Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken - Beatrix Langner - ebook

Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ebook

Beatrix Langner

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Opis

Um sie wurden Kriege geführt, sie wurden besungen, bedichtet, für sie stürzt man sich in den Bankrott oder in den Tod: Seit jeher beherrschen Frauen die Gedankenwelt der Männer. Doch sobald sie selbst dachten, wurden sie der Welt verwiesen. Trotz Jahrzehnten der Emanzipation ist heute kaum etwas provozierender als Frauen, die denken und dieses Denken ganz unverblümt in Einfluss, gar Macht ummünzen wollen. Noch immer begegnet man denkenden Frauen verdammend oder idealisierend, immer aber exotisierend – oder sie gelten gleich als geschlechtslose Wesen. In ihrer scharfzüngigen kulturgeschichtlichen Tour d' Horizon erzählt Beatrix Langner die Geschichte der Aussperrung weiblicher Geisteskraft. Sie zeigt dabei aber auch, dass sich Frauen seit Jahr und Tag mit den heute erinnerten – ausschließlich männlichen – Denkern messen konnten, und stellt die unbequeme Frage, warum sie sich immer wieder mit der Rolle als Heilige, Muse oder Hure begnügten, sodass heute wie eh und je die Meinung herrscht: Männer schaffen Werke, Frauen arbeiten an sich.

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Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken

Die Frau wird Unbekanntes finden! Werden die Welten ihres Denkens sich von den unseren unterscheiden? Arthur Rimbaud, 1871

Die Gewohnheit oder die Tradition ist ein Vampyr, der an der Brust der Menschheit ruht und ihr das beste Lebensblut fortsaugt. Hedwig Dohm, 1875

He’s the universal soldier and he really is to blame His orders come from far away no more … Buffy Sainte-Marie, 1965

Wer sich in das Gebiet der Geschlechterpsychen hineinwagt, steht immer im Krieg. anonymer Blogger, 2015

Inhalt

Vorbericht: Irren ist menschlich

Nr. 1. Frauen, die denken, sind Männer

Das Blut der Zeit

Kampfzone Gehirn

Körper sucht Kopf

Corpus callosum

Die gleißende Welt

Wissen Macht Männer

Denklust

Crossdresser

Der denkende Uterus

Das maskierte Geschlecht

Nr. 2. Frauen, die denken, sind göttlich

Die Phantome von Oxford

The Ladies Library

Musen im Geschäft

Göttinnen und Amazonen

Der Mythos des großen Mannes

Denkkreise

Der göttliche Mund

Männer ohne Kopf

Frauen ohne Inhalt

Fallobst & Vollweib

Der Sündenfall

Nr. 3. Frauen, die denken, sind gefährlich

Der Schoß der Welt

Der männliche Makel

Pandoras Söhne

Vatergeburten

Adams Rippe

Nonne oder Minne

Gefährliches Wissen

Von der Stadt der Frauen …

Ins Getto des Feminismus

Nr. 4. Frauen, die denken, sind unsexy

Die Macht des Eros

Pornokratie

Linke Sexisten

Sexidole

Sappho Bilitis Conchita

Der männliche Code

Das dritte Geschlecht

Närrinnen im Spiegel

Machiavelli in Rosa

Nr. 5. Frauen, die denken, sind Egoisten und schlechte Mütter

Die Erfindung der Hausfrau

Philosophische Paarungen

Papst und working mum

Mütter und Genies

Götterdämmerung

Nr. 6. Frauen, die denken, denken anders

Ihre Exzellenz, die Autorin

Montaigne geht spazieren

Mystische Performanz

Metaphysik des Mitleids

Den Körper denken

Kleine Dämonen

Nr. 7. Frauen, die denken, retten die Welt

Die Träume der Vernunft

Vorschläge & Rückschläge

Vater Staat und Mutterkult

Homo oeconomicus

Humankapital

Digital humans

Das Geschlecht der Hoffnung

Gaia reloaded

Schluss

Die wichtigsten Schriften zum Thema

Vorbericht: Irren ist menschlich

Wenn Frauen und Männer über dasselbe sprechen, sprechen sie nicht immer über das Gleiche. Männer haben aus ihrer Sicht, und wir haben vorläufig keine andere, Staaten, Reiche und Religionen, Götter, Wissenschaften, Techniken und Künste geschaffen. Sie haben dafür gesorgt, dass ihre Schöpfungen auf Tontafeln, Sandsteinsäulen, Tierhäuten und in Büchern verewigt wurden. Daher wissen wir so ziemlich alles darüber, wie Männer die Welt sehen – und was wäre die Männerwelt ohne Frauen. Um ihre Überlegenheit über das schöne, das andere, das schwache oder meinetwegen das missverstandene, das unterlegene Geschlecht, the inferior sex, zu beweisen, haben sie Kriege geführt, Staaten gegründet, Schiffe und Raketen gebaut und Sinfonien komponiert. Als Göttinnen und Bestien, als Huren und Heilige haben sie uns dämonisiert, gefürchtet, verehrt und geliebt. Sie haben uns das Wort entzogen und zu Gebärmüttern, Ammen und Hausfrauen domestiziert, in Marmor gemeißelt, in Öl gemalt, in Gold gewogen, in Tragödien und Romanen als unsterbliche Heldinnen gefeiert. Wir sind ihre Träume, wir beherrschen ihre Fantasie und ihre Gedanken.

Was Frauen allenfalls dagegenhalten können, ist eine ganz andere Geschichte. In dieser anderen Geschichte erscheint das weibliche Geschlecht als Opfer männlicher Allmacht: politisch entmachtet, juristisch entrechtet, unter männliche Vormundschaft gestellt und roher Gewalt ausgesetzt, tödlicher Gebärsklaverei unterworfen, moralisch denunziert, sexuell ausgebeutet und erniedrigt, ferngehalten von den Machtzentralen der Politik und den Säulenhallen der Kunst. Frauen, die denken, waren in dieser man-made world nicht vorgesehen. Anders lässt sich kaum erklären, wie noch die einfältigsten Vorstellungen über weibliche Geisteskraft die glänzendsten Perioden der europäischen Philosophie – Hellenismus, Renaissance, Aufklärung – unbeschadet passieren und in die Moderne einwandern konnten, wo sie sich im Innern der Sprachen fortpflanzten. Im Spiegel des kollektiven Gedächtnisses ist das ewig Weibliche die hautfarbene Intarsie im Wimmelbild der Welt: Mutter, Muse, Heilige. Noch im Lächeln der Mona Lisa spielt die liebliche Ergebenheit der heidnischen Leda und die heitere Demut der biblischen Anna Selbdritt.

