Der Gerber - Gerhard Ernst Moog - ebook

Der Gerber ebook

Gerhard Ernst Moog

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Opis

Leder wird in der Industrie überall verwendet, Tendenz steigend. In diesem Buch finden Sie alle wichtigen Themenbereiche wie Hinweise zum Ausgangsmaterial, Leder als Werkstoff, technische, ökologische und ökonomische Regeln für die Herstellung und den Handel, die Verarbeitung und den Gebrauch. Dem Auszubildenden in der Lederindustrie dient dieses Buch als Lehrbuch. Fachleuten, die beruflich in irgendeiner Form mit Leder in Berührung sind, liefert es das nötige Fachwissen.

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Gerhard E. Moog

Der Gerber

Professionelle Lederherstellung

Haupttitel

Haupttitel

Autor

Vorwort

Danksagung

1 Einleitung

1.1 Was ist Leder

1.2 Warum Leder

1.3 Wofür Leder

1.4 Die Entwicklungsgeschichte des Leders

2 Die tierische Haut

2.1 Aufbau der tierischen Haut

2.2 Chemische Reaktionen in der Haut

2.3 Gewinnung der Haut

2.4 Konservierung der Haut

2.5 Schäden an der rohen Haut, Rohhautschäden

3 Die Lederherstellung

3.1 Reinigende Arbeiten und Hautaufschluss als Vorbereitung zur Gerbung

3.2 Gerbung

3.3 Spalten oder Falzen

4 Wet-end, die Nassarbeiten nach der Gerbung

4.1 Beseitigung ungebundener Stoffe

4.2 Neutralisation oder Entsäuerung

4.3 Färbung

4.4 Fettung

4.5 Nachgerbung

4.6 Fixierung

5 Vorbereitung zur Zurichtung

5.1 Behandlung der nassen Leder

5.2 Trocknung

5.3 Behandlung der trockenen Leder

6 Zurichtung – Veredlung der Oberfläche

6.1 Auftrag von Zurichtmitteln

6.1.4 Ausrüstungen

6.2 Mechanische Bearbeitung der Lederoberfläche

7 Maschinen und Einrichtungen zur Lederherstellung

8 Arbeitsmittel, Umweltschutz, Arbeitssicherheit, gesetzliche Regelungen

9 Anforderungen an Leder

10 Leder als Handelsprodukt

11 Lederarten

11.1 Narbenleder

11.2 Rauleder

12 Der Gerber – ein moderner Beruf

Literatur

Bildquellen

Farbtafeln

Impressum

Autor

Gerhard E. Moog ist staatlich geprüfter Gerbereitechniker und war neben einer langjährigen Praxistätigkeit in der Industrie 28 Jahre lang Dozent am Lederinstitut Gerberschule Reutlingen. Heute ist er weltweit anerkannter Sachverständiger und UNIDO-Consultant.

Vorwort

Für den großen Kreis derer, die sich beruflich oder privat mit Leder und seiner Herstellung näher befassen wollen, ist der Wunsch nach einem aktuellen Fachbuch lange Zeit nicht erfüllbar gewesen. Früher erschienene Werke wurden nicht mehr aufgelegt, waren inhaltlich veraltet oder vergriffen. Die Fachliteratur und die im Internet verfügbaren Informationen sind zwar sehr umfangreich, aber zumeist sehr spezifisch und nur schwer in den gesamten und vielgestaltigen Zusammenhang der Lederherstellung einzuordnen oder für den fachlichen Nachwuchs kaum zugänglich.

Der Verband der Deutschen Lederindustrie e.V. wollte daher mit dem hier vorliegenden Buch helfen, diese Lücke zu schließen. Es informiert sachlich, kompetent und umfassend über den Werkstoff Leder und zeigt auf, wie vielseitig das Leder mit seinen natürlichen Eigenschaften sein kann. Dabei können die umfangreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse natürlich nicht in ihrer ganzen Tiefe und die technischen Variationen kaum in der gesamten Breite dargelegt werden, wie es dem heutigen Stand des Wissens und der Technik entspricht. Autor und Herausgeber sind sich dieser Beschränkung bewusst. Es kann auch nicht Aufgabe dieses Buches sein, technologische Einzelheiten festzuschreiben.

Bei der dynamischen Entwicklung der Lederherstellung, der Qualitätssicherung und den Ansprüchen der Verarbeiter muss daher jeder Leser den aktuellen Stand für sein Spezialgebiet mit einbeziehen.

Mit Herrn Gerhard Moog konnte ein Autor gewonnen werden, der in seiner wissenschaftlichen und praktischen Fachkompetenz große internationale Erfahrung und Anerkennung besitzt. Als hervorragender Techniker, Forscher und langjähriger Dozent am renommierten Lederinstitut Gerberschule Reutlingen hat er dankenswerter Weise die schwierige Aufgabe übernommen, seine weit reichenden Kenntnisse und das Verständnis für die Lederherstellung den Lesern aus ganz verschiedenen Fachgebieten in fundierter und verständlicher Weise weiterzugeben – dies ist die Zielsetzung dieses Buches.

Dem Verlag Eugen Ulmer KG. sei für die Herstellung gedankt.

Frankfurt am Main, Frühjahr 2016

Dr. Thomas Schröer

Danksagung

Mein Dank gilt besonders Herrn Jussi Andreas Moog und Frau Birgit Herbst für die Hilfe bei der Erstellung des Manuskriptes.

Frühjahr 2016

Gerhard Moog

So sah es vor ca. 100 Jahren in einer Gerberei aus.

1 Einleitung

1.1 Was ist Leder

Jeder von uns kennt, besitzt und benutzt Leder und nimmt diesen Werkstoff für viele Dinge des täglichen Bedarfs als etwas so selbstverständliches wahr, dass nur wenige von dem langen Herstellungsweg des Leders wissen. Leder sei ein Naturprodukt, versucht uns die Werbung zu vermitteln.

