Der Elefantenbäcker - Arne Nielsen - ebook

Der Elefantenbäcker ebook

Arne Nielsen

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Opis

Als Vater blickt Johnny auf seine eigene Kindheit zurück, die im Sommer 1985 ein abruptes Ende nimmt. In diesem Sommer verlässt sein alkoholabhängiger und zunehmend gewalttätiger Vater die Familie, worauf sich er und sein älterer Bruder Johan immer fremder werden. Während Johnny noch versucht, die auseinanderbrechende Familie zusammenzuhalten und den Schein der heilen Welt zu wahren, steigen diffuse Ängste in ihm auf, die er niemandem anvertrauen kann und die fortan sein Leben bestimmen. Mehr als 20 Jahre später hat Johnny selbst mit Alkoholsucht und Beziehungsproblemen zu kämpfen. Widerwillig reist er auf die Bitte seines Bruders, der in die Vorstadtsiedlung ihrer Kindheit zurückgezogen ist, nach Dänemark. Mit einer entscheidenden Handlung versuchen die beiden Brüder, sich der Vergangenheit zu stellen, die ihr Leben bis in die Gegenwart prägt. Arne Nielsen gelingt mit "Der Elefantenbäcker" ein subtiles Romandebüt, das durch eine präzise Sprache, greifbare Charaktere und eine starke Sogwirkung lange nachhallt.

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ARNE NIELSEN

DER ELEFANTENBÄCKER

ROMAN

Für H. Brass

INHALT

Ein Tag im Sommer 1985, um die Mittagszeit

April 2000

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

DER AUTOR

Impressum

Ein Tag im Sommer 1985, um die Mittagszeit

Vielleicht wünsche ich mir auch nur, dass es so und nicht anders gewesen sein könnte. Ich sehe mich am Fenster stehen. Am Ende der Wiese eine kleine Baumgruppe und darüber ein blassblauer Sommerhimmel. Meine Sehnsucht, so stark wie nie zuvor, nach der Gleichgültigkeit dieser Materie. Noch keine Ordnung in mir, aber ein tröstlicher Gedanke: nur noch ein simples Tier sein, eng an den weichen Boden gepresst, allein auf dem Weg ins Dunkel des Wassers. Keine Auffassung mehr von Raum und Zeit. Keine Angst mehr.

April 2000

Trotz des großen Ereignisses, die Geburt war bestens verlaufen, hatte ich es zu meiner Enttäuschung nicht geschafft, die leichte Euphorie des Frühlingsbeginns in mir aufkommen zu lassen.

Ich war dabei, die Wohnung sauber zu machen, als es passierte. Da bin ich mir sicher. Ich hatte geplant, dass für ihre Ankunft alles blitzblank sein sollte. Die Kraft eines plötzlichen Aufbegehrens und die Empfindung, außer mir zu sein, waren nach vielen Jahren wieder da. Sofort verlangsamte ich meine Arbeit, versuchte, meine Bewegungen in ihre Einzelheiten zu zerlegen, um die Kontrolle nicht zu verlieren, achtete auf die Körperlichkeit der Dinge in meiner Nähe, um der vertrauten Behäbigkeit dieses Gefühls zu entfliehen.

Wie ich es bis zur Raststätte geschafft habe, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich an das Verlassen der Wohnung und die Fahrt dorthin nicht erinnern. Es war mitten am Tag, ich erinnere mich an viel Helligkeit, einen hohen blauen Himmel. Ein reges Treiben füllte den Parkplatz vor der Cafeteria. All dem haftete nichts Irdisches an. Im Auto aber war es still. Ich hatte die Fenster hochgekurbelt und die Türen von innen verriegelt, saß da, beobachtete meine Hände auf dem Lenkrad genau und drückte meine Fußsohlen abwechselnd neben den Pedalen in den Boden meines Autos.

Bevor ich zurückfuhr, ging ich zur Tankstelle hinüber und fragte die Kassiererin, was denn auf dem Feld hinter der Raststätte wachse. Ich sah diese junge Frau an und sagte, die meisten Knospen seien noch geschlossen, beharrte, obwohl die Leute in der Schlange hinter mir unruhig wurden, auf einer Antwort.

KAPITEL 1

Zum Schluss haben wir ihn dann doch rausgeschmissen. Mein großer Bruder Johan, meine Mutter und ich. Bruder Johan zog ihn an den Haaren, meine Mutter und ich an je einem seiner Arme. Aus dem Wohnzimmer in den Flur, durch den Flur an der Küche vorbei. Und dann war er draußen. Er schrie, dass er die Tür eintreten werde. Wir hatten aber einen starken Türrahmen, er war einfach nicht kaputt zu kriegen. Dänischer Sozialwohnungsbau vom Feinsten.

Später am Nachmittag gingen Bruder Johan und ich in die Stadt zum Bäcker und holten uns Zimtschnecken, immer noch heiß und wund vom überstandenen Kampf. Wir kehrten zur Siedlung zurück, gingen auf das Gelände dahinter, kletterten den Hügel hoch, bis zur Stelle, wo wir über die Innenstadt blicken konnten, über das Meer bis zur schwedischen Küste. Wir schauten uns die Autos an, wir erzählten uns, welchen Wagen wir am liebsten fahren würden. Erst als es dunkel wurde und die Lichter in unserer Siedlung angingen, kletterten wir den Hügel wieder hinunter. »Halt dich an mich«, sagte er auf dem schmalen Pfad. Den Rest des Sommers gingen wir uns aber aus dem Weg, Bruder Johan und ich. Wenn ich mit dem Bus fuhr, sah ich ihn manchmal vorne neben dem Fahrer sitzen. Es war sein Lieblingsplatz. Ich ließ ihn immer zuerst aussteigen. Manchmal fuhr ich sogar weiter bis zur nächsten Haltestelle und nahm den Umweg in Kauf.

