Das weite Land der Seele - Georg Psota - ebook

Das weite Land der Seele ebook

Georg Psota

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Opis

Depression, Demenz und Burn-out-Syndrom bestimmen das Krankheitsbild unserer Zeit. Ein Reiseführer zu unserer Psyche. Was tut uns Menschen psychisch gut, vom Baby- bis zum Greisenalter? In einer Zeit, in der seelische Erkrankungen und auch Verirrungen zunehmen, in der sich das Bild unserer Gesellschaft rasant verändert, in der die Menschen immer gestresster und überforderter sind. Philosophen beschrieben dieses Phänomen noch vor wenigen Jahren mit dem Titel „Die Müdigkeits-Gesellschaft". Zunehmend scheint sich diese Müdigkeit in Ängsten und Ratlosigkeit zu verdichten. Die Autoren nehmen den Leser mit auf eine Expedition in die wundersame Welt der Psyche. Sie beantworten Fragen, die jedem von uns schon einmal begegnet sind, wenn sich die Seele in einem Ausnahmezustand befindet, und stellen neue Fragen an eine immer verrücktere Welt.

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Georg Psota Michael Horowitz

Das weite Land der Seele

Über die Psyche in einer verrückten Welt

Unter Mitarbeit von Angelika Horowitz

Residenz Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.at

© 2016 Residenz Verlag GmbH Salzburg – Wien

Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Thomas Kussin Lektorat: Stephan Gruber, feintext.eu ISBN ePub: 978 3 7017 4538 8 ISBN Print: 978 3 7017 3394 1

INHALT

Vorspiel von Manfred Lütz

Einführung von Georg Psota

Kapitel 1: Angst

Kapitel 2: Demenz

Kapitel 3: Burnout

Kapitel 4: Depression

Kapitel 5: Sucht

Kapitel 6: Essstörungen

Kapitel 7: Persönlichkeitsstörungen

Kapitel 8: Sexualität

Kapitel 9: Trauma und Seele

Kapitel 10: ADHS

Kapitel 11: Psychose und Zwang

Kapitel 12: Neurosen

Kapitel 13: Psyche und Gesellschaft

Kapitel 14: Therapien

Kapitel 15: … und bleiben Sie gesund!

Nachspiel von Michael Horowitz

Vademecum der Seele

Quellen

VORSPIEL VON MANFRED LÜTZ

IRRE!

Das ist ein Buch für jeden. Wenn ein Drittel der Österreicher irgendwann im Leben einmal psychisch krank wird und die anderen zwei Drittel irgendwelche Angehörigen haben, die psychisch krank sind, dann ist dieses Buch selbstverständlich das wichtigste Buch des Jahres.

Denn nach wie vor herrschen in unserer Gesellschaft mittelalterliche Vorstellungen über Psychiatrie und Psychotherapie. Das hat damit zu tun, dass psychische Krankheiten den Menschen ziemlich unheimlich sind. Man hat Angst davor und weicht deswegen dem Thema gerne aus, nach dem Motto: »Damit kann ich mich ja immer noch beschäftigen, wenn es so weit ist.« Aber das ist natürlich kompletter Unsinn, denn dann ist es definitiv zu spät. Wenn Sie dement sind, lesen Sie wahrscheinlich keine Bücher mehr über Demenz; wenn Sie schizophren werden, halten Sie im Zweifel erst mal alle anderen für verrückt; und wenn Sie schwer depressiv werden, glauben Sie – fälschlicherweise! –, jetzt könne ohnehin nichts mehr helfen. Da ich aber, wenn ich Sie während des Lesens dieses Vorworts so anschaue, den Eindruck habe, dass Sie zurzeit weder dement noch schizophren noch auch depressiv sind, haben Sie dieses Buch gerade noch zur rechten Zeit gekauft. Und nicht nur das. Sie lesen dieses Buch auch noch, was heute kaum noch üblich ist, da Bücher im Wesentlichen zum Verschenken da sind – deswegen werden sie auch so fest eingeschweißt, damit nichts drankommt.

Was können Sie von der Lektüre dieses Buches erwarten? Zunächst einmal natürlich Bildung! Sie können hier auf allgemein verständliche und sogar unterhaltsame Weise etwas über psychische Krankheiten lernen. Das ist ein ganz wichtiger Teil der Allgemeinbildung, und so gewinnen Sie sogar noch die nächste Quizshow! Außerdem werden Sie keine Angst mehr haben vor psychischen Krankheiten oder vor psychisch Kranken. Denn Angst hat man nur vor dem Unbekannten. Wenn Sie lernen, dass man die meisten psychischen Krankheiten heilen kann, dass der durchschnittliche Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in Österreich Tage (in Deutschland drei Wochen!) beträgt und dass man auch mit psychischen Erkrankungen arbeitsfähig und liebesfähig bleiben kann, dann kann das jetzt schon Ihre Lebensqualität heben, weil Sie optimistischer und selbstgewisser in die Zukunft Ihres Lebens schauen können. Vor allem aber können Sie so sensibler werden für psychische Krankheiten bei anderen Menschen. Firmen, die professionell mit psychischen Krankheiten ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen umgehen, haben weniger Ausfälle zu verzeichnen, haben ein besseres Betriebsklima und erwirtschaften damit mehr als solche, denen das psychische Wohl ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichgültig ist.

Zu einem kompetenten Umgang mit dem Thema gehört aber auch, dass man weiß, dass die schweren psychischen Krankheiten in den vergangenen Jahren keineswegs zugenommen haben. Was zugenommen hat, ist die Tendenz unserer Gesellschaft, Lebensprobleme zu psychischen Krankheiten hochzujazzen. Das aber ist – je nachdem – kostspieliger oder lukrativer Unsinn. Wir Psychoexperten wissen sehr viel über die Behandlung von psychischen Krankheiten, das heißt aber nicht, dass wir etwa mehr Lebenserfahrung haben als ein altes Mütterchen aus dem Wienerwald. Wenn eine Frau plötzlich von ihrem Mann verlassen wird, kann sie das tief erschüttern, und das ist manchmal schlimmer als eine schwere Depression – aber es ist keine Krankheit, sondern eine gesunde Reaktion auf eine schreckliche Situation. Und eine solche Frau braucht keine junge Psychotherapeutin, die gar keine Lebenserfahrung hat, die braucht vielleicht eine gute Freundin, die womöglich selbst schon einmal so etwas bewältigt hat und die sie nachts anrufen kann, wenn ihr die Decke auf den Kopf fällt.

