Ein Fisch braucht Wasser - Steven Pennings - ebook

Ein Fisch braucht Wasser ebook

Steven Pennings

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Opis

Die Geschichte von einem Fisch Stellen Sie sich einen Fisch vor, der in einem kleinen Aquarium schwimmt. Holen Sie den Fisch heraus, legen Sie ihn auf den Boden. Während der Fisch nach Luft schnappt, wie auch herumspringt, denken Sie „Schon komisch, wie der Fisch sich verhält“. Der Fisch macht noch größere Sprünge, schnappt noch energischer. Sie sagen „Da stimmt etwas nicht mit ihm.“ Der Fisch bewegt sich noch auffallender! Sie entscheiden „Der ist verhaltensgestört, der braucht Therapie.“ Das Einzige was der Fisch braucht ist WASSER! Wir neigen zu schnellen Interpretationen, Deutungen bzw. Diagnosen. Daraus folgen oft Methoden, Maßnahmen bzw. Interventionen, die weder uns noch dem Kind helfen. Im Falle des Kindes können wir in übertragender Weise sagen, das Kind braucht nur Zuneigung, das heißt nonverbale (Streicheleinheiten) und die verbale Vermittlung “Du bist in Ordnung“, “Du bist ein wichtiger Mensch!” Dieses Buch erhebt nicht den Anspruch, Neues zu vermitteln, sondern Anderes. Frei nach dem Motto, wenn du etwas „Anderes“ willst, mache es anders! Mein Bestreben ist, Ihnen eine andere Pädagogik nahe zu bringen, Ihre Sichtweise bzw. Perspektive zu erweitern. Stellen Sie sich auf einen Stuhl, schauen Sie das Aquarium an. Setzen Sie sich auf den Boden, wie sieht das Aquarium jetzt aus? Mit Sicherheit sehen Sie unterschiedliche Dinge. Eventuell ändert sich die Farbe, die Wahrnehmung der Wassermenge, die Anzahl der Fische und anderes mehr. Die wichtigste Herausforderung, die Sie als relativ erfahrene Menschen bzw. Pädagogen und Erzieher innehaben ist, das „Kind“ zu befähigen, selbstständig sein Leben zu führen. Genau diese Aufgabe, die so einfach gesagt bzw. beschrieben ist, braucht, um sie praktisch auszuüben, nicht nur pädagogische Methoden, sondern Voraussetzungen, die über den eigenen Horizont hinausreichen. Die Annahme, dass schon das Wissen darüber was z. B. Autonomie heißt, reichen würde, um sie praktizieren zu können, frustriert schon Generationen von Pädagogen. Aus diesem Grund werde ich sowohl die theoretische Grundlage, die „innere Haltung“ – Annahmen, Glaubenssätze – als auch die daraus folgenden Handlungen, Methoden bzw. Interventionen beschreiben. Ich könnte Ihnen erklären, wie Fahrradfahren funktioniert; fahren können Sie dadurch leider nicht. Sie müssen schon auf das Rad steigen und anfangen zu fahren. Dies können Sie mit verschiedenen Herangehensweisen unterstützen; jemand hält das Fahrrad im Gleichgewicht; Sie nutzen Stützräder etc. Entscheidend für das Gelingen ist, ob die theoretische Beschreibung, das Sehen wie andere fahren, die Hilfsmittel/Methoden sowie nicht zuletzt meine innere Einstellung („Fahrradfahren ist Spitze!“ oder „Ich werde es nie lernen!“) dies fördern. Um Sie mit diesem Buch zu bewegen, werde ich Sie nötigen, mit mir Tandem zu fahren. Sie werden mit mir durch eine Landschaft pendeln, in der Kinder sowie Pädagogen wohnen, die „Probleme aufweisen“ wie auch „Probleme machen“. Von Fall zu Fall werden Sie eine Zeit lang dort verbleiben und den Prozess der Eigenständigkeit, wie auch die Vermittlung, was einen Menschen wichtigmacht, miterleben. Anhand dessen hege ich die Hoffnung, dass Sie tatsächlich etwas Anderes wollen und anfangen, etwas Anderes zu machen!

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Liczba stron: 102




© 2013 Steven Pennings

Herausgeber: Steven Pennings

www.praxispennings.de

[email protected]

Autor: Steven Pennings

Umschlaggestaltung, Illustration: Steven Pennings

Lektorat, Korrektorat: Karin Baumann, Gudrun Müller-Reiners.

EBook-Produktion: DIPUB Media Christian Melle, Potsdam

Verlag: Steven Pennings

ISBN: 978-3-923884-03-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Kapitel 1 Beziehung

Es wird öfter vorkommen, dass ich Wörter erkläre. Dies resultiert hauptsächlich aus der Überzeugung, dass wenn wir etwas erreichen bzw. vermeiden wollen, dies besser zu beeinflussen ist, wenn uns die Bedeutung der zentralen Begriffe und deren Folgen bewusst sind.