Im Sommer 1985 hörte etwas auf. Statt zusammenzurücken, entfernten wir uns voneinander. Von Juni bis August, als die Schule wieder anfing – eine kurze Zeit, in der jeder von uns das wurde, was er heute ist. So empfinde ich es zumindest. Heiße Tage, an denen wir aneinander vorbeigingen, weil wir uns unserer Zugehörigkeit zueinander schämten. Leere Tage, an denen sich etwas in mir verrückte und Platz für Gedanken schuf, die mich so überrumpelten, dass die Welt um mich herum, die Wände meines Zimmers, der Überzug meiner Matratze und die kleine Biegung meines Türgriffs für Sekunden, vielleicht auch Minuten, nicht mehr körperhaft existierten. Ich stand da mit dem Türgriff in der Hand und wartete, dass ich endlich spürte, dass er in der Höhle meiner Hand lag und die Dinge außerhalb von mir wieder ihre Ordnung fanden. Fürchtete den Stempel des Irrsinns. Verschlafene, träge Momente, in denen ich mich sogar nach der Klarheit seiner Schläge sehnte. Mein Bruder war jetzt der starke Mann und er schlug mich härter als jemals zuvor, sein Griff um meinen Hals war entschiedener. Ich reizte ihn. Egal was ich tat, ich reizte ihn.

Ich bin heute Morgen zu meinem Bruder gefahren. Er rief gestern an, betrunken und aufgeregt.

»Du musst kommen, Bruder, du bist mein Bruder.«

»Was ist los?«, fragte ich, in der Hoffnung, er würde es mir nicht sagen.

»Es ist was Schlimmes passiert.«

»Ist es was mit Mutter?«

»Komm einfach.«

Es ist ein ganzes Stück bis zu meinem Bruder hoch. Mir ist es lieber so. Er kann mich anrufen, aber dass er bei uns auftaucht, ist eher unwahrscheinlich. Bis jetzt ist das nur einmal vorgekommen. Es war im Frühsommer nach Sofias Geburt, vor fünf Jahren. Mein Bruder war gerade in unsere alte Siedlung gezogen, nachdem er seine erste Frau Ulla verlassen hatte, und brauchte eine »Luftveränderung«, wie er es nannte. Er kam in unsere Wohnung, wo es nach Baby roch, und erzählte uns von seinem Pech im Leben. Er saß in der Küche und zeigte Fotos von unserer alten Siedlung, Fotos, die mich traurig machten und beunruhigten.

»Unser Vater wohnt jetzt auch dort«, sagte er. »Nur einen Block weiter, wir sind beide zurückgekehrt.«

Das war es, was mich beunruhigte, es war der Gedanke, ich könnte auch dorthin zurückkehren, der Gedanke, ich würde sogar dort hingehören. Dass etwas vom Pech meines Bruders, als er in unserer Wohnung saß, auf uns alle abfärben würde. Ich will ehrlich sein, ich war froh, als er zurückfuhr und seine Fotos und sein Pech wieder mit sich nahm.

»Der Kreis schließt sich«, sagte er, als er ging. Zu Sofia sagte er nichts, er hatte ihr nicht einmal etwas mitgebracht. Keinen Teddy, keine Süßigkeiten. Außer den Fotos und dieser Sporttasche kam er mit leeren Händen.

»Das macht doch nichts«, sagte meine Frau.

»Natürlich macht das was«, sagte ich. »Er hätte Süßigkeiten mitbringen können.«

Seitdem haben wir uns nur gesehen, wenn er Kinder gekriegt hat. Er hat die Geburt seiner Kinder immer als Anlass benutzt. Sonst hatten wir unsere Ruhe. Klar, es gab seine Anrufe, er hielt mich über den weiteren Verlauf seines Lebens informiert. »Weil du es wissen musst, weil du mein kleiner Bruder bist.«

Einmal hatte ich sogar seinen Sohn am Telefon. »Hallo Onkel«, sagte er.

Auf jeden Fall weiß ich Bescheid, mehr als mir lieb ist.

Ich bin mit dem Zug gefahren. Ich habe Dana und Sofia zu Hause gelassen. »Es ist besser so, Dana«, habe ich gesagt, worauf Dana nur mit den Schultern gezuckt hat. Mehr hat sie dazu nicht zu sagen gehabt. Dana ist eine stille Frau. Dana mag es am liebsten, wenn jeder seinen Sachen nachgeht. Dana mag es am liebsten, wenn wir uns gut verstehen. Dana ist die Liebe meines Lebens. Trotzdem habe ich während der Fahrt jeder Frau hinterhergeschaut. Besonders die älteren mag ich. Ich stelle sie mir bereiter vor, trauriger und wärmer. Ich stelle mir irgendwie vor, dass ich denen etwas zu bieten habe, etwa dass ich jünger bin und schlank. Dass meine Haut im Gegenteil zu der ihren fest ist. Ich sehe mich da im Vorteil.

Nach der Ankunft in Helsingör bin ich eine Weile durch die Straßen meiner Geburtsstadt gelaufen, habe versucht, diese Reise als etwas Gutes zu sehen, eine wohlige, selbst gewählte Reise. Ich bin zum Marktplatz gegangen und habe an einem der Stände ein Bier getrunken. Ich habe dann noch ein Bier getrunken und gespürt, wie die Angst, erkannt zu werden, langsam nachgelassen hat. Ich habe sogar nach einem bekannten Gesicht Ausschau gehalten, ich habe mir sogar vorgestellt, wie ich unserem Vater dort am Marktplatz mitten unter den Leuten selbstbewusst gegenübertrete. Er ist älter geworden, ist aber nüchtern und sauber. Eine Zeit lang habe ich nur dagestanden und die Leute verschmitzt angeschaut.

Ich gehe zu Fuß aus der Innenstadt an meiner alten Schule vorbei. Als die Glocke klingelt, renne ich schnell auf die andere Straßenseite zum Parkplatz, stelle mich zwischen die Autos, tue so, als würde ich nach meinem Autoschlüssel suchen, und beobachte die Kinder. Ich warte, bis sie weg sind, überlege, ob ich hineingehen, mich unter die Eiche setzen soll, vielleicht ein, zwei Worte mit einem der alten Lehrer wechseln und erzählen, wie sich bei mir alles zum Besten gewendet hat. Aber dann verlässt mich der Mut. Außerdem habe ich ja Bier getrunken, sie würden es falsch verstehen.

Es wird langsam dunkel und ich gehe nach drüben zum Türken und hole Bier und Chips für meinen Bruder und mich. Der Türke reicht mir die Tüte und sagt: »Lange nicht gesehen, Johan.«

»Johan ist mein Bruder. Ich bin nicht mein Bruder«, sage ich.

