Das Lied der Krähe - Dr. Mulle - ebook

Das Lied der Krähe ebook

Dr. Mulle

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Opis

Zwei Kinder im Kaiserreich, getrennt durch die hessisch-niedersächsische Grenze, durch Standesdünkel, Lokalpatriotismus, Religionsgrenzen aber verbunden durch eine Eisenbahnlinie und die Zuneigung einer ganz besonderen Krähe. Einer Krähe, die das Aufwachsen dieser beiden Kinder aus ihrer ganz speziellen Sichtweise schildert Zwei Dörfer, zwei Menschen und eine Krähe, die alles verbindet Eine Geschichte über das Erwachsenwerden Eine Geschichte die unter das Gefieder geht

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Inhaltsverzeichnis

Prologo

1890, 2. Jahr Der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

1895, 7. Jahr Der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

1900, 12. Jahr Der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

1905, 17. Jahr Der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

1908, 20. Jahr Der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

1910, 22. Jahr Der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

1912, 24. Jahr Der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Kapitel 44

Kapitel 45

Epilog: Warum Sind Krähen Singvögel?

PROLOG

Der Regen tropft schwer auf meine Federn, der Ast unter meinen Krallen wippt im heftigen Herbstwind. Noch sind der Nüsse viele zu finden, zu Füßen der Bäume, auf den Wegen der Menschen, doch bald wird sich der Schnee über sie legen. Wir Krähen werden im kalten Matsch nach ihnen suchen müssen, sie aus dem vereisten Boden heraus hacken müssen. Streit wird ausbrechen im Schwarm über jede gefundene Nuß, die Jüngeren, Stärkeren werden sie den Älteren, Schwächeren abjagen. Die erfahrenen Älteren werden sich abseits halten, wo sie ihre Funde aus dem Schnee besser vor den anderen verbergen und allein verschlingen können.

Das kalte Weiß wird auch meinen Körper bedecken, diese Zeit des Hungers und des Streits wird mir erspart bleiben. Ich spüre, wie die Kälte langsam in meinen Körper steigt. Diese Flügel, die mich schon so viele Jahre durch die Lüfte tragen, werden langsam schwerfällig, der alte Bruch in der rechten Schwinge schmerzt bei jedem Wetterumschwung. Diese Krallen, die mich einst geschickt über jedes Hindernis springen ließen, verlieren langsam ihre Kraft. Diese Augen, mit denen ich früher scharf jeden Wurm und Käfer, jede Frucht oder Nuß am Boden erspähte, ergrauen langsam. Ein leichter Nebel liegt über der Stadt, liegt über der Welt. Ein Nebel, der nur in meinen Augen ist. Es sind die Zeichen des nahenden Todes nach einem langen Leben.

Nach einem langen und erfolgreichen Leben sollte ich sagen. Nicht vielen Krähen ist es vergönnt, so lange zu leben, so viele Junge zu zeugen und aufzuziehen. Nicht vielen Krähen ist es vergönnt, ihre eigene Art zu retten vor der Gier und dem Hass der Menschen, vor den Schießstöcken der bösen Menschen. Aber es gibt auch gute Menschen, Menschen wie Louise.

Wie sie da unten im Regen vor dem Bahnhof tanzt, beleuchtet nur von der flackernden Gaslaterne des Bahnhofsvorplatzes, ein Stück Papier in der Hand, meinen Namen rufend. Wieder und wieder meinen Namen rufend. Die Menschen. Nie werden sie verstehen, daß wir Tiere sie schon beim ersten Mal hören, daß wir aber nicht immer reagieren möchten. Louise ruft wieder und wieder meinen Namen, möchte mir erzählen, was ich doch längst schon weiß, möchte, daß ich ihre Freude teile, daß auch ich im Regen herumtanze.

