Das Perseus-Protokoll - Kai Hensel - ebook

Das Perseus-Protokoll ebook

Kai Hensel

0,0

Opis

Maria Brecht, eine deutsche Urlauberin, begegnet in den Bergen Kretas einem mysteriösen Fremden. Sie sieht Blutspuren und entkommt knapp einem Mordanschlag. Ein Schnellboot aus Libyen schmuggelt nachts einen Koffer an die Südküste - sein Inhalt gefährlich genug, um jeden Zeugen zu töten. Athen versinkt in Müll, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit. Eine Handvoll verschworener Männer beschließt, ihr Vaterland zu retten, bevor es zu spät ist. Das "Perseus-Protokoll" - ein präzise recherchierter, nachtschwarzer Thriller um Macht, Verrat und sehr viel Geld.

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Cover

Titel

Zitate

»Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt.«

Johann Wolfgang von Goethe

»Should we fail to aid Greece in this fateful hour, the effect will be far reaching to the West as well as to the East.We must take immediate and resolute action.«

Harry S. Truman, US-Präsident, 1947

0

»Wie weit noch?«

»Nicht mehr weit. Schlaf.«

Er drückte den Kopf der Schwester unter seine Jacke, fuhr mit klammen Fingern durch ihr nasses Haar. Ihm war übel. Von den Wellen, die über das Boot schlugen und alles nass spritzen, die Menschen, die Koffer und Plastiktüten. Von den Benzinschwaden des alten Außenbordmotors, dessen Schraube immer wieder in der Luft drehte, wenn eine Welle das Heck hob. Ihm war übel vom Erbrochenen seiner kleinen Schwester, deren magerer Körper zitterte und sich heiß und klebrig an seine Brust drückte. Aber er musste sich zusammenreißen. Vater saß weiter hinten, neben dem Steuermann. Mama lag zu ihren Füßen, unter Decken und einem Regenmantel. Ihr dicker Bauch hob und senkte sich. Eine alte Frau fühlte ihre Stirn, gab ihr aus einer Plastikflasche zu trinken, aber immer nur ein paar Tropfen – die Flasche war fast leer.

»Siehst du da vorn?«, rief ihm sein Vater zu. »Die Lichter! Sie werden immer größer!«

Das Boot krachte in ein Wellental, Gischt spritzte über die Bordwand. Seine Jacke war zwar schon durchnässt, aber fühlte sich nach jedem Wasserschwall noch kälter an. Er presste seine Schwester an sich. Um ihr Schutz zu geben, aber auch – und dafür schämte er sich ein bisschen – um sich an ihrem fieberheißen Körper zu wärmen.

»Nur noch eine Stunde«, flüsterte er in ihr Ohr. »Vielleicht nur eine halbe.«

Das hatte sein Vater vorhin schon gerufen, da konnten sie am Himmel noch Sterne und die Mondsichel sehen. Jetzt war der Himmel schwarz, genauso schwarz wie das Wasser, und im Boot durfte kein Licht brennen. Er sah bloß die Lichter voraus, fern, aber verheißungsvoll wie ein Baum voller Kerzen. Wenn Wasser in seine Augen spritzte und er sie zusammenkniff, leuchteten die Lichter golden, rot und blau, in allen Farben des Regenbogens. Ein neues Leben hatte ihnen Vater versprochen. In einem richtigen Haus würden sie wohnen, mit Betten, Lichtschaltern und einem Wasserhahn. In Griechenland, hatte Vater gesagt, gibt es Frieden, Demokratie und Arbeit, ein Land voller Christen, wie sie! Sonntags läuten die Kirchenglocken, es gibt keine Armut und keine Angst. Griechenland! Einen Arzt für die Mutter, eine Schule für die Tochter und den Sohn!

Er kniff die Augen fester zusammen, sah die Lichter am Horizont blinken und tanzen, sah sie näher kommen, schnell, plötzlich hörte er das Dröhnen eines Motors. Er riss die Augen auf: Ein Schiff kam auf sie zu, von vorn, mit hoher Bugwelle, drehte sich zur Seite, versperrte ihnen den Weg. Der Lichtkegel eines Scheinwerfers blendete ihn und alle Menschen im Boot. An der Reling standen Männer in Uniform, mit Waffen, die sie auf das Boot gerichtet hielten. Er hörte Rufe durch einen Lautsprecher, in einer Sprache, die er nicht verstand. Vater stand auf, rief etwas zurück, er konnte Griechisch, aber nur ein paar Worte. Jetzt kam wieder die strenge Stimme aus dem Lautsprecher. Vater zeigte auf Mutter, machte mit seinen Händen einen dicken Bauch. Die Soldaten an der Reling redeten nicht, lächelten nicht, hielten bloß ihre Waffen auf das Boot gerichtet. Wieder die Stimme aus dem Lautsprecher, Vater übersetzte:

»Wir sollen umdrehen.«

Unruhe im Boot, Angst auf den Gesichtern. Zurückkehren? In die Türkei, nach Fethiye? Der Steuermann hob den Kanister mit dem Treibstoff hoch, schüttelte ihn, zeigte, wie leicht er war. Vater rief, doch auf dem grauen Schiff antwortete niemand. Er rief noch einmal, schrie, die Hände um den Mund wie ein Trichter. Keine Antwort von den Soldaten, keine Antwort aus dem Lautsprecher. Stattdessen kam das Schiff auf sie zu, langsam, drohend wie ein bissiges Tier.

»Jeder an seinen Platz!«

Er drehte den Außenborder auf, das Boot legte sich schief, Gischt spritzte. Lauernd blieb das graue Schiff zurück. Zwanzig Männer und Frauen in einem offenen Fischerboot. Die Männer, bärtig, mit grimmigen Gesichtern, redeten auf Vater und den Steuermann ein, in einem Arabisch, das hart klang, sogar gefährlich. Ein Somalier machte dem Steuermann Vorwürfe wegen des leeren Benzinkanisters, der Steuermann rief erregt, das Boot habe in den hohen Wellen viel mehr Treibstoff gebraucht als sonst. Jedenfalls würden sie es nicht schaffen, zurück in die Türkei, unmöglich. Der Steuermann schaltete den Motor herunter, sie brauchten jetzt jeden Tropfen. Sie sahen dem grauen Schiff nach, dessen Lichter immer kleiner wurden, bis sie kaum noch zu unterscheiden waren von den Lichtern der Insel. Die doch so nah war! Sie waren fast in Griechenland! Seine Schwester hob den Kopf:

»Sind wir da?«

»Gleich.«

Er drückte ihren Kopf wieder unter die Jacke. Die Männer redeten. Ein Alter wimmerte und reckte die Hände zum Himmel. Der Steuermann schaltete den Motor wieder hoch und drehte den Bug in Richtung der Lichter. Das graue Schiff würde sie nicht noch einmal finden, in der Nacht. Wahrscheinlich würde es gar nicht nach ihnen suchen. Und wenn, dann sollte Vater rufen: »Motorschaden!« Dann durften die Soldaten ihnen nichts mehr tun, sie mussten ihnen sogar helfen, das war Gesetz! Vater nickte seinem Sohn am Bug zu, hob den Daumen. Der Sohn nickte zurück; gerade jetzt fühlte er wieder einen dünnen, heißen Strahl Erbrochenes auf seinem Hemd.

