Dann geh doch rüber - Martin Schaad - ebook

Dann geh doch rüber ebook

Martin Schaad

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Opis

Mit der Berliner Mauer als Monument des Kalten Krieges verbindet sich die Erinnerung an spektakuläre Fluchten und an das tragische Schicksal der Todesopfer. Weit weniger bekannt ist, dass mehrere hundert Menschen die stark gesicherte Anlage auch in der Gegenrichtung überkletterten. Was veranlasste diese "Mauerspringer" dazu, den direkten Weg in den Osten zu nehmen, anstatt wie alle anderen einen Grenzübergang zu benutzen? Und wie gingen die ostdeutschen Behörden mit dieser "provokatorischen Missachtung der Souveränität der DDR" um? An zahlreichen Fallbeispielen schildert Martin Schaad anschaulich die unterschiedlichen Motive der "Grenzverletzer " und analysiert die Reaktionen des Ministeriums für Staatssicherheit. Die dramatischen, tragischen und zuweilen kuriosen Geschichten der "Mauerspringer" machen das Buch zu einer fesselnden Lektüre.

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Martin Schaad

»Dann geh doch rüber«

Über die Mauer in den Osten

Ch. Links Verlag, Berlin

Die Namen der hier vorgestellten Mauerspringer wurden bis auf wenige Ausnahmen verändert. Originalgetreu wiedergegeben sind dagegen die Aufzeichnungen der Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, wobei offensichtliche Rechtschreibfehler stillschweigend korrigiert wurden.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage, Juli 2009

© Christoph Links Verlag – LinksDruck GmbH

Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0

Internet: www.christoph-links-verlag.de;

[email protected]

Umschlaggestaltung: KahaneDesign, Berlin, unter Verwendung eines Fotos von der Räumung des Lenné-Dreiecks am 1. Juli 1988

Prolog

Am Freitagmorgen zur Sommersonnenwende 1974 ist es endlich geschafft: Wenige Minuten nach Mitternacht sitzt Kenny oben auf der Mauer. Von hier aus hat er klare Sicht über die Karolinenhöhe und die Rieselfelder südlich von Spandau. Die Gegend kennt er gut, denn seine Infanterieeinheit ist nur ungefähr drei Kilometer von hier stationiert. Die Betonrolle auf dem Mauerkamm hatte nur wenig Halt zum Hochklettern geboten, doch für einen gut trainierten 23-jährigen Soldaten wie Kenny ist das kein wirkliches Hindernis. Nur beim Absprung auf die Westseite der Mauer zieht er sich an dem rauen Beton ein paar kleine Schrammen zu. Die Landung dagegen ist weich, so weich, dass sich sein Fuß tief in das geharkte, sandige Erdreich eingräbt. Sicher unten angekommen, rennt Kenny in südwestlicher Richtung an der Mauer entlang.

Den Warnschuss hat er kaum gehört, da folgen schon mehrere kurze Salven aus zwei Maschinenpistolen. Mit der Kalaschnikow kann man auf diese Distanz aber höchstens Zufallstreffer landen; die Grenzsoldaten sind fast 500 Meter vor ihm im Beobachtungsturm »Klärbecken« postiert. Hätte Kenny mit gezählt, wäre er auf 58 Schüsse gekommen; den Warnschuss nicht mitgerechnet. Doch wer zählt schon in einer solchen Situation – nichts wie weg! Kenny entschließt sich, umzudrehen und in entgegengesetzter Richtung davonzurennen. Dabei verliert er die Mütze seiner Felduniform. Doch es bleibt keine Zeit, stehen zu bleiben. Weiter, nur weiter entlang der Mauer, nun in nordöstlicher Richtung. Spätestens jetzt muss er aber einsehen, dass er in der Falle sitzt. Denn auch aus dieser Richtung wird nun geschossen, und die Schützen sind nur noch etwa 280 Meter von ihm entfernt.