Ob auch ich mich freue? Ja sicher. Aber noch mehr bin ich erleichtert, daß mein Auftrag auf dieser Erde abgeschlossen ist, daß ich ruhigen Gewissens scheiden kann. Daß ich dem Drängen meines sterbenden Körpers nachgeben kann. Mit zwei kurzen Krächzern lasse ich mich in den Wind fallen und von ihm in einem Bogen über das Bahnhofsgebäude tragen, hin zur alten Eiche am Hang des Waldes. Noch ein letztes Mal spüre ich den Wind unter meinen Schwingen, spiele mit ihm, lasse mich höher steigen, rasend schnell fallen, drehe dann einen letzten Kreis um die alte Eiche, bevor ich mich in ihre verwaiste, blattlose Krone sinken lasse. Meine Eiche, an der ich noch einmal meinen Schnabel reiben werde, um ihn dann unter meinen linken Flügel zu stecken und zu schlafen. Zu schlafen, um nicht mehr aufzuwachen, um nicht mehr davon zu segeln, um wie ein vereister Klotz herunterzufallen. Der nahende Winter wird seinen kalten weißen Teppich über meinen vom Ast gefallenen Körper weben, bis zum nächsten Frühling. Einem Frühling, in dem die Menschen keine Krähen mehr töten werden.

1890, 2. JAHR DER REGIERUNG KAISER WILHELMS II.

Kapitel 1

Das Läuten der Glocken dröhnt über das ganze Dorf, das ganze Tal. Das Glockenseil reißt im Takt des Läutens einen kleinen Jungen auf und ab. Ist er am höchsten Punkt angekommen, verlagert er gewandt sein Gewicht und rauscht am Ende des Seils dem Boden entgegen, von dem er sich mit geübten, flüssig-fliegenden Bewegungen wieder abstößt. Auf und ab, wie in einem Rausch, begleitet von dem ohrenbetäubenden Dröhnen der Glocken, dem harten Schlag des Klöppels gegen die bronzene Rundung. Auf und ab. Das armdicke Seil, das ihn mit Schwung hinaufreißt. Ein Achtjähriger, der diese tonnenschwere Maschinerie beherrscht, das mächtige Geläut zum Klingen bringt. Und ausklingen läßt mit einem Sprung zur Seite, weg von dem nun gefährlich schlingernden Seil, das, befreit von dem zusätzlichen Gewicht, nun die Glockenkammer wie eine Schlange auf Nahrungssuche durchmißt. Langsamer schwingt die Glocke, seltener schlägt der Klöppel, das Seil beruhigt sich wieder.

Er hat seine Pflicht getan, er hat die Gläubigen zum Mittagsgottesdienst seines Vaters gerufen. Eine Pflicht? Ein Vergnügen! Ein Spaß, um den ihn seine Freunde beneiden! Nicht einmal die vielfältigen Lustbarkeiten der alljährlichen Kirmes können sich damit messen, nicht das Schwingen an den biegsamen Ästen der Weiden am Flußufer, nicht das Herumtollen auf dem Schulhof. Die geballte Kraft, die ihn hinaufreißt, das Gefühl, Herr dieser tonnenschweren Maschinerie zu sein, ist unvergleichlich.

Doch heute wartet Heinrich nicht, bis das Seil sich wieder beruhigt hat, geht danach nicht auf die Empore der Kirche, um von oben am mittäglichen Gottesdienst teilzunehmen, um von oben die kahlen Stellen in den Haarschöpfen der Gläubigen zu betrachten. Heute wartet er nur ab, bis seine Mutter hinter dem letzten Gottesdienstbesucher die Kirchentür geschlossen hat und schleicht sich danach aus der Kirche zurück zum gegenüberliegenden Pfarrhaus. Denn heute gibt es Spannenderes als den Gottesdienst, Spannenderes als die Bibelstellen, die sein Vater der Gemeinde ausbreitet, Spannenderes als die Streiche der Konfirmanden in der zweiten und dritten Reihe der Kirchenbänke. Die gottesdienstbedingte Abwesenheit aller menschlichen Bewohner des Pfarrhauses gibt ihm die Chance, den neuen tierischen Bewohner einmal ganz alleine zu betrachten. Den Bewohner, den sein Vater vom Besuch am Sterbebett des Schlatthof-Bauern oben am Wald mitgebracht hat, den Bewohner, der auf dem Rückweg verletzt neben der Bahnlinie gefunden wurde.