Vor dem Laden mache ich ein Bier auf und packe die restlichen Flaschen und die Chips in meinen Koffer. Ich überlege, den Bus zu nehmen, aber das vermutlich viel zu grelle Licht im Innern hält mich davon ab und ich gehe neben der Schnellstraße stadtauswärts, Richtung Siedlung. Die Laster aus Schweden, gerade im Hafen von Bord gefahren, rauschen dicht an mir vorbei. Die Holzbalken auf den Ladeflächen sind mit Schnee bedeckt, die Kabinen nur spärlich beleuchtet. In einer steht ein kleiner Weihnachtsbaum. Mit so einem Laster wäre ich mitgefahren.

Bald ist Weihnachten, spätestens morgen früh werde ich zurückfahren. Dann werde ich mir Sofia schnappen und mit ihr in den Park gehen. Wenn noch Schnee liegt, nehmen wir den Schlitten mit. Sie liebt es, wenn wir den Hügel hinunterrasen, ihr kann es gar nicht schnell genug gehen. Ich klammere mich dann an ihr fest und sie lacht und schreit: »Angsthase!« Es ist so ein kleines Spiel zwischen Sofia und mir. Wir werden draußen bleiben, bis Dana sich fragt, wo wir bleiben. Vielleicht kommt sie ja auch mit.

Die Laster schalten jetzt einen Gang hoch, bald werden sie an unserer alten Siedlung vorbeirauschen und sich in die Autobahn Richtung Kopenhagen eingliedern. Ich werde nur noch kurz meinen Bruder besuchen, fragen, was los ist, und ihm frohe Weihnachten wünschen. Ich lege auch einen Gang zu, und bald kann ich die ersten Blocks unserer Siedlung erkennen. Ich bleibe stehen. Schaue mir das alles erst einmal in Ruhe an, spüre dank des Alkohols eine Freude am Leben. In den meisten Fenstern brennt noch Licht, es ist früh am Abend und ich stehe hier in der Dunkelheit und trinke von meinem Bier, drehe mich im Kreis, weil ich versuche, den Fahrradfahrern, die aus beiden Richtungen kommen, den Rücken zuzudrehen.

Vor unserem alten Wohnblock haben sie einen neuen Spielplatz gebaut. Die Schatten der Geräte treten wie große, schlafende Tiere massig aus der Dunkelheit heraus. Ich setze mich auf eine Schaukel und überlege, wer wohl noch alles hier wohnt und ob sie mich vielleicht hier draußen sehen können. Ich schaue zu unseren ehemaligen Fenstern. Rechts die Küchenfenster, links war das Schlafzimmerfenster meiner Mutter. Es sind kleine Wohnblocks, drei Stockwerke, flache Dächer, auf denen sich Wasserlachen bilden, die dann nach einer Weile an den weißen Betonwänden heruntertropfen.

Es ist im Sommer sehr grün hier, zwischen den Wohnblocks sind größere Wiesen angelegt und Bäume gepflanzt. Es ist kein schlechter Ort an sich. Wir, die wir im Erdgeschoss wohnten, hatten sogar verglaste Balkons an der Südseite des Hauses, die direkt auf den Fußballplatz führten. Man musste nur eine der schweren Scheiben zur Seite schieben und durch das Gebüsch krabbeln, Anlauf nehmen und über den Zaun springen. Im Winter verlegten wir am Abend das Spiel auf die linke Seite des Spielfelds, dort, wo die Straßenlaternen das Feld noch mit ihrem weißen Licht erfassten, blieben so lange wie möglich draußen. Nein, es ist kein schlechter Ort hier. Es sind bloß die Menschen, die hierherkommen, die Schlechtes erlebt haben, Trennungen und Jobverlust, alltägliche Dinge, die einen für eine kurze oder längere Zeit aus der Bahn werfen können.

Ich setze mich auf den eisernen Fußabtreter neben der Tür zum Treppenhaus. Ich sitze hier, wie ich zum letzten Mal mit dreizehn vor über zwanzig Jahren hier gesessen habe. Wenn jetzt jemand aus der Tür kommt, dann wird er wissen wollen, was ich hier mache, vielleicht wird er mich aber auch erkennen, den Sohn von Bruno, den Jüngsten, den Prinzen der Siedlung. Den gut gekleideten, fröhlichen Jungen auf der Durchreise. Das Licht im Treppenhaus geht an und ich stehe schnell auf und krame den Zettel mit der Hausnummer meines Bruders aus der Hosentasche. Die Tür geht hinter mir auf und ich drehe mich weg und tue so, als würde ich den Zettel lesen, mein Herz pocht, ich habe nichts dazugelernt, habe nichts an Kraft dazugewonnen. Dann, als die Schritte hinter mir verstummen, trete ich wieder an die Häuserwand unter unser altes Küchenfenster, lege meine Wange an das kalte Gestein und schließe die Augen für einen Augenblick.

KAPITEL 2

Er hat stark zugelegt. Als er die Tür aufmacht, höre ich aus der Tiefe der Wohnung einen Hund bellen. Das Tier scheint herauszuwollen, ist aber irgendwo weiter hinten eingesperrt.

Mein Bruder schaut mich fragend an.

»Du bist gekommen?«

»Natürlich bin ich gekommen«, sage ich und wir umarmen uns im Flur. Mein Bruder drückt mich fest an sich, er hat nichts von seiner Kraft verloren. Er riecht gut nach Rasierwasser. Rasierwasser und Bier. Der Hund winselt jetzt, kratzt an der Tür. Ich versuche, meinen Griff zu lösen, aber mein Bruder will mich einfach nicht loslassen. Meine Fingerspitzen treffen sich kurz in der Mitte seines Rückens, wandern ziellos über diese massive Fläche. Ich muss an seine raue Kraft denken, mit der er mich früher aus meinem Zimmer zerrte, sein verschwitzter Körper auf meinem, wenn er mich in jenem Sommer gegen die Wand drückte. Ich war jedes Mal gleich überrascht. Ich gewöhnte mich nie daran. Manchmal lag ich einfach auf meinem Bett und las eine Zeitschrift, als er in mein Zimmer kam und mich an den Haaren zerrte. Dieser Ruck und dann das Gefühl, als würde meine Schädeldecke sich lösen.