Die Leute denken immer, wir Psychotherapeuten hätten Lebenserfahrung. Ja, woher denn? Wir haben in der Regel auf dem Schulhof nie mitgespielt, weil wir ein gutes Abitur erreichen wollten, haben dann viele dicke Bücher gelesen, tragen deswegen eine Brille und verbringen jahrzehntelang unsere Zeit mit gestörten Menschen in hässlichen kleinen Räumen – da haben Sie keine Lebenserfahrung. Wo Psychoexperten sehr kompetent raten und behandeln können, darüber handelt dieses Buch, aber es handelt eben auch über die Grenzen von Psychokompetenz.

Mein 2009 erschienenes Buch »Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen« hat damals vielen die Augen geöffnet für die eigenen psychischen Störungen und für die ihrer Angehörigen, und es hat zu nützlichen gesellschaftlichen Debatten geführt. Auch dieses Buch, »Das weite Land der Seele«, hat das Zeug dazu. Georg Psota ist einer der erfahrensten Psychiater Österreichs. Er arbeitet nicht irgendwo im Labor, sondern er kennt unzählige psychisch Kranke und hat ihnen geholfen, weil er weiß, wie man ihnen hilft. Darüber schreibt er hier. Wenn Sie das Buch gelesen haben, können Sie unterscheiden zwischen echten Psycho-Experten und unseriösen Psycho-Gurus. Die seriösen Experten werden Ihnen immer ganz offen sagen, was sie nicht können, aber dann auch wirklich helfen mit den großartigen Therapiemethoden, die die Wissenschaft in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Den Gurus können Sie dann ganz einfach die Luft rauslassen.

Vor allem aber werden Sie die vielen psychisch Kranken kennenlernen, die zumeist unglaublich liebenswürdige Menschen sind, die unsere Gesellschaft farbiger und damit auch menschlicher machen als all die langweiligen Normopathen, die so normal sind, dass es wehtut. Das Buch macht Sie also klüger und zuversichtlicher, denn was immer Ihre Psyche in Ihrem Leben an Kapriolen schlagen wird, Sie wissen jetzt, was man tun kann. Vor allem aber ist dieses Buch eine unterhaltende Lektüre mit vielen spannenden Geschichten, die das Leben schrieb, das wirkliche Leben.

EINFÜHRUNG VON GEORG PSOTA

VON VER-RÜCKTEN UND NORMALEN

»Alle haben eine Psyche, deshalb glauben alle, sie verstehen etwas davon …« – ein ewig gültiger Satz des großen Wiener Psychiaters Stephan Rudas. Der Wissensstand über das Psychische ist – im Gegensatz zur Selbstwahrnehmung der Gesellschaft – jedoch weiterhin sehr gering, sowohl im Bereich der psychischen Gesundheit als auch bei psychischen Erkrankungen. Dies betrifft sowohl das einzelne Individuum als auch die Gesellschaft als Ganzes. Und es bringt Nachteile mit sich – für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft, für die Staatengemeinschaft, für alle, und ganz besonders für diejenigen, die psychisch erkrankt sind. Dieses Buch soll ein Beitrag über notwendiges Wissen zum Thema Psyche sein, ein Beitrag zur Aufklärung und Vorbeugung, aber noch viel mehr ein Beitrag zum grundlegenden Verstehen der Landkarte vom weiten Land der Seele.

Psychiatrie bedeutet aus dem Altgriechischen übersetzt »Seelen-Heilkunde«. Sie ist ein medizinisches Fach, genauso wie zum Beispiel die Chirurgie. Für beide Spezialfächer ist ein erfolgreich abgeschlossenes Medizinstudium und eine daran anschließende gemeinsame praktische Ausbildung Voraussetzung für die weitere Spezialisierung.

Psychologie bedeutet »Seelen-Kunde«. Das allein sagt bereits aus, dass es dabei nicht primär um Erkrankung und Heilung geht. Sie ist kein medizinisches Fach und hat eine völlig andere Ausbildung.

Psychotherapie bedeutet »Seelen-Behandlung«. Sie ist ebenso kein medizinisches Spezialfach. Sie wird im Rahmen einer psychotherapeutischen Ausbildung erlernt. Weder Medizinstudium noch Psychologiestudium sind dafür Voraussetzung. Sehr viele Psychotherapeuten in Österreich waren vorher als Lehrer, Sozialarbeiter, Priester, Sozialpädagogen oder Krankenschwestern tätig. Allerdings gibt es auch viele Ärzte, darunter besonders viele Psychiater, und Psychologen, die zusätzlich eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert haben.

Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie – drei Begriffe, die permanent vermischt werden; drei Berufe mit unterschiedlichen Ausbildungen und Aufgabenstellungen.

Wie kann es sein – und wenn es so ist, darf es nicht so bleiben! – dass die Bevölkerung über Depression ganz wenig und über Schizophrenie gar nichts weiß? Was ist Schizophrenie? Antworten wie »Bei Vollmond wird es schlimmer« oder »Schizophrene wurden von Sigmund Freud mittels Psychoanalyse geheilt« sind keine Seltenheit. Besonders häufig ist auch von »gespaltener Persönlichkeit« die Rede. All das ist völlig falsch. Leider ist dieser Irrglaube auch an nicht-psychiatrischen Abteilungen mancher österreichischer Krankenhäuser verbreitet. Das heißt: Auch Ärzte und Pflegepersonal verschiedener medizinischer Bereiche haben keine Ahnung, welche Krankheit Schizophrenie ist. Und auch in der Literatur wird das Adjektiv »schizophren« als abwertend für etwas »Gespaltenes« verwendet – obwohl Schizophrenie mit Persönlichkeitsspaltung nichts zu tun hat.

Dieses Buch will auch dazu beitragen, dass nicht mehr von »schizophrenen Situationen«, »schizophrenen Konstellationen« und ähnlichem Unsinn gesprochen wird. Denn: Schizophrenie ist nicht eine Krankheit, sondern setzt sich aus mehreren zusammen. Es geht um die Gruppe der Schizophrenien; diese Erkrankungen sind durch massive Veränderungen im Wahrnehmen, Erleben, Denken und Fühlen gekennzeichnet. Und das zeitweilig oder andauernd. Was hat das mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun? Absolut nichts! Dieses Buch will sich auch dagegen wenden, dass man immer wieder Sätze wie »Das ist ja schizophren!« als Beschimpfung hört. Das ist genauso unpassend und falsch wie »Das ist ja diabetisch!«. Also: »Diabetisch« hat mit »diabolisch« nichts zu tun und »schizophren« nichts mit »gespalten«.