Ein von der Kutsche gefallenes Bierfaß, das der Böttcher nicht mehr richten konnte, dient dem neuen Bewohner als zu Hause. Der obere Deckel ist beim Sturz herausgeplatzt, so daß man von oben hineinschauen kann auf das aufgeregte und eingeschüchterte schwarze Wesen dort unten. Sein Vater hatte es in einem Kartoffelsack hergeschafft, aus dem wildes Gekrächze heraustönte, während wildes Geflattere und Gehacke mit dem Schnabel die Seiten des Sackes ausbeulte. Das wilde Flattern hörte nicht auf, als sich die Krähe aus dem Sack befreit hatte, der in das ausgediente Bierfaß gelegt wurde. Doch nun, während alle anderen beim Gottesdienst sitzen, ist sie ruhiger und Heinrich nähert sich langsam der runden Öffnung des Faßes. Als sein Scheitel über der Rundung erscheint, geht die Krähe in Verteidigungsstellung, spreizt die Flügel, von denen einer schief absteht und reckt den langen schwarzen Schnabel kampfbereit dem Besucher entgegen.

Ein verletztes Tier wird immer versuchen, sich bis zum Letzten zu verteidigen, daher darf man ihm nicht zu nahe kommen. Eine Erfahrung, die ihm sein Vater schon früh nahegebracht hat, die er aber auch schmerzhaft selber einige Male machen mußte, nicht nur bei den Hofkatzen, auch bei eingeklemmten Dachsen und angeschossenen Wildschweinen. Daher nähert Heinrich sich vorsichtig dem Faß, redet beruhigend auf die verletzte Krähe ein, vermeidet schnelle Bewegungen, legt das Kinn auf den oberen Rand des Gefängnisses und betrachtet das Tier in aller Ruhe.

Zunächst sieht es nach einem Wettbewerb aus: Wer kann länger bewegungslos starren? Die Krähe mit gerecktem Schnabel oder der Junge mit seinem Kinn auf dem Faß? Beide beobachten einander, unbeweglich. Dann wendet der schwarze Vogel den Kopf leicht, behält den Jungen aber im Blick, bleibt wachsam. Die Flügel senken sich, der rechte steht weiterhin ein wenig ab. Die Krähe beäugt nun neugierig ihren Besucher, hackt aber als Warnung einmal kräftig mit ihrem kräftigen Schnabel gegen die Wand des Bierfasses, um ihre unveränderte Verteidigungsbereitschaft zu demonstrieren. Natürlich auch, um die Festigkeit ihrer Gefängnismauern zu prüfen, denn nur wenig leistet dem harten Schnabel einer Krähe Widerstand. Kein Schneckenhaus, keine Haselnußschale, keine Ringeltaube, die ihr Nest verteidigt. Und auch nicht der Kopf einer streunenden Katze, die sich in das Krähenrevier verirrt hat. Doch die Planken des Bierfasses sind härter, sie geben nicht nach, zersplittern nicht unter dem schweren Angriff des festen, spitzen Schnabels. Dieser Angriff war ja auch eher als Warnung an den Menschen gedacht, der sich da über das Faß beugt. Denn Menschen sind gefährlich, gefährlicher als Katzen. Wie diese töten und quälen sie Tiere zum Spaß, doch anders als Katzen müssen sie sich nicht ihren Opfern nähern, Menschen haben diese Stöcke, die aus der Ferne töten und verletzen, sie haben diese schwarzen, rauchenden Monstren, die genauso schnell sind, wie eine Krähe im Flug.

Kapitel 2

Ein solches Monster war es auch, die mich in diese mißliche Lage, in dieses Loch brachte. Eben flog ich noch stolz über unserem Revier, machte tollkühne Flugmanöver um die jungen Krähinnen zu beeindrucken, die mit ihren Müttern an dem Kadaver eines Rehs am Bahndamm herumhackten. Einmal nicht aufgepaßt und mein rechter Flügel berührte schon das schwarze, dampfende Rohr dieser Maschine. Ich weiß noch, daß ich plötzlich meinen Flug nicht mehr beherrschte, nicht mehr meine Bahn lenken konnte, in der Luft taumelte und wie ein vom Wind aus dem Baum gewehtes Starennest zu Boden flatterte. Ein harter Aufprall, mehrfach überschlug ich mich und blieb dann auf dem verletzten Flügel liegen. Ich war benommen, nur langsam drang der Schmerz in meinen Kopf vor. Ich richtete mich auf, doch ein stechender Blitz nahm mir die Besinnung.

