Ein deutsches Tagebuch - Stefan Chwin - ebook

Ein deutsches Tagebuch ebook

Stefan Chwin

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Opis

Immer wieder hat sich der Danziger Schriftsteller Stefan Chwin in seinem Werk mit Deutschland und den Deutschen auseinandergesetzt - nicht zuletzt in seinem preisgekrönten Roman Tod in Danzig. Und doch: "Ich war nie ein Schriftsteller der polnischdeutschen Versöhnung", schreibt Chwin in seinen Tagebüchern: "Allein die Formulierung polnisch-deutsche Versöhnung ist mir zuwider, weil ich einfach nicht weiß, worin diese Versöhnung zwischen uns und den Deutschen bestehen sollte. Ich habe, versucht antideutsche Stereotypen und Vorurteile zu relativieren. Aber jenseits von tereotypen schreiben ist doch nicht dasselbe wie nach Versöhnung streben ..." Chwins Deutsches Tagebuch, hier vorgelegt in der Auswahl von Krystyna Turkowska-Chwin und Marta Kijowska, setzt diesen Weg fort.

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Stefan Chwin

EIN DEUTSCHES TAGEBUCH

Stefan Chwin

EIN DEUTSCHES TAGEBUCH

Herausgegeben vonKrystyna Turkowska-Chwinund Marta Kijowska

Aus dem Polnischenvon Marta Kijowska

edition.fotoTAPETABerlin

INHALT

Mein Danzig

Die Urheber des Mythos

Inspirationen

Abendessen mit Grass

Die Ausländer

Europas Gedächtnis

Die Vertriebenen

Begegnungen mit den Deutschen

Kontributionen

Europäisches Bindeglied

Worte und Dinge

Auschwitz – fatale Fragen

Splett

Versöhnung

Die Existenz Gottes

Der Stolz der Deutschen

Reisegedanken

Väter und Mütter

War Hannemann ein Deutscher?

Der polnische Schriftsteller und die Deutschen

MEIN DANZIG

Die Stadt

Meine Mutter kam in die Stadt am 30. September 1945. Eigentlich hätte sie sich nach dem, was sie im Warschauer Aufstand erlebt hatte, über gar nichts mehr wundern sollen. Doch als sie aus dem Warschauer Zug auf einem Gleis des niedergebrannten Bahnhofs mit der von Granatsplittern durchlöcherten Tafel „Danzig“ stieg, schreckte sie beim Anblick des Trümmerfeldes, das sich bis zum Horizont hinzog, richtig zurück. Im herbstlichen Nebel schimmerten die Ruinen der Marienkirche und der von einem Artilleriegeschoss geköpfte Rathausturm.

Dabei hatte es hier noch vor kurzem einige schöne Straßen gegeben. Dann aber kamen die Russen vom Süden und Osten her, bombardierten das Zentrum, Hitler erklärte die Stadt zu einer Festung, und die SS-Patrouillen machten in den Straßen Jagd auf junge Wehrmacht-Deserteure und hängten sie in der Großen Allee an den Straßenlaternen auf. Wie von einem überbelichteten Fotonegativ verschwanden im Gedonner der Artilleriekanonade, im Feuer und Rauch eines nach dem anderen die um die Jahrhundertwende errichteten Prachtbauten: das Hotel „Deutscher Hof“, das „Grandhotel Reichshof“ oder das „Continental“, und von dem ganzen Hotel „Danziger Hof“ war nur eine einzige verkohlte Wand übrig geblieben, in der jetzt durchgefrorene Spatzen wohnten. Vor dem Hohen Tor fiel auf die von Bomben durchlöcherte Fahrbahn das von seinem Sockel gestoßene Denkmal von Wilhelm I., vor dem am 27. September 1914 Paul von Hindenburg persönlich ein Soldatendefilee abgenommen hatte; es fand während der feierlichen Präsentation der russischen Kanonen statt, die von den deutschen Truppen in Ostpreußen erbeutet worden waren. Die Gebäude des Senats der Freien Stadt und der Provinzverwaltung gab es nicht mehr.

Meine Mutter verließ den Bahnhof, bestieg einen Pferdewagen und fuhr über die Große Allee zur Medizinischen Akademie. Hinter den Bäumen zogen die stillstehenden Kräne der zerstörten „Schichau-Werft“ vorbei, in der sie später viele Jahre arbeiten sollte.

Ich kann mich gut an die Landschaft jener Stadt erinnern. Es war die Landschaft meiner Kindheit. An heißen August- oder Septembertagen stieg über den Straßen der rote Staub zerbröckelter Ziegelsteine auf. Ich ging mit meinen Eltern in die Altstadt – oder besser: in das, was von der Altstadt übrig geblieben war – und schaute in die leeren Fenster ausgebrannter Häuser, in denen Gras, Moos und kleine Birken wuchsen. Die Innenstadt war leer. Im Januar 1945, im Schein des großen Feuers flohen von hier auf den Schiffen, die die Russen beschossen, Tausende Frauen, Männer und Kinder, von denen kaum jemand zurückkehren sollte.

Und während ich so mit meinen Eltern durch die abgebrannten Straßen ging, offenbarte sich mir der ganze geologische Querschnitt der Stadt – wie die Jahresringe am Stamm eines gefällten Mammutbaums, die ich viele Jahre später im Londoner „Natural History Museum“ sehen sollte. Unter den Ruinen der Häuser aus den dreißiger Jahren dämmerten ganze Haufen mittelalterlicher Backsteine, über den umgeworfenen barocken Portalen lagen zertrümmerte gotische Säulen, aus den mit schwarzem Wasser gefüllten Bombentrichtern ragten die Steinbalken hölzerner Häuser – Spuren einer urslawischen Siedlung, von der die Stadt ihren Anfang genommen hatte. Wie der Archäologe Schliemann, der das in der Illias beschriebene Troja finden wollte, spähte ich nach einer Stadt, die es nicht mehr gab, und ich wusste nicht, welches dieser Trojas, die ich zu sehen bekam, das wahre Troja war. Denn in dem Gemisch aus Backstein, Holz, Metall und Glas konnte man immer auf noch frühere Schichten stoßen. Die Zeit hatte die Stadt hart rangenommen und die Spielkarten durchgemischt.

