Der Notarzt 361 - Arztroman - Karin Graf - ebook

Der Notarzt 361 - Arztroman ebook

Karin Graf

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Opis

Abschied ohne Wiedersehen? Im Krankenwagen kollabiert das Mädchen plötzlich Seit einigen Wochen lebt die fünfjährige Waise Tessa in einem Kinderheim in Frankfurt, wo sie allerdings todunglücklich ist. Besonders schlimm ist für die Kleine, dass man sie von ihrer großen Schwester Lenya getrennt hat. Obwohl die Sechzehnjährige jeden Tag wartend vor dem Kinderheim sitzt, lässt man sie nur sonntags für zwei Stunden zu ihr. Tessas Betreuer halten es für eine tolle Fügung, als sich ein sehr wohlhabendes Paar aus München meldet, welches das Mädchen adoptieren möchte. Dass sich die Schwestern dann vermutlich für immer aus den Augen verlieren werden, wird von den zuständigen Behörden in Kauf genommen. Doch an dem Tag, an dem sie von ihren neuen Adoptiveltern abgeholt werden soll, passiert etwas Furchtbares: Tessa bricht beim Spielen bewusstlos zusammen, ihr zarter Körper wird von Krämpfen geschüttelt, und aus Mund und Nase fließt unaufhaltsam Blut. Als sie mit Blaulicht in die Sauerbruch-Klinik gebracht wird, sieht alles danach aus, dass dies eine Fahrt ohne Wiederkehr wird ...

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Liczba stron: 120




Inhalt

Cover

Impressum

Abschied ohne Wiedersehen?

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: hedgehog94 / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9319-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Abschied ohne Wiedersehen?

Im Krankenwagen kollabiert das Mädchen plötzlich

Karin Graf

Seit einigen Wochen lebt die fünfjährige Waise Tessa in einem Kinderheim in Frankfurt, wo sie allerdings todunglücklich ist. Besonders schlimm ist für die Kleine, dass man sie von ihrer großen Schwester Lenya getrennt hat. Obwohl die Sechzehnjährige jeden Tag wartend vor dem Kinderheim sitzt, lässt man sie nur sonntags für zwei Stunden zu ihr.

Tessas Betreuer halten es für eine tolle Fügung, als sich ein sehr wohlhabendes Paar aus München meldet, welches das Mädchen adoptieren möchte. Dass sich die Schwestern dann vermutlich für immer aus den Augen verlieren werden, wird von den zuständigen Behörden in Kauf genommen.

Doch an dem Tag, an dem sie von ihren neuen Adoptiveltern abgeholt werden soll, passiert etwas Furchtbares: Tessa bricht beim Spielen bewusstlos zusammen, ihr zarter Körper wird von Krämpfen geschüttelt, und aus Mund und Nase fließt unaufhaltsam Blut.

Als sie mit Blaulicht in die Sauerbruch-Klinik gebracht wird, sieht alles danach aus, dass dies eine Fahrt ohne Wiederkehr wird …

Als der zweiundvierzigjährige Bernd Savatzky vor etwa zehn Minuten den Behandlungsraum in der Notaufnahme der Frankfurter Sauerbruch-Klinik betreten hatte, war er Dr. Peter Kersten sofort sympathisch gewesen.

Der dunkelhaarige Mann war sehr leger gekleidet. Jeans, T-Shirt und eine für einen Herrn ziemlich bunte Strickjacke, die an den Ellbogen mit Lederaufsätzen verstärkt war.

Obwohl er laut seinen Unterlagen höhere Mathematik an der Frankfurter Goethe-Universität lehrte, kam er wie ein Holzfäller daher. Und dass er mit neununddreißig bereits Universitätsprofessor war, das wusste Peter nur aus den Personaldaten, die Schwester Angelika vom Anmeldeschalter mittels seiner Versicherungskarte herausgefunden hatte.

Er selbst, der Patient, hatte sich Peter nur als Bernd vorgestellt.

Guten Tag, Herr Doktor. Ich bin Bernd, der Tollpatsch mit den zwei linken Händen.

Er hatte eine seiner beiden linken Hände hochgehoben und Peter drei blutige gequetschte Finger gezeigt.

