Die Begierde des Lords - Deborah Martin - ebook

Die Begierde des Lords ebook

Deborah Martin

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Opis

Eine Symphonie der Sinnlichkeit … Der historische Liebesroman »Die Begierde des Lords« von Deborah Martin jetzt als eBook bei dotbooks. England, 1743. Als Tochter eines Vikars muss die ebenso junge wie leidenschaftliche Cordelia Shalstone ein bescheidenes Leben führen … und niemand ahnt, dass die herrlichen Kirchenchoräle, für die ihr Vater berühmt ist, in Wahrheit von ihr stammen! Dieses Geheimnis muss sie um jeden Preis bewahren – auch, als sie sich Hals über Kopf in Sebastian verliebt, den ebenso musikbegeisterten wie unverschämt gutaussehenden Lord von Waverley. Aber gibt es womöglich auch etwas, das er ihr verschweigt? Zwischen Cordelia und Sebastian entbrennt ein sinnliches Spiel von Verführung und Täuschung … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Das Historical-Romance-Highlight »Die Begierde des Lords« von Deborah Martin. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Liczba stron: 577




Über dieses Buch:

England, 1743. Als Tochter eines Vikars muss die ebenso junge wie leidenschaftliche Cordelia Shalstone ein bescheidenes Leben führen … und niemand ahnt, dass die herrlichen Kirchenchoräle, für die ihr Vater berühmt ist, in Wahrheit von ihr stammen! Dieses Geheimnis muss sie um jeden Preis bewahren – auch, als sie sich Hals über Kopf in Sebastian verliebt, den ebenso musikbegeisterten wie unverschämt gutaussehenden Lord von Waverley. Aber gibt es womöglich auch etwas, das er ihr verschweigt? Zwischen Cordelia und Sebastian entbrennt ein sinnliches Spiel von Verführung und Täuschung …

Über die Autorin:

Deborah Martin, auch bekannt unter dem Namen Sabrina Jeffries, ist eine amerikanische Bestsellerautorin, die schon über 50 Romane und Kurzgeschichten veröffentlichte. Sie promovierte in englischer Literatur und war Dozentin an der Universität, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Cary, North Carolina.

Bei dotbooks veröffentlichte Deborah Martin auch die Historischen Liebesromane »Träume der Leidenschaft« und »Glut des Südens«.

Die Website der Autorin: sabrinajeffries.com

Die Autorin im Internet: facebook.com/SabrinaJeffriesAuthor

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eBook-Neuausgabe Oktober 2019

Dieses Buch erschien bereits 2000 unter dem Titel »Melodie der Sinnlichkeit« bei Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1995 by Deborah Martin Gonzales

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Dangerous Angel« bei Berkley Books (Penguin Random House).

Copyright © der deutschen Ausgabe 2000 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Published by Arrangement with Deborah Martin Gonzales

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock / Roman Samborskyi / Debu55y / Annmarie Young

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-96148-917-6

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Deborah Martin

Die Begierde des Lords

Roman

Aus dem Amerikanischen von Traudi Perlinger

dotbooks.

Für meine Kolleginnen der schreibenden Zunft – Rexanne Becnel, Pamela Caldwell, Barbara Colley, Marie Goodwin und Dr. Emily Toth. Ich danke Ihnen fürs Zuhören.

Für Dr. Roseanne Osborne und Dr. Anita Tully, meine beiden wunderbaren Lehrerinnen, die mich zum Schreiben ermutigt haben.

Und für meinen bezaubernden Sohn Nicholas – dir schenke ich all meine Liebe und die schönste Musik der Welt, um deine Welt der Stille zu erreichen.

Kapitel 1

März 1743, Cumberland County, England

»Komm schwe-e-r-er Schla-a-a-af ... Du Bru-u-der des To-o-o-odes ... und schlie-ie-ie-ße meine mü-ü-ü-den Augen ...«

Cordelia Shalstone legte die Hände an die Ohren, als der monotone Gesang aus dem oberen Stockwerk des Pfarrhauses nicht enden wollte. Gottlob hatte an diesem Nachmittag kein Besucher vorgesprochen. Womit hätte sie Vaters betrunkene Klagelieder erklären sollen?

Allerdings gab es heute auch einen besonderen Anlaß für sein Lamento: Der Tod seiner Gemahlin jährte sich zum drittenmal. Und alle Bewohner der kleinen Stadt hätten Verständnis für die schwermütige Stimmung ihres Vikars.

Nun klagte er schon seit dem frühen Nachmittag, und Cordelia konnte es nicht mehr hören. Auch sie trauerte um den Verlust der Mutter, hatte aber auch eine Menge Arbeit zu erledigen. Vaters Predigt für morgen war zu schreiben, Rechnungen zu bezahlen ... das Sonntagsmenü zusammenzustellen ... Zu allem Überfluß würde Mrs. Weston dieser Tage mit ihrem fünften Kind niederkommen, und Cordelia hatte versprochen, ihr während der Geburt beizustehen. Sie mußte damit rechnen, noch heute nacht aus den warmen Federn geholt zu werden und hinaus in die Kälte zu müssen.

Bitte, Vater, hör auf! flehte sie im stillen. Verschone mich endlich mit deinem Gebrüll!

Als habe der Vikar ihre Bitte gehört, verstummte sein Klagen, und es wurde still. Cordelia nahm eine Hand vom Ohr, legte den Kopf schief und horchte. Über ihr wurden schwankende Schritte laut, dann ein Ächzen und das Knarzen des Bettgestells.

Erneute Stille, gesegnete Stille. Cordelia nahm die andere Hand vom Ohr und stützte die Ellbogen auf das schwere Eichenpult. Nun setzte sein Schnarchen ein, tief und gleichmäßig. Cordelia seufzte erleichtert. Wenn ihr Vater schlief, war es im Pfarrhaus von Belham so still und friedlich wie in der Kirche zur Zeit der Schafschur. Nun hatte sie mindestens zwei Stunden für sich, um konzentriert arbeiten zu können.

Cordelia blickte mißmutig auf die Unordnung auf dem Schreibpult. Als erstes wollte sie sich an die Predigt machen, doch dann streifte ihr Blick die Notenblätter ihrer neuen Komposition, halb unter der schweren Bibel verborgen.

Das Schnarchen von oben wurde kurz von lautem Prusten unterbrochen, bevor der gleichbleibende Rhythmus wieder einsetzte. Cordelia änderte ihren Entschluß. Vor Montag früh bot sich ihr keine Gelegenheit mehr, an ihrer Komposition zu arbeiten. Und Vaters Predigt konnte sie auch morgen vor dem Gottesdienst noch schreiben.

Energisch hob sie die Bibel hoch und zog die Blätter mit ihrer Choralmusik hervor, wobei auch Briefe ihres Musikverlegers in London zum Vorschein kamen. Nein, Vaters Musikverleger. Die Begleitschreiben zu ihren Kompositionen trugen Vaters Unterschrift. Es war sein Name, den Lord Kent kannte und schätzte. Kein vernünftiger Musikverleger würde den Kompositionen einer Frau Beachtung schenken. Ohne die Verlockung des Geldes, das ihre Choräle einbrachten und das dringend zur Haushaltsführung gebraucht wurde, hätte Cordelia sich nicht auf diesen schändlichen Betrug eingelassen.

Seufzend schob sie die Briefe beiseite und breitete die Notenblätter auf dem Pult aus, um die sorgfältig geschriebenen Noten zu prüfen. Es dauerte nicht lange, bis sie die Welt um sich herum vergaß und völlig in der Musik aufging. Sie studierte die kontrapunktische Komposition, in der mehrere Stimmen melodisch selbständig geführt wurden und dennoch einen harmonisch sinnvollen Einklang ergaben. Sie zog in Erwägung, Tenor und Altstimmen kontrapunktisch zu verändern, um ein unterschiedliches Taktmaß zu erreichen.

Cordelia rümpfte die Nase. Sie könnte den Tenor auf der zweiten Note des ersten Takts verändern ... doch dadurch würde sich ein Oktavsprung ergeben, was allerdings die Fähigkeiten der Sänger des Belhamer Kirchenchors überfordern würde ...

»Miß?«

Beim Klang der schrillen Stimme hob Cordelia den Kopf. Prudence stand in der Tür.

Sie ließ die Notenblätter unter den Briefen verschwinden und begegnete dem mürrischen Blick der alten Magd. »Sag bitte nicht, bei Mrs. Weston ist es schon so weit.«

Prudence verzog verächtlich den Mund. Ihr fortgeschrittenes Alter und ihr Alleinsein waren die einzigen Gründe, warum sie immer noch im Pfarrhaus geduldet war. Cordelias Mutter hatte Prudence vor Jahren in ihre Dienste genommen und ihre Entscheidung mehr als einmal bereut, es allerdings nicht übers Herz gebracht, die verbitterte alte Frau fortzuschicken, genauso wenig wie Cordelia nach dem Tod der Mutter es übers Herz brachte.

Prudence hob das Kinn und musterte Cordelia kritisch, deren Haube über dem zerzausten Haar verrutscht war. »Von Mrs. Westons Zustand weiß ich nichts. Aber im Salon wartet ein Herr auf Sie.« Das Wort ›Herr‹ betonte Prudence, wie sie etwa ›Schlange‹ oder ›ein Stück Dreck‹ betonen würde.

»Ein Herr?«

»Er behauptet, ein Lord zu sein, Miß.«

Cordelia hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken.