Auf dem Bild eines unbekannten Malers aus dem 17. Jahrhundert ist eine junge Frau zu sehen, reich gekleidet im Stil des Frühbarocks. Sie lächelt den Betrachter offen an. In der rechten Hand hält sie einen Handspiegel, der ihr Gesicht noch einmal im Dreiviertelprofil zeigt, in der linken eine Kugel, auf der ein Dreieck schwebt. Ihr Name ist Prudentia, die Klugheit, Schutzherrin der Geometrie. Ein anderes Gemälde, Bernardo Strozzis Allegorie der Mathematik, zeigt eine lichtumflossene Frauengestalt hinter einem alten Mann, der, halb im Schatten, in der Hand einen Zirkel führt. Zwischen ihnen, verborgen im Dunkel des Hintergrunds, ist der muskulöse Arm eines Mannes zu erkennen. Dreierlei, berichtet das Bild, braucht die Kunst des Denkens: männliche Kraft, Weisheit und Liebe. Als Allegorien der sieben freien Künste – Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie – schmücken sieben leichtbekleidete Frauenkörper das Portal der 1576 gegründeten deutschen Universität Helmstedt. Die Universität von Bologna, die erste in Europa, erhielt im Mittelalter den Namen der »nährenden Mutter«, alma mater studiorum. Die Dame universitas war (in der griechischen und lateinischen Sprache) die Mutter der universitären Idee. Und schließlich vertritt das Weibliche, als allegorische Gattin in der »göttlichen Ehe« zwischen Fürst und Volk, den absolutistischen Staatsgedanken. Die britische Nation verehrt ihre Britannia, die amerikanische ihre Miss Liberty, die französische ihre Marianne. Ähnliche ikonografische Motive finden sich in allen europäischen Staatsallegorien des 17. und 18. Jahrhunderts. Delacroix lässt die Freiheit als halbnackte Kriegerin, Vermeer die Malkunst als sittsames Mädchen auftreten. Frau Welt, Regina Ecclesia und Synagoge, Justitia und Phronesia regierten gemeinsam das mittelalterliche Reich der Gedanken. Frau Fama, das Gerücht, hat schon Hesiod »eine Art Göttin« genannt; bei Vergil zeigt sie sich als klatschsüchtige Nachbarin, in Chaucers House of Fame als launische Grundherrin, die Literatenruhm willkürlich verteilt. Und natürlich, auch das Glück ist eine Frau und muss, wie Machiavelli riet, wie eine Frau behandelt werden: »und es ist notwendig, wenn man sie beherrschen will, sie zu schlagen und zu stoßen«.

An der Spitze der edlen Frauenpyramide standen die Tugenden des Geistes: Prudentia, das moralisch besonnene Handeln, Sapientia, durch Bücherstudium erworbenes Wissen, Sophia, die angeborene Weisheit. Prudentia wurde mit Spiegel und Fernrohr dargestellt, Sophia mit Buch und Schreibgriffel, Sapientia als Verkörperung politischer Vernunft mit Fernrohr und Schriftrolle. Zusammen mit Justitia (Gerechtigkeit), Temperantia (Geduld) und Fortitudo (Tapferkeit) führt sie die vier platonischen Kardinaltugenden (virtutes principales) an. Der Schweizer Maler Joseph Werner d. J. stellte 1682 die »Bernia« als Allegorie der Republik in Gesellschaft von Prudentia und Justitia inmitten des Großen Rats im Berner Stadtparlament dar – wo vorher und bis ans Ende des 20. Jahrhunderts keine lebende Schweizerin je gesehen wurde. Überall thronen Frauenfiguren als Karyatiden und Torhüterinnen an den Pforten der Macht, nirgends finden sie Einlass.

Und so treiben in postmodernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts uralte Ideenbilder, Ressentiments und Archetypen weiter ihr Unwesen, die während vier Jahrtausenden europäischer Kulturgeschichte in Umlauf gesetzt wurden. Sicher, es ist längst nicht mehr opportun, Frauen zu unterdrücken und von den Universitäten fernzuhalten. Es ist aber keineswegs unüblich, sie mit wirtschaftsliberalen oder sexistischen Argumenten als Konkurrentinnen zu verdrängen. Unter dem Sturm öffentlicher Entrüstung musste der Biochemiker und Medizin-Nobelpreisträger Timothy Hunt seinen Lehrauftrag am Londoner University College zurückgeben, nachdem er Frauen als emotionale Störfaktoren in Forschungslaboren bezeichnet hatte.

Aber selbst wenn es wahr sein sollte, dass Männer nicht nur die Pyramiden, den Nationalsozialismus, die Krawatte und die Atombombe geschaffen haben, sondern auch die Encyclopedia Britannica, den Rasenmäher, den Kontrapunkt und viele andere angenehme und nützliche Dinge, bleibt doch die Frage: Wer hat den »Mythos Mann« geschaffen? Sind seine Schöpfungen ex nihilo wie Gottes Welt aufgestiegen aus der kosmischen Ursuppe? Ist der Mann per definitionem Gott, nur weil Gott dem Vernehmen nach Mann ist? Durch welche Tricks hat man uns glauben lassen, es gebe nur eine Vernunft, obwohl es doch nachweislich mindestens zwei Geschlechter gibt? Welcher vernünftige Grund ließe sich also denken, dass den Frauen viertausend Jahre lang das erste Menschenrecht verweigert wurde: das Recht, sich ihrer eigenen Verstandeskräfte zu freien Zwecken zu bedienen?

Natürlich, es hat immer Frauen gegeben, die Reiche regierten, philosophische Werke schrieben, Mondeklipsen berechneten. Viele hat der Schleier des Schweigens verschluckt, andere blieben im Gedächtnis als Töchter der Götter, Mütter der Philosophen, Schwestern der Helden oder Zauberinnen, die nicht durch vernünftiges Denken, sondern durch geheimnisvolle Künste an ihr Wissen gekommen sind. Statt selbst zu denken, begnügte sich die Mehrheit damit, als Leserinnen, Bewunderinnen, Musen, Assistentinnen und Schülerinnen am Wissen der Männer zu partizipieren. Statt männlichen Überlegenheitswahn mittels ihres eigenen Intellekts zu schlagen, lasen sie sich durch die Bibliotheken ihrer Brüder und Väter. Statt Hochstapler mit galanten Komplimenten niederzumachen, profilierten sie sich als Kratzbürsten, verkleideten sich als Amazonen und Gotteskriegerinnen, träumten von der Wiedererrichtung mutterrechtlicher Gemeinschaften und bauten ihre Harems zu feministischen Trutzburgen aus. Wieder andere beherrschten ihre Herren, indem sie ihr einziges Kapital, ihren Körper, als Tauschobjekt investierten.

Mit einem Wort: Frauen haben an ihrer eigenen Unterdrückungsgeschichte mitgeschrieben, und einige tun es immer noch, indem sie sich dem Urteil der Männer unterwarfen, wie Helena dem Schiedsspruch des Paris. Als Musen, Göttinnen und Gattinnen haben sie mit ihnen Unterdrückungsgemeinschaften gebildet, von denen die bekannteste die Ehe ist. Sie haben der Entmündigung ihres angeborenen Verstandes im Tausch gegen ihre Macht über den männlichen Eros zugestimmt.