Deshalb glauben einige, es sei die Frucht des „Lederbaumes“ und man könne dort nach Bedarf dickes und dünnes, hartes und weiches, braunes und blaues, mattes und glänzendes Leder ernten. Leider gibt es diesen Baum nicht. Leder ist also kein Produkt aus der Natur. Es ist ein Material, das der Mensch seinen besonderen Bedürfnissen entsprechend hergestellt hat. Als Ausgangsmaterial dienten zunächst verfügbare Häute und Felle aus der Jagdbeute, die als Nahrungsmittel nicht in Betracht kamen und somit zunächst Abfall waren. Diese Häute und Felle mussten ohnehin vom Tierkörper abgetrennt werden um an das kostbare Fleisch zu gelangen. Bei dieser Arbeit zeigten sich bereits Eigenschaften, die für die späteren Verwendungen sehr wertvoll waren und unbedingt erhalten bleiben sollten. Die innere Weichheit, die begrenzte Dehnbarkeit und vor allem die hohe Reißfestigkeit sind solche Eigenschaften. Doch diese guten Eigenschaften der Haut gehen schnell verloren, denn die ganze Haut verfault unter üblem Geruch, wenn sie nicht gezielt bearbeitet wird.

Diese Bearbeitung soll zunächst den ganz natürlichen Fäulnisprozess aufhalten oder verhindern, der sofort nach dem Tod des Tieres einsetzt. Wir nennen die Verfahren, mit denen die Haut für längere Zeit möglichst unverändert erhalten wird „Konservierung“. Aber auch eine noch so gut konservierte Haut ist nur Haut und noch kein Leder. Hört die Wirkung der Konservierung auf, beginnt sofort der natürliche Zersetzungsprozess, die Haut wird nutzlos und geht verloren.

Gelingt es, die vom Tierkörper abgezogene Haut so zu verändern, dass die natürliche Zersetzung gar nicht mehr stattfindet, dann wurde ein dauerhaftes Material hergestellt, und dieses Material nennt man „Leder“.

Abb. 1 Haut wird zu Leder, einem neuen Werkstoff.

Leder ist nach einer gängigen Beschreibung tierische Haut, die nicht mehr fault und nicht hornartig auftrocknet.

Fäulnis wird durch Bakterien bewirkt, die immer in und auf der Haut vorhanden sind. Solange das Tier lebt, sind die Bakterien nicht aktiv, die Bedingungen dazu sind nicht gegeben. Mit dem Tod des Tieres ändern sich diese Bedingungen, die Bakterien vermehren sich und bauen dabei die Hautsubstanz ab. Deshalb verliert die Haut durch Fäulnis ihre guten Eigenschaften. Eine Konservierung wirkt nur für begrenzte Zeit und unter bestimmten Bedingungen. Eine Konservierung alleine erfüllt nicht die von Leder geforderte Eigenschaft, nicht mehr zu faulen.

Eine einfache Maßnahme zur Konservierung besteht darin, die frische und feuchte Haut auszuspannen und zu trocknen. Mit abnehmendem Wassergehalt verschlechtern sich die Lebensbedingungen für die Bakterien, die dann alle Aktivitäten ruhen lassen, bis irgendwann die getrocknete Haut wieder feucht wird. Mit abnehmendem Wassergehalt wird die trockene Haut immer steifer und härter, und wenn noch Wärme einwirkt, wird die trockene Haut transparent, das heißt hornartig dicht. Ist dieser Zustand einmal erreicht, lässt sich diese Haut nicht mehr in den Werkstoff umwandeln, den wir Leder nennen.

Leder ist

Ein Flächenwerkstoff aus tierischer Haut, die durch chemische Behandlung und mechanische Bearbeitung unter Erhalt der natürlichen Faserstruktur gezielt neue Eigenschaften erhielt.

z. B. FäulnisbeständigkeitTemperaturbeständigkeitBleibende Weichheit

Abb. 2 Leder – ein Flächenwerkstoff.

In einer neuen Definition ist Leder „ein Flächenwerkstoff aus tierischer Haut, der durch chemische Behandlung und mechanische Bearbeitung unter Erhalt der natürlichen Faserstruktur gezielt neue Eigenschaften erhielt.“ Hier wird Leder gegenüber anderen Flächenwerkstoffen abgegrenzt, die eventuell für gleiche oder ähnliche Einsatzbereiche zur Verfügung stehen, wie Papier, Textil, Vlies und ähnliche. Der Ansatz, Leder als Flächenwerkstoff zu betrachten, hat seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sowohl die Lederherstellung und -verarbeitung als auch die chemisch-technische Entwicklung sehr stark beeinflusst. Dass diesem Trend ganz natürliche Grenzen gesetzt sind, darauf verweist die Festlegung „aus tierischer Haut“. Diese Haut hat ein einzelnes Tier umschlossen und ist mit ihm gewachsen. Dieses Wachstum hört mit dem Tod des Tieres auf und deshalb ist die Fläche jeder einzelnen Haut begrenzt und lässt sich nicht beliebig vergrößern. Und auch die Form jeder Haut ist durch das Tier festgelegt, von dem sie stammt. Auch die Dicke ist nicht einheitlich innerhalb einer Haut. Um die vielen Anforderungen an Leder durch gezielt hervorgehobene Eigenschaften zu erfüllen, muss die tierische Haut einer Reihe von chemischen Behandlungen und mechanischen Bearbeitungen unterzogen werden, wobei die natürliche Faserstruktur erhalten bleiben muss. Diese natürliche Faserstruktur ist der Garant all der besonderen Eigenschaften, die Leder als Werkstoff auszeichnen. Sie konnte bis heute noch nicht gleichwertig nachgeahmt werden.

Die besondere innere Struktur des Flächenwerkstoffes Leder im Vergleich zu anderen Flächenwerkstoffen auf der Grundlage von Fasern soll in Abbildung 3 deutlich werden.

Abb. 3 Querschnitte durch Flächenwerkstoffe.

