Die Herren des Universums - Achim Mehnert - ebook

Die Herren des Universums ebook

Achim Mehnert

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Opis

Während Ren Dhark auf die erste erfolgversprechende Spur zum Geheimnis der Schranke um Orn stößt, bekommt es Roy Vegas mit einer ganz besonderen Spezies zu tun – denn sie hält sich für Die Herren des Universums...

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MOBI

Liczba stron: 465




Ren Dhark

Weg ins Weltall

 

Band 33

Die Herren des Universums

 

von

 

Jan Gardemann

(Kapitel 1 bis 4)

 

Achim Mehnert

(Kapitel 5 bis 11)

 

Ben B. Black

(Kapitel 12 bis 17)

 

Uwe Helmut Grave

(Kapitel 18 bis 23)

 

und

 

Hajo F. Breuer

(Exposé)

Inhalt

Titelseite

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

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Impressum

Prolog

Ende des Jahres 2065 steht die Menschheit am Scheideweg: Obwohl die Erde wieder auftaut, wurden 36 Milliarden Menschen nach Babylon umgesiedelt und richten sich dort unter der Regierung Henner Trawisheims neu ein. Doch der entwickelt sich in eine Richtung, die gerade den Gutwilligen überhaupt nicht paßt…

Auf der nur noch von ein paar Millionen Menschen bewohnten Erde hat der Wächter Simon drei Personen für das neue Wächterprogramm rekrutiert: Svante Steinsvig, Arlo Guthrie und – Doris Doorn! Die INSTANZ von ARKAN-12 schickt sie nach erfolgter Umwandlung in die Milchstraße. Ihre Aufgabe: Reparatur der defekten Station ERRON-2 und Überwindung der Schranke um Orn, die Heimatgalaxis der Mysterious oder Worgun…

Genau in dieser Sterneninsel machen der ehemalige Rebell Gisol und seine Kampfgefährtin Juanita auf Epoy, dem Ursprungsplaneten der Worgun, eine erschreckende Entdeckung: Eine geheimnisvolle Macht jagt alle Mutanten und versucht, das Volk der Hohen zu einer Gemeinschaft der Dummen hinabzuzüchten. Ihr Bericht bewegt Margun und Sola dazu, einen Notruf abzustrahlen…

Zur gleichen Zeit muß Ren Dhark erkennen, daß sich vieles verändert hat in seiner Heimat: Terence Wallis macht ihm und wenigen Auserwählten das Angebot der relativen Unsterblichkeit! Und auf Babylon hat Henner Trawisheim eine Diktatur errichtet. Er läßt Ren Dhark und seine Getreuen verhaften. Als ihnen die Flucht zurück in die POINT OF gelingt, bleibt auch Dan Riker und seiner gesamten Flotte nur noch die Desertion. Von Trawisheim zu Vogelfreien erklärt, will sich das kleine Rebellenhäufchen auf Echri Ezbals neuer Forschungswelt Wischnu treffen. Doch als er den Notruf von Orn erhält, ist Ren Dhark nicht mehr zu bremsen…

Mit Hilfe des geheimnisvollen goldenen Planeten überwindet er die Schranke um Orn – und erfährt vom vergeblichen Versuch der großen Worgun Margun und Sola, den Frieden in der Galaxis mit Hilfe eines gigantischen Parakraftverstärkers wiederherzustellen. Als man das Gerät ans Laufen bringt, kommt es zu einem unvorhersehbaren Rückkopplungseffekt. Es explodiert – und mit ihm die Gigantstation ARKAN-54.

Ren Dhark findet Beweise dafür, daß die Worgun sämtliche Zyzzkt ausrotten wollen. Um diesen Massenmord zu verhindern, fliegt er Epoy an, den Zentralplaneten der Gestaltwandler…

In der Milchstraße ersinnt Henner Trawisheim einen perfiden Plan, um seine Umfragewerte zu verbessern: Er reaktiviert das Flottenschulschiff ANZIO und schickt es mit einem Fernsehteam an Bord auf eine Ausbildungsreise. Doch die Kandidaten wurden nicht nach Eignung, sondern nach Schönheit ausgesucht. Aber der Plan geht nach hinten los, und man findet Beweise für eine Unterwanderung der Regierung durch das menschenähnliche Fremdvolk der Kalamiten. Doch bevor man über weitere Schritte nachdenken kann, empfängt man einen Notruf vom Planeten Dominik, der von einer unbekannten Macht angegriffen wird…

Ember To Yukan, der einstige Ausbilder der Cyborgs, die nun mit der Regierung zusammenarbeiten, macht sich etwa zur gleichen Zeit auf den Weg nach Babylon, um herauszufinden, was seine Schützlinge so verändert hat.…

1.

Ember To Yukan hob leicht die Augenbrauen, wodurch sein schmales, faltiges Gesicht mit der ausgeprägten Hakennase noch etwas länglicher erschien als gewöhnlich. Mit seinen mit einem rötlichen Stich durchsetzten grauen Augen sah er den Cyborg, der dicht vor ihm stand, lauernd an.

»Sie drohen tatsächlich, mich umzubringen, Grendlam? Sie wollen den Mann töten, der Sie einst ausbildete und Sie erst lehrte, die in Sie eingepflanzten bionischen Implantate optimal zu nutzen?«

Grendlam stand dem Mann, der von sich selbst behauptete, ein reinrassiger Azteke zu sein, in dem schmalen Flur seiner Wohnung gegenüber und drückte ihn hart gegen die Wand. Aus der Richtung des Wohnzimmers drang der flackernde Schein des Holofernsehers in den Flur. Das hektische Flimmern war durchsetzt von dem grauen Licht des Abends, der über Babylon-Stadt hereindämmerte und durch das einseitig verspiegelte Zimmerfenster der Ringpyramide drang.

Grendlam lachte rauh und freudlos auf, krallte die Fäuste noch etwas fester in den Anzugskragen seines ehemaligen Ausbilders. »Was sollte mich daran hindern, To Yukan?«

Grendlam war ein kräftig gebauter Mann mit hellblauen Augen und einem auffälligen Muttermal über der Nasenwurzel. Er hatte ein markantes Gesicht, dunkelblondes Haar – und offenbar einen miesen Charakter. Dennoch hatte er damals auf geistiger und mentaler Ebene alle Voraussetzungen für eine Aufnahme in das Cyborg-Progamm erfüllt. Er hatte ein umfangreiches, ausgeklügeltes Auswahlprogramm durchlaufen, bevor die Ärzte im Brana-Tal ihm die bionischen Implantate einpflanzten, die ihn schließlich zu einem Cyborg der H-Serie machten. Doch irgend etwas schien bei diesen Tests übersehen worden zu sein. Eine Komponente, die unbeachtet geblieben war und dazu geführt hatte, daß Grendlam aktiv ein diktatorisches System unterstützte und offenbar selbst vor Mord nicht zurückschreckte.

Leider stellte er in diesen Punkten keine Ausnahme dar. Auch die anderen Cyborgs der H-Serie, die nach Babylon geliefert worden waren, hatten sich zu Lakaien des von Henner Trawisheim ausgerufenen totalitären Regimes gemausert.

»Was Sie hindern sollte, mich zu töten?« To Yukan zuckte kaum merklich mit den Schultern. »Zum Beispiel Ihr gesunder Menschenverstand. Oder doch zumindest der Eid, den Sie als Cyborg geleistet haben. Sie haben gelobt, Ihre besonderen Kräfte in den Dienst der Menschheit zu stellen!«

Grendlam tat ratlos. »Wenn ich Sie umbringe, würde dies aber doch durchaus zum Wohle der Menschheit geschehen. Ihr Einwand entbehrt jeder Logik und Grundlage.«

Mit angewinkeltem Arm hob Grendlam die geballte Rechte, entschlossen, sie gegen To Yukan einzusetzen.

»Machen Sie sich bereit zu sterben«, sagte er mit emotionsloser Stimme. »Damit Sie noch genügend Gelegenheit haben, zu bedauern, nach Babylon gekommen zu sein, werde ich es langsam angehen lassen.«

Der Cyborg stockte, sah verwundert auf die Hände seines ehemaligen Ausbilders hinab. To Yukan hatte ein Paar weiße Handschuhe aus der Jackentasche hervorgeholt und streifte sie über.

»Was soll das werden?« fragte Grendlam amüsiert. »Wollen Sie etwa Gegenwehr leisten? Gerade Sie sollten wissen, daß dies wenig Sinn hätte. Ich bin ein Cyborg und Ihnen mehrfach überlegen.«

»Warten wir’s ab.« Wie um die Geschmeidigkeit der Handschuhe zu testen, bewegte To Yukan die Finger.

Grendlam lachte rauh auf. »Sie sind ein Narr, To Yukan!«

Blitzschnell zuckte die Faust auf den Azteken zu.

To Yukan riß den Kopf zur Seite und Grendlams Faust krachte mit voller Wucht gegen die Unitallwand. Der Cyborg verzog jedoch keine Miene. Statt dessen grinste er unverhohlen.