»Johan, hör bitte auf, du machst mich kaputt, bitte, du machst da was in meinem Kopf kaputt!«

Ich denke, ich werde ihm das nie wirklich verzeihen können. Obwohl es nichts mit mir zu tun hatte, obwohl nicht ich gemeint war, finde ich es bis heute nicht richtig.

»Entschuldigung«, sagte er dann später. »Entschuldigung, Bruder.«

»Komm mir nicht damit«, sage ich meiner Frau heute.

»Komm mir nicht damit, Dana.«

Er lässt mich los und ich frage, was passiert ist. Er legt seinen Zeigefinger auf den Mund und sagt: »Komm, ich zeig dir was, erst möchte ich dir was zeigen.«

Am liebsten wäre mir, er würde sofort damit herausrücken, mir gehen seit seinem Anruf tausend Sachen durch den Kopf. Etwas Unwiderrufliches, etwas, das er getan hat, Sätze, in denen das Wort »Schicksalsschlag« vorkommt. Er führt mich am Arm in die Küche. Seine Wohnung hat zwei Zimmer, sie ist nicht so groß wie unsere alte Wohnung, damals hatte jeder von uns sein eigenes Zimmer. Im Wohnzimmer ist es dunkel und den Hund hat er offenbar in seinem Schlafzimmer eingesperrt.

»Warum ist er da drinnen, warum lässt du ihn nicht raus?«

»Gleich«, sagt er und führt mich an eins der zwei Küchenfenster. Dann macht er das Licht in der Küche aus und sagt: »Schau mal.«

Es ist das Merkwürdigste, was ich bisher in meinem Leben getan habe. Hier in dieser fremden Wohnung in der Dunkelheit mit meinem Bruder zu stehen und über unsere alte Siedlung zu blicken, ich kann sogar einen Teil unserer alten Wohnzimmerfenster sehen.

»Schau jetzt geradeaus, schau dir mal das Fenster im zweiten Stock an, neben unserem alten Block, da, wo Licht brennt, siehst du ihn?« Er klopft an die Fensterscheibe, als könnte es jemand dort drüben hören.

»Da ist niemand.«

»Warte«, sagt er und stellt sich dicht neben mich. Dann sehe ich, wie eine Person ans Fenster tritt. Es ist ein Mann, natürlich ist es ein Mann. Ich drehe mich vom Fenster weg.

»Was soll das?«, frage ich.

»Er weiß nicht, dass ich hier wohne, Bruder, er erkennt mich nicht wieder. Seit Jahren gehen wir aneinander vorbei. Manchmal, wenn er nüchtern ist, bleibt er auf der Straße stehen und schaut mir hinterher, ich gehe dann schnell weiter, ich lasse mir nichts anmerken. Ich komme damit klar, mir geht es zurzeit gut, wenn nicht diese eine Sache wäre, wenn ich gestern nicht die Kontrolle verloren hätte, wenn ich gestern nur nichts getrunken hätte, dann wäre alles bestens. Ich darf vormittags nichts trinken, Bruder, es bringt mich ganz durcheinander, ich darf das nicht, das ist Regel Nummer eins. Aber dass er jetzt dort drüben wohnt, finde ich einfach irre. Ich schwöre dir, wir haben bisher kein einziges Wort miteinander gewechselt, nicht einmal jetzt, wo wir ja so eine Art Nachbarn sind. Doch, er hat mir mal ›Frohes Neues‹ gewünscht. Es war letztes Jahr oder das Jahr davor. Er lief an mir vorbei, mit dieser riesigen blonden Frau, sie hatten beide was getrunken. ›Frohes Neues‹, das war's. Ich bin nicht darauf eingegangen. Nur, ich sage dir, manchmal könnte ich rübergehen und so richtig zuhauen. Manchmal sehe ich mich da drüben im zweiten Stock, wie ich ihn packe und aus dem Fenster werfe. Tschüss, Hudi, gute Reise, alter Kumpel.« Mein Bruder kneift die Augen zusammen und schaut nach draußen. »Hudi, alter Kumpel, siehst du uns, du mieses Schwein?«, ruft er und hämmert gegen das Fenster. »Gestern war mir danach, kleiner Bruder, gestern stand ich vor seiner Tür und habe beinahe bei ihm geklingelt, deswegen Regel Nummer eins: Kein Alkohol am Vormittag.«

Ich setze mich an den Küchentisch, behalte meine Jacke an. Mein Bruder hat für zwei gedeckt, er hat gewusst, dass ich kommen würde, dass ich Angst habe. Ich denke an Sofia, ob sie wohl schläft. Ich sollte sie anrufen, ihr sagen, dass ich morgen wieder da bin und dass alles in Ordnung ist. Dass ich eine Überraschung für sie mitbringen werde. Oder vielleicht nur Gute Nacht sagen und dass ich sie lieb habe.

»Kann ich zu Hause anrufen?«, frage ich.

»Klar kannst du anrufen, sag Dana, dass ich gekocht habe, sag ihr, es ist o.k., dass sie nicht mitgekommen ist. Sag ihr, du bringst Sofia was von mir mit, für Weihnachten.«

Im Wohnzimmer liegen Spielsachen auf dem Boden verstreut, wahrscheinlich sind sie gerade hier gewesen, für das Wochenende. Ich erkenne den schweren dunklen Holzschrank aus der Zeit, als er noch mit Ulla und den Kindern zusammenwohnte. Der Schrank ist für das Zimmer zu groß, es ist deutlich, der Schrank gehört woanders hin. Auch den Couchtisch erkenne ich wieder. Vor langer Zeit, als seine erste Tochter zur Welt gekommen ist, bin ich mit Dana bei ihnen zu Besuch gewesen. Wir haben an genau diesem Couchtisch gesessen und Kaffee getrunken. Kaffee und Cola. Seine Frau hat Cola getrunken. Es war ein Sonntag im Frühjahr, die Sonne leuchtete direkt ins Wohnzimmer auf unsere Gesichter, traf uns auf wundersame Weise, und ich saß da auf der Couch mit dem Kind auf meinem Schoß und versuchte, mich über all diese Dinge zu freuen, versuchte einfach, keine schlechten Gedanken aufkommen zu lassen, jetzt, wo die Kleine da war.