Ich habe die Hand im Auto vergessen und die Tür fest zugeschlagen. Luise, meine Frau, sagt immer, Bernd, du musst im früheren Leben der Gattung der Wirbellosen angehört haben und kannst dich offensichtlich nicht daran gewöhnen, dass du jetzt Arme und Beine hast.

Während Peter die Instrumente zusammensuchte, die er brauchen würde, hatte er über den trockenen Humor seines Patienten schallend gelacht. Doch seit Bernd damit angefangen hatte, über die Erbschaft zu reden, die ihm und seiner Frau vor acht Jahren ein Millionenvermögen beschert hatte, begann ihm Herr Prof. Savatzky langsam auf die Nerven zu gehen.

Klar, Peter wusste, dass der Mann nur deshalb wie aufgezogen redete, um sich von seiner Angst abzulenken. Aber das war noch lange kein Grund, so offen mit seinem Reichtum zu protzen.

Sicher, völlig unverhofft sechs Millionen Euro zu erben, das war schon eine ziemlich erfreuliche Sache. Noch dazu, wenn das Geld von einer Tante kam, die die Savatzkys jahrelang finanziell und auch sonst unterstützt hatten, weil die alte Dame sich als mittellose Mindestrentnerin ausgegeben hatte. Aber so etwas posaunte man doch nicht gleich in die ganze Welt hinaus!

„Lassen Sie die Hand jetzt bitte ganz ruhig liegen, Bernd“, bat Peter und zog ein Lokalanästhetikum in eine Spritze auf. „Ich muss Sie leider in alle drei Finger einzeln stechen, damit wir dann wirklich schmerzfrei arbeiten können.“

Bernd hatte den Kopf weit zur Seite gedreht, starrte aus dem Fenster und tat so, als ob die lädierte Hand ihm nicht gehörte.

„Tja, und da saßen wir dann mit sechs Millionen auf dem Konto“, erzählte er weiter. „Offen gestanden, das Erste, was uns vorschwebte, war, mit einunddreißig in Frührente zu gehen. Uns in einer Luxusvilla irgendwo im Süden bis ans Ende unserer Tage auf die faule Haut zu legen und die Nächte durchzufeiern, als ob es kein Morgen gäbe.“

„Verständlich“, murmelte Peter und spritzte nacheinander in jeden der drei verletzten Finger eine Dosis des Lokalanästhetikums.

„Au! Aau! Aauuaa!“

„Tut mir leid. Ist schon vorüber. Jetzt warten wir ein bisschen, bis die Wirkung einsetzt.“

„Ja, wir haben zum Glück auch gewartet, bis der erste Anfall von hirnlosem Goldrausch abgeklungen war, und haben uns nicht sofort mit Häusern, Sportflitzern, Schmuck und Designerkleidern zugeschüttet.“

„Sondern?“

„Nun, meine Frau machte mich eines Abends darauf aufmerksam, dass Geld seinen Wert verlieren könnte. Autos würden unweigerlich irgendwann zu rosten beginnen. Häuser könnten abbrennen oder bei einem Erdbeben zusammenkrachen.“

Herr Savatzky warf Peter einen Blick zu. Dabei streifte er mit den Augen unabsichtlich die blutige Hand. Er kniff die Augen rasch fest zusammen und wandte den Kopf wieder zum Fenster.

„Meine Frau sagte also ganz richtig, dass wir das Geld so anlegen sollten, dass der Reichtum sich kontinuierlich vermehren und nie versiegen würde. Und das haben wir dann auch getan.“

„Glückwunsch!“, murmelte Peter und stellte fest, dass es fast unmöglich war, nicht wenigstens ein bisschen Neid zu empfinden.

Sechs Millionen! Was würden er und Lea damit anfangen? Was für die großen grauen Herren der Welt ein läppisches Taschengeld war, war für ihn eine unvorstellbare Summe. Da brauchte man schon einen starken Charakter, um nicht durchzudrehen und das Lebensziel, das man sich gesteckt hatte, vollständig über Bord zu werfen.