»Sie haben mich ausgebildet. Sie wissen, wie ich vorgehen werde. Lange wird Sie das jedoch nicht vor meinen Angriffen schützen. Irgendwann machen Sie schlapp oder werden unkonzentriert.«

»Die Tatsache, daß Sie zu so niederträchtigen Grausamkeiten fähig sind, wie etwa den Polizisten von Babylon zu befehlen, brutal gegen wehrlose Demonstranten vorzugehen und sie alle zu verhaften, zeigt, daß Sie nicht richtig ticken, Grendlam. Es wird für mich daher ein leichtes, Sie zur Strecke zu bringen.«

Der Cyborg stieß einen verächtlichen Laut hervor. »Sie haben ja keine Ahnung, To Yukan!« Er packte den Mann wieder mit beiden Händen, wirbelte herum und schleuderte ihn durch die Türöffnung in das angrenzende Wohnzimmer.

Von der Wucht des Stoßes aus dem Gleichgewicht gebracht, strauchelte To Yukan, stürzte über die Armlehne des ihm im Weg stehenden Fernsehsessels hinweg und landete rittlings auf der weich gepolsterten Sitzfläche.

To Yukan schüttelte benommen den Kopf, während der Cyborg seelenruhig auf ihn zukam.

Auf dem Bildschirm des Holofernsehers liefen zwei Programme gleichzeitig, wie To Yukan aus den Augenwinkeln bemerkte. Kurz schenkte er der dreidimensionalen Darstellung seine Aufmerksamkeit.

Die eine Bildhälfte zeigte ein Nachrichtenprogramm, in dem von den Verhaftungen angeblich radikalisierter Studenten berichtet wurde. Auf der anderen Bildschirmhälfte waren im Kreis sitzende Männer und Frauen zu sehen, die darüber diskutierten, welche technischen Mittel bei der Manipulation der von Carla Sesti auf dem Schulschiff ANZIO produzierten Doku-Soap-Folge verwendet wurden, die angeblich beweisen sollte, daß die babylonische Regierung von Kalamiten, nichtmenschlichen, aber verblüffend menschenähnlichen Humanoiden, unterwandert wurde.

Sowohl die Behauptung, bei den verhafteten Studenten handele es sich um radikalisierte Extremisten, als auch die, bei der Doku-Soap würde es sich um eine Fälschung handeln, waren Lügen, wie To Yukan wußte.

Im Gegensatz zu dem Cyborg, der die beiden Sendungen auch dann noch aufmerksam verfolgen konnte, wenn er seinen Gegner verprügelte, lenkte das Geschehen auf dem Holobildschirm den Azteken ab. Er konnte es nicht mehr verhindern, daß Grendlam, der sich plötzlich über ihn beugte, ihn beim Jackenkragen packte und mit einem kraftvollen Ruck auf die Beine zog. Er besaß dann aber doch noch genügend Geistesgegenwart, die auf sein Gesicht zuschnellende Faust mit dem rechten Unterarm abzublocken, so daß sie nur sein Ohr streifte.

To Yukan packte den ihn festhaltenden Arm, drehte sich auf seinen Gegner zu, rammte ihm die Schulter gegen die Brust und prellte den Cyborg so von sich.

Mit einem Ausfallschritt nach hinten bremste Grendlam seinen Körper, ehe dieser gänzlich in die holographische Darstellung des Fernsehgerätes eintauchen konnte, auf das To Yukan ihn zugeschleudert hatte. Mit einer fließenden Bewegung stieß er sich ab und rammte seinem ehemaligen Ausbilder den Fuß seines ausgestreckten Beines in den Solarplexus.

Dem Azteken blieb die Luft weg, als der Tritt ihn von den Füßen fegte und er quer durch das Zimmer flog. Hart krachte er mit dem Rücken in ein Regal, riß die Bretter und den Nippes, der darauf stand, mit sich zu Boden.

»Wenn ich mit Ihnen fertig bin, werde ich eine neue Zimmereinrichtung benötigen«, bemerkte Grendlam trocken. »Aber das ist mir die Sache wert.«

»Diese Angelegenheit scheint Ihnen Spaß zu machen.« Ächzend befreite sich To Yukan von den Regalbrettern, den Ringpyramidenmodellen und den hübsch verpackten Speichermedien, die seinen Körper bedeckten. »Ein sadistischer Zug wurde während des Auswahlverfahrens für das Cyborgprogramm bei Ihnen nicht festgestellt. Wie kommt es, daß sich Ihr Charakter so sehr verändern konnte?«

»Sie sollten Ihre Atemluft sparsam verwenden«, erwiderte der Cyborg kalt und schlenderte gelassen auf den am Boden Liegenden zu. »Sie werden Sie für all die Schmerzensschreie benötigen, die ich Ihnen noch zu entlocken gedenke.«

To Yukan trat mit den Füßen nach dem Mann, als dieser sich bückte, um ihn bei den Beinen zu packen. Ehe es sich der Azteke versah, hatte der Cyborg seine Fußgelenke umfaßt und riß ihn von der Wand fort.

Grendlam zerrte den heftig um sich schlagenden Ausbilder in die Mitte des Zimmers und begann dann, sich um seine eigene Achse zu drehen.

Die auf ihn einwirkende Fliehkraft und die Tatsache, daß das Zimmer in immer schneller werdenden Drehungen um ihn herumwirbelte, machten To Yukan nahezu wehrlos. Als Grendlam seine Füße plötzlich losließ und er wie ein Geschoß quer durch das Zimmer geschleudert wurde, schlang er schützend die Arme um seinen Kopf und machte einen runden Rücken.

Ein rasender Schmerz explodierte zwischen seinen Schulterblättern, als er gegen das Pyramidenfenster krachte. Das Spezialglas hielt dem Anprall stand. To Yukan stürzte zu Boden, wo er benommen liegen blieb. Zwischen den vor seinen Kopf erhobenen Armen stierte er benebelt im Zimmer umher.

»Etwas mehr Gegenwehr hatte ich mir von Ihnen schon erhofft«, bemerkte Grendlam trocken.

Es kam dem Azteken vor, als wäre der Cyborg wie aus dem Nichts plötzlich neben ihm aufgetaucht. Wieder wurde er an den Beinen gepackt und von dem Fenster weggezogen. Anstatt ihn aber erneut durch das Zimmer zu schleudern, setzte sich Grendlam diesmal rittlings auf den Bauch seines ehemaligen Ausbilders.

Erwartungsvoll ballte der Cyborg die Fäuste. »Mal sehen, wie lange es dauert, bis ich das Leben aus Ihnen herausgeprügelt habe, To Yukan.«

So benommen, wie der Azteke sich gegeben hatte, war er in Wahrheit nicht. Das bekam Grendlam zu spüren, als To Yukan plötzlich mit dem Oberkörper hochschnellte.

In Erwartung einer Faustattacke hob Grendlam blitzschnell die angewinkelten Arme, um die seitlich geführten Hiebe gegen seinen Kopf abwehren zu können. Der Azteke, der diese Reaktion erwartet hatte, ließ seine Stirn statt dessen auf den nun ungeschützten Hals des Cyborgs zuschießen.

Grendlam gab einen erstickten Laut von sich, als To Yukans Schädel seinen Kehlkopf traf und den Knorpel eindrückte. Instinktiv faßte sich der Cyborg an den Hals und gab dadurch seine Deckung auf.

To Yukan nutzte seine Chance und ließ die offenen, behandschuhten Hände mit einer ausholenden Bewegung auf den ungeschützten Kopf seines Widersachers zuschnellen.

Als wollte er dem Cyborg zwei Ohrfeigen auf einmal verpassen, klatschten die Hände seitlich gegen Grendlams Kopf direkt auf die Ohrmuscheln und krallten sich daran fest.

Ruckartig drückte der Cyborg die Wirbelsäule durch und erstarrte. Seine Augen waren weit aufgerissen und stierten starr durch das Fenster. Seine Hände rutschten erschlafft von seinem Hals herab. Die Arme baumelten nun kraftlos an den Seiten seines Körpers herab.

Im nächsten Moment kippte der Cyborg steif zur Seite und stürzte zu Boden, wo er reglos und noch immer blicklos starrend liegenblieb.

Ächzend wandte sich To Yukan unter dem Leib seines Gegners hervor und stand auf. Einen kurzen Moment lang wankte er und rieb sich die schmerzenden Gliedmaßen. Schließlich wischte er sich mit dem Handrücken einen dünnen Blutfaden aus dem Mundwinkel und strich das blondgefärbte Haar zurück, das eigentlich blauschwarz war.

Als er wenig später auf den reglosen Grendlam hinabblickte, hatte das schmale faltige Gesicht des Azteken einen harten, entschlossenen Ausdruck angenommen.

Ohne noch länger zu zögern, machte er sich an die Arbeit. Es blieben ihm nur einige wenige Minuten, ehe der Cyborg wieder zu sich kam.

*

Als Grendlam erwachte, blinzelte er verwirrt und schüttelte den Kopf. Er versuchte, sich zu bewegen. Doch alles, was er erreichte, war, daß sein an Händen und Füßen gefesselter Körper anfing, leicht hin und her zu pendeln.

Als würde er den visuellen Eindrücken nicht trauen, die die Sehnerven in sein Programmgehirn übertrugen, riß er die Augen weit auf, rollte wild mit den Augäpfeln und preßte die Lider wieder zu. Als er die Augen dann wieder auftat und sich an dem Bild des auf dem Kopf stehenden Zimmers nichts geändert hatte, leckte er sich über die spröde gewordenen Lippen und grinste.