Was für ein fataler Irrtum zu glauben, Männer seien klüger als Frauen, falls sich herausstellen sollte, dass der Mythos männlicher Überlegenheit nichts anderes ist als ein ausgeklügeltes System von Ressentiments, Irr- und Aberglauben und tiefverwurzelten Vorurteilen, das sich mittels rigider politischer Herrschaft des einen über das andere Geschlecht durchsetzen konnte. Was für ein Desaster, wenn die »Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft« (Kate Millett) sich am Ende als ein plumper Denkfehler herausstellen würde, ein lächerlicher Fehltritt in der geistigen Evolution des homo sapiens.

Aber wo anfangen? Die Geschichte dieses Denkfehlers ist wahrscheinlich so alt wie unsere Gattungsgeschichte und die Zahl der Irrtümer inzwischen so groß, dass jeder Versuch ihrer Widerlegung von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Denn die Chronik des geschlechtlichen Irrsinns folgt anderen Regeln als die offizielle Ideengeschichte. Sie erschafft in den Köpfen immer neue fantastische Fraktale, surreale Panoramen aus herumwirbelnden Traumsplittern, die sich wie von Geisterhand zu neuen, größeren Gebilden zusammensetzen, monströsen Mischwesen aus Hybris, Machtgier und Dummheit, die wie Sphinxe aus den vorsintflutlichen Sedimenten des Aberglaubens und der Ressentiments wachsen, wo der Mensch noch nicht ganz Mensch ist, sondern Mann oder Frau, Vulva oder Phallus, wo am Baum der Erkenntnis noch Paradiesäpfel statt Genomcodes und Algorithmen wachsen, im Halbschatten Paradoxien blühen und in wissenschaftliche Meinungen verpuppte Dogmen wie Metastasen im moosigen Untergrund wuchern.

Der folgende Forschungsbericht aus den Grenzregionen des sogenannt gesunden Menschenverstandes gibt nicht vor, unparteiisch zu sein, schon gar nicht objektiv. Niemand kann aus seiner Haut. Irren ist menschlich, wusste schon Augustinus vor rund eintausendsechshundert Jahren, doch teuflisch, aus Leidenschaft am Irrtum festzuhalten. Und welches Thema wäre wohl mit mehr Leidenschaften und Affekten behaftet als der Sexus. Daher werde ich mich hier nicht nur auf die ältesten Irrtümer beschränken, sondern auch nur die näher betrachten können, die eine schwerwiegende Beleidigung der menschlichen Vernunft darstellen, und unter diesen wiederum nur die, die sich bis in unser Jahrhundert behauptet haben. So kam ich auf die Zahl Sieben. Pythagoras nannte sie die Zahl des menschlichen Verstandes. Sicher, nur dumpfe Ignoranten wagen es heute noch, sich öffentlich als Sexisten oder Frauenfeinde zu erkennen zu geben oder die intellektuellen Fähigkeiten von Frauen ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Aber wir irren uns ja im Allgemeinen nicht, weil wir die Wahrheit nicht kennen, sondern weil wir ihr mit fertigen Phrasen und Vor-Urteilen allzu gern vorgreifen.

Ganz gleich also, ob Irrtümer ein unvermeidlicher Teil der Wahrheit sind, wie die meisten modernen Philosophen meinen, oder Ausdruck der unvollkommenen menschlichen Natur, wie Augustinus annahm: Sie lassen sich so wenig durch Argumente aus der Welt schaffen, wie sie das Vorrecht nur eines Geschlechts sind. Warum sonst hat es so lange gedauert, bis sich die Akzeptanz der Wahrheit durchgesetzt hat, dass die Erde keine Scheibe im Zentrum des Universums ist? Die strategische Entmündigung von weiblichem Denken hat sich seit der griechischen Antike den jeweilig vorherrschenden Denkräumen – der Philosophie, der Naturforschung, den Künsten, Rechtssystemen, Universitäten, Staatslehren – geschmeidig angepasst, ohne auch nur eine Handbreit männlicher Macht preiszugeben, das heißt struktureller und institutionalisierter Macht. Die Grenzen der intellektuellen Autarkie wurden Frauen in jedem Zeitalter und in jedem Kulturkreis anders gezogen. Gleich blieb nur der vorgeschriebene Ort der Weiblichkeit: jenseits einer Vernunft, deren höchste Bedrohung Weib hieß.

Um Frauen von der Macht des Denkens fernzuhalten, genügte es aber noch lange nicht, die Vernunft ungleich auf zwei Geschlechter zu verteilen. Zunächst mussten die Frauen in einer langwierigen ontologischen Operation, die allein schon mehrere Jahrtausende in Anspruch nahm, gespalten werden in die geistige und die leibliche Frau, femina und mulier, Göttin und Gattin. Zweitens musste »die Natur« erfunden werden, damit sich an dem denkfernen Ort vaginaler Geburtsschlünde das mythische Frauenreich gründen ließ. Aus dem simplen Vorwand, Frauen verlören ihre natürliche Weiblichkeit, sobald sie sich mit Angelegenheiten der Politik und Wissenschaften befassen, flochten Dichter und Denker schließlich die lieblichen Blumenfesseln ritterlicher Galanterie, mit denen sie die Gefängnisse ihrer Herzdamen schmückten. Und endlich brachten die Entdeckung des modernen Sexuallebens und die politische Frauenemanzipation im 20. Jahrhundert die Krise einer Männlichkeit zum Vorschein, deren erektile Potenz die physiologischen Grenzen des Wachstums nur noch mittels kultureller Penisverlängerung überwinden konnte. Die Träume der geteilten Vernunft sind zum Albtraum eines verzweifelt überforderten Geschlechts geworden, das seiner Herrschaft nicht mehr froh wird.

Fangen wir an.

Nr. 1

Frauen, die denken, sind Männer

Das Blut der Zeit

Die rotierende Bewegung ist das Zeichen der neuen Zeit. Die alte Erde scheint sich schneller zu drehen. Dampfmaschinen werden von Elektromotoren verdrängt. Wasserpropeller zerwühlen Ozeane und Flüsse. Im Bergbau, auf den Meeren arbeiten Turbinen, Pumpen, Gebläse. Maschinen erschaffen den neuen Menschen, den Menschen des 20. Jahrhunderts. Sein Idealtypus ist der Ingenieur, »der wissende Priester der Maschine« (Oswald Spengler). Die Macht der Maschinen ruht in ihrer Gleichförmigkeit. Eine ist wie die andere, damit sie rentabel sind. Danach werden die Menschen gemacht, einer und eine wie die andern, Zellkörper, die sich zu sozialen Riesenorganismen verklumpen. Wasser, Kohle, Elektrizität, das ist das Blut der neuen Zeit, der Stoff, aus dem die Zukunft ist. Stampfend, zischend, zitternd, dröhnend setzen die Maschinen die neue Zeit in Bewegung. Und wie die Maschinen, so ihre Erfinder, von gleicher Bauart. Das Hergestellte zieht die Macht über die Hersteller an sich. Time is money. Immer schneller pulst, schießt das Blut der Zeit durch die Wirtschaftsarterien Europas. Immer feiner wird die Bewegung im Innern der Maschinen ausgetüftelt, immer listiger greifen die Maschinen ins Leben der Gemeinschaften. Überall stampfen sie im selben Rhythmus, von Amerika bis Europa. Ventile, Kolben, Hebel, Stangen, Zylinder beginnen ihr reibungsloses Spiel mit den Massen, die in die Fabriken fluten und wieder ausgestoßen werden im Rhythmus der Maschinen. Denn alle leben vom Blut der neuen Zeit. »Sieh, die Maschine:/ wie sie sich wälzt und rächt/ und uns entstellt und schwächt.« (Rainer Maria Rilke, Sonette an Orpheus)