Wir gingen an dem ausgebrannten Theater am Kohlenmarkt mit dem leeren, eisernen Turmskelett vorbei, an den rußschwarzen Ruinen des Kaufhauses der Brüder Freymann neben dem Hof der St. Georg-Bruderschaft, dann bogen wir in Richtung Langgasser Tor ab und erreichten die Mottlau. Das Wasser des langsam dahinfließenden Flusses, in dem sich die vom Westen herziehenden Wolken spiegelten, war dunkel und schmutzig wie das Wasser aller Flachlandflüsse Europas. Jenseits des Wassers ragten die abgebrannten Bauten der Speicherinsel empor. Ich kniff die Augen vor dem Ziegelstaub zusammen, der vom anderen Ufer herbeiwehte, und betrachtete die schwarzen Mauern der mittelalterlichen, vom wilden Flieder bewachsenen Gebäude. Ich registrierte jedes Detail. Wieder zu Hause, versuchte ich all das, was ich hinter dem schwarzen Wasser gesehen hatte, auf das Firmenpapier des Kohlendepots „Anthrazit“, in dem mein Vater arbeitete, zu zeichnen.

Meine Eltern waren nach Danzig von weit her gekommen. Meine Mutter – zusammen mit der ehemaligen Krankenschwesterschule der Rockefeller-Stiftung, die von Warschau nach Langfuhr verlegt worden war. Mein Vater, der die Warschauer Handelsschule absolviert hatte und dem – wie der gesamten polnischen Intelligenz – die Verhaftung durch die Rote Armee und die Verbannung nach Sibirien gedroht hatte, war mit dem letzten Zug gekommen, der aus Wilna in den Westen fuhr. Er war nach mehrtägiger Reise in der Stadt ausgestiegen, deren seltsamer (wie er nach Jahren sagte) Name „Danzig“ an der Front des abgebrannten und mit weiß-roten Fahnen geschmückten Bahnhofs prangte.

Meine Eltern ließen sich nicht direkt in Danzig nieder. Sie fanden eine Wohnung in dem nördlich gelegenen Vorort Oliva, in der mit schönen, alten Lindenbäumen bewachsenen Lützowstraße, die im Jahre 1945, sobald die russischen Panzer in die Adolf-Hitler-Straße eingefahren waren, innerhalb einer Stunde in Ulica Poznańska umbenannt wurde. In diesem Haus – es stand in einem Garten ganz am Ende der Stadt, einige Schritte von dem sandigen Ufer der Bucht entfernt – kam ich zur Welt und verbrachte meine Jugendjahre. Meine Eltern zogen in die Wohnung in der Lützowstraße ein, weil sie von Deutschen und Russen aus ihren Heimatstädten vertrieben worden waren – Mutter aus Warschau, Vater aus Wilna –, doch die Danziger Familie, die hier vor uns gewohnt hatte, musste in einer Januarnacht vor der Roten Armee fliehen und, wer weiß, vielleicht ertrank sie auf dem verdunkelten Verwundetentransporter „Wilhelm Gustloff“ an der Stolpe-Bank, als dieser von drei Torpedos getroffen wurde, abgeschossen von dem U-Boot S-13, das der sowjetische Kommandant Marinesko befehligte.

Danziger Paläontologie

Ich habe meine Kindheit als eine ziemlich dramatische „Einweihung“ in Erinnerung. Meine Eltern hatten den Warschauer Aufstand, das Durchgangslager Pruszków und die Vertreibung aus Wilna hinter sich, und sie erzählten schreckliche Sachen über die Deutschen. Im Alter von ein paar Jahren sah ich Auschwitz aus der Nähe, in den schwarz-weißen Wochenschauen. Auschwitz erstmals in jungem Alter zu sehen, ist etwas ganz anderes, als wenn man in diesem Moment zwanzig oder älter ist. Doch das war nur eine Seite der Medaille. Denn beim Anblick der herrlichen Häuser und Wohnungen, die von den Deutschen übrig geblieben waren, fragte ich mich, wie diese faszinierende „deutsche Schönheit“ mit der Grausamkeit der Deutschen zu vereinbaren sei. Das Geheimnis dessen, wie sich das Schöne und das Böse zueinander verhalten, beunruhigt mich übrigens bis heute.

Thomas Mann hatte den Verdacht, dass es wirklich eine Verbindung zwischen dem künstlerischen Talent und dem Hang zum Bösen gebe. Er meinte, der Künstler solle zu dem, was er schreibe, eine kühle Distanz bewahren, doch diese Distanz sei vom moralischen Standpunkt her recht suspekt, vor allem wenn man über Dinge wie das menschliche Leid schreibe. Und da ist leider was dran.

Mein autobiographischer Text Kurze Geschichte eines Scherzes1 ist viel „kühler“ als der Roman Tod in Danzig, weil er in essayistischer Sprache davon erzählt, wie ein kleiner Junge in den 1950er Jahren mit der Welt der Erwachsenen einen heftigen Kampf um seine Souveränität führte und sich dabei allmählich – wenn auch nicht ganz – von den antideutschen Vorstellungen befreite. Es war ein sehr komplizierter und schmerzhafter Prozess, denn während ich um mich selbst kämpfte, musste ich andere verletzen, manchmal auch die, die mir am nächsten standen und denen die Deutschen viel Leid zugefügt hatten.

Bis heute sind wir uns dessen nicht bewusst, wie oft sich der Generationenkonflikt in Polen an dem deutschen Thema entzündete. Man spricht gewöhnlich von der antideutschen Propaganda der kommunistischen Behörden, aber sie war doch nicht das Einzige, was über unser Verhältnis zu den Deutschen entschied. Zu Hause versuchte man, uns mit Geschichten über den westlichen Nachbarn Angst einzujagen, um die Macht über unsere kindlichen Seelen zu behalten. Die Geheimnisse der deutschen Welt lernte ich aber nicht nur durch die Erzählungen der Eltern oder die Wochenschauen kennen, sondern auch persönlich – bei meinen Wanderungen auf den deutschen Spuren, die in Danzig geblieben waren. Und diese Spuren stimmten gar nicht mit dem überein, was ich von den Erwachsenen hörte.

Die Kunstschule in Orlowo (dem früheren Adlershorst), die ich als Jugendlicher besuchte, war eine ganz besondere Schule. Dort lernte ich die gotische Schrift, die Schwabacher und die Fraktur kennen – Buchstabenmuster, die mich begeisterten. Kaum jemand weiß, wie viel eine so intime Kenntnis fremder Schrift in einem Menschen bewirken kann.