Papier und Gewebe sind aus Fasern mit erkennbarem Anfang und Ende aufgebaut. Diese Fasern sind geordnet und untereinander nicht chemisch verknüpft. Im Vlies sind die ungeordneten Fasern durch Bindemittel punktartig miteinander verklebt. Leder dagegen besteht aus endlosen Fasern, die sich ohne Zuhilfenahme einer fremden Substanz streckenweise zusammenlagern zu Faserbündeln, sich dann wieder trennen und mit anderen Fasern neue Faserbündel bilden. Eine Besonderheit besteht darin, dass die Fasern und Faserbündel nicht einheitlich dick sind. Zur Oberfläche der Haut hin bilden sie eine Schicht feinerer Fasern in dichter Verflechtung, die aber mit der darunter liegenden Schicht aus dickeren Faserbündeln in lockerer Verflechtung fest verbunden bleibt. Diese innere Struktur des Leders ist der Grund für viele wichtige physikalische Eigenschaften, aber sie erfordert auch besondere Arbeitsweisen bei der Lederherstellung.

Das Pergament ist kein Leder, obwohl es ebenfalls aus tierischer Haut hergestellt wird. Es unterscheidet sich von Leder dadurch, dass es nicht gegerbt wird. Es besteht nur aus der Hautsubstanz Kollagen. Weil keinerlei fremde Stoffe zwischen den Fasern gebunden sind, lagern sich diese beim Trocknen ganz eng aneinander. So wird Pergament ganz besonders reißfest, dünn und lichtdurchlässig. Bei Pergament wird in der Regel die Oberfläche der Haut abgeschabt, doch ist die Gliederung in zwei Schichten unterschiedlicher Faserdichte im Querschnitt noch zu erkennen.

In der Definition von Leder wird noch etwas ganz deutlich angesprochen. Dem Leder werden gezielt neue Eigenschaften gegeben, die die ungegerbte Haut in der Natur nicht hat. Diese neuen Eigenschaften richten sich nach den Anforderungen an das Leder bei der Verarbeitung und im Gebrauch. Nicht alle Verwendungszwecke von Leder führen zu den gleichen Anforderungen. Das Leder für eine Schuhsohle muss völlig andere Eigenschaften haben als das Leder für Handschuhe. Das eine Leder ist nicht tauglich für die Aufgaben des anderen Leders. Deshalb ist „Leder“ ein Sammelbegriff für viele verschiedene Lederarten, die gezielt zur Erfüllung ganz besonderer Aufgaben hergestellt werden. Will man für die Herstellung eines bestimmten Gebrauchsgegenstandes das richtige Leder einsetzen, dann genügt es nicht zu sagen: „Ich nehme ein Leder“ oder „ich nehme ‚echtes Leder‘ “. Zuerst muss man sich darüber klar werden, welche Eigenschaften das richtige Leder haben muss und welche keine Rolle für die Eignung spielen. Nach diesem Katalog wird man am Markt das geeignete Leder finden oder dem Lederhersteller ermöglichen, ein Leder nach Maß zu machen.

Die gegebene Definition des Leders beschränkt sich nicht auf die alte Aufzählung von Eigenschaften, die das Leder nicht hat. Sie zeigt auf, dass Leder als gezielt hergestellter Werkstoff in ständiger Entwicklung immer wieder neue Aufgaben erfüllt und so ein aktuelles Material bleibt.

1.2 Warum Leder

In der Summe positiver Eigenschaften wird Leder von keinem alternativ einsetzbaren Material erreicht. So könnte ganz stark vereinfacht und prägnant eine Werbeaussage für Leder lauten. Und diese Aussage wäre richtig. Wenn sich jemand für Leder entscheidet, hat er sicher alle anderen Möglichkeiten geprüft und verglichen. Er wird, wie im vorigen Kapitel angesprochen, eine Liste von Eigenschaften für den besonderen Zweck aufgestellt haben, die das Material in messbarem und somit vergleichbarem Umfang aufweisen muss. Diese Eigenschaften sind teilweise im Ausgangsmaterial festgelegt, teilweise aber auch durch die chemischen und mechanischen Stufen der Herstellung, Bearbeitung oder Veredlung dem Material vermittelt worden.

Von den Eigenschaften des Leders, die schon in der tierischen Haut als Ausgangsmaterial festgelegt sind, wurde auf Größe, Form und Dicke bereits hingewiesen. Hier kann der Lederhersteller nur wegnehmen oder verkleinern. Aus einem Kalbfell lässt sich auch unter Ausnutzung aller Kenntnisse kein Leder in der Größe einer Bullenhaut herstellen. Trotz großer Erfolge in der Genforschung gibt es noch keine viereckigen Tiere, die eine viereckige Haut für ein viereckiges Leder liefern. Die Form der Felle und damit der daraus hergestellten Leder liegt in der Natur der Tiere fest. Auch die maximale Dicke ist für jedes Tier seiner Entwicklung entsprechend unterschiedlich. Für die am häufigsten genutzten Häute und Felle der Säugetiere liegt die Dicke der Haut zwischen 1 und 10 mm.

Nach diesen drei Kriterien (Größe, Form und Dicke) wird eine erste Auswahl unter den Häuten und Fellen getroffen. Dabei wird man bemüht sein, möglichst wenig durch Abschneiden oder Dünnermachen zu verändern. Gerade das Dünnermachen verändert die Verhältnisse in der inneren Struktur und somit viele physikalisch messbare Eigenschaften, die oft als Festigkeiten beschrieben werden.

Eine dieser Eigenschaften ist bei allen Ledern vorhanden und ergibt sich aus der besonderen Struktur aus endlosen Fasern. Es ist die Schnittkantenfestigkeit. Ein Einschnitt in beliebiger Richtung im Leder franst nicht aus und macht so einen Saum überflüssig. Bei vielen Einsatzbereichen kommt diese Kantenfestigkeit zur Geltung, zum Beispiel bei den Schuhsohlen, den Riemen, Gürteln, offenkantig verarbeiteten Taschen bis hin zur Lederbekleidung.