Doch im Innern dieser seelenlosen Industriekolosse schlägt das Herz der Humanität. Es ist ein Frauenherz. Es schlägt unermüdlich für Mann, Kinder, Seele, Caritas. Die Publizistin Margarete Susman war überzeugt: »Die Frauenbewegung in ihrem letzten und tiefsten Sinne wäre darum erst dann erfüllt, wenn sie sich selber aufhöbe – wenn sie über den Umweg durch die entgöttlichte Welt des männlichen Geistes hinweg, die Welt ›neu im Göttlichen zu gründen‹ unternähme, das im Wesen der Seele liegt.« So las man es schon 1834 in Gustav Herloßsohns Damen-Conversationslexikon unter dem Stichwort »Geschlechtscharakter, weiblicher«: »Ein Körper – steht die irdische Schöpfung da, dessen Haupt der Mann, dessen Herz das Weib ist.« Dem Weiblichen ist das Seelenreich reserviert. In ihm ruht der deutsche Nationalcharakter in seinen reinsten Zügen; »die deutschen Frauen sind es, deren Charakter dem Normalwesen, dem Typus des Weibes, am nächsten steht. […] Der deutschen Frau ist der deutsche Mann wie angegossen. Nur der Deutsche […] ist geeignet für häusliches Leben, für häusliches Glück«. Der Mann, sagt das Herz, ist sachlich, abstrakt, risikofreudig, kämpferisch, zielorientiert, die Frau persönlich, intuitiv, fürsorglich, ausgleichend, ganzheitlich, fühlend. Ihre kognitiven Fähigkeiten sind nicht nennenswert, die des Mannes sind in erster Linie Abstraktionsvermögen und Objektivität des Urteils. Und so pocht es hundert Jahre später noch immer in Doris Bischof-Köhlers Manifest natürlicher Weiblichkeit (Von Natur aus anders).

Nietzsche, der mehr als einen tiefen Zug aus den Amphoren antiker Weisheit nahm, hatte schon 1883 mit verstellter Stimme gepredigt: »Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers: alles andre ist Torheit.« Zarathustra, der Kriegerpriester der Perser, wurde zum Sprachrohr einer ganzen Generation von Männern, die mit Gottvertrauen und Kaisertreue in den Krieg ziehen sollte. Deutschland braucht Männer, ganze Kerle, Patrioten. Seit Langem sind die Vorbereitungen spürbar. Der Kaiser rüstet seine Kriegsschiffe auf, Preußen arbeitet mit der Aushebung von Landwehrbataillonen in seinen Provinzen an der »Heeresvermehrung «. Nur vereinzelt erheben bürgerliche Frauen wie Bertha von ordentSuttner und Rosa Mayreder das Wort gegen den Krieg und seine anlaufende Maschinerie: die Schwerindustrie, die Krupp’schen Waffenschmieden, die Ausbeutung der proletarischen Massen, den nationalen Egoismus der verfeindeten europäischen Staaten. »Das überspannte Nationalbewusstsein gehört zu jenen ideellen Faktoren«, schrieb Mayreder rückblickend, »die den Krieg […] in der Seele des einzelnen am wirksamsten unterstützen.«

Der alte Leviathan, das Ungeheuer der totalitären Staatsmacht, erhebt sein Maschinenhaupt. Am 28. Juli 1914 erklärt die österreichisch- ungarische Monarchie dem Königreich Serbien den Krieg. Vorgeschobener Kriegsgrund: die Ermordung des österreichischen Erzherzogspaars Franz Ferdinand und Sophie Chotek durch serbische Rebellen in Sarajevo. Nur Monate später ist das Blut der Zeit echtes Blut, Blut von fünf Millionen Menschen, vergossen auf den europäischen Schlachtfeldern. Mit Kriegsausbruch wird der Volkskörper zum Schauplatz des Geschlechterkampfs. Mathilde Ludendorff möchte dem »arischen Mann« die »arische Frau« an die Seite stellen. Und sogleich sind es die »Frauenbewegungs-Jüdinnen«, die man des Verrats an deutschen Werten beschuldigt, Frauen wie Hedwig Dohm und Rosa Luxemburg. Im Juli 1915 wird Clara Zundel-Zetkin, Mitglied des Frauensekretariats der II. Internationale, in Stuttgart verhaftet. Sie zeichnete verantwortlich für ein Antikriegsflugblatt an die »Frauen des arbeitenden Volkes« zur Vorbereitung einer Frauenkonferenz in Bern. Rosa Luxemburg, ideologischer Kopf des kommunistischen Spartakusbundes, sitzt seit elf Monaten wegen Aufwiegelung zur Kriegsdienstverweigerung in einem Berliner Zuchthaus, während die Amerikanerin Jane Addams (1931 erhielt sie den Friedensnobelpreis) und die deutsche Suffragette und promovierte Juristin Anita Augspurg in Den Haag den ersten internationalen Frauenfriedenskongress zusammenrufen, an dem mehr als achthundert Aktivistinnen der Friedensbewegung teilnehmen. Die 1919 in Zürich gegründete Nachfolgeorganisation, Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) ist als älteste internationale Frauenorganisation bis heute tätig.

Dass eine synkretistische Geschichtsschreibung unter den gegebenen Umständen nicht mehr nur vom Mann her erzählt werden konnte, leuchtete selbst Oswald Spengler ein, dem apokalyptischen Posaunisten abendländischer Kulturdekadenz. Also teilte er die Geschichte in zwei parallele Stränge. »Weiblich ist die erste, die ewige, mütterliche, pflanzenhafte – die Pflanze selbst hat immer etwas Weibliches –, die kulturlose Geschichte der Folge von Generationen, die sich nie ändert«. Die Metapher der Pflanzenfrau war nicht einmal seine eigene Erfindung; er hatte sie bequem Hegels Begründung des »objektiven Geistes« in dessen Grundlinien der Philosophie des Rechts entnehmen können. Dieser »kulturlosen Geschichte« der Frauen stellte Spengler nun die »zweite Geschichte« gegenüber, »die eigentliche männliche, die politische und soziale; sie ist bewusster, freier, bewegter. Sie reicht tief in die Anfänge der Tierwelt zurück und empfängt in den Lebensläufen der hohen Kulturen ihre höchste sinnbildliche und welthistorische Gestalt«. Und so lautete sein Urteil kurz und bündig: »Der Mann macht Geschichte, das Weib ist Geschichte.« Der Krieg, der »Vater« der Staatengeschichte, verschlingt seine eigenen Geschöpfe oder, für Hobbygärtner: Die Söhne der Pflanzenfrauen sind der Kompost der Weltgeschichte. »Deshalb verachtet das Weib diese andre Geschichte, die Politik des Mannes, die sie nie versteht, von der sie nur weiß, daß sie ihr die Söhne raubt.« (Spengler, Der Untergang des Abendlandes)