Prudence würde jedes männliche Wesen in Belham verdächtigen, sich als Aristokrat auszugeben. Belhams einziger Adeliger, der Graf, in dessen Diensten ihr Vater stand, war ein ältlicher Eigenbrötler. Die Aristokratie fühlte sich in dem kargen Hügelland um Belham herum im Norden Englands nicht wohl; die vornehme Gesellschaft zog es in die milde Seenlandschaft im Westen. Belham war seit jeher ein verschlafenes Nest, wo die Schafe zufrieden grasten, während ihre Besitzer sich darüber ereiferten, wessen Wolle die feinste Beschaffenheit aufwies.

Der Argwohn der Magd war nicht verwunderlich.

»Was will er?« fragte Cordelia neugierig.

Prudence' ohnehin schmale Lippen wurden noch schmaler. »Er behauptet, er kommt aus London und will den Vikar sprechen.«

»Du liebe Güte.« In seinem betrunkenen Zustand war der Vikar nicht ansprechbar und nicht vorzeigbar. Cordelia war um seinen guten Ruf besorgt. »Hat er seinen Namen genannt?«

»Lord Waverley. Von dem habe ich noch nie gehört.«

Cordelia erbleichte. Lord Waverley? Hier? Wie konnte das sein? Ihr Blick flog zu Lord Kents Briefen auf dem Schreibtisch. Lord Kent hatte einen älteren Bruder, auf den vor einigen Jahren der Titel des Herzogs von Waverley übergegangen war.

Ihr Herz schlug bang. Aber das war unmöglich. Honorine, die Jugendfreundin ihrer Mutter, hatte in einem ihrer geschwätzigen Briefe davon gesprochen, Lord Waverley lebe in Indien. Wie konnte er dann nach Belham kommen?

Tatsache aber war, daß Lord Kent einen Bruder hatte, den Herzog von Waverley. Wer könnte er sonst sein? Cordelia kannte keinen adeligen Herrn außer den hiesigen Grafen.

Sie versuchte sich zu erinnern, was Honorine sonst noch über den Lord geschrieben hatte, die voller Ehrfurcht war, daß der Vikar den Bruder eines Herzogs persönlich kannte. Aber war da nicht noch etwas gewesen? Hatte Honorine nicht etwas von dessen Beziehungen zur East India Company erwähnt? Ja. Honorine hatte geschrieben, der Herzog sei gezwungenermaßen ›Geschäftsmann‹, da sein Vater bei seinem Ableben einen riesigen Schuldenberg hinterlassen habe.

Cordelia erhob sich kopfschüttelnd und strich sich gedankenverloren über die Röcke. Nichts von diesen Überlegungen ergab eine plausible Erklärung für seinen Besuch. Es mußte etwas mit dem Musikverlag seines Bruders zu tun haben. Aber was?

»Soll ich diesem Herrn sagen, der Herr Vikar fühle sich unpäßlich und ihn bitten, morgen wieder vorzusprechen?« fragte Prudence.

Cordelia fürchtete, diese Ausrede würde in diesem Fall nicht genügen. »Nein, ich spreche mit Seiner Lordschaft«, erklärte sie zerstreut und verließ das Zimmer.

Jede andere junge Frau hätte ihr Aussehen im Spiegel überprüft, sich in die Wangen gekniffen und widerspenstige Löckchen hastig unter die Haube gesteckt.

Nicht so Cordelia. Der Gedanke, daß Lord Waverley im Salon auf sie wartete, beunruhigte sie zwar und weckte ihre Neugier, aber sie war mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt, als sich um ihre äußere Erscheinung Sorgen zu machen. Natürlich wußte sie, daß ihr abgetragenes Baumwollkleid nicht passend war, um einen Herzog zu empfangen, ebenso wenig wie ihre tintenbefleckten Finger. Sie aber setzte sich über solche Bedenken hinweg.

Beim Anblick des hohen Besuchers durch die offene Tür des kleinen Salons verharrte sie. Er hatte ihr das Profil zugewandt und blätterte in den Noten, die verstreut auf ihrem geliebten Cembalo lagen. Das also war Lord Waverley. Du meine Güte, den hatte sie sich völlig anders vorgestellt, sie hatte einen älteren, sehr viel älteren Mann erwartet. Die schlanke, sehnige Gestalt, das faltenlose Gesicht ließen auf einen Mann von höchstens dreißig schließen.

Es handelte sich mit Sicherheit nicht um jenen Lord Waverley, von dem Honorine in ihren Briefen gesprochen hatte. Dieser Mann hatte das blendende Aussehen eines eleganten Beaus.

Cordelia legte den Kopf zur Seite und korrigierte den ersten Eindruck. Als Beau konnte man ihn eigentlich nicht bezeichnen. Kühn geschnittene Gesichtszüge, hohe Wangenknochen verliehen ihm ein verwegenes Aussehen. Sein sonnenverbranntes Gesicht wies nicht den leisesten Hauch von Puder auf. Zwei senkrechte Stirnfalten ließen ihn verschlossen, unnahbar wirken und paßten nicht zu einem eleganten Charmeur.

Dazu kam, daß er keine Perücke trug. Jeder trug heutzutage eine Perücke, selbst ihr Vater. Cordelia fand diese Mode albern und töricht. Warum sollte man sich das Haar kurz scheren, nur um sich etwas über den Kopf zu stülpen?

Lord Waverleys kastanienbraunes Haar war im Nacken zu einem schlichten Zopf gebunden. Die schräg einfallende Nachmittagssonne ließ rötliche Glanzlichter darin schimmern. Er wandte den Kopf und entdeckte sie. Interesse flackerte in seinen Augen auf.

Peinlich berührt, dabei ertappt worden zu sein, den Besucher heimlich durch die halboffene Tür beobachtet zu haben, betrat Cordelia das Zimmer und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. »Guten Tag, Lord Waverley. Ich bin Cordelia Shalstone.«

Er hob ihre Hand zu einem galanten Kuß. »Sind Sie die Hausherrin?«

Sein melodisch tiefer Bariton klang ihr angenehm in den Ohren.

»Ja. Ich bin die Tochter des Vikars.« Cordelia mußte sich zur Gelassenheit zwingen. »Prudence sagte mir, Sie wünschen meinen Vater zu sprechen.«

Lord Waverley nickte und zog eine Augenbraue hoch. »Anscheinend ist Ihr Vater nicht zu Hause, da Sie mich empfangen.«

Seine unverblümte Art verwirrte sie. »Ich ... ich fürchte, mein Vater ist ... unpäßlich und kann heute keine Besucher empfangen. Vielleicht kann ich Ihnen helfen?«

»Nein, danke. In dieser Angelegenheit kann nur Ihr Vater mir helfen. Er wird mich gewiß trotz seiner Unpäßlichkeit empfangen, wenn Sie ihm sagen, ich komme im Auftrag von Lord Richard Kent. Meinem Bruder.«

Er ist also tatsächlich der Herzog von Waverley, dachte Cordelia, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie beschloß, ohne Umschweife zur Sache zu kommen. »Lord Kent verlegt ... ehm ... die Musikstücke meines Vaters. Ich nehme an, Ihr Besuch hat damit zu tun.«

Lord Waverley musterte sie ungehalten und hob das Kinn. »Ich ziehe es vor, die Angelegenheit mit Ihrem Vater zu besprechen. Wenn Sie ihn also bitte holen wollen ...«

»Mein Vater ist krank. Wenn er krank ist, nehme ich die Geschäfte für ihn wahr. Seien Sie versichert, ich bin bestens über die Kompositionen meines Vaters und über seine Korrespondenz mit Ihrem Herrn Bruder unterrichtet.« Ein Anflug von Sarkasmus stahl sich in ihre Stimme. »Bis ins kleinste Detail.«

Eine bleierne Stille legte sich über den Raum. Dann spöttelte der Herzog: »Komponieren Sie auch für ihn?«

Cordelia erbleichte. Er hatte keine Ahnung, daß er damit den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. »Euer Gnaden, warum bestehen Sie darauf, meinen Vater heute noch zu sehen?«

Seine bernsteinfarbenen Augen blitzten in verhaltenem Zorn auf. Die ungewöhnliche Augenfarbe erinnerte sie an die Augen eines wilden Tieres, das seine Beute belauert.

Plötzlich flog sein Blick zum Cembalo. Mit einer nonchalanten Geste deutete er auf das Instrument. »Spielen Sie?«

Seine Frage traf sie unerwartet. »Wieso fragen Sie? Selbstverständlich.«

»Selbstverständlich?«

»Es ist mein Cembalo«, antwortete sie mit einer fahrigen Handbewegung, ehe sie die Finger verschränkte. Vater schalt sie immer wieder, zu viel mit den Händen zu reden.

»Aha. Und wo ist das Instrument Ihres Vaters?«

Ihre Lippen wurden schmal. »Euer Gnaden, ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ich muß zurück an meine Arbeit. Würden Sie mir bitte sagen, aus welchem Grund Sie meinen Vater zu sprechen wünschen?«

Der Herzog rieb sich das Kinn. »Wie mir scheint, sind Sie recht unnachgiebig.«

»Ja, da mögen Sie recht haben.«

Sein Blick durchbohrte sie. Dann seufzte er. »Nun gut. Wie Sie richtig vermuten, komme ich wegen seiner Musik. Sicher wissen Sie, daß mein Bruder die Kompositionen Ihres Vaters sehr schätzt.«

Sie sah ihn mit großen Augen an. Der Herzog hatte kaum die weite Reise unternommen, um ihrem Vater ein Kompliment zu machen. »Lord Kent hat dies bereits in seinen Briefen zum Ausdruck gebracht.«

»Hat er das?« Lord Waverley betrachtete sie sinnend. »Ihr Vater hat nämlich einen zweiten Bewunderer, einen Mann, von dem Sie vielleicht gehört haben. »Er legte eine Pause ein. »Georg Friedrich Händel.«

Plötzlich war es totenstill im Raum. Nur Cordelias Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren. Georg Friedrich Händel. Einer der berühmtesten Komponisten Londons. Die Uraufführung seines neuen Oratoriums Der Messias im letzten Jahr in Dublin war ein rauschender Erfolg gewesen. Im ganzen Königreich sprach man davon. Honorine hatte geschrieben, seine Musik gleiche einem Engelsgesang.