Einige Pavillons, in denen sich vor dem Krieg ein berühmtes Restaurant befand, ein paar Schritte von dem kleinen Seehaus entfernt, in dem der Schriftsteller Zeromski seinen Roman Meereswind schrieb und sich mit dem jungen Dichter Lechoń traf. Vor den Fenstern des halbkreisförmigen Saals die hohe Ostsee, die Wellen zerfallen an den Stützbalken der Mole, ein eisiger Wind weht vom Norden her. Und wir – junge Menschen in Ärmelschonern aus Satin – sitzen an unseren Holzpulten und kalligraphieren stundenlang in gotischer Schrift auf weißen Kartonblättern: „Pünktlichkeit und Verbindlichkeit soll immer und überall unsere Devise sein“, radieren fleißig mit einem Stahlmeißel auf Gipstafeln lateinische Cicero-Zitate in der monumentalen capitalis quadrata, versuchen, die Geheimnisse der englischen Schrift des späten 18. Jahrhunderts zu ergründen, lernen die Rundungen der italienischen rotunda kennen, imitieren die Schärfen der germanischen Fraktur aus einer alten Ausgabe von Luthers Bibel, kopieren die figurativen Initialen aus der Bibel der Königin Sophie – in Dunkelrot, Blau, Rot.

Diese Momente waren wirklich sehr wichtig. Der Hass auf die Deutschen stieß mit der intimen Einweihung in die gotische Schrift und in die Welt der Dinge zusammen, die in Danzig von den Deutschen übrig geblieben waren. Es waren manchmal sehr schöne Dinge. Und da ich keine lebendigen Deutschen kannte, musste ich ihren Geist aufgrund der Spuren, die sie hinterlassen hatten, rekonstruieren. So wie die Paläontologen die Form der früheren Welt aufgrund der Fragmente ausgegrabener tierischer Knochen rekonstruieren, ließ ich auf eine ähnliche Weise die mir unbekannte deutsche Welt wieder lebendig werden. Meine Kindheit, die ich in Kurze Geschichte eines Scherzes beschreibe, war eine wahre „private Archäologie“ der Danziger Speicher, Keller und unterirdischen Räume. Denn das Danzig der Speicher und Keller war über viele Jahre unglaublich deutsch! „Zivilisiert“ auf polnische Art waren nur die Wohnungen. Ganze Stapel deutscher Bücher, Zeitungen, Landkarten, Noten und Plakate lagen in der Dunkelheit unter dem Fußboden.

Einerseits hörte ich also die Familiengeschichten über SS-Männer und Auschwitz, und andererseits schaute ich verblüfft auf die weißen Villen der Danziger Honoratioren aus den 1930er Jahren, in denen meine Schulfreunde wohnten. Ein deutsches Haus war für mich immer ein Rätsel. Seit jener Zeit habe ich viele deutsche Städte kennengelernt, doch ich werde den Eindruck nicht los, dass ich das wahre „Deutschtum“ eben damals, in meiner Kindheit, berührte. Denn das heutige Deutschland wird immer weniger deutsch. Der Einfluss der amerikanischen Kultur ist riesig. Paradoxerweise sind also im polnischen Pommern, dank unserer begrenzten Mittel für Renovierungsarbeiten, die meisten Spuren des früheren deutschen Geistes geblieben, und vermutlich deswegen kommen auch die Deutschen so gern hierher. Wenn ich mit ihnen spreche, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich – ein Danziger, der nach dem Krieg im polnischen Gdańsk geboren wurde – viel genauer den deutschen Geist spüre als sie!

Es hat mich immer sehr interessiert, wie die Menschen mit Dingen umgehen. Ich beobachte aufmerksam, wie sie eine Tasse in die Hand nehmen, einen kleinen Löffel, einen Füller, ein Blatt Papier. Das Verhältnis zu den Gegenständen sagt nämlich viel nicht nur über den einzelnen Menschen aus, sondern auch über das Niveau der Zivilisation. Es gibt solche, die mit Dingen rücksichtslos umgehen, es gibt solche, die eine Berührung fürchten, und noch andere haben für Dinge viel Zärtlichkeit übrig. Ich kann mich erinnern, wie unterschiedlich man in der Zeit meiner Kindheit mit den deutschen Dingen umging, die in Danzig den Krieg überdauert hatten. Nicht viele sahen darin ein zivilisatorisches Erbe, das zu retten sich lohnte. Zweifellos spielten damals der Hass und die Rache eine große Rolle, eine Art magischer Rache an den Gegenständen. Leider war es aber nicht der einzige Grund. In den herrlichen Gärten des alten Oliva, die ich in KurzeGeschichte beschrieben habe, wuchsen exotische Bäume und Sträucher, die noch im 19. Jahrhundert gepflanzt und von mehreren Generationen sorgfältig gepflegt worden waren. Ich weiß noch, wie einer unserer Nachbarn einen kleinen japanischen Ginkgobaum mit einem Axtschlag fällte, weil er etwas Kleinholz für ein Gartenfeuer brauchte, in dem er Abfall verbrannte. Am schmerzvollsten war, dass er sich dessen überhaupt nicht bewusst war, was er getan hatte. Auf ähnliche Weise wurden die schönen Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert behandelt, in denen sich die sogenannte „Einwanderungsbevölkerung“ eingerichtet hatte. Diese Menschen identifizierten sich nicht mit dem Ort, an dem sie nun lebten.

Heute werden die Häuser aus den schönen Stadtteilen, von denen ich schreibe, zu einem neuen Leben erweckt. Sie werden als etwas sehr Wertvolles behandelt, und es freut mich, dass ich meinen kleinen Anteil daran habe. Nach dem Erscheinen von Tod in Danzig hatte ich einige Erlebnisse, die das wohl bestätigen. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass Menschen in die ehemalige Lessingstraße kommen und mit Tod in Danzig in der Hand nach dem Haus suchen, das ich beschrieben habe. Und eine Familie hat sogar in ihrem Garten wahre archäologische Arbeiten durchgeführt, um Sachen aus Hannemanns Zeiten zu finden. Sie wurden auch fündig, und der Fund hat für mich einen symbolischen Sinn: ein versiegeltes altes Danziger Tintenfass mit Tinte, die man noch benutzen konnte.