Später an jenem Tag, als das Kind schlief und die Frauen sich in der Küche ums Abendbrot kümmerten, ging ich mit meinem Bruder in den Garten und wir tranken Bier und ich konnte hören, wie Dana und Ulla in der Küche Witze machten. Nachdem ich ein paar Schlucke getrunken hatte, fühlte ich mich, wie es so ist, beschwingt, und obwohl ich ahnte, dass der Zweifel schon bald wieder einsetzen würde, sagte ich meinem Bruder, dass ich stolz auf ihn sei.

Als sein drittes Kind, ein Junge namens Carl, zur Welt kam, sagte ich ihm genau den gleichen Satz. Wir standen wieder in seinem Garten und tranken Bier. Es war Winter und ich war alleine gekommen, jetzt, wo Dana schwanger war, fanden wir es einfach sicherer so, und ich sagte: »Ich bin stolz auf dich, Bruder.«

»Was gibt es da stolz zu sein?«, erwiderte er und ging wieder ins Haus.

Es war damals, an jenem Sonntag, als ich auf dieser Couch mit seinem ersten Kind saß, sehr merkwürdig, Dana im Haus meines Bruders zu betrachten, diese große, schöne Frau und die Frau meines Bruders, wie die beiden die Köpfe zusammensteckten und kicherten, als gäbe es auf dieser Welt so manches, auf das sie sich einigen könnten. Heute noch muss ich oft an Ulla denken. Wenn ich abends im Bett neben Dana liege, stelle ich mir gern vor, wie es wäre, wenn sie, Ulla, meine Frau gewesen wäre. Diese großbusige liebe Frau, wie sie in meiner Küche steht und kocht. Ich schleiche mich dann von hinten an sie heran, greife ihr unter die Bluse, drücke mich an sie und sage: »Komm jetzt!«

Neben dem Telefon steht ein Bild seiner drei Kinder und eines Hundes. Entweder die Kinder hocken auf den Knien oder der Hund hat auf einem Stuhl Platz genommen, er ist mit dem größeren Mädchen auf Augenhöhe. Ich schaue mir das Tier an, in mir regt sich nichts, es ist mir egal, ich kenne diesen Hund nicht. Das kleinere Mädchen, ein blondes, wie es scheint fröhliches Kind mit roten Backen und einem Sweatshirt mit der Aufschrift »Harley Davidson«, ist mir auch kein Begriff. Er hat über die Erste und den Letzten gesprochen, aber über sie hier nicht, es ist etwas, was wir alle gewissermaßen übersehen haben. Auch wenn er oft genug angerufen hat. Gemeldet hat er sich immer.

Während ich da neben dem Telefon sitze, geht mir plötzlich auf, dass ich der Onkel dieser Kinder bin, was aber auch heißen würde, dass Dana ihre Tante wäre, »euer eigen Fleisch und Blut«, wie mein Bruder sagen würde, und ich stelle, als ich zum Hörer greife, das Bild so hin, dass sie mich nicht mehr sehen können.

»Ja?« Sie weiß, dass ich es bin.

»Wie geht es?«, frage ich.

»Gut.« Sie macht es mir nicht leicht, manchmal könnte ich …

»Ich bin jetzt endlich hier angekommen, ich kann es gar nicht erwarten zurückzufahren.«

Ich hoffe, dass sie mir ein Zeichen gibt, dass sie sich über meinen Anruf freut.

»Warum, sei doch froh, ein bisschen weg zu sein.«

»Bin ich ja auch, ich hoffe nur nicht, dass du froh bist, dass ich weg bin.«

»Wie geht es euch, was ist da oben passiert, ist es ernst?« Sie spricht, während sie das Geschirr spült, ich kann das Wasser laufen hören und ihre zügigen Bewegungen.

»Ihm geht es gut, er trinkt wieder, um Himmels willen, wie soll es mir gehen, wie glaubst du, dass es mir geht, glaubst du, ich bin gerne hier? Hier oben alleine …«

Sie hat aufgelegt. Ich will noch einmal anrufen, nur kurz fragen, wie es der Kleinen geht, aber ich reiße mich zusammen.

»Macht es gut, ihr beiden«, sage ich in die Stille hinein und lege den Hörer auf. Höre mich diesen Satz sagen, warte auf das Verklingen meiner Worte.

In der Küche hat mein Bruder bereits aufgetischt und das Licht wieder angemacht. Es gibt Rindersuppe mit Gemüse und Bier.

»Wie geht's den beiden? Hast du gesagt, dass ich für Sofia was gekauft habe?« Mein Bruder hat bereits angefangen, sein Gesicht ist rot von der Suppe und dem Bier und ich denke, es ist gut, dass ich gekommen bin.

Zum Teufel mit den beiden, denke ich und setze mich hin. »Dana lässt dich grüßen.«

Wir essen Suppe und trinken Bier, hin und wieder schaut er mich an, als müsste er sich versichern, dass ich tatsächlich da bin. Keiner von uns schaut nach drüben, wir haben uns, denke ich, stillschweigend darauf geeinigt, eine kleine Pause, bis er mir von sich erzählen wird, wie es ihm so geht und was er Schlimmes getan hat. Dass unser Vater jetzt zum Greifen nah ist, wie die Kräfteverhältnisse sich verschoben haben und so weiter. Lauter Aufregung und ein flaues Gefühl im Bauch, wenn ich heute Abend oder morgen früh zurückfahre.

KAPITEL 3

Am Anfang des Sommers 1985 verschwand ein junges Mädchen namens Marlene spurlos, ich verfolgte die Berichterstattung genau. In jenem Sommer öffnete sich in mir ein klaffendes Loch, eine Bereitschaft und Fähigkeit, in jeder Geschichte ein böses Ende zu sehen. Schon als ich zum ersten Mal ihr Bild in der Zeitung sah, wartete ich nur noch auf eine schlimme Nachricht. In der gleichen Zeitung gab es jeden Tag eine nackte Frau zu sehen, die »Seite-9-Frau«, und ich werde das Gefühl nie vergessen, als ich im Bad saß und zu ihr wichste, während ich noch die Geschichte vom Mädchen Marlene im Kopf hatte. Irgendwie gehörte es sich nicht, da mit dem Schwanz in der Hand zu sitzen, wo doch wenige Seiten vorher die Berichterstattung über das Verschwinden des Mädchens zu lesen war.

