes Arbeiten und eine gewisse Zielstrebigkeit herauslesen würden. Nicht ohne Grund war das Architekturbüro seines Onkels eine renommierte Adresse in der Branche.

Als sich die Türen im obersten Stockwerk mit einem angenehmen Ton wieder öffneten, verließ die Empfangsdame zuerst den Aufzug. Christian folgte ihr durch einen endlos wirkenden Gang, der mit grauem Teppichboden ausgelegt war und an dessen Wänden Bilder moderner Künstler hingen. Für zeitgenössische Kunst hatte er sich, im Gegensatz zu seinem Onkel, noch nie wirklich begeistern können. Er bevorzugte die Gemälde der alten Meister, vor denen er stundenlang sitzen und immer wieder neue Details ausmachen konnte. Die vereinzelten bunten Striche und Farbtupfer hier gaben ihm lediglich Rätsel auf.

»Bitte warten Sie einen Moment«, sagte die Empfangsdame mit einem unverbindlichen Lächeln und verschwand gleich darauf hinter der großen doppelflügeligen Tür.

Christian rückte seinen Krawattenknoten zurecht und überprüfte seine Manschettenknöpfe. Alles saß perfekt, jetzt kam es nur auf ihn an. Er musste nicht lange warten, bis die Empfangsdame beide Flügeltüren öffnete und ihn in Oskars Büro bat.

»Christian!« Der Mann, der vor der Fensterfront stand, drehte sich erfreut zu ihm um. »Wie schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?«

Christian ging mit einem Lächeln auf seinen Onkel zu. »Hallo, Oskar.« Sie umarmten sich herzlich zur Begrüßung, und Oskar schlug seinem Neffen jovial auf die Schulter. Christian hörte, wie die Empfangsdame die Türen hinter ihnen schloss. Jetzt waren sie allein in dem riesigen Büro.

»Lass dich ansehen!« Oskar hielt ihn ein wenig auf Abstand und musterte ihn von oben bis unten. »Wie ich sehe, hat dir London nicht geschadet.«

»Ganz und gar nicht.« Christian stellte fest, dass sein Onkel wie immer perfekt gekleidet war. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, Hemd und Krawatte waren farblich perfekt aufeinander abgestimmt.

Oskar bedeutete ihm mit einer Handbewegung, am Schreibtisch Platz zu nehmen, und setzte sich selbst in den modernen Chefsessel aus Leder.

»Schön hast du es hier.« Christian nickte anerkennend.

»Das sind die Früchte meiner Arbeit.« Oskar lächelte wenig bescheiden. »Wenn du dich ranhältst, hast du bald dein eigenes Bürogebäude.« Er lachte viel zu laut über seinen Witz, drückte dann auf die Sprechanlage und orderte zwei Tassen Kaffee. Nur wenige Augenblicke später brachte eine blonde junge Frau in ebenfalls perfekt sitzendem Kostüm ein Tablett mit zwei Kaffeetassen und einen Teller mit Gebäck herein. Sie platzierte alles in Ruhe auf dem Schreibtisch, während Oskar ihr wohlwollend dabei zusah. Als sie sich mit einem Nicken wieder zurückzog, hatte er ein anzügliches Grinsen auf den Lippen.

»Zum Anbeißen, nicht wahr?«, sagte er mit süßlicher Stimme und biss in einen Keks, wobei Christian sich sicher war, dass sein Onkel nicht das Gebäck gemeint hatte. »Also, dann lass uns doch gleich zur Sache kommen. Es geht um das Center-Projekt hier in der Stadt, für das wir den Auftrag bekommen haben«, begann er jetzt in geschäftsmäßigem Ton. »Wir befinden uns derzeit in der Vorplanung und erstellen gerade die Entwürfe für das Bauvorhaben. Ich würde dir gerne das komplette Finanzmanagement übertragen. Dazu zählt jetzt zu Beginn die Kostenschätzung und später dann die Auftragsvergabe an die Unternehmen und Handwerker. Es ist wichtig, dass wir Firmen gewinnen können, die auf höchstem Niveau arbeiten. Gleichzeitig müssen die Angebote natürlich auch preislich interessant sein. Aufgrund deiner beruflichen Erfahrung halte ich dich für den richtigen Mann, um mit den Unternehmen diesbezüglich in Verhandlung zu treten. Natürlich würde dann auch später bei der Umsetzung der komplette finanzielle Bereich über deinen Schreibtisch laufen.«

»Das klingt nach einer spannenden Aufgabe.« Christian richtete sich etwas auf. Dass sein Onkel ihn gleich mit einem so großen Projekt betraute, schmeichelte ihm.