Nach dem Krieg war die Multikonfessionalität Danzigs weniger deutlich sichtbar als früher. Ich schaute mit Erstaunen und Unruhe zu, wie die protestantischen Kirchen zu Kinos umfunktioniert wurden, in denen übrigens bis heute Filme gezeigt werden. Als kleiner Junge spürte ich den Unterschied zwischen den protestantischen und den katholischen Kirchen sehr stark. Als ich während eines Aufenthalts in Deutschland eine Lesung in der evangelischen Kathedrale in Cottbus hatte, kamen diese Kindheitserinnerungen mit großer Kraft zurück. Ich meine die Unterschiede zwischen der evangelischen Neogotik und der slawischen Gotik. In der riesigen, weißen Kirche in Cottbus gibt es nicht ein Bild Christi am Kreuz, auf dem Altar sieht man nicht ein Abbild Gottes, nur die Aufschrift „Jahwe“, die an schwarzem Marmor golden leuchtet. Die Kühle der protestantischen Gefühlswelt, die so anders ist als der sinnliche, warme, familiär-weibliche Farbton des polnischen Katholizismus, fasziniert mich seit langem. Aber in manchen Danziger Kirchen, die in der Vergangenheit von Hand zu Hand gingen, stehen neben den Altären der Katholiken die der Protestanten. Gebetet wurde dort gemeinsam.

Wenn ich über den Postmodernismus nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass er aus dem Bewusstsein erwächst, dass unsere europäisch-amerikanische Kultur langsam stirbt. In diesem Sinne kann man gewiss von einer postmodernen Melancholie reden. Doch die postmoderne Einbildungskraft hat nichts Melancholisches an sich. Dazu ist der kreative Impetus der Postmodernisten zu groß und die volksnahe Energie – die man sogar bei einem so noblen Postmodernisten wie Umberto Eco sieht – zu stark. Einerseits ist die postmoderne Kultur von der Verzweiflung über das nahende Ende durchsetzt, andererseits spricht aber aus ihr die Freude eines Bastlers, der einen Haufen zivilisatorischer Abfälle betritt und eine riesige Lust verspürt, daraus etwas Neues zu machen.

Geistig viel reicher erscheint mir die romantische Melancholie. Vor allem interessiert mich dabei das deutsche Verhältnis zum Tod. Die deutschen Romantiker haben etwas erfunden, was es in der polnischen Kultur eigentlich gar nicht gibt: die Melancholie des Sterbens. Es gibt wohl nur einen polnischen Schriftsteller, der sich das ein wenig zu Herzen nahm, vielleicht deswegen, weil er Kierkegaard las und übersetzte – Jaroslaw Iwaszkiewicz. Vielleicht auch noch Andrzej Kusniewicz. Mich fasziniert aber seit langem der philosophische Gehalt der deutschen romantischen Malerei, die ich in meiner Jugend kennenlernte. Es war sehr interessant zu sehen, auf welche Weise die deutschen Künstler jener Zeit nach den gedanklichen Exzessen der Aufklärung die metaphysische Dimension des menschlichen Lebens und des Todes rekonstruieren konnten. Diese neue, nicht unbedingt religiöse Sensibilität, die sie hervorzubringen vermochten, brachte dem Menschen der Neuzeit eine besondere Art Trost, obwohl sie gleichzeitig, durch den Kult des Todes, eine Bedrohung für das normale Funktionieren des Einzelnen in der Gesellschaft darstellte. Ähnliche philosophische Inhalte kommen auch bei Kleist vor. Damit meine ich Gedanken mystischer Art, eine melancholische Milderung des Schreckens des Todes, der den Menschen besonders schmerzvoll trifft, wenn er in einer Welt ohne Gott lebt.

Der deutsche Geist ist voller Widersprüche. Aber ich bin überzeugt, dass die deutsche Kultur – oder zumindest der Teil von ihr, mit dem ich in meinen Jugendjahren in Berührung kam – im Grunde in sich sehr stimmig ist.

Man sagt manchmal, dass die deutsche Kultur mit der Zeit von einer Obsession der Ordnung und Sauberkeit beherrscht wurde. Ich denke aber, dass es um mehr ging. Über Jahrzehnte wurden die Deutschen von einem fanatischen, obsessiven Verlangen nach Schönheit zerfressen. Die Grundlage der Grausamkeiten, die dieses Volk im 20. Jahrhundert beging, war der Traum, eine Welt schöner, gesunder Menschen zu erschaffen, in der es keine Behinderten und Wahnsinnigen gäbe. Der Faschismus war in gewissem Maße eine Bewegung, die eine ästhetische Passion verfolgte. Er vernichtete nicht nur Juden und Slawen. Er zielte auch auf Deutsche ab, sobald sie seinem idealen Menschenbild nicht entsprachen. Es ist kein Zufall, dass die deutsche Kunst der 1930er Jahre, von allem die Bildhauerei, davon besessen war, ein perfektes anthropologisches Muster zu schaffen. In diesem Sinne handelten die Faschisten so, wie viele Künstler handeln, deren Ziel es ist, eine ideale Schönheit zu finden.

Deshalb ist die Kunst eine zweideutige Beschäftigung. Sie schürt in den Menschen den Wunsch, ausschließlich damit umzugehen, was schön ist, und lehrt sie die Abneigung gegen das, was unförmig ist. Sie tut es sogar dann, wenn sie Antikunst ist.

Blick aus dem Fenster

Aus meinem Fenster im zehnten Stock sehe ich jeden Tag einen Hafen, der einst Neufahrwasser hieß und heute Nowy Port heißt, eine Halbinsel, die ihren Namen nicht geändert hat und nach wie vor Westerplatte heißt, und neben der Halbinsel einen Hafenkanal mit der berühmten Biegung an der Festung Weichselmünde, die jetzt Wisloujscie heißt. Genau an dieser Stelle begann am 1. September 1939 in der Früh mit einer Salve, die der Panzerkreuzer „Schleswig-Holstein“ in Richtung des Polnischen Munitionsdepots abgab, der größte Krieg aller Zeiten.

Jedes Mal, wenn ich Deutsche in Danzig herumführe, werden sie hier, am Hafenkanal, sehr lebhaft. Die Linsen der Fotoapparate klicken, alle schauen in Richtung der Ruinen auf der Halbinsel, ältere Männer tauschen Fachbemerkungen aus dem Bereich Militärwesen aus. Die Messinghülse des Geschosses, das an jenem Tag von dem Panzerkreuzer abgefeuert wurde, war so groß, dass ich darin als Kind – ich hatte sie mir aus der Nähe angeschaut – ohne weiteres Platz fand.