Kenny wird getroffen und geht zu Boden. Es dauert ganze zwölf Minuten, bis sich ein Unterfeldwebel der Grenztruppen der Stelle nähert, an der er liegen geblieben ist. Unter Schmerzen versucht Kenny, ihn anzusprechen, aber der Soldat will oder kann ihn nicht verstehen. Weitere fünf Minuten später kommen ein Major des Grenzregiments 34 und einige andere Soldaten hinzu. Sie bringen Kenny in die nahegelegene Kaserne an der Seeburger Chaussee. Hier wird vom Regimentsarzt erste medizinische Hilfe geleistet. Zwei Stunden nach dem »versuchten Grenzdurchbruch« liegt er im Armeelazarett Potsdam-Drewitz. Der behandelnde Arzt stellt fest, dass das Projektil an der Innenseite des linken Oberschenkels eingedrungen und kurz unter der Gesäßmuskulatur wieder ausgetreten ist. Dabei hat die Kugel den Knochen zertrümmert. »Schussbruch des Oberschenkelschaftes« lautet die Diagnose. Eine Operation ist notwendig, aber Kennys Zustand ist stabil.

Die Samstagsausgaben der West-Berliner Tageszeitungen bringen die Geschichte in großer Aufmachung, allerdings ohne genaue Erkenntnisse über die Verletzung, den Verbleib oder auch nur die Identität von Kenny liefern zu können. Während der Tagesspiegel etwas vorsichtig davon berichtet, es habe einen Schwerverletzten oder möglicherweise einen Toten gegeben, ist sich die Bild-Zeitung sicher: »Flüchtling um Mitternacht an der Mauer erschossen«. Die drei westalliierten Stadtkommandanten protestieren, und der Senatssprecher nennt den Vorfall einen erneuten Beweis dafür, »dass es den Verantwortlichen der DDR nicht auf Menschenleben ankommt, wenn es darum geht, den totalen Machtanspruch über die von ihnen Beherrschten durchzusetzen«. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Heinrich Lummer, spricht von »tiefen Schatten«, die wieder einmal auf die innerdeutschen Beziehungen gefallen sei en, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Abelein wird mit dem Ausspruch zitiert, die Vorkommnisse an der Grenze seien ein »makabrer Salut an die Unmenschlichkeit« und jedes weitere Wort von Entspannung »eine zynische Verhöhnung der Gemordeten«.

Dass der Kommandeur der 5. Grenzkompanie des Grenzregiments »Hanno Günther« später mit der »Medaille für vorbildlichen Grenzdienst« ausgezeichnet wird, wissen die samstäglichen Zeitungsleser an ihren West-Berliner Frühstückstischen natürlich noch nicht. Aber auch ohne diese Information sind sie über den Vorfall sicher angemessen schockiert. Doch dazu besteht eigentlich wenig Veranlassung. Kenny befindet sich nämlich an diesem Samstagmorgen schon nicht mehr in Potsdam-Drewitz, sondern im Westteil der Stadt! Nach der Operation hatten die DDR-Behörden ihn bereits am Freitagabend an ein britisches Militärkrankenhaus überstellt. Was war passiert?

Natürlich kommt es immer darauf an, wie eine Geschichte erzählt wird. Eingeflochtene ebenso wie ausgelassene Details formen ein bestimmtes Bild, betonte oder auch beiläufige Wendungen runden es dann ab. Doch die Rezeption einer Geschichte hängt auch davon ab, wie sich dieses Bild in bereits existierende Vorstellungswelten des Lesers einfügt. Nach allem, was wir über das Grenzregime der DDR wissen, erscheint das Happyend für Kenny nicht nur unglaubwürdig, sondern als historische Erzählung geradezu apologetisch. Sollten die DDR-Behörden tatsächlich so freundlich mit einem Republikflüchtling umgegangen sein?

Doch die Geschichte von Kenny ist nicht erfunden, jedes noch so kleine Detail lässt sich dokumentieren – von seinem Laufweg über die Kratzspuren an der Mauer bis hin zur verlorenen Feldmütze[1]. Auch die Übergabe an das britische Militärkrankenhaus ist nachweisbar, aber selbst dieses Detail eignet sich nicht dazu, das Grenzregime zu verharmlosen. Es fehlt schließlich eine wichtige Information zum Verständnis dieser zunächst ungewöhnlich erscheinenden Maßnahme: Kenny war gar kein DDR-Flüchtling, sondern ein junger Gefreiter der »King’s Own Scottish Borderers«, der von West-Berlin aus über die Mauer in die DDR geklettert war. Der Public-Relations-Offizier der britischen Truppen sagte später lakonisch, Kenny sei völlig betrunken gewesen und habe nur mal sehen wollen, »was auf der anderen Seite los ist«.

