Das Mädchen aus dem Savoy - Hazel Gaynor - ebook

Das Mädchen aus dem Savoy ebook

Hazel Gaynor

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Opis

Den größten Mut braucht man, um seinen eigenen Träumen zu folgen ...

England 1923. Dorothy Lane ist eine Träumerin, deren größtes Ziel es ist, eines Tages auf den Bühnen Londons zu tanzen. Ihr altes Leben ist während des ersten Weltkriegs zerbrochen; ihr neues beginnt als Zimmermädchen im glamourösesten Hotel der Stadt, dem Savoy. Perry, ein Komponist auf der Suche nach einer Muse, und seine Schwester Loretta May, eine gefeierte Schauspielerin, scheinen alles zu haben, wovon Dorothy träumt. Als sich ihre Wege kreuzen, hat dies für alle drei ungeahnte Konsequenzen.

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EPUB

Liczba stron: 610




Buch

An einem Morgen im November 1923 tritt Dorothy »Dolly« Lane ihre neue Stelle als Zimmermädchen im glamourösen Londoner Savoy Hotel an. Der größte Traum der jungen Frau ist es jedoch eigentlich, auf den Bühnen des West Ends zu tanzen. Nie hat Dolly sich ihre Hoffnung und ihren Lebensmut nehmen lassen, auch nicht, als nach dem Ersten Weltkrieg ihr altes Leben – und ihre große Liebe – zerbrach. Als sie auf eine Anzeige antwortet, in der ein Komponist eine Muse sucht, lernt sie Perry kennen, einen strauchelnden Musiker, der scheinbar kein Händchen dafür hat, Hits für die großen Shows des West Ends zu produzieren. Über Perry begegnet Dolly auch dessen Schwester Loretta May, einer der bekanntesten Schauspielerinnen Londons, die alles zu haben scheint, wovon Dolly träumt. Doch schon bald erfährt sie, dass man niemals genau wissen kann, was sich hinter einer schillernden Fassade verbirgt …

Autorin

Hazel Gaynor stammt aus Yorkshire, England und lebt heute mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und einer Katze in Irland. 2012 gewann sie den Cecil Day Lewis Award für Nachwuchsautoren und wurde 2015 vom Library Journal als eine der zehn besten neuen Autorinnen ausgewählt. Das Mädchen aus dem Savoy ist ihr erster Roman bei Blanvalet.

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Hazel Gaynor

Das Mädchen aus dem Savoy

Roman

Deutsch von Claudia Geng

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »The Girl from the Savoy« bei HarperCollins, LondonDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © Hazel Gaynor 2016

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Ulrike Nikel

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (© peapop, © Everett Collection, © Mariam27, © Sanit Fuangnakhon, © Epifantsev)

AF · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-21056-4V001www.blanvalet.de

Für Helen, meine Schwester.In Liebe und dazu einen großen Gin Tonic.

In seinen blauen Gärten schwirrten Männer und junge Mädchen wie Falter zwischen dem Geflüster und dem Champagner und den Sternen umher.

F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby

Prolog

Lancashire, EnglandMärz 1916

Tief in meinem Herzen wusste ich immer, dass er gehen würde, dass sie letzten Endes alle gehen würden. Nun ist der gefürchtete Tag gekommen. Teddy wird in den Krieg ziehen, und ich kann nichts tun, um es zu verhindern.

Ich fühle mich wie in Trance, kann mich nicht an das Frühstück erinnern und genauso wenig daran, dass ich die Kamine angezündet oder meine sonstigen morgendlichen Pflichten verrichtet habe. Auch dass ich irgendwann die Schürze abband, die Jacke anzog und den Hut aufsetzte, ist aus meinem Gedächtnis gelöscht, und ich bin nicht einmal sicher, ob ich die Haustür hinter mir zugezogen habe, als ich zum Bahnhof aufbrach. Und wie ich dorthin gekommen bin, selbst das weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls stehe ich jetzt auf dem Bahnsteig, und Teddy drückt mir einen Strauß Osterglocken in die Hand.

Er ist tatsächlich im Begriff fortzugehen.

»Bestimmt bin ich im Handumdrehen wieder zu Hause«, sagt er und wischt eine Träne von meiner Wange. »Die werden gar nicht wissen, wie ihnen geschieht, wenn wir kommen. Schau uns an. Zäh wie Leder!«

Ich lasse meinen Blick über den Bahnsteig schweifen. Die hier versammelten Rekruten sehen aus wie ängstliche kleine Jungs. Nicht wie Soldaten. Und keineswegs zäh.

»Zu deinem Geburtstag werde ich zurück sein«, verspricht er, weil ich nicht geantwortet habe, »und dann führe ich dich aus zum Dorftanz so wie letztes Jahr. Bevor du richtig merkst, dass ich fort bin, werde ich schon wieder da sein.«

Wie gern möchte ich ihm glauben, aber wir kennen alle die Wahrheit. So einfach ist das nicht mit dem Zurückkommen, und viele wird man gar nicht wiedersehen. Der Gedanke bricht mir das Herz, und ich schnappe unter Tränen nach Luft. Dabei hat Mama mich davor gewarnt, rührselig zu werden und an seiner Schulter zu schluchzen.

Du musst stark sein, Dorothy. Sag ihm, wie tapfer er ist und wie stolz du auf ihn bist. Nur ja kein Heulen und kein Jammern.

Und hier bin ich nun und tue gerade das: heule und jammere. Ich kann nicht anders, möchte nicht stolz sein und ihm auch nicht sagen, wie tapfer er ist. Am liebsten würde ich auf die Knie sinken und meine Arme um seine Beine schlingen, damit er nirgendwo hingehen kann.

Nicht ohne mich.

»Dolly, im Sommer werden wir heiraten und einen Haufen Kinder bekommen, und alles wird wieder seinen normalen Gang gehen. Nur du und ich und ein ganz einfaches Leben. So wie wir uns das immer gewünscht haben.«

Nickend drücke ich meine Wange an den dicken Stoff seines Mantels.

Ein ganz einfaches Leben. So wie wir uns das immer gewünscht haben.

Vergeblich versuche ich, die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die von mehr als einem ganz einfachen Leben spricht – die Stimme, die von wilden Abenteuern flüstert, die in der Ferne warten. Ich hätte den Kopf voller Flausen. sagt meine Schwester Sarah immer. Wahrscheinlich hat sie recht, sie hat meistens recht.

Ein lautes Zischen, mit dem eine Dampfwolke entweicht, durchbricht die bedrückende Stille auf dem Bahnsteig, übertönt das gedämpfte Schluchzen. Gleich darauf knallen Türen, und die Männer schicken sich an, in den Zug zu steigen. Umarmungen enden. Hände lösen sich qualvoll langsam voneinander.

Es ist Zeit loszulassen.

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, und unsere Lippen treffen sich zu einem letzten Kuss. Er ist nicht lang und leidenschaftlich, wie ich es mir ausgemalt habe, sondern ein flüchtiger Hauch, unterbrochen von meinem kläglichen Schluchzen und dem Drängen der anderen Männer, die Teddy auffordern, endlich voranzumachen. Dann geht alles rasend schnell, und Teddy entfernt sich von mir. Durch den Tränenschleier vor meinen Augen kann ich sein Gesicht kaum noch erkennen.

Der schrille Pfiff des Stationsvorstehers lässt mich zusammenzucken. Familienangehörige klammern sich aneinander. Mütter drücken ihre Kinder an sich, die tapfer ihrem Daddy zum Abschied winken. Dunkle Rauchschwaden umnebeln uns, und ich halte mein Taschentuch vor meinen Mund, während die Treibstangen der Lokomotive ächzend zum Leben erwachen und sich zu drehen beginnen. Durch die Waggons geht ein Ruck, der Zug rollt an und trägt Teddy langsam mit sich fort.

Hastig setze ich mich in Bewegung, passe meine Schritte der Beschleunigung an, zunächst langsam, dann schnell und immer schneller. Auf dem gesamten Bahnsteig recken Frauen und Kinder ihre Hände zu den Fenstern hoch, klammern sich mit größter Anstrengung fest, um die allerletzte Berührung eines Mantelärmels, einer Fingerspitze zu verlängern, das letzte Flattern eines weißen Taschentuchs. Ich hingegen fange an zu rennen, bis ich nicht mehr mithalten kann und der Zug vor meinen Augen immer kleiner wird.

Er ist fort. Teddy ist fort.

Meine Schritte werden langsamer, bis ich in dem stickigen Rauch stehen bleibe, der noch über dem Bahnsteig hängt, während mein Herz vor hilfloser Verzweiflung in tausend Scherben zerbricht. Alles hat sich geändert. Alles wird von nun an anders sein.

Ich greife in meine Jackentaschen und ziehe rechts und links ein gefaltetes Stück Papier heraus, lese die eilig verfasste Nachricht von Teddy in meiner rechten Hand:

Mein Mädchen, sei nicht traurig. Sobald der Krieg vorbei ist, werde ich zu dir zurückkehren, zurück nach Mawdesley. Wenn ich dich an meiner Seite habe, ist diese kleine Welt alles, was ich brauche.

Dann schaue ich auf den Zeitungsartikel in meiner linken Hand, den ich heute Morgen aus einer Gazette gerissen habe, als ich das Schlafzimmer meiner Arbeitgeberin anheizte. Gesellschaftsliebling und freiwillige Krankenschwester Virginia Clements entlarvt als West-End-Star Loretta May!