Eine andere hervorragende Eigenschaft des Leders ist die Stichausreißfestigkeit. Sie ermöglicht es, eine Naht unmittelbar neben eine Schnittkante zu legen, ohne befürchten zu müssen, dass die Einstichlöcher zur Kante hin ausreißen. Dies wird bei eleganten Handschuhen deutlich, wo ganz dünnes und weiches Leder verarbeitet wird. Auch bei hoch belasteten Sportgeräten, Bällen, Riemen, Boxhandschuhen und Sicherheitsausrüstung aus Leder zeigt sich diese wichtige Eigenschaft als unvergleichlicher Vorteil von Leder gegenüber anderen Werkstoffen.

Von ganz besonderer Bedeutung für den Einsatz von Leder sind die tragehygienischen Eigenschaften. Diese kommen stets dann zur Geltung, wenn das Leder als Bekleidung genutzt wird. Das gilt für Schuhe wie für Bekleidung und Bandagen oder andere orthopädische Lederartikel. Als tragehygienische Eigenschaften werden all die chemischen und physikalischen Eigenschaften verstanden, die sicherstellen, dass wir uns wohlfühlen in dieser „zweiten Haut“. Da ist die Festigkeit des Leders ebenso angesprochen wie seine Dehnbarkeit und Elastizität, die unsere Bewegungen nicht behindern. Bei Schuhen machen wir gelegentlich die Erfahrung, dass sie zunächst an einigen Stellen drücken, nach kurzer Zeit jedoch druckfrei getragen werden können. Hier hat sich das in der Schuhfabrik über einen Normalleisten geformte Oberleder beim Tragen erneut verformt und der individuellen Form des Fußes angepasst. Es ist nicht nur einfach elastisch dehnbar, es besitzt auch eine bleibende Dehnung, die eine dauerhafte Anpassung dort ermöglicht, wo der Schuh drückt. Für diese Fähigkeit ist die innere Faserstruktur der tierischen Haut verantwortlich, die der Gerber bis zum fertigen Leder wirksam erhalten hat. Weiter ist da die Schutzfunktion gegenüber den Umwelteinflüssen, die dafür sorgt, dass wir uns in Leder wohl fühlen. Dazu gehört die Aufrechterhaltung der Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen, die unsere Hautoberfläche unbedingt braucht um auch bei wechselnden Bedingungen richtig zu funktionieren. Leder ist winddicht und es hat durch seine besondere innere Struktur die Fähigkeit, erhebliche Mengen an Feuchtigkeit aus dem Schweiß aufzunehmen ohne sich feucht anzufühlen. Funktioniert das nicht, dann staut sich die Feuchtigkeit an der Hautoberfläche, kondensiert zu Schweißtröpfchen, die einen Feuchtigkeitsfilm bilden und ein Gefühl des Unbehagens verursachen. Der Körper reagiert mit Temperaturerhöhung, die zu erhöhter Schweißabsonderung führt, was das Unbehagen verstärkt. Bleibt dieser Schweiß längere Zeit auf der Hautoberfläche, so verändert sich der pH-Wert ins alkalische Gebiet, es tritt eine Quellung der Hornschicht der Epidermis ein, die Haut wird weich und damit wächst die Gefahr des Wundwerdens und das Risiko von Pilzerkrankungen. Bei ungenügend wasserdampfdurchlässigen Schuhmaterialien treten Fußpilz und Kreislaufbelastungen häufiger auf. Wer längere Zeit in Gummistiefeln laufen musste, kennt diese Zusammenhänge.

Verformbarkeit, elastische und bleibende Dehnbarkeit, Feuchtigkeitsaufnahmevermögen, Wasserdampfdurchlässigkeit und Schutz gegenüber äußeren Einflüssen sind die Faktoren, die zusammen die tragehygienischen Vorteile des Leders gegenüber anderen Materialien aus Fasern ausmachen. Diese Eigenschaften werden oft fälschlicherweise als Atmungsfähigkeit bezeichnet. Leder atmet jedoch nicht selbst. Aber es sollte auch dann noch luft- und wasserdampfdurchlässig sein, wenn seine Oberfläche mit einer Zurichtung versehen wurde, die wasserabweisend, reib- und kratzfest sein soll.

Zur Antwort auf die Frage „warum Leder“ gehört auch der Hinweis auf die Gestaltungsmöglichkeit von Leder. Sowenig wie es ein Naturleder gibt, sowenig gibt es eine Naturfarbe von Leder. Die Farbe des Felles am lebenden Tier ist selten einheitlich über die gesamte Fläche, oft sehen wir kontrastreiche Flecken. Diese farbigen Effekte sind in der Farbe der Haare begründet, nicht in der Färbung der Haut, aus der das Leder gemacht wird. Selbst wenn im Verlauf der Lederherstellung die Haare entfernt werden, zeigt sich keine einheitliche Farbe. Nach der Gerbung hat das Leder die typische Farbe der verwendeten Gerbstoffe angenommen. Je nach Gerbart reicht das von weiß über gelb, graugrün, graublau bis braun. Farbe ist für die meisten Einsatzbereiche eine ganz wichtige Eigenschaft. Sie soll selbst in großen Mengen von Ledern möglichst gleich und innerhalb eines jeden Stückes gleichmäßig sein. Leder lässt sich in allen Farbtönen färben, man kann damit die Lederoberfläche auf vielfältige Weise gestalten um allen Wünschen auch der wechselnden Mode stets zu folgen. Weltweit wird der größte Teil der Leder schwarz gefärbt. Diese Farbe muss durch eine besondere Färbung erreicht werden, denn kein Gerbverfahren liefert schwarzes Leder.

Abb. 4 Das bekannte Markenzeichen.