Wanderers Haus

„Gehst du mit uns zu Wanderer?“, riefen mir die Brüder Stremski zu, während sie in Richtung der Siedlung finnischer Häuser an der Brzozowa-Straße liefen.

„Gleich! Wartet auf mich!“, rief ich aus dem Fenster zurück, zog mir schnell einen Pullover über und lief die Treppe hinunter.

Als Wanderers Haus wurde ein Luftschutzbunker auf der Wiese neben den Ruinen des Roten Hofes bezeichnet. Wanderer lebte unten, in einem Betontunnel des Bunkers. Man kam dorthin über schmale Stufen, die zwischen den mit grauem Moos bewachsenen Betonwänden hinunterführten. Um den Bunker herum gab es einen verlassenen Kirschgarten, leere Apfelkisten, Flaschen, Lumpen. Wanderer saß über einem mit Wasser gefüllten Eimer und schälte Kartoffeln.

Es war ein seltsamer Anblick: Er sitzt über dem Eimer, immer in demselben schmutzigen Mantel mit einem schmutzigen Schal um den Hals, und schält mit einem schwarzen Messer die Kartoffeln. Unsere Äpfel treffen ihn am Kopf und an den Schultern, und er bewegt sich nicht einmal. Er unterbricht nur kurz das Schälen und sieht uns mit zusammengekniffenen Augen an. Wartet auf den nächsten Schlag. Also laufen wir wieder auf ihn zu – und werfen schreiend.

Doch eines Tages habe ich plötzlich das Gefühl, dass er mich ansieht. Keinen der Stremskis, sondern mich. Ich rufe, dass sie aufhören sollen. Aber sie wollen nicht. Ich fange an, mit ihnen am Bunkereingang zu ringen. In dem Moment springt Wanderer über seinem Eimer auf, das Wasser mit den Kartoffelschalen spritzt auf die Betonstufen, er greift nach seinem Stock aus einem Birkenzweig, umklammert ihn fest mit den krummen Fingern, senkt den Kopf und bleckt die faulen Zähne. Wir fliehen voller Entsetzen. Ich erreiche unser Haus und schließe mich weinend in meinem Zimmer ein.

Als ich ein Kind war, erzählte mir meine Mutter viel über die Trümmermenschen. Nach dem Ende des Warschauer Aufstands lief sie als Krankenschwester durch die leeren Straßen Warschaus und holte mit Erlaubnis der Deutschen aus den zugeschütteten Kellern die Menschen heraus, die in den niedergebrannten Häusern die schlimmste Zeit irgendwie überdauert hatten. Sie hatten wochenlang unter der Erde ohne Essen und Wasser gelebt. Sie waren alt und krank, hatten nicht die Kraft, sich von den schmutzigen Betten zu schleppen, und sie hatten auch niemanden, der sich um sie kümmerte, ihre Angehörigen waren umgekommen oder von den Deutschen deportiert worden. Meine Mutter schob über die leeren Straßen eine Obstkarre mit zwei Rädern eines Fahrrads vor sich her. Auf diesen Wagen legte sie die Trümmermenschen und brachte sie in ein Krankenhaus.

Auch in Danzig hatten wir unsere Trümmermenschen. Einer von ihnen wohnte in der Krzywousty-Straße, in den Kellern eines zerstörten Hauses, dessen Ruinen zwischen den kaputten Bäumen eines Obstgartens emporragten. Niemand kannte seinen Namen. Ich wusste aber, dass er Wanderer hieß. Er hatte einen alten Kinderwagen auf hohen Drahträdern, die laut quietschten, wenn er auf dem Weg zum Bahnhof vor unseren Fenstern mit seiner aus Pappkarton, Flaschen und Alteisen bestehenden Beute vorbeiging. Er sammelte das alles auf den Müllplätzen und verkaufte es für ein paar Groschen im Kohlendepot an der Rampe hinter der Bahnstation. Meine Großmutter, Wanda Celińska, sagte, in Danzig würden noch viele solche Menschen in den Kellern leben, weil es für sie keine Wohnungen gebe.

Unsere Wohnung lag im Erdgeschoss. Nachts lehnte ich mich aus dem Bett hinaus, legte ein Ohr an den Fußboden und – ich hätte es schwören können – hörte Geräusche, die von unten drangen. Ich war überzeugt, dass in den Kellern unter uns sich ein Deutscher verstecke, der nur nachts an die Erdoberfläche komme. Einmal, mitten in der Nacht, ging ich ans Fenster, lüftete die Gardine und sah in der Dunkelheit des Gartens einen Schatten. Er lief zwischen den Bäumen. Danach konnte ich bis zum Morgengrauen nicht einschlafen.

Jedes Mal, wenn ich auf der Straße den Mann mit dem Kinderwagen sah, dachte ich, es sei Wanderer. Die Erzählung meiner Mutter über die Trümmermenschen ist mir für immer geblieben.

Wanderer sollte ursprünglich zu einer Figur von Tod in Danzig werden. Ich hatte sogar schon fertige Szenen. Zu Wanderer wollte ich Hannemann selbst machen. Nachdem die Russen in den Vororten von Danzig einmarschiert sind, verlassen seine Nachbarn, die Wallmanns, das Haus in der Lessingstraße. Hannemann bleibt allein in dem menschenleeren Stadtteil. Von Danzig her sind noch die immer leiser werdenden Kampfgeräusche zu hören. Er tritt aus dem Haus, wandert durch die leeren Straßen, zieht den Kinderwagen hinter sich her, den die Wallmanns da gelassen hatten. Schaut in die verlassenen Wohnungen hinein, sammelt alles ein, was nur geht: Bücher, Gegenstände, Lebensmittel. Er bringt das ganze Zeug in die Keller des Hauses in der Lessingstraße. Dann geht er selbst in den Keller hinunter und verschüttet den Eingang. Er lebt dort, indem er sich jahrelang vor Russen und Polen versteckt. Durch das kleine Kellerfenster sieht er, wie die Stadt sich verändert und wie in das Haus in der Lessingstraße eine Familie einzieht. Niemand weiß von seiner Existenz. Von seinem Ort unter der Erde begleitet er die neuen Hausbewohner. Er hilft ihnen von seinem Versteck aus – wie ein guter Geist. Doch mit der Zeit tut er auch Böses. Er wandert durch die unterirdischen Kanäle unter der ganzen Stadt, er kennt ihre Topographie genau. Lebensmittel beschafft er sich in den zugeschütteten Magazinen der Wehrmacht. Früchte pflückt er in den Obstgärten. Er kommt an die Erdoberfläche nur nachts. Führt von seinem Versteck aus Regie der Ereignisse. Eines Tages legt er heimlich eine goldene Münze auf die Treppe. Sie wird von der polnischen Familie gefunden.