Versonnen betrachte ich das schöne Gesicht auf dem Foto, das den enthusiastischen Bericht über die neueste glanzvolle Revue in London und über den hinreißenden Shootingstar der Saison illustriert. Ich starre auf die beiden Blätter. Links das Leben, das ich kenne – rechts das Leben, von dem ich träume.

Die Kirchenglocke schlägt die volle Stunde. Höchste Zeit, zum Waschtag und den vorhersehbaren Routinearbeiten zurückzukehren, die den Alltag eines Mädchens für alles wie mich bestimmen. Ich wische mir die letzten Tränen aus den Augen, falte den Brief und den Zeitungsbericht zusammen, stecke beide wieder in meine Jackentaschen und kehre dem verlassenen Bahnsteig endgültig den Rücken zu.

Vorsichtig balanciere ich beim Überqueren der Schienen über das gefrorene Gleisbett, um nicht auszurutschen, und erst als ich festen Untergrund erreiche, werden meine Schritte wieder sicherer, und ich gehe schneller. Doch während ich meinem tristen Alltag entgegenstrebe, bewegt mich unablässig eine Frage:

Entferne ich mich gerade von meiner Zukunft, oder gehe ich darauf zu?

Eine Antwort darauf weiß ich allerdings nicht. Und es steht mir auch nicht zu, sie zu geben, denn Krieg behält sich alle Entscheidungen vor.

I. AKT

Hoffnung

London1923

Auf die Frage »Sind Stars den Aufwand wert?« muss ich ausweichend antworten: »Es gibt Stars und Stars.«

Charles B. Cochran in der Weekly Dispatch, 1924

Kapitel 1

DOLLY

Das ist das Faszinierende am Leben, Miss Lane. Seine ganze wundervolle Unvorhersehbarkeit.

Es ist ganz einfach: Man kann unpünktlich oder unordentlich sein, aber wenn man im Leben vorankommen möchte, darf man ganz bestimmt nicht beides sein.

Diese Worte werde ich ebenso wenig vergessen wie die gehässige Haushälterin, die sie mir entgegenschleuderte, als ich mich nach meinem freien Nachmittag zu spät und völlig zerzaust auf das Gut zurückschlich. Ich war mit Teddy durch den Sommerregen spaziert und hatte völlig die Zeit vergessen. Die unfreundliche Belehrung fand ich jedoch gemein und unzutreffend, zumal der alte Drachen noch eins draufsetzte.

Du, Dorothy Lane, bist ein Paradebeispiel für jemanden, der es im Leben nie zu etwas bringen wird. Aus dir wird niemals etwas Vernünftiges werden.

Es war das erste Mal, dass ich mir anhören musste, ich sei nicht gut genug, aber es sollte nicht das letzte Mal bleiben.

Damals hatte ich gerade meine erste Anstellung angetreten. Als Mädchen für alles. Wohl eher als Mädchen mit zwei linken Händen, schimpfte die Haushälterin. Ihr Name war Peggy Griffin. »Piggy«, wie ich sie insgeheim wegen ihrer Schweinsnase und ihren dicken Stummelfingern nannte, mochte mich nicht, und ich mochte sie nicht. Genauso wenig wie die Hausarbeit. Vermutlich war es nicht hilfreich, dass ich in Gedanken meist ganz woanders war als bei den Aufgaben, die die Haushälterin mir anschaffte.

Dolly die Traumtänzerin war der Spitzname, den mir die Dienstmädchen auf Gut Mawdesley gaben. Und wirklich träumte ich mich immer in eine andere Welt. Sobald von irgendwoher Musik aus dem Grammofon an mein Ohr drang, begannen meine Beine zu zucken – egal ob ich gerade Wäsche mangelte, putzte oder polierte. Immer machte ich dabei Tanzschritte, und in meinem Kopf hatte nichts Platz als die Stars der Londoner West-End-Bühnen wie etwa die Ziegfeld Follies.

Alles war eine willkommene Ablenkung von der eintönigen Arbeitsroutine, vom Krieg, von meiner Angst um Teddy. Ich habe vielleicht vieles verloren in den Jahren, seit ich zum ersten Mal diese naive Sehnsucht verspürte, doch ich hielt mit jener sturen Entschlossenheit, die man den Mädchen aus Lancashire nachsagt, an meinen Träumen fest. Das Verlangen nach mehr hat mich nie verlassen – ich spüre es ständig wie einen Flügelschlag in meinem Herzen.

So auch jetzt, während ich im Eingang eines Uhrmachergeschäfts auf der Strand, einer Londoner Straße, die früher an der Themse entlangführte, vor dem Regen Schutz suche. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Theaterreklame an den vorbeifahrenden Omnibussen: Tallulah Bankhead, Gertrude Lawrence, Loretta May. Berühmte Künstlerinnen, deren Fotos und Premierenkritiken ich regelmäßig aus den Zeitungen ausschneide und in mein Sammelbuch klebe. Frauen, die ich vom obersten Rang des Zuschauerraums aus glühend bewundere. Denen ich zujubele, dabei mit den Füßen trampele, laut Beifall klatsche und mir wünsche, mit ihnen zusammen auf der Bühne zu stehen in einem Kleid aus silbernem Chiffon.

Man nennt uns die Galeriemädchen: Hausangestellte und Verkäuferinnen, die die billigsten Karten kaufen und ihren Lieblingsstars mit einer bedingungslosen Treue folgen, die schon an Hysterie grenzt. Gleichzeitig träumen wir fast alle von einem glamourösen Leben als Tänzerin oder Schauspielerin, von einem Leben, das mehr zu bieten hat als das Flicken von Unterröcken, das Bügeln von Schnürsenkeln und das Schrubben von Treppen.

Was mich betrifft, so möchte ich nicht bloß einem Leben voller Schinderei entkommen – ich will es außerdem zu etwas bringen, will der Armut entkommen, so leben wie meine Idole. Deshalb vergleiche ich dieses ruhelose Flattern in meinem Herzen mit einem Vogel, dessen Flügel gebrochenen sind, und hoffe, dass ich mich eines Tages wie er befreit in die Lüfte schwingen kann.

Jemand klopft energisch an das Schaufenster direkt neben mir. Erschrocken fahre ich zusammen, drehe meinen Kopf und sehe hinter der Scheibe einen Herrn mit harten Gesichtszügen, der mich hinter einer schwarz gerahmten Brille böse anfunkelt. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe, wedelt mit den Händen und scheucht mich weg wie einen Hund, der vor einer Metzgerei bettelt.

Verärgert strecke ich dem Mann die Zunge heraus, verlasse den Hauseingang und haste weiter durch den Regen, der inzwischen wie ein dichter Vorhang fällt. Obwohl ich den Pfützen auszuweichen suche, ertrinken meine Füße bald in den Schuhen wie arme, unerwünschte Kätzchen. Hilft nichts, denke ich und beschleunige meine Schritte.

Als ich zufällig in einem Schaufenster mein Spiegelbild sehe, erstarre ich vor Entsetzen. Unter meinem Glockenhut schauen statt Locken schlaffe Strähnen hervor, die mir beweisen, dass all meine Mühe mit der Brennschere umsonst war. Meine neuen Baumwollstrümpfe sind mit Schlammspritzern übersät und kringeln sich um meine Knöchel – die Gummibänder, die als provisorische Strumpfhalter dienen sollten, waren dem Gewicht des nassen Stoffs eindeutig nicht gewachsen.

Und der Rest ist ebenfalls wenig erhebend. Der geborgte Mantel ist zwei Nummern zu groß, und meine Schuhe aus dritter Hand quietschen bei jedem Schritt, als wollten sie sich für ihre schäbige Existenz entschuldigen. Piggy Griffin hatte recht. Ich bin ein unpünktliches und unordentliches Mädchen, eines, das es im Leben nie zu etwas bringen wird.

Solchermaßen in trübe Gedanken versunken, eile ich über den trotz des Wetters belebten Gehweg und muss immer wieder anderen Passanten ausweichen, während Straßenbahnen und Automobile bimmelnd und hupend an mir vorbeirattern. Die Rufe der Straßenhändler und die klappernden Hufe eines Brauereipferds verstärken das lärmende Durcheinander. Mein Magen dreht sich, als wäre er ein Butterfass.

Kein Wunder in Anbetracht meiner Aufregung und Nervosität, denn heute soll ich meine neue Stelle als Zimmermädchen im Hotel Savoy antreten.

Das Savoy. Mir gefällt allein der Klang dieses Namens.

Ich ziehe meinen Kopf ein, um mich ein wenig vor dem Regen zu schützen, der mir jetzt frontal entgegenschlägt und mir die Sicht nimmt, und stoße kurz vor Erreichen des Hotels mit einem Gentleman zusammen, der in der Gegenrichtung unterwegs ist. Während ich bloß rückwärtstaumele und meine Reisetasche fallen lasse, geht mein Kontrahent ziemlich dramatisch zu Boden – der Anblick erinnert mich an eine Szene aus einem Buster-Keaton-Film und hätte mir um ein Haar einen Lachanfall entlockt.

Schnell schlage ich eine Hand vor den Mund. »Es tut mir schrecklich leid! Sind Sie verletzt?«, schreie ich über das Prasseln des Regens und das Rauschen der Autoreifen in den Pfützen hinweg. »Das war meine Schuld. Ich hab auf den Boden geschaut.«

Dutzende Papierbogen kleben verstreut auf dem nassen Pflaster. Vergeblich versucht der Mann aufzustehen, rutscht immer wieder mit seinen eleganten Schuhen auf dem nassen Kopfsteinpflaster weg. Als ich ihm meine Hand biete, greift er zu und umfasst zusätzlich mit der anderen Hand meinen Arm, sodass ich ihm aufhelfen kann. Er ist überraschend groß, stelle ich fest, sobald er auf den Beinen steht. Und überraschend attraktiv. Rötliche Bartstoppeln bedecken sein Kinn. Das Oberlippenbärtchen ist von der gleichen Farbe, das rotbraune Kopfhaar hingegen eine Nuance dunkler. Irgendwie fühle ich mich an ein Fuchsfell erinnert und würde es am liebsten berühren. Vorsichtshalber balle ich meine Hände zu Fäusten, damit ich nur ja diesem Impuls nicht nachgebe.