Ein besonderes Argument für den Einsatz von Leder kommt aus der Ausstattung von Flugzeugen. Dort gelten scharfe Sicherheitsbestimmungen und hohe Gebrauchsanforderungen. Flugzeugsitze mit speziell hergestelltem Leder zu beziehen hat sich nach vielen Prüfungen als geeignet erwiesen, weil Leder sehr flammfest ist, und bei der Reinigung der Sitze kostbare Zeit eingespart werden kann im Vergleich zu anderen Fasermaterialien. Die Flugzeugleder sind pflegeleicht ausgerüstet und erfüllen die tragehygienischen Anforderungen für ein angenehmes Sitzen auch auf langen Strecken. Gleiches gilt für die Automobil-Leder zur Polsterung und Gestaltung des Innenraums von Autos und auch für die Möbelleder.

Außer den rein technisch begründeten Argumenten für Leder ist da noch die bedeutende Tatsache, dass sich Leder mit allen Sinnen erfassen lässt. Man kann es sehen und anfassen, riechen und auch hören. Das Aussehen des Leders vermittelt den ersten Eindruck und weckt sofort eine positive Haltung, wenn das Leder durch seine typischen Merkmale sich als „Echtes Leder“ zu erkennen gibt. Es darf zeigen, dass es aus tierischer Haut hergestellt wurde.

Um diesen Eindruck zu bestätigen, möchte man das Leder anfassen und befühlen. Hier erwartet man sanfte Wärme, eine angemessene Weichheit und Dehnbarkeit. Eine kalte Lederoberfläche, auf der man den Abdruck der Finger in Form feuchter Flecken sieht, wird als nicht ledertypisch erkannt und beurteilt.

Der Geruch wird häufig herangezogen um Leder zu erkennen. Tief im Unterbewusstsein hat jeder Mensch eine Vorstellung davon, wie Leder riecht. Beim Kauf kann der Vergleich mit dieser Geruchserwartung entscheidend sein. Dieser Ledergeruch ist aber eine ganz persönliche Sinnesempfindung und an keine chemisch zu definierenden Inhaltsstoffe gebunden. Deshalb kann man auch keinen Einheitsgeruch als Echtheitskriterium nutzen oder Leder entsprechend parfümieren. Der Geruch nach Schweiß, Gerbstoff und Fischöl wird bei Geschirrledern akzeptiert, niemals aber bei Bekleidungs- oder Möbelledern. Da zeigt sich, dass der Geruch sogar nach Lederarten unterschiedlich beurteilt wird.

Das Geräusch wird nur bei einigen Lederarten bewusst erwartet. Vom Geschirr- und Sattelleder wird oft berichtet, dass es beim Gebrauch knarrt oder quietscht. Das sind Beschreibungen, die sich technisch nicht in messbare Größen oder reproduzierbare Werte fassen lassen. Und doch wird ein derartiges Geräusch akzeptiert oder erwartet. Auch bei Schuhsohlen können in Abhängigkeit von den Bedingungen bei der Schuhherstellung anfangs typische Geräusche auftreten. Der Volksmund hat dafür sogar eine Erklärung in der Redewendung: „Wenn Schuhsohlen knarren, sind die Schuhe noch nicht bezahlt.“ Ganz offensichtlich handelt es sich hier um eine vor-übergehende Erscheinung. Bei bestimmten Feinledern und Buchbinderledern gibt es ein Knirschen beim Entrollen als erwünschtes Gütemerkmal für eine traditionelle Gerbung und Bearbeitung.

Es sind nicht nur die technischen Kenndaten, die Leder zuordnen und beurteilen lassen. Persönliche Empfindungen sind einzubeziehen, wenn man eine Antwort auf die Frage sucht: warum Leder ?

1.3 Wofür Leder

In den Betrachtungen zu dem Werkstoff Leder sind bereits recht unterschiedliche Einsatzbereiche genannt worden. Sie weisen darauf hin, dass es „das Leder“ nicht gibt. Als gezielt hergestellter Werkstoff kann Leder unter Berücksichtigung der in der rohen Haut festliegenden Grenzen den Anforderungen im Gebrauch entsprechend unterschiedlich hergestellt werden. Deshalb werden viele Lederarten nach den später daraus hergestellten Gebrauchsgegenständen benannt. In Abbildung 4 sind die wichtigsten Gruppen von solchen Gebrauchsgegenständen aufgezeigt. Die Schuhe stehen mit Recht an der Spitze, denn weltweit wird der größte Teil der hergestellten Leder für Schuhe eingesetzt. Dabei sind das durchaus verschiedene Lederarten. Zwischen dem Sohlenleder, dem Oberleder und dem Futterleder bestehen sehr große Unterschiede und für jede dieser Lederarten können die Häute und Felle ganz verschiedener Tierarten eingesetzt werden. Bei den Polsterledern für Möbel, Autos und Flugzeuge sind auch die Leder für die weiter gehende Innenausstattung einbezogen.

Abb. 5 Einsatzbereiche von Leder.

Hinter dem Begriff Bekleidung stehen die Trachtenkleidung, die modische Oberbekleidung, die Motorrad-Lederkombi bis hin zur Lederschürze für den Schmied und die Arbeitsschutzartikel (ASA). Es ist ein weiter Bereich mit ständig wechselnden Anforderungen.

Zu den Riemen zählen auch Ledergürtel, Zaumzeug für Tiere und Hundeleinen. Selbst im 21. Jahrhundert werden Antriebsriemen für einige Hochleistungsmaschinen noch aus Leder hergestellt, weil es dafür keinen vollwertigen Ersatz gibt. Infolge seines Aufbaus aus Eiweißfasern und der Gerbung mit pflanzlichen und mineralischen Gerbstoffen hat das richtig gefettete Riemenleder eine besonders geringe Neigung, elektrostatische Ladungen aufzubauen. So sammeln sich Fasern und Staub nicht um und auf den Antrieben, wodurch die Betriebssicherheit verbessert wird. Bei den technischen Teilen denkt man an Dichtungen und flexible Abdeckungen in Fahrzeugen und Maschinen. Hierunter finden sich auch die ganz dünnen Musikinstrumentenleder, die weichen saugfähigen Fensterleder, dicke und steife Leder für Formteile und dünne Lederschnüre für Schmuck.