Als ich wieder aufwachte, lag ich mit dem Schnabel voran im Matsch. Mit einem geschickten Schwung stand ich wieder auf den Krallen, aber der Schmerz war noch da. Ich mußte vom Boden weg, nur weg vom Boden, schwang mich auf zum Flug auf den Ast des Birnbaumes am Weg, blieb aber doch am Boden. Der Schmerz in meinem Flügel raubte mir fast noch einmal die Besinnung. Und warum flog ich nicht? Zwei Flügelschläge und ich wäre auf diesem fünfkrähenhohen Ast. Das schaffte doch selbst ein Nestflüchter. Ich aber blieb auf dem Boden, auf dem gefährlichen Boden, dem Revier der Füchse und Katzen. Auch ein weiterer Versuch ließ mich nicht abheben, brachte nur wieder neue Schmerzen, noch heftiger als vorher. Irgendwas stimmte nicht. Ich hatte mich auch schon früher mal verletzt, mal eine Feder verbogen, mal vergessen, beim Überfliegen eines Astes die Krallen einzuziehen, aber ich konnte immer fliegen. Als Nesthocker natürlich nicht, aber seit ich das Nest verlassen hatte, konnte ich fliegen. Immer. Und ohne Mühe. Elegant und wagemutig. Immer. Warum jetzt nicht? Wahrscheinlich wegen dieser Schmerzen. Vorsichtig hüpfte ich zum nächstgelegenen Gebüsch, achtete darauf, den rechten Flügel nicht zu bewegen. Mit einem beherzten Satz katapultierten mich meine Füße auf einen niedrigen Ast. Durch die schnelle Bewegung verlor ich beinahe erneut das Bewusstsein. Diese Schmerzen! Erst einmal ausruhen, wieder zu Sinnen kommen. Aber nicht zu lange, denn auf diesem niedrigen Ast war ich noch in Reichweite von Füchsen und Katzen. Noch ein Sprung, abermals beißender Schmerz, doch der nächste Ast war schon höher. Wieder kurz warten, Kraft und Sinne sammeln, dann der nächste Sprung, der nächste Ast wäre hoch genug, sicher genug. Doch es reichte nicht, der Schmerz lenkte mich ab, ich wollte die Flügel ausbreiten, um den Fall abzufangen.

Das Nächste, woran ich mich erinnerte, war dieses raue Gefängnis, dunkel, kratzig und schlingernd. Ein bißchen wie eng verknüpfte Gräser, doch egal wo mein Schnabel hin hackte, es gab nur nach, brach aber nicht. Gleichzeitig schlingerte es hin und her, wie ein Ast, der in einer Stromschnelle trieb. Heute weiß ich, daß Menschen es einen Sack nennen. Ich wehrte mich, trotz der Schmerzen. Dann plötzlich Ruhe. Ich hackte um mich, die Wände meines Gefängnisses gaben nach, jedoch kam ich nicht raus. Kurze Zeit später wurde der Sack hochgerissen und wieder abgesetzt. Ich hackte, flatterte, kratzte mit meinen Krallen und schließlich sah ich Licht. Mit dem Schnabel schob ich das Graszeug dieses Gefängnisses beiseite, wie Laubblätter über einer Froschleiche im Herbst. Was ich sah, gefiel mir nicht: Rundherum um mich Holz, so eng aneinander, daß keine Ameise durch paßt. Nur oben offen. Und da schauten Menschen auf mich herab. Menschen. Schauten. Auf. Mich. Herab!

Nun sagt selber, war das eine mißliche Lage oder nicht? Eine Krähe, die nicht mehr fliegen konnte, gefangen in einem runden Loch aus Holz, die Öffnung so hoch, daß man nicht raus hüpfen konnte. Eine Krähe, auf die Menschen herabschauten. Ich war auf jeden Fall nicht begeistert, reckte den Menschen erst einmal meinen Schnabel entgegen, meine gefährlichste Waffe. Ein, zwei kräftige Hacker auf das Holz, das die Außenwand des Loches bildete und dann wieder volle Verteidigungshaltung. Sollen die sich doch mit mir anlegen, verletzt oder nicht, ich bin verdammt gefährlich. Das hatte schon so manche übermütige Katze zu spüren bekommen, auch der eine oder andere Hofhund hatte schon das Nachsehen.