„Danke! Und das ist auch der Grund, warum wir jetzt übersiedeln mussten. Wir haben eine regelrechte Sammlerleidenschaft entwickelt, und unser Häuschen in Bad Homburg ist schon fast aus allen Nähten geplatzt.“ Er lachte laut auf. „Ha! Heute am frühen Morgen ging es mit Sack und Pack los. Das war vielleicht ein Chaos und eine Plackerei, unseren gesamten wundervollen Reichtum hierher nach Frankfurt zu verfrachten.“

„Kann ich mir vorstellen.“ Peter machte die Nadelprobe, und als der Patient weder aufschrie noch zusammenzuckte, begann er, die blutige Hand erst einmal von abgestorbenen Gewebefetzen zu säubern.

„Na ja, immerhin haben wir bereits zwölf Stück! Eines prächtiger, vollkommener, grandioser und wertvoller als das andere.“

Der Notarzt konnte nicht anders, er musste einfach nachfragen. Zwar fand er die Prahlerei nicht so toll, aber Bernd erzählte so voller Leidenschaft, dass er neugierig geworden war.

„Zwölf Stück wovon? Besondere Wertpapiere? Goldbarren? Rennpferde? Flugzeuge?“

„Wie?“ Herr Savatzky starrte ihn so verständnislos an, als ob er Peter für völlig begriffsstutzig hielte. „Sagte ich das nicht?“

„Nein.“

„Kinder natürlich. Pflegekinder. Ich sagte doch, wir wollten in etwas investieren, dessen Wert sich stetig steigert. Gibt es da Ihrer Meinung nach sonst noch was?“

Peter zuckte perplex mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Auf Kinder hätte ich niemals getippt. Auch Kinder gehen doch einmal aus dem Haus. Oder werden alt und sterben irgendwann.“

„Aber nicht ihr Geist. Nicht ihre großen Taten. Nicht ihre Ideen, ihre Erfindungen, ihre Träume, ihr Lachen, ihre Liebe. Das alles bleibt, verteilt sich über die ganze Welt und trägt reiche Früchte.“

Peter erschrak, als Bernd plötzlich ein gackerndes Lachen ausstieß.

„Früchte! Das sind sie jetzt schon. Also, eher Früchtchen! Niko, das ist unser Erster, der hat mich nach dem blöden Unfall in meinem Wagen hergefahren. Prompt hat er ihn gegen einen Randstein gesetzt. Ist nicht viel passiert“, winkte er mit der gesunden Hand ab. Der Wagen sieht jetzt aus, als hätte sich jemand im Vorübergehen hineingeschnäuzt.“

„Ach, herrje. Kriegt der Junge jetzt Ärger?

„Ach, woher denn! Er ist ja erst achtzehn und hat den Führerschein erst seit drei Wochen. Da war ein Zwischenfall doch praktisch vorprogrammiert.“

Bernd schloss die Augen, als Peter einen langen Riss auf der Unterseite des Mittelfingers zu nähen begann.

„Als wir Niko vor acht Jahren bekommen haben, war er ein halb verhungertes Dingelchen mit dürren Hühnerbeinen. Er konnte kaum ordentlich lesen und schreiben. Und er hatte keinen Knochen im Leib, der nicht schon mindestens einmal gebrochen gewesen wäre. Seine Eltern …“

Er brach ab.

„Ach, lassen wir das. Schwamm drüber. Heute ist Niko … Ich will ja nicht schamlos angeben, Herr Kersten, aber der Junge hat echt was auf dem Kasten. In nur zwei Jahren von der Sonderschule ans Gymnasium. Und in ein paar Wochen macht er Abitur.“

„Kein Wunder“, erwiderte Peter. „Bei einem Vater, der mit neununddreißig schon Universitätsprofessor für höhere Mathematik ist.“

Bernd musste ein paar Sekunden lang scharf nachdenken.