Der Bereich Sport ist traditionell stark durch den Einsatz von Leder geprägt. Hier werden die hohen Festigkeitseigenschaften, die Belastbarkeit von Nähten und die Formbeständigkeit auch unter extrem wechselnden Bedingungen geschätzt. Im Reitsport sind es die Sättel und die Ausrüstung der Reiter, die besondere Lederarten erfordern. Oft sind die Sportleder ganz unauffällig, wie die schweißbeständigen Bandagen der Tennisschläger oder die Griffleder der Turner am Reck. Bälle sind oft ebenso selbstverständlich aus Leder wie Boxhandschuhe oder spezielle Hochleistungssportschuhe.

Koffer und Taschen sind Beispiele für die vielen Behälter aus Leder. Dafür sind belastbare Nähte ebenso gefragt wie spezifisch leichte Leder mit unempfindlicher Oberfläche, die sich leicht reinigen und pflegen lässt. Die Verarbeitung mit Metallen an Schnallen, Beschlägen und Nieten stellt besondere Anforderungen der Verträglichkeit. Silber darf nicht dunkel anlaufen und andere Metalle dürfen nicht zu Korrosion führen oder zu Veränderungen am Leder. Früher wurden Formstabilität und Festigkeit nur durch das ausgewählte Leder gewährleistet. Heute finden sich durch Formteile, Versteifungen, Unterfütterungen und Futtermaterialien und die notwendigen Verklebungen oft vielschichtige Verbundwerkstoffe an einem Fertigteil. Dabei muss das Leder seine eigenen Eigenschaften erhalten und darf die anderen Materialien nicht nachteilig beeinflussen.

Der Sammelbegriff Lederwaren umfasst alle kleineren Teile aus Leder: Geldbeutel, Brieftaschen, Brillenetuis, Schreibgarnituren, Schutzhüllen für viele Teile aus Papier oder Metall, Etuis für Zigarren, Zigaretten, Schmuck, Kosmetikartikel, Schlüssel und vieles mehr. Auch Bereitschaftstaschen für Mobiltelefone, CD-Player und Kleinwerkzeuge gehören dazu. Es ist ein weites Feld – und gerade diese Lederwaren haben die Phantasie zur Gestaltung der verwendeten Feinleder angeregt und zu ganz spezifischen Herstellungsverfahren und Bearbeitungstechniken geführt. In diesem Bereich kann die Vielfalt der Rohware so richtig ausgeschöpft werden durch die Einbeziehung exotischer Häute und Felle mit geringem Aufkommen und hohem Marktwert, der eigentlich Seltenheitswert heißen sollte. Bei diesen Ledern steht der Artenschutz als wichtiger Helfer auf der Seite der Lederhersteller. Nur eine nachhaltige Pflege des Tierbestandes sichert langfristig die Verfügbarkeit der Rohware. In diesem Zusammenhang muss man sehen, dass die Haut geschützter Reptilienarten bis zum Endprodukt Lederware mit einer rückverfolgbaren Kennzeichnung versehen wird, selbst wenn das Tier aus einer Zuchtfarm stammte. Der Seltenheitswert besonderer Rohwarenarten hat schon immer zu Nachahmungen auf anderen Tierhäuten, zu Imitationen, gereizt. Kroko-Imitationen auf Rindleder sind relativ einfach herzustellen. Über Fototechnik auf feinste Transferfolien gedruckte Echsenhautstrukturen sind fast perfekt und feines Schlangenleder lässt sich sogar auf Spaltleder erfolgreich imitieren. Die Formenvielfalt und die Anforderungen im Gebrauch von Lederwaren haben besondere Behandlungen der Oberfläche erforderlich gemacht. Stets musste die Dauer-Knickfähigkeit gegeben sein. Viele Entwicklungen von Lacken, Mattierungen, Metallic-Effekten und mehrfarbigen Mustern, die wir heute auch an anderen Lederarten finden, haben ihren Ursprung in den Feinledern für Lederwaren.

Bucheinbände aus Leder haben den Rang bibliophiler Kostbarkeiten erlangt. Alte Exemplare werden als Kulturgut erhalten. Das ist gerechtfertigt, denn ein guter Bucheinband ist Beweis hoher künstlerischer und handwerklicher Leistungen. Eine ähnliche Präzision in der Gestaltung der Oberfläche am fertigen Leder kennen wir sonst nur von besonderen Sätteln oder Behältnissen. Die Vergoldung mit echtem Blattgold gehört dazu wie auch Punzieren, Prägen und Färben der Leder durch den Verarbeiter. Parallel zu den Bucheinbänden sind auch die Ledertapeten zu sehen, die oft aus der gleichen Lederart in der gleichen Bearbeitungstechnik herstellt wurden. Heute sind Ledertapeten museale Raritäten. Ihre modernen Nachfolger werden Leder-Paneele genannt.

Die hier gegebene Einteilung der Leder nach verschiedenen Einsatzbereichen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll den Werkstoff Leder in der Fülle von Anwendungen zeigen, die oft sehr unterschiedliche Anforderungen an die Ledereigenschaften stellen. Dazu muss eine bewusste Auswahl unter den verschiedenen verfügbaren Tierfellen getroffen werden. Das ist leichter gesagt als getan. Die für die Lederherstellung interessanten tierischen Häute und Felle sind allesamt Nebenprodukte der Fleischgewinnung. Kein junges Tier wird geschlachtet, weil seine Haut ein besonders feines Leder ergeben könnte. Es wird geschlachtet, wenn der Fleischertrag und die Kosten der Tierhaltung im richtigen Verhältnis zueinander stehen oder wenn der Fleischmarkt einen Bedarf hat, nicht jedoch wenn der Gerber eine Haut braucht. Deshalb muss der Gerber in seinen Verfahren flexibel genug sein, Häute unterschiedlicher Tierarten zu Leder für die gleichen Einsatzbereiche und Anforderungen herzustellen. Haustiere oder in Herden gehaltene Tiere bilden zahlenmäßig die größte Gruppe. Sie werden nahezu unabhängig von der Jahreszeit so regelmäßig geschlachtet, dass sie eine solide Rohstoffbasis für die Lederwirtschaft bilden. Wild dagegen unterliegt so starken Schwankungen, dass die Jahresmenge in sehr kurzer Zeit anfällt und dann eine Periode folgt, in der diese Häute gar nicht zur Verfügung stehen. Solche Zyklen erschweren industrielle Fertigungen ganz erheblich. Deshalb hat hier eine Spezialisierung einiger weniger Betriebe auf die Verarbeitung solcher Rohwarenarten stattgefunden. Bei den exotischen Rohwarenarten von Schlangen, Echsen, Fischen und Vögeln ist neben einem zeitlich ungleichmäßigen Anfall auch eine Beschränkung auf wenige Regionen eine Ursache dafür, dass sich die spezialisierten Betriebe möglichst nahe bei dem Ort ansiedeln, an dem solche Häute verfügbar sind.