»Gut.« Oskar lächelte zufrieden. »Übrigens würde ich dich auch gerne bei den Verhandlungen mit dem Stadtrat dabeihaben.«

»Ich dachte, das Bauvorhaben ist bereits genehmigt worden.«

»Jaja, so gut wie.« Mit einer fahrigen Handbewegung schob Oskar diese Bemerkung beiseite. »Ich habe schon mal bei Dr. Wieland, dem Bürgermeister, vorgefühlt, und er fand das Projekt für seine Stadt sehr interessant. Noch ist allerdings nichts unterschrieben, und ich glaube, ein bisschen Nachdruck könnte da nicht schaden. Ich würde dir gerne die Gespräche überlassen. Ich möchte, dass du dich um die Genehmigung des Bauvorhabens und die Vertragsunterzeichnung kümmerst. Dadurch hättest du die Möglichkeit, einen konkreten Einblick in meinen Arbeitsbereich zu erhalten und könntest dich auch aktiv in der Verhandlungsphase mit einbringen. Traust du dir das zu?«

Christian war überrascht. Das Angebot seines Onkels war mehr, als er erwartet hatte. Er war nicht davon ausgegangen, dass er ihn neben der Betreuung eines Projekts auch gleich in der Führungsebene unterstützen sollte. Gleichzeitig konnte er dadurch seine Fähigkeiten unter Beweis stellen, und er war fest entschlossen, Oskar nicht zu enttäuschen. Sein Onkel half ihm dabei, noch einmal neu anzufangen, und Christian nahm sich vor, diese Chance zu nutzen.

»Ja, sehr gerne«, sagte er und konnte kaum verbergen, wie sehr er sich über dieses Angebot freute.

»Schön, dann wäre das ja geklärt.« Oskar machte sich eine Notiz auf einem Blatt Papier. »Lass uns zum nächsten Punkt kommen.« Er blätterte in seinen Unterlagen. »Ich hätte noch ein etwas persönlicheres Anliegen, das ich dir gerne übertragen würde. Es gibt ein paar, nun, sagen wir … Meinungsverschiedenheiten mit den Immobilienbesitzern hier vor Ort, was den Baugrund angeht.«

Christian, der sich gerade etwas Zucker in seinen Kaffee rührte, sah auf. »Inwiefern?«

»Die Firma hat uns beauftragt, die Grundstücke vorab für sie zu erwerben. Jetzt müssen wir die Besitzer davon überzeugen, dass sie an uns verkaufen, aber mit dem nötigen Kleingeld sollte das kein Problem sein.« Oskar tippte auf seiner Computertastatur herum und öffnete eine Präsentation. Er suchte die passende Folie heraus und startete den Beamer, der sogleich einen Bauplan an eine der schneeweißen Wände warf.

Christian brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. »Du willst das Center direkt neben den Park bauen?«

»Natürlich, so haben wir auch gleich die Möglichkeit, weitere Parkplätze zu erschließen, sobald das nötig sein wird.«

Von dieser Idee war Christian wenig begeistert. Auch wenn er das Argument nachvollziehen konnte, war ihm die Natur in einer Stadt als Rückzugsort ebenso wichtig wie ein ausgewogenes Stadtbild, in dem sich die Bewohner wohlfühlten, aber er ließ seinen Onkel erst einmal weiterreden.