Die Lichter der Insel verschwammen wie im Nebel. Erste Tropfen fielen, schwer und kalt. Kein Mittel, sich zu schützen, die Plane war für die Koffer und die Plastiktüten, und auch dafür war sie zu kurz. Bestimmt waren Kleidung und Schuhe in den Koffern schon durchnässt, was sollten sie anziehen, auf der Insel? Und plötzlich war es wieder da, das graue Schiff. Von hinten war es gekommen, tückisch, mit ausgeschalteten Lichtern. Und weil sie es erst jetzt sahen, als es den Kegel seines Scheinwerfers auf sie richtete, konnte Vater nicht mehr sagen, sie hätten einen Motorschaden. Aber er verlor nicht den Mut, stellte sich auf, schwenkte den Kanister:

»Kein Benzin! Kein Benzin!«

Keine Soldaten an Deck, nicht in dem Regen. Keine Antwort aus dem Lautsprecher. Nur das graue Schiff, das eine Kurve drehte, von der Seite kam, schnell, sie fast rammte und eine Welle machte, die ihr leichtes Boot beinahe umwarf. Die Frauen kreischten, die Männer stießen Flüche aus und reckten die Fäuste, Vater hielt den Kanister hoch und schrie, als ob er gleich weinen würde:

»Kein Benzin!«

Und schon wieder kam das graue Schiff – wie schnell es war! Es machte eine noch gefährlichere Welle, der Steuermann riss den Außenborder herum.

»Mama liegt halb im Wasser!«

Sie hatten an Bord bloß zwei Blechdosen und die Plastikflasche, von der Vater mit einem Messer die untere Hälfte abschnitt, um das Wasser aus dem Boot zu schöpfen – zu wenig, falls der Regen stärker wurde. Wenigstens blies jetzt, wo sie zurückfuhren, weg von der Insel, der Wind von hinten, kein Meerwasser schlug in ihr Boot. Das graue Schiff fuhr dicht hinter ihnen. Wollten die Soldaten bloß sehen, ob der Kanister wirklich leer war? Wenn sie im Meer trieben, ein Fischerboot voller Menschen, mit einer Frau, die gleich ein Baby bekam – dann mussten sie doch eine Leine herüberwerfen und ihnen helfen!

Die Kurden und der Steuermann, ein Usbeke, hatten das Boot in Fethiye gekauft. Sie hatten die freien Plätze weiterverkauft, an andere Flüchtlinge aus dem Irak, Libanon, Somalia. Doch nun war allen klar: Sie hatten zu viele Plätze verkauft, das Boot war überfüllt, der Motor zu schwach für die hohe See. Es steuerte in teerschwarze Nacht, kein Licht am Horizont, nur Wind, Regen – und das graue Schiff, das wieder näher kam, bedrohlich, die Stimme rief etwas aus dem Lautsprecher.

»Was hat er gesagt?«

Eine Bö verwehte die Übersetzung des Vaters, doch die Kurden hatten genug gehört. Sie reckten die Arme und stießen Verwünschungen aus. Ein einzelner Soldat stand an der Reling, jung und schlank, mit einem Schnurrbart, dünn wie eine Klinge, und einem Kinn, das vielleicht nur im Deckslicht so mächtig wirkte. Der Alte stemmte sich hoch, hielt sich an der Schulter eines Jüngeren fest und schrie etwas in der fremden Sprache. Der junge Soldat zögerte einen Moment – dann legte er sein Gewehr an und schoss. Er schoss dreimal, viermal aufs Boot, während das Schiff schon abdrehte. Alles flüchtete hinter den Planken in Deckung. Die Kurden dachten, er hätte nichts getroffen, sie lachten höhnisch – aber nur einen Augenblick. In Wahrheit hatte der Soldat ziemlich gut getroffen, er hatte unter die Wasserlinie gezielt und ein Loch ins Holz geschossen. Das Wasser gurgelte, Gepäckstücke wurden hochgerissen.

»Wo ist das Loch?!«

»Hier!«

»Nein, hier!«

Alle mühten sich, das Loch mit der Plane zu stopfen, aber das Holz war gesplittert, von außen presste Wasser herein.

»Wir müssen es von außen abdichten!«

Aber wie sollten sie das schaffen, in den hohen Wellen? Und es musste ein weiteres Loch geben, mindestens eines, das Wasser im Boot stieg schnell. Wo waren die Löcher? Auf der Seite, in die der Soldat geschossen hatte. Aber näher am Bug oder am Heck? Mutter richtete sich auf, hielt ihren Bauch, Vater schöpfte mit einer Blechdose, bis zu den Knöcheln im Wasser stehend, bald bis zu den Knien. Die Bärtigen fluchten nicht mehr, ihre Augen waren weiß und glänzten vor Angst. Einer suchte mit einer Taschenlampe, warf Tüten und Koffer über Bord. Hinten, wo der schwere Außenborder hing, sank das Boot immer tiefer, Wellen schlugen über die Bordwand, die Taschenlampe erlosch. Seine Schwester hob den Kopf, sah das Wasser, fing an zu weinen.

»Nicht schlimm! Halte dich an mir fest!«

Holz barst, alles stürzte zum Bug, er roch nasse Kleider, sah nur noch Stoff, glaubte zu ersticken. Er fühlte das Boot kentern, fühlte eisiges Meerwasser. Er hielt den Kopf seiner schreienden Schwester in die Höhe, strampelte mit den Beinen, mit einem Arm, die Männer brüllten, sie konnten genauso wenig schwimmen wie die Frauen, keiner der Kurden und Somalier, die eben noch stark und grimmig aus ihren Mänteln geschaut hatten, konnte schwimmen! Wo war Vater, wo war Mutter? In der Finsternis sah er hier einen Kopf, dort eine Tüte, Hände krallten sich an ihn, drückten ihn unter Wasser, er strampelte, schluckte, tauchte wieder auf. Ein Bootsriemen, er umklammerte ihn – wo war seine Schwester?