Tab. 1 Eignung verschiedener Häute und Felle für ausgewählte Lederarten

Rind

Kalb

Pferd

Schwein

Ziege

Schaf

Wild

Schlangen

Echsen

Vögel

Fisch

Sohlenleder

+

Riemenleder

+

Geschirrleder

+

Techn. Leder

+

+

+

+

Sportleder

+

+

+

Möbelleder

+

+

+

Schuhoberleder

+

+

+

+

+

+

+

+

Futterleder

+

+

+

+

+

+

Bekleidg. Leder

+

+

+

+

+

+

+

+

Täschnerleder

+

+

+

+

+

++

++

Feinleder

+

+

+

+

++

++

Fensterleder

+

+

Spezielles Leder

+

+

für Orthopädie

Pelz

+

+

+

In der Übersicht in Tabelle 1 wird deutlich, dass aus Rindhäuten und Kalbfellen die meisten Lederarten hergestellt werden können. Bei den zuvor besprochenen unterschiedlichen Anforderungen bedeutet dies, dass die Herstellungsverfahren dem Leder ganz spezielle Eigenschaften oder Kombinationen von Eigenschaften vermitteln können. Andererseits wird aber auch deutlich, dass trotz technischer Möglichkeiten in der Lederherstellung die in der Struktur, Größe oder Dicke der rohen Tierhaut vorgegebenen Grenzen nicht überschritten werden können. Sind zum Beispiel keine Rindhäute verfügbar, kann man nicht auf Schaffelle ausweichen um Sohlen oder Sportleder herzustellen.

1.4 Die Entwicklungsgeschichte des Leders

Das Gerben von Häuten und Fellen gilt als die älteste handwerkliche Kunst der Menschheit. Während die Tiere allein mit den Möglichkeiten ihres Körpers ihr Überleben sichern können, ist der Mensch sehr beschränkt dafür gerüstet. In dem Bestreben, diesen Mangel auszugleichen, hat er fremde Materialien umgestaltet. So hat er die Häute und Felle der als Nahrung erlegten Tiere zum Schutz des eigenen Köpers nutzen wollen. Aber die unbearbeitete rohe Haut ist leicht verderblich und nur sehr kurze Zeit verwendbar. Deshalb entwickelten die Menschen einfache Verfahren, die aus der Haut das wesentlich beständigere Leder machten. Man wird dabei noch nicht von einer Gerbung in unserem modernen Verständnis sprechen können, aber in den steinzeitlichen Funden erkennen wir eine gezielte mechanische Bearbeitung der Tierhäute durch Schaben und Strecken vor und während der Trocknung. Auch das Einarbeiten von Fett zur Steigerung der Weichheit oder der wasserabweisenden Wirkung ist eine der ganz frühen chemischen Maßnahmen. Zur Herstellung von Steinwerkzeugen und -waffen waren haltbare Riemen aus entsprechend bearbeiteten Häuten unabdingbar. Sie ermöglichten die Verbindung von Stein und Holz zu den Waffen, die die Jagd auf große Tiere erst möglich machten. Dadurch standen mehr und mehr größere Häute zur Verfügung, zu deren Bearbeitung die bekannten Werkzeuge weiterentwickelt und verbessert wurden. Auch die haltbar machende Wirkung von Rauch wurde erkannt und genutzt. Aus den archäologischen Funden ergibt sich, dass diese zielgerichtete Behandlung der Häute und Felle bei Beginn der letzten Eiszeit, also vor etwa 100 000 Jahren, an vielen Stellen der Welt durchgeführt wurde.

Als dann nach der Eiszeit, etwa vor 10 000 Jahren, die Lebensbedingungen besser wurden und aus den umherziehenden Jägern und Sammlern allmählich sesshafte Bauern und Tierzüchter wurden, erhielt die Lederherstellung neue Aufgaben. Die gerbende Wirkung von Pflanzen oder Pflanzenteilen wurde erkannt und erfolgreich genutzt. Die lange Gerbdauer war kein Problem mehr, wenn der Wohnplatz nicht mehr ständig gewechselt wurde. Durch den Fund der gut erhaltenen Mumie vom Hauslabjoch, bekannt als „Ötzi“, wissen wir, dass vor 5000 Jahren die pflanzliche Gerbung perfekt beherrscht wurde und verschiedene Lederarten für unterschiedliche Aufgaben hergestellt wurden. In der Bronze- und insbesondere der Eisenzeit erhielt die Entwicklung der Gerberei starke Impulse. Mit den neuen Metallen konnten wirkungsvolle Werkzeuge hergestellt werden. Die Gewinnung von Eisen aus Erz war erst möglich geworden durch den Wind aus einem Blasebalg, der die Hitze des Feuers deutlich steigerte. Für den Blasebalg war ein geeignetes, weiches Leder Voraussetzung, denn kein anderes Material eignete sich dafür. Aber auch andere Gerbverfahren wurden entwickelt, denn es standen jeweils nur die regional verfügbaren Hilfsmittel zur Verfügung. Als Gerbstoffe dienten die Fettstoffe der erlegten Tiere, die pflanzlichen Gerbstoffe, in anderen Gegenden Mineralien wie zum Beispiel Alaun oder Tonerde. Manchmal waren es Kombinationen wie das Einbringen fettender Substanzen und danach das Trocknen im Rauch des Herdfeuers.