»Was soll das, To Yukan? Warum haben Sie mich an den Füßen aufgehängt?«

In dem Versuch zu seinen Füßen hinaufzublicken, die mit Handschellen aus Carborit an dem obersten Wandhaken der zu Bruch gegangenen Regalwand befestigt waren, preßte er das Kinn auf die Brust. »Ihre Vorgehensweise ist ausgesprochen lächerlich.«

Der Azteke hatte den Fernsehsessel zur Regalwand herumgedreht und es sich in den Polstern bequem gemacht. Der Holofernseher war ausgeschaltet, das Licht gedimmt. To Yukan hatte die Beine übereinandergeschlagen und die Ellenbogen auf den Armlehnen abgestützt. Über die Spitzen der aneinandergelegten Finger seiner behandschuhten Hände hinweg betrachtete er den kopfüber an der Wand hängenden Cyborg nachdenklich.

»Wissen Sie, was ich mich die ganze Zeit frage, Grendlam?« sagte er gefaßt. »Wieso stellt sich ein so ausgezeichneter Cyborg wie Sie in den Dienst einer Diktatur?«

»Machen Sie mich los!« forderte Grendlam und riß an den Fesseln.

Doch es wollte ihm nicht gelingen, die hinter seinem Rücken zusammengebundenen Arme zu befreien.

»Geben Sie sich keine Mühe«, sagte To Yukan, ohne seine Körperhaltung zu verändern. »Die Carborit-Handschellen werden Sie nicht zerstören können. Das einzige, was Sie durch Ihr Gezappel vielleicht erreichen werden, ist, daß der Wandhaken aus der Verankerung reißt und Sie mit dem Kopf voran auf den Boden knallen.«

Grendlam stellte seine Bemühungen ein und sah auf den Boden hinab, wobei er den Kopf in den Nacken drückte, als würde er zu den Sternen aufblicken. Der mit einem handgeknüpften Teppich bedeckte Unitallboden war jedoch nur eine Armlänge von seinem Scheitel entfernt.

»Was wollen Sie von mir?« fragte er mürrisch und ließ die Nackenwirbel knacken.

»Das sagte ich doch bereits, als Sie mir vorhin die Wohnungstür geöffnet haben: reden.«

Grendlam schnaufte verächtlich. »Ich wüßte nicht, was ich mit Ihnen zu bereden hätte. Die Zeit meiner Ausbildung liegt längst hinter mir. Es interessiert mich nicht, was Sie jetzt noch zu sagen hätten.«

»Wie mir scheint, haben meine Lektionen bei Ihnen und den anderen Cyborgs der H-Serie nichts gefruchtet«, gab der Azteke rauh zurück. »Sie hätten sich Trawisheim längst entgegenstellen müssen, Grendlam. Statt dessen spielen Sie für diesen Diktator den Vasall. Sie verstoßen vorsätzlich gegen Ihren Eid und die Grundsätze Ihrer Ausbildung.«

Der Cyborg spitzte die Lippen und begann gelangweilt eine fröhliche Melodie zu pfeifen. To Yukan kannte sie. Er hatte sie tags zuvor aus den Lautsprechern der Musikbox in der Hotelbar dröhnen hören. Die Band, die dieses fröhlich stimmende Lied komponiert hatte, besang darin die Weitsichtigkeit des Commanders der Planeten.

Der Azteke ließ sich von dem in ihm aufkeimenden Ärger nichts anmerken. Er ließ die Unterarme sinken und umfaßte mit den weißen Handschuhen die Lehne. »Ich verstehe«, sagte er gedehnt. »Sie versuchen auf Zeit zu spielen, Grendlam. Sie glauben, jeden Moment würden Ihre Cyborgkameraden durch die Wohnungstür brechen, mich niederringen und Sie aus Ihrer mißlichen Lage befreien.«

Grendlam hatte zu pfeifen aufgehört. Unverwandt sah er zu seinem ehemaligen Ausbilder hinüber.

Bei einem normalen Menschen, dessen Biosystem nicht durch bionische Implantate verbessert worden war, hätte sich im Kopf längst das Blut gestaut.

Nicht aber bei Grendlam.

Er wirkte eher wie ein Mann, dessen Gesicht sich etwas gerötet hatte, weil er zu viel Alkohol genossen hatte.

»In einer Situation potentieller Gefahr einen Funkruf abzusetzen gehört zum Standardverfahren eines Cyborgs. Das dürfte Ihnen während des Drills im Brana-Tal in Fleisch und Programmgehirn übergegangen sein.« To Yukan deutete mit einer laxen Geste auf das Koppelschloß seines Gürtels. »Ich trage einen Breitband-Funkblocker bei mir, der speziell auf die Frequenzen der bionischen Funkmodule der Cyborgs abgestimmt ist. Das Gerät hat Ihren kleinen Funkruf neutralisiert, den Sie sicherlich abgestrahlt haben, als Sie mich vor Ihrer Wohnungstür erblickten. So wird es auch allen anderen Funksprüchen ergehen, die Sie eventuell noch absetzen werden.«

Grendlam preßte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.

Der Azteke hob gelassen die Hände und drehte sie, damit der Cyborg die weißen Handschuhe von allen Seiten betrachten konnte. »Diese Handschuhe sind von Echri Ezbal speziell für eine Konfrontation mit durchgeknallten Cyborgs entwickelt worden«, erklärte er. »Sie sind mit äußerst elastischen Metallfäden durchwoben und nach innen isoliert, damit die starken Stromimpulse, die die in den Bündchen integrierten Generatoren ausstoßen, ihren Trägern nicht schaden können.«

Gelassen ließ er die Hände wieder sinken und umfaßte mit geschmeidigen Fingerbewegungen die Armlehne. »Der Impuls, den ich mit diesen Handschuhen simultan durch ihre beiden Ohren in ihr Programmgehirn gejagt habe, ist genau auf Ihre Implantate abgestimmt und hat sie kurzgeschlossen. Ich habe Ihnen nur einen kurzen Impulsstoß verpaßt. Und doch hat es mehrere Minuten gedauert, bis die sich selbst regulierenden Sicherungssysteme Ihr Programmgehirn wieder halbwegs funktionstüchtig gemacht haben.«

Er lächelte mit kalter Liebenswürdigkeit. »Ein längerer Impulsstoß durch diese Handschuhe könnte Ihr Programmgehirn endgültig lahmlegen und Sie töten, Grendlam. Wie Sie also sehen, ist Ihre Lage aussichtslos. Sie brauchen nicht erst Ihr Programmgehirn zu Rate zu ziehen, um zu erkennen, daß es besser für Sie wäre, meine Fragen zu beantworten.«

Der Cyborg gab ein gefährlich klingendes Grollen von sich. »Sie können froh sein, daß ich gefesselt bin. Ich würde nicht zögern, Ihnen den Kopf von den Schultern zu reißen!«

To Yukan schüttelte betrübt den Kopf. »Ich verstehe Ihre Feindseligkeit nicht, Grendlam.«

»Sie können mich mal!«

Erzürnt stand der Azteke auf. »Ich will von Ihnen endlich wissen, warum die Cyborgs eine Regierung unterstützen, die vehement gegen die terranische Verfassung verstößt! Die Verfassung ist ein in Ihrem System fest eingebundenes, bindendes Gestaltungsprinzip! Ihr Handeln und Wollen sollte sich nach diesen für alle Menschen allgemeingültigen Prinzipien ausrichten!«

Grendlam zuckte ungerührt mit den Schultern, was in seiner Position etwas ulkig anmutete. Offenbar war er aber doch endlich geneigt, auf To Yukans Fragen einzugehen, denn er sagte: »Die schwierigen Zeiten erfordernd ein besonderes Vorgehen. Fragen Sie Trawisheim. Der kann Ihnen genau erklären, warum es zu den politischen Maßnahmen, die er hat ergreifen müssen, keine Alternativen gibt.«

Der Azteke stellte sich vor dem Mann hin und sah auf dessen verkehrt herum hängenden Kopf hinab. »Ich möchte es von Ihnen wissen, Grendlam. Sie sind es, der handelt. Sagen Sie mir, welche Beweggründe Sie leiten.«

»Die meisten Menschen auf Babylon wissen nicht, wie es um diese Welt stünde, wenn Trawisheim nicht getan hätte, was getan werden muß«, antwortete dieser. »Das Elend wäre groß gewesen – und der Jammer ebenfalls. Trawisheim hätte sich anhören müssen, nichts unternommen zu haben, um die schlimmen Zustände abzuwenden.«

»Aber den Menschen auf Babylon ging es doch gut.«

Plötzlich spannte Grendlam die Muskeln und ließ den Oberkörper wie die Klinge eines Klappmessers hochschnellen.

To Yukan konnte dem auf sich zurasenden Schädel gerade noch ausweichen, indem er zur Seite hechtete. Grendlams Stirn traf seinen Oberschenkel und warf ihn herum, so daß er auf dem Rücken landete.