Und Georg Friedrich Händel bewunderte ihre Musik? Cordelia konnte es nicht glauben.

»Wie ich sehe, haben Sie von Maestro Händel gehört.« Lord Waverleys Stimme drang in den Aufruhr ihrer Gedanken.

Sie vermochte nur zu nicken. Von dem Maestro gehört? Wer nicht?

»Richard hat sich sehr darum bemüht, Händels Kompositionen für seinen Musikverlag zu erwerben. Doch Händel will sich nicht von seinem bisherigen Verleger John Walsh trennen und lehnte Richards Angebot ab. Bis vor kurzem.«

»Bis vor kurzem?« Was hatte das alles mit ihr zu tun?

»Händel kaufte offenbar einige Choräle Ihres Vaters, die Richard auf Wunsch des Vikars anonym veröffentlichte. Händel schlug meinem Bruder einen Tausch vor: Er ist bereit, meinem Bruder ein Oratorium zu überlassen, wenn Richard ihn mit seinem ›besten Komponisten‹ bekannt macht – dem Komponisten dieser Choräle.«

Plötzlich ergab alles einen Sinn. Cordelia erinnerte sich an den Brief vor wenigen Monaten, in dem Lord Kent ihren Vater zu einem Besuch nach London eingeladen hatte, ohne freilich Händel zu erwähnen. In ihrem Antwortschreiben hatte Cordelia die Einladung dankend abgelehnt mit der Begründung, die Reise sei für den Vikar zu beschwerlich. Im übrigen, hatte sie geschrieben, wünsche er seine Anonymität um jeden Preis zu wahren, da es sich mit dem Priesteramt nicht vereinbaren ließe, Kirchenmusik gegen Bezahlung zu schreiben.

Cordelia hatte nicht wirklich geglaubt, Lord Kent würde sich mit dieser Argumentation zufriedengeben, doch als er das Thema nicht wieder erwähnte, hielt sie die Angelegenheit für erledigt.

Hätte sie zu der Zeit allerdings geahnt, aus welchem Grund Lord Kent am Besuch des Vikars gelegen war, hätte sie auch gewußt, daß er nicht so schnell aufgeben würde. Winkte dem Verleger doch Händels Musik als Belohnung für den Erfolg seiner Bemühungen.

Was sollte sie tun? Welch aufregende Vorstellung, daß ein bedeutender Komponist den Wunsch äußerte, sie kennenzulernen, mit ihr zu sprechen! Und zugleich eine völlig absurde Idee.

Schließlich handelte es sich um ihren Vater, den Lord Kent Mr. Händel vorstellen wollte, nicht um sie. Selbst wenn Cordelia zugeben dürfte, die Komponistin zu sein, würde Lord Kent niemals auf die Idee verfallen, sie dem großen Musiker vorzustellen. In seinen Briefen hatte der Verleger mehr als einmal betont, Frauen seien unfähig zu komponieren. Als sie einmal in aller Bescheidenheit vorgeschlagen hatte, einen Choral der Tochter des Vikars einsenden zu dürfen, hatte er höflich abgelehnt mit der Begründung, Frauen taugen wohl besser für Aufgaben in Küche und Kinderstube. Selbst wenn sie ihm die Wahrheit sagte, würde er ihr nicht glauben, und damit wäre der Traum eines Zusammentreffens mit Händel ausgeträumt.

Im übrigen hegte Mr. Händel mit Sicherheit die gleichen Vorurteile. Cordelia konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Komponist auf sie reagieren würde. Er würde ihr höhnisch ins Gesicht lachen. Sie würde sich und ihren Vater vor ihrem Verleger lächerlich machen, und das wäre das Ende ihres musikalischen Schaffens, das ihr zum Lebensinhalt geworden war.

Wieder drängte die Stimme des Herzogs sich in ihre Gedanken. »Nun begreifen Sie wohl, warum ich Ihren Vater persönlich sprechen muß.«

»Sie sind also gekommen, um meinen Vater einzuladen, Sie zu einem Treffen mit Mr. Händel zu begleiten«, sagte sie tonlos.

»Ja. Mein Bruder wird den Namen Ihres Vaters ohne dessen Einwilligung nicht preisgeben. Ich bin gekommen, um mir diese Einwilligung zu holen und Ihren Vater nach London einzuladen. Und ich möchte, wenn möglich, noch heute aufbrechen.«

Cordelia wanderte händeringend in dem kleinen Zimmer auf und ab. »Aber das ist nicht möglich!«

»Was ist nicht möglich? Daß wir noch heute aufbrechen? Daß ich mit Ihrem Vater spreche? Ich begreife nicht, wieso meine Bitte so ...«

»Es ist nicht möglich, daß mein Vater Mr. Händel trifft.« Sie holte tief Luft. Sie durfte ihm ihren inneren Aufruhr nicht zeigen. »Ich ... ehm ... Vater hat seinen Standpunkt in seinen Briefen erklärt.« Sie zwang sich, Lord Waverley direkt ins Gesicht zu sehen.

»Sagen Sie Lord Kent, der Komponist der Choräle sieht sich nicht in der Lage, die weite Reise zu unternehmen, und wünscht seine Anonymität zu wahren.« In ihrer Stimme schwang ein scharfer Unterton. »Der Vikar bedauert zutiefst, ihm diese Bitte abschlagen zu müssen.«

Die versteinerte Miene des Herzogs ließ Cordelia wissen, daß er nicht bereit war, eine Niederlage einzustecken. »Das ist leider nicht möglich, Miß Shalstone. Ich bin nicht ohne guten Grund auf der Suche nach einem Vikar mit fragwürdigem musikalischem Talent in diesen abgelegenen Winkel Englands gereist.« Er richtete sich kerzengerade auf, blickte hochmütig auf sie herab und schien zu überlegen, ob er noch mehr Erklärungen abgeben sollte. Dann holte er tief Luft. »Richards Musikverlag steht vor dem Bankrott.«

Cordelia trat einen Schritt zurück und hob die Hände ans Herz. »Was wollen Sie damit sagen?« fragte sie verdutzt.

Der Herzog wandte sich ab. Sie spürte, wie schwer es ihm fiel, einer völlig fremden Person Einzelheiten einer heiklen Geschichte anzuvertrauen. »Damit will ich sagen, daß der Verlag meines Bruders in Begriff ist, von seinen Gläubigern aufgefressen zu werden.«

Cordelia dachte an die liebenswürdigen Briefe von Lord Kent und krauste die Stirn. »Wie schrecklich! Wie nimmt er es auf?«

»Wie er es aufnimmt?« Lord Waverley lachte trocken. »Er ißt nicht mehr, er schläft nicht mehr und wandert unablässig durchs Haus wie ein Gespenst. So nimmt er es auf.«

Sie blickte in sein finsteres, kantiges Gesicht. Mitleid zog ihr das Herz zusammen.

»Meine Schwester hat mich zu Hilfe gerufen, als es mit ihm bergab ging. Ich hielt ihre Besorgnis zwar für übertrieben, hatte aber ohnehin vor, England einen Besuch abzustatten ...« Ein Muskelstrang in seiner Wange spannte sich. »Als ich ihn sah, wollte ich meinen Augen kaum trauen. Er ist zum Skelett abgemagert. Die Gläubiger belagern sein Haus. Die leidige Situation zehrt an seinem Körper und seinem Geist. Aber von mir will er kein Geld annehmen.«

»Das tut mir leid«, sagte Cordelia tonlos und schämte sich wegen der Unzulänglichkeit ihrer Worte. Doch was hätte sie sonst sagen können?

Lord Waverley achtete nicht auf ihre Bemerkung. »Richards Gesundheit ist ohnehin angegriffen. Durch eine Krankheit in der Kindheit sind seine Beine gelähmt. Als er den Verlag unseres Vaters übernahm und zu einem blühenden Unternehmen erweiterte, schien das die Rettung für ihn. Er kam sich nicht mehr wertlos und nutzlos vor. Doch als sich die Geschäfte verschlechterten, ging es auch mit seiner Gesundheit bergab. Wenn wir Geschwister ihn beschwören, mehr auf seine Gesundheit zu achten, meint er bloß, sein Leben habe ohnehin seinen Sinn verloren.«

Sein Blick kehrte zu ihr zurück, voll Vorwurf und Groll. »Und was soll aus unseren drei Schwestern werden, die von ihm abhängen?«

»Ich begreife nicht, was der Besuch meines Vaters an der fatalen Situation Ihres Bruders ändern könnte. Ich meine, wenn er Geld braucht ...«

»Es geht nicht nur um Geld. Damit könnte ich ihm helfen.« Er wandte sich wieder ab. »Vor einem Jahr veröffentlichte er ein Manuskript, ohne zu wissen, daß es gestohlen war. Der Komponist bezichtigte Richard öffentlich der Unlauterkeit und schädigte damit seinen Ruf als Verleger. Seither kauft kein Musiker seine Veröffentlichungen, da er als unehrlich verschrien ist. Kein angesehener Komponist läßt seine Werke bei ihm drucken, weil die Musik niemand kauft. Es ist ein Teufelskreis, dem er sich nicht entziehen kann.«

