Der Andere in der Psychoanalyse - Michael Ermann - ebook

Der Andere in der Psychoanalyse ebook

Michael Ermann

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Opis

Dieses Buch handelt von der Bedeutung des realen Anderen in der Psychoanalyse. Von Freud ursprünglich als außenstehender Beobachter sowie als Objekt der Triebbefriedigung konzipiert, hat seine Position sich im Verlauf von mehr als 125 Jahren grundsätzlich verändert. Im Kontext der Intersubjektivität betrachtet man den Anderen heute nicht nur als unabdingbaren Förderer der Entwicklung, sondern darüber hinaus als aktiven Teilnehmer und Mitgestalter in der psychoanalytischen Behandlung. Das führt zu einem Wandel grundlegender therapeutischer Konzepte und Strategien, zu einer "Psychoanalyse auf Augenhöhe", welche ihren Stil und die Atmosphäre ihrer Behandlungen maßgeblich verändert.

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Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik

Herausgegeben von Michael Ermann

A. Buchheim: Bindung und Exploration (2016)

U. T. Egle/B. Zentgraf: Psychosomatische Schmerztherapie (2014)

M. Ermann: Herz und Seele (2005)

M. Ermann: Träume und Träumen (2005/2014)

M. Ermann: Freud und die Psychoanalyse (2008/2015)

M. Ermann: Psychoanalyse in den Jahren nach Freud (2009/2012)

M. Ermann: Psychoanalyse heute (2010/2012)

M. Ermann: Angst und Angststörungen (2012)

M. Ermann: Der Andere in der Psychoanalyse (2014/2016)

U. Gast/P. Wabnitz: Dissoziative Störungen erkennen und behandeln (2014)

R. Gross: Der Psychotherapeut im Film (2012)

O. F. Kernberg: Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus (2012)

J. Körner: Abwehr und Persönlichkeit (2013)

J. Körner: Die Deutung in der Psychoanalyse (2015)

R. Kreische: Paarbeziehungen und Paartherapie (2012)

W. Machleidt: Migration, Kultur und psychische Gesundheit (2013)

L. Reddemann: Kontexte von Achtsamkeit in der Psychotherapie (2011)

A. Riehl-Emde: Wenn alte Liebe doch mal rostet (2014)

C. Stadler: Traum und Märchen (2015)

U. Streeck: Gestik und die therapeutische Beziehung (2009)

R. T. Vogel: Existenzielle Themen in der Psychotherapie (2013)

R. T. Vogel: Das Dunkle im Menschen (2015)

L. Wurmser: Scham und der böse Blick (2011/2014)

H. Znoj: Trauer und Trauerbewältigung (2012)

Michael Ermann

Der Andere in der Psychoanalyse

Die intersubjektive Wende

2. Auflage

Verlag W. Kohlhammer

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Dieses Buch stellt eine grundlegend überarbeitete und erweiterte Fassung der Vorlesungen dar, die der Autor zum gleichen Thema im Rahmen der Lindauer Psychotherapiewochen 2013 gehalten hat. Unter www.auditorium-netzwerk.de ist eine Übersicht aller Aufnahmen der Lindauer Psychotherapiewochen einzusehen, die unter [email protected] angefordert werden kann.

2. Auflage 2017

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-030244-0

E-Book-Formate:

pdf:      978-3-17-030245-7

epub:   978-3-17-030246-4

mobi:   978-3-17-030247-1

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Helmut Thomä (1921–2013) gewidmet, der mit seinem Konzept des aktiven Psychoanalytikers als einer der ersten in Deutschland eine intersubjektive Perspektive vertrat.

 

Inhalt

 

 

Vorwort

1.   VorlesungDer Andere in der traditionellen Psychoanalyse

Einführung: Was ist Intersubjektivität?