Kampfzone Gehirn

Dabei hätte es mit ein bisschen Glück das Jahrhundert der Frauen werden können. Ihre politische Emanzipation nahm mit den spektakulären Straßenaktionen britischer Suffragetten und den Sozialistinnen der II. Internationale mächtig Fahrt auf. Liberalbürgerliche Frauenrechtlerinnen zogen in den publizistischen Kampf gegen männlichen »Intellektualismus«. Universitäten öffneten ihre Türen für das Frauenstudium. So wie die 1858 in Wien geborene Kulturphilosophin Rosa Mayreder kamen immer mehr Frauen zu der Überzeugung, das Gehirn sei ein autonomes »Organ«, für dessen ordentliche Funktion es unerheblich sei, ob es in einem männlichen oder weiblichen Körper stecke.

Die Kampfzone war abgesteckt: rund tausend Gramm Nervenzellen und Wasser in einer knöchernen Kapsel. Der Widerstand war erheblich. Professoren- und Doktorentitel wurden mobilisiert. Der Leipziger Nervenarzt Paul Möbius brauchte nur dreißig Seiten, um seine ärztliche Konfession unter die Leute zu bringen, nach welcher Frauen im Gegensatz zu Männern schöpferische Geisteskraft fehle. Auf keinem Gebiet sei je eine zu nennenswerten Leistungen imstande gewesen. »Sie kann sozusagen nicht Meister werden, denn Meister ist, wer was erdacht.« Seine Flugschrift »Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes« wurde – und wird merkwürdigerweise noch immer – als wissenschaftliche Meinungsäußerung durchaus ernst genommen. Für die sozialdemokratische Publizistin Oda Olberg war sie ein Witz, eine unfreiwillige Parodie männlicher Selbstüberschätzung. Frau Natur habe es nun einmal so gewollt, höhnte sie, dass ein gewisses Maß an Schwachsinn nötig ist, damit die »Urinstincte« zur Brutpflege geweckt werden. Im selben Jahr rüsteten Hedwig Dohm (Die Antifeministen) und Oda Olberg (Das Weib und der Intellektualismus) zum ultimativen Verteidigungsschlag weiblicher Vernunft- und Bürgerrechte gegen »Altgläubige«, »Herrenrechtler«, »praktische Egoisten« und minnigliche »Ritter« alter Schule (Dohm). Die Frauenfrage ließ sich längst nicht mehr trennen von der sozialen Frage. Frauen hatten sozusagen zwei Emanzipationen zugleich vor sich: die soziale und die intellektuelle. Aus sozialer Sicht war Mutterschaft in erster Linie das Problem massenhafter Verelendung. »Reduction der Nachkommenschaft«, also Geburtenbeschränkung, hielt Olberg für unumgänglich, um das Leben der Arbeiterinnen zu verbessern. Wenn das Weib wirklich geistig dem Mann inferior oder sogar schwachsinnig sei, hielt sie dem Leipziger Nervenarzt entgegen, sei es ethisch mehr als gerechtfertigt, es vom Gebären minderwertiger Brut abzuhalten. In den Zwanzigerjahren forderte Olberg, unterdessen eine der prominentesten Aktivistinnen des linken Feminismus, von den europäischen Regierungen die Aufhebung des Abtreibungsverbots und Legalisierung der Geburtenkontrolle, genauso wie Margaret Sanger, Eleanor Roosevelt und ihre Mitstreiterinnen in den USA. In Deutschland landeten ihre Bücher auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten; sie selbst floh ins Exil nach Buenos Aires. Sie hatte das Allerheiligste der faschistischen Doktrin angegriffen, die Mutterschaft.

Die Leipziger Psychiatrieschule, prominent vertreten durch Paul Flechsig, der 1877 den ersten Lehrstuhl für Psychiatrie innehatte, stand mit ihrer eugenischen und biologistischen Ausrichtung in deutlichem Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Theorien der Nervenheilkunde. In Wien hatten die Neurophysiologen Sigmund Freud und Josef Breuer gerade eine völlig neue Methode zur Durchleuchtung der menschlichen Seele entwickelt. Schon in ihrer Namensgebung gab Breuers Lehre zu verstehen, dass die Seele, wie jedes Körperteil, zerlegt, studiert und analysiert werden könne. Die »Psychoanalyse« versprach, Nerven- und Geisteskrankheiten anhand körperlicher Symptome zu erkennen und zu heilen. Freuds psychoanalytische Neurosenlehre stützte sich auf ein männlich codiertes Modell von Sexualität, das auf den mythischen Priapos zurückgriff, das phallische Urbild männlicher Zeugungskraft. »Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie; die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit«. Nach seiner Theorie unbewusster Triebstrukturen funktionieren weibliche und männliche Seelen prinzipiell gleich. Allerdings drücke sich das Fehlen des männlichen Glieds, das bei der Frau nur rudimentär als Klitoris erhalten blieb, im unbewussten Seelenleben der Frauen durch Nervenschwäche, Ohnmachten und Hysterie aus. Der Zwang, ihre männlich-väterlichen Seelenteile zu verdrängen, um auch sexuell zur vollständigen Frau zu werden, schwäche ihr weibliches Selbstwertgefühl. Sobald sich die Patientin diesen Sachverhalt bewusst mache, finde sie zu geistig-seelischer Gesundheit zurück. Sie werde dann mit Freuden ihre angestammte soziale Stellung als Mutter und Gattin einnehmen. »Die Frauen vertreten die Interessen der Familie und des Sexuallebens; die Kulturarbeit ist immer mehr Sache der Männer geworden.« (Das Unbehagen in der Kultur)

Körper sucht Kopf

Wenn das geschlechtliche Schicksal der Frauen unabänderlich niedergelegt ist im weiblichen Körper, dann wäre die Lösung doch eigentlich ganz einfach. Warum nicht diesem geistigen »Fallobst« (Ellen Key), dieser »chthonischen Maschine« (Camille Paglia) einen männlichen Kopf zum Denken aufschrauben, wie Annie LeBrun 1977 vorgeschlagen hat. »Man braucht nicht weit zurückzublicken«, behauptete die französische Kunsthistorikerin, »um zu sehen, wie sich die Geschichte der weiblichen Revolte als Epos eines Körpers auf der Suche nach einem Kopf abzeichnet, den man beharrlich abschlagen wollte und immer noch abschlagen will.« (Lachez-tout/ Lasst alles fahren).