Kaum jemand weiß, dass psychische Erkrankungen, beispielsweise die Depression, ebenso häufig vorkommen wie Diabetes. Rund zehn Prozent aller Menschen werden innerhalb eines Jahres von Panikattacken überfallen. Diese sind neben Depression, aber auch Demenz und Alkoholismus inzwischen zu einer Volkskrankheit geworden – eine Tatsache, die kaum bekannt ist. Das ist weder für die Betroffenen, deren Angehörige und Freunde noch für die Gesellschaft gut. Denn dadurch wird die Vorbeugung und die frühe Behandlung massiv erschwert, die mögliche Genesung oder Heilung verzögert. Auch daher dieses Buch.

Aber auch deshalb, weil die Welt immer »ver-rückter« wird. Auch die »normale« Welt – was immer das ist. Denn oft sind nicht die »Verrückten« verrückt, sondern die »Normalen«. Die Gesellschaft will das nicht immer wahrnehmen, vieles wird verdrängt, manches auch verleugnet. Verleugnung ist mehr als eine Ausrede, Verleugnung ist nicht »schwindeln«, sie ist viel tiefer gehend. Sie ist die Ausblendung der Wahrnehmung. Für Sigmund Freud war sie einer der heftigsten Abwehrmechanismen. Keineswegs wird diese Abwehr der Realitätswahrnehmung nur von psychisch kranken Menschen angewendet. Im Gegenteil – sie ist ein gesellschaftliches Phänomen.

Ein trauriges Beispiel für Verleugnung als Realitätsverweigerung ist derzeit in Österreich – und in ganz Europa – zu bemerken. Wir erleben momentan eine Epoche der panischen Xenophobie: der Angst vor den Fremden und auch der Angst vor dem Fremden. Ein verhaltensbiologisch alter Mechanismus feiert gerade unfröhliche Urständ. Der 500 Millionen Menschen umfassende Einzugsraum Europa, ein völlig überalterter Subkontinent, wird mit Flüchtlingen konfrontiert. Eineinhalb Millionen Menschen, die in einen Lebensraum flüchten, in dem eine halbe Milliarde Menschen lebt, bringen Europa ins Wanken, an den Rand des Zerfalls. Das ist verrückt! Wirklichkeit und Wahrnehmung sind nicht völlig ident, haben jedoch eine hohe Korrelation. Wenn die Wahrnehmung von der Wirklichkeit völlig losgelöst abrückt – dann ist die Wahrnehmung verrückt geworden. In einem ver-rückten Europa. Allerdings ist diese Verrücktheit nicht die Folge einer psychischen Erkrankung, nicht einmal der Xenophobie, sondern anderer psychodynamischer Kräfte, also von Kräften, die auf die Psyche einwirken.

Und wieder ist man mit Verleugnung konfrontiert: In Syrien tobt seit fünf Jahren ein grauenhafter Krieg. Der heftigste seit dem Vietnamkrieg. Es gibt dort mittlerweile etwa eine halbe Million Tote, zwei Millionen Verwundete und mehr als zehn Millionen Flüchtlinge. Syrien, einer der Hochkulturräume des Vorderen Orients, war – was etwa die Alphabetisierung und die Akademikerquote betrifft – vor dem Krieg durchaus mit europäischen Ländern vergleichbar. Die westlichen Länder haben während der letzten Jahre mit lukrativen Waffengeschäften viel Geld verdient. Dies ist nicht eine Frage des Standpunktes, dies ist eine Tatsache. Die Menschen in Syrien haben – sofern sie nicht unmittelbar einer der bewaffneten Gruppen angehören – nur die Option, von Bomben in Stücke gerissen zu werden oder bei Feuerwechseln gekillt, die Frauen vergewaltigt, die Männer versklavt zu werden. An banalen Erkrankungen mangels medizinischer Versorgung oder am Hunger zu krepieren. Die syrische Bevölkerung ist von allen Seiten bedroht. Am meisten vom IS, dem sogenannten Islamischen Staat, der sowohl Elemente von religiösem Fanatismus als auch Grundstrukturen, die an SA und SS erinnern, vereint. Wer diese Tatsachen (ver)leugnet, blendet Wirklichkeit aus. Dies geschieht aber in weiten Teilen der europäischen Öffentlichkeit.

Andererseits wird aber auch verleugnet, dass es sehr unterschiedliche Gruppen von Menschen gibt, die nach Europa drängen. Ein großer Teil kommt aus Syrien und aus Regionen, in denen die Schergen der Taliban ihr Unwesen treiben. Doch nicht alle: Etwa ein Drittel der Ankömmlinge hat nach den geltenden Konventionen kein Anrecht auf Asyl. In der öffentlichen Wahrnehmung werden derzeit verfolgte Familien aus syrischen Kriegsgebieten mit Glücksrittern aus allen möglichen Regionen vermischt. Der Verlust des Differenzierens ist, psychiatrisch gesehen, immer ein Rückfall in eine geringere Entwicklungsstufe. Wir nennen das bei einzelnen Menschen Regression – eine in aller Regel ungünstige Entwicklung.

»Das weite Land der Seele« ist ein Buch, das nicht wegen der europäischen Realitätswahrnehmungs-Verweigerung im Zusammenhang mit Flüchtlingskrisen geschrieben wurde. Mit diesem Beispiel soll aber aufgezeigt werden, was ein psychischer Abwehrmechanismus wie Verleugnung bedeutet. Das Ausweichen auf einen derart primitiven Reserve-Abwehrmechanismus bringt eine scheinbar erwachsene Gesellschaft in eine verrückte Situation. Die Verrücktheit großer Teile der Gesellschaft, die sich selbst als »normal« – also als Norm – definieren, war und ist für die Menschheit gefährlich. Weit gefährlicher, als es psychisch Kranke jemals sein können. Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren davon gezeichnet.

Psychische Erkrankungen verschiedener Art und verschiedenen Schweregrades sind alles andere als selten. Wie alle anderen Erkrankungen auch. Untersuchungen der letzten Jahre dokumentieren, dass 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres kurzfristig, zeitweilig, wiederholt oder andauernd davon betroffen sind. Mittelgradige oder schwere Erkrankungsformen oder Erkrankungsdimensionen betreffen allerdings höchstens etwa ein Drittel davon. Also zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres. Die großen Katastrophen der Menschheit – in aller Regel von Menschen verursachte Katastrophen – werden aber immer von der überwiegenden Mehrheit ausgeführt und gebilligt. Mit anderen Worten, um den Psychiater und Theologen Manfred Lütz zu zitieren: Wer schützt uns vor den Normalen? Ich kann diese provokante Frage nicht beantworten, aber ich weiß, dass die »normale Ver-rücktheit« enorme Kraft hat, auch in der Zerstörung.

