Das Spiel mit den Möglichkeiten: Variantenfilme - Zwischen Multiperspektivität und Chaostheorie - Marlies Klamt - ebook

Das Spiel mit den Möglichkeiten: Variantenfilme - Zwischen Multiperspektivität und Chaostheorie ebook

Marlies Klamt

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Opis

Der Mensch ist an den linearen Ablauf der Zeit gebunden. Bereits Geschehenes ungeschehen machen – ein Gedanke, den jeder Mensch bereits einmal hatte. Im Film kann dieser Gedanke Wirklichkeit werden. Hier kann ein und dieselbe Begebenheit in verschiedenen Versionen dargestellt werden. Auf dieses Spiel mit den Möglichkeiten ist die Faszination, die von Variantenfilmen ausgeht, zurückzuführen. Der Film macht das Unmögliche möglich, die Handlung ist nicht mehr an einen linearen Ablauf gebunden – die Figuren sind von den Fesseln der Zeit befreit. Zufall, Subjektivität der Wahrnehmung und perspektivische Verzerrungen erscheinen plötzlich in einem ganz neuen Licht. Gleichzeitig stellt dieses filmische Erzählexperiment auch immer eine Reflexion über das Medium Film selbst dar. Marlies Klamt untersucht in ihrer interdisziplinären Studie die Entstehung dieser spannenden Erzählform. Sie zeigt auf, welche Einflüsse Perspektivismus, Konstruktivismus sowie das Fortschreiten der Digitalisierung und Erkenntnisse aus der Chaostheorie auf die Entwicklung der Variantenfilme haben. Hierfür analysiert sie exemplarisch vier Filme: Rashomon, À La Folie… Pas Du Tout, Lola rennt und Przypadek.

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG
2 DAS ERZÄHLPRINZIP VARIANTENFILM
2.1 Der Variantenfilm: Definition und Kategorisierung
2.2 Der Variantenfilm im Vergleich mit anderen Erzählprinzipien
3 DER PERSPEKTIVENBASIERTE VARIANTENFILM
3.1 Perspektive in Kunst, Literatur und Philosophie
3.2 Multiperspektive Erzählweise und Wahrheit in Rashomon
3.3 Neurowissenschaftliche und wahrnehmungspsychologische Grundlagen der Wahrnehmung
3.4 Der Radikale Konstruktivismus
3.5 Konstruktivistische Tendenzen in À la folie… pas du tout
4 Der ereignisbasierte Variantenfilm
4.1 Variantenfilme unter dem Vorzeichen der digitalen Technik
4.2 Lola rennt im Kontext der Digitalisierung
4.3 Interdisziplinäre Untersuchung des Zufalls
4.4 Der Zufall in Przypadek
5 SCHLUSSBETRACHTUNG
6 Quellenverzeichnis
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Filmverzeichnis

1EINLEITUNG

Lola rennt im gleichnamigen Film(Lola rennt– Tykwer 1998)um das Leben ihres Freundes Manni, das sie nur mit 100.000DM retten kann. Nach 20Minuten stirbt sie, doch der Film endet nicht, sondern setzt wieder am Anfang ein. Wieder rennt Lola, dieses Mal hat Manni einen tödlichen Unfall. Drei Mal muss Lola laufen, bis die Geschichte ein gutes Ende findet.InRashomon(Kurosawa 1950)werden demPublikumfünf gleichwertige VersioneneinesÜberfallserzählt, bei dem ein Samurai getötet wird.Was wirklich geschehen ist, erfährt man erfährt nicht.Wegen desGroundhog Days (Ramis 1993)muss der Moderator Phil wie jedes Jahr aus Punxatawny berichten. Er kann es nicht erwarten, dass der Tag vorübergeht. Als er am nächsten Morgen erwacht,ist wieder Murmeltiertag. Und am nächsten Tag wieder, und wieder, und wieder…

All diese Filme kann man als Variantenfilme bezeichnen, da sie eine Begebenheit in verschiedenen Varianten erzählen. Sie beziehen ihre Faszination aus dem Spiel mit den Möglichkeiten, das der Film in besonderer Weise visualisieren kann. Seit jeher wardas Kinodafür prädestiniert, das Unmögliche möglich zu machen.Der Filmeignet sich besonders dazu,die allgegenwärtigen Begrenzungen, die dielinear voranschreitendeZeit dem menschlichen Dasein auferlegt, zu sprengen. Damit erlangen die Variantenfilme eine universelle Anziehungskraft, denn die möglichen Entwicklungen des Lebens und dieSehnsucht nach einerÜberwindung der Zeit beschäftigenjedenMenschen, unabhängig vonseinemAlter undseinerKultur.