Aber wie sollte das gehen? Die Köpfe waren doch da – blitzgescheite, gut gefüllte Frauenköpfe. Als problematischer erwies sich, dass sich in dieser Geschichte Kopf und Körper der Frau beständig duellieren. Schon vor zweitausendvierhundert Jahren mussten sich Frauen als Männer verkleiden, um deren Freiheiten und Privilegien zu genießen, wie es von Agnodike berichtet wurde, der ersten öffentlich praktizierenden Frauenärztin im perikleischen Athen, oder von Axiothea von Phleius, einer von zwei namentlich bekannten Schülerinnen in Platons Akademie. Es ist gar nicht so abwegig anzunehmen, dass Platon in dem Dialog über die Liebe (Symposion) diese oder seine andere Schülerin Lasthenia als Diotima portraitiert hat, die wie Lasthenia aus Mantineia stammt. 348 v. Chr. setzten die beiden Mädchen ihr Studium unter Speusippos’ Leitung fort, eines Neffen von Platon. Diotimas Rede über die geistige Zeugungskraft des Eros hatte als Gründungsmanifest der klassisch-romantischen Kunstphilosophie tiefen Nachhall in poetischen Jünglingsseelen. Jedoch beruht ihre Deutung im männlich-sokratischen Sinn, worauf Wilhelm Schmid hingewiesen hat, lediglich auf »einer Umkehrung der Geschlechtlichkeit, die beinahe an die merkwürdige Geschlechtsumwandlung der skythischen Männer denken läßt, von der in einer hippokratischen Schrift berichtet wird«. Denn das griechische Wort tokos, das Diotima benutzt, bedeute nicht Zeugung, sondern Geburt bzw. Schwangerschaft. Im Schönen zeugen (tokos en kalo) heiße also richtig gelesen: im Schönen gebären. (Vgl. Wilhelm Schmid)

Für die Schamlosigkeit, einen »männlichen« Beruf auszuüben, musste sich noch die Dramatikerin Aphra Behn, die eine Generation nach Shakespeare wirkte, öffentlich rechtfertigen. Sie tat es mit den stolzen Worten, sie fordere nichts als das Privileg für ihren männlichen Teil, den Dichter in ihr. Doch ebendieses Privileg war nicht leicht zu haben. Samuel Richardson, einer der meistgelesenen Romanautoren seiner Zeit, gab seinen Leserinnen zu verstehen, dass zwar die Seelen der Menschen gleich beschaffen sein mögen, aber die Maschinen seien es nun einmal nicht, in denen sie wohnen (The History of Sir Charles Grandison). Umstandsloser hat sich Nietzsche geäußert. Frauen, die sich mit Wissenschaft beschäftigen, nannte er »Mann-Weiber«. »Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich mit ihrer Geschlechtlichkeit etwas nicht in Ordnung.« (Jenseits von Gut und Böse)

Männliche Camouflage mittels Pseudonymen war bis ins 20. Jahrhundert ein beliebtes Verfahren – nicht um Autorinnen vor dem Misserfolg ihrer Bücher zu schützen, sondern die Bücher vor dem Geschlecht ihrer Autorinnen. Die Brontë-Schwestern Charlotte, Anne und Emily (Currer Bell, Acton Bell, Ellis Bell), Mary Ann Evans (George Eliot), Amantine-Lucile-Aurore Dupin (George Sand) betrieben ihre florierenden Romanunternehmen unter männlichen Decknamen. Jane Austen war mit sich und ihrem Geschlecht immerhin so weit im Reinen, dass sie ihre Romane unter dem Synonym by a lady drucken ließ. Rosa Mayreder nannte sich Franz Arnold, Lou Andreas-Salomé trat zuweilen als Henri Lou auf. Martin Bubers Frau Paula schrieb unter dem Pseudonym Georg Munk. Stefan George untersagte Autorinnen ausdrücklich den Gebrauch weiblicher Namen in seinen Blättern für die Kunst.

Es war Sigmund Freud, der schlüssig bewiesen haben wollte, warum Frauen und Genie eine Ungleichung darstellen. Nach seiner Theorie des unbewussten sexuellen Trieblebens verharren Frauen – als physiologisch verstümmelte Männer – ihr Leben lang in seelischer Abhängigkeit von ihren Vätern, ohne aus dem verdrängten Vaterkonflikt, wie die Söhne, ein autoritäres »Über-Ich« ausbilden zu können. Die Vatertöchter des Patriarchats haben gewissermaßen nur die Wahl – ein Schluss, der Freud selbst überrascht haben dürfte – zwischen der echt weiblichen Frau, die unter ihrer Inferiorität in einer männlich dominierten Gesellschaft leidet, und der asexuellen Frau, in deren Seelenleben sich männliche (intellektuelle) und weibliche (sexuelle) Anteile ungesund durchmischt haben.

Zweifellos war Freud selbstkritisch genug zu erkennen, dass er, was die weibliche Psyche anging, sich selbst in die Theoriefalle lief. Zwang er ihr doch einen lebenslangen Kampf zwischen Seele, Geist und Körper auf, den nur einer gewinnen konnte: der Psychiater. In Scharen eilten Patientinnen, die Probleme mit ihrer unvollständig entwickelten Weiblichkeit zu haben vorgaben, in seine Praxis in der Wiener Berggasse. Und so zog sich der Vater der Psychoanalyse 1932 in der Vorlesung über »Die Weiblichkeit« mit einem derben Herrenwitz aus der Affäre. Zwar sei es richtig zu meinen, dass Frauen unfähig sind »zu den Entdeckungen und Erfindungen der Kulturgeschichte, aber vielleicht haben sie doch eine Kulturtechnik erfunden, die des Flechtens und Webens«. Den Weg dazu habe ihnen die Natur mit ihrer »Genitalbehaarung« gewiesen. Natürlich! Jeder Witzbold muss einsehen, dass der weibliche Drang zu Handarbeiten ein schätzenswerter Beitrag zur Menschheitsgeschichte ist, wie schon Odysseus’ unermüdlich webende Gattin Penelope bei Homer bewies und Mollys wild verknäuelter woman’s speech im Schlusskapitel von James Joyces Epochenroman Ulysses bestätigt.