An einem der Tage kurz bevor die Sommerferien begannen holte er mich von der Schule ab. Er stand, wie er es schon früher so oft getan hatte, unten an der großen Eiche in unserem Schulhof. Ich sah ihn bereits durchs Klassenzimmerfenster, und als ich die Treppe hinunterlief, ließ ich den anderen Jungs einen Vorsprung. Dann hörte ich sie rufen: »Johnny, dein Vater ist da!«, und ich beeilte mich, um ihnen zu zeigen, dass ich mir deswegen keine Sorgen machte, lief an ihnen vorbei und ließ mich von ihm umarmen, auch wenn ich schon dreizehn Jahre alt war und, wie ich fand, zu alt für so etwas. Er trug seine Arbeitsklamotten, sein Blaumann roch nach Öl, er lächelte mich an, war guter Dinge, was aber, wie ich wusste, nichts zu bedeuten hatte.

»Na, da ist ja mein kluger Sohn.« Ich hörte genau hin, sah ihn mir genau an, er war nüchtern.

Damals war er Schweißer auf der Schiffswerft, er stand morgens sehr früh auf und schaute manchmal während seiner Pause bei mir in der Schule vorbei.

Einmal im Winter war er besoffen. Er kam bis ins Klassenzimmer, die Tür stand offen und ich hatte ihn schon im Flur gesehen. Am liebsten wäre ich aufgestanden, wäre ihm entgegengerannt, hätte die Sache dort im Flur geklärt, hätte auf ihn eingeredet, wie meine Mutter es tat, wenn er wütend war und zuschlug. Erst versuchte sie, ihn mit irgendwelchen Alltäglichkeiten zu beschwichtigen, dass sie seine Mutter gesprochen habe, dass seine Mutter sich neue Schuhe gekauft habe, harmlose Sachen eben. Sie lief um ihn herum, redete auf ihn ein, achtete auf jede kleine Veränderung seiner Mimik. »Komm, Bruno, nicht vor den Kindern, bitte nicht.«

Manchmal versuchte sie auch, ihn zu ficken. Das waren so ihre Tricks.

Aber ich blieb damals einfach sitzen, als hätte ich mit ihm nichts zu tun, als wäre dieser Mann, der jetzt ins Klassenzimmer kam, nicht mein Vater. Unser Lehrer, Herr Gomesen, las uns gerade eine Weihnachtsgeschichte vor und der Schnee fiel satt auf den Fenstersims. Ich weiß es noch genau, weil ich solche dicken Schneeflocken, auch wenn sie einem beim Fahrradfahren die Sicht erschweren, heute noch beruhigend finde. Das heißt, heute habe ich natürlich ein Auto, aber damals fuhr ich Fahrrad, so oft wie nur möglich. Ich saß da und drückte meinen Schenkel gegen die warme Heizung, als mein Vater ins Klassenzimmer trat. Herr Gomesen, immer noch in die Weihnachtsgeschichte vertieft, schaute hoch und blinzelte meinen Vater an, der ihn regelrecht anstrahlte.

»Entschuldigung, ich wollte nur kurz meinem Sohn Guten Tag sagen.«

»Aber natürlich, das geht in Ordnung«, sagte Gomesen, der sich über den Besuch ehrlich zu freuen schien.

Das war noch zu der Zeit, als niemand Bescheid wusste, als es nur Vermutungen gab, nichts Handfestes. Meine Mutter verstand es, ihre Schwellungen erst mit Eis, das sie in ein Tuch wickelte, und dann mit Schminke zu kaschieren. Uns, meinen Bruder und mich, fasste er nur am Körper an, nie im Gesicht, bei uns reichte der eine oder andere Langarmpullover im Sommer, um die blauen Flecken zu verstecken. Wenn er uns im Gesicht traf, hörte er sofort auf und entschuldigte sich.

Er hatte einen langen Mantel an, der über den Boden schleifte, als er auf mich zukam. Wenn er über Nacht weggeblieben war, passierte es oft, dass er mit den Jacken und Mänteln von anderen Männern nach Hause kam, Männer, mit denen er getrunken hatte und die, wie ich dachte, nun wohl die Jacken und Mäntel meines Vaters trugen. Diese fremden Klamotten in unserem Flur waren wie Eindringlinge, Zeugen unseres häuslichen Durcheinanders. Ich stellte mir Ehefrauen vor, die meinen Vater in den Jacken oder Mänteln ihrer Männer durch unsere Stadt gehen sahen, wir wohnten in einer Kleinstadt, so was war absolut denkbar. Dieser Mantel hier war ihm zu groß, hatte aber etwas durchaus Seriöses, und ich hoffte, als er vor meinem Tisch stehen blieb, dass vielleicht nur ich gemerkt hatte, dass er betrunken war. Und dann tat er etwas Furchtbares. Er griff mich unter den Armen, hob mich von meinem Stuhl hoch, drückte mich an sich und flüsterte in mein Ohr: »Du bist mein Sohn, Johnny, und ich liebe dich, hast du mich verstanden? Egal was kommt, ich liebe dich, deinen Bruder und deine Mutter.«

Das war im Winter. An diesem Tag aber, in der letzten Woche vor den Sommerferien, war er guter Dinge. Es war die Woche, nachdem wir ihn endlich hinausgeschmissen hatten, und ich hatte ihn seitdem nicht mehr gesehen. Er sah gut aus, wie er da in seinem Blaumann stand, wie jemand, zu dem man sich gerne gesellte, ein junger Mann, zuversichtlich, dass sein Leben schon in den richtigen Bahnen verlaufen würde. Und während der Schulhof sich leerte und nur wir beide dort standen, unter dem Baum, war ich froh, dass er gekommen war. Normalerweise würde er mich ein Stück Richtung Siedlung begleiten, um mir an der Tanke ein Eis zu spendieren, und dann wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Stattdessen gingen wir in die Stadt hinunter, gingen einfach so drauflos und schauten uns die Auslagen der Geschäfte an. Hin und wieder blieb er stehen und unterhielt sich mit anderen Passanten, und ich war erstaunt, wie viele Menschen ihn kannten, nette, höfliche Leute, die mir die Hand schüttelten und die ihre eigenen Klamotten trugen. Wenn er jemanden erkannte oder selbst angesprochen wurde, nahm er meine Hand und ließ mich erst los, wenn wir weiterzogen. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob wir einfach nur so unterwegs waren oder ob diese Veränderung unseres Rhythmus, unserer über Jahre festgelegten Route, etwas mit der Veränderung in unserer Familie zu tun hatte, einer Veränderung, von der wir in jenem Sommer alle wussten, dass sie auf uns zukam.