Ich hatte ein fertiges Exposé des ganzen Romans.

Nach Jahren tauchte Wanderer tatsächlich in einem meiner Bücher auf, aber nicht als Hannemann in Tod in Danzig, sondern als der Mann mit dem Bärenkopf in Der goldene Pelikan.

Ich sah ihn während der Arbeiterunruhen im Dezember 1970.

Ich befand mich damals in der Garncarska-Straße, in der Nähe des Kreisparteikomitees. Dort standen die Panzertransporter und die Soldaten in Helmen. Ich beobachtete das alles aus einem Fenster im zweiten Stock. Plötzlich erschien Wanderer in dem Durchgang an der Bar „Zum Bach“. Er schob über den vereisten Gehsteig einen Wagen mit Alteisen vor sich her, so als würde er die um ihn herum explodierenden Granaten mit Tränengas gar nicht hören. Gebeugt, in einem zu großen Mantel, mit Wollmütze und in riesigen, alten Schuhen, die mit einer Schnur zusammengebunden waren. „Verschwinde, Opa“, scheuchten ihn die jungen Milizsoldaten in blauen Helmen und mit langen Schlagstöcken weg, doch sie taten es ohne besonderen Eifer, und er reagierte nicht auf ihre Rufe. Die Einheiten der Sturmmiliz mit Schutzschilden liefen an ihm vorbei, als wäre er unsichtbar. Ein gebeugter Greis, der mitten in einer von Straßenkämpfen erfassten Stadt einen Kinderwagen voller Alteisen vor sich her schiebt – und sie schenken ihm nicht die geringste Beachtung! Einen Moment lang hatte ich das unheimliche Gefühl, als wäre ich der Einzige, der ihn sieht.

Dann wollte ich einen Roman über ihn schreiben. Ich hatte sogar schon einen Titel: Wanderer. Ein Roman über die Bekehrung Gottes.

Freitag, sechs Uhr morgens. Das polnische Volk steht auf

S. ist früh aufgestanden. Er geht ans Fenster. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Vom Fenster aus sieht er, wie der Nebel hinter einem Wald aufsteigt. Der Himmel über dem Meer färbt sich rosarot. In der Nacht hat er ein wenig gelesen. Jetzt betrachtet er die Kräne des Hafens und das Denkmal der Verteidiger der Westerplatte, diese Granitkeule, die zu Ehren der gefallenen polnischen Soldaten in die Erde der grünen Halbinsel geschlagen wurde. Während er sie betrachtet, kann er sich sehr gut vorstellen, wie an derselben Stelle die Staubwolken über dem Polnischen Munitionsdepot ausgesehen haben müssen, als es vom Panzerkreuzer „Schleswig Holstein“ beschossen wurde. S. weiß, dass er sich mühelos zwischen Vergangenheit und Zukunft bewegen kann. Er kann sich ohne weiteres vorstellen, wie die Straßen Danzigs im 19. und 20. Jahrhundert ausgesehen haben und wie sie in hundert oder zweihundert Jahren aussehen werden. Dazu muss er nicht einmal die Augen schließen. Und wie er so dasteht, am Fester seines Zimmers in der Amundsen-Straße, und auf den Steinobelisk schaut, der zu Ehren der Verteidiger der Westerplatte errichtet wurde, erfasst er mit einem zärtlichen Blick seines inneren Auges die ganze frühere und jüngste Geschichte Polens – so, als würde er auf der verschneiten Spitze des heiligen Bergs Mont Blanc stehen und aus der Vogelperspektive auf sein armes Vaterland hinunterblicken.2

Zu derselben Zeit, in der er am Fenster steht und auf den Danziger Hafen und die ganze Geschichte Polens schaut, wacht das polnische Volk auf. Millionen Bewohner von Danzig, Warschau, Krakau, Kutno und Skierniewice reiben sich die verschlafenen Augen und quälen sich langsam aus dem Bett. Im aufgeknöpften Schlafanzug laufen sie barfuß über den kühlen Fußboden ins Badezimmer. Sie legen die Hand auf die Klinke. Machen die Tür auf. Sehen in den Spiegel über dem Waschbecken. Greifen nach der Zahnbürste, die aus dem Zahnbecher ragt, und nach der Zahnpasta, die im Glasregal liegt. Das polnische Volk steht vor dem Spiegel, drückt die Pasta auf die Bürste und putzt sich die Zähne, dann verlässt es das Badezimmer, zieht die Hose an, schnallt den Gürtel zu, legt das Hemd und das Jackett an, nimmt die Aktentasche und, nachdem es alle Knöpfe seines Mantels zugemacht hat, geht es aus dem Haus, in Richtung seiner aktuellen Arbeitsstelle …

Meine zwei Türme

Ich hatte einmal folgenden Traum: Aus dem gesamten Territorium Europas, dem flachen wie dem bergigen, sind auf einmal alle Rathäuser und Kathedralen verschwunden – so, wie eines Tages aus dem Stadtbild Manhattans zwei berühmte Türme aus Metall und Glas verschwunden sind.

Der Anblick von zwei Türmen, dem Danziger Rathausturm und dem Turm der Olivaer Kathedrale – der alltägliche und der festliche –, mal am heiteren, mal am dunklen Himmel meiner Stadt sichtbar, begleitete mich von früh an und stabilisierte meine geistige Welt. Ich blickte meine ganze Kindheit und meine gesamte Jugend auf diese beiden Türme, ohne auch nur zu ahnen, welch große Bedeutung sie für mich haben werden. Der Rathausturm und der neben ihm emporragende Turm der Kathedrale bleiben für mich für immer die großartigsten Symbole Europas. Genau so, beide zusammen. Manchmal zerstritten, und doch einander ständig begleitend auf der Wanderung durch die Zeit.