„Das wissen Sie? Woher wissen Sie das?“, fragte er dann. „Kennen wir uns von früher?“

„Nein.“ Schmunzelnd verknotete der Notarzt den dritten Faden an dem Ding, das wie eine zu lange gekochte Wurst aussah. „Aber ich weiß trotzdem fast alles über Sie. Von Ihrer Versicherungskarte.“

„Also, jetzt schlägt‘s aber dreizehn!“ Vorsichtig angelte Bernd mit der gesunden Hand seine Brieftasche aus einer Tasche seiner Strickjacke und zog seine Versicherungskarte aus einem der Fächer. Er hob sie dicht vor seine Augen. „Das steht alles auf dem kleinen Ding drauf? Wo denn?“

„Nein!“ Peter musste lachen. „Nicht so. Schwester Angelika hat die Karte eingescannt und Ihre Daten von dem Chip abgelesen.“

„Chip! Natürlich!“ Bernd Savatzky kicherte verlegen. „Da können Sie mal sehen, was so ein Universitätsprofessor wert ist. Luise, meine Frau, sagt immer: Bernd, wir müssen dringend ein paar Zahlen aus deinem Kopf entfernen. Du leidest an Gehirn-Obstipation. Er will auch Arzt werden.“

„Ihre Frau?“

„Niko. Er hat sich schon um einen Studienplatz gekümmert. Hier, an der Goethe-Universität. Ich habe da aber nichts dran gedreht. Das wollte er gar nicht.“

„Großartig!“ Der Mittelfinger war fertig. Peter nahm sich den Zeigefinger vor. „Warum haben Sie ihn nicht mit hereingebracht? Ich könnte einen Assistenten gut gebrauchen.“

„Oh!“ Bernds Augenbrauen schnellten nach oben. „Ich dachte, das wäre Ihnen vielleicht nicht recht. Also, wenn ich darf …“

„Nein, nein, nein!“ Der Notarzt drückte seinen Patienten, der aufspringen wollte, an der Schulter auf die Liege zurück. „Sie bleiben sitzen. Ich mache das.“

Er ging zu der Gegensprechanlage, die neben der Tür an der Wand angebracht war, und drückte auf den Sprechknopf.

„Herr Niko Savatzky, bitte in Behandlungsraum eins kommen!“

„Eigentlich heißt er Henning“, klärte Bernd ihn auf. „Die Eltern haben ihn leider nicht zur Adoption freigegeben. Nicht aus Interesse an ihm, aber es könnte ja sein, dass er sich noch mal als brauchbar erweist. Aber er wird auch so wissen, dass er gemeint ist. Er ist ja, wie gesagt, ein helles Köpf…“

In diesem Augenblick wurde die Tür ungestüm aufgerissen, und ein schreckensbleicher junger Mann stürmte in das Behandlungszimmer.

„Was ist passiert? Papa? Geht es dir nicht gut?“

„Alles paletti, Schatz!“, winkte Bernd mit der gesunden Hand ab.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Peter. „Ich hätte daran denken müssen, dass dieser Aufruf Sie in Sorge versetzen könnte.“

„Okay!“ Niko, ein ziemlich hoch aufgeschossener, hübscher Junge, beugte sich nach vorne, stützte sich mit beiden Händen auf seine Knie und atmete ein paarmal tief durch. „Gott, ich bin so erschrocken!“, keuchte er. „Ich dachte, man hätte vielleicht irgendwas Schlimmes bei dir gefunden, Papa.“

Während Bernd seinem Ziehsohn erklärte, warum er hereingerufen worden war, beobachtete Peter fasziniert die innige Verbindung, die zwischen den beiden zu bestehen schien.

Er hatte schon mit genügend Kindern zu tun gehabt, die ihren Eltern weggenommen worden waren und in staatliche Obhut oder in eine Pflegefamilie hatten gebracht werden müssen. Nicht für alle bedeutete das eine große Verbesserung. Dieser Junge jedoch, das sah man auf den ersten Blick, hatte das ganz große Los gezogen.

Und dass er tatsächlich das Zeug zu einem guten Arzt hatte, das stellte Peter kurz darauf fest. Ein paar wenige Erklärungen reichten, und Niko assistierte ihm mit so viel Fürsorglichkeit und Feingefühl, dass er ihn am liebsten gleich hierbehalten hätte, weil heute ohnehin wieder einmal Hochbetrieb in der Notaufnahme herrschte.