»Rafqa! Rafqa!«

Wind heulte in seinen Ohren, Regen prasselte aufs Wasser. Er griff nach einem hellen Fleck, fühlte den Stoff – es war bloß ein leerer Mantel. Er strampelte mit den Beinen, sah hier und da noch einen Kopf aus dem Wasser ragen, Arme, eine Hand …

»Papa! Mama! Rafqa!«

Niemand hörte ihn, niemand antwortete. Er sah die Lichter der Insel, die so nahe schienen, kniff die Augen zusammen, sah sie glitzern, gelb, grün, blau, in allen Farben des Regenbogens. Kaum fühlte er noch seine Beine, seine Arme. Er versuchte zu beten, aber er konnte seine Finger nicht falten, sie waren zu steif, und er musste den Riemen festhalten. Plötzlich fühlte er eine Kraft, die ihn umhüllte. Sie war warm und dunkel, sie schützte ihn wie eine Blase. Er hörte eine Stimme, weich und zärtlich.

»Willst du leben?«

»Ja …«

»Willst du stark bleiben und durchhalten?«

»Ja, ich will …«

Eine Welle brach über ihm, er schluckte Salzwasser.

»Der Soldat, der auf das Boot geschossen hat, ist böse«, sagte die Stimme. »Das Schiff, von dem der Soldat geschossen hat, ist böse. Das Land, aus dem das Schiff kommt, ist böse. Der Soldat, das Schiff und das Land – sie müssen für ihre Schuld bezahlen!«

Zwanzig Jahre später, 11. August

Zwanzig Jahre später

11. August

»Wundersame Dinge geschehen einem in Griechenland – wundersame, gute Dinge, die sonst nirgends auf der Welt geschehen können.«

Henry Miller

1

»Heiratest du mich?«, fragte Julian.

»Was sagt Mama?«

»Mama sagt, ich darf jeden heiraten, den ich will. Nur nicht nach dem Zähneputzen.«

Julian stand neben Marias Liegestuhl, ließ Sand aus seiner kleinen Faust auf ihren Bauchnabel laufen.

»Bin ich dir nicht zu alt?«, fragte Maria.

»Du bist jünger als Mama.«

»Das stimmt.«

»Du könntest Mamas Tochter sein.«

»Nicht ganz, aber –«

»Dann wärst du meine Schwester. Und dann können wir heiraten!« Er drückte sein Gesicht auf ihren Bauch, hob den Kopf, seine kleinen Zähne strahlten zwischen den sandigen Lippen. »Wir heiraten und tanzen und essen Süßigkeiten.«

»Und dann?«

»Trägst du mich über die Schwelle!«

Julian sah seine Mutter aus dem Wasser kommen. Er wischte sich den Sand aus dem Gesicht, lief auf sie zu, sein frisch eingecremter Körper glänzte in der Sonne. Er umarmte sie, lief weiter ins Wasser, warf sich in die Wellen, kraulte und tauchte. Undine trocknete sich ab.

»Warum springst du nicht auch rein?«, fragte sie Maria. »Herrlich erfrischend!«

»Gegen den Wintersturm, auch wann er am schrecklichsten tobte.

Freudig sahe das Lager der herrliche Dulder Odysseus …«

»Wie kann man so was Schreckliches lesen? Im Urlaub?«

»Odysseus war auf Kreta«, sagte Maria. »In der Eileíthyia-Höhle, nur ein paar Kilometer von hier.«

Undine streckte sich auf ihrem Liegestuhl aus. Ließ eine Hand in ihre Umhängetasche gleiten, warf einen Blick hinein, den Maria nicht sehen sollte. Aber Maria sah ihn und hätte ihr gleich sagen können: Das Handy hatte nicht geklingelt.

»Du solltest wirklich ins Wasser gehen«, wiederholte Undine, mit einer Stimme, die leicht klingen sollte, aber vor Wut und Enttäuschung vibrierte. »Es ist so klar, so kühl, so … Wo ist er? Oh mein Gott, wo –«

Julians blonder Kopf schoss aus den Wellen; triumphierend hielt er eine Muschel in die Höhe.

»Ich habe ihm gesagt, nicht hinter die Bojen! Nur solange er stehen kann!«

»Wer war mit seinem fünf Monate alten Säugling zweimal die Woche beim Babyschwimmen? Damit er das Element Wasser entdeckt? Damit er sich frei wie ein Fisch fühlt, ohne Angst?«

»Hast ja recht.« Undine streckte sich auf ihrem Liegestuhl aus, versuchte, nicht aufs Wasser zu sehen.

»Er will mich heiraten.«

»Julian will jede Frau heiraten. Ich frage mich, wann das aufhört.«

»Wenn er in die Pubertät kommt.«

Maria legte ihr Buch zur Seite, schloss die Augen. Zu heiß für die Odyssee. Zu viel Kindergeschrei, Frisbee-Scheiben, Alexis-Sorbas-Gedudel aus dem Ghettoblaster des Eisverkäufers.

»Hast du in Berlin angerufen?«, fragte Undine.

»Noch nicht.«

»Gibt im Hotel Wireless Lan. Falls du über Skype –«

»Ich mach’s heute Nachmittag.«

Maria fühlte ihr Herz pochen. Der Friede dieses sommerheißen Strandvormittags war zerstört. Der Anruf. Die Entscheidung. Warum hatte sie Undine bloß von dem Brief erzählt? Und warum war der Brief nicht einen Tag später gekommen? Dann läge er jetzt neben der Tür in der Diele, im Regal für die Post, sie wüsste von nichts. Stattdessen, ausgerechnet am Morgen des Abflugs …

»In deiner WG kannst du jedenfalls nicht bleiben«, fuhr Undine fort.

»Wieso nicht?«

»Wenn dich deine neuen Kommilitonen besuchen? Und Fredrik sitzt kiffend am Frühstückstisch?«

»Er kifft nicht mehr.«

»Ach!«

»Nicht zum Frühstück.«

Vielleicht hatte Undine recht, es ging gar nicht mehr um eine Entscheidung. Die hatten ihre Freunde, Mitbewohner, die Gäste im U-Turn längst für sie getroffen. »Wir glauben an dich!«, »Wenn es eine schafft, dann du!«

»Such dir etwas Eigenes«, fuhr Undine fort, und jetzt klang sie wirklich wie Marias Mutter. »Im Westend oder am Wannsee. Jedenfalls in einer besseren Gegend. Wo Leute wohnen, die –«

»Die was?«

»Mit denen du auch später zu tun haben wirst.«

Maria stand auf. Zog sich T-Shirt und Caprihose über ihren Bikini, band ihre Haare zum Zopf, schüttelte Sand aus ihrem Basecap.