»Hast du Hunger?«, fragte er, als wir die Hauptstraße hinter uns gebracht hatten und eine kleine Straße oberhalb der Gleise entlanggingen. Hinter dem Bahnhof sah ich den Hafen mit den großen Fähren, deren weiß lackierter Stahl in der Sonne aufblitzte. Zu unserer Rechten, auf der anderen Straßenseite, lagen alte Häuser, nach hinten versetzt, auf großen Grundstücken. In einem der Häuser standen die Fenster im ersten Stock offen und ich konnte Kinderstimmen hören.

»Ich weiß nicht«, und ich wusste es wirklich nicht, irgendwie hatte ich keinen Hunger in jenem Sommer, wenn ich mit ihm unterwegs war. Sogar das Eis, das er mir hin und wieder an der Tanke kaufte, war mir egal. Ich denke, es lag an der ganzen Aufregung, weil ich früher, als ich noch kleiner war, gerne Eis gegessen habe. Ich habe die Fotos gesehen, wir sind alle drauf. Mein Bruder, meine Mutter, Vater und ich. Auf meinem Lieblingsfoto stehen wir unten am Strand, wir haben alle ein Eis in der Hand und mein Bruder kann sich vor Lachen nicht einkriegen. Wir anderen lachen auch, aber mein Bruder scheint am meisten zu lachen. Das Lustige ist, dass ich glaube, mich an genau diesen Tag erinnern zu können. Wie wir am Nachmittag unsere Sachen zusammengepackt haben und durch den langsam kühler werdenden Sand nach Hause gegangen sind. Es war Wochenende und irgendetwas stand am Abend bevor, eine Feier oder so, in unserem Hof hatte jemand Lampions aufgehängt und Bierbänke aufgestellt. Noch war keiner unserer Nachbarn zu sehen, es waren nur wir vier, eine kleine Runde, die untereinander übermütige Blicke wechselte, wegen dieser Erwartung eben, aber vor allem, weil es uns an nichts und niemandem fehlte und es keine Zweifel an einem guten Verlauf des restlichen Tages und der Nacht gab. Ja, es gab schöne Tage, so ist es nicht, eine Zeit lang waren wir eine glückliche Familie, das sieht man auf den Fotos.

»So, da sind wir.« Das Haus lag näher an der Straße und war kleiner als die Nachbarhäuser. Der gelbe Putz blätterte hier und da ab und im Erdgeschoss waren die Vorhänge noch zugezogen. Das Fenster unter dem Giebel im ersten Stock hatte keine Vorhänge. Im Garten standen Apfelbäume und Kirschbäume, auf dem Rasen lag überall verfaultes Obst, als wäre hier niemand zuständig, es zu beseitigen.

»Ich habe mit der Vermieterin gesprochen, ich werde mich um den Garten kümmern, ich werde ihr das Obst ins Haus bringen und den Rasen mähen, kannst du dir das vorstellen, Johnny, wie ich hier für Ordnung sorge? Du wirst dir immer Äpfel nehmen können, so viele kann sie gar nicht essen, ich werde dir Kirschen für deine Mutter mitgeben. Es ist nur für den Sommer, weißt du, nur bis deine Mutter und ich uns wieder verstehen. Ich habe der alten Dame gesagt, dass es nur für den Sommer ist. Danach bin ich wieder weg, ich habe ihr gesagt, dass wir nur so eine kleine Pause machen und dass ihr mich besuchen kommt, deine Mutter, dein Bruder und du. Die Alte weiß Bescheid, mir war es wichtig, dass sie Bescheid weiß. Sie wollte da oben neue Vorhänge hinmachen, aber ich habe ihr gesagt, dass es sich nicht lohnen würde, nicht für so eine kurze Zeit. Ich will nicht, dass die Alte auf falsche Gedanken kommt. Nach dem Sommer bin ich hier raus.«

Das Zimmer war mit allem bestückt, »was man zum Leben braucht«. So nannte er es jedenfalls. Eine Couch, aus der man ein Bett machen konnte, davor ein niedriger Tisch, neben dem einzigen Fenster ein Schreibtisch. Den Stuhl dazu erkannte ich wieder und ich fragte mich, wann er den wohl hierhergebracht hatte.

»Komm, setz dich, Johnny, ich muss nur Wasser aufsetzen, dann gibt's gleich Würstchen.«

Er ging in die kleine Küche, und als er den Wasserhahn aufdrehte, öffnete ich die Schubladen des Schreibtisches. Auf dem Tisch stand eine kleine hölzerne Figur, die als Briefbeschwerer diente. Woher die wohl stammte? Wann hatte er sie gekauft, wie war sie in dieses Zimmer auf diesen Schreibtisch geraten? Hatte er sie mit Muße ausgesucht oder nur zerstreut wahrgenommen? Der kleine Kopf auf dem großen Rumpf, das schwarz lackierte Holz, die Rundungen. In der ersten Schublade fand ich seinen Geldbeutel, seinen Schlüsselbund und zwei Tüten Weingummis, die großen Packungen, die es auf der Fähre nach Schweden gab. In der letzten Schublade fand ich ein Foto von meiner Mutter, als sie jung war, sie stand irgendwo auf einer Tanzfläche, es waren noch andere Menschen zu sehen, junge Menschen, nur meine Mutter tanzte nicht, sondern stand einfach da und blickte fragend in die Kamera. Ich steckte das Foto in die Tasche und schloss die Schublade wieder. Ich versuchte, mir meine Mutter und meinen Vater vorzustellen, dort auf der Couch nebeneinander sitzend, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass das alles hier nichts Gutes mit sich bringen würde. Ich fragte mich, ob mein Bruder schon hier gewesen war und nahm mir vor, ab jetzt mehr aufzupassen, was um mich herum passierte, auf die kleinen Zeichen zu achten, Hinweise, dass sich etwas vom Guten ins Schlechte veränderte.