Ein bemerkenswerter Briefwechsel zeugt davon: jener zwischen Sigmund Freud und Albert Einstein, geschrieben 1932, als Buch erschienen unter dem Titel »Warum Krieg?«. Der Vater der Relativitätstheorie hatte den Vater der Psychoanalyse nur ein einziges Mal persönlich getroffen, aber beide haben mit ihren Theorien unsichtbare Universen erschlossen. Und dabei sehr viel Widerstand erlebt. Einstein wurde nach dem Treffen zu Beginn des Jahres 1927 der Vorschlag gemacht, sich bei Freud einer Psychoanalyse zu unterziehen. Daran ist gut erkennbar, dass sich die Psychoanalyse auch um psychisch gesunde Menschen bemüht. Einstein lehnte mit dem Satz »Ich möchte gern im Dunkel des Nicht-Analysiertseins verbleiben« dankend ab. Auch Freud äußerte sich amüsiert über das besagte Treffen und schrieb über Einstein: »Er ist heiter, sicher und liebenswürdig, versteht von Psychologie so viel wie ich von Physik, und so haben wir uns sehr gut gesprochen.«

Im Gegensatz zur distanzierten und humorvollen Beziehung der beiden war Einsteins Frage in seinem kurzen Brief an Freud überaus ernsthaft: »Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, dass sie den Psychosen des Hasses und Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden?« Freuds ausführliche Antwort, die in diesem Buch im Kapitel »Psyche und Gesellschaft« behandelt wird, ist wirklich empfehlenswert.

Fest steht: Der Hass und das Vernichten-Wollen sind nicht Krankheiten im psychiatrischen Sinn, keine Psychosen, sondern ein widerlicher Teil der menschlichen Natur. Des Raubtieres Mensch. Eine solche Beschreibung haben sich Menschen, die an Psychosen erkrankt sind, nicht verdient. Denn es ist eine Störung jener »Normalen«, vor denen man Schutz einfordern muss.

Auch deshalb dieses Buch.

KAPITEL 1: ANGST

ANGST ESSEN SEELE AUF …

In dem mehrfach preisgekrönten Film Angst essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder beantwortet die 60-jährige Protagonistin in einem Moment großen Glücks die Frage ihres um 20 Jahre jüngeren Geliebten, warum sie weine, so: »Weil ich so glücklich bin und weil ich solche Angst habe.« Daraufhin antwortet er: »Nix Angst, Angst nix gut. Angst essen Seele auf …«

Dieser einfach hingesagte Satz hat eine enorme Treffsicherheit. Denn genau so ist es: Angst isst die Seele auf. Angst ist ohne Zweifel eines der schlimmsten Gefühle, die der Mensch empfinden kann. Und wir alle sind bereit, wenn nicht gezwungen, sehr viel gegen dieses kaum erträgliche Gefühl zu unternehmen. Das Gegensteuern kann Vermeidung von potenziell Angst machenden Situationen sein, Kontrolle bis hin zu absurder Genauigkeit oder der Gebrauch und Missbrauch von angstlösenden Mitteln – manchmal bis hin zur Sucht.

Angst öffnet die Tore der menschlichen Psyche gleichsam für eine ganze Reihe von Störungen des Seelenlebens – von Angststörungen und der Depression über die Zwangsstörung bis zu Süchten und vielem anderen mehr. Erkrankungen auf Basis von Angstgefühlen, das heißt Angsterkrankungen, sind die häufigste Form psychischen Leidens – das gesellschaftlich oft akzeptiert ist, zumindest solange die Angstinhalte leicht nachvollziehbar sind. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass Kinder Angst haben, wenn sie hinunter in einen dunklen Keller gehen. Ebenso ist es nachzuvollziehen, dass viele Menschen Angst vor Prüfungen und Vorträgen oder Veränderungen im beruflichen Umfeld haben. Die Furcht, den Erwartungshaltungen anderer nicht zu entsprechen, sich zu blamieren, die Angst vor Erkrankungen, vor Höhe, vor engen Aufzügen, vor dem Fliegen, all das ist gesellschaftlich – mehr oder weniger – akzeptiert.

Dieses gesellschaftliche Verständnis gilt vor allem für anfallsartige Ängste. Für die generalisierte Angststörung hingegen – mit einem chronischen, also andauernden sorgenvollen Grübeln, permanenter Angstspannung und dem Ausmalen zahlreicher möglicher Katastrophen – gilt es weniger. Vieles im Spektrum der Ängste ist natürlich, und dennoch gibt es gewisse Eckpunkte, ab denen die Dimension, das Ausmaß der Angst als Reaktion auf eine Belastung und in Relation zur jeweiligen Belastung bereits eindeutig krankheitswertig ist.

PAUL UND EIN PSYCHIATER AUS WIEN

Paul entstammt einer Familie mit psychosozialen Problemen: Die Mutter war Alkoholikerin, der Vater über viele Jahre Alleinerzieher. Geld und Wohnraum waren immer knapp. Dennoch schaffte es der 25-Jährige, als Softwaretechniker nach Australien auszuwandern. Er heiratete, die Ehe war harmonisch, und im Job war Paul erfolgreich. Bis er sich nach einigen Jahren um seinen beruflichen Werdegang sorgte. Körperliche Beschwerden wie Schwindelgefühl und Kopfschmerzen wurden immer häufiger. Und auch das Angstgefühl, dass sein Blutdruck erhöht sein könnte. Eine berechtigte Angst – Pauls Vater war schon in relativ jungen Jahren an einem Schlaganfall infolge zu hohen Blutdrucks gestorben. Es folgte der Weg zur Hausärztin. Blutbefund und Blutdruck waren in Ordnung: Er sei »körperlich gesund«. Kurze Erleichterung. Doch bald zweifelte Paul die Ergebnisse an. Die Angst hatte ihn wieder.

Einige Wochen später überfiel ihn am Weg ins Büro bei der Fahrt über eine Brücke eine plötzliche Attacke von Atemnot, und er geriet in Panik, dass die Brücke einstürzen könnte. Die Autofahrt und die darauffolgenden Minuten im Aufzug hinauf in den sechsten Stock wurden zum Horrorszenario. Binnen kurzer Zeit war Paul inmitten einer Angstspirale. Er ging mithilfe vieler Ausreden nicht mehr zur Arbeit, da es ihm unmöglich war, sein Büro zu erreichen. Ebenso wie das gemeinsame eheliche Schlafzimmer im ersten Stock. Spätestens jetzt musste er versuchen, seiner irritierten Frau die Ängste zu erklären.