»Wo willst du hin?«

»Ich steige aufs Fahrrad.«

»Bei der Hitze?«

»Sage Julian, ich bin zur Hochzeit wieder zurück.«

Hinter Gázi war Maria abgebogen auf eine Nebenstraße in die Berge. An Weinstöcken und Kuhherden war sie vorbeigefahren, die Straße hatte steil bergauf geführt, bis Krousónas. Männer mit Zigarettenstummeln saßen an den Holztischen eines Kafeníons, aus einer kleinen Spielhalle hallten Schüsse und Motorengeheul. Auf einer Bank vor dem Krämerladen saßen verwitterte Frauen, gehüllt in züchtiges Witwenschwarz. Schweigend, die zahnlosen Münder halb offen, erwiderten sie den Gruß der kleinen blonden Frau, die auf ihrem Mountainbike in die Pedale trat, als sei sie auf der Flucht.

Hatte Undine recht? Würde Maria die WG verlassen müssen? Tatjana mit ihren Tanztheaterprojekten, aus denen nie etwas wurde? Kermit, den tuberkulösen Kongosalmler, einsam in seinem Aquarium? Es ging nicht bloß um den Wechsel des Studienfaches, da hatte Undine recht. Auch nicht um eine andere Universität. Es ging um einen Neuanfang. In einer neuen Welt. Würde man Maria überhaupt akzeptieren in dieser Welt?

Hinter Krousónas verengte sich die Straße zu schmalen Serpentinen. Sie passierte ein Dorf mit verfallenen Häusern und überwuchertem Friedhof. Ein Frauenkloster unter Steineichen und Zypressen. Die Sonne brannte von einem wolkenlosen Himmel, auf einem Felsvorsprung standen zwei Ziegen.

Auch wenn sie vor den anderen so getan hatte, als sei die Bewerbung bloß ein Spiel, wie die Onlinekandidatur für eine Quizshow; in Wahrheit war sie mehr gewesen. Von Anfang an. Sie hatte sich etwas beweisen wollen. Aber was? Ihre Sprachkenntnisse? Erst in der Grundschule hatte sie Deutsch gelernt; später weitere Sprachen in einem Tempo, es war erst ihren Eltern, dann ihren Lehrern und Mitschülern unheimlich gewesen. Ihre Disziplin? Sie hatte es von der kasachischen Dorfklasse auf eine deutsche Realschule geschafft, von der Realschule aufs Gymnasium. Jetzt langweilte sie sich an der Uni. Wollte sie sich beweisen, wie hoch sie steigen konnte? In feinste diplomatische Kreise, trotz ihrer Herkunft? Wann würde sie sich kräftig den Kopf stoßen? »Frau Brecht, wir haben uns wohl in Ihnen getäuscht. Von Ihrer Vergangenheit hätten Sie uns schon mehr erzählen müssen. Und mal ehrlich: Dieses graublaue Jil-Sander-Kostüm, das Sie im Bewerbungsgespräch getragen haben – das hat Ihnen doch im letzten Moment eine Freundin geliehen?«

Sie geriet auf eine Schotterpiste. Verwehte Plastiktüten hingen in der Macchia. Sie hielt an, nahm die Sonnenbrille ab, wischte sich Schweiß von der Stirn. Sofort war sie umsummt von Fliegen. Sie hatte kein Wasser mitgenommen und ihr Portemonnaie am Strand gelassen. Sowieso zu spät, wo sollte sie in dieser Wildnis etwas kaufen? Vor ihr ragte der Gipfel des Psilorítis in den Himmel. Wegen des harten Winters und des späten Frühlings, hatte die Reiseleiterin beim Begrüßungscocktail erklärt, lagen sogar jetzt, ganz oben, noch einzelne Schneefelder. »Sie können auf Kreta einen Schneemann bauen!«, hatte sie gesagt, unter viel Gelächter. Maria war nicht in der Stimmung für Schneemänner. Doch wenn sie höher fuhr, würde sie vielleicht eine Quelle finden. Sie schob den Schirm ihres Basecaps in den Nacken – Sonnenöl wäre auch eine gute Idee gewesen – und fuhr wieder an.

Eine kleine Schlange flüchtete vor ihrem Vorderreifen in die Macchia, Maria sah Kotkügelchen, aber weder Schafe noch Ziegen. Die Piste – kaum noch mehr als ein holpriger Pfad – führte einige hundert Meter durch einen Steineichenwald und Schatten; dann stieg sie an, in enger Kurve durch staubtrockenes Geröll. Vielleicht war das der Beginn einer Schlucht? Die Chance auf eine Quelle? Die Reifen drehten auf dem Schotter durch, neben ihr fiel die Felswand steil ab. Der Pfad verengte sich, ein herabgestürzter Felsen und eine einsame Pinie bildeten eine Art Tor …

Der Blick öffnete sich auf eine Hochebene. Hier und da flatterte ein Schmetterling zwischen vertrockneten blauen, gelben, violetten Blüten. In der windstillen Luft stand der Duft von Thymian und Salbei. Eine Hummel summte. Weit oben am Himmel kreiste ein Raubvogel, vielleicht ein Adler. Ungefähr in der Mitte der Hochebene stand ein weißer Ford Fiesta, daneben ein Mann. Er pinkelte. Er sah auf, als er Marias Rad hörte. Er schloss hastig die Hose. Maria hatte keine Wahl, sie musste dicht an dem Mann und seinem Wagen vorbeifahren. Sie konnte ebenso gut absteigen und fragen:

»Haben Sie einen Schluck Wasser?«

Der Mann war groß und mittelschlank. Er trug eine hellbraune Bundfaltenhose, ein weißes Kurzarmhemd und dunkelbraune Slipper. Sein blassblondes Haar lichtete sich an der Stirn. Er wirkte nicht wie ein Einheimischer. Eher wie ein Tourist, allein im Urlaub. Er überlegte einen Moment und musterte sie. Er sagte:

»Ich habe einige Dosen Cola.«

»Ich habe leider kein Geld.«

Er öffnete die Beifahrertür seines Fiestas. Er beugte sich über den Sitz, holte aus einer Plastiktüte eine Dose. Der Wagen wirkte neu und unbenutzt, wie ein Mietwagen. Auf der Rückbank fiel Maria ein Metallkoffer auf. Er wirkte fast wie ein Safe, mit starken Schlössern und Beschlägen. Der Mann hielt ihr die Dose hin:

»Sie ist nicht gekühlt.«

»Kein Problem.«

Maria zog den Clip vom Deckel, drückte die Öffnung schnell an den Mund, fühlte die Cola lauwarm in ihren Rachen spritzen. Sie rülpste.