Die Menschen guckten nur, lauerten wahrscheinlich auf eine Nachlässigkeit von meiner Seite, einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit, einen Augenblick der Schwäche. Mein Flügel schmerzte. Ohne den Kopf zu bewegen suchte ich die Umgebung ab. Alles Holz, kein Durchkommen, kein Rauskommen. Ich nahm all meinen Mut zusammen, bereitete mich auf die kommenden Schmerzen vor, kniff den Schnabel zu und sprang mit Schwung nach oben, hackte mit aller Kraft gegen das Holz. Die Gesichter verschwanden erschrocken. Gut so, sie hatten also Angst vor mir. Wer Angst hat, bleibt auf Abstand. Mit vor Schmerz zugekniffenem Schnabel begab ich mich wieder in meine Verteidigungshaltung und wartete ab, ob sie sich noch mal trauten. Sie trauten sich. Keine zwei Flügelschläge nach meinem erfolglosen Angriff auf die Gefängniswand tauchten die Menschenköpfe wieder in dem Loch über mir auf. Sie starrten herunter, ich starrte hoch. Verteidigungsbereit. Gefährlich. Gefangen, aber nicht besiegt.

Nach einiger Zeit sah ich den Flügel eines Menschen über dem Loch, er hielt einen kleinen Brotkanten. Die Flügel der Menschen waren gefährlich, damit konnten sie zwar nicht fliegen, aber damit vertrieben sie uns von den Feldern, damit schwangen sie ihre Astgabeln gegen uns und damit richteten sie ihre Knallstöcke auf uns. Die Teile, die von Ferne töten konnten. Meine Eltern hatten mir schon früh beigebracht, wie gefährlich die Menschen waren. Schon kurz nachdem ich fliegen konnte, hatten sie mir die gefährlichsten Exemplare gezeigt. Die, die mit den Schießstöcken an den Rändern der Felder standen. Und die, die erst gutes Korn in der Nähe unserer Nester verteilten und dann vergiftetes. Meinen Onkel hatte es so erwischt, hatten mir meine Eltern erzählt. Nach dem harten Winter war er hungrig gewesen, sehr hungrig. So hungrig, daß allen sein dauerndes Gekrächze auf die Krallen ging. Als dann einer dieser Menschen Korn unter unserem Baum verteilt hatte, stürzte er sich entgegen aller Warnungen darauf. Eine entfernte Cousine auch. Sie haben sich den Bauch mit dem Korn vollgeschlagen und sind anschließend in den Baum zurückgekehrt. Zumindest krächzte mein Onkel dann nicht mehr vor Hunger. Zwei Sonnenaufgänge später kam der Mensch wieder, streute wieder Korn. Mein Onkel, meine Cousine und auch einige anderen hatten sich auf das Korn gestürzt. Diesmal kehrten sie nicht in den Baum zurück, sondern starben zuckend am Boden. Auch der hungrige Fuchs, der sich anschließend einige der Krähen-Kadaver unter den Nagel gerissen hatte, war elendig verreckt.

Unfassbar, daß die Menschen so etwas machen. Wenn ein Fuchs oder eine Katze oder ein Habicht einen von uns tötet, kann ich das verstehen. Die sind hungrig, wir sind Futter für die. Wie Raupen und Insekten Futter für uns sind. Aber die Menschen töten uns einfach und lassen uns liegen. Die Menschen hassen uns Krähen. So sehr, daß sie uns noch nicht einmal fressen möchten. So sehr, daß sie uns als Fraß für die Ameisen liegen lassen.