Wir aßen Würstchen mit Brötchen und tranken Cola. Wir saßen nebeneinander auf der Couch und suchten nach etwas, was wir sagen konnten, um aus diesem Besuch einen schönen Besuch zu machen. Ich wollte ihn fragen, ob er sie noch liebte, und falls ja, warum er dann nicht einfach aufhören konnte mit dem Trinken. Ich wollte ihn fragen, wieso er manchmal so furchtbar wütend wurde, warum er tat, was er tat, wenn er sie doch so liebte, und ich schämte mich, dass mein Vater und ich alleine in diesem Zimmer saßen und Würstchen aßen. Mein Vater, der ab jetzt ein anderer geworden war. Ein Mann, der in einem kleinen Zimmer mit fremden Möbeln wohnte und sich Würstchen machte.

»Hast du den Wasserturm gesehen?« Er stand auf und ging ans Fenster. »An klaren Tagen wie heute siehst du die Küste von Schweden. Komm, schau mal.«

Ich trat neben ihn und er machte das Fenster auf und zeigte nach draußen, als würden dort die Antworten auf unsere Fragen liegen, als würden wir in der richtigen Richtung ein Stück weiter sein. Ich sah das zylinderförmige, rote, mit Holz verkleidete Gebäude am Ende der Straße und stellte fest, dass ich mit dem Bus schon einmal vorbeigefahren war und das Gebäude jetzt einfach von einer anderen Seite betrachtete, und ich versprach mir zum zweiten Mal an jenem Tag, ab jetzt aufzupassen, was um mich herum passierte. Wach zu sein und nichts dem Zufall zu überlassen.

»Liebst du sie immer noch?« Ich wollte es nicht fragen und schämte mich, weil die Frage nicht in diese fremde Wohnung passte. Es war ein strahlender Sommertag, und das alles da draußen vor dem Fenster, das Meer und die Züge, die am Bahnhof zum Stehen kamen, und die Stimmen, die zu uns hochdrangen, wenn die Türen aufgingen und die Menschen aus den Abteilen herausströmten, all das sollte einen an die guten Dinge im Leben glauben lassen. Aber ich konnte nicht anders, mir kamen die Tränen und ich wollte, dass er mir jetzt sofort etwas sagte, etwas, das aus diesem Tag einen schönen Tag machen würde.

»Du hast sie doch einmal geliebt, das sieht man doch auf dem Foto.« Ich nahm das Foto aus der Tasche und hielt es ihm entgegen. Das Beweisstück dafür, dass ich mich nicht täuschte, dass sie beide aus den richtigen Gründen zusammengekommen waren. Die Liebe, die, wie ich damals dachte, eine Sache von Dauer war.

»Johnny …« Er ging in die Knie und legte seine Hände auf meine Schulter und ich dachte, dass er mich auf jeden Fall liebte, wusste aber auch, dass er mir deswegen nicht nur Gutes tun würde. »Johnny, ich liebe deine Mutter und ich liebe deinen Bruder und ich liebe dich. Es ist schwierig zu erklären, aber es ist wichtig, dass du verstehst, dass all das hier nichts damit zu tun hat, ob jemand den anderen liebt oder nicht. Ich habe der alten Dame gesagt, dass ich nach dem Sommer hier wieder draußen bin.«

Er stand auf und trug die Teller und das Besteck in die kleine Küche. Ich hörte, wie er das Wasser aufdrehte und die Sachen wieder sauber machte, gründlich, als wäre er schon über den Berg, abgeklärt, in dieser Wohnung mit den Möbeln, die nicht zusammenpassten, fast schon heimisch geworden. Und ich dachte, dass es kindisch gewesen war, einfach so über die Liebe zu reden, mitten am Tag, wo er doch gesagt hatte, dass es nur für den Sommer war. Ich ging zum Schreibtisch, machte die richtige Schublade auf und legte das Foto wieder dorthin zurück, wo ich es gefunden hatte. Ich setzte mich auf unseren alten Stuhl. Er war zu niedrig für den Schreibtisch, wie ich fand, passte einfach nicht dazu, schien genauso verloren zu sein, wie ich es in diesem Zimmer war. Er hatte noch keine Bilder aufgehängt, nur diesen Kalender über seinem Bett. Monat Juni 1985. Eine Frau mit blonden Locken saß auf der Kühlerhaube eines Autos. Sie trug enge, kurze Hosen, ihre Beine waren gespreizt und sie hatte eine leichte Bluse an, durch die man ihre Brüste sehen konnte.

Wenn er meine Mutter im Sommer fickte, dann meistens, wenn er besoffen war. Es war schwierig, nichts davon mitzukriegen, weil sie immer zuerst stritten. Einmal taten sie es im Wohnzimmer und mein Bruder und ich gingen in unsere Zimmer und schlossen die Türen hinter uns. Es war unmöglich, nicht hinzuhören, wir waren hellhörig geworden, achteten auf jedes Zeichen der Verbesserung oder der Verschlechterung unserer Lage.

Die einzelnen Tage des Kalenders enthielten keine Einträge, und das, obwohl mein Vater ein Ordnungsmensch war. An Tagen, nachdem er im Suff die Möbel durcheinandergebracht hatte, sorgte er immer als Erstes für Ordnung. Er sprach uns gut zu, alberte mit uns herum und kaufte seiner Frau Blumen und uns Süßigkeiten. Oder er nahm uns mit seine Mutter besuchen, bestand darauf, meinen Bruder und mich auf den Arm zu nehmen, stolzierte mit uns durch ihre kleine Wohnung, und wir kippten Sachen um und sorgten schon wieder für Unordnung. Er ließ seine Mutter Kaffee kochen und Brötchen schmieren und tätschelte sie, als wäre sie ein Kind. Er ließ sie über ihn, ihren Sohn, lustige Geschichten von früher erzählen und wir lachten und er tat so, als würde er den Jungen nicht kennen, von dem seine Mutter sprach, diesen Jungen, der, wie sie meinte, schon immer einen starken Willen gehabt habe.