»Entschuldigung.«

Sie setzte die Dose erneut an den Mund. Sie fühlte den Blick des Mannes auf sich ruhen. Sie hatte ihn auf Englisch angesprochen, er hatte auf Englisch geantwortet. Mit leichtem Akzent, den sie nicht einordnen konnte. Er wirkte wie ein Mann, der wenig Kontakt mit Frauen hat. Der überlegte, wie er sich interessant machen konnte. Und dem nichts einfiel.

»Kann ich die Dose leer trinken, und Sie nehmen sie mit?«, fragte Maria. »Ich möchte sie nicht einfach in die Natur werfen.«

»Sie kommen hier hoch?«, fragte er. »Ganz allein?«

»Ich mag die Berge lieber als den Strand.«

»Ich auch.«

»Und ich mag Fahrräder lieber als Autos.«

Er blinzelte. »Es soll hier seltene Schmetterlinge geben.«

»Ich sehe hier keinen.«

»Wohl nur im Frühling. Mögen Sie Schmetterlinge?«

Sie zuckte die Schultern und trank die Dose leer, in großen Schlucken. Sie wollte mit diesem Mann nicht reden. Sie unterdrückte einen zweiten Rülpser und hielt ihm die Dose hin.

»Tausend Dank. Sie haben mich gerettet.«

»Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt.« Er nahm die Dose. »Respekt für Ihre Kondition.«

Sie setzte sich auf ihr Rad. Gerade wollte sie in die Pedale treten; da sah sie hinter dem Wagen Blut. Nicht viel, nur ein paar angetrocknete Spritzer auf der Stoßstange. Weitere Spritzer auf dem Schotter. Eine Spur in die Macchia. Einige Spritzer waren verwischt, Zweige waren abgebrochen. Als sei ein Körper ins Gestrüpp geschleift worden. Als läge er dort, einige Schritte entfernt, hinter den Büschen.

Maria drehte sich um. Er fixierte sie. Sie fuhr an, winkte zum Abschied. Hatte er bemerkt, dass sie das Blut gesehen hatte? Sie fuhr schneller, nicht zu schnell. Ihre Fahrt durfte nicht aussehen wie Flucht. Sie hörte hinter sich das Schlagen der Autotür, das Anlassen des Motors. Sie hörte Räder durchdrehen, der Wagen wendete.

Er kam ihr nach.

Die Piste führte vorbei an einer Felswand, rechts breitete sich Macchia aus. Sie hörte den Wagen näher kommen. Sie fuhr an den Rand, wollte ihn passieren lassen. Doch er blieb hinter ihr. Trieb sie vor sich her, fast berührte seine Stoßstange ihren Reifen. Die Macchia senkte sich zu einer Böschung. Maria keuchte, trat in die Pedale, das Rad, ihr Körper vibrierten auf dem Schotter. Immer steiler führte die Piste bergab, sie konnte nicht mehr bremsen, ohne die Kontrolle über das Rad zu verlieren. Sie wagte nicht, sich umzudrehen, aber sie hörte dicht hinter sich den Motor. Sie musste es bis zur nächsten Straße schaffen. Aber sie sah keine Straße, nur links die Felswand, rechts die Böschung. Vorn nahm die Piste eine scharfe Kurve. Sie hörte hinter sich das Aufheulen des Motors, der Wagen schaltete einen Gang herunter …

Sie riss den Lenker herum, setzte ihr Rad über den Rand der Böschung. Sie überschlug sich, stürzte vom Sattel, rollte den Hang hinunter, hinter ihrem Rad, durch Steine und Gestrüpp. Sie krallte sich an Zweigen fest, fand Halt, ihr Rad rutschte weiter in die Tiefe. Sie hörte oben den Wagen halten. Sie befühlte ihre Arme und Beine. Sie waren zerkratzt, bluteten ein wenig; aber sie hatte nichts gebrochen. Sie blickte sich um. Dreißig Meter weiter, auf der Höhe der Kurve, fiel die Böschung ab zu einer Schlucht. Dreißig Meter weiter, und der Wagen hätte sie senkrecht in die Tiefe gestoßen.

Sie hörte das Ausschalten des Motors. Sie kletterte weiter den Abhang hinunter, bis sie Deckung hinter einem Felsen fand. Sie sah den Mann. Er stand am Rand der Piste. Er blickte den Abhang hinunter, horchte in die Stille. Er konnte sie nicht sehen, zusammengekauert in ihrem Versteck. Doch seine Augen fixierten ruhig und konzentriert den Felsen. Er wusste, sie konnte nur dort sein. Es gab keine andere Deckung.

Kein Motorengeräusch, keine Stimmen. Nicht einmal das Glöckchen einer Ziege. Er stand etwa fünfzehn Meter über ihr. Etwas beulte seine Hosentasche aus. Ein Messer, vielleicht eine Pistole. Er musste nur den Abstieg schaffen.

Er setzte seinen Fuß seitlich über den Rand. Steinchen kullerten hinunter. Er rutschte, die Slipper hatten wenig Profil. Er hielt sich im Gestrüpp fest, rutschte abwärts. Er kam näher, auf vielleicht zehn Meter. Er blickte zum Felsen, wischte sich Schweiß von der Stirn. Maria hob einen Stein auf. Der Mann rutschte, sie schnellte hoch und warf den Stein. Sie verfehlte ihn knapp. Er sah zum Felsen. Sah Marias Gesicht hinter den Ginstersträuchern. Einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke. Er suchte nach einem Vorsprung, wo seine Slipper Halt finden konnten. Sie suchte nach dem nächsten Stein. Er setzte ein Bein vor, sie hob einen Stein auf und traf ihn am Oberschenkel. Sie sah Schweißperlen auf seiner Oberlippe. Er rutschte, schneller, ein Stein traf ihn am Rücken, der zweite streifte seine Hüfte. Er war höchstens sieben Meter entfernt. Sie brauchte größere Steine. Die kleinen, die in Griffnähe lagen, fügten ihm Schmerzen zu, aber schlugen ihn nicht in die Flucht. Allerdings: Mit jedem Meter, den er näher kam, würde sie besser treffen. Er schien zu überlegen. Er griff in seine Tasche. Maria schnellte hoch, ein Messer klappte in seiner Hand auf, sie traf mit einem Stein seinen Bauch. Er krümmte sich, das Messer fiel ihm aus der Hand, seine Hände griffen in dornige Zweige. Er blickte zum Felsen, in seinen Augen sah sie Ratlosigkeit und Wut. Der Abhang war zu steil. Der nächste Stein konnte ihn am Kopf treffen. Auf der Flucht, bergab, würde sie schneller sein als er. Er hob das Messer wieder auf, sie sah Blut an der Klinge.