Der Andere im Werk von Sigmund Freud

Das topische Persönlichkeitsmodell

Das Instanzenmodell

Das klassische Behandlungsmodell

Der Andere in den Objektbeziehungstheorien

Klein, Bion und die Projektive Identifikation

Winnicott und die primären mütterlichen Funktionen

Die Neubewertung der Gegenübertragung

2.   VorlesungDie intersubjektive Wende

Klassische Konzepte der Selbstentwicklung

Vorläufer des Selbst bei Freud

Das Selbst in der Ichpsychologie

Das Selbst in der Selbstpsychologie

Einschub: Das Doppelgesicht des Selbst bei Jaques Lacan

Von der Selbstpsychologie zum Intersubjektivismus

Wurzeln des Intersubjektivismus

Die intersubjektive Wende

Zusammenfassung

3.   VorlesungEinflüsse der Nachbarwissenschaften

Säuglings- und Bindungsforschung

Ansätze der analytischen Entwicklungslehre

Die Entdeckung der realen Mutter

Ergebnisse der modernen Säuglingsforschung

Der Beitrag der Bindungsforschung

Beiträge der Neurowissenschaften

Resonanzphänomene

Die rätselhafte frühe Amnesie

Zwei Arten von Langzeitgedächtnis

Die Lösung des Rätsels

Zwei Modi des Erlebens

Zwischenbilanz

4.   VorlesungDas intersubjektive Feld

Konstitutive Faktoren des intersubjektiven Feldes

Die Asymmetrie des Feldes

Arbeiten im intersubjektiven Feld

Der Behandlungsprozess als Ko-Konstruktion

Transformationen im Prozess

Die therapeutische Haltung

Die intersubjektive Übertragung in der Praxis

Zusammenfassung

5.   VorlesungIntersubjektivität und Psychoanalyse heute

Essentials des intersubjektiven Ansatzes

Übertragung

Widerstand

Die therapeutische Haltung

Kritik am intersubjektiven Paradigma

Meine persönliche Annäherung an das Intersubjektive

Das Intersubjektive und das Intrapsychische

Theorien im psychoanalytischen Prozess

Eine funktionelle Einheit

Intersubjektivität und psychoanalytische Identität

Ein Wort zum Abschluss

Literaturempfehlung

Bildnachweis

Literatur

Stichwort- und Personenverzeichnis

 

Vorwort

 

 

Dieses Buch handelt von der Bedeutung des realen Anderen in der Psychoanalyse. Von Freud ursprünglich als außenstehender Beobachter sowie Objekt der Triebbefriedigung konzipiert, hat seine Position sich in der Psychoanalyse im Verlauf von mehr als 125 Jahren grundsätzlich verändert. Diese Veränderung wird zwar nicht von allen Analytikern mit getragen, hat aber bereits nachhaltigen Einfluss auf die meisten Strömungen der Psychoanalyse genommen. Es geht um die Intersubjektivität. In diesem Kontext betrachtet man den Anderen heute nicht nur als unabdingbaren Förderer der Entwicklung, sondern darüber hinaus als aktiven Teilnehmer und Mitgestalter in der psychoanalytischen Behandlung. Das führt zu bedeutenden Veränderungen grundlegender therapeutischer Konzepte und Strategien, welche den Stil und die Atmosphäre der psychoanalytischen Behandlungen maßgeblich verändern.

Die Lindauer Psychotherapiewochen 2013 standen unter dem Thema »Neue Kulturen schaffen«. Das gab mir Gelegenheit, diese neueren Entwicklungen, die außerhalb der psychoanalytischen Community immer noch relativ wenig bekannt sind, einem breiteren deutschsprachigen Fachpublikum näher zu bringen. So hielt ich meine klinische Vorlesung unter dem Titel Intersubjektivität – eine neue Kultur für die Psychoanalyse?

Das Fragezeichen sollte einen überzogenen Anspruch des intersubjektiven Ansatzes vermeiden, der oft mit Neuerungen in der Psychoanalyse und in ihrem Umfeld verbunden ist und fragwürdige Schulbildungen begründet hat. Inzwischen bin ich allerdings zu der Auffassung gelangt, dass der intersubjektive Ansatz zu einer grundsätzlichen Umorientierung der psychoanalytischen Denk- und Handlungskultur beiträgt. Wie es scheint, sprengt er aber nicht den Rahmen der traditionellen Strömungen, sondern bereichert sie und ist geeignet, Neuorientierungen im therapeutischen Prozess anzuregen, ohne dass man die theoretischen Basiskonzepte dafür unbedingt aufgeben muss.