»Wie du siehst, gibt es hier zum Teil bebautes Gebiet. Auf der nördlichen Seite können wir uns beliebig ausdehnen, da stehe ich aktuell in den Abschlussverhandlungen mit dem Grundstücksbesitzer – und es sieht ganz gut aus, wenn ich so weit schon mal vorgreifen darf. Hier auf der Südseite stehe ich ebenfalls in Verhandlung mit den Kleinunternehmern, die dort ansässig sind. Gegebenenfalls kann man ihnen als Lockangebot für die ersten zwei Jahre ein entgegenkommendes Mietverhältnis für einen Laden im Center anbieten, das müsste man mal mit dem Auftraggeber klären.«

»Bist du sicher, dass diese Geschäfte das finanzielle Risiko überhaupt tragen können? Ich meine, was sind das für Läden? Ein Wollgeschäft, eine Buchhandlung, ein Eiscafé … Vermutlich generieren die Läden alle keinen großen Umsatz.«

»Das soll uns nicht interessieren. Wir bauen ihnen immerhin ein Einkaufsquartier in bester Innenstadtlage, das enorme Kaufkraft mit sich bringen wird. So etwas kostet natürlich. Geh doch zum Beispiel mal in ein Center in Berlin oder Hamburg. Da musst du schon etwas auf den Tisch legen, wenn du dort mieten willst.«

»Okay, Oskar, aber das sind Großstädte. Wir reden hier von einer deutlich kleineren fränkischen Stadt mit gerade mal achtunddreißigtausend Einwohnern. Sollte man da die Mieten nicht anpassen?«

»Jeder fängt mal klein an«, entgegnete Oskar. »Und nur wenn etwas einen angemessenen Preis hat, wird es auch wertgeschätzt. Das solltest du doch in deinem Studium gelernt haben. Aber das ist Sache des Auftraggebers. Ich denke, dass wir da sicherlich eine zufriedenstellende Lösung für alle Beteiligten finden werden. Lass uns lieber wieder zurück zum Wesentlichen kommen. Ich mache mir nicht über die Ladeninhaber Gedanken, sondern über die Hausbesitzer. Hier scheinen alle irgendwie an diesem Kleinstadtsumpf zu hängen. Vor allem diese drei Läden …«, Oskar drückte auf einen Knopf an seinem Presenter, und eine weitere Folie zeigte jetzt drei eingefärbte Häuser in der Mitte des Baugrundstücks, »… bereiten mir Sorge.«

»Wieso?« Christian beugte sich nach vorne und las die Beschriftung der Läden. Eishimmel, Gärtnerei Sommergrün, Bergmann Antiquitäten.

»Die Vermieter des Eiscafés und die Gärtnerei sind unentschlossen, ob sie an uns verkaufen wollen«, erklärte Oskar in neutralem Ton.

»Moment mal, Bergmann Antiquitäten?« Christian beschlich ein ungutes Gefühl. »Geht es hier etwa um Annas Geschäft?«

»Richtig, es handelt sich sozusagen um eine Familienangelegenheit.« Oskar verzog die Lippen zu einem Grinsen und nippte an seinem Kaffee. »Und genau an dieser Stelle kommst du ins Spiel.«

»Erwartest du etwa, dass ich meine Großmutter aus ihrem Laden werfe? Das mache ich nicht, Oskar.«

Sein Onkel lächelte diplomatisch. »Christian, niemand hat gesagt, dass du Anna aus dem Laden werfen sollst. Sieh mal, das Haus gehört ohnehin bereits mir, und sowohl diese Eisdiele als auch Annas Antiquitätengeschäft sind schon lange nicht mehr lukrativ. Mit den Besitzern der Eisdiele und mit der Gärtnerei werde ich sprechen, aber bei Anna braucht es jemanden, der ihr ganz behutsam erklärt, dass sie sich besser zur Ruhe setzt. Von ihrem Arzt weiß ich …« Oskar brach ab. »Das sollte ich dir vielleicht besser nicht sagen. Es war ein vertrauliches Gespräch.«

Christian sah seinen Onkel prüfend an, aber er konnte in seinen Gesichtszügen nicht lesen, worum es bei dem Gespräch gegangen sein musste. Dennoch wurde seine Kehle trocken wie Sandpapier. »Oskar, wenn du willst, dass ich bei dir einsteige, dann muss ich alles wissen. Also, was hat Annas Arzt gesagt?«

Oskars Miene verdunkelte sich. »Bei der letzten Untersuchung ist ihm aufgefallen, dass Annas Blutdruckwerte nicht so gut sind. Er sagte, es wäre besser, wenn sie sich schont und zur Ruhe setzt, aber du weißt ja, wie sie ist. Sie arbeitet tagein, tagaus in diesem verfluchten Laden, weil ich es einfach nicht übers Herz bringe, ihr zu sagen, dass sie kürzertreten muss.«

Christian ließ sich die Worte seines Onkels durch den Kopf gehen. Er betrachtete die Planskizze des Bauvorhabens noch einmal ganz genau, die der Projektor mit einem gleichmäßigen Surren an die Wand warf.