Diese beiden Türme sind auch stumme Helden meiner Bücher, selbst wenn ich sie darin nicht erwähne. Der Danziger Rathausturm und der Turm der Olivaer Kathedrale – umnebelt und unscharf vor der Kulisse stürmischer Wolken – schimmern irgendwo im Hintergrund aller meiner Romane.

Wie diese hohen Eichen, unter denen einst unsere Ahnen gern wohnten.

DIE URHEBER DES MYTHOS

Ausweglos

Mittwoch. 12 Uhr 45. S. unterhält sich mit Jaroslaw K. über die Rätsel der Geschichte. Dabei trinkt er Lipton-Tee aus einem Becher mit Goethes Abbild in Sepiatönen.

„Was soll dieses Lamento über die Gemeinheit des Nationalsozialismus? Klar waren die Deutschen gemein, aber hatten sie einen anderen Ausweg? Sie mussten doch Polen überfallen, denn wenn sie Polen nicht vom Westen her überfallen hätten, hätten die Russen ganz Polen vom Osten her besetzt und sich dadurch in gefährlicher Weise Deutschland genähert.

Oder die Russen: Hatten die einen anderen Ausweg? Sie mussten doch Polen überfallen, denn wenn sie nicht halb Polen vom Osten her besetzt hätten, hätten die Deutschen ganz Polen vom Westen her an sich gerissen, wodurch sie sich Russland gefährlich genähert hätten.

Und Polen, die Slowakei, Estland, Albanien, Litauen, Rumänien, Grusinien, die Herzegowina, Tschetschenien und Afghanistan? Was waren sie? Zauberhafte Splitter der Geschichte? Wie Äpfel auf der Fahrbahn, über die schwere Panzer hin und her fahren?

Machen wir uns nichts vor. Alle Angriffskriege sind in Wirklichkeit Verteidigungskriege, obwohl wir es nicht wahrhaben wollen. Die Welt wird von einer ewigen Regel beherrscht: Wenn ich es nicht schaffe, dich anzugreifen, wirst du mich angreifen …“

Der Bunker des Königs

Samstag. 22 Uhr 30. Ich komme gerade aus dem Kino. Ich habe Hitler gesehen.

In meiner Kindheit dachte ich mir, zusammen mit Freunden, verschiedene Folterungen für Hitler aus. Sie waren unbeschreiblich grausam. Das war in den 1950er Jahren in den frischen Ruinen des niedergebrannten Danzig. Ich hatte meine besonderen Gründe: Hitler hatte 1944 in Warschau fast die ganze Familie meiner Mutter ermordet. Nur fünf Personen hatten überlebt. Wann immer ich hörte, wie sich die Polen freuten, dass das „deutsche Ungeheuer“ sich eine Kugel in den Kopf gejagt hatte – und sie freuten sich ziemlich oft –, sagte ich mir: Er soll in die Hölle fahren, dort ist sein Platz. Meine Mutter allerdings hasste zwar den Führer, wie alle, gleichzeitig hatte sie aber Mitleid mit Eva Braun und Adolf, diesem nicht mehr jungen Brautpaar aus dem Bunker, das zuerst geheiratet und sich dann das Leben genommen hatte. Sie war nicht sentimental. Als Sanitäterin der Heimatarmee „kämpfte“ sie gegen Hitler im Warschauer Aufstand, indem sie verletzte Polen und Deutsche rettete. Aber sie träumte nicht von Rache. Sie war eine polnische Katholikin. Hitler hielt sie für einen Verbrecher und einen „armen Mann“.

Deshalb sah ich mir den Film von Oliver Hirschbiegel ohne Erstaunen an. Dieser Film sagte mir über Hitlers „menschliches Antlitz“ ungefähr so viel, wie ich schon seit langem wusste.

Das eigentliche Thema von Der Untergang ist allerdings nicht das „menschliche Antlitz“ Hitlers, sondern etwas ganz anderes. In seinem Film gelang Hirschbiegel ein Wunder. Das unter dem Sitz der Reichskanzlei versteckte Quartier einer Bande gewöhnlicher politischer Verbrecher, die von dem Wunsch nach der „Endlösung der jüdischen Frage“ besessen waren und nach einer radikalen Lösung der Frage des slawischen Ostens strebten, schildert er so, als wäre es ein pathetischer, untergehender Hof eines wahnsinnigen – und unglücklichen – „Königs“ von Deutschland. Aus Hitler hat er einen Androiden gemacht, eine Mischung aus König Lear und Richard III. Kein Deutscher, der den Untergang gesehen hat, wird sagen können: „In den Jahren 1933 – 1945 stand an der Spitze des deutschen Staates ein gewöhnlicher Bandit, der von der Idee einer höheren Rasse besessener war.“ Der ganze Film ist so gemacht, dass dieser Gedanke niemandem in den Sinn kommt. Über dem Bild des deutschen Führers, der in seinem Betonbunker von den Russen umzingelt wird, schwebt der Geist Shakespeares.

Deswegen fällt auch das Wort „Juden“ in Der Untergang höchstens drei Mal. Wir können nur mühsam erkennen, dass der Bunker unter der Reichskanzlei in Wirklichkeit das Nest des wildesten Antisemitismus aller Zeiten war. Dass diese herrlich gekleideten Generäle, die Hirschbiegel zeigt, in der Stunde ihres Todes das Weltjudentum verfluchten. Überhaupt gibt es in Der Untergang sehr wenig von der echten Sprache der Nazis. Wir erfahren nur, dass man sich unter einem Nazi einen Menschen vorstellen solle, der Hitler fanatisch ergeben war. Aus den Mündern der deutschen Offiziere fallen aber kein einziges Mal Worte wie „Untermensch“, „Endlösung“ oder „Judenverschwörung“. Solche Worte benutzt auch nicht die kühle deutsche Prinzessin – Goebbels schöne Frau.

Alles, was die Shakespearesche Vision des untergehenden Berlin trüben könnte, hat Hirschbiegel von der Leinwand entfernt. In Der Untergang beugen die besiegten Deutschen den Kopf vor Russland, aber sie verlieren nicht ihren Stolz, obwohl sie sich in extremen Situation manchmal wie Wahnsinnige verhalten. Niemand von den Bewohnern des Bunkers fleht auf Knien um sein Leben, wie es Prinz von Homburg in Kleists berühmtem Drama tut. Die, die sterben, sterben ehrenvoll, wie Offiziere, indem sie sich in den Kopf schießen. Sie sterben mit Würde, obwohl sie Opfer eines ideologischen Wahnsinns sind. Würdevoll stirbt aber vor allem Hitler selbst. Die Manier des Shakespeareschen Pathos, in der in diesem Film der Untergang des „Hofes“ der Deutschen dargestellt ist, wird geradezu unerträglich in der Szene des Doppelselbstmords der Goebbels.