Bei der Bearbeitung für die Publikation in der »Lindauer Reihe« wurde absichtlich der Vorlesungsstil beibehalten. Es geht hier also nicht um Vollständigkeit, sondern um Anschaulichkeit. So mögen auch manche der Literaturbelege willkürlich und unvollständig erscheinen, wie es für Vorlesungen typisch ist. Ich lege auch keinen besonderen Wert auf einen exklusiven Begriff »Psychoanalyse« bzw. »Psychoanalytiker«, sondern bezeichne Denk- und Handlungsstrategien als psychoanalytisch, die ausdrücklich mit dem Unbewussten befasst sind. Auch der Gebrauch des verallgemeinernden Maskulinums sei mir nachgesehen.

Wie bei früheren Publikationen habe ich für das Projekt auf die bewährte Förderung des Kohlhammer Verlages rechnen können. Ich danke, stellvertretend für alle, Herrn Dr. Ruprecht Poensgen für die angenehme Zusammenarbeit. Meiner Mitarbeiterin Ute Brosamler danke ich für die sorgfältigen Korrekturen.

 

München, im Januar 2014

Michael Ermann

 

1.   VorlesungDer Andere in der traditionellen Psychoanalyse

 

Einführung: Was ist Intersubjektivität?

Das Konzept der Intersubjektivität ist relativ neu. Es hat sich in den 1990er Jahren in den USA entwickelt und seither zunehmenden Einfluss auf die meisten Richtungen der Psychoanalyse genommen. Heute ist es ein fester Bestandteil im psychoanalytischen Denken.

Intersubjektivismus beschreibt eine Sichtweise, mit der über das Individuum und seine Entwicklung Erkenntnisse gesammelt werden können. Wir nennen solche grundsätzlichen Perspektiven der Betrachtung mit dem amerikanischen Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn (1922–1996)1 Paradigmen und können daher vom intersubjektiven Paradigma sprechen.

Intersubjektivität beschreibt den Zustand der Bezogenheit zwischen (lat.: inter) Subjekten und das Ergebnis der Prozesse, die daran beteiligt sind. Unter dem Paradigma der Intersubjektivität rückt das Gemeinsame zwischen Menschen in das Zentrum der Betrachtung. Bildhaft kann man das Gemeinsame in einem imaginären Zwischenraum zwischen den Beteiligten ansiedeln und von einem intersubjektiven Feld sprechen. Hier geschieht ein unentwegter Austausch von Botschaften und Informationen: Aktionen, Reaktionen auf Aktionen und Reaktionen auf die Reaktionen usw. Man kann von Interaktionsschleifen sprechen, an denen die Beteiligten teilnehmen und sich gegenseitig beeinflussen und formen.

Aus dieser Perspektive werden Erleben, Verhalten und die menschliche Entwicklung durch die gegenseitige Einflussnahme aufeinander geprägt. Ich stelle mir das so vor, dass jeder der Beteiligten seinen mentalen

Paradigmen in der Geschichte der Psychoanalyse

Thomas Kuhn führte den Begriff Paradigma in die Wissenschaftsgeschichte ein, um Voraussetzungen »in Bezug auf Begriffsbildung, Beobachtung und Apparaturen«, die »die Fachwelt akzeptiert hat«, zu bezeichnen und damit die Betrachtungsweise von Phänomenen zu markieren, die in einer Wissenschaftsgemeinschaft als verbindlich angesehen wird. Phasen, in denen sich die Mitglieder einer Wissenschaftsgemeinschaft über ihren Zugang zu Phänomenen einig sind, bezeichnet man in diesem Kontext als Normalwissenschaft.

    In der Psychoanalyse kann man die Zeit bis etwa 1940 als eine solche normalwissenschaftliche Phase betrachten. Sie war dadurch gekennzeichnet, dass die innerseelischen Phänomene und Prozesse als Forschungsgegenstand galten. Hier handelt es sich um das intrapsychische Paradigma der Psychoanalyse. Danach sollte die Psyche (von Patienten) von einem außenstehenden Beobachter möglichst objektiv betrachtet und behandelt werden. Michael Balint sprach in diesem Zusammenhang von einer Ein-Personen-Perspektive (One-Body-Psychologie).