»Sind Sie verletzt?«, frage ich erneut, bevor ich mich bücke, um die Unterlagen, die ihm bei seinem Sturz entglitten sind, aufzuheben.

»Ich glaube nicht.« Er schüttelt das Wasser von seinem Mantel wie ein Hund sein nasses Fell und bückt sich dann, um mir zu helfen. »Allerdings komme ich mir verdammt töricht vor. Und Sie, haben Sie sich was getan? Immerhin war unsere Kollision nicht von Pappe.« Er spricht wie der Mann von der Pathé-Wochenschau im Filmpalast, sehr distinguiert und gleichzeitig charmant.

Prüfend blicke ich an mir herunter. »Na ja, mein Strumpf hat eine Laufmasche, lässt sich aber leicht reparieren. Sonst ist mir nichts passiert. Trotzdem: Ich hätte mehr auf andere Passanten achten müssen.«

»Ich genauso, da haben wir uns nichts vorzuwerfen.« Er sieht mich an, und der Anflug eines Lächelns umspielt seine Lippen, seine Augen dagegen ähneln tiefen grauen Pfützen und passen perfekt zu dem Wetter. »Vielleicht war es ja sogar Schicksal.«

Verlegen grinsen wir uns an. Stehen zudem da, als wären wir festgewachsen und könnten nicht weitergehen. Oder wollten es nicht. Die Stadt scheint plötzlich in ein sanftes Licht getaucht, das laute Gepladder des Regens sich in ein leises Flüstern zu verwandeln, und die rauen Rufe der Straßenverkäufer klingen plötzlich wie ein Walzer im Dreivierteltakt.

Für einen perfekten durchnässten Augenblick steht die Zeit still.

Es gibt keinen Ort, wohin man muss, und niemanden, um den man sich zu kümmern hat. Da sind nur die Melodie eines verregneten Londoner Nachmittags und dieser Fremde, in dessen Augen ich mein Spiegelbild sehe. Es ist, als würde ich in meine Zukunft blicken.

Wir sammeln die letzten Blätter auf und stellen uns unter die rot-weiß gestreifte Markise eines Blumengeschäfts, wo der attraktive Fremde die Ärmel seines Mantels abwischt und einen kleinen Riss in seiner Hose inspiziert. Der Regen ist wieder völlig unromantisch, genau wie das Lärmen der Autos und das Geschrei der Straßenhändler – der verzauberte Augenblick wird fortgeweht wie ein Luftballon. Unwillkürlich schaue ich zum Himmel hoch wie ein Kind, das seinem verlorenen Schatz hinterherschaut, wie er hoch über den Dächern davonschwebt.

»Diese verdammten neuen Schuhe«, murmelt er. »Tückisch bei so einem Wetter.«

Er trägt ein elegantes Paar Budapester in Dunkelblau und Braun. Verlegen blicke ich auf meine schwarzen Schnürstiefel, die Clover bereits aufgetragen hat und die völlig runtergerieben sind.

»Darum mache ich mir nichts aus neuen Schuhen«, sage ich. »Alte Schuhe sind verlässlicher. Und das Gleiche gilt für Männer.«

Neben seiner gepflegten Sprache klingt mein Lancashire-Akzent ordinär, und ich bereue wieder einmal, dass ich den vor einem Jahr begonnen Sprechunterricht aufgegeben habe, weil ich die Lehrerin schrecklich eingebildet fand. Sie könne mir mit ihren runden Vokalen den Buckel runterrutschen, verabschiedete ich mich grob unhöflich von ihr.

Jetzt dämmert mir, dass es wohl keine kluge Entscheidung war.

Ich beobachte, wie der Mann, den ich umgerannt habe, seine elegante Kleidung wieder einigermaßen in Ordnung bringt: seinen Mantel gerade zieht und seinen Hut aus nussbraunem Filz mit schokoladefarbenem Zierband zurechtrückt. Die dunklen Ringe unter seinen Augen deuten allerdings auf eine lange Nacht hin, desgleichen der Geruch nach Whisky und Zigaretten, der jedoch mit einem schwachen Duft nach Brillantine und Regen vermischt ist. Ich kann meinen Blick nicht von ihm wenden.

»Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sie sehen ziemlich geschafft aus.«

Amüsiert zieht er eine Augenbraue hoch. »Sind Sie immer so direkt?« Wieder dieses Lächeln, das seine Mundwinkel anhebt, als wären sie an einem unsichtbaren Faden befestigt. »Okay, es ist heute Nacht sehr spät geworden, wenn Sie es unbedingt wissen müssen.«

»Ich hoffe, sie war es wert.«

Er lacht. »Na, Sie sind mir vielleicht eine Komikerin! Aber danke, ich kann gerade etwas Aufheiterung gebrauchen.«

Als ich ihm die aufgeweichten Seiten reichen will, die ich noch in der Hand halte, sehe ich die Notenreihen darauf. »Sie sind Musiker?«

»Ja.« Er nimmt mir ein Blatt aus der Hand. »Ich komponiere meine Stücke sogar selbst.«

»Was? Ganz ehrlich? Ich werd verrückt! Blues oder Jazz?«

»Blues, überwiegend.«

»Oh.«

»Das klingt irgendwie enttäuscht.«

»Na ja, ich mag Jazz lieber.«

»Tut das nicht jeder?«

Ich gebe ihm den Rest der Notenblätter. »Ist sie denn gut, Ihre Musik?«

Ein wenig verlegen schaut er mich an. »Ich fürchte, nein. Jedenfalls nicht im Moment.«

»Schade. Ich liebe Musik. Das heißt, gute Musik. Besonders Jazz.«

Erneut lächelt er. »Dann sollte ich vielleicht mal etwas Jazziges schreiben.«

»Sollten Sie wirklich«, erkläre ich und nicke zur Bestätigung.

Wieder stehen wir da und grinsen uns an. Dieser Fremde mit dem Fuchshaar hat irgendetwas an sich, das mich von meiner Hutspitze bis zu meinen nassen Zehen fasziniert. Keiner hat dieses Gefühl mehr in mir ausgelöst seit meinem achten Lebensjahr, als ich Teddy Cooper kennenlernte, und ich dachte auch nicht, dass es noch einmal passieren würde. Ein Teil von mir hat das sogar gehofft.

»Und Sie, was machen Sie?«, erkundigt sich der Mann. »Abgesehen davon, dass Sie arglose Gentlemen auf der Straße umrennen?«

Ich hasse es, meinen Beruf zu nennen. Clover, meine beste Freundin, gibt sich immer als Verkäuferin aus oder als Sekretärin, wenn sie gefragt wird. Weil keiner ein Dienstmädchen heiraten möchte, sagt sie, sei es besser, zu einer Notlüge zu greifen. Am liebsten würde ich dem Fremden erzählen, dass ich eine Revuetänzerin bin oder eine Schauspielerin am London Pavillon. Jedenfalls möchte ich den Eindruck erwecken, dass ich jemand bin, aber diese grauen Augen verlangen die Wahrheit.

»Na ja, ich arbeite nur als Dienstmädchen«, sage ich zögernd, während die Glockenschläge von Big Ben mich daran erinnern, dass ich losmüsste.

»Nur ein Dienstmädchen?«

»Im Augenblick schon. Ich fange heute im Savoy an – eigentlich müsste ich bereits dort sein.«

»Ein Dienstmädchen mit Ambitionen. Eine seltene und wunderbare Sache.« Ein Schmunzeln überzieht sein Gesicht, gefolgt von einem unterdrückten Lachen. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich über mich lustig macht. »Nun, dann sollte ich Sie nicht länger aufhalten.« Er rollt die feuchten Notenblätter zusammen und schiebt das Bündel unter seinen Arm wie ein Badetuch. »Perry«, sagt er und streckt mir seine Hand entgegen. »Perry Clements. Sehr erfreut, Sie kennengelernt zu haben.«

Seine Hand fühlt sich warm an durch den Stoff meines Handschuhs. Die Berührung löst ein Kribbeln in meiner Handfläche aus. »Perry? Welch ungewöhnlicher Name.«

»Die Abkürzung für Peregrine. Grässlich, nicht wahr?«

»Ich finde Peregrine … irgendwie nett.« Genau wie Sie, hätte ich am liebsten hinzugefügt. »Dorothy Lane«, sage ich. »Oder kurz Dolly. Freut mich ebenfalls sehr, Mr. Clements.« Ich deute auf die nasse Rolle unter seinem Arm. »Hoffentlich sind die Seiten nicht völlig ruiniert.«

»Um ehrlich zu sein, Miss Lane, Sie haben mir einen Gefallen getan. Die Noten da … wahrscheinlich ist es das Miserabelste, was ich jemals geschrieben habe.«

Sagt es und steckt im gleichen Atemzug das Papierbündel in einen Abfalleimer – so beiläufig, als handelte es sich um eine leere Fish-and-Chips-Verpackung.