»Das Haus mit Annas Laden gehört dir bereits. Also, was soll ich dann tun?«

»Ich bin froh, dass du fragst.« Oskar lächelte seinen Neffen warm an. »Wie du sicher weißt, haben meine Mutter und ich gerade kein so gutes Verhältnis zueinander. Du hingegen, als ihr einziger Enkel und ihr Liebling, hast sicherlich einen viel besseren Draht zu ihr. Ich dachte, dass du Anna vielleicht besuchen und sie davon überzeugen könntest, dass sie von ihrem lebenslangen Wohnrecht in dem alten Haus absehen und sich etwas Passendes fürs Alter suchen könnte. Du weißt schon, etwas ohne Stufen, mit ebenerdiger Dusche, langfristig gedacht vielleicht sogar rollstuhlgerecht, wobei ich natürlich hoffe, dass sie nie einen brauchen wird.«

»Und wie ich dich kenne, hast du vermutlich sogar schon einen Vertrag ausgearbeitet, den sie nur noch zu unterzeichnen braucht, was?« Christian sah seinen Onkel abschätzend an.

»Wo denkst du hin? Ich habe ja selbst erst vor Kurzem von ihrer schlechten Gesundheit erfahren. Es ist ja nicht nur der Bluthochdruck. Anna hat es in den Knochen, und das viele Herumschleppen der alten Möbel und des anderen Krimskrams macht es nicht besser. Am Ende hebt sie sich noch einen Bruch oder wird von einer ihrer Beethovenstatuen erschlagen.«

»Was wäre, wenn wir ihr jemanden zur Seite stellen, der ihr im Laden hilft?«, schlug Christian vor.

»Ich glaube nicht, dass Anna damit einverstanden wäre. Du kennst sie doch; wenn es um ihren Laden geht, ist sie sehr eigen, und helfen lässt sie sich auch nur widerwillig.« Oskar dachte kurz nach. »Aber das ist gar keine schlechte Idee, ihr ein bisschen Hilfe anzubieten. So fällt es ihr vielleicht leichter, wenn sie sich nach und nach aus dem Geschäft zurückziehen kann. Wichtig ist nur, dass wir ihr das schonend beibringen.«

Christian seufzte nachdenklich. Wenn es Anna gesundheitlich nicht so gut ging, wie Oskar sagte, war es wohl tatsächlich besser, wenn sie sich aus dem Antiquitätengeschäft zurückzog und mehr auf ihre Gesundheit achtete.

»Gut.« Er atmete tief durch. »Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber versprechen kann ich nichts.«

»Selbstverständlich, Christian.« Oskar nickte mit einem mitfühlenden Blick. »Ich bin dir schon dankbar, wenn du es nur versuchst.«

4.

Es war bereits Abend, als Pauline ihr Rad durch die noch recht belebte Innenstadt schob. Sie wollte ein paar Kleinigkeiten für zu Hause einkaufen und nahm dafür den Weg durch die Fußgängerzone. Ihr Ziel war die beste und älteste Bäckerei hier, die seit fast einhundert Jahren ihr Traditionshandwerk betrieb. Pauline lief über das Schuppenbogenpflaster aus rötlichem und grauem Bruchstein, in dessen Zentrum sich der Fabelwesen-Brunnen, ein bekanntes Wahrzeichen der Stadt, befand. In der obersten Schale des dreistöckigen Brunnens thronte eine Nymphe aus Bronze, die einen Krug in die Schale zu ihren Füßen ausschüttete. Das überlaufende Wasser sammelte sich in dem darunterliegenden runden Auffangbecken, das von mehreren Faunen auf dem Rücken getragen wurde. Von dort sprudelte es aus Fischköpfen in das dritte Becken, an dessen unterem Rand mehre Wasserfrauen saßen, deren Fischschwänze teilweise bis in das Brunnenwasser reichten. Vorbeigehende Stadtbewohner und Touristen warfen häufig Münzen über ihre rechte Schulter in das Becken, da man sich sagte, dass dies Glück, Reichtum und ein langes Leben garantierte. Pauline liebte diesen Brunnen. Sie blieb für eine Weile stehen und lauschte dem beruhigenden Plätschern. Dann warf sie wie so oft eine Münze hinein und schob ihr Rad weiter über den Platz.