»Verflucht, Grendlam!« rief er erbost und rappelte sich wieder auf. »Sie machen es mir wirklich nicht leicht!«

Der Cyborg grinste hämisch. »Schade«, sagte er. »Fast wäre es mir gelungen, Ihre Gürtelschnalle mit meinem Schädel zu zerschmettern.«

To Yukan ließ sich schwer in den Fernsehsessel fallen. »Ich habe den Eindruck, daß Sie sich überhaupt keine Gedanken machen, Mann. Ich habe Sie heute Vormittag beobachtet, als Sie den Polizeieinsatz vor der Universitätspyramide leiteten. Was haben Sie sich dabei gedacht, all diese demonstrierenden Studenten rücksichtslos verhaften zu lassen?«

»Diese Verbrecher haben gegen das Versammlungsverbot verstoßen, das Trawisheim über die Stadt verhängt hat. Es sind Extremisten. Durch ihr Verhalten machen sie die Lage für die Menschen auf Babylon nur noch schlimmer und erschweren dem Commander der Planeten die Arbeit.«

»Trawisheim hat alle privaten Geldvermögen, die sich auf mehr als 250 000 Dollar beliefen, kurzerhand einkassiert. Ist das die Art von politischer Arbeit, die Ihnen vorschwebt?«

»Durch diese Aktion wurde soziale Gerechtigkeit hergestellt«, sagte Grendlam trocken.

»Er hat den Unternehmern das Kapital genommen und somit alle monetären Mittel, ihre Betriebe instandzuhalten oder auszubauen.«

»Diese Halsabschneider können einen Kredit aufnehmen, wenn sie es unbedingt für nötig erachten, zu expandieren. Warum sind die nicht mit dem zufrieden, was sie haben? Haben Sie darüber einmal nachgedacht, To Yukan? Die Schere zwischen Arm und Reich klaffte auf Babylon weit auseinander. Trawisheim hat diese soziale Ungerechtigkeit beendet und die Schere zuschnappen lassen!«

»Er hat die Wirtschaft auf Babylon faktisch lahmgelegt.«

»Er hat für soziale Gerechtigkeit gesorgt!«

»Für mich sieht es eher danach aus, als wüßte Trawisheim so wenig wie Sie, warum er all diese Maßnahmen ergreift.«

Grendlam lachte verächtlich. »Weil Sie keinen Durchblick haben, To Yukan. Sie sind genauso verbohrt und gefährlich wie diese demonstrierenden Studenten!«

»Was hat der Commander der Planeten denn mit all dem Geld vor, das er den Bürgern gestohlen hat?«

»Was weiß ich.« Grendlam zuckte wieder mit den Schultern. »Er wird es einsetzen, damit die Menschen auf Babylon endlich wieder in Frieden leben können.«

»Ich vermute eher, er wird es verwenden, um sein diktatorisches System zu festigen. Ein System, daß Sie und die anderen Cyborgs mitgeholfen haben zu etablieren.«

»Wir dienen der legalen und legitimen Regierung. Trawisheim wurde von den Bürgern gewählt. Das haben Sie offenbar vergessen, To Yukan.«

»Sehen Sie denn nicht, daß Trawisheims Regierung den Boden der Legalität längst verlassen hat?«

»Sie fangen an, mich zu langweilen. Leute wie Sie werden nie begreifen, daß Trawisheim dies alles nur zum Wohle der Menschheit tut.«

To Yukan nickte bedächtig. »Die Menschheit – so, so.« Als wären ihm die weichen Polster des Fernsehsessels plötzlich unerträglich, stand er wieder auf. »Inzwischen weiß wohl jedes Kind auf Babylon, daß die Regierung mit Nichtmenschen zusammenarbeitet. Mit Kalamiten!«

Grendlam bewegte die Füße, um für genügend Blutzirkulation zu sorgen. »Sie sollten nicht alles glauben, was diese Carla Sesti über die Programme von Terra-Press Babylon illegal verbreiten ließ. Die Sendung ist eine Fälschung. Das wurde von Experten bereits bestätigt.«

To Yukan schüttelte den Kopf. »Sie wissen genauso gut wie ich, daß die Berichte von Bord der ANZIO wahr sind. Diese angeblichen Experten, die momentan hektisch damit beschäftigt sind, Sestis Film zu demontieren, arbeiten für Trawisheim und sind völlig unglaubwürdig. Sie können mir nichts vormachen, Grendlam. Ich bin über alles genauestens im Bilde. In Trawisheims Regierung sitzen etliche Kalamiten. Und Sie wußten das bereits, lange bevor die ANZIO-Dokumentation gesendet wurde.«

»Und wenn schon!« stieß der Cyborg hervor. »Es ist Trawisheims Entscheidung, mit welchen Leuten er seine Regierung besetzen will. Er wird genau wissen, was er da tut – und warum. Immerhin ist er ein geistiger Cyborg mit Memory-Implantat. Seine Entscheidungen sind weitsichtiger, als Sie sich mit Ihrem simplen Denkapparat vorzustellen vermögen. Vielleicht sind die Kalamiten geeigneter als andere Menschen, um auf die besonderen Verhältnisse zu reagieren und die nötigen Schritte einzuleiten, um gegenzusteuern und die schlimmen Verhältnisse zu verändern.«

»Die Kalamiten sind keine Menschen«, rief To Yukan dem Mann in Erinnerung.

Grendlam lächelte nachsichtig. »Der einzige Unterschied zu uns ist, daß sie waagerecht geschlitzte Pupillen haben. Ich müßte Sie einen Rassisten schimpfen, wenn Sie die Kalamiten aufgrund dieser unbedeutenden Äußerlichkeit als minderwertig einstufen.«

»Von der Wertigkeit dieses Sternenvolkes ist hier gar nicht die Rede«, ereiferte sich der Azteke. »Es geht allein um die Tatsache, daß die Kalamiten die Menschheit seit langem unterwandern. Würden sie lautere Beweggründe haben, hätten sie auf diese Geheimnistuerei sicherlich verzichtet. Sie führen nichts Gutes im Schilde, das müßte Ihnen doch klar sein!«

»Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß die Kalamiten sich vielleicht nur aus dem Grund tarnen, weil sie fürchten, von Leuten wie Ihnen diskriminiert zu werden?«

To Yukan seufzte resigniert und warf in einer hilflosen Geste die Arme in die Luft. »Die Kalamiten sind keine Menschen, Herrgott noch mal! Die genetischen Unterschiede sind einfach zu hervorstechend. Sie sind ein eigenständiges Sternenvolk. Ihre heimliche Einmischung in die politischen Belange der Menschen muß daher als feindlicher Akt angesehen werden. Sie untergraben unsere Integrität und unsere Eigenständigkeit. Was dabei herauskommt, davon kann sich jeder ein Bild machen, der sich auf Babylon umschaut.«

»Für die schlimmen Verhältnisse auf Babylon sind aber doch nicht die Kalamiten verantwortlich, To Yukan! Dies zu behaupten, wäre gleichbedeutend damit, den Gärtner zum Mörder abzustempeln.«

Erneut schüttelte der Azteke den Kopf. Die Resignation hatte sich tief in sein faltiges Gesicht gegraben. »Sie wollen einfach nicht einsehen, daß Trawisheims Regierung an den Menschen großes Unrecht begeht. Warum sind Sie so störrisch, Grendlam?«

»Warum machen Sie mich nicht endlich los und beenden diese Farce?« gab dieser gereizt zurück. »Sie sind derjenige, der nichts begreift.«

To Yukan atmete tief durch. Dann zog er an den Bündchen der Handschuhe, damit diese sich noch enger um seine Finger schlossen. »Es tut mir sehr leid, Grendlam. Aber ich habe keine andere Wahl. Wir müssen uns Gewißheit verschaffen. Und um die zu erlangen, bin ich nun gezwungen, drastischere Maßnahmen zu ergreifen.«

Er trat vor den Cyborg hin und streckte die Arme nach dessen Kopf aus.

Grendlams Miene verdüsterte sich. »Was haben Sie vor, verdammt?«

Verzweifelt warf er den Kopf hin und her. Doch sein ehemaliger Ausbilder packte entschlossen zu und preßte ihm mit versteinerter Miene die behandschuhten Hände fest gegen die Ohren…

*

Bevor To Yukan Grendlams Wohnung verließ, legte er sich die Folienmaske auf das Gesicht und schaltete die elektronische Farbnuancierung seines Anzugs auf Schwarz. Sollte er beim Verlassen der Ringpyramide von einer Überwachungskamera gefilmt werden, würde niemand in dem durchschnittlich aussehenden blonden Mann einen Menschen aztekischer Abstammung vermuten.

Nachdem der Expreßlift ihn in die weitläufige Eingangshalle gebracht hatte, schritt er gelassen auf den Ausgang zu. Die Nacht war über Babylon-Stadt hereingebrochen. In der Halle hielten sich nur noch einige Nachtschwärmer auf, die es sich trotz der gespannten Lage in der Pyramidenstadt nicht nehmen ließen, sich in den Kneipen und Tanzlokalen der Pyramiden zu vergnügen.

To Yukan sah nur kurz zu den zumeist jungen Leuten hinüber. Er ertrug den Anblick dieser Männer und Frauen nur schwer, die sich auf Teufel komm raus unbedingt zerstreuen wollten, während die Welt um sie herum danach schrie, sich für sie einzusetzen, damit die politischen Verhältnisse sich endlich änderten.