Dieses Gespräch war der Beginn der Veränderung. Erster Schritt: neuer Hausarzt – dieser erkannte die Angsterkrankung. Zweiter Schritt: Krankschreibung. Dritter Schritt: Medikation. Vierter Schritt: Konsultation eines Psychiaters. Fünfter Schritt: Beginn einer Psychotherapie. Vier Monate später konnte Paul wieder seinem Beruf nachgehen. Die Psychotherapie war sehr erfolgreich. Paul lernte, mit seiner Angst umzugehen, sie zu ertragen und zu überwinden. Ein Jahr später beendete er die Therapie – zwei Stunden pro Woche – erfolgreich. Die Höhenangst, inklusive Panikattacken in Konfrontationssituationen, war vorüber.

Ich lernte Paul in Sydney kennen. Eines Abends begleitete er mich zur nahen Sydney Harbour Bridge. Damals war die Brücke noch ungesichert, die mächtigen, fast bedrohlich wirkenden Pfeiler ohne Geländer. Paul ging an den Rand eines Brückenpfeilers vor. Der Wind wehte, er drehte sich um und stand mit dem Rücken zum hundert Meter tiefen Abgrund. Seit damals sind 20 Jahre vergangen. Und Paul geht es weiterhin gut.

ÜBER DEN WOLKEN

Vera B., eine 50-jährige Patientin, war vor mehr als 20 Jahren wegen einer Angsterkrankung in Behandlung gewesen. Sie war beruflich tüchtig und glücklich verheiratet. Dennoch – und das, was nach diesem »dennoch« kommt, ist für Psychiater immer sehr wichtig – hatte sich in den letzten zehn Jahren hartnäckige Flugangst bei ihr festgesetzt. Auch Angst vor langen Bahn- und Autoreisen, allerdings nicht so extrem wie beim Fliegen. Vera B. hatte nun ein akutes Problem: In einer Woche würde ihre älteste Tochter in Norddeutschland heiraten, und die mehr als 2000 Kilometer lange Hin- und Rückreise verursachte bei ihr große Ängste. Dazu der familiäre Druck, das Gefühl des Versagens, der Wertlosigkeit und der Scham, nicht zu funktionieren, weil sie eine psychisch Kranke, eine »Verrückte« sei. In der Folge setzten massive Schlafstörungen ein, Vera war zunehmend verzweifelt – bis hin zu Suizidgedanken. In dieser Situation konsultierte sie eine psychiatrische Notfallhotline und bat um Hilfe wegen ihrer Flugangst – ohne die Suizidgedanken zu erwähnen. Die Antwort des Notfalldienstes – nämlich, dass diese Hotline nur für »echte« psychiatrische Probleme zur Verfügung stehe und nicht für Flugängstliche – ärgerte sie maßlos, und es blieb die verzweifelte Frage: »Was soll ich nur tun?«

Für die psychiatrisch-psychotherapeutische Intervention blieb jetzt nur wenig Zeit, die Hochzeit war in fünf Tagen. Als Erstes benötigte Vera ein Gespräch, bei dem man ihr nicht nur zu-, sondern auch in sie hineinhörte. Nur so konnte ich gemeinsam mit der Patientin erkennen, dass es sich um eine ganze Reihe von Ängsten handelte: Neben der Flugangst war es auch die soziale Angst vor der riesigen Hochzeitsgesellschaft. Gleichzeitig ging es um das Erkennen und Ansprechen, dass die Patientin trotz ihrer offenbar weiter bestehenden Angsterkrankung bereits sehr vieles geschafft hat. Und letztlich ging es darum, ihr zu versichern, dass sie mithilfe einer »Krücke« auch diese Situation schaffen würde. Diese Hilfe war eine durchaus deftige Gabe eines angstlösenden Medikamentes, das akut wirkt und den Patienten einen Flug überstehen lässt – ein Drittel der Dosis sofort als Prophylaxe und am Tag des Fluges eine Steigerung bis zur dreifachen Dosis. Innerhalb der darauffolgenden drei Tage sollte sie das Medikament wieder reduzieren und die Rückreise per Nachtzug antreten. Eine Weiterverordnung des Medikamentes komme nicht infrage. Das Abhängigkeitspotenzial dieser wirksamen Substanz sei für die nächsten acht Tage völlig irrelevant, aber ab dem Tag neun war die Einnahme strengstens verboten.

Das Ergebnis: Am neunten Tag rief eine glückliche, selbstbewusste und zufriedene Frau an. Sowohl die Reise als auch die Hochzeit seien wunderbar gewesen, außerdem habe sie statt der insgesamt über die Tage verteilten zehn Tabletten nur fünf gebraucht, die restlichen fünf Tabletten entsorgt, und zusätzlich werde sie ab sofort wieder in Psychotherapie gehen. Diese Intervention war für Vera genau richtig. Die Patientin rauchte nicht, ging mit Alkohol nicht missbräuchlich um und zeigte auch sonst keinerlei Suchtverhalten. Für andere Patienten muss diese Vorgangsweise allerdings nicht richtig sein: Der Mensch ist ein bio-psycho-soziales Wesen und braucht bei seinen individuellen Problemen individuelle Lösungen.

Etwa 30 Prozent der Flugreisenden haben während des Fliegens oder schon beim Einchecken und Einsteigen Angstgefühle unterschiedlichen Ausmaßes – ungefähr die Hälfte davon in leichterer Form, die andere Hälfte in schwerer und etwa fünf Prozent in massiver Weise. Diese Angst kann in verschiedener Weise auftreten und im sozialen Kontext so hinderlich sein, dass therapeutische Interventionen nötig sind. Auch solche, die über die von Fluglinien angebotenen Seminare zur Flugangstbewältigung hinausgehen.

DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER

So lautet der Titel eines Buches von Peter Handke. Es ist aber üblicherweise nicht der Tormann, sondern der Schütze, der Angst beim Elfmeter hat. Angst tritt in sozialen Situationen nämlich bei der Person auf, die etwas zu verlieren hat. Beim »Elfer« – einer sehr öffentlichen Angelegenheit – sind das der Elfmeterschütze, seine Mannschaft, sein Trainer und seine Anhänger. Alle anderen haben Hoffnung.