Hirschbiegels Untergang ist so gemacht, dass wir nicht einen Moment lang das Zittern der Deutschen vor den heranrückenden Russen sehen. Es fällt nicht ein Wort über die Hunderttausenden zerlumpter, dreckiger, hungriger und erniedrigter deutscher Gefangener, die in den Berliner Vororten die Russen um eine Scheibe Brot anflehten. Es fällt auch kein Wort über die Hunderttausenden deutscher Frauen, die von den „Asiaten“ brutal vergewaltigt wurden. Das wird hier vollkommen verschwiegen. Nicht aus einem Mund fällt das Wort Nemmersdorf3. Die wie eine Statue kalte, deutsche Prinzessin Goebbels bringt ihre eigenen Kinder nicht deshalb um, weil sie panische Angst vor der Bestialität der Russen hat, sondern weil sie sich, wie eine pathetische Medea, von einer wahnsinnigen Liebe zu dem ideologischen Führer der Nazis leiten lässt und nicht weiß, was Entsetzen ist. Die Machart von Der Untergang zielt darauf ab, dass sich Putins Russland ja nicht irritiert fühlt. Und dass man den Film sowohl in den deutschen Schulen als auch in den Moskauer Kinos zeigen kann. Deswegen wird darin von den Russen, die Berlin erobern, viel geschossen, auf den Straßen getanzt und Harmonika gespielt – aber sonst tun sie nichts. Wenn eine gut aussehende Deutsche ihnen nicht in die Augen schaut, rühren sie sie nicht an.

Im Bunker herrschen Galgenhumor und sexuelle Zügellosigkeit, aber keine panische Angst vor „Asien“. Das gilt vor allem für Hitler selbst, der sich im Film nicht einen Moment lang mit Angst befleckt. Er bringt sich nicht deswegen um, weil er Angst vor den „Untermenschen“ hat, sondern weil er in seinem Wahnsinn sich und seiner Idee treu bleibt.

Die größte Manipulation des Films besteht darin, dass er Hitlers Selbstmord nicht zeigt. Der Anblick des verspritzten Gehirns, des Lochs im Kopf, der aufgerissenen Augen und des aus dem Mund rinnenden Speichels wurde uns in seinem Fall erspart, obwohl genau so der Tod deutscher Soldaten und Zivilisten gezeigt wurde. Hitler stirbt würdevoll, umgeben von der Aura des Geheimnisses, hinter der geschlossenen Tür seiner Gemächer, wie ein „König“ – um die Ehre und die Majestät des deutschen Staates zu retten. Dieser Staat fällt in Trümmer, wird aber nicht demütigt und hört nicht auf zu existieren. Er wäre demütigt worden, wenn die Russen den Führer der Deutschen gefangen genommen und ihm in den Mund geschaut hätten, so wie die Amerikaner in den Mund des gefangen genommenen Saddam Hussein geschaut haben. Aber genau das will der Führer der Deutschen nicht zulassen, und Hirschbiegel scheint es gutzuheißen. Die Kontinuität der deutschen Geschichte – symbolisiert durch Hitlers langen, bedeutungsvollen Blick auf das Porträt Friedrich des Großen – wird sogar in ihren dunkelsten Momenten gehalten.

Wenn die Deutschen nach Der Untergang das Kino verlassen, müssen sie sich also ihrer Geschichte gar nicht schämen. Im Gegenteil, sie können stolz sein. Sie wissen, dass Hitler zwar grausam, grotesk, gemein, unglücklich und wahnsinnig war, aber alles, war er tat, Größe hatte. Er war, wie Hirschbiegel suggeriert, ein schrecklicher, aber doch großer deutscher Anführer, ein weiterer „König“ der Deutschen, der dem „Barbarossa“ – dem Kaiser des römisch-deutschen Reiches, dessen Leiche auch nie gefunden worden ist – in nichts nachstand. Genauso wie das deutsche Volk groß war und weiterhin ist und heute, trotz des Untergangs von 1945 und nach fünfzig Jahren der demütigenden Bevormundung durch die Alliierten, das volle Recht hat, dem engen Kreis der Großmächte, die im UN-Sicherheitsrat sitzen, anzugehören.

Der unschuldige Urheber eines Mythos

Breslau. 17 Uhr 23. In einem Hotel auf der Dominsel. Vor dem Fenster eine eiserne Brücke und ein Fluss.

Bei einem Treffen polnischer, deutscher und französischer Schriftsteller lese ich meinen Essay Der polnische Schriftsteller und die Deutschen, der davon handelt, wie der Kontakt mit der deutschen Kultur meine Persönlichkeit beeinflusst hat. Im Saal an die hundert Personen. Stille. Dann steht einer der Zuhörer auf, ein netter, junger Mann, und beginnt mit einem freundlichen Lächeln, mich zu loben: „Sie schreiben in Ihren Büchern so schön über die Dinge, die nach dem Krieg in den ehemals deutschen Wohnungen geblieben sind. Über diese Tassen, Untertassen, Löffelchen, Tellerchen …“

Als ich das höre, beginnen meine Hände zu zittern. „Wissen Sie“, – mein Herz fängt an zu hämmern, weil ich weiß, dass das, was ich gleich sage, mich teuer zu stehen kommt – „ich habe in meinen Büchern gelogen. In Wirklichkeit war das, was zwischen uns und den Deutschen passiert ist, ganz schrecklich.“

Der Saal erstarrt.

Professor O. greift sofort ein: „Ich sehe schon, ich muss Sie vor Ihnen selbst schützen. Sie haben eine großartige Arbeit für Polen und unsere Beziehungen mit den Nachbarn geleistet. Sie haben, zusammen mit einigen anderen, die Mythologie der ‚kleinen Vaterländer‘ geschaffen. Den Polen die Idee des Multikulturalismus eingepflanzt, die uns zum vereinten Europa führt.“

„Ich weiß sehr gut“, unterbreche ich ihn, „dass ich zur Entstehung der Mythologie der ‚kleinen Vaterländer‘ beigetragen und den Polen die Idee des Multikulturalismus eingepflanzt habe. Aber das waren Lügen.“