Zweimal in der Woche fand hier vormittags ein Wochenmarkt statt, auf dem frisches Obst und Gemüse aus der Region, Blütenhonig der hiesigen Imker, Wurst und Käse von verschiedenen Bauernhöfen in der näheren Umgebung und herrlich duftende Kräuter angeboten wurden. Pauline kaufte gerne dort ein, denn sie schätzte die gute Qualität der Produkte, die sie auch für ihr Eis verwendete.

Sie erreichte den Rand des Platzes, der von mehreren großen Bäumen gesäumt wurde, die in der Mittagssonne Schatten spendeten. Schmiedeeiserne Bänke luden tagsüber zum Verweilen ein, und abends erinnerte der Platz an eine Kulisse aus einem französischen Liebesfilm. Die verschnörkelten Straßenlampen verströmten dann ein warmes Licht und lockten so manch verliebtes Paar am Abend noch auf einen Spaziergang aus dem Haus. Pauline war hier früher auch gelegentlich mit Pascal gewesen, aber ihr Ex-Freund hatte nie sonderlich viel für das romantische Flair übriggehabt. Inzwischen genoss sie ihre Feierabende allein, und es störte sie nicht einmal, dass Pascal nicht mehr bei ihr war.

In einer Seitenstraße, die zum Brunnenplatz führte, lag Paulines Lieblingsitaliener. Schon von der Straße aus konnte man die ofenfrische Pizza mit ihrem Duft nach Basilikum, Käse und Tomatensoße riechen. Mit Blick auf den Fabelwesen-Brunnen fühlte man sich fast ein bisschen wie in Rom – zumindest stellte Pauline es sich dort so vor. Aber heute musste sie dringend nach Hause. Sie hatte geplant, sich nach ihrem Einkauf noch einmal ihre Buchhaltung vorzunehmen, und das kostete sie oftmals einen ganzen Abend.

Als Pauline zu Hause ankam, leuchtete der Himmel bereits in einer Mischung aus Orange und Apricot, und die schwarzen Silhouetten der Bäume zeichneten sich davor wie Scherenschnitte ab. Pauline leerte den Briefkasten und stieg die Stufen zu ihrer Wohnung nach oben. Sie balancierte ihre Einkäufe auf einem Arm, während sie mit der anderen Hand versuchte, die Wohnungstür aufzuschließen. Als die Tür endlich aufsprang, lauerte Coco, ihre getigerte Katze, bereits erwartungsvoll auf ihre Heimkehr.

»-allo O-o«, kam es unverständlich von Pauline, die sich die Briefe zwischen die Lippen geklemmt hatte und auf dem Weg in die Küche war. Dort stellte sie ihre Einkaufstasche ab und sah die Post durch. Werbung, Werbung, Stromrechnung … Einen Brief betrachtete sie etwas länger. »Was wollen die denn?«, murmelte sie und riss den Umschlag auf. Ihr Herz schlug schneller, als sie die Zeilen überflog. »… möchten wir Sie daran erinnern, dass die nächste Kreditrate Anfang des kommenden Monats fällig wird«, las sie halblaut.

»Auch das noch.« Pauline ließ seufzend den Brief sinken und setzte sich, während Coco mit einem tröstenden Schnurren um ihre Beine schlich. Alles halb so schlimm, sollte das wohl heißen, doch Pauline erwiderte die Zuwendung ihrer Katze nur mit einem halbherzigen Streicheln.

»Wie konnte ich damals nur so blöd sein, Coco?« Sie schloss einen Moment die Augen, doch bevor die Erinnerungen sie wie eine Welle überrollten, faltete sie den Brief zusammen und steckte ihn in das Kuvert zurück. »Na schön«, sagte sie und atmete tief durch. »Davon wird es jetzt auch nicht besser. Irgendwas wird mir schon einfallen.«