So kommenVariantenfilme aus allen Ländern und Kontinenten, von Hongkong (Ying xiong– Zhang 2002)bis Kanada (Drift– Lee 2002), von Frankreich (Smoking/No smoking– Resnais 1993,À la folie… pas du tout[1]– Colombani 2003)bis Polen (Przypadek– Kieslowski 1987).Auch wenn es vereinzelt schonfrühe Beispiele für Variantenfilme gibt (Der müde Tod– Lang 1921,Rashomon),ist ein vermehrtes Aufkommen ab dem Jahr 1990 zu verzeichnen.[2]Es scheint möglich, dass das Millennium, als ein die ganze Welt erfassendes Phänomen, zur Entstehung der Variantenfilme beigetragen hat. Jährlich überdenken Millionen Menschen ihr Leben um die Jahreswende, stellen sich selbst die Frage„Was wäre, wenn…“.Es ist anzunehmen, dass sich dieses Gefühl der Unruhe im Millennium potenzierthatund in den Jahrenzuvor und danachden emotionalen Zustand einer Generation bestimmt. Die Jahreswende bzw. der Jahrtausendwechsel markieren eine kulturell geprägte Schaltstelle, einen Zeitpunkt der Entscheidungen, an dem man sich derneuenWege, die sich auftun,bewusst wird und den Möglichkeiten ins Auge blickt. Genau mit diesen Gabelpunkten beschäftigen sich viele der Variantenfilme.Die Unsicherheit ob der Zukunft rührt auch von derstetig voranschreitendenGlobalisierung, durch die einerseits suggeriert wird, dass alles möglich ist, die andererseits aber beunruhigend wirkt, da man keinen klar vorgezeichneten Weg mehr hat.Doch das Lebensgefühl einer Epoche stellt sicherlich nur einen Einfluss aufdie Entstehung der Variantenfilmedar.

Seit Beginn des 20.Jahrhunderts hat sich das Weltbild grundlegend verändert. Erkenntnisse in der Quantenphysik verweisen darauf,wie sehr die Prozesse in der Natur vom Zufall abhängen und bedingen eine Loslösung vom Determinismus als der einzig möglichen Erklärung. Die Neurowissenschaftenhaben sichweiterentwickelt und neue Erkenntnisse über die Funktionsweise des menschlichen Gehirnserbracht. Siehaben denKonstruktivitätscharakter der Wahrnehmungoffenbart, welche die Wirklichkeit bei weitem nicht so spiegelgleich abbildet,wie lange angenommen, sondernsieindividuell unter der Verwendung bewährter Regeln erschafft. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse finden ihrenkünstlerischenNiederschlag in den Variantenfilmen, die einerseits die Subjektivität der Wahrnehmung durch die Gegenüberstellung verschiedener gleichberechtigter Perspektiven ein- und desselben Geschehens aufzeigen und andererseits die Rolle des Zufallsthematisieren.[3]

Das Medium Film hatEnde des20.Jahrhundertseinen grundlegenden Wandel erfahren. Fortschritte in der Technik ermöglichen es heute Filme auf jeder Produktionsstufe digital anzufertigen. Die Möglichkeitdie– analog oder digital gedrehten–Aufnahmendigital zu schneiden, erlaubt einen anderen Umgang mit dem Bildmaterial, so dass nun schnell,problemlosund direktaufjedesEinzelbildzugegriffen werden kann. Das kann ebenfalls ein potenzieller Faktorfür das Aufkommen der Variantenfilmesein, wenn man davon ausgeht, dass der veränderte ArbeitsprozessneuenarrativeStrukturenhervorbringt. Es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass der Variantenfilm die einzige Form ist, die sich aufgrund dieser Neuerungen entwickelt hat. Zeitgleich mit dem Aufkommen der Variantenfilme wurden die Kinos von einer Welle von Erzählexperimenten erfasst, die mit der Darstellung der Zeit und derverschiedenenWirklichkeitsebenen experimentieren unddabeizuweilen unzuverlässig erzählen. Inwiefern es einen Zusammenhang zwischen diesem Trend unddem Aufkommen der Erzählform desVariantenfilmsgibt, ist einesich aufdrängendeFrage, die es zu untersuchen gilt.