Erschrocken protestiere ich. »Das können Sie doch nicht machen!«

»Warum nicht?«

»Nun, weil … weil das einfach nicht geht.«

»Offensichtlich habe ich es trotzdem getan. Das ist das Faszinierende am Leben, Miss Lane. Seine ganze wundervolle Unvorhersehbarkeit.« Er schiebt seine Hände in seine Manteltaschen und wendet sich zum Gehen. »Es war mir eine Freude, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« Seine Stimme wird etwas lauter, damit sie gegen den Straßenlärm ankommt. »Sie sind wirklich eine bezaubernde Person. Viel Glück mit Ihrer neuen Stelle. Sie werden das großartig meistern, davon bin ich überzeugt.«

Ich schaue ihm nach, während er gemessenen Schrittes die Straße entlanggeht, um nicht ins Schlittern zu geraten. Mir kommt es vor, als würde er leicht humpeln. Hoffentlich nicht eine Folge unserer Rempelei. Als er in einen Bus einsteigt, dreht er sich kurz um und tippt an seinen Hut. Woraufhin ich ihm so überschwänglich zuwinke, als würde ich einen alten Freund verabschieden und nicht einen letztlich Fremden.

Als er mit dem Bus meinen Blicken entschwindet, ziehe ich das Papierbündel aus dem Abfalleimer. Warum und was ich damit bezwecke, weiß ich nicht – es fühlt sich einfach richtig an.

Und zugleich ein bisschen wie ein Versprechen auf Abenteuer.

Wie sagte Teddy doch, bevor er den Zug nach Frankreich bestieg? Man solle das Abenteuer niemals ignorieren, wenn es anklopft. Natürlich ahnte niemand von uns, dass die Erfahrung des Krieges weit entfernt sein würde von dem großen Abenteuer, das die jungen Rekruten sich erhofften, als sie Abschied nahmen.

Wie auch immer, ich stopfe die Blätter in meine Manteltasche und setze meinen Weg in die Carting Lane fort, die schräg zum Uferdamm und zum Fluss hinabführt. Hier in der Seitengasse ist es vergleichsweise ruhig trotz eines beständigen Stroms von Lieferfahrzeugen und Fuhrwerken, die an mir vorbeirumpeln.

Dann habe ich mein Ziel erreicht.

Durch einen Torbogen geht es eine steile Treppe hinunter, die zu einer schwarzen Tür führt, dem Personaleingang des Savoy. Auf halber Höhe steht in gebückter Haltung ein Hausmädchen und schrubbt mit einem großen Scheuerstein die Stufen. Angesichts des Schmuddelwetters scheint mir das eine vergebliche Liebesmühe zu sein, aber ich weiß sehr wohl, dass es Dienstboten nicht zusteht, den Sinn der Arbeiten zu hinterfragen, die ihnen aufgetragen werden.

Das Mädchen hebt den Kopf, richtet sich auf mit geröteten Wangen und wischt seine Hände an der sackleinenen Schürze ab. »Verzeihung, Miss.«

»Lass dich von mir nicht stören«, erwidere ich lächelnd.

Wahrscheinlich ist es ihre erste Anstellung, denn sie sieht noch sehr jung aus. Ich kann mich gut in sie hineinversetzen. Schließlich ist es noch nicht lange her, dass ich selbst solche Sachen machen musste wie Treppen schrubben, unhandliche Türgriffe polieren, schwere Kohleneimer schleppen – und das alles in der ständigen Angst, einen Fehler zu machen und meine Kündigung zu erhalten.

Ohne ein weiteres Wort zieht sie mit ausdruckslosem Blick ihren Eimer geräuschvoll zur Seite, damit ich vorbeigehen kann. Ich setze meinen Weg auf Zehenspitzen fort, um die Arbeit des Mädchens nicht auf der Stelle wieder zunichtezumachen.

Über der schwarzen Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift: Für Anlieferungen zweimal klopfen. Da ich nichts anliefere, ziehe ich an der Türglocke. In meinem Kopf höre ich den Tadel meiner Mutter:

Dorothy Mary Lane, du kommst gleich an deinem ersten Tag zu spät. Und sieh nur, in was für einem Zustand du bist. Ehrlich. Das ist unfassbar.

Hinter der Tür nähern sich Schritte, ein Riegel wird zurückgeschoben, und die Tür schwingt auf. Ein gehetzt wirkendes Dienstmädchen starrt mich an.

»Bist du die Neue?«

»Ja.«

Missmutig mustert sie mich. »Du kommst zu spät. Sie spuckt bereits Gift und Galle.«

»Wer?«

»O’Hara, die Hausdame. Du hast ihr die Stimmung versaut, und darunter werden wir alle leiden müssen.«

Bevor ich die Chance bekomme, mich zu rechtfertigen beziehungsweise zu antworten, schiebt sie mich in einen kleinen Nebenraum, befiehlt mir zu warten und eilt leise vor sich hin brummelnd davon.

Ich stelle meine Tasche auf dem gefliesten Boden ab und schaue mich um. Auf dem Kaminsims tickt eine Uhr. An der Wand hängt ein Bild des Königs. Vor einem schmalen Fenster steht ein kleiner Tisch. Ansonsten wirkt der Raum eher kalt und ungemütlich, ganz und gar nicht das, was ich im Savoy erwartet hätte. Mich fröstelt, und ich fühle mich schrecklich unbehaglich, verloren und allein gelassen. Automatisch greife ich in meine Manteltasche, ziehe ein Foto hervor und streiche mit den Fingern leicht über das Gesicht. Es ist ein Ritual, das viele schmerzhafte Erinnerungen weckt.

Nach jedem Tadel einer Hauswirtschafterin und nach jedem gescheitertem Vortanzen habe ich das getan, um mich zu trösten und mir Mut zu machen. Immer wenn mir jemand gesagt hat, ich sei nicht gut genug. Das Gesicht bestärkte mich in meiner Entschlossenheit, allen das Gegenteil zu beweisen.

Als ich auf dem Gang energische Schritte höre, schiebe ich die abgegriffene Fotografie zurück in meine Manteltasche und bete, dass die Hausdame eine nachsichtige und verständnisvolle Frau sein möge.

Als sie den Raum betritt, wird mir schmerzlich klar, dass sie keins von beidem ist.

Kapitel 2

DOLLY

Wunderbare Abenteuer erwarten jene, die den Mut haben, danach zu suchen.

O’Hara, die Hausdame, ist eine grimmige Irin mit einem Blick, der sogar die Hölle gefrieren lässt, und einem dazu passenden Auftreten. Groß und seltsam eckig, das Gesicht umrahmt von drahtigen schwarzen Locken, steht sie da mit vor der Brust verschränkten Armen. Schwarze Seide spannt sich über ihren festen Armen, die an zwei Schüreisen erinnern und jeden zu stoßen bereit sind, der ihnen in die Quere kommt.

»Dorothy, nehme ich an?« Ihr Ton ist knapp und herrisch.

»Ja, Miss. Dorothy Lane. Oder kurz Dolly.«

Missbilligend schaut sie auf eine Taschenuhr, die mit einer Kette am Brusteinsatz ihres Kleides befestigt ist. »Sie sind fünf Minuten zu spät. Unzuverlässigkeit passt zu flatterhaften Mädchen, die in Fabriken arbeiten und zu viel Schminke benutzen, farbige Strümpfe tragen und unweigerlich ein schlimmes Ende nehmen, nicht jedoch zu Mädchen, die im Savoy beschäftigt sind. Ich gehe davon aus, dies ist das erste und das letzte Mal gewesen, dass Sie unpünktlich waren?«

Ihre Worte schnappen nach mir wie die lebenden Krabben auf dem Billingsgate Fish Market nach den Fingern der Händler. Nickend weiche ich einen Schritt zurück. Wenn O’Hara spricht, treten ihre Adern am Hals weit hervor, als versuchten sie, von ihr wegzukommen. Wäre ich eine Ader an O’Haras Hals, würde ich das auch versuchen.

»Mr. Cutler ist kein Freund von Unpünktlichkeit«, fährt sie fort. »Absolut nicht. Ganz zu schweigen von dem Direktor.«

Ich habe keine Ahnung, wer Mr. Cutler ist, komme aber zu dem Schluss, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt ist, um danach zu fragen.

»Es tut mir sehr leid. Sehen Sie, Miss, ich bin mit jemandem zusammengestoßen, und der Regen …«

Eine schroffe Geste unterbricht mich mitten im Satz. »Ihre Ausreden interessieren mich nicht, und ich habe zudem definitiv keine Zeit dafür.« Automatisch, als wäre sie programmiert oder ferngesteuert, schaut sie erneut auf ihre Taschenuhr. »Nun beeilen Sie sich. Nehmen Sie Ihre Tasche und folgen Sie mir.«

Mit diesen Worten dreht sie sich um, rauscht aus dem Zimmer und lässt lediglich einen mir vertrauten Geruch nach Sunlight-Seife zurück. Rasch hebe ich meine Tasche vom Boden auf und eile ihr hinterher. Sie bewegt sich recht flott, und das Rascheln ihres Rockes erinnert mich an Mamas Hände, wenn sie die vor dem Kamin aneinanderreibt.

Wir gehen eine kleine Steintreppe hoch, die zu einem Gewirr von schmalen Gängen führt, die alle paar Meter von schlichten Leuchten an den ansonsten kahlen Wänden erhellt werden. In einem großen Raum sehe ich Dienstmädchen, die sich über Weidenkörbe beugen und riesige Wäscheberge sortieren. Im nächsten klappert eine Druckerpresse, und an hohen Arbeitstischen stehen Männer mit tintenbefleckten Schürzen und setzen die zu druckenden Texte aus einzelnen Bleilettern zusammen. In der Luft liegt penetrant der schwere Geruch von Öl und Farbe. Das hier ist weit entfernt von den funkelnden Kronleuchtern und prachtvollen Teppichen, die ich immer mit dem Savoy in Verbindung gebracht habe.