»Wenn er seine Situation erklärt ...«

»Das hat er längst getan. Er hat sämtlichen Geschäftspartnern geschrieben und seine Unschuld beteuert. Doch niemand will ihm glauben.« Der Herzog seufzte. »Ich habe Ihnen noch nicht alles über Händel erzählt. Mr. Händel schlug das Treffen mit Ihrem Vater erst vor, nachdem Richard sich an ihn um Hilfe gewandt hatte, in der Hoffnung, wenn er den angesehenen Musiker von seiner Unschuld überzeugen könnte, würde Händel sich für ihn und seinen Verlag verbürgen. Und Händel zeigte tatsächlich Verständnis für die vertrackte Situation meines Bruders. Und dann kam er auf Richards Veröffentlichungen der Musik Ihres Vaters zu sprechen.«

Lord Waverley warf ihr einen finsteren Blick zu. »Händel wollte wissen, wer diese Musik geschrieben hat ... neugierig und argwöhnisch zugleich, da Richard ja im Ruf steht, die Werke unbekannter Musiker zu stehlen. Händel erklärte sich bereit, ihm ein Oratorium zur Veröffentlichung zu überlassen, unter der Voraussetzung, den begnadeten Komponisten dieser Choräle persönlich kennenzulernen und aus seinem eigenen Mund zu hören, daß er diese Musikstücke geschrieben hat. Deshalb ist mein Besuch so wichtig.«

»Sie glauben also, Vaters Besuch würde Lord Kent die Unterstützung von Mr. Händel zusichern und dadurch den Niedergang seines Verlages aufhalten«, faßte Cordelia zusammen.

»Ja. Andernfalls sind der Verlag und mein Bruder dem Untergang geweiht.«

Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Die Freundlichkeit, die Lord Kent stets in seinen Briefen zum Ausdruck brachte, der Zuspruch, die Anerkennung, die er ihr – beziehungsweise ihrem Vater – gegeben hatte, das alles drohte ein Ende zu haben. Welch furchtbare Vorstellung, den Bedauernswerten dem Untergang geweiht zu wissen, den Cordelia trotz seiner abfälligen Meinung über weibliche Musiktalente zu schätzen gelernt hatte.

Und sie hatte ihn hintergangen. Sein ›bester Komponist‹ war ein Schwindler. Wieviel Schaden würde die Wahrheit anrichten? Lord Kent hielt sie für den Vikar, dessen Bitte um Anonymität zwar seltsam, aber für einen bescheidenen Mann der Kirche verständlich war.

Wenn er die Wahrheit erfuhr ...

Der Gedanke machte ihr angst. Nein, Lord Kent durfte die Wahrheit nicht erfahren.

Das Gesicht des Herzogs verfinsterte sich noch mehr. »Ich lasse nicht zu, daß mein Bruder zugrunde geht, wenn die Lösung seines Problems so nahe liegt, Miß Shalstone. Ich verbringe die meiste Zeit im Ausland, und Richard ist der einzige, der sich in meiner Abwesenheit meiner Schwestern annimmt. Außerdem ist mir der Gedanke unerträglich ...«

Er führte den Satz nicht zu Ende. Cordelia empfand Mitleid mit ihm. Ihre Weigerung zwang den Herzog, ihr, einer fremden Person, seine Seele zu öffnen; ein Umstand, der ihm zweifellos fremd war.

Lord Waverley maß sie mit kaltem Blick, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte. »Ich sorge dafür, daß Händel Ihren Vater kennenlernt, koste es, was es wolle! Und ich lasse mich von meinem Vorhaben nicht durch eine fadenscheinige Ausrede abbringen, die Reise sei zu beschwerlich für ihn!«

Es war ihm ernst damit. Von Cordelia konnte er jedoch keine Hilfe erwarten, das mußte sie ihm begreiflich machen. Die einzige Möglichkeit, ihn von der Ausweglosigkeit seines Vorhabens zu überzeugen, bestand darin, ihm die Wahrheit zu sagen. Nur dann würde er einsehen, daß er einen anderen Weg finden mußte, um seinem Bruder zu helfen.

Cordelia seufzte. »Wir haben ein Problem ...«

»Es gibt kein Problem«, unterbrach er sie schneidend und trat einen Schritt vor. »Lassen Sie mich mit dem Komponisten der Choräle sprechen, und das Problem ist gelöst.«

Sie sah ihn beklommen an. »Das Problem besteht darin, daß mein Vater nicht der Komponist der Choräle ist.«

Der Herzog stutzte, faßte sich aber erstaunlich schnell. »Wer sonst? Irgendein Landpfarrer? Ein Bekannter Ihres Vaters? Der Leiter des Kirchenchors? Einerlei. Solange dieser Mann erklärt, daß Richard sein Verleger ist, wird Mr. Händel sich damit zufrieden geben. Er muß nichts von Ihrem Vater wissen. Sagen Sie mir, wer das verdammte Zeug geschrieben hat, und ich mach mich auf die Suche nach ihm!«

Es war Zeit, die ganze Wahrheit zu gestehen. »Ich fürchte, Euer Gnaden, ich bin es, die das ›verdammte Zeug‹ geschrieben hat.«

Er öffnete den Mund, und einen Moment fürchtete sie, er würde sie anbrüllen. In seiner Miene spiegelten sich sämtliche Phasen von Unglauben und Bestürzung. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes.

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. Kein Verlegenheitslachen. Nein, ein schallendes Gelächter, triefend vor Hohn und Spott. Sein Gelächter ging ihr durch Mark und Bein. Eine maßlose Kränkung, die sie zutiefst verletzte.

Immer noch lachend stieß er hervor: »Nein, wie komisch! Sie ... Sie haben die Musik geschrieben!« Dann wurde er ernst, seine Gesichtszüge verkrampften sich. »Ich habe Verständnis, daß Sie Mr. Händel bewundern und den Wunsch haben, ihn persönlich kennenzulernen. Fein. Sie dürfen uns begleiten. Deshalb müssen Sie doch keine Lügen erfinden.«

Lügen? Er wagte es, sie der Lüge zu bezichtigen? »Es ist die Wahrheit. Ich habe jeden einzelnen der Choräle geschrieben, die Lord Kent veröffentlichte.«

»Aha.« Seine Stimme wurde leise und bedrohlich. »Ich schlage vor, Sie bringen mich nun zum Vikar. Die Unterhaltung mit Ihnen war recht amüsant, aber ich habe keine Zeit mit dummen Scherzen zu verlieren.«

»Es ist kein Scherz. Ich habe die Choräle geschrieben!«

»Mein Bruder hat mit einem Vikar korrespondiert.« Sein Blick wanderte mit einer Unverfrorenheit über ihre Gestalt, die Cordelia die Röte in die Wangen trieb. »Sie sehen nicht aus wie ein beleibter, alter Pfarrer mit finsterem Gesicht.«

Sie hatte nicht erwartet, daß er ihr Glauben schenkte, aber mußte er so abscheulich kränkend sein? »Nein, ich glaube nicht, daß ich beleibt bin. Ist mir zumindest noch nicht aufgefallen. Finsteres Gesicht?« Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete sie sich prüfend im Spiegel über dem Kaminsims. »Ja, gelegentlich. Was das Alter betrifft, so denke ich nicht, daß ich mit dreiundzwanzig Jahren bereits eine altersschwache Greisin bin.«

»Ich will damit sagen, daß Sie nicht der Vikar sind«, stieß er zähneknirschend hervor.

»Das ändert nichts an der Tatsache, daß ich die Musik geschrieben habe.«

»Gütiger Himmel, Sie sind eine Frau!«

Zorn wallte in ihr hoch. Sie blickte an ihren kleinen Brüsten und ihrer schmalen Taille hinunter, bevor sie mit gespielter Verblüffung wieder zu ihm aufsah. »Verflixt! Ich glaube, Sie haben recht! Man stelle sich vor, ich bin eine Frau! Und ich hielt mich die ganze Zeit für eine Kröte!« Sie hielt seinem lodernden Blick stand. »Sie haben eine erstaunliche Beobachtungsgabe, Euer Gnaden.«

Er schloß die Augen, um die Beherrschung nicht zu verlieren. »Miß Shalstone, wenn Sie nicht augenblicklich aufhören, Ihre albernen Scherze mit mir zu treiben und mich nicht umgehend zu Ihrem Vater bringen, mache ich mich selbst auf die Suche nach ihm!«

Cordelia war sofort ernüchtert. Sie durfte nicht zulassen, daß der Herzog ihren Vater in seinem Zustand sah. »Kein Grund, unhöflich zu werden. Mein Vater hat sich zur Ruhe begeben, und ich werde ihn nicht stören. Wenn Sie morgen ...«

»Zum Teufel! Ich will Ihren Vater jetzt sprechen!« schrie er. Dann faßte er sich wieder und senkte die Stimme zu einem drohenden Flüstern. »Ich lasse mich nicht länger hinhalten.«

Ein zorniges Funkeln trat in ihre Augen. »Euer Gnaden, Sie ereifern sich grundlos.«

Nun verlor er endgültig die Beherrschung. »Zum Teufel mit Ihnen, Miß Shalstone, Sie kennen mich nicht, wenn ich mich wirklich ereifere ...«

»Was soll dieser Krach?« polterte eine Stimme von der Treppe her.

Cordelia schloß stöhnend die Augen und legte die Hand an die Stirn. Gütiger Himmel! Sie hätte wissen müssen, daß Vater von dem Lärm aufwachen würde, Aber mußte er zu allem Überfluß auch noch herunterkommen?