Kühle Luft schlug ihm entgegen, während er den Komplex verließ. Einen Moment lang blieb er überwältigt stehen. Die beleuchteten Fenster der umstehenden, zwei Kilometer hohen Ringpyramiden, die Lampen in den Parks und die Positionslichter der umherschwirrenden Gleiter – all dies ließ die Stadt in To Yukans Augen märchenhaft schön erscheinen.

Bei genauerem Hinsehen konnte der schöne Schein der illuminierten Pyramidenstadt jedoch nicht lange darüber hinwegtäuschen, daß in Babylon etwas faul war. Die Fenster der Pyramiden waren nur deshalb alle erleuchtet, weil die Leute größtenteils lieber zu Hause blieben, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, auf der Straße verhaftet zu werden, nur weil sie versehentlich für Demonstranten gehalten wurden. Und die Lampen in den Parks waren trotz der fortgeschrittenen Zeit nur deshalb alle eingeschaltet, damit die Polizisten, die mit ihren Gleitern durch den Luftraum der Stadt patrouillierten, das Areal besser einsehen konnten.

To Yukan gab sich einen Ruck und marschierte los. Trotz alledem gab es in Babylon-Stadt noch immer genügend düstere Ecken und Plätze, die es Leuten, die nicht gesehen werden wollten, erlaubten, ungehindert in der Stadt zu agieren.

Einen solchen dunklen Winkel stellte die mit nur einem Kilometer Höhe vergleichsweise niedrige, noch unbewohnte Ringpyramide dar, die einige hundert Meter von dem Wohngebäude entfernt lag, in der sich Colin Grendlams Wohnung befand. To Yukan hatte dieses düstere Gebäude erspäht, als er vorhin aus dem Fenster von Grendlams Wohnung geschaut hatte. Dieser dunkle Ort schien ihm genau richtig für sein Vorhaben.

Er bewegte sich dicht an der Mauer entlang, die den angrenzenden Park von der Straße abtrennte. Als er sicher war, daß über ihm keine Gleiter kreuzten, rannte er hastig auf die unbeleuchtete Pyramide zu.

In einem hohen Zaunkarree vor dem Haupteingang der Ringpyramide standen Baumaschinen und Handwerksroboter, die in den Ruhemodus geschaltet waren. In der von den Worgun vor vielen tausend Jahren errichteten Pyramide wurden offenbar gerade Bauarbeiten vorgenommen, um sie für die Menschen bezugsfertig zu machen.

Der Azteke schlich an dem Zaunkarree entlang auf den Eingang zu – und blieb überrascht stehen. Zwei dunkle, vermummte Gestalten standen vor der abgeschrägten Wand der Pyramide und schrieben mit schwarzer Farbe eine Parole auf die Mauer.

»Trawisheim ist ein Kalamit«, las To Yukan leise. Er schmunzelte bitter. »Das wäre allerdings ein starkes Stück«, sagte er dann vernehmlich.

Die zierlichere der beiden Gestalten gab einen spitzen, erschreckten Schrei von sich und wirbelte zu To Yukan herum. Ihr Begleiter trat drohend einen Schritt vor und schob die Frau hinter sich.

»Was wollen Sie?« fragte er herausfordernd. »Sind Sie etwa einer von Trawisheims Spitzeln?«

»Sie glauben tatsächlich, der Commander der Planeten ist ein Kalamit?« stellte To Yukan eine Gegenfrage.

»Warum sollte er es nicht sein? Jedenfalls würde das vieles erklären.«

Die Frau schob sich halb hinter dem breiten Rücken des Mannes hervor. »Wir fordern, daß Trawisheim einen Gentest machen soll, um zu klären, ob er tatsächlich ein Mensch ist!«

»Sie können versichert sein, daß dies längst geschehen ist«, sagte To Yukan. Er führte nicht weiter aus, daß Trawisheim, bevor ihm die bionischen Implantate eingepflanzt wurden, gründlich untersucht worden war. Hätten Trawisheims Gene damals eine Abweichung aufgewiesen, wäre man sofort darauf aufmerksam geworden.

Da die meisten Menschen über das Cyborgprogramm nicht unterrichtet waren und er weder Lust noch Zeit hatte, den beiden wirrköpfigen Protestlern einen Vortrag über dieses quasigeheime Projekt zu halten, ging er nicht näher auf seine Behauptung ein.

»Wer sind Sie überhaupt, zum Teufel?« wollte der junge Mann wissen.

»Jemand, der einen dunklen Platz sucht, um ungestört zu sein.«

»Wir waren zuerst hier!« wurde die Frau nun aufmüpfiger. »Außerdem glauben wir Ihnen nicht. Bevor uns nicht das Gegenteil bewiesen wird, werden wir überall verbreiten, daß Trawisheim ein Kalamit ist!«

To Yukan verdrehte innerlich die Augen. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber tun Sie es bitte nicht hier. Ich habe etwas Dringendes zu erledigen.«

»Wollen Sie uns etwa drohen?« Die Frau schob ihren Begleiter auf To Yukan zu. »Mein Freund wird Sie nach Strich und Faden verprügeln, wenn Sie nicht sofort verschwinden.«

Der Azteke massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. »Bitte«, sagte er entnervt. »Wäre ich ein Vasall des Diktators, würde hier jetzt alles von Polizisten wimmeln. Ich bin mehr oder weniger auf Ihrer Seite. Also lassen Sie mich jetzt ungestört meine Arbeit machen.«

Der junge Mann schüttelte die Hände seiner Freundin ab und faßte sie am Oberarm. »Wir gehen«, bestimmte er und schob sie von der mit der Parole beschmierten Wand fort.

»He – willst du vor diesem alten Knacker etwa kneifen?« protestierte die Frau und versuchte sich vergeblich aus dem Griff ihres Freundes zu befreien.

»Ich kneife nicht. Meine Vernunft sagt mir aber, daß es unserer Sache dienlicher ist, wenn wir diesen Mann gewähren lassen. Ich habe den Eindruck, er wird mehr gegen die Diktatur auf Babylon ausrichten, als wir mit unseren albernen Parolen jemals erreichen können.«

»Das sagst du doch nur, weil du Schiß hast, dich mit diesem Kerl anzulegen«, wetterte die Frau. »Was bist du nur für ein Revolutionär, wenn du dich nicht einmal traust…«

Das Keifen der Frau wurde zunehmend leiser, je weiter sich das Paar entfernte, was ziemlich rasch geschah, da der Mann seine Begleiterin im Eilschritt mit sich zog.

To Yukan war dankbar, daß ihm die weiteren Beschimpfungen der jungen Frau erspart blieben. Aufmerksam sah er sich um. Da er sich unbeobachtet wähnte, aktivierte er ohne zu zögern den Antigravgürtel. Kurz darauf lösten sich seine Füße vom Boden, und er schwebte senkrecht in die Höhe. Als er eine Flughöhe von tausend Metern erreicht hatte, schaltete er den Magnetfeldantrieb hinzu, brachte sich in eine horizontale Lage und flog mit ausgestrecktem linken Arm Richtung Fande-Park davon.

Ein bitterer Zug umspielte seine Lippen, als er sich daran erinnerte, daß er sich vor wenigen Stunden, als er sich auf dieselbe Weise durch den Luftraum von Babylon-Stadt bewegt hatte, wie ein Held aus einem der beliebten Superhelden-Comics vorgekommen war.

Jetzt aber fühlte er sich eher wie ein Superschurke, der, nachdem er ein gemeines Verbrechen verübt hatte, sich heimlich aus dem Staub machte.

*

Der Parkbereich in unmittelbarer Nähe der zwei Kilometer hohen Ringpyramide, die jüngst einem Nuklearbombenanschlag zum Opfer gefallen war, lag im Dunkeln. Die Roboter waren noch nicht dazu gekommen, die Beleuchtung in dem stark mitgenommenen Abschnitt zu erneuern. Die Programmierung der Maschinen hatte vorgesehen, daß zuerst die Bepflanzungen und Wege instandgesetzt werden sollten. Und so herrschte in diesem Bereich nun stockdunkle Nacht – die idealen Bedingungen für To Yukans Vorhaben.

Der Azteke, der als dunkler Schatten aus der Luft herangeschwebt kam, setzte behutsam auf der frisch angelegten Rasenfläche auf. Ein paar Meter entfernt ragte schemenhaft eine im Kreis angeordnete Figurengruppe auf. Wie alle Skulpturen im Fande-Park stellten auch diese Statuen eine verkleinerte Abbildung des Goldenen Menschen von Babylon dar.

Aufmerksam blickte To Yukan sich um. Doch bis auf den bizarren Trümmerhaufen, der von der unbewohnten Pyramide übriggeblieben war, nachdem eine Nuklearbombe sie in Stücke gerissen hatte und der nun bedrohlich am Ende des Parkgeländes aufragte, war nichts Bemerkenswertes zu erspähen.

To Yukan holte den winzigen Handsender aus der Hosentasche hervor, entsperrte die Sensorfläche und berührte das daumennagelgroße Ruffeld.