»Ihr Empfehlungsschreiben von Lady Archer enthielt viel Lob«, sagt O’Hara. Über die Schulter wirft sie mir dabei einen herablassenden Blick zu, der vermuten lässt, dass ich nicht im Geringsten dem Mädchen entspreche, das sie erwartet hat. »Und die Haushälterin sprach ebenfalls in den höchsten Tönen von Ihnen.«

»Wirklich? Wie nett von den beiden«, stammele ich verwundert und kann nicht glauben, dass Lady Archer jemals jemanden loben würde und schon gar nicht mich. Obwohl ich die letzten vier Jahre in ihrem großen Haus am Grosvenor Square tätig war, hat sie kaum mehr als ein Dutzend Worte mit mir gesprochen. Und die meisten davon bezogen sich darauf, wie sich meine äußere Erscheinung verbessern ließe.

»Das hat nichts mit Nettigkeit zu tun, Dorothy, sondern mit Ehrlichkeit. Nettigkeit und Ehrlichkeit sind zwei grundverschiedene Dinge. Sie täten gut daran, das eine nicht mit dem anderen zu verwechseln.«

Wir gehen weiter, bis O’Hara plötzlich scharf links abbiegt und stehen bleibt. »Wir nehmen den Aufzug«, erklärt sie und wirft schon wieder einen Blick auf ihre Taschenuhr, schüttelt den Kopf und scheucht mich in die enge Kabine. Den Liftboy weist sie an, uns in die zweite Etage zu bringen. Der murmelt ein »Guten Tag«, schließt das Eisengitter und drückt den entsprechenden Knopf.

»Ich nehme an, Sie sind noch nie mit einem elektrischen Aufzug gefahren«, erkundigt sich O’Hara, als der Käfig mit einem Ruck zum Leben erwacht und unser Aufstieg beginnt.

»Nein, Miss. Noch nie.« Ängstlich stütze ich mich mit den Händen an der Kabinenwand ab, während der Gang unter mir zurückbleibt. Ich bin nicht sicher, ob mir dieses Gefühl gefällt.

»Das Savoy ist das erste Hotel, das flächendeckend über Elektrik verfügt«, belehrt mich O’Hara. »Elektrische Aufzüge, elektrische Beleuchtung – und natürlich eine elektrische Zentralheizung. Hier werden zweifelsohne viele neue Erfahrungen auf Sie zukommen.« Stolz strafft sie ihre Schultern. »Sie werden sich bald daran gewöhnen.«

Stumm nicke ich, bin jedoch alles andere als überzeugt. Die Bewegung des Fahrstuhls verursacht mir ein flaues Gefühl im Magen, mein Mund fühlt sich trocken an, und ich gäbe jetzt alles für einen Tee.

Zum Glück steigen wir kurz darauf aus, und ich folge O’Hara durch einen weiteren Gang zu einem großen Zimmer, das der Bedienstetenstube auf Gut Mawdesley ähnelt. Dies sei der Speiseraum für die Dienstmädchen, erfahre ich. Mindestens ein Dutzend Mädchen sitzt an einer langen Holztafel, die Gesichter von Glühlampen erhellt, die an einem Flaschenzug unter der Decke hängen. Die Wände sind in einem blassen Senfgelb getüncht.

O’Hara macht eine ausladende Geste in Richtung Tisch. »Ich denke, Sie können sich selbst mit den anderen bekannt machen. Frühstück, Mittagessen und Abendbrot werden ausschließlich hier serviert. Die Teemaschine kann manchmal launisch sein. Die Nachmittagspause dauert zehn Minuten. Das wär’s für Erste.«

Sie verlässt den Raum unter Seidengeraschel. Ich stelle meine Tasche auf den Boden, schiebe meine Hände in die Manteltaschen. »Scheinbar ist die Teemaschine nicht das Einzige, was hier launisch ist«, murmele ich vor mich hin, aber eins der Mädchen hat mich gehört und spuckt vor Lachen ihren Tee aus.

»Das ist der lustigste Spruch, den ich das ganze Jahr gehört habe. Wo haben die dich denn ausgegraben? Im Varieté?«

Ich fühle mich unbehaglich wie ein Kind in einer neuen Klasse, weiß nicht so recht, ob ich mich zu den anderen setzen soll oder nicht. Die Mädchen am Tisch zwitschern fröhlich miteinander wie eine Starenschar. Sie geben vor, mich nicht zu beachten, doch eindeutig mustern sie mich verstohlen. Ein paar lächeln mir zu, und eine starrt mich so eindringlich an, dass ich mich frage, ob ich ihr schon einmal begegnet bin und ob ich sie auf irgendeine Art gekränkt habe. Allerdings vermag ich ihr Gesicht nicht einzuordnen.

Die allem Anschein nach Jüngste in der Runde gießt aus einer Kanne Tee ein und reicht mir eine Tasse. »Bist du in der Themse geschwommen?«, fragt sie. »Du bist ja pitschnass und hinterlässt sogar Pfützen auf dem Boden.«

Betreten blicke ich nach unten. Zu meinen Füßen hat sich bereits eine kleine Lache gebildet, und vom Saum meines Mantels tropft nach wie vor Wasser. Ich ziehe ihn aus, rolle ihn zusammen und klemme ihn unter meinen Arm, während ich dem Mädchen erkläre, dass es draußen halt in Strömen regne.

Die andere, die ihren Tee ausgespuckt hat, fragt mich daraufhin, ob ich jemals von einer Erfindung namens Regenschirm gehört hätte. »Ich heiße übrigens Sissy«, fügt sie hinzu. »Sissy Roberts.«

»Dorothy Lane«, erwidere ich. »Oder kurz Dolly. Und für Regenschirme hab ich nichts übrig. Ständig rempelt man damit Leute an und muss sich entschuldigen. Außerdem hat ein bisschen Regen noch keinem geschadet.«

Sissy lacht. »Den türkischen Teppichen des Direktors schon, wenn du sie volltropfst.«

Gerade als ich meinen ersten Schluck Tee trinke, kehrt O’Hara zurück in den Speiseraum. »Kommen Sie, Dorothy. Ich werde Ihnen Ihre Unterkunft zeigen.« Dann starrt sie mich an, als würde sie mich zum ersten Mal richtig wahrnehmen. »Meine Güte, Mädchen, Sie sind ja völlig durchnässt. Sind Sie durch die Themse zum Hotel geschwommen?«

Ihr Kommentar bringt die anderen zum Kichern. Sissy formt mit den Lippen ein Viel Glück, während ich mich widerstrebend von meinem Tee trenne und O’Hara folge wie ein Gänseküken seiner Mutter.

Wir durchqueren einen weiteren langen Gang, der zu einer schmalen Treppe führt, auf der sich zwei Jungen mit einer schweren Kiste Champagner abmühen. Einer der beiden zwinkert mir zu, als sie an uns vorbeigehen. Frecher Kerl. Gleich darauf kommt uns ein Dienstmädchen entgegen mit einem so hohen Stapel Wäsche auf den Armen, dass darüber nur ihre Haube zu sehen ist, und wenig später ein Page in einer taubenblauen Uniform. Ehrerbietig grüßend, tritt er zur Seite, um uns vorbeizulassen. Mit seinen weißen Handschuhen und den Schulterklappen erinnert er mich an einen Spielzeugsoldaten. Da er mich so verwundert anschaut, als hätte er noch nie ein junge Frau gesehen, schenke ich ihm mein strahlendstes Lächeln, woraufhin er errötet wie ein reifer Pfirsich. O’Hara hingegen rügt ihn, dass es unhöflich sei, andere anzustarren, dass seine Mütze schief sitze und er zusehen solle, seine Pflichten zu erledigen.

Wir hasten weiter den Gang hinunter. »Sie teilen sich ein Zimmer mit drei anderen Mädchen. Ich schlage vor, Sie ziehen sofort Ihre nassen Sachen aus, sonst holen Sie sich noch eine Lungenentzündung, bevor Sie überhaupt einen Kissenbezug gewechselt haben. Ihre Dienstkleidung liegt auf dem Bett: zwei blaue Kleider für vormittags, zwei schwarze Kleider aus Moiréseide für nachmittags und abends, drei weiße Schürzen, zwei Rüschenhauben, schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe. Die Wäsche geht immer montags raus nach Kennington. Dort hat das Savoy eine eigene Wäscherei.«

Bei dem Wort Kennington setzt mein Herz einen Schlag aus, aber ich verdränge die aufsteigenden Erinnerungen, zumal O’Hara weiterquasselt.

»Sissy Roberts wird Ihnen die Bereiche des Hotels zeigen, zu denen Sie Zugang haben. Prägen Sie sich diese gut ein. Zimmermädchen möchte niemand dort sehen, wo sie nichts verloren haben. Ich werde Ihnen nachher die Hausliste geben.« Was bitte ist eine Hausliste, hätte ich am liebsten nachgehakt, verzichte jedoch darauf, um O’Hara nicht zu unterbrechen. »Die Unterkünfte für das Personal befinden sich in der zweiten Etage«, weist O’Hara mich weiter ein. »Die Hoteldirektion ist in der achten Etage untergebracht. Der Direktor selbst, Mr. Reeves-Smith, hat oben ein Apartment, übernachtet indes gewöhnlich im Berkeley, unserem Schwesterhotel. Jeder Gästeetage sind ein Kellner, ein Diener und ein Zimmermädchen zugeteilt. Sie werden von den anderen beiden Anweisungen entgegennehmen, falls es erforderlich ist.«

Irgendwann haben wir es tatsächlich geschafft.