Der Vikar stapfte ins Zimmer. Auf ihn paßte die Beschreibung des Herzogs treffend. Er war beleibt und all und trug eine finstere Miene zur Schau. In den letzten drei Jahren seit dem Tod seiner Gemahlin war er um zehn Jahre gealtert.

In jeder anderen Hinsicht entsprach er allerdings nicht dem Bild eines Vikars. Seine Perücke war verrutscht, die Weste halb aufgeknöpft, der Anzug zerknittert, die geröteten Augen vom Schlaf verquollen.

»Kann man denn in diesem Haus nie Ruhe haben?« brummte er verdrießlich und blinzelte benommen in Cordelias Richtung.

»Guten Abend, Vater.« Cordelias Stimme klang schrill und gehetzt. »Ich freue mich, daß du dich besser fühlst. Du hast Besuch vom Bruder deines Verlegers.«

Sie beachtete den Herzog nicht, der vermutlich zufrieden war über die Wendung der Dinge.

»Mein Verleger?« Der Vikar rieb sich die rote Nase und wischte sich die Hand am Ärmel ab.

Gottlob sprach er einigermaßen deutlich. Cordelia senkte die Stimme. »Ja, Vater. Erinnerst du dich? Lord Kent in London. Er veröffentlicht die Musik.«

Der Vikar dachte eine Weile nach, kratzte sich am Kopf, worauf die Perücke vollends verrutschte und zu Boden fiel. Dann räusperte er sich. »Ach ja, ja. Die Musik. Ich vergaß.« Dann wandte er sich an den Herzog. »Sie kommen wegen der Musik?«

»So ist es.«

Der Vikar furchte die Stirn und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Dann reden Sie mit meiner Tochter. Damit habe ich nichts zu tun, ich setze nur meine Unterschrift unter die Briefe.« Er warf unstete Blicke um sich. »Die Leute würden es nicht anders billigen.«

»Was billigen, Sir?« fragte Lord Waverley, der mit jeder Sekunde gereizter wurde.

»Frauen und Musik. Ich meine, Frauen, die Musik schreiben. Ich meine, daß Cordelia die Musik schreibt. Die Leute rümpfen die Nase darüber. Obwohl ich den Grund nicht begreife.« Er bekam feuchte Augen. »Meine Frau spielte das Spinett wie ein Engel. Ja, wie ein Engel. Und wenn eine Frau ein Instrument spielen kann, kann sie auch ...«

»Soll das heißen, Ihre Tochter schreibt tatsächlich die Noten der Choräle, die mein Bruder veröffentlicht?«

Cordelia fuhr herum. Wenn Herablassung in Adelskreisen als Tugend galt, so hatte Lord Waverley eine Auszeichnung verdient.

Der Vikar zupfte sich am Ohrläppchen. »Nun ja. Freilich schreibt sie die Choräle. Ich wäre dazu nicht in der Lage. Ich kann nämlich keinen Ton halten. Und Notenlesen ist mir ein Buch mit sieben Siegeln. Unser Chorleiter meint, sie schreibt gute Kirchenlieder. Ich kann das nicht beurteilen.«

Wenigstens hatte ihr Vater den Mut, sie zu verteidigen. Cordelia trat neben ihn und hakte sich bei ihm unter. Müde lächelnd tätschelte er ihre Hand.

Sie warf dem Herzog einen triumphierenden Blick zu, den er nicht zu bemerken schien, da er ihren Vater unverwandt fixierte. »Wollen Sie damit sagen, in Belham weiß jeder, daß die Musik nicht von Ihnen stammt? Und niemand erhebt Einwände gegen diesen ... diesen Betrug? Man führt die Musik Ihrer Tochter auf? Ohne irgendwelche Bedenken?«

Die Hand des Vikars festigte sich um ihr Handgelenk. Bisher hatte er sich in bewundernswerter Weise beherrscht, ging allerdings jetzt in bedenkliche Schräglage, und Cordelia fürchtete, dem Herzog würde sein Zustand nicht mehr lange verborgen bleiben. Behutsam führte sie den Vikar zu einem Polstersessel.

Als er sich schwer darauf niederließ, beeilte sie sich, die Frage des Herzogs zu beantworten. Ein Anflug von Ironie schwang in ihrer Stimme. »Trauen Sie den Bewohnern unserer kleinen Stadt mehr Urteilsfähigkeit zu als der Musikwelt Londons?«

Ihre Worte schienen ihm etwas peinlich, hatte er doch selbst vor wenigen Minuten zugegeben, daß Mr. Händel und sein Bruder große Stücke auf ihre Kompositionen hielten.

Sie zog die Nase kraus. »Unsere Kirchengemeinde erfreut sich an der Musik und fragt nicht danach, wer sie geschrieben hat.«

Zwei senkrechte Falten bildeten sich zwischen den Augen des Herzogs. »Mich interessiert die Meinung Ihrer frommen Kirchengemeinde nicht.« Er wandte sich an den Vikar. »Sie hätten niemals erlauben dürfen, daß Ihre Tochter meinen Bruder hintergeht, Sir. Wie konnten Sie zulassen, daß sie Ihnen auf der Nase herumtanzt und einen Narren aus Ihnen macht?«

»Wie bitte? Ich tanze meinem Vater nicht auf der Nase herum!« entrüstete Cordelia sich. »Sie haben ja keine Ahnung ...«

»Laß gut sein, Cordelia«, fiel der Vikar ihr ins Wort. Ein seltsamer Glanz zog über sein Gesicht. »Der Herr ist nur besorgt um mich.« Er hob seinen verschwommenen Blick zum Herzog auf. »Was war es gleich, weswegen Sie mich sprechen wollten?«

Lord Waverley murmelte einen Fluch, wie sie ihn von einem Stallknecht erwartet hätte, nicht aber von einem adeligen Herrn. Doch was wußte sie schon von adeligen Herren?

Die Situation war ihr aus der Hand geglitten. Ihr Vater ließ die Knöchel seiner Finger knacken, wie immer, wenn er verärgert war. Nicht mehr lange, und er würde unverständliche Worte vor sich hin brabbeln, und dann würde der Herzog sie beide für noch verrückter halten, als er es ohnehin schon tat.

Sie legte ihrem Vater tröstend die Hand auf die Schulter. »Seine Lordschaft kommt wegen der Musik. Ich kümmere mich darum.« Ihre Bemerkung erntete ein verächtliches Schnauben des Herzogs. »Du solltest wieder zu Bett gehen, da du dich ... ehm ... nicht wohl fühlst, heute abend. Du brauchst Ruhe, damit du morgen deine Predigt halten kannst.«

Der Vikar erhob sich schwerfällig und schwankte ein wenig, ehe er sich gefaßt hatte. »Ja, ja. Das ist es. Ich fühle mich nicht wohl, müssen Sie wissen«, fügte er mit einem Nicken in Richtung des Besuchers hinzu. Dann klopfte er zu Cordelias Entsetzen seine Taschen ab. »Nein, ich fühle mich ganz und gar nicht wohl. Wo ist meine Medizin? Ich hab' sie eingesteckt, das weiß ich genau.« Er klopfte seine Brusttasche ab und schien zunehmend verwirrt zu sein.

Cordelia sah den Hals der Weinflasche aus der Innentasche seines Rockes ragen. Rasch beugte sie sich vor, zog sie heimlich aus der Tasche und verbarg sie unter ihrer Schürze. »Komm, Vater! Wahrscheinlich hast du deine Medizin oben gelassen. Wir sehen mal nach.«

Nun schwankte der Vikar gefährlich, stolperte und landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Fußboden, wo er hilflos mit den Armen ruderte wie ein auf den Rücken gefallener Käfer.

»Cordelia«, jammerte er, und Tränen liefen ihm übers Gesicht. »Ich habe vergessen, warum ich heruntergekommen bin. Und ich kann meine Medizin nicht finden. Wo ist meine Medizin?«

Cordelia kämpfte gegen das schmachvolle Gefühl der Demütigung an und weigerte sich, den Herzog anzusehen. Beschämt bückte sie sich, um ihrem Vater auf die Beine zu helfen. »Schon gut, Vater. Wir finden sie. Versuch aufzustehen. Ich helfe dir.«

Lord Waverley bückte sich und half dem Vikar auf die Beine, ehe sie einen Einwand erheben konnte. »Ich bringe ihn in sein Zimmer«, murmelte der Herzog, legte einen Arm um seine Mitte und setzte sich mit ihm in Bewegung.

Peinlich berührt folgte Cordelia den beiden. »Bitte, es ist nicht nötig ...«

Lord Waverleys Blick durchbohrte sie, als wolle er in ihr Herz dringen und ihre verborgenen Geheimnisse und Sehnsüchte aufdecken. »Ihr Vater ist in einem ... ehm ... bedenklichen Zustand. Ich bringe ihn zu Bett.«

Er hatte die Situation durchschaut, trotz Cordelias Bemühungen, den Zustand ihres Vaters zu verheimlichen. Der Vikar roch nach Wein, seine rote Nase glänzte förmlich im Halbdunkel der Diele.

Wie üblich geriet ihr Vater in einen Angstzustand, wenn er sich von ihr verlassen glaubte. »Cordelia, Kind, wo bist du?« Er stieß den Herzog von sich und wäre beinahe wieder zu Fall gekommen.