Und es waren Menschen, die mich nun durch das Loch oben anstarrten. Wollten sie mich quälen? Wie die Katze, die noch mit ihrer Beute spielt, sie quält, bevor die Beute getötet und gefressen wird. Menschen mögen Katzen. Vielleicht haben sie einige Verhaltensweisen von den Katzen übernommen. Auch die Katzen streuen Laub über ihre Notdurft. Genau wie die Menschen, die ich im Wald an Bäumen hockend beobachtet hatte, die Blätter über ihre Hinterlassenschaften warfen. Auch die Menschen warten ruhig ab, bis ihre Beute aus dem Wald aufs Feld kommt, wie die Maus aus dem Loch. Dann erlegen sie die Beute mit den Knallstöcken. Katzen müssen zumindest nah an ihre Beute ran, die Menschen töten aus der Entfernung eines Kurzfluges. So mancher Katze hatte ich schon ihre Beute abgenommen. Während sie mit der verletzten Feldmaus spielte, Anflug von oben hinten, gezielter Schnabelhieb auf den Kopf, mit den Krallen kurz die Ohren streifen und zack wieder hoch. Solange sie noch um sich schaute, woher der Angriff kam, aufsteigen und dann steil runter, diesmal mit den Krallen an den Hinterkopf, aber auch gleich wieder hoch, da haut jede Katze ab. Man kann so auch schon mal eine Katze töten, wenn der Schnabelhieb direkt in den Schädel geht. Katzen sind lecker, das gibt dann immer einen Festschmaus für die ganze Familie.

Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich in Verteidigungsstellung bereit stand, die Menschenkralle mit dem Brotkanten über mir. Sie ließ ihn fallen, neben mich. Ich erschrak, flatterte, dann aber direkt wieder Verteidigungsstellung, Schnabel nach oben gereckt. Mein Magen grummelte angesichts des Brotes, aber so würden sie mich nicht kriegen, sie würden mich nicht wie meinen Onkel vergiften.

Nach einiger Zeit verschwanden die Gesichter aus meinem Blickfeld, das Loch oben in meinem Gefängnis zeigte mir wieder den vertrauten Himmel, die vertrauten Wolken. Es sah nach Regen aus. Den Regen mag ich nicht, aber den Wind vorher. Die kräftige Luft unter meinen Flügeln, die mich emporhebt, in die ich mich fallen lassen kann, die um mich herumwirbelt, die mich sicher in die Äste der höchsten Bäume trägt. Doch im Moment trug mich gar nichts. Ich war gefangen in einem Loch aus Holz, mit einem wahrscheinlich vergifteten Brotkanten und dem alten Gefängnis aus festen Grashalmen neben mir. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meine Umwelt genauer in Augenschein zu nehmen. Das weiche aber kratzige, braune Zeug, das vorher mein Gefängnis war, lag auf dem Boden. Wenn ich darüber spazierte, verhakten sich meine Krallen in dem Zeug. Der Sack warf Falten, die ich mit meinem Schnabel aufwarf, in denen sich aber nichts verbarg, kein Käfer, keine Made oder Eidechse. So drehte ich einige Kreise in diesem Loch, wetzte meinen Schnabel an der Wand und versuchte, meinen grummelnden Magen zu ignorieren. Als ich gerade versuchte, mit meinem Schnabel das braune Graszeug von der Wand weg zu zerren, hörte ich Schritte. Sofort ging ich wieder in Verteidigungsbereitschaft. Doch der Mensch schaute nur von oben rein und machte dann das Loch zu.

Na toll. Verletzt, gefangen, hungrig und jetzt auch noch dunkel. Wurde ja immer besser. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die künstliche Nacht. Da lag der Klumpen, dort lag das Graszeug, daneben nur wenig Platz in meinem Gefängnis. Nach einiger Zeit wurde ich müde. War ja auch dunkel. So wirklich wohl fühlte ich mich nicht, aber zumindest war das Loch oben zu und keiner der Menschen schaute hinein. Das gab mir ein wenig Sicherheit, also beschloss ich zu schlafen. Kopf unter den rechten Flügel und einschlafen, bis es wieder hell wird. Hatte ich gedacht. Wie ich gerade gewohnheitsmäßig den rechten Flügel hob, um den Kopf drunter zu stecken, durchfuhr mich ein Schmerz, daß ich aufkrächzte. Keine gute Idee. Die Angewohnheit, mit der rechten Seite zu schlafen, sollte ich wohl ablegen. Als sich der Schmerz legte, hob ich also den linken Flügel und steckte den Kopf drunter. Zuerst konnte ich nicht einschlafen, war ja schon ungewohnt, aber dann ging es.