In der zweiten Etage ist es heller als unten. Elektrische Wandleuchten verbreiten gleichmäßiges Licht. Meine aufgeweichten Schuhe quietschen auf dem nussbraunen Linoleumboden – ein Geräusch, das mir auf die Nerven geht. Ich folge O’Hara, bis sie vor einer getäfelten Tür stehen bleibt, einen Schlüssel aus der beeindruckenden Sammlung auswählt, die an ihrer Hüfte hängt, und aufsperrt.

Das Zimmer ist ordentlich und bei aller Zweckmäßigkeit behaglich eingerichtet. Viel hübscher als die karge kleine Dachkammer, die ich mir mit Clover am Grosvenor Square teilte. Es riecht nach Möbelpolitur und Lavendel. In der Mitte des Raumes liegt ein türkischer Teppich, an manchen Stellen verschlissen von den Schritten unzähliger Dienstmädchen. Die vier Metallbetten sind mit einem weißen Candlewick-Überwurf bedeckt, der straff über die Matratze und die Bettwäsche gezogen ist. O’Hara geht zu einem schmalen Schiebefenster und schließt es.

»Das Gemeinschaftsbad ist auf der anderen Seite des Flurs«, erklärt sie. »Die Toilette befindet sich rechts davon. Sie sind für die Gästezimmer in der vierten und sechsten Etage zuständig. Alle Zimmer werden täglich gereinigt, angefangen mit denen, die neu belegt werden. Um die anderen Räume kümmern Sie sich, sobald die Gäste das Haus verlassen haben. Klopfen Sie vorher immer dreimal an und melden Sie sich mit Zimmerservice. Wenn Sie hineingehen, hängen Sie ein Zimmermädchen-bei-der-Arbeit-Schild an die Tür und machen diese grundsätzlich hinter sich zu. Niemand legt Wert darauf, Ihnen beim Saubermachen zuzusehen.« Sie zupft am Saum eines Überwurfs und klopft ein Kissen auf. »Sollte ein Gast unerwartet zurückkehren, müssen Sie auf Wunsch das Zimmer verlassen und Ihre Arbeit später zu Ende bringen. In einem Hotel ereignen sich Dinge zu seltsamen und unvorhersehbaren Tageszeiten, Dorothy. Sie können nicht eine starre Routine erwarten wie in einem normalen Haushalt.«

»Nein, natürlich nicht.« Ich muss an die beeindruckende Gästeliste des Hotels denken. Hollywoodstars. Reiche amerikanische Erbinnen. Die Lieblinge der feinen Londoner Gesellschaft. Viel beeindruckender als die biederen alten Damen, die Lady Archer zu langweiligen Bridgeabenden und eintönigen Hausempfängen einlud.

»Sie werden darüber hinaus diverse andere Pflichten erledigen – die Wäscheschränke sortieren, Flickarbeiten für die Gäste und solche Dinge. Abends ziehen Sie in den Zimmern die Vorhänge zu und decken die Betten auf. Sie müssen die Gäste mit einem höflichen Guten Morgen, Guten Tag oder Guten Abend begrüßen und sie mit ihrem vollen Titel ansprechen.«

In meinem Kopf dreht sich ein Karussel, und ich versuche, mir alles einzuprägen. Allerdings interessiert mich im Augenblick weit mehr, wem die anderen drei Betten gehören, ob meine Zimmergenossinnen sympathisch sind, ob wir uns gut verstehen werden.

O’Hara doziert weiter. »Ich brauche Sie sicher nicht daran zu erinnern, dass wir von Ihnen prinzipiell allerhöchste Diskretion erwarten.« Sie zieht mahnend eine Augenbraue hoch. »Zimmermädchen sehen und hören manchmal Dinge, die, sagen wir, aus dem Rahmen des Üblichen fallen. Meine Empfehlung lautet, so etwas einfach zu ignorieren.«

»Ja. Selbstverständlich.«

»Sie haben morgens eine zehnminütige Teepause. Das Mittagessen ist um zwölf oder um eins, je nachdem für welche Schicht Sie eingeteilt sind. Der Nachmittagstee ist um fünf, und zum Abendbrot um neun – sofern Sie all Ihre Aufgaben erledigt haben – gibt es heißen Kakao sowie Brot und Butter. Den Mittwochnachmittag haben Sie frei und jeden zweiten Sonntag ebenfalls. Ich fürchte, dass Sie dann wie die anderen gepudert und geschminkt die Lichtspielhäuser aufsuchen werden oder die Tanzhallen.«

Ihr Gesicht drückt pure Verachtung aus für derart in ihren Augen frivole Vergnügungen, doch ihre Worte perlen an mir ab wie Regentropfen. Alles, was hängen geblieben ist, sind die Worte Kakao, Brot und Butter um neun, denn mein Magen knurrt bereits gewaltig.

»Zapfenstreich ist um zehn. Sissy Roberts wird Sie heute und morgen auf Ihrer Runde begleiten. Danach sind Sie auf sich allein gestellt. Passen Sie gut auf und lernen Sie, Dorothy. Aufpassen und lernen.«

Während ich meine Tasche neben dem Bett abstelle, auf dem meine Dienstkleidung liegt, murmele ich wie zum Protest vor mich hin: »Ich heiße Dolly, die Kurzform von Dorothy.«

O’Hara hört mich nicht, oder sie zieht es vor, darüber hinwegzugehen. Stattdessen bückt sie sich, um einen Fussel vom Teppich zu klauben. »Haben Sie noch Fragen?«

Obwohl ich Dutzende Fragen habe, schüttele ich den Kopf. »Nein, alles klar. Ich werde mich sicher rasch einarbeiten.«

»Sehr gut. Dann heiße ich Sie im Savoy willkommen, Dorothy. Das Haus ist wirklich wundervoll, wenn man es näher kennenlernt. Ich hoffe, Sie werden hier gut zurechtkommen.«

O’Hara verlässt das Zimmer, und ich bleibe allein zurück mit dem Geräusch des Regens, der an die Fensterscheibe trommelt, und dem bohrenden Unbehagen, wie ich mir das alles merken soll.

Nachdem ich meinen triefenden Hut und meinen Mantel an den Garderobenständer neben der Tür gehängt habe, schaue ich mich genauer um. Die Gegenstände auf den Nachttischen lassen erste Rückschlüsse auf die anderen Mädchen zu: ein gerahmtes Bild von einem Soldaten in Uniform, eine Ausgabe von Jane Austens Überredung, eine goldene Puderdose mit einem ziselierten Rand, von der ich meine Augen kaum abwenden kann, ein abgegriffenes Exemplar von Der Scheich und ein Stapel Peg’s-Paper-Ausgaben, Clovers Lieblingszeitschrift.

Clover. Ich wünsche so sehr, sie wäre jetzt bei mir. Würde mir sagen, dass ich aufhören soll, mir Sorgen zu machen, und würde mich bestimmt zum Lachen bringen. Sie ist so ganz anders als ich, hinterfragt nicht ständig alles, sondern arrangiert sich einfach, nimmt ihr Schicksal hin und gibt sich damit zufrieden. Und obwohl sie sich gerne über meinen Traum von einer Bühnenlaufbahn lustig macht, glaubt sie an mich.

Du hast das gewisse Etwas, Dolly, sagte sie einmal. Es spiegelt sich in deinen Augen. Das ist mir gleich bei unserer ersten Begegnung aufgefallen. Außerdem bist du stur wie eine alte Dorfziege. Wenn jemand den Sprung auf die Bühne schaffen kann, dann du. Darauf würde ich sogar meinen besten Schlüpfer wetten.

Ihr Glaube an mich wurde lediglich von Teddy übertroffen. Immer hat er mir versichert, dass aus mir bestimmt einmal etwas ganz Besonderes werde, dass ein Mädchen, das schon tanzend durch seine Kindheit wirbelte, statt still zu sitzen oder die Hühner zu füttern, zu Größerem berufen sei.

Und Teddy war es auch, der vor vielen Jahren, als wir noch Kinder waren, das Abenteuerbuch für Mädchen in einer Gasse unseres Dorfes fand und es mir schenkte. Jetzt gehört es dir, Dolly, sagte er, während er mit dem Unterarm den Schmutz vom Einband rieb. Dann rannte er davon, um einen Schmetterling zu fangen. Teddy jagte ständig Schmetterlinge, aber er tat ihnen nichts. Er wollte sie bloß aus der Nähe bewundern, danach ließ er sie wieder frei.

Das Abenteuerbuch enthielt auf zweihundertsechsunddreißig Seiten jede Menge spannende Geschichten, doch mehr noch als diese faszinierte mich die Widmung:

Wunderbare Abenteuer erwarten jene, die den Mut haben, danach zu suchen. Alles Liebe, Tante Gert.

Diese Worte brannten sich in mein Herz, und das Buch wurde mein größter Schatz. Meine Schwestern beschwerten sich, weil ich den Fund, dessen rechtmäßigen Besitzer niemand kannte und das niemand zu vermissen schien, energisch für mich reklamierte. Sie hätten es selbst gern gehabt. Das sei nicht fair, beschwerten sie sich und ärgerten sich über meine provozierende Antwort. Des einen Freud ist des anderen Leid, beschied ich sie von oben herab. Schließlich machte Mama dem Streit ein Ende, indem sie das Buch unerreichbar für uns auf die hohe Großvateruhr verbannte, wo es, wie sie uns erklärte, so lange bleiben werde, bis wir gelernt hätten, nett zueinander zu sein.