»Ich bin bei dir, Vater.« Sie nahm ihn beim Arm und warf dem Herzog einen hilflosen Blick zu. »Ich muß ihn selbst hinaufbringen, Lord Waverley. Wenn er ... so krank ist, muß ich ihm helfen.« Sie brachte es nicht über sich, laut auszusprechen, was der Herzog mit Sicherheit bereits wußte. Der Vikar lehnte sich schwer gegen sie und seufzte wie ein Kind. Cordelia redete weiter auf den Betrunkenen ein. »Komm, Vater, wir wollen deine Predigt für morgen vorbereiten ...«

»Schreiben Sie die etwa auch für ihn?« fragte der Herzog spöttisch.

Sie überhörte die Frage. »Es dauert eine Weile, bis ich ihn beruhigt habe. Ich muß bei ihm bleiben, sonst steht er wieder auf und stößt die Möbel um, auf der Suche nach mir und seiner ... Medizin.«

Lord Waverleys Gesicht verfinsterte sich erneut. »Unsere Unterredung ist noch nicht beendet, Miß Shalstone. Wir müssen über das Treffen mit Mr. Händel sprechen.«

Cordelia hatte Mühe, ihren Vater auf den Beinen zu halten, und versagte sich auch darauf eine Entgegnung. Hatte Lord Waverley im Ernst vor, die Sache weiter zu verfolgen? Sie hatte ihm doch erklärt, von wem die Musik stammte, und Vater hatte ihre Aussage bestätigt. Glaubte er ihr immer noch nicht? War er nach wie vor an diesem absurden Treffen interessiert?

Nun, er konnte sich noch so sehr bemühen, er würde nichts erreichen. Die Überheblichkeit, die er ihren Fähigkeiten entgegengebracht hatte, war nur ein Vorgeschmack auf das, was Cordelia in London erwarten würde, und sie hatte wahrhaftig nicht den Wunsch, sich weiteren Demütigungen auszusetzen.

Der Vikar fiel vornüber, und Cordelia drohte unter der Last seines Gewichtes zusammenzubrechen. Geistesgegenwärtig fing der Herzog den Betrunkenen auf, legte den Arm um ihn und half ihm die Treppe hinauf.

Cordelia folgte den beiden Männern. Oben angekommen, wollte sie dem Besucher die schwere Last wieder abnehmen.

»Lassen Sie nur, ich helfe Ihnen, ihn ins Bett zu bringen«, bot Lord Waverley ihr an.

»Nein!« wehrte sie erschrocken ab. »Nein. Ich komme allein zurecht.« Sie wollte Lord Waverley den Anblick ihres hilflos brabbelnden Vaters ersparen, den sie wie ein Kind ausziehen und ins Bett legen mußte. »Gehen Sie jetzt. Bitte.«

Der Herzog sah sie an. »Gut, ich gehe«, willigte er schließlich ein und überließ ihr den Betrunkenen. »Aber ich komme morgen wieder.«

Sie nickte zerstreut. »Morgen nach dem Gottesdienst.« Dann besann sie sich. »Besser noch, Sie kommen zum Mittagessen um zwei Uhr. Dann haben Vater und ich mehr Zeit zu reden.« Ein Gespräch mit dem Herzog bei Tisch im Kreise der Bekannten ihres Vaters, die zum Sonntagsmahl geladen waren, würde mit Sicherheit weniger spannungsgeladen verlaufen als die heutige Unterredung.

Lord Waverley nahm die Einladung an. »Wie Sie wünschen.« Dann bedachte er sie mit einem tadelnden Blick. »Aber ich sorge dafür, daß Ihr Vater morgen einen klaren Kopf hat.«

Ehe sie sich versah, hatte er blitzschnell zugegriffen, die Weinflasche aus ihrer Schürze geholt und sie in seine Rocktasche gesteckt.

Während Cordelia ihn verdattert anstarrte, murmelte er: »Ihr Vater wird ohne seine ›Medizin‹ auskommen müssen, Miß Shalstone. Morgen werde ich eine ernsthafte Unterredung mit ihm führen.«

Damit stieg er hocherhobenen Hauptes die Treppe hinunter. Cordelia seufzte tief. Glaubte der hochnäsige Mensch tatsächlich, sie würde ihrem Vater die Flasche überlassen? Sie, die ständig hinter ihm her war, um aus allen möglichen Verstecken im Haus halbvolle Flaschen hervorzuholen und sie in den Ausguß zu leeren?

Dabei achtete sie peinlich genau darauf, daß der Keller stets verschlossen war, räumte sämtliche Flaschen fort, derer sie habhaft wurde, doch irgendwie kam ihr Vater immer wieder an Alkohol. Entweder er bestach jemand, ihm Wein zu besorgen, oder er hatte eine andere heimliche Quelle, die für Nachschub sorgte. Es war Cordelia bislang nicht gelungen, den Unhold zu entlarven. Aber wenn sie ihm eines Tages auf die Schliche kam, würde sie ihm die Augen auskratzen. Sie mußte das Übel mit der Wurzel ausrotten, das war ihre einzige Hoffnung, denn mit Vernunft war ihrem Vater nicht beizukommen, so sehr sie ihn auch anflehte, von seinem Laster zu lassen.

Seine Lordschaft meinte also, es genüge, ihm eine Flasche wegzunehmen. Über so viel Naivität konnte sie nur lachen.

Cordelia schleppte ihren Vater zum Bett und zwang ihn mit sanfter Gewalt, sich zu setzen. Er plumpste unbeholfen auf die Matratze. »Wo ist meine Medizin?«

»Heute gibt es keine Medizin mehr, Vater. Es ist Zeit, dich auszuruhen.«

Er schloß die Augen und fiel mit einem gequälten Stöhnen nach hinten in die Kissen und jammerte. »Sie hat mich verlassen. Sie hat mich allein in diesem Jammertal zurückgelassen. Warum nur? Es ist so ungerecht, so furchtbar ungerecht.«

Cordelia ging nicht auf sein Lamentieren ein. »Gott hat Mutter zu sich genommen«, entgegnete sie mit ruhiger Stimme. »Wir müssen uns dem Willen des Herrn beugen, Vater.«

Der Vikar nickte ergeben, ohne die Augen zu öffnen. Cordelia blickte betrübt in das weinerlich verzerrte Gesicht ihres Vaters. Sein Seelenschmerz zerriß ihr das Herz. Wie lange würde sie seinen Zustand noch verschleiern und seine Aufgaben übernehmen können, ehe jemand sich bei einer höheren Kirchenstelle über den pflichtvergessenen Vikar beschwerte? Wie lange konnte sie seine Trunksucht noch verheimlichen? Sie mußte ihn schützen und darauf hoffen, daß er seine Trauer eines Tages überwinden und seine Aufgaben wieder übernehmen konnte.

In letzter Zeit wünschte sie allerdings, er würde keine so großen Ansprüche an sie stellen. Sie wünschte, er würde sich endlich aufraffen, sein Selbstmitleid überwinden und aus dem schwachen Kind wieder zum starken Vater werden.

Beschämt über ihre Gedanken streichelte sie seine stoppelbärtige eisgraue Wange.

Der Vikar bewegte sich leicht. »Ach, wenn Florinda nur nicht gegangen wäre, mein Kind. Ich sehne mich so sehr nach ihr. Wenn sie nur nicht gegangen wäre.«

Cordelia schluckte mit Mühe gegen den Kloß an, der ihr die Kehle zuschnürte. »Ja, Vater, das wünschte ich auch.«

Denn als Cordelias Mutter starb, wurde der Tochter auch der Vater genommen. Und Cordelia wußte nicht, ob sie ihn je wiederbekommen würde.

Kapitel 2

Da saß er nun in einer einfachen Schenke, vor sich einen Krug Bier und in der Rocktasche eine Flasche Wein. Ungewöhnlich für einen Adeligen. Nun, Sebastian Kent war an ungewöhnliche Lebensumstände gewöhnt. Schließlich war es auch ungewöhnlich für einen Herzog, mit Gewürzen aus Indien zu handeln, ebenso ungewöhnlich war es, in das gottverlassene öde Hügelland im Norden Englands zu reisen, um eine merkwürdige Mission zu erfüllen.

Wenn er an Richard dachte, der sich auf seinen Krücken durchs Haus schleppte, rastlos, bleich und mit irrem Blick, krampften sich Sebastians Eingeweide zusammen. Dies war seine letzte Hoffnung, Richard von seiner Schwermut zu befreien, nach so vielen vergeblichen Versuchen.

Sebastian starrte trübsinnig in seinen Bierkrug. Da saß er nun am Ende der Welt und bemühte sich um ein vernünftiges Gespräch mit einem trunksüchtigen Vikar und seiner dreisten Tochter.

Seiner frechen und hübschen Tochter, verbesserte Sebastian sich und sah Miß Shalstones gertenschlanke Gestalt und ihren süßen Kußmund vor sich.

Süßer Kußmund? Heilige Mutter Gottes, was war in ihn gefahren? Hatte der lange Ritt seinen Verstand so sehr durchgerüttelt, daß er auf lustvolle Gedanken an eine Pfarrerstochter verfiel?

Anscheinend tat ihm die Trennung von Judith nicht gut. Seit seiner Rückkehr nach England hatte er seine Verlobte beinahe täglich gesehen. Nein, das war nicht der Grund. Die Trennung von ihr brachte sein Blut nicht in Wallung. Auch wenn er noch so oft an Judiths blütenzarte Haut dachte, an ihre weichen blonden Locken, ihre üppige Figur, vermochte er der bevorstehenden Vermählung mit ihr keine rechte Begeisterung entgegenzubringen.