    Durch die Neubewertung der frühen Mutter-Kind-Interaktionen begann sich das Weltbild der Psychoanalyse und in der Folge auch ihre Praxis zu verändern. Zunehmend wurden jetzt die Interaktionen als bedeutender Bezugspunkt für das Verständnis seelischer Prozesse anerkannt. Damit entstand auch ein neues Denkmodell, das Beziehungsparadigma. Ein solcher Übergang zu einem neuen Denkmodell wird nach Kuhn als Paradigmenwechsel bezeichnet. Die Kopernikanische Wende vom geozentrischen hin zum heliozentrischen Weltbild ist der Inbegriff eines solchen Wechsels.

    Die intersubjektive Wende, die im Zentrum dieses Buches steht, ist ein weiterer Paradigmenwechsel in der Psychoanalyse. Er beschreibt den Wechsel von einer Beziehungspsychologie hin zu einem Paradigma der Bezogenheit. Danach entsteht und verändert sich psychische Struktur nicht nur durch Verinnerlichung von Beziehungen, sondern vornehmlich als eine gemeinsame (nämlich intersubjektive) Konstruktion im Beziehungsfeld.

Zustand als Rohmaterial in das intersubjektive Feld einbringt, wo dann durch die beidseitige Einflussnahme eine Art von Verstrickung und Verschmelzung stattfindet. Dieser gemeinsame Zustand ist die Bezogenheit, das darin enthaltene psychische Material die intersubjektive Matrix. Es stammt von allen Personen, die in das intersubjektive Feld eingebunden sind.

Der Begriff »Bezogenheit« wurde von dem Psychoanalytiker Hans Loewald eingeführt, der zu einem der Wegbereiter des Intersubjektivismus gehört. Er beschrieb damit die »psychische Matrix, aus der sich intrapsychische Triebe, Ich und extrapsychisches Objekt heraus differenzieren.« Davon grenzt er die Objektbeziehung ab als Bezeichnung »für sämtliche psychischen Interaktionen zwischen objektiv unterscheidbaren Menschen«2. Und an anderer Stelle schrieb er: »Die Verbundenheit von Ich und Realität oder Objekten entwickelt sich nicht aus einer ursprünglich verbundenen Koexistenz zweier getrennter Einheiten, die miteinander in Berührung kommen, sondern im Gegenteil aus einem einheitlichen Ganzen, das sich in verschiedene Teile differenziert. Mutter und Säugling kommen nicht zusammen und entwickeln eine Beziehung, sondern der Säugling wird geboren, wird von der Mutter losgelöst, und so wird eine Verbundenheit zweier Teile, die ursprünglich eins waren, möglich.3«

Nach meinem Verständnis bedeutet das: Die Interaktionen begründen die Bezogenheit – oder anders: den Schritt vom Aufeinander-Bezogensein zur gemeinsam gestalteten Befindlichkeit.

Die wesentlichen Mechanismen, mit denen die Befindlichkeit zwischen zwei Menschen »ausgehandelt« wird, sind Projektion, Identifikation und projektive Identifizierung. Man kann die averbalen Interaktionsschleifen, die dabei ablaufen, mit den Prozessen vergleichen, wie man sich beim Tanzen aufeinander abstimmt und ohne große Worte eine gemeinsame Szene gestaltet.

Am Ende treten die beiden Psychen aus diesem Zustand der Bezogenheit wieder heraus und haben eine Veränderung erfahren, in der sich der Einfluss des Anderen abbildet. Auch hierzu ein Vergleich: Denken Sie etwa an zwei Ringer, deren Körper nach dem Kampf die Spuren der Berührung zeigen – vielleicht blaue Flecken, Schrammen und gestählte Muskeln.

Abb. 1: Hans Loewald (1906–1993), geboren in Colmar, verband das Interesse an der Philosophie Martin Heideggers mit den Konzepten der Psychoanalyse, die er nach seiner Emigration (1939) in den USA als Schüler und Lehranalysand von H. S. Sullivan kennenlernte. Er nahm eine kritische Haltung gegenüber deren positivistischen Positionen ein, die damals die amerikanische Ichpsychologie beherrschten, und galt dort als Außenseiter. So bestritt er z. B. die von Freud angenommene strikte Trennung zwischen vorsprachlichem und sprachlichem Bereich sowie zwischen Primär- und Sekundärprozess. Mit dem Begriff der Bezogenheit wurde er zu einem Vorreiter des Intersubjektivismus.