Einige Sekunden lang geschah gar nichts. Doch dann tauchte unmittelbar vor dem in Schwarz gekleideten Wartenden plötzlich ein in ein silbriges Flimmern getauchter mattschwarzer Körper aus dem Boden auf.

Wie ein riesiges, sich in Zeitlupe bewegendes Projektil wuchs das zylinderförmige Gebilde aus dem Rasen empor, ohne dabei jedoch Erdmasse zu verdrängen oder die Grasnarbe aufzureißen.

Wenig später war der in sein Intervallfeld gehüllte pechschwarze Flash gänzlich aus dem Erdreich, unter dem er verborgen gewesen war, emporgeschwebt. Das in der Dunkelheit verräterisch flackernde Intervallfeld erlosch, und die sechs dünnen Landebeine fuhren aus. Wenig später ruhte das drei Meter lange Raumboot, das einen Durchmesser von anderthalb Metern hatte, bewegungslos auf den langen, leicht angewinkelten Auslegern. Die mattschwarze Hülle aus Carborit machte den Flash in der Dunkelheit jetzt nahezu unsichtbar.

To Yukan sandte einen Gedankenbefehl aus, woraufhin die Einstiegsluke, die einzige Öffnung in diesem erstaunlichen Flugkörper, aufglitt.

Dieses brandneue Modell aus den Werften von Wallis Industries war baugleich mit der Schwarzen Eins an Bord der POINT OF. In voller Tarnung war der Carborit-Flash To Yukan, der für seine Reise nach Babylon das Transmitternetz benutzt hatte, von Eden über Terra bis hierher gefolgt.

Um während einer Polizeikontrolle nicht durch ein unvollständiges Bewegungsprofil aufzufallen, war der Azteke vorsichtshalber über die Transmitterstation nach Babylon-Stadt eingereist und hatte die Zollabfertigung über sich ergehen lassen. Der Carborit-Flash war unterdessen an seinem vorprogrammierten Platz in den Planeten eingetaucht und hatte dort auf das Signal zum Auftauchen gewartet.

Für die Abreise brauchte To Yukan nun jedoch keine weiteren Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Er hatte seine Mission auf Babylon abgeschlossen. Es war jetzt irrelevant, ob die Spuren, die er in Babylon-Stadt hinterlassen hatte, einem Polizisten verdächtig vorkommen würden.

Der Azteke stieg ein, und die Luke glitt hinter ihm wieder zu. Er setzte sich auf einen der beiden Rückenlehne an Rückenlehne bereitstehenden Pilotensessel, schaltete sowohl das Intervallfeld, als auch sämtliche Tarnvorrichtungen ein und gab per Gedankenimpuls den Befehl zum Start.

Im Inneren des Flash spürte To Yukan nichts von der rasanten Beschleunigung, mit der das Raumboot nun zum nächtlichen Himmel hinaufschoß. Gelassen betrachtete er die in das Bedienfeld eingelassenen Anzeigen, die die Ergebnisse der Passivortung anzeigten. Der große Bildschirm über seinem Kopf zeigte außer der undurchdringlichen Schwärze des Weltalls nichts Erwähnenswertes.

Die geringe Größe des Beibootes und die hochmoderne Tarntechnik an Bord machten den Carborit-Flash für die Terranische Flotte so gut wie unsichtbar. Keiner der Flottenverbände in der Umlaufbahn des Planeten zeigte beunruhigende Kursänderungen, während To Yukan in seinem Flash an ihnen vorbeiflog. Ohne behelligt zu werden, raste das nachtschwarze Boot in Richtung der nächstgelegenen Relaisstation der Transmitterstraße zwischen Babylon und Eden davon.

*

Die weite Reise von Babylon nach Brana, der neuen Stützpunktwelt der Cyborgforschungsstation Echri Ezbals, dauerte nur wenige Stunden. Diese kurze Reisedauer mit einem Flash wurde nur durch die Transmitterstraße Babylon-Erde-Eden ermöglicht. To Yukan war mitsamt dem Flash von der Relaisstation in der Nähe von Babylon aus per Transmitter zu der Station befördert worden, die nur zwei Lichtjahre von Brana entfernt war und sich in einem ausgehöhlten Asteroiden befand. Von dort hatte er die geheime Abzweigung zu dem Stichbahnhof auf Brana genommen. Der Bahnhof befand sich in einer großen Leichtbauhalle in der Nähe der neuen Cyborgforschungsstation und wurde rund um die Uhr von einem Angestellten bewacht.

To Yukan flog mit dem in sein Intervallfeld gehüllten Flash durch die Hallenwand hindurch ins Freie und steuerte die Wohnsiedlung an. Die funkelnagelneuen Häuser schimmerten im warmen Licht der Morgensonne. Einige wenige Passanten und Gleiter bewegten sich auf den neu angelegten Straßen.

Die Ansammlung von Wohnhäusern, Laborkomplexen und Lagerhallen lag inmitten einer kahlen Ebene, die mit kargen Büschen und Sträuchern bewachsen war.

Einige Kilometer entfernt, aber noch in Sichtweite der Forschungsniederlassung, zeichnete sich die Silhouette eines kompakten, auf dieser Welt (vorerst noch) einzigartigen Waldes ab: die Kolonie der Burcha.

Bevor To Yukan den Flash vor dem Haus Echri Ezbals landete, schaltete er das Intervallfeld ab und fuhr die Landebeine aus.

Die Ankunft des Beibootes war nicht unbemerkt geblieben. Während die Einstiegsluke aufglitt, verließ ein dürrer, zwei Meter großer Mann das Haus. Das schlohweiße schulterlange Haar des indischen Mediziners schimmerte im Licht der Sonne Wischnu, die der Sonne der Erde sehr ähnlich war. Das bärtige Gesicht, das von einer großen Nase und auffällig blauen Augen beherrscht wurde, wirkte ruhig und konzentriert.

Neben dem Hausherrn trottete Urran einher, Ezbals treuherziger Hund, der aussah wie eine zu klein geratene Mischung aus Schäferhund und Dogge.

To Yukan, der vor der offenen Luke des Flash stand, reckte die Brust und atmete tief durch. »Ah! Der Geruch der Freiheit!«

»War es so schlimm auf Babylon?« fragte Ezbal und sah gegen die Sonne anblinzelnd zu dem hageren Azteken auf.

Der winkte ab. Ein Schatten legte sich auf seine Augen. »Reden wir lieber nicht darüber.« Er stieg aus der Luke und begrüßte den Genetiker mit einem Handschlag. Dann strich er Urran, der hechelnd und mit heraushängender Zunge erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelte, über den Kopf.

»War die Mission erfolgreich?« erkundigte sich Ezbal.

Statt zu antworten, holte To Yukan eine schwarze Kunststoffschachtel unter seiner Jacke hervor und überreichte sie dem Genetiker. Dann fragte er höflich, ob er Ezbals Toilette aufsuchen dürfte. Da der Flash über keine sanitären Einrichtungen verfügte, war das Verlangen, sich zu erleichtern, nach mehreren Stunden Flugzeit nicht unerheblich.

Ezbal nickte. »Kommen Sie danach raus auf die Terrasse, Ember. Wir müssen reden.«

Der Azteke hob dankend die Hand und ging auf das Haus zu. Ezbal sah ihm nach, und als Urran ein kurzes klägliches Jaulen von sich gab, sagte er: »Ja, mein Guter. Ich habe es auch bemerkt. Unseren Freund bedrückt etwas.«

Von seinem Hund begleitet, begab sich Ezbal ins Haus. Er deponierte die schwarze Schachtel in seinem Arbeitszimmer und ging in die Küche. Dort stellte er zwei Gläser und eine Karaffe frischgepreßten Okangasaft auf ein Tablett und trug es hinaus auf die Terrasse. Rasch breitete sich der süßlich-herbe Duft der faustgroßen, knallgelben Okangafrüchte, die an den dornigen Sträuchern heranreiften, die auf den kargen Ebenen dieses Kontinents wuchsen, auf der Terrasse aus.

Ezbals Katze Choldi hatte es sich auf einem der Gartenstühle bequem gemacht. Urran, der großen Respekt vor der stämmigen, getigerten Hauskatze seines Herrchens hatte, blieb vorsorglich vor der Schwelle der Terrassentür stehen und ließ den Schwanz hängen.

Als To Yukan wenige Minuten später auftauchte und das Zimmer durchquerte, machte Urran ihm Platz und legte sich, nachdem der Azteke auf die Terrasse hinausgetreten war, vor der offenen Tür platt auf den Boden. Mißtrauisch äugte er zu Choldi hinüber, die keine Anstalten machte, den Platz für die Männer zu räumen.

Das war auch gar nicht nötig. Es standen genügend Gartenmöbel zur Verfügung. To Yukan nahm neben Ezbal Platz und nickte dankend, als dieser ihm Saft einschenkte.

»Wollen Sie darüber reden?« fragte der Leiter der Cyborgstation.

To Yukan zuckte unschlüssig mit den Schultern und nippte dann lustlos an dem Glas. Unwillkürlich schweifte sein Blick in die Ferne und haftete sich auf die Burcha-Kolonie.

Es war dem Wald nicht anzusehen, daß er aus lauter intelligenten, fühlenden Wesen in Baumgestalt bestand. Die Kolonie sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Laubwald.