Dieser kurze Überblick über die möglichenEinflüsse auf die Variantenfilme hat gezeigt, aus welch unterschiedlichenRichtungen und Bereichendie Impulse zu deren Entstehung kommen könnten. Der Themenvielfalt des Variantenfilms kann nur mit einer fachübergreifenden, pluralistischen Herangehensweise Rechnung getragen werden, denn ein vielfältiges Untersuchungsobjekt erfordert immer auch eine breit gefächerte Betrachtungsweise.Dies ist vor allem deshalb nötig, weilVariantenfilme bisher noch nicht zureichend erforscht sind. Überschneidungen mit dem Thema Variantenfilme weisen unter anderem die Arbeiten desFilmwissenschaftlersDavidBordwellzur Zukunft des Filmes[4],des MedienwissenschaftlersFlorianMundhenke zu Zufall im Film[5]undder Journalistin und FilmwissenschaftlerinVerenaSchmöller zu Filmen mit narrativen Gabelungen[6].Eine Ausnahme bilden zwei Arbeiten, die den Begriff der Variantenfilme explizit erwähnen, zum einen der Aufsatz„Patchwork der Pixel“der FilmtheoretikerinSusanneWeingarten[7]und zum anderen die Abschlussarbeit „Die Auflösung der linearen Narration im Film“ vonJean-LucFroidevaux[8].Beide gehen allerdings nicht umfangreich auf die verschiedenen Aspekte des Phänomens Variantenfilms ein, sondern behandeln es im Zuge andere Phänomene wie Digitalisierung oder nonlinearer Erzählung im Film.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit istes, sich dem Forschungsgegenstand Variantenfilm interdisziplinär anzunähern, wobei der Fokus darauf liegt,die oben genannten potenziellen Einflüssezu untersuchen.Dabei soll zum einen geklärt werden,wie groß der Einfluss der angesprochenenDisziplinenauf einzelne Filme tatsächlich ist, indem die theoretisch erbrachten Erkenntnisse auf filmische Kategorien wie Kameraführung, Montage und Ausstattung angewendet werden. Zum anderensoll ermittelt werden, ob es trotz der offensichtlichen Unterschiede in den Inhalten der Variantenfilme einen gemeinsamen Nenner gibt, der allenFilmenzugrunde liegt.

Da es nicht möglich ist,alledurch den Variantenfilm tangierten Bereiche zu untersuchen, muss eine Auswahl getroffen werden. Ziel dabei istes,ein Gleichgewicht zu finden zwischen kinematografischenAnsätzenund solchen, die nicht genuin filmischsind.Untersucht werden die Aspekte Perspektive, Konstruktivismus, Digitalisierung und Zufall.Es wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass die vier herausgegriffenenBereiche exemplarischen Charakter haben und theoretisch um andere Kategorien – beispielsweise Zeit und Wiederholung betreffend – erweitert werden können.Dievier ausgewählten Themenblöckelassen sichaufgrund inhaltlicher und formaler Aspektenoch einmal inzweiGruppen zusammenfassen.

Die erste davon beschäftigt sich mit Variantenfilmen, die auf der Variation von Perspektiven beruhen. Nach einem theoretischen Kapitel über Perspektivewird der FilmRashomonunter dem Gesichtspunkt Perspektive analysiert.Darauf folgt einTheorieteil über Radikalen Konstruktivismus, demein Kapitel vorangestelltist, dasneurowissenschaftliche und wahrnehmungspsychologische Grundlagenerläutert. Dies ist nötig, da die Radikalen Konstruktivist*innen[9]auf dieser Ebene argumentieren. Im Anschluss daran wirdÀ la folieauf seinenkonstruktivistischen Bezug hinuntersucht.Der zweitenGruppesind dieFilme zugeordnet, die ihre Variationen aus dem mehrmaligen Aufzeigen des gleichen Ereignisses beziehen. Hier wird zunächstder Variantenfilm unter dem Vorzeichen des Digitalen betrachtet und davon ausgehendLola renntanalysiert.Nach einer interdisziplinären Annährung an den Zufall wirdPrzypadek, in dem der Zufall eine bedeutende Stellung einnimmt,einer Untersuchung unterzogen.