Er trat den Rückzug an, Tritt für Tritt, Meter für Meter. Sie hatte gewonnen. Aber sie war nicht erleichtert. Im Gegenteil: Der Anblick des vor ihr fliehenden Mannes machte sie rasend. Er hatte sie töten wollen! Jetzt zog er den Schwanz ein! Sie warf einen Stein, gleich noch einen. Einer verfehlte ihn, der andere traf ihn am Po. Er kletterte schneller, rutschte, er hatte Angst. Der Mann erreichte den Rand der Böschung. Maria wollte ihn schreien hören. Ein Feuerstein! Groß, mit scharfer Kante! Er stand auf der Piste. Er wandte sich um, sie warf. Der Stein traf ihn an der Schulter. Der Mann schrie. Er floh in die Deckung seines Wagens. Sie hörte das Starten des Motors. Einen Moment war sie nicht sicher, ob die Echos täuschten. Nein, sie täuschten nicht. Der Wagen wendete, fuhr zurück zum Plateau. Was wollte er dort? Sie hörte den Motor schwächer, dann gar nicht mehr. Sie hörte nur noch ihren Atem, das Pochen ihres Herzens.

Sie kletterte und rutschte den Hang hinunter bis zu ihrem Fahrrad. Der Rahmen war gebrochen. Sie rutschte weiter, zog das Rad, dessen Rahmenteile an den Drähten der Bremsen und Gangschaltung hingen, hinter sich her. Sie erreichte einen Trampelpfad.

Sie legte sich das Vorderteil über die eine, das Hinterteil über die andere Schulter. Sie ging bergab. Immer noch bebte ihr Körper vor Wut. Erst sah sie Schafe. Dann einen Traktor. Schließlich den Traktorfahrer, einen hübschen Jungen im karierten Hemd, der gerade in einen Apfel biss. Sie deutete auf das Handy in seiner Brusttasche und sagte:

»Parakaló! Police!«

2

Der Traktorfahrer gab ihr aus einer Feldflasche zu trinken. Er presste Blätter, die er in der Macchia fand, und desinfizierte mit dem Saft ihre Wunden. Sie teilten sich Fladenbrot und gegrillte Hähnchenflügel aus einer Blechdose. Er brachte ihr seinen Vornamen – Rhadámanthus – und die griechischen Zahlen bei: Énas, Díos, Trís, Tésseris … Er verstand kein Englisch. Aber er sang schön. Er machte mit seinem Handy Fotos: von dem zerstörten Mountainbike, dessen gesplitterter Rahmen ihn beeindruckte. Und von Maria, wie sie erschöpft, mit geschlossenen Augen, am Hinterrad des Traktors lehnte.

Fast eine Stunde mussten sie warten, bis endlich ein blau-weißer Citroën neben dem Traktor hielt. Ein dicker Polizist mit glänzender Glatze stieg aus, hielt Maria seine runde, behaarte Hand hin und sagte:

»Embiríkos. Inspector police.«

Er sprach kein Deutsch und kein Englisch. Er verstand, dass Maria aus Jermanía kam und auf Kreta Urlaub machte, in einer Ferienanlage in Amoudára. Er blickte auf ihr Mountainbike und sagte:

»Ts, ts, ts.«

Der Traktorfahrer dachte, Maria hätte einen Unfall gehabt. Der Polizist dachte es auch. Er lud die Trümmer des Rades in den Kofferraum. Zum Abschied machte er von Maria und Rhadámanthus, Arm in Arm, ein Foto.

An der nächsten Gabelung wollte er bergab fahren, Richtung Heraklion. Maria zeigte in die Berge. Sie wollte ihm etwas zeigen. Sie rieb sich mit der Handkante den Hals – Mord. Embiríkos runzelte die Stirn und fuhr bergauf.

Sie verfuhren sich zweimal. Embiríkos schaute missmutig auf seine Armbanduhr; wahrscheinlich hatte er längst Feierabend. Die Sonne stand dunstig über dem Horizont, als Maria endlich die Piste wiederfand und das Plateau. Sie hielten an und stiegen aus. Deutlich waren die Reifenspuren des Fiestas und ihres Mountainbikes zu sehen. Aber die Blutspuren auf dem Schotter waren verschwunden. Der Mann hatte die bespritzten Steine aufgesammelt. An einigen Sträuchern der Macchia sah sie Schnittspuren, niedergetretene Zweige. Die Spur endete hinter einem Stechginster. Hier und da sah sie an einem Blatt einen schwarzroten Fleck. Es konnte Blut sein oder etwas anderes. Man musste es untersuchen. Embiríkos hatte keine Lust, es zu untersuchen. Er stand neben seinem Citroën, telefonierte und rauchte. Er hängte ein und deutete auf seine Armbanduhr.

Am Himmel blitzten erste Sterne, als der Citroën vor dem Poseidon Palace hielt. Bunte Lichter hingen in den Palmen und Bougainvillea, von der Meerseite tönten elektrisch verstärkte Fiedeln, Gitarren und Tambourine. Sirtáki-Abend. Inspektor Embiríkos lud die zwei Hälften ihres Fahrrades aus dem Kofferraum. Maria gab ihm die Hand und sagte:

»Efcharistó.« Danke.

Embiríkos grummelte etwas, das »Gute Nacht« heißen mochte oder »Gute Besserung«. Er setzte sich in seinen Wagen und hupte zum Abschied. Was hatte er in ihr gesehen? Eine Touristin, die ihre Offroad-Kompetenz überschätzt hatte. Die für ihr ramponiertes Fahrrad die Polizei bemüht hatte, statt Geld für ein Taxi zu zahlen. Die ihm mit einer wirren Mordgeschichte den Feierabend ruiniert hatte. Dafür war er freundlich gewesen.