Statt mit ihrem Schamhaar zu spielen, verfielen Virginia Woolf und Victoria Ocampo auf eine andere Idee. Sie gründeten eigene Verlage, um geistige Unabhängigkeit zu erlangen. 1933 eröffnete Ocampo ihren Verlag Sur (Süden), der Übersetzungen moderner amerikanischer und europäischer Literatur von William Faulkner, Virginia Woolf, Samuel Beckett, Jean Genet für argentinische Leser herausbrachte. Sie korrespondierte mit Virginia Woolf und besuchte sie und ihre Hogarth Press 1934 in London. 1977 wurde Ocampo als erste Frau in die Academia Argentina de letras aufgenommen. Auf dem südamerikanischen Kontinent machte sie sich wenig Freunde, denn als Bewunderin der europäischen Moderne schrieb sie auf Französisch. Pablo Neruda verhöhnte sie als »Madame Charmante«, die argentinischen Viehzüchtern auf Französisch Metaphysik beibringen wolle. Umso rascher wuchs ihr Ruhm als »Amazone der Pampa« (Hermann Graf Keyserling) und »Gioconda des Südens« (José Ortega y Gasset) in Europa. Eine juristische Körperschaft wie ein Verlag bot einen gewissen Schutz gegen intellektuellen Machismo, nicht aber gegen billige Komplimente. Ihr erster Förderer, der Spanier Ortega y Gasset, versah ihr Debüt, eine danteske Fantasie (Von Francesca an Beatrice), 1927 mit einer galanten Einführung. »Sie sind, verehrte Frau, ein Spiegel der Weiblichkeit.« Frauen waren in seinen Augen dazu geschaffen, als Zauber und Illusion des Mannes angebetet zu werden; dafür brauchten sie weder Wahlrecht noch Doktorgrad. Die junge Dichterin zählte er großmütig zu den »genialen Weibern« und Musen, in denen »unter dem Hauch einer schöpferischen Sensibilität ein neues Mannsideal aufkeimt.« Als sie aber mit gleicher Münze zurückgab und in einem Essay bemerkte, Ortega sei Mann und Spanier aus Instinkt, und »so gesellen sich zu den Fatalitäten seines Geschlechts die seiner Nationalität«, zeigte sich dieser tief gekränkt. Trotzdem führten die beiden Schriftsteller ihren transatlantischen gender trouble bis zu Ortegas Tod 1957 fort. Vielleicht war es Ortegas hinreißendes Lächeln, das über alle Abgründe seines männlichen Chauvinismus und ihrer Zerrissenheit zwischen Europa und dem Süden hinweg die beiden mehr als drei- ßig Jahre in einer engen literarischen Freundschaft verband.

Corpus callosum

Um dem »Manntum« seine Daseinsberechtigung zu sichern, musste die älteste, uneinnehmbare phallische Festung verteidigt werden, die Macht des Geistes. Freud und Nietzsche waren keineswegs allein mit der Behauptung, Wissenschaft sei »männlich«. Auch der Soziologe Georg Simmel hielt es für utopisch, dass Frauen je eine »andere Kultur« hervorbringen könnten als die bestehende patriarchale Ordnung. Als Ehemann einer Wissenschaftlerin und als Kulturphilosoph war er indessen klug genug, sich nicht in die misogynen Kriegstänze deutscher Medizinalräte und Rassenkundler einzureihen. »Führte die neu erstrebte Bewegungsfreiheit der Frau zu einer Objektivation des weiblichen Wesens, wie die bisherige Kultur eine solche des männlichen Wesens ist, und nicht zu inhaltsgleichen Wiederholungen der letzteren durch die Frauen (den spezifischen Wert hiervon diskutiere ich nicht) – so wäre damit freilich ein neuer Weltteil der Kultur entdeckt.«

Und wenn dieser unbekannte Weltteil gar nicht außerhalb der bestehenden Kultur, sondern im menschlichen Hirn selbst zu suchen wäre? Zu dieser Hypothese konnte sich die Neurophysiologie bis heute nicht durchringen. Für die populäre Meinung, Männer denken mit der linken, Frauen mit der rechten Hirnhälfte, gibt es keinerlei belastbare Beweise. Warum Frauen anders denken als Männer und Männer anders als Frauen, darüber entscheiden nach neuesten Theorien Gene und Hormone: dieselben Schaltkreise, aber unterschiedliche Verdrahtungen. Biochemische Steuerungsmechanismen halten das neurobiologische Gleichgewicht im jeweiligen Gehirn stabil, berauben uns aber zugleich der Illusion, unser Ich sei Herrin im Oberstübchen. Die Pharmaindustrie fördert solche Theorien durch großzügige Forschungsgelder und bietet schnelle chemische Hilfe für dysregulierte Gehirne.

An der ETH Lausanne wird seit Jahren an einem kompletten Computermodell des menschlichen Gehirns gearbeitet. Weibliche und männliche Gehirne unterscheiden sich demnach lediglich in ihrer funktionellen Anatomie. Die Frage, »wie das Geschlecht ins Gehirn kommt«, soll nun durch technische Verfahren des brainimaging zu beantworten sein. Die digitale Vermessung und Darstellung neurozerebraler Schaltkreise mittels Computertomografie hat den Beweis geliefert, dass Nervenzellen und Synapsen in der Hirnrinde (Cortex) Strukturen und Funktionen bilden, die nicht ein für alle Male festgelegt sind. Die Plastizität solcher Verbindungen garantiert, dass das Gehirn strukturell »lernt«. Neue Verbindungen stabilisieren sich durch Wiederholung, unbenutzte werden deaktiviert.

1981 erhielt Roger Sperry für sein Verfahren des split brain den Medizinnobelpreis. Er hatte bei Epilepsiepatienten das Corpus callosum durchtrennt und bewiesen, dass halbierte Gehirne auch nur halb denken können. Die eine Hälfte weiß also nicht, was die andere gerade denkt. Beispielsweise zum Sprechen brauchen wir aber beide Gehirnhälften. Das Broca-Areal in der linken Hemisphäre ist, als Teil des Sprachverarbeitungszentrums, zuständig für Lautbildung, Artikulation und grammatikalische Sequenz. Im Rechtshirn wiederum liegen die Bereiche, die für Intonation und affektive Färbung aktiviert werden. Komplexe bildhafte Ausdrücke werden rechts verstanden, abstrakte Begriffe links. Wenn nicht jeder rechtshirndominante Mensch ein Dichter wie Rilke und nicht jeder Linkshirntyp ein Genie wie Einstein wird, dann darum, weil Kreativität (rechts) und Abstraktionsvermögen (links), Intuition (rechts) und analytisch-logisches Denken (links), Sprache (links) und Musikalität (rechts) über den Gehirnbalken miteinander ins Gespräch kommen müssen. Frauen, so fanden die Forscher in Lausanne heraus, benutzen über diese Hirnbrücke im Innern des Neocortex, das Corpus callosum, beide Hälften statistisch häufiger als Männer.

Laut Autopsiebefund von Dr. Rapp über Friedrich Hölderlin, ausgestellt am 11. Juni 1843, war der Hirnbalken bei dem Verstorbenen ungewöhnlich stark ausgebildet und mit der Umgebung wuchernd verwachsen; darunter befand sich eine mäßige Wasseransammlung. Friedrich Hölderlins Gehirn war gewissermaßen weiblich. Keine Pont Neuf, keine Tower- und keine Brooklyn Bridge hat je so hektischen Verkehr gesehen wie das Hölderlin’sche Corpus callosum. Ein Gewimmel von hin- und herströmenden pythagoreischen, Schelling’schen und Hegel’schen Quisquilien, Systementwürfen, pindarischen, sophokleischen Reimschemata und Silbenmaßen, revolutionären Kassibern, Wäscherechnungen, Liebesbriefen, französischen, lateinischen und griechischen Grammatiken, württembergischen Regierungsbulletins kam sich in diesem Gehirn ständig in die Quere. Psychiater diagnostizierten dem Dichter, als er noch als zahlender Gast im Turmzimmer des Tübinger Schreinermeisters Zimmer lebte, unheilbare Schizophrenie. Nach heutigem Wissensstand würde das durch den Autopsiebefund allerdings nicht bestätigt.