Und doch haftete dieser Ansammlung von Bäumen etwas Ungewöhnliches an, denn außer diesem einen Wald gab es weit und breit nur lichtes Buschwerk und niedrige Gräser. Brana war eine karge, unwirtliche Welt, die kaum Vegetation aufwies. Um so befremdlicher war der Anblick des isoliert dastehenden üppigen Waldes.

Der Forst wirkte auf dieser Welt wie ein Fremdkörper, was er in Wahrheit auch war, denn die Burcha stammten von einem fremden, fernen Planeten. Widrige Umstände hatten die intelligenten Bäume vor langer Zeit hierher verschlagen. Dieses Schicksal teilten sie mit Ezbal, To Yukan und all den anderen Männern und Frauen, die in der Cyborgstation im Brana-Tal im Himalaya gearbeitet und aufgrund des Babylon-Umsturzes hierher hatten fliehen müssen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten und Mißverständnissen, zu deren Klärung To Yukan und Ezbal gleichermaßen beigetragen hatten, lebten die Terraner und die Burcha auf dieser Welt in Eintracht miteinander.

»Ich denke auch, daß es eine gute Idee ist, Ember.« Ezbals ruhige Stimme drang wie aus weiter Ferne in das Bewußtsein des Azteken.

Der Angesprochene blinzelte irritiert und riß sich vom Anblick der Burcha-Kolonie los. »Entschuldigen Sie, Echri«, sagte er etwas verlegen. »Ich fürchte, ich war für einen kurzen Moment abwesend.«

»Sie haben mich richtig verstanden«, entgegnete Ezbal. Er deutete in Richtung des Waldes. »Sie sollten die Burcha aufsuchen. Ich schätze, ein Aufenthalt in dem Kollektiv wird Ihnen mehr helfen als ein Gespräch unter vier Augen.«

Endlich schien To Yukan zu begreifen. Er nickte nachdenklich. »Wahrscheinlich haben Sie recht. Was auf Babylon geschehen ist, hat mich mehr mitgenommen, als ich erwartet hatte.«

»Das ist nur zu verständlich.« Ezbal lächelte aufmunternd. »Lassen Sie sich von mir nicht länger aufhalten. In Ihrem Zustand sind Sie sowieso zu nichts zu gebrauchen. Kommen Sie wieder, wenn Sie mit sich ins Reine gekommen sind.«

Nach kurzem Zögern stand der Azteke auf. Ohne ein Wort zu sagen oder sich noch einmal Ezbals Haustieren zuzuwenden, durchquerte er das Haus, verließ es auf der anderen Seite wieder und stieg in den Flash.

*

To Yukan landete das Beiboot zweihundert Meter von der Burcha-Kolonie entfernt auf einer Grasfläche. Bevor er in Richtung Wald aufgebrochen war, hatte er einen kurzen Zwischenstopp in seinem Bungalow eingelegt, um zu duschen und sich neu einzukleiden.

Die Burcha verabscheuten Technik jeglicher Art. Es war für den Azteken daher nicht in Frage gekommen, das Kollektiv mit einem Anzug auf dem Leib zu betreten, der vor moderner Elektronik nur so strotzte. Auch war es für ihn selbstverständlich, mit dem Beiboot einen Höflichkeitsabstand zur Kolonie zu wahren.

Als er den Flash nun verließ und auf den harzig duftenden Wald zuschritt, trug er einen bequemen Trainingsanzug aus Baumwolle. Sein Haar hatte nach der Dusche wieder seine Ursprungsfarbe angenommen und schimmerte blauschwarz in der Sonne. Auf Schuhe hatte To Yukan vorsorglich verzichtet, denn Fußbekleidung hätte ihm die Kontaktaufnahme mit den Burcha nur erschwert.

Er wußte, daß den intelligenten Bäumen seine Ankunft nicht entgangen war, obwohl sie weder sehen, hören oder riechen konnten. Damit sie auf diese Sinne trotzdem nicht verzichten mußten, bedienten sie sich der Augen, Ohren und Riechorgane der Tiere, die in ihrem Kollektiv lebten und mit denen sie dank der unterirdischen Sinnesfäden mental verbunden waren.

Die Fauna auf Brana war jedoch genauso dürftig wie die Flora und von den Menschen noch nicht gänzlich erforscht. Es gab ein gewisses Vorkommen an in Erdlöchern hausenden Nagetieren, Eidechsen und Schlangen. Auf dem Boden oder in Dornbüschen nistende Raubvogelarten kamen ebenfalls vor. Ganz zu schweigen von den Heerscharen an Insekten, die sich auf dieser Welt am vielseitigsten entwickelt hatten.

Nur eine der hier lebenden Säugetierarten war größer als Urran, Ezbals Mischlingshund. Und das waren die Nuraks, zottelige Säugetiere, die mit ihren gekrümmten Hörnern entfernt an terranische Büffel erinnerten. Die Nuraks stammten jedoch von Humus, der Heimatwelt der Burcha und waren von dem Kollektiv eingeschleppt worden, als es vor langer Zeit von den Worgun nach Brana gebracht worden war.

Es gab Überlegungen, Waldtiere von Terra nach Brana zu bringen, um die Lebensqualität der Burcha zu erhöhen. Doch eine endgültige Entscheidung war noch nicht gefallen. Die meisten Tierarten, die sich während der Rettungsaktion der Worgun in dem Burcha-Kollektiv aufgehalten hatten, hatten auf der neuen Welt nämlich nicht lange überlebt. Einzige Ausnahme waren die Nuraks, die in den hiesigen Steppen reichlich Nahrung gefunden hatten und sich in Ermangelung natürlicher Feinde ungehemmt vermehren konnten.

Die Wissenschaftler befürchteten, den irdischen Tieren könnte es auf Brana ähnlich ergehen wie denen von Humus. Bevor andere Tiere auf dieser Welt ausgesetzt wurden, wollte man sich darum zuerst ein umfassendes Bild von Fauna und Flora dieser Welt machen. Doch dies war aus Zeitmangel bisher noch nicht geschehen.

So mußten die intelligenten Bäume vorerst noch mit den Sinnesorganen der auf Brana lebenden Kleintiere und der Nuraks vorliebnehmen, wenn sie ihre Umgebung auf andere Weise wahrnehmen wollten, als es ihnen mit ihrem pflanzlichen Metabolismus möglich war.

Unterdessen hatte To Yukan den Saum des 500 Kilometer durchmessenden Kollektivs erreicht. Die hohen, majestätischen Bäume erinnerten entfernt an terranische Buchen. Die Stämme waren glatt, die Kronen ausladend und dicht mit Laub bewachsen. Dem Wald entströmte ein schwerer harziger Duft, den die Burcha absonderten und der bei Intelligenzwesen ein leichtes Glücksgefühl auslösen konnte.

To Yukan atmete tief durch. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, während er beobachtete, wie sich silbrige Fäden aus dem Erdreich schoben. Die Sinnesfäden strichen sanft über seine bloßen Füße und wuchsen sogar bis zu seinen Händen empor.

Willkommen, Ember To Yukan, vernahm er kurz darauf die Gedankenstimme des Kollektivs. Sie bestand aus zahlreichen, gleichzeitig sprechenden Wisperstimmen. Da die Burcha nicht immer ganz simultan sprachen, entstand der Eindruck von im Sommerwind rauschenden Blättern. Wir freuen uns sehr, daß du uns wieder mit deiner Gegenwart beglückst.

Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite, erwiderte der Azteke in Gedanken. Es ist eine wahre Wohltat, zwischen euch herumzuspazieren. Er betrat den Wald, wobei die tiefhängenden Äste und Zweige sich leicht hoben, um ihm Platz zu machen und einen Hohlweg zu bilden. Immer mehr der silbrigen Fäden schoben sich aus dem humushaltigen Erdreich und glitten auf den Besucher zu, um ihn zu berühren.

Ein trockenes Rascheln und Raunen ging plötzlich durch die Baumkronen. Dich bedrückt etwas, junger Freund. Wir spüren es deutlich. Dein Herz ist betrübt, ein Schatten lastet auf deiner Seele.

To Yukan seufzte. Ich hoffe, meine Gemütsverfassung belastet euch nicht. Sagt es, wenn ich wieder gehen soll.

Wer den Duft unseres Harzes atmet, der bleibt nicht lange traurig. Aus diesem Grund bist du doch zu uns gekommen, nicht wahr?

To Yukan sah beschämt zu Boden. Es stimmt. Ich verspreche mir Linderung durch eure Gegenwart. Aber ihr müßt mir glauben, daß ich euch niemals euer Harz nehmen würde, um es als glücklichmachende Droge zu verwenden, wie es die Sekriemb auf Humus, eurer Heimatwelt, getan haben.

Würden wir das glauben, hätten wir dich längst aus dem Kollektiv verstoßen, junger Freund.

Eine kleine Lichtung öffnete sich vor To Yukan. Ein halbes Dutzend Sprößlinge wuchsen darauf. Die Wurzeln der Jungbäume waren bereits von dem silbrigen Geflecht der Sinnesfäden umsponnen.