Zwei rothaarige Frauen mit sonnenverbrannten Schultern kamen durch die Glastür des Hotels, sanken auf die Treppenstufen. Betrunken glucksend beobachteten sie, wie Maria die zwei Hälften des Fahrrades am Ständer festschloss. Es war ein Leihrad. Der Schaden konnte teuer werden.

Maria schloss die Tür zu ihrem Appartement auf. Alles war still, keine Lampe brannte. Doch von der Poolanlage fiel Licht durchs Fenster. Die Tür zum Schlafzimmer stand einen Spalt offen. Julian schlief in der linken Hälfte des Bettes, Daumen im Mund, den Kopf tief im Kissen. Die rechte Hälfte war leer. Also war Undine auf dem Sirtáki-Abend. Das gefiel Maria nicht. Wenn Undine einen Mann kennenlernte, würde sie sich betrinken. Wenn sie keinen kennenlernte, erst recht. Maria zog ihre verdreckte und zerrissene Kleidung aus und stellte sich unter die Dusche. Das warme Wasser tat gut, spülte Schweiß, Sand, verkrustetes Blut von ihrem Körper. Sie sah wieder das Plateau, den Mann am Auto, sein Blinzeln. Sie fühlte sich wieder den Abhang hinunterstürzen, ihr Herz pochte. Sie stellte das Wasser ab. Und dann ihre Wut. Die Steine. Was wäre passiert, wenn sie den letzten Stein ein paar Zentimeter höher geworfen hätte? Oder, konkret gefragt: Wohin hatte sie gezielt?

Maria bahnte sich den Weg über die Terrasse, durch klatschendes, lallendes Gedränge, sonnenverbrannte Körper, vorbei an Boxen, aus denen die verstärkten Fiedeln kreischten.

»Hallihallo!«

Undine winkte ihr zu, ein Glas in der Hand; sie saß abseits, allein. »Wieso kommst du so spät?«

»Habe mich in den Bergen verfahren.«

Sie hatte keine Lust auf Erklärungen. Nicht mehr heute, nicht in diesem Lärm.

»Raki Tonic!«, schrie Undine ihr ins Ohr. »Total lecker!«

»Wie viel hast du schon getrunken?«

»Entspanne dich!«

»Wie viel?!«

»Mein drittes! Mein letztes! Ich hab’s im Griff!«

Undine schnippte mit den Fingern, schwenkte ihr Glas. »Was sieht lächerlicher aus als deutsche Touristen, die Sirtáki tanzen?«, fragte sie. »Englische Touristen, die Sirtáki tanzen!«

Sie lachte. Auf dem Glastisch lag das Telefon. Robert hatte also nicht angerufen. Er hatte nicht geschluchzt, wie sehr er Undine und seinen Sohn vermisse. Dass die Affäre mit der Feldenkrais-Therapeutin ein schrecklicher Fehler war. Dass er bettele, um eine zweite Chance.

Maria ließ sich in einen Korbstuhl fallen; sie brauchte jetzt auch ein Glas. Sie fuhr zusammen, als sie einen Mann im weißen Kurzarmhemd von den Toiletten kommen sah. Aber es war bloß ein Engländer jenseits der fünfzig. Die betrunkenen Frauen, die sie vorhin auf den Treppenstufen gesehen hatte, zogen ihn johlend auf die Tanzfläche.

12. August

»Ich mag die Griechen. Sie sind nette Gauner, mit allen Lastern der Türken, aber ohne deren Mut. Einige sind freilich tapfer, und alle sind schön.«

George Gordon Noel Byron, englischer Dichter

3

»Das Teil ist hinüber.«

Maria stand in der Werkstatt von Barney’s Bikeshop, zwischen Reifen, Standpumpe, aufgebockten Fahrrädern. Barney, ein blondgelockter Australier mit Muschelkette auf der nackten Brust, erklärte ihr, warum man den Aluminiumrahmen nicht zusammenschweißen konnte. Außerdem hatte das Hinterrad eine Acht, aus dem Vorderrad waren mehrere Speichen herausgebrochen. Sogar der Sattel war verbogen. Er hatte Maria ein tipptopp gepflegtes Bike geliehen, zu einem deutsch-australischen Freundschaftspreis. Zurückgebracht hatte sie Altmetall. Sie nickte. Es war klar, er hatte recht.

»Wie viel schulde ich dir?«

»400 Euro. Das ist der Händlerpreis. Der Verkaufspreis liegt bei 599 Euro. Ich kann dir den Katalog zeigen.«

»Ich glaube dir.«

Es war ein solides Rad gewesen. Keine Spitzenqualität, sonst hätte der Rahmen den Sturz überlebt. Aber viel besser als die Billigmodelle der anderen Vermieter.

»Es tut mir leid«, sagte Barney.

»Glaube ich dir auch.«

Bloß hatte sie keine vierhundert Euro. Ihr Konto war seit vorgestern dicht. Das Bafög hatte nur für die Bezahlung der Miete und ein paar überfälliger Rechnungen gereicht. Sie hatte noch fünfundsechzig Euro und, aus Sentimentalität, eine längst gesperrte Kreditkarte im Portemonnaie. Johannes, der Besitzer des U-Turn, rechnete immer am Fünfzehnten eines Monats ab. Heute war der Zwölfte.

»Ich hab’s nicht hier«, sagte Maria.

»Zweihundert Meter die Straße runter ist ein Bankomat.«

»Ich habe meine Scheckkarte im Hotel.«

»Schaffst du’s heute Nachmittag?«

»Du hast ja meinen Führerschein als Pfand.«

»Tut mir echt leid, mit dem Unfall.«

»War meine Schuld.«

An der Andréa Papandréou reihten sich Pitabuden, Souvenirläden, Eisdielen. Griechenland hatte einen neuen Sommerhit: »Baa-baa-bi-baa-boo«, Maria hörte ihn aus jeder Richtung. Vierhundert Euro. Sie konnte Undine fragen, es ging ja nur um ein paar Tage. Aber Undine hatte sie schon auf diesen Urlaub eingeladen. Und ihre eigene finanzielle Situation war unsicher. Wenn Robert zu Undine und Julian zurückkehrte, war alles gut. Aber wenn er mit dieser Feldenkrais-Therapeutin ein neues Leben anfangen wollte? Sie konnte Johannes anrufen und um einen Vorschuss bitten. Johannes war großzügig und würde sich nicht anstellen. Außerdem mixte Maria die besten Cocktails. Aber dann musste sie über Geld sprechen. Sie hasste das. Kein Geld – das bedeutete Tränen ihrer Mutter. Betrunkenes Grölen ihres Vaters. Kein Geld, das bedeutete Krisengespräche mit dem Lehrer, weil Marias Eltern die achtzig Euro für die Klassenreise nicht hatten. Kein Geld bedeutete, dass in Marias Sparschwein plötzlich zwanzig Euro fehlten. »Weil du doch auch nicht willst, dass sie uns den Strom abstellen.« Als Maria mit dreizehn Jahren ihre ersten Prospekte verteilt und ihr erstes eigenes Geld verdient hatte, versteckte sie es in einer Ritze zwischen Tapete und Teppichleiste.