Das intersubjektive Feld ist demnach ein Feld für Entwicklung und Veränderung, ein Transformationsraum für mentale Zustände, sprich: für Befindlichkeiten und Motivationen der Beteiligten. Diese bilden in jedem von ihnen die Basis des Selbst. Demnach entsteht das Selbst im intersubjektiven Raum und wird darin verändert.

Die Abgrenzung von Bezogenheit, Beziehung und damit verbundenen Interaktionen ist unscharf. Sie ist auch nicht allgemein anerkannt. Ich schlage die folgende Verwendung der Begriffe vor:

•  Mit Bezogenheit bezeichne ich einen gemeinsamen mentalen Zustand.

•  Von Beziehung spreche ich, wenn eine gewisse Autonomie der Beteiligten, die miteinander im Kontakt stehen, betont werden soll.

•  Von Interaktion wird die Rede sein, um die aufeinander bezogenen Verhaltensweisen zu bezeichnen.

Die Kernaussage des Intersubjektivismus ist die These, dass menschliche Entwicklung und menschliches Verhalten nur im Kontext der Bezogenheit verstanden und übrigens auch verändert werden können. Die Annahme einer individuellen Psyche, die sich unabhängig von einem intersubjektiven Feld entwickelt, halten die Intersubjektivisten dagegen für eine Illusion.

Das sind weitgehende Annahmen, die unser traditionelles psychologisches Denken gleichsam auf den Kopf stellen. Aus traditioneller Sicht ist es das Individuum, das sich in Beziehung setzen kann und damit zum Initiator für Beziehungen wird. Bei den Intersubjektivisten, ist es umgekehrt. Hier geht alles von der Bezogenheit aus. Sie ist die Voraussetzung und Bedingung dafür, dass das Selbst entsteht bzw. sich in den Beteiligten des intersubjektiven Feldes neu konstituiert. In der Konsequenz rückt die Bezogenheit auch in das Zentrum der intersubjektiven Betrachtung des psychotherapeutischen Prozesses.

Daraus ergibt sich, dass die Psychoanalyse unter dem Paradigma der Intersubjektivität an einen Wendepunkt gelangt. Womöglich stehen wir am Beginn einer neuen psychoanalytischen Kultur. Das würde bedeuten, dass die intersubjektive Wende für sich mit Recht den Stellenwert eines Paradigmenwechsels in der Psychoanalyse beanspruchen würde.

Der Andere im Werk von Sigmund Freud

Sigmund Freuds großes Verdienst besteht darin, sich mit der Beschreibung des dynamischen Unbewussten der Individualität des modernen Menschen verschrieben zu haben. Damit entwarf er eine Persönlichkeitstheorie, die ein vertieftes Verständnis für die neuen Lebensformen seiner Zeit, d. h. im Zeitalter der Industrialisierung und des Fin de Siècle, schuf, für eine neue Art Subjekt zu sein. Sie gab der inneren Welt Vorrang vor der sozialen Realität. Ihr Programm war die Emanzipation der Subjektivität gegenüber dem Gesellschaftlichen, des Privaten gegenüber dem Öffentlichen. Dieses Programm wurde auch zur Basis der psychoanalytischen Therapie. Ihr Mittel war die Selbstreflexion mit dem Ziel der Enthüllung der Einzigartigkeit des Subjekts und der Entfaltung einer höchstpersönlichen Autonomie, die sich in der individuellen Biographie begründet.

Bei seinem Entwicklungsmodell ging er von der Grundannahme aus, dass das primäre Ziel der psychischen Organisation die Triebabfuhr ist. Er beschrieb die Psyche als ein weitgehend in sich geschlossenes System, das nach dem Prinzip des Lustgewinns und der Vermeidung von Unlust funktioniert. Wie er in seiner Metapsychologie4 darlegte, ist die zentrale Orientierung der psychischen Mechanismen daher auf das Bestreben ausgerichtet, innerseelisch Spannungen zu vermindern und unerträgliche Affekte zu vermeiden. Das geschieht mit Hilfe der Abwehr, die vor allem unter dem Einfluss gesellschaftlicher Zwänge wirksam wird. Sie verändert das Erleben, indem sie unerträgliche Regungen und Wahrnehmungen aus dem Bewussten ausklammert. Dadurch entsteht ein seelischer Bereich jenseits der Bewusstseinsschranke, den Freud das dynamische Unbewusste nannte.