Beziehung

Beziehung heißt: Ich beziehe mich auf dich, du beziehst dich auf mich. Voraussetzung hierzu ist, dass wir etwas voneinander wissen, damit wir uns darauf beziehen können! Wenn ich will, dass du mit mir eine Beziehung eingehst, muss ich dich dafür etwas von mir wissen lassen. Folglich muss ich immer den ersten Schritt tun!

Das Einzige, was das Kind braucht, ist “Wasser“ – Beziehung.

Mark, 6 Jahre alt, deutscher Herkunft

Marks Schuleinstieg gestaltete sich positiv.

Seit Weihnachten traten folgende Veränderungen auf:

Er nahm keinen Kontakt mehr zu den Lehrkräften auf.

Er war kaum ansprechbar.

Er saß nur da, arbeitete nicht mehr.

Er vermied Gefühle.

Er ging dem Kontakt auf allen Ebenen aus dem Weg.

Alle Interventionen, ihn für die Aufgaben zu motivieren, fruchteten nicht.

Die Frage, woher das kam, kann nicht beantwortet werden. Antworten diesbezüglich helfen meist auch ohnehin nicht weiter.

Wenn wir nur das oben genannte Wissen nutzen (vgl. Kap. psychisches Jiu-Jitsu), können wir von der Annahme/Hypothese ausgehen, dass es bei Mark um Gefühle, Kontakt, bzw. Beziehung geht. Nutzen wir diese Annahme, so befähigt uns das, gleich zu kontrollieren, ob sie stimmt.

Da wir annahmen, dass Mark aus irgendwelchem konkreten Grund weder Gefühle zeigen noch in Kontakt gehen konnte, mussten wir Beziehung eingehen und ihm auf mehreren Ebenen zeigen, wie man dies tut (Fahrradfahren):

Mark wurde morgens explizit begrüßt, „Ich freue mich, dass du da bist, .............“.

Während des Erklärens und während der Arbeitsphasen gingen die Lehrer Körperkontakt ein: Sie legten die Hand auf Marks Schulter; Anfassspiele wurden mit der ganzen Klasse gespielt; die Kinder berührten einander (Nachlaufen etc.), Gegenstände wurden angefasst: warm, kalt, Feuchtigkeit, Druck konnten erfahren werden; es wurden Gefühlsäußerungsspiele durchgeführt.

Glücklicherweise konnten mehrere Lehrerinnen diese Beziehungshaltung einnehmen und die Interventionen anwenden. Schon nach einer Woche konnte Mark selbst in Beziehung gehen. Zwei Wochen später hatte sich alles normalisiert.

Benno, 6 Jahre, deutscher Herkunft

Benno besuchte seit seinem vierten Lebensjahr (3 Jahre) die KiTa. Er hatte eine ältere Schwester (12 Jahre).

Benno war ein fröhlicher Junge, meist freundlich, interessiert und zugewandt im Kontakt zu den Erwachsenen und Kindern der KiTa.

An manchen Tagen war seine Stimmung gereizt, meist dann, wenn er bereits in der morgendlichen Bring-Situation von der Mutter auf Regeln und das von ihm erwartete Benehmen hingewiesen worden war.

Auf sämtliche Ereignisse reagierte er dann sehr sensibel und erregt. Auf wiederholte Ermahnungen reagierte er mit negativ aggressivem Verhalten: Er schrie sehr laut, beschimpfte die ErzieherInnen und wenn er von ihnen angefasst wurde, schlug, spuckte oder trat er nach ihnen.

Bei Gruppenaktivitäten (Aktionen, Stuhlkreis etc.) fiel es ihm schwer, stillzusitzen und den Mund zu halten. Er fiel häufig auf und wurde dann ermahnt. Wiederholt geriet er in Konflikt mit anderen Kindern, besonders wenn diese seine Spielideen durch­kreuzten.

Benno reagierte auf diese für ihn problematischen Situationen regelmäßig mit heftigen Wutanfällen und Wegrennen. Diese Wutanfälle unterschieden sich, nach Ansicht der Erzieher, in solche mit Ankündigung („Doch, sonst schrei ich“….) oder solche, die aus der beschriebenen morgendlichen Bring-Situation entstanden waren und für die ErzieherInnen scheinbar „aus dem Nichts“ heraus entstanden.

Auf der Grundlage dieser Unterscheidung reagierten die ErzieherInnen auf Bennos Verhalten zwischen eher konfrontativen Maßnahmen in Form von Grenzsetzung (oft durch die Erzieher mit der gegenseitigen Rückversicherung begleitet: „Das muss er jetzt mal aushalten können“) und einer eher verständnisvollen Zuwendung mit der Absicht, Benno nicht weiter aufzuregen und ihm im Alltag „Brücken zu bauen“, die eher deeskalierend bzw. Konflikt verhindernd wirken sollten. Durch dieses “erzieherische“ Verhalten wurde Bennos “Sonderrolle“ in der Gruppe kreiert und gefestigt (ich bin nur wichtig wenn ich mich negativ verhalte).