Geweckt wurde ich unsanft, der Deckel von meinem Gefängnis wurde ruckartig entfernt. Noch halb im Schlaf ging ich flügelhebend in Verteidigungsstellung, halb vor Wut, halb vor Schmerz krächzte ich meinem Gefängniswärter entgegen. Ein zweiter Kopf zeigte sich, dann noch ein dritter, kleinerer. Nach kurzer Zeit waren sie wieder weg. Dafür war aber mein Hunger wieder da, dazu kam jetzt noch der Durst. Ich hatte seit dem letzten Sonnenaufgang keine Pfütze mehr gesehen. Zum Glück hatten es ein paar der Rinnsale des Regens der Nacht in mein dunkles Loch geschafft, so daß eine kleine Pfütze neben dem zerfledderten Graszeug zu sehen war. Gierig schlürfte ich sie leer, stets argwöhnisch ein Auge auf das Loch am Himmel gewandt. Doch erst einmal tat sich dort nichts. Bis plötzlich ein unglaublicher Lärm begann, der mir Knochen und Federn schüttelte. Der Boden vibrierte unter den Krallen, die Wände bebten, das ging unters Gefieder. So einen Lärm hatte ich noch nicht einmal von den schwarzen Monstren gehört, die auf glänzenden Spuren durch das Tal fuhren und dabei sorglos daherfliegende Krähen verletzten.

Zum Glück endete der Lärm bald. Dafür tauchte der kleine Kopf wieder an der Öffnung meines Lochs auf. Zack, Verteidigungsstellung. Der Mensch sprach mit mir in der unverständlichen, unmusikalischen Art des Menschen, die so nichts mit dem herrlichen Knarzen der Äste, dem Röhren der Hirsche und schon gar nichts mit den wunderschönen Klängen unserer Sprache zu tun hatte. Komplett unnatürliche Töne, die er von sich gab. Aber anders als die Menschen, die uns sonst vom Feld vertrieben, schrie er nicht. Er sprach ganz leise, geradezu sanft, wie eine Mutter zu ihrem Küken. Ich starrte ihn an, er starrte mich an.

Langsam gab ich meine Verteidigungsstellung auf, das Heben des rechten Flügels tat auch mächtig weh. Argwöhnisch beobachte ich ihn weiterhin, während ich im Loch herumspazierte, den einen oder anderen herumliegenden Faden in den Schnabel nahm und wieder weg legte. Sollte er ja nicht denken, ich würde ihn für gefährlich halten (obwohl ich das natürlich tat). Irgendwie wirkte sein Sprechen beruhigend, auch wenn diese Töne sehr gewöhnungsbedürftig waren. So langsam vergaß ich das Menschenküken und spielte mit dem Sack, der einst mein Gefängnis war. Hacken, ziehen, hacken, ziehen, ziehen. Was ein Spaß, hacken, ziehen, ziehen, hacken. Fäden wild herumschleudern, hacken, ziehen. Ein komisches Geräusch kam von oben, das Menschenjunge verzog komisch das Gesicht und gab glucksende Laute von sich. Ich schaute es an. Es gluckste weiter. Das Küken hörte auf und sah mich an. Ich schaute ihn an. Merkwürdig. Mal schauen, ob wir die glucksenden Geräusche nicht noch einmal aus ihm heraus bekamen. Wieder schnappte ich mir einen Faden, stellte meine Krallen auf das andere Ende, zog daran, ziehen, hacken, ziehen, ziehen. Es gluckste wieder. Wenn man also an dem Faden zog, glucksten die Menschen, wie der kleine Bachlauf mit den vielen lustigen Kieseln unter unserem Nest. Vielleicht war das deren Art, glücklich zu krächzen. Denn mich machte das Ziehen am Faden, das Zerfleddern meines braunen ehemaligen Gefängnisses glücklich. So viele Fäden, an denen man ziehen konnte. Nur der Brotkanten lag im Weg, manchmal versteckte ich den unter dem Sack. Aber vor meinem Hunger konnte ich ihn nicht verbergen. Das Junge gluckste immer noch, ich schaute zu ihm hoch. Plötzlich war es verschwunden.