Das Poseidon Palace war eine der gehobenen Ferienanlagen in Amoudára, mit eigenem Strand und mehreren Pools. Sie ging die Treppe hoch, die Glastür glitt auf. Kühl klimatisierte Luft umfing sie. Sie erwiderte den Gruß von der Rezeption. Jeder hielt sie für eine attraktive junge Frau, die sich, zumal als Deutsche, diesen Urlaub ganz selbstverständlich leisten konnte. Alles Lüge. Sie war pleite.

Im Speisesaal räumten die Serviererinnen das Frühstücksbuffet ab. Maria kam gerade noch rechtzeitig, um sich einen Teller mit Schafskäse, Tomaten und Rührei zu füllen. Sie setzte sich an einen Tisch, auf dem eine Süddeutsche Zeitung lag.

Regierungskrise in Berlin. Staatskrise in Kairo. Gefechte in Osttimor. Hilfspaket für Griechenland, Entscheidung über die Auszahlung der nächsten Rate. Alles hing davon ab, ob Griechenland »seine Hausaufgaben gemacht hatte«. Experten saßen in Brüssel über den neuen Zahlen. Es gab Fortschritte, hieß es. Die Wirtschaft war im letzten Quartal weniger stark geschrumpft als erwartet. Die Arbeitslosigkeit war bloß um zwei Prozent gestiegen – der beste Wert seit über einem Jahr.

»Frau Maria Brecht?«

Sie zuckte zusammen. Vor ihr stand ein großer, schlanker Mann in Polizeiuniform.

»Geórgios Gerakákis, Kommissariat Heraklion. Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«

Er sprach akzentfrei Deutsch. Sie deutete auf einen freien Stuhl, er schüttelte den Kopf.

»Ein griechischer Polizist mit einer deutschen Touristin am Frühstückstisch. Wie sieht das aus?«

4

Gerakákis drehte die Klimaanlage hoch. Der Auspuff knatterte.

»Als der griechische Staat noch Geld hatte«, sagte er, »hat er seinen Polizisten Wagen mit Klimaanlage spendiert. Inzwischen reicht’s nicht mal für einen neuen Auspuff.«

»Warum sprechen Sie so gut Deutsch?«, fragte Maria.

»Ich bin in Oberhausen geboren. Mein Vater war Elektriker bei Thyssen.«

Das Kommissariat lag an der Schnellstraße zum Flughafen; ein moderner, halbrunder Bau, umgeben von Brachland.

»Früher hatten wir ein schönes altes Gebäude in der Altstadt«, sagte Gerakákis. »2007 dachte der Staat, er müsste seiner Polizei diese Festung in der Pampa spendieren. Er wusste ja nicht, wohin mit seinem Geld.«

Geórgios’ Büro lag im dritten Stockwerk; Blick auf die Pampa, dahinter die Landebahn des Flughafens. Hinter der Landebahn eine Ahnung vom Meer. Er schloss hinter Maria die Tür.

»Kaffee? Tee?«

»Haben Sie Wasser?«

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, sprach eine knappe Anweisung ins Telefon. Er deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. Maria setzte sich. Gerakákis durchblätterte flüchtig eine Akte auf seinem Tisch. Dann fragte er:

»Sie hatten gestern ein Problem im Psilorítis-Gebirge?«

»Jemand hat versucht, mich umzubringen.«

Sie erzählte von Anfang an. Von ihrem Ausflug in die Berge. Ihrem Durst. Der Begegnung mit dem Mann. Die Coladose. Die Blutspuren.

»Können Sie den Mann beschreiben?«

Sie beschrieb sein Kurzarmhemd. Seine Slipper. Sein dünnes, blassblondes Haar. Aber es war schwer, den Mann selbst zu beschreiben. Nichts an seinem Gesicht war auffällig, nichts hatte Kontur. Ein Mann, den man in jeder Menschengruppe übersah. Selbst seine Stimme – mittelhoch, eher leise – hatte geklungen wie aus zahllosen Stimmen generierter Durchschnitt.

Sie beschrieb ihre Flucht auf dem Rad. Die Verfolgung. Sein Versuch, sie auf ihrem Rad in die Schlucht zu stoßen. Ihr Sturz, die Böschung hinunter. Das Messer in seiner Hand.

»Was haben Sie getan?«, fragte Gerakákis.

»Ich habe ihn mit Steinen beworfen.«

»Mit Steinen?« Er runzelte die Stirn.

»Was sollte ich machen?«

»Haben Sie ihn verletzt?«

»Ich glaube nicht. Er ist zurück zu seinem Wagen geklettert. Er ist wieder hochgefahren. Er hat die Blutspuren beseitigt. Er musste nur etwas Geröll mitnehmen und ein paar Sträucher abschneiden. Und er musste die Leiche wieder mitnehmen.«

»Falls dort eine Leiche gelegen hat.«

»Warum hat er sonst die Blutspuren beseitigt? Warum hat er versucht, mich zu töten?«

Gerakákis überlegte. Nickte. Machte eine Notiz.

»Und Sie?«, fragte er.

»Ich habe das Fahrrad auf meine Schultern genommen und bin auf einem Trampelpfad bergab gegangen, ungefähr zwei Kilometer. Dort habe ich den Traktorfahrer getroffen.«

Gerakákis begann ein neues Blatt auf einem Schreibblock. Alles an diesem Kommissar, fiel Maria auf, war knapp, klar, effizient. Seine Bewegungen, sein geschorenes Haar, sogar die etwas zu kurz geschnittenen Fingernägel.

»Ist Ihnen sonst irgendetwas aufgefallen?«, fragte er. »An dem Mann? Im Auto?«

»Die Plastiktüte mit den Coladosen. Und ein Koffer.«

»Ein Koffer?«

»Er lag auf dem Rücksitz. Er ist mir aufgefallen, weil der Wagen sonst leer war, wie ein Mietwagen. Und weil der Koffer ungewöhnlich aussah.«

»Was meinen Sie mit ungewöhnlich?«