„Sehr gut!“, lobte er ihn, als endlich auch der letzte Finger versorgt und desinfiziert war. „Gebrochen ist zum Glück nichts, wir werden die Finger aber dennoch demobilisieren. Sie werden vermutlich noch ein bisschen mehr anschwellen, und eine unbedachte Bewegung könnte die Nähte zum Platzen bringen.“

„Okay.“ Niko schaute sich suchend auf dem Materialwagen um. „Mit dieser Handorthese hier?“

„Genau. Eine Unterarm-Handorthese mit Fingerfixierung ist das. Ganz vorsichtig!“, mahnte er überflüssigerweise, als Niko seinem Vater die Schiene anlegte. „Sehr gut!“

„Machen lieber Sie die Klettverschlüsse zu“, bat der Junge. „Ich weiß nicht, wie fest die Schiene sitzen muss.“

„So, dass Sie noch zwei Finger darunterschieben können. Der untere Rand liegt ja direkt auf den Pulsadern auf.“

„So?“

„Perfekt, Niko.“

„Schreiben Sie uns bitte noch ein gutes Schmerzmittel auf, Herr Dr. Kersten?“

„Es tut überhaupt nicht weh, Schatz!“, winkte Bernd ab.

„Ja, jetzt, Papa“, erwiderte Niko lachend. „Aber in ein, zwei Stunden, wenn die Wirkung des Lokalanästhetikums nachlässt?“

„Niko hat recht“, bestätigte der Notarzt und nahm drei kleine Tablettenpackungen aus einer der Schubladen. „Das sind Ärztemuster. Damit müssten Sie auskommen. Die Verbände bitte trocken und sauber halten. Wir sehen uns dann in fünf Tagen zum Fädenziehen wieder.“

Er nahm das Krankenblatt vom Materialwagen, um noch ein paar letzte Eintragungen zu machen.

„Goldsteinweg, das ist doch am nördlichen Rand der Schwanheimer Düne, nicht wahr?“

Bernd nickte. „Ja, wir haben dort ein altes Gutshaus gekauft. Platz genug für die ganze wilde Horde.“

„Das kenne ich. Und ich wohne keine fünf Gehminuten davon entfernt. In der Panoramastraße.“ Peter schrieb seine private Telefonnummer auf einen Zettel. „Rufen Sie mich jederzeit an, wenn Sie mal rasch ärztlichen Beistand brauchen.“

„Dann würden Sie kommen?“ Bernd zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Das wäre großartig. Dr. Lenz, der Allgemeinmediziner dort, hat uns schon verklickert, dass er keine Hausbesuche macht. Unsere vierjährige Mila macht uns gerade ein bisschen Sorgen. Meine Frau greift zwar vorwiegend zu Hausmitteln, aber es könnte nicht schaden, wenn Sie mal nach ihr gucken kommen könnten.“

„Kein Problem“, erwiderte Peter. „Ich habe heute bis sieben Uhr Dienst. Ist Ihnen acht zu spät?“

„Ach, woher denn! Da können Sie gleich mit uns zu Abend essen. Heute ist ja Freitag, da dürfen auch die Kleinen länger aufbleiben.“ Er schaute zu seinem Sohn auf. „Was gibt‘s denn heute, Niko?“

„Keine Ahnung.“ Der Junge zuckte mit den Schultern. „Aber egal, was es ist, was Mama kocht, schmeckt immer.“

„Stimmt! Bringen Sie doch Ihre Frau mit, sofern Sie eine haben, Herr Kersten. Wir freuen uns immer über nette Gäste.“

„Lebensgefährtin“, korrigierte der Notarzt. „Lea ist Psychologin. Sie unterstützt Sie bestimmt auch liebend gerne, wenn Sie in dieser Hinsicht irgendwelche Hilfe brauchen sollten.“

„Ach, das ist lieb, aber völlig sinnlos“, winkte der Mann ab. „Bei mir ist schon Hopfen und Malz verloren. Da geht nichts mehr.“

„Ich meinte eigentlich die Kinder“, prustete Peter.

Als er die beiden nach draußen begleitete, stellte er wieder einmal fest, dass der erste Eindruck meistens doch der richtige war. Dieser Mann war ihm durch und durch sympathisch.

***