Was mit dem Menschen geschieht, »wenn das Wort den Körper ergreift und tödtet«, hat Hölderlin in den Anmerkungen zu Sophokles’ Antigone-Tragödie erklärt. Nicht als Idee, sondern als aktiven Widerstand begreift er die Größe der Tat, durch die Antigone, Tochter des fluchbeladenen Ödipus, König von Theben, ihr Leben verliert. Gegen das Verbot der Stadtväter hat sie ihren Bruder Polyneikes, der im Bruderzwist um die Macht im Staat zum Staatsfeind wurde, mit eigenen Händen begraben. Doch erst ihre Verteidigungsrede vor dem grausamen König Kreon macht sie in Hölderlins Lesart zur Heldin. Mit der öffentlichen Ergreifung der Sprache hat sie sich nicht nur gegen die Gesetze des Stadtstaates aufgelehnt, nach denen der Verschwörer Polyneikes von den üblichen Totenehren auszuschließen ist; vor allem beruft sie sich auf ihre Redefreiheit im Namen eines älteren Rechts, des (göttlichen) Gesetzes der Blutsverwandtschaft. Das bringt ihre Richter fast um den Verstand: »Das hieße ja: nicht ich bin Mann, nein, sie ist Mann / Wenn die da solche Macht sich anmaßt ungestraft.« Das Machtwort des Staates steht gegen die Macht des Worts.

Die Historikerin Sarah B. Pomeroy hat darauf hingewiesen, dass es im Altgriechischen kein Wort für »tapfer/mutig« gibt. Synonym wurde dafür das Adjektiv »männlich« verwendet. Indem Sophokles Antigone mutig nennt, charakterisiert er sie als männliche Frau. Ein männlicher Geist in einem weiblichen Körper, das galt als widernatürlich, als Chimäre. Treten doch schon bei Altmeister Aischylos die Thebanerinnen als Jammerliesen und geschwätzige Klageweiber auf. Aristoteles strich es in seiner Poetik den Dichtern als schweren Kunstfehler an, eine weibliche Figur auf der Bühne überhaupt als tapfer oder klug darzustellen, da dies männliche Attribute waren. Als Naturforscher wie als Chef des philosophischen Peripatos meinte er auch den Grund dafür herausgefunden zu haben. Frauen sah er als eine Art zoologische Missbildung der Natur an, da deren »Samenflüssigkeit«, für die Aristoteles das Menstruationsblut hielt, unrein sei. Nur Männer können männliche Kinder zeugen, Frauen jedoch nur weibliche, also minderwertige. Frauen sind demzufolge unreife Männer, können also auch nicht mutig sein, denn sie taugen nicht als Krieger. »Nicht die Frau, die Mutter heißt, erzeugt das Kind«, ließ Aischylos den Gott Apollon verkünden, »Erzeuger ist, wer sie befruchtet.« Bis ins 18. Jahrhundert hielt sich unter Medizinern die andere Theorie, nach der männliche Kinder aus dem linken Hoden, weibliche aus dem rechten gezeugt werden.

Sechs Monate nach dem Tod der Geliebten Suzette Gontard, die er im Hyperion als Diotima verklärt hatte, schloss Hölderlin im Dezember 1802 die Nachdichtungen der beiden Tragödien des Sophokles ab, Ödipus Tyrann und Antigone, und zugleich seine Dichterwerkstatt. Die Abhandlung über Antigone war sein letztes Wort. Das war seine Weise zu trauern, »daß nirgends ein / Unsterbliches mehr am Himmel zu sehn ist oder / Auf grüner Erde, was ist diß?«

Nichts von alledem wusste mehr Hölderlins Jugendfreund Hegel, als er Antigone in den Berliner Vorlesungen zur Ästhetik eine der erhabensten Gestalten aller Zeiten nannte. An der Frau, für die der Mensch zuerst Mensch ist und dann Bürger, lobte er das moralische Ideal schwesterlicher Liebe und erhob es weit über eheliche und Gattenliebe zum ethischen Normativ von Weiblichkeit. In Hegels Lesart ist Antigones Verhalten nicht die »männliche« Tat einer mutigen Frau, sondern das passive Sühneopfer für den Fluch des Hauses Kadmos. Hegel sieht im antiken Drama Ideen kämpfen und sterben, Hölderlin eine Frau aus Fleisch und Blut, die im Namen der »Natur« gegen von Männern gemachte Gesetze kämpft.

Nun hatte Hegel aber wirklich eine Schwester, Christiane Luise, drei Jahre jünger als er. Halten wir uns ihr Leben vor Augen, so erscheint Hegels Lob der Antigone als der »herrlichsten Gestalt, die je auf Erden erschienen« sei, nicht mehr so verwunderlich. Als junges Mädchen sympathisierte Christiane mit den französischen Revolutionären und ihren schwäbischen Anhängern, zu denen auch ihr Bruder und dessen Tübinger Studienfreunde Schelling und Hölderlin gehörten. Es heißt sogar, Christiane Hegel habe selbst geheime Billetts an französische Agenten übermittelt. Dem Antigone-Ideal ihres Bruders, häuslicher Demut und selbstloser Aufopferung, mochte sie sich nicht beugen. Mit achtundzwanzig Jahren nahm sie eine Stelle als Erzieherin in einer freiherrlichen Familie in Jagsthausen an und blieb dort bis 1814. Nach ihrer Entlassung wurde sie krank. Erregungszustände wechselten mit tiefer Erschöpfung (heute würde man wohl an Hyperthyreose denken). Sie wurde zu ihrem Cousin nach Aalen gebracht, der sie 1820 in die Irrenanstalt Zwiefalten einweisen ließ. Die Diagnose lautete auf »stillen melancholischen Wahnsinn«, also Depression. Als sicheres Symptom von Geistesverwirrung wurde ihre wiederholte Äußerung gedeutet, sie fühle sich wie ein Paket, das verschnürt und auf die Post getragen werde wie ein willenloses Ding.

Klarer hätte sie ihre ausweglose Lebenssituation als alternde Frau ohne bürgerliche Rechte, ohne Einkommen nicht ausdrücken können. Nach zweijährigem Aufenthalt kehrte sie nach Stuttgart zurück; als Sprachlehrerin für Französisch verdiente sie sich ein paar Taler, die kaum zum Leben reichten. Statt sie zu unterstützen, ließ ihr Bruder, der ewigen Klagen und Anklagen überdrüssig, sie entmündigen. Auf ihre Briefe antwortete er selten, widerwillig und kurz. Ihre Krankheit nannte er Hysterie. Im Februar 1832 ertränkte sich Christiane Hegel in der Nagold, 58 Jahre alt.