Es dauerte eine Woche, bis sie das Buch wieder herunterholte.

Zum Glück verloren meine Schwestern bald das Interesse an den Geschichten, ich dagegen las jede mindestens ein Dutzend Mal. Erst mit der Zeit wurden mir andere Dinge lieber – hauptsächlich Fahrräder und Jungs –, und das Buch endete irgendwann als Unterlage für das wackelige Tischbein in der Küche. Dennoch habe ich diese Abenteuergeschichten nie vergessen, genauso wenig wie Tante Gerts Worte. Bis heute meine ich sie zu hören, als würde die fremde Frau sie mir ins Ohr flüstern. Sie halten meine Träume am Leben trotz allem, was passiert ist, trotz all der Menschen, die ich in der Zwischenzeit geliebt und verloren habe.

Die Kälte reißt mich aus meinen Gedanken, denn ich habe ganz vergessen, meine nassen Sachen auszuziehen. Rasch streife ich meine Schuhe ab und hänge mein braunes Wollkleid, den Unterrock und die Strümpfe über einen hölzernen Wäscheständer, der vor dem Kamin steht, wo sie mit ihren tristen Farbe wie eine welke Version meiner selbst aussehen. Die alten Schuhe, deren hässliche Zweckmäßigkeit mich verzweifeln lässt, stelle ich zum Trocknen vors Feuer. Ich fand schon immer, dass das Schuhwerk eines Dienstmädchens, mehr noch als Haube oder Schürze, das ist, was unsereins von den Leuten auf der anderen Seite der Gesellschaft wirklich unterscheidet.

Seufzend setze ich mich vors Feuer, um die Kälte aus meinem Körper zu vertreiben, erst von vorne, dann von hinten. Wieder werden Erinnerungen wach – genau das nämlich haben meine beiden Schwestern und ich als Kinder am wöchentlichen Badetag getan. Was würden sie wohl sagen, wenn sie mich jetzt sehen könnten, halb nackt im feinen Londoner Savoy? Ich kneife meine Augen fest zusammen und spreche ein stilles Gebet für sie.

Nachdem ich mich ein wenig aufgewärmt habe, nehme ich die Fotografie aus meiner Manteltasche und lege sie auf die Kaminablage, um sie zu trocknen. »Wir haben es geschafft«, flüstere ich und lasse meine Finger leicht auf dem Gesicht ruhen, während sich mein Herz krampfartig zusammenzieht. Dann lege ich die Notenblätter einzeln neben der Fotografie aus und bedaure es, dass ich nichts mit den schwarzen Punkten und Schnörkeln anzufangen weiß, die über die Linien tanzen. Vertraut dagegen weht mich der schwache Duft nach Whisky und Zigaretten an, der von den Blättern aufsteigt und ein anderes Gesicht vor meinem geistigen Auge erstehen lassen.

Perry Clements. Peregrine Clements. Mr. Clements.

Der Name geistert durch meinen Kopf, desgleichen sein Bild: rotbraunes Haar wie das Fell eines Fuchses, graue Augen wie Wasserpfützen. Die Erinnerung an unsere kurze Begegnung lässt einerseits mein Herz höher schlagen und stimmt mich andererseits traurig, weil es mir wie ein Verrat an Teddy vorkommt.

Ich wusste immer, dass dieser Tag kommen würde – und es ihm geschrieben, als es so weit war.

Tut mir leid, Teddy, ich muss fort. Aus Gründen, die ich nicht näher erklären kann, muss ich weggehen. Ich werde niemals aufhören, dich zu lieben, und würden die Dinge anders stehen, wäre ich nirgendwo lieber als an deiner Seite.

Bevor ich mich weiter meinen selbstquälerischen Gedanken hingeben kann, fliegt plötzlich die Zimmertür auf, und drei Mädchen stürmen herein. Vor Schreck stoße ich einen spitzen Schrei aus und verschränke die Hände vor der Brust in dem untauglichen Versuch, meine Blöße zu bedecken. Sissy aus dem Speiseraum bricht in Lachen aus.

»An deiner Stelle würde ich mir etwas überziehen«, sagt sie und wirft sich auf das Bett neben meinem. Ihre Stimme nimmt einen affektierten Ton an. »Das hier ist keins von diesen Hotels. Das hier, Darling, ist das Savoy!«

Kapitel 3

LORETTA

Hoffnung ist eine gefährliche Sache, Darling. Sie zieht gewöhnlich Enttäuschung und zu viel Gin nach sich.

Beruhigende Klaviermusik weht durch den Wintergarten des Claridge-Hotels. Der Pianist spielt ein Medley – eine stilvolle Untermalung für das dezente Geplauder im Raum und das leise Klirren silberner Teelöffel auf feinstem Porzellan.

Der Klang des Afternoon Tea, der Klang von Luxus.

Wie üblich sitze ich an dem für mich reservierten Tisch und warte auf meinen Bruder, der sich wie immer verspätet. Man könnte meinen, dass ich mich mittlerweile an seine Unpünktlichkeit gewöhnt habe, aber ich finde sie nach wie vor unhöflich. Und so beobachte ich durch die Wedel der großen Dattelpalme, die mich ein wenig abschirmt, die anderen Gästen, die mir zwischendurch neugierige Blick zuwerfen und miteinander tuscheln. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, ahne es jedoch.

Ist sie das? Ich dachte, sie sei in Paris. – Ja, ich bin mir sicher, sie ist es.

Im Grunde amüsiert mich das Ganze. Sollen sie ruhig spekulieren und sich die Köpfe zerbrechen, das ist schließlich Teil der Vorstellung.

Als ich an meinem Earl Grey nippe und die Regentropfen beobachte, die an der Fensterscheibe herunterrinnen, fällt mir meine Mutter ein. Sie ist fest davon überzeugt, dass Tee bei Regen besser schmeckt, weil sich das Aroma der Blätter durch die Feuchtigkeit in der Luft angeblich besser entfaltet. Ständig gibt sie so einen nervtötenden Unsinn von sich. Einer der Gründe, warum ich sie so selten wie möglich besuche. Ein anderer Grund ist der Umstand, dass sie es kaum erträgt, mit mir in einem Raum zu sein. Und was den Tee angeht – er schmeckt heute trotz des Schmuddelwetters eigenartig. Das irritiert mich, denn im Claridge kommt so etwas eigentlich nicht vor.

So diskret wie möglich schnuppere ich an dem Milchkännchen und stelle fest, dass der Inhalt eindeutig sauer riecht. Mutter wäre allerdings bereits über den bloßen Umstand entsetzt, dass ich Milch in meinen Earl Grey kippe. Suchend schaue ich mich nach einem Kellner um, überlege es mir dann anders, denn ich möchte jegliches Aufsehen vermeiden. Außerdem fehlt es mir in letzter Zeit ohnehin an Energie, sodass ich mit meinen Kräften haushalte. Also beschließe ich, den Fauxpas als lässliche Sünde zu betrachten, und schiebe den eigenartigen Geschmack auf den Genuss von zu vielen Gincocktails gestern Abend.

Meine Verärgerung hebe ich mir für meinen elenden Bruder auf.

Mir ist durchaus bewusst, dass Peregrine unser wöchentliches Teeritual lediglich hinnimmt, um mir einen Gefallen zu tun. Im Grunde beklagt er sich darüber seit unserem ersten Treffen im Claridge, als er noch ein frustrierter junger Anwalt war und ich eine gelangweilte Debütantin. Peregrine fand es unfair, dass ich ihn zum Tee einlade, unseren älteren Bruder aber nicht. Irgendwie schien er nicht zu begreifen, dass Aubrey zu beschäftigt war und ist und zu verheiratet und zu aufgeblasen, um einen Afternoon Tea mit seinen Geschwistern auch nur in Erwägung zu ziehen.

»Müssen wir uns wirklich unbedingt jeden Mittwochnachmittag zum Tee treffen, Etta?«, fragte er mich damals.

»Ja, Perry. Müssen wir.«

»Darf ich fragen, warum?«

»Weil der Nachmittagstee eine berechenbare und reizvolle Angelegenheit ist – Qualitäten, die man unbedingt bewahren sollte. Und weil er eins der wenigen Dinge in meinem Leben ist, die ich ohne Aufpasser machen kann. Wenn wir aufhören, uns zum Tee zu treffen, wer weiß, womit wir als Nächstes aufhören werden. Am Ende kommt dabei heraus, dass wir uns irgendwann gar nicht mehr treffen, uns fremd werden und wie Aubrey gerade mal über ein paar achtlose Zeilen auf geschmacklosen Weihnachtskarten miteinander kommunizieren. Und eines Tages – wenn wir erkennen, dass wir unsere Teestunde am Mittwochnachmittag schrecklich vermissen – wird es zu spät sein, weil einer von uns bereits tot ist.«

Perry lachte und nannte mich melodramatisch, doch er kam trotzdem weiter zu den Treffen. Am Schluss war es nicht seine mangelnde Begeisterung, die unserem kleinen Ritual zwischenzeitlich ein Ende bereitete, sondern der Krieg.

Über Nacht hörte das sorgenfreie, privilegierte Leben, das wir kannten, schlagartig auf, und wir sahen uns mit einer neuen und schrecklichen Existenz konfrontiert, die sich über uns legte wie ein stickiger Nebel. Meine Brüder gingen nach Frankreich, um als Offiziere an der Westfront zu dienen. Ich meldete mich als freiwillige Krankenschwester beim Voluntary Aid Detachment.