Tab. 1: Die wichtigsten Schriften zum Persönlichkeitsmodell von Sigmund Freud

• 1895 Studien zur Hysterie

Das topische Persönlichkeitsmodell

In seinem ersten Persönlichkeitsmodell beschrieb Freud die psychische Organisation, indem er die Inhalte des Erlebens Orten unterschiedlicher Bewusstheit zuordnete.

Abb. 2: Freuds topisches Modell der Psyche

Diese Orte nannte er das »System Bewusst/Vorbewusst« und das »System Unbewusst«. Zwischen beiden liegt die Verdrängungsschranke. Er beschrieb dieses topische Modell (Topos [griech.] bedeutet Ort) in seinem großen persönlichkeitspsychologischen Entwurf im 7. Kapitel der Traumdeutung5. Dort befasste er sich auch mit den Mechanismen und Prozessen, welche von Trieben gespeist werden und die Prozesse zwischen bzw. in diesen Systemen regulieren. Das waren insbesondere

•  als Abwehr die Verdrängung, wobei Freud sich anfangs im Wesentlichen mit der Triebabwehr befasste; aus dem Bewusstsein verdrängte Triebe bilden als Triebrepräsentanzen den Inhalt des dynamischen Unbewussten,

•  als Regulative das Lustprinzip im Unbewussten und das Realitätsprinzip im Bewussten,

•  als Grammatik des Unbewussten der Primärprozess und als Alltagslogik im Bewussten der Sekundärprozess.

Bereits in einem früheren »Entwurf einer Psychologie« hatte Freud6 versucht, ein Modell für das Funktionieren der Psyche zu entwickeln und dafür aus der Neurophysiologie die Idee eines psychischen Apparatesentlehnt. Diese physikalistische Metapher behielt er in seinem gesamten Werk bei. Damit richtete sich das Augenmerk der Psychoanalyse über lange Zeit allein auf innerseelische Prozesse. Er betrachtete psychisches Funktionieren relativ unabhängig von der sozialen Umwelt.

Der Andere kam darin vor allem in zwei Funktionen vor: Als Liebesobjekt, auf das die Triebe ausgerichtet sind und an dem sich die Konflikte entzünden, die dann verdrängt werden, und als Repräsentant einer mehr oder weniger triebfeindlichen Umwelt, unter deren Einfluss die Verdrängung in Gang gesetzt wird, die insbesondere im Ödipuskomplex zum Tragen kommt.

Um noch einmal mit Michael Balint zu sprechen, kann man sagen, dass Freud mit diesem Modell eine Einpersonen-Psychologie gestiftet hat. Das soll nicht heißen, dass es die Gesellschaft, die soziale Umwelt in diesem Denkmodell gar nicht gäbe. Sie bildet implizit als verdrängtes Triebziel einen bedeutenden Teil des dynamischen Unbewussten. Bei der Konstituierung der Persönlichkeit spielt sie aber keine besondere Rolle.

Das eigentliche Movens der menschlichen Entwicklung, des Verhaltens und Erlebens sind nach Freuds Auffassung aber die Triebe, die er als rein biologisch begründet betrachtete7. Er verstand darunter anfangs nur den Drang zur Abfuhr somatischer Erregungen. Erst nach und nach gewannen psychologische Aspekte sein Interesse, wenn er den Trieb später8 als Repräsentanz einer somatischen Reizquelle definierte, d. h. als eine mit Affekten verknüpfte Vorstellung. Auf jeden Fall aber war Freuds ursprünglicher Ansatz der einer Triebpsychologie und als solcher individualistisch geprägt.

Die Einpersonen-Perspektive gründet im positivistischen Forschungsansatz, in dem er in seiner voranalytischen Zeit bis etwa 1890 als Neurophysiologe in der sogenannten Helmholtz-Schule ausgebildet worden war. Danach ist das Individuum das Objekt der Betrachtung, etwa wie ein Beobachtungsobjekt unter dem Mikroskop, und nicht seine Einbettung in den sozialen Kontext.