Auch Schauspieler, Moderatoren, Vortragende, Prüflinge, Politiker – kurz: alle, die öffentlich auftreten – haben Angst. Außer sie haben für diese Situation unendlich viel Routine erreicht, dann spricht man von einer Desensibilisierung. Oder es sind Psychopathen, denen mangels ihres Über-Ichs jede eigene kritische Kontrollinstanz fehlt, was oft sehr »cool« wirken kann – es aber überhaupt nicht ist. Leider erkennt das Publikum – oft auch die Wähler – diese Ver-rücktheit erst an den Folgen, die diese pseudo-coolen Wesen hinterlassen. Und selbst die Ursachen dieser Folgen werden vom Publikum manchmal verleugnet, was nicht gerade für die Einsichtsfähigkeit dieser Menschen spricht.

Ab einem gewissen Ausmaß von Angst vor öffentlichen Auftritten kann dies zu einer großen Bürde, manchmal sogar zu einem Berufshindernis werden. Die Psychiatrie nennt dieses Beschwerdebild Soziophobie, also die Angst (Phobie) vor sozialen Situationen. In aller Regel gibt es dafür ausgezeichnete Hilfe; oft ist die korrekte Diagnose, die Benennung und die Erklärung dazu schon der Beginn der Therapie. Nicht selten sind zu Beginn der Behandlung serotoninaktive Antidepressiva hilfreich, sie wirken allerdings erst im Verlauf von Wochen bis Monaten. Oft liegt der Schlüssel zur Problembewältigung in verschiedenen Formen der Psychotherapie, häufig in der Kombination beider Behandlungsformen. Fast immer geht es darum, das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu stärken und ihre Angst zu relativieren. Viktor Frankls paradoxe Intention bei einem Patienten, der in verschiedenen sozialen Situationen so sehr in den Händen zu schwitzen begann, dass er sich niemandem die Hand zu geben traute, war: »Dann stellen Sie sich einmal vor und beschließen ganz fest, dass Sie Weltmeister im Händeschwitzen werden, Ströme von Schweiß fließen lassen und damit das ganze Besprechungszimmer fluten!« Das war und ist wirksam. Oft hilft es sogar, verärgert, ja, verbal aggressiv reagieren zu dürfen. Denn sehr häufig haben soziophobe Patienten eine mächtige Aggressionshemmung. Daher kann es hilfreich sein, mit Patienten das Schimpfen zu üben.

ANGST VOR ALLEM

Es gibt Menschen, die fast ununterbrochen besorgt bis ängstlich sind. Besorgt um sich selbst, aber oft noch mehr um die anderen. Es könnte etwas Unerfreuliches passieren, es könnte jemand zu Schaden kommen, es könnte sich jemand erkälten, es könnte sich daraus eine schreckliche Erkrankung entwickeln, es könnte jemand bei einer Reise verunglücken, es könnte, es könnte, es könnte … Und, ganz besonders mühsam: Ich könnte falsche Entscheidungen treffen! Bei allem und jedem. Bei dem, was ich anziehe, was ich gerade gekauft habe, welche Route ich zur Arbeit wähle, was ich gesagt habe oder was ich sagen werde, was ich wem schreibe, wohin ich auf Urlaub fahre …

Dieser Art von Ängsten sind keine Grenzen gesetzt. Wenn jemand eine chronisch negative Erwartungshaltung und damit verbunden eine chronische Besorgnis und Angst hat – häufig mit zusätzlichen Angstspitzen –, dann nennt man das generalisierte Angststörung (Generalized Anxiety Disorder, GAD). Dies erscheint auf den ersten Blick vielleicht harmlos, ist es aber nicht. Die davon betroffenen Menschen können bereits in leichteren Dimensionen der Erkrankung heftige Angstfantasien entwickeln, in schweren Ausprägungen sind Menschen mit einer GAD diesen bedrohlichen Fantasien fast völlig ausgeliefert. Das ist auch für die Angehörigen sehr belastend. Denn man hat ständig den Druck, dem Kranken diese Ängste zu nehmen: in der Sekunde der Landung des Flugzeuges anzurufen und zu versichern, dass man den Flug überlebt hat; dass man bei der Taxifahrt nicht tödlich verunglückt ist; dass man ohne Unfall das Büro erreicht hat und so weiter. Tut man all das nicht, kann es passieren, dass der Kranke dadurch eine zusätzliche überfallsartige Angst, eine Panikattacke, bekommt – und damit verbunden eventuelle Herzanfälle und Blutdruckkrisen. Legionen von Kindern und Jugendlichen, die durchaus in der Lage und noch mehr gewillt sind, ein selbstständiges Leben zu führen, sind bei diesen Interaktionen schon in Schwierigkeiten geraten. Dem Sohn einer an GAD erkrankten Mutter bleibt die Wahl zwischen »Muttersöhnchen« und »Monster an Undankbarkeit«.

Woher kommt dieses Krankheitsbild? Zum einen haben Menschen mit GAD häufig in frühen Jahren Angst fixierende Erfahrungen gemacht, und oft treten GAD-Symptome auch erst Jahre später in Erscheinung. Zum anderen gibt es auch hier eine nicht unerhebliche genetische Disposition, die noch dadurch verstärkt wird, dass ein an GAD erkrankter Elternteil über seine Vorbildfunktion vermittelt, dass das Leben vor allem durch sorgenvolle, ängstliche Vorsicht bewältigt werden muss.

Um an GAD erkrankten Menschen zu helfen, gibt es sowohl verschiedene psychotherapeutische als auch medikamentöse Möglichkeiten. Bei stärkerer Ausprägung ist eine Therapie mit antidepressiver Medikation und/oder der Substanz Pregabalin dringend zu empfehlen, auch zusätzlich zur Psychotherapie. Ansonsten ist mit schweren Depressionen in späteren Jahren zu rechnen.

HÄUFIGKEIT UND SYMPTOME

Eine 2014 publizierte Studie zur Häufigkeit von psychischen Störungen in der Allgemeinbevölkerung, durchgeführt von einer Forschergruppe des renommierten Berliner Robert Koch-Institutes, brachte für Angsterkrankungen folgendes Ergebnis: Innerhalb von zwölf Monaten leiden 16,2 Prozent der deutschen Bevölkerung an verschiedenen Formen von Angsterkrankungen. Die wesentlichsten speziellen Formen sind Panikattacken, Soziophobie, Agoraphobie sowie die generalisierte Angststörung. Während Panikattacken anfallsartig auftreten, ist die generalisierte Angststörung von einer lang andauernden, schwelenden Angst gekennzeichnet. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Zu den Symptomen gehören neben dem psychischen Gefühl der Angst oder andauernder Besorgtheit auch eine ganze Reihe von körperlichen Erscheinungen, die sowohl körperlicher Ausdruck der Angst sind, als auch zusätzlich wieder Angst machen: vor allem Schwindel, Schwitzen, Herzklopfen und Händezittern. Angstgefühle haben häufig ebenfalls körperliche Inhalte wie Angst vor Herzinfarkt oder Lähmungsgefühle. Auch die Angst, die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden, gehört zu den akuten Paniksymptomen. Bei der Agoraphobie, der Angst vor der Außenwelt, geht es um das ängstliche Gefühl beim Verlassen des Hauses, das Meiden von weiten Plätzen, von Reisen. Die Klaustrophobie, die Angst vor engen Räumen wie öffentlichen Verkehrsmitteln oder Aufzügen, ist eine Variante der Angst vor der Außenwelt.