Einfache Freuden wie der Afternoon Tea verblassten zu einer fernen Erinnerung, bis der Weltenbrand endete und meine Brüder zurückkehrten. Verändert allerdings, genauso wie ich. An keinem von uns waren die Kriegsjahre spurlos vorbeigegangen, und seitdem klammere ich mich an Perry und den Nachmittagstee im Claridge wie an eine Rettungsinsel, um wenigstens einen kleinen Teil der alten Zeiten wieder heraufzubeschwören. Mit grimmiger Entschlossenheit halte ich daran fest, selbst wenn mich Perrys notorisches Zuspätkommen immens ärgert und mir für den ganzen restlichen Tag Kopfschmerzen verursacht.

»Wünschen Sie ein weiteres Kännchen Earl Grey, Miss May?«, wendet sich der Kellner an mich, ein hübscher junger Bursche mit straffer Haut und leuchtenden Augen.

»Ich denke, ein zweites Kännchen könnte nicht schaden«, erwidere ich verbindlich.

»Sicher nicht, Miss. Schon gar nicht bei diesem scheußlichen Wetter. Und dazu vielleicht ein Stück Battenberg-Kuchen?«

Selbst die Kellner im Claridge kennen meine Vorlieben und meinen Geschmack, was manchmal ganz angenehm, manchmal außerordentlich langweilig ist.

»Und ein frisches Kännchen Milch«, füge ich hinzu.

»Sehr wohl, Miss May.«

Er bewegt sich mit der Contenance eines Meistertänzers von meinem Tisch weg, dreht Pirouetten um die Riesenfarne und orientalischen Wandschirme, die den Raum in private Nischen und Ecken unterteilen. Beinahe hätte ich ihn zurückgerufen, ihm gesagt, dass ich lieber einen Darjeeling und ein Stück Madeira-Kuchen möchte, verkneife es mir aber. Oftmals ist es einfacher, die Dinge so zu belassen, wie sie sind.

Der Pianist spielt nun einen Ragtime, zu dem der Regen den Takt an die Scheibe trommelt. Draußen ist alles farblos und grau und verschwommen, das richtige Wetter, um einen erotischen Roman zu lesen oder am Kamin eine Partie Backgammon zu spielen, falls man sich für die Idee von verbotenen Liebesaffären nicht so richtig begeistern kann. Gelangweilt lege ich meinen Arm über die Lehne des Stuhls neben mir, wobei der hochgerutschte Ärmel das cremige Weiß meiner Haut sichtbar werden lässt. Ein Gentleman am Tisch rechts von mir vermag seine Augen nicht von mir abzuwenden. Ich strecke mich ein bisschen, rekele mich wie eine Katze in der Gewissheit, dass mein äußeres Erscheinungsbild nach wie vor makellos ist – die seelischen Verwundungen und Narben indes bleiben unsichtbar.

Der Kellner kehrt zurück und gießt den Tee ein, während ich nervös an den Falten meines Rockes zupfe und mein Spiegelbild in der silbernen Teekanne überprüfe: perfekte goldblonde Haare, purpurrote Lippen, dramatische Augenbrauen über trägen Lidern, Ohrringe mit falschen grünen Edelsteinen, die anmutig hin und her schwingen, wenn ich meinen Kopf von einer Seite auf die andere drehe, um mich im wahrsten Sinne des Wortes ins beste Licht zu rücken. Im Claridge keine große Kunst, denn die Kronleuchter des Hotels sind berühmt für ihre schmeichelhafte Beleuchtung. Übrigens ebenfalls einer der Gründe, warum ich darauf bestehe hierherzukommen.

Erneut schaue ich auf meine Uhr. Wo zum Teufel bleibt Peregrine?

Ungeduldig spiele ich mit der Speisekarte herum, tippe damit auf den Rand der rosengemusterten Untertasse, meine Füße unter dem Tisch wippen auf und ab – es ist es mir unmöglich, still zu sitzen. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt, mein Körper vibriert, und wenn ich in mich hineinhorche, meine ich ein beständiges leises Summen zu vernehmen. Die berühmten Schmetterlinge im Bauch.

So ist es immer einen Tag vor der Premiere, trotz aller Routine bin ich nicht frei von Lampenfieber.

Morgen Abend nämlich kommt im Shaftesbury Theatre eine neue Musikkomödie mit mir als Hauptdarstellerin auf die Bühne. Die Rolle wurde mir gewissermaßen auf den Leib geschrieben. Die Zeitungsreporter von der Fleet Street und die Klatschkolumnisten der Illustrierten warten nur darauf, dass ich scheitere, um ihre ätzenden Premierenkritiken tippen zu können:

Miss Mays Schauspieltalent beschränkt sich offensichtlich auf das Revuetheater und die leichteren Produktionen, die sie zu einem Star gemacht haben. Sie wäre gut beraten, die anspruchsvolleren Rollen versierten Schauspielerinnen zu überlassen, zum Beispiel der wundervollen Diana Manners oder der unvergleichlichen Alice Delysia.

Bei dem Gedanken wird mir übel, denn die neue Produktion mit dem Titel Gut festhalten! stellt für mich ein großes persönliches und berufliches Risiko dar. Mir ist schleierhaft, wie ich mich von Charles Cochran dazu überreden lassen konnte. Vermutlich lag es zu einem großen Teil an den hinreißenden Pariser Kleidern, die er mir versprach, und an den vielen Gläsern Champagner, die wir an jenem Abend tranken, als die Verträge unterzeichnet wurden – und nicht zu vergessen an dem Umstand, dass ich dem lieben Cockie keinen Wunsch abzuschlagen vermag.

Allerdings liegen meine Nerven nicht allein wegen der bevorstehenden Premiere blank. Es gibt noch andere Dinge, die mich beunruhigen, Dinge, die weitaus wichtiger sind als vergessene Textstellen und verpasste Stichwörter. Dinge, mit denen ich mich nicht näher befassen möchte.

Mein einziger kleiner Trost ist das Wissen, heute nicht die Einzige zu sein, die unter Lampenfieber leidet. Da gerade die zweite Spielzeit des Jahres begonnen hat, wird Abend für Abend überall in der Stadt eine neue Produktion vorgestellt. Die Tage vorher sind ein einziger zermürbender Marathon, und die Gemüter und Nerven sind so ausgefranst wie die Säume an den unfertigen Kostümen. Das Ansehen von Autoren, Komponisten, Produzenten, Schauspielern und Schauspielerinnen steht auf dem Spiel.

Jeder möchte, dass seine Show, seine Hauptdarstellerin die große Sensation wird. Für etablierte Stars wie mich stellen weibliche Neuentdeckungen eine zusätzliche Gefahr dar – ambitionierte frische, unverbrauchte Schönheiten, die im Tanzensemble unweigerlich auf sich aufmerksam machen – jede Einzelne will Publikumsliebling der Saison werden. Diese schreckliche Tallulah Bankhead etwa hat alles ganz schön aufgemischt, nachdem Cockie ihr eine Hauptrolle in The Dancers vermittelte. Die Galeriemädchen finden alles an ihr ungemein exotisch: ihren Namen, ihre Schönheit, ihre Schlagfertigkeit und ihre offen zur Schau gestellte Sexualität. Angesichts solch strahlender junger Frauen, die es ins Rampenlicht geschafft haben, ist es kein Wunder, dass ich mir fad und abgenutzt vorkomme. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, wie es mir vorkommt, dass ich der unangefochtene Stern am Theaterhimmel war und meine Schönheit so unbekümmert präsentierte wie meine Vionnet-Kleider. Ich war der Publikumsliebling, wild und frei, und überstrahlte die Diamanten an meinem Hals. Aber die Dinge verändern sich in dieser Branche schnell. Was heute funkelt, blendet morgen fürchterlich.

Am Schluss verlieren wir alle unseren Glanz.

Als der Pianist Parisian Pierrot spielt, ein beliebtes Lied aus André Charlots neuer Revue London Calling!, entdecke ich Perry, der gerade die Straße überquert. Ich dränge den Pianisten, schneller zu spielen und das Lied zu beenden. Perry ist ohnehin labil genug – den größten musikalischen Erfolg der Saison zu hören, der aus der Feder seines Freundes Noël Coward stammt, würde ihn zusätzlich deprimieren. Während er Mühe hat, überhaupt ein paar Noten zu Papier zu bringen, könnte Noël eine Adresse auf einen Umschlag schreiben, und sie würde zu einem Hit. Glücklicherweise klingt der letzte Akkord aus, bevor mein Bruder zu unserem Tisch geführt wird. Er humpelt auf mich zu wie ein angeschossener Hase und beginnt sich bereits von Weitem zu entschuldigen. Außerdem ist er völlig durchnässt und sieht aus wie ein vollgesogener Badeschwamm. Dass seine Hose am Knie aufgerissen ist, trägt sicher zusätzlich dazu bei, dass ihm missbilligende Blicke folgen.

»Verzeih mir, verzeih mir, verzeih mir.« Er beugt sich zu mir herunter und küsst mich auf die Wange, seine Bartstoppeln kratzen über meine Haut. Er riecht nach Scotch und Zigaretten. Ich flüstere ihm zu, dass er sich hinsetzen soll. Sofort.

»Perry Clements, dein Anblick ist zum Fürchten. Du siehst aus wie ein Straßenköter, der sich die ganze Nacht draußen herumgetrieben hat. Wo um alles in der Welt warst du, dass du in so einem Zustand hier auftauchst?«

»Hauptsächlich im Regen. Ich bin unerwartet in jemanden hineingerannt, mit meinen rutschigen Schuhen ins Straucheln geraten und wie ein gefällter Baum umgestürzt. Nicht mal allein aufstehen konnte ich.«

»War es jemand Interessantes?«, frage ich.