Seit sich die Menschen auf Brana angesiedelt hatten, hatten die Burcha neuen Lebensmut gefunden und ließen es seitdem wieder zu, daß sich Nachwuchs bildete. Auf lange Sicht gesehen würde diese Kolonie nicht die einzige auf Brana bleiben. Burcha-Wälder würde es bald auf allen Kontinenten geben.

Die Vereinbarung, die Mensch und Burcha getroffen hatten, besagte, daß die Burcha diese Welt nach Gutdünken besiedeln konnten. Die Menschen aber hatten gelobt, auf Brana nur die eine Kolonie zu unterhalten und diese nicht übermäßig auszuweiten.

Setz dich doch bitte, forderte das Kollektiv den Gast auf. Was immer dich bedrückt, wir werden dir Linderung verschaffen.

Der Azteke gehorchte und setzte sich auf ein weiches Moospolster. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen knorrigen Wurzelstamm, der zu einem uralten Baum gehörte, und blickte zu den Wipfeln auf, zwischen denen der blaue Himmel hervorblitzte.

Sanft strichen die Silberfäden über To Yukans Haut. Der harzige, aromatische Geruch machte ihn schläfrig und besänftigte sein aufgewühltes Inneres.

Wegen der berauschenden Eigenschaften des Baumharzes hatten die Burcha auf ihrer Heimatwelt einst großes Leid erfahren müssen. Die Sekriemb, die von den Burcha Maschinensünder genannt wurden und mit einem Raumschiff auf Humus gestrandet waren, hatten die Burcha als Lieferanten einer Droge mißbraucht, die sie aus dem Harz extrahierten.

Was als Harzextrakt – sogenanntes Burchomon – für süchtigmachende Rauschzustände sorgte, wirkte im unverfälschten, natürlichen Zustand wie ein entspannendes Beruhigungsmittel, das wohlige Glücksgefühle hervorrufen konnte.

Der durch die Blätter abgesonderte Duft füllte die Lunge des Azteken und versetzte ihn langsam in einen entspannten Zustand. Die Schatten in seinem Innern lösten sich auf und wichen einem diffusen Glücksgefühl.

Ohne daß er es bewußt wollte, stieg die Erinnerung an das Geschehen in Colin Grendlams Wohnung wieder in ihm auf. Wie düstere Blasen schwebten die schrecklichen Bilder in einem Kosmos aus Licht und Farben – und zerplatzten…

To Yukan sah, wie sich seine behandschuhten Hände auf die Ohren des kopfüber an der Wand hängenden Cyborgs preßten. Der Starkstromimpuls, den er diesmal durch die Handschuhe in den Schädel des Mannes schickte, verursachte erneut einen Kurzschluß in den bionischen Systemen. Das Phantdepot wurde lahmgelegt, und die Rückkoppelungen im Programmgehirn verhinderten, daß Grendlam in das Zweite System umschalten konnte.

Der Cyborg wurde ohnmächtig.

Hastig zog der Azteke die Handschuhe aus und holte statt dessen ein elektronisches Taschenmesser hervor. Das Gerät gab ein kurzes Summen von sich, während sich die bläuliche Energieklinge aus dem Schaft schob.

Ehe er es sich anders überlegen konnte, packte To Yukan den bewußtlosen Cyborg am Haarschopf, zog den Kopf von der Wand weg und rammte ihm die Energielanzette in den Nacken.

Die Klinge fuhr zwischen zwei Wirbel und durchtrennte die Nerven und die bionischen Verbindungen. Als To Yukan dann mit einer kraftvollen Bewegung um den Hals herum einen Rundumschnitt ausführte, war Grendlam bereits tot.

Da die Energieklinge die durchtrennten Blutgefäße sofort verödete, floß während dieser Prozedur nicht ein einziger Tropfen Blut.

Während er hinkniete und den abgetrennten Kopf zwischen seine abgespreizten Knie klemmte, wirkte To Yukans Miene wie versteinert. Schließlich begann er, die Schädeldecke mit dem Messer zu öffnen. Die Schnittiefe des Messers hatte er zuvor erheblich verringert, damit außer dem Schädelknochen und der Gehirnhaut kein Gewebe durchtrennt wurde. Als er fertig war, zog er die an den Haaren gepackte Schädelplatte von Grendlams Kopf ab und legte sie neben sich auf den Boden. Dann ließ er die Finger der freien Hand behutsam zwischen die Windungen des Großhirns gleiten und drückte die Hirnmasse zur Seite, bis er das bohnengroße Programmgehirn zwischen den grauen Schlingen hervorblitzen sah.

To Yukan preßte die Lippen zu schmalen Schlitzen zusammen. Seine Hand zitterte leicht, während er sich nun daranmachte, das Programmgehirn mit dem Messer vom Stammhirn zu trennen. Das bionische Aggregat war kaum größer als eine Feuerbohne. Die Verbindungen ließen sich mit der Energieklinge, die jetzt die Form eines Skalpells hatte, leicht durchtrennen.

Als dies geschafft war, zog To Yukan eine briefmarkengroße, schwarze Kunststoffkarte aus der Innentasche seines Jacketts, legte sie neben die Schädelplatte und strich mit dem Daumen darüber hinweg.

Daraufhin begann sich die vermeintliche Karte in ein dreidimensionales Objekt zu verwandeln. Die übereinandergeschichteten Lagen entfalteten sich und bildeten schließlich eine würfelförmige Schachtel, die gerade groß genug war, um das Programmgehirn aufzunehmen.

Der Mikrorechner wies kaum Rückstände von Biomasse auf, als To Yukan ihn in die Schachtel tat – so sauber und präzise hatte er mit dem Energiemesser gearbeitet. Er klappte den Deckel zu, woraufhin die Öffnung hermetisch geschlossen wurde.

Einige Sekunden lang kauerte der Azteke reglos und wie benommen auf dem Boden, den Kopf des Toten zwischen seinen Knien. Mit einem leisen Seufzer drückte er sein Bedauern über den Tod des Mannes aus, den er einst ausgewählt und ausgebildet hatte. Dann erhob er sich und blickte auf den abgetrennten Kopf hinab, der von seinem Stumpf gekippt war und nun mit gebrochenen Augen zu seinem Mörder hinaufstierte.

»Es tut mir leid, Grendlam«, murmelte er, während er die Schachtel und das deaktivierte Messer in seinem Jackett verstaute. »Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich dich am Leben gelassen und dich mitgenommen. Das hättest du dir aber kaum gefallen lassen, und daher wäre die Sache nicht ohne spektakuläre Vorgänge abgelaufen, die nur dazu geführt hätten, die Polizei auf uns aufmerksam zu machen.«

Er hielt inne, kniete erneut hin und schloß die Lider des Toten.

»Ich hoffe, dein Tod war nicht umsonst, und Ezbal findet die Antworten auf all unsere Fragen, wenn er dein Programmgehirn untersucht.«

Er löste die Carborit-Handschellen, legte den Körper und den Kopf auf den Teppich und rollte die Leiche darin ein. Anschließend deponierte er den Leichnam in einem Schrank im Schlafzimmer. Er würde längst zurück auf Brana sein, bevor Grendlam gefunden wurde.

Mit dieser Gewißheit legte er die Folienmaske auf sein faltiges Gesicht, verstellte die Farbe seines Anzuges und verließ die Wohnung…

*

Während das Geschehen vor To Yukans geistigem Auge noch einmal in derselben eindringlichen Art und Weise abgelaufen war, mit der er das reale Geschehen in der Ringpyramide tatsächlich erlebt hatte, waren ihm die entsetzten Laute, die die Burcha in seine Gedanken geschickt hatten, nicht entgangen. Sie hatten die unglaubliche Tat des Azteken mitverfolgt, als wären sie persönlich in dem Zimmer anwesend gewesen.

Wir wußten nicht, wie grausam ihr Menschen sein könnt! hallte die kollektive Gedankenstimme hohl in To Yukans Schädel wider. Wie kann es sein, daß so intelligente, leidenschaftliche Geschöpfe wie ihr es fertigbringt, eure Gefühle abzuschalten, um dann Dinge zu tun, die ihr bei klarem Verstand ein Verbrechen nennen würdet?

Voller Unbehagen massierte der Azteke seinen steifgewordenen Nacken und streckte die Beine aus. Ich habe diesen Mord nicht gerne begangen, das müßt ihr mir glauben. Aber er war notwendig. Zuviel hängt von der Untersuchung dieses Programmgehirns ab.

Deine Gedanken klingen kalt und gefühllos. Einige Silberfäden strichen über To Yukans Gesicht. Doch deine Gefühle sprechen eine ganz andere Sprache. Du leidest sehr, weil du diesen Mann, den du sogar persönlich kanntest, getötet hast. Doch weil du diese Tat als unabdingbar erforderlich erachtest, werden diese Empfindungen unterdrückt. Irgendwann werden sie jedoch wieder hervorkommen und dich übermannen. Und dann werden sie sich in schreckliche Dämonen verwandelt haben, die die Macht haben, deinen Geist zu zerstören.

To Yukan nickte niedergeschlagen. Ich bin mir dessen durchaus bewußt. Und dennoch…

Seine Gedanken brachen ab. Eine Zeit lang war nur das Rauschen der Blätter und der ferne Schrei eines Raubvogels zu hören.