Kapitel 3

Nicht ohne Grund verschwunden. Das Vaterunser-Geläut, fast hätte Heinrich es vor lauter Spaß mit dem Vogel vergessen. Er rennt zurück zur Kirche, erleichtert hört er, dass die Gemeinde noch einen Chorale singt. Heinrich schleicht durch den Turmeingang auf die Empore, sein Vater steht während der letzten Strophe des Chorals auf und geht zum Altar. Das ist das Signal für ihn, er rennt auf den Glockenboden, bringt mit einem leichten Ruck die Glocke kunstvoll in leichte Bewegung, ohne daß der Klöppel sie berührt. Erst als Heinrich von unten das „Vater unser, der Du bist...“ hört, hängt er sich mit seinem vollen Gewicht an die Vaterunserglocke. Einmal schlagen, dann reißt sie ihn nach oben, er gleitet mit, am Scheitelpunkt wirft er geübt wieder sein ganzes Gewicht an das Seil, wie im Geschwindigkeitsrausch geht es hinab, während er leise das Vaterunser mitspricht „Wie im Himmel...“. Am Boden stößt er sich ab, läßt sich wieder hochreißen, „so auch auf Erden“. Als Heinrich bei „Denn Dein ist das Reich“ wieder dem Boden nahe ist, springt er behende zu Seite, läßt das Seil seinen Tanz aufführen und wartet darauf, daß der Klöppel beim „Amen“ ein letztes Mal die Glocke berührt. Perfekt geläutet. Zufrieden mit sich verläßt Heinrich den Glockenturm, geht zurück auf die Empore. Routiniert sieht er dabei zu, wie sein Vater den Segen spricht, wie die Konfirmanden sich gegenseitig anstupsen, begierig auf ihre Freiheit die Kirche verlassen. Die anderen Gottesdienstbesucher folgen ihnen weniger eilig. Der eine oder andere plauscht ein wenig mit dem Sitznachbarn oder wechselt noch ein Wort mit dem Pastor.

Heinrich mag es, wenn es vorbei ist, wenn die Kirche sich leert, wenn seine Mutter die Altarkerzen ausbläst, die Gesangbücher einsammelt. Wenn er schließlich mit seiner Familie ganz alleine in der Kirche ist. Von seiner Empore geht er die Treppe herunter auf die große Empore, die eigentlich immer leer ist, nur zu Weihnachten und Ostern nicht, weiter runter bis er ganz unten, ganz hinten angelangt ist. Er hat keine Eile, denn das hier wird noch dauern. Bis alle Gesangbücher eingesammelt sind, die Kissen wieder auf ihren Plätzen, die Kollekte gezählt, ein kurzer Plausch mit den Gemeindegliedern vor der Kirche geführt ist. Erst muß alles erledigt sein, früher geht Mutter nicht los, um Mittag zu kochen. Also auch keine Eile für ihn, außer, ja außer die Krähe.

Die hätte er jetzt über diese Stimmung fast vergessen. Er sammelt schnell die Kissen von den Bänken und schichtet sie auf, ruft seinen Eltern ein „bin schon mal drüben“ zu und hastet aus der Kirche. Direkt dem Gemeindevorsteher in die Arme. „Na, wer ist denn das? Der kleine Heinrich hat es aber eilig, aus der Kirche zu kommen. Wo willst Du denn hin?“ fragt ihn der joviale Apotheker. „Nach Hause, Herr Gemeindevorsteher, nach Hause.“ Der Apotheker läßt ihn mit einem tiefen Lachen los, gibt ihm einen Klaps auf den Hintern „Die Jugend von heute, immer in Eile“. Heinrich läuft zwischen den tratschenden Gemeindegliedern im Slalom durch, ignoriert die zotigen Rufe der an der Kirchenmauer lehnenden Konfirmanden, überquert die Straße zum Pfarrhaus und rennt in den Hinterhof. Da steht das Bierfaß, neben der Egge. Eine der Hofkatzen sitzt auf der Egge und fixiert das Faß. Heinrich bekommt einen Riesenschreck und scheucht sie über den ganzen Hof, bis sie sich in die Scheune des Nachbarbauern Heinz verzieht. Die Krähe ist verletzt und in einem Faß gefangen, sie kann sich nicht wehren. Heinrich eilt zu ihr zurück, redet sanft mit dem aufgeregten Vogel. Der springt am Boden des Faßes herum, hackt auf die Bohlen ein und krächzt drohend. Heinrich redet weiter, beruhigend, wie er mit den