Spezifische Phobien, zum Beispiel vor Hunden, haben sehr unterschiedliche Schweregrade und eine starke Beziehung zu konkreten traumatisierenden Ereignissen und können bereits im Kindesalter auftreten. Auch soziale Phobien beginnen häufig während der Jugendzeit, können aber auch in späteren Jahren erstmals auftreten. Panikstörungen hingegen beginnen oft im dritten Lebensjahrzehnt, die GAD meist etwas später. Generell kann auch bei den beiden Letztgenannten ein späterer Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens vorkommen, auch in Verbindung mit einer Depression.

Woher? Weshalb? Warum? Gelegentlich ist auch die Frage »Wozu?« angebracht, und die vielleicht beste psychiatrische Frage zum Auftreten von Angsterkrankungen (und nicht nur dazu) lautet: »Warum gerade jetzt?« Allein diese Frage enthält schon ein Milligramm psychotherapeutischen Ansatz und deutet auf die ereignisreaktive oder situationsreaktive Komponente von Angsterkrankungen hin. Selbstverständlich geht es auch darum, ob man die Gelegenheit hatte, Bewältigungsmechanismen durch vertrauensvolle Beziehungen und nahe Vorbilder zu entwickeln, oder ob früher und auch in darauffolgenden Jahren eine fortgesetzte Traumatisierung stattgefunden hat. Aber: Der Mensch ist auch ein biologisches Wesen, und Studien zufolge bewegt sich die genetische Komponente bei Angsterkrankungen zwischen 20 und 50 Prozent.

THERAPIE

Als Therapie gibt es mehrere Möglichkeiten, sowohl medikamentöser als auch psychotherapeutischer Art, die immer individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt sein müssen. Untersuchungen zur Wirksamkeit von verschiedenen Behandlungsformen ergeben vor allem für die Panikattacken-Erkrankung, dass die Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie erfolgreicher ist als die eine oder andere Variante alleine. Vermutlich ist das auch bei der generalisierten Angststörung und der Soziophobie so – allerdings ist dies nicht so deutlich durch Studien belegt.

Jene Phobie und damit Angststörung, die derzeit Europa am meisten bewegt, ist die bereits erwähnte Xenophobie, also die Angst vor allem, was fremd ist. Die entsprechende Feindseligkeit als Folge dieser Angststörung wird im eigenen Kapitel »Psyche und Gesellschaft« beleuchtet. Die Xenophobie ist weit mehr ein gesellschaftliches als ein individuelles Phänomen. Sie verläuft nach massenpsychologischen Gesichtspunkten und ist auch von Mechanismen getragen, die man Manipulation nennt.

KAPITEL 2: DEMENZ

SONNENUNTERGANG DES LEBENS

»Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist« – zumindest in der Johann-Strauss-Operette »Die Fledermaus« rund um Herrn von Eisenstein und seine Frau Rosalinde, das Stubenmädchen Adele, den Prinzen Orlofsky und den Gefängniswärter Frosch. Zumindest für Demenzkranke und ganz besonders für ihre Angehörigen trifft das »glückliche Vergessen«, meist in Champagnerlaune, nicht zu.

Als die Frau eines 80-jährigen bekannten Wiener Mediziners zu einer Angehörigenberatung erscheint, bedeutet es für sie eine große Überwindung, diesen Termin wahrzunehmen. Doch als sie zu erzählen beginnt, sprudelt es nur so aus ihr heraus: Ihr Mann sei zwar noch immer in der Lage, einigermaßen gut gelingende Vorträge über sein Spezialgebiet zu halten, aber im Gegensatz zu früher sei er »unglaublich vergesslich«. Manchmal kennt er den Namen seiner Nachbarn, die seit 40 Jahren nebenan wohnen und deren Geburtstage er früher auswendig wusste, nicht. Auch die Namen seiner fünf Enkelkinder weiß er nicht immer. Verabredungen vergisst er regelmäßig. Aber er schafft es immer noch, sich aus peinlichen Situationen, die sich aus dieser Vergesslichkeit ergeben, herauszureden. Wohl aufgrund seiner früheren Eloquenz. Kürzlich habe sie sein Telefon im Kühlschrank gefunden …

Ähnlich ergeht es der Tochter von Frau S., einer 85-jährigen ehemaligen Schauspielerin. Sie ist mit den Nerven am Ende, weil sie bis zu 40-mal pro Tag von ihrer Mutter angerufen wird. Die Mutter vergesse, dass sie bereits angerufen habe, und frage wiederholt – vor allem morgens und abends – nach der Uhrzeit. Auch das Datum weiß sie nicht mehr, die Jahreszahlen verwechselt sie ständig. Zwei Wochen später lerne ich die alte Dame kennen. Sie wirkt verloren, verschleiert dies durch galantes Benehmen und stimmt nach einem lockeren Gespräch einer Untersuchung ihrer Konzentrationsfähigkeit zu. Es gibt dazu einen seit vielen Jahren standardisierten Gedächtnistest, bei dem sie bei allen möglichen verbalen Gedächtnisaufgaben gar nicht schlecht abschneidet. Nicht mehr so gut, dass es unauffällig wäre, aber immerhin erreicht sie 24 von 30 möglichen Punkten.