Dieser Hintergrund prägt auch die frühe psychoanalytische Entwicklungslehre, die Freud in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie9 vorgelegt hat. Hier beschrieb er die psychologische Entwicklung als genuin intrinsischen Prozess. Dieser wird durch den Trieb gesteuert, wobei er bekanntlich eine phasenhafte Entwicklung unterstellte, die durch die Besetzung sogenannter erogener Zonen geprägt ist (3. Vorlesung)

Das Instanzenmodell

Auch als Freud ab 1910 sein Persönlichkeitsmodell radikal umbaute, behielt er die Perspektive einer Einpersonen-Psychologie bei. Den Hintergrund für den Umbau bildete die Erfahrung, dass sich die psychischen Prozesse auf Dauer nicht befriedigend Orten verschiedener Bewusstheit zuordnen ließen. Das galt vor allem für die Abwehrprozesse, die teils unbewusst, teils bewusst ablaufen.

So gelangte er zu einer veränderten Sichtweise, indem er begann, die Prozesse von ihrer Funktion her zu betrachten, statt sie bestimmten Bereichen zuzuordnen. Auf diese Weise gelangte er zu drei seelische Funktionsbereichen, die er Instanzen nannte. Diese sind das Es, das Ich und das Überich.

Abb. 3: Instanzenmodell der Psyche (auch Strukturmodell genannt) nach Freuds Auffassung in Das Ich und das Es (1923).

•  Das Es umfasst das Leidenschaftliche, die Triebe sowie die verdrängten Phantasien, Wünsche und Vorstellungen.

•  Das Überich enthält das Moralische, die Werte und Normen, die durch die Erziehung und den Sozialisationsprozess vermittelt werden.

•  Das Ich repräsentiert die Vernunft. Es bildet die Steuerungsinstanz, die zwischen den verschiedenen Strebungen, zwischen Es und Überich und zwischen innen und außen vermittelt. Dieser Funktionsbereich rückte im weiteren Verlauf immer mehr in das Zentrum des Interesses, so dass man für Freuds Alterswerk ab etwa 1925 von einer ichpsychologischen Wende sprechen kann.

Das Instanzenmodell lässt den Bezug zum Anderen deutlicher erkennen als das frühere topische Persönlichkeitsmodell. Der Andere wird nach wie vor als Triebziel im Es konzipiert, also als Objekt der Triebe und der daran geknüpften Konflikte. Außerdem findet das gesellschaftliche Umfeld über die Erziehung Eingang in das Überich. Dieses entsteht, so Freud, im Wesentlichen durch den »Untergang des Ödipuskomplexes«, indem das Kind sich nämlich mit den Elternfiguren identifiziert und ihre normativen Vorstellungen übernimmt. Diese Idee des Überichs, die er in der Schrift Das Ich und das Es10 ausgearbeitet hat, ist ein früher Vorläufer einer interpersonellen Konzeption der Persönlichkeitsentwicklung, wie sie uns später im Kontext des Intersubjektivismus weiter beschäftigen wird.

Schließlich ist das Instanzenmodell eng mit der Vorstellung verbunden, dass das Subjekt in eine soziale (und natürlich auch materielle) Außenwelt eingebunden ist. In der Regulation der Beziehung zwischen innen und außen liegt eine der Aufgaben des Ichs. Es kontrolliert, z. B. durch die Funktion der Wahrnehmung, welche Forderungen an das Subjekt von außen herangetragen werden, und vermittelt, z. B. durch Handlungen, die Reaktionen darauf. Ebenso vermittelt es unter der Zensur des Überichs die Ansprüche des Es und setzt sie in sozial kompetentes Verhalten um.

Trotz all dem bleibt festzuhalten, dass Freud sich in seinem Werk vorrangig mit den innerseelischen Prozessen befasste und wenig mit den Beziehungen zu anderen oder gar mit der Bezogenheit. Das blieb auch nach der ichpsychologischen Wende in Freuds Spätwerk so.

Selbst die spätere Ichpsychologie, die dadurch angeregt wurde, blieb auf die Einpersonen-Perspektive begrenzt. Anna Freud, die sich als Ichpsychologin der Weiterentwicklung von Freuds Werk widmete, beschrieb mit den Abwehrmechanismen innerseelische Prozesse, die unter dem Druck der äußeren Realität entstehen.11 Und auch Hartmann, Kries und Loewenstein