Im Fazit werden nicht nur die Ergebnisse zusammengefasst unddie Gemeinsamkeiten der Variantenfilme herausgearbeitet,sondern auch Querbezüge zwischen den einzelnen Themen hergestellt. Zunächst jedoch ist eine Definition desUntersuchungsgegenstandsvonnöten sowie ein Vergleich mit anderen filmischen Erzählstrukturen wie dem episodischen und dem unzuverlässigen Erzählenund den Erzählexperimenten.

2DAS ERZÄHLPRINZIP VARIANTENFILM

2.1Der Variantenfilm: Definition und Kategorisierung

Der Begriff „Variantenfilme“wurdevonWeingarten eingeführt.[10]Zuvor wurde er bereits in einer Abschlussarbeit vonFroidevaux verwendet.[11]Beide Autor*innen definieren den Begriff ähnlich. Während Froidevaux mit ihm Filme bezeichnet, die „eine unterschiedliche AnzahlVarianteneiner Geschichte [erzählen]“[12], verstehtWeingarten darunterSpielfilme, „in denen mehrere Fassungen desselben Ereignisses durchgespielt werden“[13]. Der Begriff Ereignis kann sich sowohl auf Mikroereignisse wie etwa Initialmomente beziehen als auch auf Makroereignisse wie zum Beispiel unterschiedliche Lebensentwürfe.[14]Dabei kann die Variation eines Mikroereignisses,etwa das Anzünden einer Zigarette oder der Verzicht darauf (Smoking/No Smoking) oder das Erreichen oder Verpassen eines Zuges (Przypadek, Sliding Doors– Howitt 1998),zu den unterschiedlichen Entwicklungen des Makroereignisses (hier des Lebensentwurfes) führen. Eine bestimmte Zeitspanne kann ebenfalls als ein Ereignis betrachtet werden wie beispielsweise inden FilmenGroundhog Dayund12.01(Sholder 1993),in welchen jeweils ein Tag in einer Zeitschleife wiederholt wird. Der Ereignisbegriff umfasst demnach sowohl Initialmomente und Lebensentwürfe als auch Zeitspannen.Bei anderen Variantenfilmen wird ein Ereignis in unterschiedliche Perspektiven aufgefächert. Das Ereignis ist in diesem Fall eine bestimmte Begebenheit, die multiperspektivisch wiedergegeben wird, inRashomonzum Beispiel der Mord an einem Samurai, dessen Hergang aus der Sicht verschiedener Figuren beschrieben wird. Allen diesen Filmen gemeinsamist, dass etwas wiederholt wird:eine Begebenheit, eine Zeitspanne, ein Lebensentwurf. Das jeweilige Ereignis wiederholt sich allerdings nicht genau gleich, sondern – manchmal mehr, manchmal weniger –abgewandelt.

Grundsätzlich können Variantenfilme aufgrund des Gegenstands der Variation in zwei Gruppen eingeteilt werden. Filme, die ein Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen, also multiperspektivisch erzählen, werden im Folgenden als ‚perspektivenbasierte Variantenfilme‘bezeichnet. Dazu gehören beispielsweiseYing xiongundPrzypadek, aber auchÀ la folie– ein Film, welcher die Handlung zunächst aus einer subjektiven Perspektive erzählt, bevor er diesen Umstand offenbart und dieselbe Geschichte noch einmal von einem ‚neutralen‘Standpunkt aus zeigt. Die zweite zu unterscheidende Gruppe bilden die ‚ereignisbasierten Variantenfilme‘,die auf der Variation von Ereignissen wie einer Zeitspanne oder einem Lebensentwurf beruhen. Dazu gehörenGroundhog Day, in welchem der Murmeltiertag wiederholt wirdsowieSliding DoorsundPrzypadek, die beide Varianten des Lebensentwurfes derjeweiligenProtagonist*inzeigen, welche ausgelöst werden durch das Initialmoment ‚Zug erreicht

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