Der Psychologe Stefan Strotzka und ich experimentieren damals gerade mit der Untersuchung des Zeitverständnisses bei Demenzkranken, und ich bitte Frau S. daher, das Ziffernblatt einer Uhr zu zeichnen. Sie solle auf ein Blatt Papier den Kreis selbst zeichnen, mit allen zwölf Ziffern, und die Zeiger auf 11.10 Uhr stellen. Daran scheitert sie völlig: Frau S. vergisst den zweiten Zeiger, die zwölf Ziffern sind ebenfalls nicht annähernd richtig eingetragen, und im weiteren Gespräch wird klar, dass sie im Grunde kein Zeitverständnis mehr hat. Sie kann jedoch ohne Mühe aus dem Stegreif Passagen aus Theaterstücken zitieren. Das macht ihr sichtlich Freude. In der weiteren Abklärung stellt sich heraus, dass Frau S. eine mittelgradige Demenz hat. Ein Jahr später erhält sie eine hohe Schauspielauszeichnung und meistert die Situation mit Routine und Eleganz. Auch Menschen mit Demenz können souverän, charmant und geistreich sein, wenn man sie entsprechend unterstützt und nicht dauernd auf ihre Defizite aufmerksam macht.

Wegen Depression infolge von Beziehungsproblemen – so die Selbstbezeichnung der Patientin – erscheint die 64-jährige Frau M., verheiratet mit einem 71-jährigen ehemaligen Unternehmer, der seit sechs Jahren sein Leben als Pensionist genießt. Die beiden sind erst seit fünf Jahren verheiratet. Davor war sie 25 Jahre lang Freundin und Geliebte des im Beruf sehr Erfolgreichen. Ein entschlossener Mann, sportlich, kulturell interessiert, distinguiert und beherrscht. Die Heirat erfolgte drei Jahre, nachdem seine Ex-Frau, die von dem Verhältnis gewusst und es akzeptiert hatte, verstorben war. Doch ihr Mann habe sich inzwischen gravierend verändert. Es begann vor drei Jahren. An den Dingen, die ihm früher wichtig waren, hat er das Interesse verloren, leider auch an ihr. Am schlimmsten sei, dass er, der früher nie mehr als ein, maximal zwei Glaserl Wein an einem Abend getrunken habe, jetzt ohne Ende trinke, wenn sie das nicht begrenze. Er wirke depressiv, zudem sei er kaum in der Lage, die richtigen Worte zu finden. Seine Sprache sei im Vergleich zu früher plump und derb. Auf die Frage nach seiner Körperpflege beginnt Frau M. heftig zu weinen: »Früher war er immer ein über die Maßen gepflegter Mann, jetzt muss ich ihn ständig daran erinnern, sich zu waschen, die Unterhose zu wechseln und sich die Zähne zu putzen …«

Was verbindet diese Geschichten von Angehörigen? Erstens, dass jeweils die Angehörigen kamen und um Hilfe baten. Zweitens waren alle drei Menschen an Demenz erkrankt. Auch der dritte Betroffene war primär kein Alkoholkranker, sondern hatte seine kognitive Kontrolle verloren. Zusätzlich verbindet alle drei Geschichten, dass es sich um mittelgradig demente Personen handelte. Man spricht in ihren Fällen von fortgeschrittener Demenz. In allen drei Fällen haben die Angehörigen mindestens so sehr – wenn nicht noch mehr als die Demenzkranken selbst – unter dieser krankheitsbedingten Veränderung gelitten. Bei Frau M., die 25 Jahre auf die Liebe ihres Lebens warten hatte müssen, war das besonders stark ausgeprägt. Neben dem Umstand, dass man sich um ihren dementen Gatten in der Folge sowohl diagnostisch als auch in der Behandlung und Betreuung kümmerte, benötigte auch sie selbst eine effektive, sowohl psychotherapeutische als auch medikamentöse antidepressive Hilfestellung im engeren Sinn.

DIE KRANKHEIT DES VERGESSENS

Immer wieder fragen mich Angehörige von Patienten sowie interessierte oder betroffene Bekannte und Freunde: »Ist es Demenz oder Alzheimer?« Das gleicht der Frage: »Ist es eine Lungenentzündung oder eine Bronchopneumonie?« Die Antwort lautet: Demenz beziehungsweise Lungenentzündung ist der jeweilige Oberbegriff, Alzheimer bzw. Bronchopneumonie jeweils ist die Unterkategorie. Kopfschmerz ist auch der Oberbegriff, Migräne ist die Unterkategorie. Die Unterkategorie ist jeweils die spezifische Erkrankung, die zu einer ganzen Gruppe von Erkrankungen gehört. Aber nicht jeder, der Kopfschmerz hat, hat Migräne; es gibt auch andere Erkrankungen, die Kopfweh machen. Und nicht jeder, der demenzkrank ist, hat Alzheimer. Es gibt auch andere Erkrankungen unter dem Oberbegriff Demenz. Medizinische Dimensionen und Erkrankungen der Lunge, des Herzens oder eines anderen Organs unterscheiden sich nicht von Erkrankungen des Gehirns, nicht einmal von Erkrankungen der Psyche.

Was ist nun Demenz? Grundsätzlich ist sie ein Konstrukt, eine Kombination von Symptomen über einen bestimmten Zeitraum. Die Symptome sind Vergesslichkeit, Veränderungen im Verhalten, in der Sprache und in den Alltagsfertigkeiten. Definitionsgemäß muss das Ausmaß dieser Veränderungen so groß sein, dass sie den Alltag beeinträchtigen. Außerdem müssen diese Veränderungen seit sechs Monaten vorliegen. Innerhalb dieses halben Jahres kann es sehr wohl eine Zunahme der Symptome geben, sie müssen jedenfalls seit sechs Monaten bestehen – und sie müssen so stark ausgeprägt sein, dass sie das alltägliche Leben beeinträchtigen.

Eine »akute« Demenz gibt es nicht. »Akuten Alzheimer« schon gar nicht. Gerade wenn Demenz durch die Alzheimererkrankung verursacht wird, ist die Entwicklungszeit bis zur eindeutigen Erkrankung sukzessive. Und noch eine schlechte Nachricht: Demenzerkrankungen sind anhaltend und fortschreitend. Mediziner nennen das chronisch und progredient. Die gute Nachricht: Ein Teil der an Demenz erkrankten Menschen ist nicht wirklich unglücklich.

EHRLICH UND DIREKT – OHNE KALKÜL

Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Frau K.: Jahre vor ihrer Demenzerkrankung war sie wegen einer sehr beharrlichen Depression in Behandlung. Im Grunde war sie seit ihrer Eheschließung im Alter von 19 Jahren unglücklich, konnte diese Situation aber infolge ihrer Erziehung und der Lebensumstände nicht verändern. Konfrontation mit ihrem herrschsüchtigen Ehemann war für sie nicht denkbar, Trennung schon gar nicht. Die Heirat war ein schwerer Fehler, den sie durch viele Jahrzehnte bereute. Auf die Dauer macht so ein Leben depressiv.