Obschon sie vorzüglich zu ihm paßte. Mit ihrem gewinnenden Wesen, ihrem untadeligen Auftreten erfüllte sie alle Voraussetzungen einer zukünftigen Herzogin. Judith war nicht von Widerspruchsgeist beseelt wie diese aufsässige Tochter des Vikars. Judith machte nie eine Szene, war stets guter Dinge, liebenswürdig und heiter. Nicht umsonst trug sie den Kosenamen ›die liebreizende Judith‹.

Nie hatte sie die Stimme gegen ihn erhoben, nie hatte sie irgendeine seiner Entscheidungen in bezug auf ihre Verlobung oder die spätere Heirat in Frage gestellt. Zugegeben, manchmal kam er sich vor, als habe er es mit einem Chamäleon zu tun, das ständig die Farbe wechselt, um sich seiner Umgebung anzupassen, so beflissen redete sie ihm nach dem Mund. Manchmal wünschte er, sie würde eine eigene Meinung äußern. Doch wenn er sie dazu drängte, meinte sie lächelnd, sie sei völlig seiner Ansicht, wodurch es nahezu unmöglich war, über irgendein Thema mit ihr zu diskutieren.

Die Tochter des Vikars war von anderem Kaliber. Zum Teufel mit ihr! Schon wieder drängte sich die Kleine in seine Gedanken. Sebastian stützte die Arme auf den Tisch und furchte die Stirn. Zu dumm, daß sie keine pferdegesichtige alte Jungfer war. Als sein Bruder die Tochter des Vikars erwähnte, hatte Sebastian sich kein vorlautes Geschöpf mit lustigen braunen Augen und einem entzückenden Lächeln vorgestellt.

Sebastian schüttelte den Kopf. Als er sie in dieser Puppenstube mit der Vitrine voller Staffordshire-Porzellan und gerahmter Bibelsprüche gesehen hatte, wußte er, daß sie nicht in diese Umgebung paßte. Sie war kein schüchternes, naives Mädchen vom Land.

Aber sie war auch kein hochnäsiger Blaustrumpf. Nein, Miß Shalstone war wesentlich gefährlicher. Man stelle sich vor: eine Frau mit Talent und Intelligenz, gepaart mit einem liebenswürdigen Wesen und einer hübschen Figur. Eine solche Frau hatte das Zeug, ihren Ehemann wie einen Tanzbären am Nasenring vorzuführen. Man mußte ja nur zusehen, wie sie mit ihrem Vater umging.

Dabei kam Sebastian in den Sinn, den Gastwirt über das seltsame Paar auszufragen. Er winkte Mr. Gilwell zu sich. Wenn er morgen dem Pfarrhaus einen zweiten Besuch abstattete, wollte er besser vorbereitet sein. Wer hätte gedacht, daß er im Pfarrhaus eine Musikexpertin antreffen würde und einen Vater, der entweder schwachsinnig oder ein Trunkenbold war?

»Zu Diensten, Euer Gnaden?« fragte der Gastwirt unterwürfig. Sämtliche Bewohner Belhams machten Diener und Kratzfüße vor Sebastian. Es war geradezu lächerlich, wie die Männer in der Mitte abknickten und die Frauen die Erde mit den Röcken fegten, wann immer Sebastians Blick sie streifte.

Nun lächelte er wohlwollend und versuchte, dem Gastwirt die Befangenheit zu nehmen. »Gutes Bier. Das beste Bier, das ich seit Tagen getrunken habe.«

Der Mann strahlte übers ganze Gesicht. »Vielen Dank, Euer Gnaden. Freut mich, wenn es Ihnen schmeckt. Das Lob gebe ich an meine Frau weiter. Sie braut es selbst.«

»Und davon versteht sie etwas. Ehrlich. Ausgezeichnetes Bier«, lobte Sebastian und nahm einen Schluck. »Ach übrigens, da fällt mir ein, vielleicht können Sie mir über jemand in Belham Auskunft geben.«

»Aber gewiß, Euer Gnaden. Alles, was Sie wissen wollen.« Der Wirt beugte sich mit einem listigen Augenzwinkern vor. »Ich weiß über jeden im Ort Bescheid und kann Ihnen allerhand erzählen.«

»Gut. Dann können Sie mir vielleicht auch etwas über den Vikar erzählen.«

Der Gastwirt richtete sich ruckartig auf. »Unser Vikar?«

»Ja.«

Mr. Gilwell schluckte und wischte seine Bärenpranken an der schmutzigen Schürze ab. »Es geht mich ja nichts an, Euer Gnaden, aber warum interessieren Sie sich für Vikar Shalstone?«

Sebastian stutzte bei dem argwöhnischen, beinahe feindseligen Ton des Wirts. »Ich will nur wissen, was für ein Mensch er ist.«

»Warum? Wollen Sie wissen, ob wir mit ihm zufrieden sind? Wir sind nämlich mit ihm zufrieden und froh, daß wir ihn haben. Wir wollen nicht, daß er weggeht.« Ein verwirrter Ausdruck flog über sein Gesicht. »Na ja, der beste Pfarrer ist er grade nicht. Ich meine, er hat so seine Fehler, wie wir alle. Wenn Sie auf der Suche nach einem Vikar sind, finden Sie woanders mit Sicherheit einen besseren.«

Es dauerte eine Weile, bis Sebastian den Grund der Besorgnis des Wirtes erfaßte. »Ich bin nicht hier, um euch den Vikar wegzunehmen, wenn Sie sich deshalb Sorgen machen.«

Das Mißtrauen des Mannes legte sich ein wenig. »Weshalb erkundigen Sie sich dann nach ihm?«

»Ich habe ihm heute nachmittag einen Besuch abgestattet, doch seine Tochter wollte mich nicht zu ihm lassen. Er sei krank, behauptete sie.«

Und schon war das Mißtrauen wieder da. Der Wirt beäugte Sebastian argwöhnisch. »Nun ja, Reverend Shalstone hat schon mal einen schlechten Tag.«

Sebastian versagte sich die Frage, ob ein ›schlechter Tag‹ des Vikars etwas mit seinen Trinkgewohnheiten zu tun habe. Doch Mr. Gilwell war ohnehin mißtrauisch, und er wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen.

Sebastian versuchte, auf indirektem Wege ans Ziel zu gelangen. »Ist er häufig krank?«

Mr. Gilwell wischte sich wieder die Hände an der Schürze ab. »Häufig? Was meinen Sie mit häufig?«

So kam er anscheinend nicht weiter, dachte Sebastian gereizt und wies auf den Stuhl ihm gegenüber. »Setzen Sie sich doch.«

Der Wirt setzte sich an die äußerste Kante. Sein Blick flog unstet umher, sein Gesicht war angespannt.

Sebastian beugte sich vor. »Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Mr. Gilwell. Ich mache mir Sorgen um die Gesundheit des Vikars. Sie können ganz offen mit mir sein. Wie krank ist Mr. Shalstone? Glauben Sie, er könnte eine Reise unternehmen?«

Der Wirt sprang erschrocken auf und warf in seiner Hast Sebastians Bierkrug um, dessen Inhalt sich über seine Hosen ergoß.

Beflissen beeilte sich Mr. Gilwell, Sebastians Reithosen mit der Schürze abzuwischen. »Es tut mir furchtbar leid, Euer Gnaden. So eine Bescherung ...«

»Schon gut. Das trocknet wieder«, wehrte Sebastian ab. »Wenn's weiter nichts ist.«

Doch der Wirt ließ sich nicht beschwichtigen. »Was bin ich für ein unbeholfener Tölpel. Wie konnte mir das nur passieren ...«

»Nein, es war meine Schuld. Ich hatte ja keine Ahnung, daß meine Bemerkung über die Krankheit des Vikars Sie so aus der Fassung bringen würde.«

Der Wirt hielt inne, stand einen Moment starr, dann ließ er sich wieder auf den Stuhl plumpsen.

»Ist er denn so schwer krank?« fragte Sebastian.

»Sie sind doch hoffentlich nicht hier, um ihn wegzuholen, wie?« fragte der Mann besorgt.

»Ihn wegholen?«

»Ja. Weil Sie von einer Reise reden ... Kommen Sie im Auftrag eines Kirchenrates in London? Ich meine, Sie sind doch nicht hier, um ihm seinen Posten wegzunehmen, hoffe ich.« Seine Stimme war bittend geworden. »Weil wir unseren Vikar behalten müssen, Euer Gnaden. Er ist der einzige, den wir seit hundert Jahren haben, seit der letzte von einer Bande Papisten umgebracht wurde. Belham hat einen Ruf zu verlieren, und außerdem sind wir eine kleine Stadt und ein bißchen hinter dem Mond, falls Ihnen das noch nicht aufgefallen ist. Es ist eine lange Reise von London hierher. Na ja, das wissen Sie ja selbst. Und es sind nur fünf Meilen bis zur schottischen Grenze, wo die Mordbuben lauern.«

Sebastian versagte sich eine sarkastische Bemerkung.

»Euer Gnaden, wir müssen unseren Vikar behalten.«

»Verstehe.« Sebastian musterte den Gastwirt neugierig. »Ehrlich gestanden, Sie machen mir eigentlich nicht den Eindruck, ein besonders frommer Mann zu sein. Warum hängen Sie so sehr an dem Vikar?«

Mr. Gilwell wurde rot, beugte sich vor und legte die fleischigen Arme auf den Tisch. »Sie wissen wahrscheinlich nicht, wie wichtig er für uns ist. In London gibt es ja auch genügend Pfarrer. Aber hier bei uns ...« Er wies mit dem Daumen zur Küchentür, durch die den ganzen Abend drei dralle Mädchen aus und ein gingen. »Wir brauchen dringend einen Pfarrer. Ich habe drei Töchter, die bald verheiratet werden müssen. Wie soll ich sie verheiraten ohne Pfarrer? Ich muß sie alle drei nach Kensingham zur Kirche schicken. Was das kostet! Und dann sind auch noch die Kranken und Armen und ...«

»Darum kümmert sich der Vikar?« Sebastian dachte an den gebrochenen Mann, den er am Nachmittag kennengelernt hatte.

Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Er sorgt dafür, daß das getan wird, was er nicht selbst tun kann.«

»Das heißt also, seine Tochter macht das alles.«

Mr. Gilwell stutzte, dann brummte er in sich hinein. »Wie gesagt, es wird getan.«

»Soll das heißen, daß Miß Shalstone die ganze Arbeit ihres Vaters macht?«

»Nein, nicht die ganze Arbeit.« Er kratzte geistesabwesend an einer Schorfwunde am Arm. »Er hält die Predigten – gute Predigten, ohne Drohungen von Höllenfeuer, Tod und Verdammnis, wie es so viele Fanatiker gern tun. Und er hält Taufen und Trauungen ab ... und so.«

»Aber seine Tochter nimmt ihm viele Pflichten ab, wie?«

Der Wirt rutschte verlegen auf seinem Stuhl hin und her. »So ähnlich. Will mal so sagen, sie kümmert sich um die Dinge, wie ihre Mutter es früher getan hat.«

»Heißt das, es war schon immer so?«

»Nein, das will ich damit nicht sagen. Als seine Frau noch lebte, hat der Vikar nicht nur die Predigten gehalten, er hat den Leuten geholfen, die mit ihren Sorgen zu ihm kamen, und er hat die Brautleute auf die Ehe vorbereitet. Aber er konnte nicht alles alleine machen. Seine Frau hat sich um die Armen, Kranken und die werdenden Mütter gekümmert. Doch dann ist sie gestorben. Danach ... Na ja, danach ... hat sich sein Geist verwirrt, wenn Sie wissen, was ich meine.«

Sebastian wußte es nicht. »Sein Geist hat sich verwirrt? Wollen Sie damit sagen, er ist wahnsinnig geworden?«

»Nein, das nicht. Er kann nur gelegentlich seine Pflichten nicht ganz erfüllen. Verstehen Sie? Die Trauer um seine Frau hat ihn eine Weile richtig krank gemacht. Und jetzt ...«

»Jetzt trinkt er«, führte Sebastian den Satz zu Ende.

»Das hab' ich nicht gesagt.«

»Aber der Mann trinkt doch eindeutig zu viel. Ich jedenfalls habe sofort gesehen, daß er betrunken war.«

Der Wirt richtete sich voller Entrüstung auf. »Entschuldigen Sie schon, Euer Gnaden, aber das ist ausgesprochen ungerecht. Der Mann ist vor Trauer krank, und wir haben Nachsicht mit ihm, solange die Arbeit getan wird.«

»Das heißt also, ihr deckt ihn alle und überlaßt es seiner Tochter, seine Arbeit zu tun.«

»So lange die Arbeit getan wird«, wiederholte der Wirt eigensinnig.

Sebastian seufzte. War der Vikar nun vor Trauer um seine verstorbene Frau krank? Oder war er ein unverbesserlicher Säufer? Und war der Kerl in der Lage zu reisen oder nicht?

Sebastian änderte erneut die Taktik seiner Fragestellung. »Was ist mit der Tochter des Vikars?«

Mr. Gilwell lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie meinen Cordelia?«

Richtig. Cordelia hieß sie. Wie passend, dachte Sebastian, obgleich Shakespeare vermutlich ein sanfteres Wesen als treue Tochter vor Augen hatte, als er König Lear verfaßte. »Ja. Erzählen Sie mir von Miß Shalstone.«

»Ich habe Ihnen schon alles gesagt. Sie tut das, was der Vikar nicht schafft.«

»Aha.« Cordelia war seiner Frage ausgewichen, ob sie auch die Predigten ihres Vaters verfaßte, erinnerte Sebastian sich. »Aber wieso lebt sie bei ihm? Sie ist im heiratsfähigen Alter. Hat sie keine Verehrer? Es dürfte ihr doch nicht schwerfallen, einen Ehemann zu finden.«

»Na ja, so einfach ist das nicht. Sie hatte einige Verehrer; brave junge Burschen, aber die hat sie alle abgewiesen. Sie kann ihren Vater nicht allein lassen, sagt sie.«

Das erklärt viel, dachte Sebastian. Deshalb vertrieb sie sich also die Zeit mit Notenschreiben, deshalb stellte sie sich schützend vor ihren Vater ... Deshalb vielleicht auch der gehetzte Blick in ihren Augen. Sebastians Mutter hatte einen ähnlich ruhelosen Blick, wenige Monate vor ihrem Tod. Auch sie war mit einem freudlosen Leben an der Seite eines Tunichtguts geschlagen.

Sebastian schüttelte den Kopf. Aber ein Geistlicher! Das ergab keinen Sinn. Adelige führten nicht selten ein ausschweifendes Leben, aber doch nicht ein Pfarrer. Sebastians Vater war beispielsweise nur einer aus einer langen Reihe seiner Vorfahren, die das Vermögen der Familie durch die Kehle rinnen ließen. Diese Kette wurde erst durchbrochen, als Sebastian den Besitz seines Vaters in Indien zu einem florierenden Handelsunternehmen ausbaute und allmählich den Schuldenberg seines Vaters abtragen konnte.

Bedauerlicherweise war Sebastian nun gezwungen, die Leitung des Unternehmens vorübergehend in fremde Hände zu legen, bis er Richards Verlag aus den roten Zahlen geholt hatte. Und um Richard zu helfen, brauchte er diesen Pfarrer, der sich anscheinend demnächst zu Tode trank.

Sebastian gab sich innerlich einen Ruck. Möglicherweise zog er voreilige Schlüsse, nur weil er den Vikar betrunken kennengelernt hatte. Doch dann sah er wieder das Bild vor sich, wie Reverend Shalstone verzweifelt nach seiner ›Medizin‹ suchte. Nein, sein erster Eindruck trog ihn wohl nicht. Die Bewohner von Belham mochten den Pfarrer für krank halten, er aber erkannte einen unverbesserlichen Trunkenbold.

Das Leidige an der Sache war, daß Sebastian einen Vikar brauchte – einen nüchternen Vikar –, um ihn seinem Bruder und Mr. Händel zu präsentieren. Im Augenblick sah es allerdings ganz danach aus, daß er gar keinen Vikar zur Verfügung hatte.

Am nächsten Morgen begab Sebastian sich frühzeitig zur kleinen Kirche von Belham, ungeduldig, seinen Auftrag zu erledigen und möglichst bald abzureisen. Seine Kutsche, die ihm aus London folgte, während er vorausgeritten war, mußte spätestens morgen Belham erreichen. Sobald die Pferde gewechselt waren, wollte er die Rückreise antreten. Doch zunächst galt es, einen endlos langen Gottesdienst über sich ergehen zu lassen, ehe er mit dem Vikar sprechen konnte. Sebastian war sogar bereit, auch das durchzustehen.

Beim Betreten der Kirche wurde er von einem Kirchendiener zu einer der vorderen Bankreihen geführt, die offenbar für die Angehörigen des Pfarrers reserviert waren. Im Augenblick saßen darin nur die alte, mürrische Frau, die er gestern im Pfarrhaus gesehen hatte, und eine junge Magd.

Nachdem er Platz genommen hatte, entdeckte er Cordelia neben den Stufen vor dem Podium, wo der Chor gerade Aufstellung nahm. Sie redete leise auf den Chorleiter ein. Sebastian schmunzelte über ihre gestenreiche Sprache, die ihm gestern schon aufgefallen war.

Sie trug ein Sonntagskleid aus gelber Seide, dessen Ausschnitt sittsam mit einem Spitzenbesatz bedeckt war. Auch heute trug sie das Haar bedeckt, diesmal unter einer Spitzenhaube und einem Strohhut.

Ihre Haarfarbe kannte er, ein warmes Dunkelblond. Ob sie das Haar zu kurzen verspielten Löckchen trug, wie die Damen bei Hofe? Oder langes Haar zu einem schweren Knoten im Nacken gebunden, den sie zur Nacht löste?

Er sah sie vor sich in einer dunkelblonden, wallenden Lockenfülle, die ihr weit über die Schultern reichte.

Sebastian schalt sich wegen seiner törichten Fantasien und fragte sich, wieso ausgerechnet eine Pfarrerstochter einen Reiz auf ihn ausüben konnte. Sie hob den Kopf, und ihre Blicke begegneten einander.

Zu seinem Erstaunen, ja Entzücken, errötete sie und senkte den Kopf. Sebastian unterdrückte ein Lächeln. Hatte sie etwa seine lüsternen Gedanken gelesen? Zum Teufel, dieser Frau war alles zuzutrauen. Vielleicht konnte sie sogar Gedanken lesen.

Sie nahm in der Bankreihe neben den beiden Bediensteten Platz, und Sebastian konnte sie nur sehen, wenn er sich vorbeugte. Schade, dachte er. Würde sie neben ihm sitzen, würde die kommende Stunde vermutlich weniger langweilig verlaufen.

Er verlagerte das Gewicht auf der harten Bank und blickte sich im Kirchenschiff um. Die durch hohe, bemalte Fenster einfallenden Sonnenstrahlen tauchten das Innere der Kirche in farbiges Licht. Sebastian hatte seit der Beisetzung seiner Mutter keine Kirche mehr betreten.