Die haarlockernde Wirkung einer leichten Fäulnis war sicher eine sehr frühe Entdeckung. Eine Enthaarung durch wässrige Aufschlämmung von Holzasche, die Urform eines Äschers, wird sicher erst viel später hinzugekommen sein.

Die Entwicklung der Ledererzeugung vom Allgemeinwissen als Teil der Selbstversorgung innerhalb der Familie zu einem eigenen Berufsstand hat offenbar in der Zeit der Gründung von ständig bewohnten Siedlungen überall in der Welt stattgefunden. Mit dem aufkommenden Handel zwischen den Siedlungsgebieten wurde auch technisches Wissen wie das der Lederherstellung über weite Entfernungen ausgetauscht. Wir haben heute gesicherte Kenntnisse aus Ausgrabungen, Inschriften und bildlichen Darstellungen von der hoch entwickelten Kunst der Völker Vorderasiens, verschiedene Leder herzustellen, zu färben und zu verarbeiten. So verwendeten die Hethiter schon vor rund 5000 Jahren Alaun und Galläpfel für die Gerbung der Leder zur Ausstattung ihrer Reiterarmee. Perser, Ägypter, Griechen und Römer nutzten Leder in großen Mengen und beschrieben seine Herstellung in den großen Werken der Religionen (Talmud, Bibel) und Dichtung (Homer, Herodot). Die Technik der Lederherstellung hat sich in diesen Jahrhunderten nur sehr wenig verändert. Die gefundenen Werkzeuge weisen auf eine intensive mechanische Bearbeitung hin. Dabei hatte das Schaben nicht nur die Aufgabe, die Haut auf beiden Seiten zu reinigen, auf der Narbenseite von Haaren und auf der Fleischseite von leicht verderblichen Fleisch- und Fettresten. Das Schaben mit stumpfen Werkzeugen diente der Lockerung der Faserstruktur, dem Verteilen und Einarbeiten von gerbenden Stoffen und Fetten. Dadurch sollte ein Verkleben der Fasern und damit ein Verhärten des Leders bei der Trocknung verhindert werden. Aus Größe, Form und Material gefundener Ahlen und Nadeln können Rückschlüsse auf die verarbeiteten Leder und deren lange Nutzungsdauer gezogen werden. Diese rechtfertigte eine so sorgfältige und zeitaufwändige Bearbeitung.

Mit der Veränderung der Lebensweise vom Jäger zum sesshaften Ackerbauern ging eine Tendenz zur Spezialisierung einher. Das hat bei der Be- und Verarbeitung anderer Materialien, wie Ton, Metallen oder Pflanzenfasern zu völlig neuen Technologien geführt. Die Lederherstellung dagegen wurde bis zum Ende des Mittelalters, trotz aller Zunftregelungen und neuer Marktordnungen, nach den gleichen alten Grundregeln betrieben. Diese stützten sich auf Erfahrung und wurden als gesichertes Wissen über Generationen weitergegeben.

Abb. 6 Blick in eine Gerberei um 1746 (De La Lande ).

Erst um 1750 begann die Erfassung der Grundlagen der Lederherstellung und somit deren wissenschaftliche Bewertung. Eine rege Forschungs- und Entwicklungstätigkeit auf allen Teilgebieten setzte ein. Die Chemie verhalf zu Einblicken in den Aufbau der Haut und die Wechselwirkungen zwischen der Haut und den zur Gerbung eingesetzten Hilfsmitteln. Neue Gerbstoffe wurden entwickelt und in optimierten Verfahren eingesetzt. Den größten Einfluss auf die Lederherstellung hat die Gerbung mit Chromsalzen genommen. In den Arbeiten von Prof. F. Knapp wurden bereits 1858 die Grundlagen der Chromgerbung beschrieben. Hundert Jahre später wurden bereits mehr als 80 % aller weltweit hergestellten Leder mit Chromgerbstoffen gegerbt. Neben die analytische Kontrolle der verschiedenen Prozessschritte trat die Erfassung der physikalischen und chemischen Qualitätsmerkmale der fertigen Leder. Eine aufblühende Chemische Industrie sicherte eine gleich bleibende Qualität der Hilfsmittel. Die Gerbereimaschinenindustrie ermöglichte die Bearbeitung großer Mengen unter gleichen Bedingungen. Die sich ständig vertiefende Kenntnis der Vorgänge bei der Lederherstellung war nur noch von gut und vielseitig ausgebildeten Spezialisten zu nutzen. So entstand in kurzer Zeit eine Lederindustrie mit internationalem Austausch von Wissen, Rohware, Roh- und Hilfsstoffen und Fertigleder. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zeichnet sich eine Arbeitsteilung ab, bei der in den Ursprungsländern der Häute und Felle die grundlegenden Arbeiten bis zu einer geeigneten Handelsform durchgeführt werden und in den marktnahen Industrieländern die Leder dann fertig bearbeitet werden.

Mit der Entwicklung des Transportwesens zur See und in der Luft wurde diese Arbeitsteilung häufig noch weiter gegliedert und die Lederverarbeitung mit einbezogen.

Weil Leder als Material für die Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse der Menschen so früh genutzt wurde, hat es die ganze Entwicklung der Zivilisation mitgemacht und musste immer wieder den sich verändernden Anforderungen angepasst werden. Sicher stand am Anfang die schützende Funktion im Vordergrund. Gemeint ist der Schutz gegen die Umwelt als Verstärkung der eigenen Haut, also die Bekleidung. Dabei waren Schutz gegen Witterung und Schutz gegen Verletzungen gleichermaßen erforderlich. So wurden Felle mit Haar und auch zufällig oder bewusst enthaarte Felle auf die gleiche Weise behandelt.