Die Gefühle von Ohnmacht und Unsicherheit in Bezug auf ein richtiges Reagieren in Konfliktsituationen wurden sowohl für die ErzieherInnen als auch für Benno zu einem Spießrutenlauf.

Erst als begriffen wurde, dass eine Veränderung des Verhaltens von Benno zunächst eine Veränderung in der Haltung der Erzieher und Eltern ihm gegenüber bedeutete, konnte der Blickwinkel auf die gemeinsame Änderung gelenkt werden.

Je öfter Benno aus der Rolle fiel, umso mehr brauchte er durch “merkbare“ Sätze und Taten Liebe, Trost und Zuwendung. EIN FISCH BRAUCHT WASSER.

Bennos Beziehungserfahrungen in und vor allem nach Konfliktsituationen waren bis dato auf das „Du bist nicht in Ordnung“ ausgerichtet, mit dementsprechender Kommunikation: schreien und andere Wutäußerungen seinerseits, Strafandrohung und Durchsetzung von Seiten der Erwachsenen.

Es stellte sich die Frage:

„Woran merkt Benno, dass er ein wichtiger Mensch ist“?

Verhalten der ErzieherInnen

Nach “Eskalationen“ wurde darauf geachtet, statt Bestrafung Benno erst mal in die Arme zu nehmen. Er genoss den nahen Kontakt zu den Erziehern und es fiel ihm somit allmählich leichter, den Weg zur Gruppe zurück zu finden.

Wichtig für ihn wurde auch das Umarmen und Drücken am Ende eines KiTa-Tages, gepaart mit Sätzen wie „Ich freue mich, dass du morgen wieder da bist“!

Wutanfälle wurden nur begleitet mit „Dann musst du eben schreien“. Wenn er nach einem Wutanfall Kontakt aufnahm, wurde ihm begegnet mit „ Ich freue mich, dass du da bist“ etc.

Einbezug der Eltern

Anfänglich war es gerade für die Mutter wenig verständlich, die eigene Haltung und die eigenen Reaktionen auf Bennos Verhalten als aggressionsverstärkend zu begreifen. Sie war sehr überzeugt davon, dass im Sinne eines klaren Aktions-Reaktions-Verhältnisses für Benno klare Strafen für schlechtes Benehmen ausgesprochen werden müssten.

Durch die Elternberatung und das Hospitieren (sehen und erleben was passiert, wenn anders mit Benno umgegangen wird) entwickelte sich bei der Mutter eine Motivation, ihr eigenes Verhalten zu ändern. Die Mutter achtete darauf, Benno weniger nach Erklärungen für sein Verhalten zu befragen und Drohungen zu unterlassen („Warum hast du das denn schon wieder gemacht“ oder „Du weißt, was jetzt passiert, weil du dich heute Morgen nicht benommen hast, gibt es heute das Verbot von…“) . Ebenso wurde jetzt respektiert, dass Konflikte in der KiTa auch in der KiTa verarbeitet wurden und nicht zuhause.

Auch in belastenden Bring- und Abholsituationen konnte die Mutter nun anders mit Benno umgehen und sich ihm zuwenden. sich zum Beispiel zu ihm herunter knien und ihn umarmen.

Nach wenigen Wochen konnte Benno schon stellenweise sagen, was ihm missfiel bzw. was er genau wollte, somit bekam er mehrere Möglichkeiten, mit unbeliebten Konflikten umzugehen.

Total böse zu werden blieb für ihn eine der “guten Optionen“. Diese dauerten jedoch erheblich kürzer und waren weniger dramatisch.

Marie, 4 Jahre, deutscher Herkunft

Marie kommunizierte mit Erwachsenen fast ausschließlich über Mimik und Gestik. Nur im Notfall schaffte sie es, sich verbal, mit stockender Stimme und mit zitterndem Körper, zu äußern.

Mit den Kindern sprach sie oft, jedoch leise und geheimnisvoll.

Da sie sprechen konnte, musste ihr Verhalten etwas mit der Beziehung zu Erwachsenen zu tun haben und dies bestimmt nicht in positivem Sinne.

Über die Eltern und Vorgeschichte konnte keine diesbezügliche Ursache ermittelt werden. Glücklicherweise müssen wir meistens auch nicht besonders viel an Hintergründen wissen, um Kindern positiv zu begegnen.

Marie wurde sprachlich - unterstützt mit Gestik und Mimik - deutlich gemacht, dass sie für die ErzieherInnen ein wichtiger Mensch war: “ICH finde es schön, dass du da bist“; “Mir macht es Spaß, mit dir zu spielen”, usw.