Wurden die Leser dieser Geschichte nun in die Irre geführt, oder haben sie schlicht nicht aufgepasst? Einige Details hätten stutzig machen können. Wenn auch noch nicht unbedingt der Name Kenny, bedenkt man, dass ostdeutsche Eltern ihren Kindern gern fremdländisch klingende Vornamen gegeben haben – vielleicht sogar als Ausdruck eines leisen Protestes gegen die Einschränkungen der Reisefreiheit. Der geharkte Sandboden, auf dem Kenny gelandet ist, hätte dagegen zumindest Kennern der Grenzanlage auffallen können. Auf West-Berliner Seite nahm man die Landschaftspflege um das verhasste Bauwerk sicher nicht so ernst. Wer auch dieses kleine Detail überlesen hat, hätte aber spätestens gegen Ende der Geschichte aufmerksam werden müssen. Zwar ist bekannt, dass DDR-Grenzsoldaten auch auf Menschen geschossen haben, die die Mauer bereits überklettert hatten. Doch ist es kaum vorstellbar, dass die Grenzer einen Verletzten auf West-Berliner Territorium bergen würden, um ihn dann in einem DDR-Armeekrankenhaus zu behandeln.

Warum diese Details wahrscheinlich von den meisten überlesen worden sind, kann an den Angaben zu den Himmelsrichtungen gelegen haben. Aber auch diese waren nicht etwa falsch: Wer – wie Kenny – in Spandau auf westlicher Seite von der Mauer heruntersprang, landete in der DDR. Der Leser mag diesem Missverständnis deshalb so leicht erlegen sein, weil in jeder historischen Erzählung über die Berliner Mauer die Himmelsrichtungen mit einer politischen und nicht mit einer geographischen Bedeutung belegt sind. Und das ist auch der Hauptgrund, warum Kennys Geschichte trotz aller inneren Widersprüche zunächst als die einer missglückten Flucht überzeugt. Über die Mauer flüchtet man nur in Richtung Freiheit; ein Mauersprung in dieDDR ergibt einfach keinen Sinn. Oder etwa doch?

[1]

Die Darstellung beruht im Wesentlichen auf dem Untersuchungsbericht des Kommandeurs des Grenzkommandos Mitte vom 21. 6. 1974, in: Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv Freiburg (nachfolgend BA/MA) GT 5804. Die Witterungsverhältnisse sind dem entsprechenden Eintrag in der maschinenlesbaren Datei »Grenzzwischenfälle« entnommen, in: Bundesarchiv Koblenz (nachfolgend BA/KO) DVH 32 MD. Die Presseberichterstattung zu dem Vorfall umfasste u. a. Tagesspiegel vom 22., 25. – 27. 6. 1974, Bild vom 22.–23. und 26. 6. 1974 sowie B.Z. vom 22., 25. und 26. 6. 1974.

»Grenzverletzer WB – DDR«

Wäre es ein kurioser Einzelfall gewesen, der sich da in der Nacht vom 21. Juni 1974 an der Karolinenhöhe abgespielt hat, dann ließe sich diese Darstellung von Kennys Geschichte vielleicht als ein allzu frivoles Spiel mit den Erwartungshaltungen der Leser abtun. Schlimmstenfalls könnte sie als völlig unzulässige Herabwürdigung jener 98 DDR-Bürger verstanden werden, die bei der Flucht über die Mauer erschossen worden sind[1]. Kenny war jedoch kein Einzelfall.

In den 28 Jahren, in denen die Stadt Berlin in zwei Hälften geteilt war, sind mehr als 400 Menschen von West nach Ost über die Mauer geklettert[2]. Nicht für jeden von ihnen fand die Geschichte ein so glückliches Ende wie für Kenny. In sieben Fällen hatte die rücksichtslose Schusswaffenanwendung der Grenzsoldaten den Tod des Mauerspringers zur Folge[3]. Die im DDR-Jargon als »Grenzverletzer WB – DDR« bezeichneten Männer wurden erschossen, als sie von West-Berlin aus die »pioniertechnische Anlage« (PTA) überwinden wollten. Wie man im Fall des jungen britischen Soldaten bereits erahnen konnte, war es also auch lebensgefährlich, in dieser Richtung über die Mauer zu klettern.

Gleichzeitig war es aber denkbar einfach. Bevor ein DDR-Flüchtling die Westsektoren Berlins erreichte, musste er die Hinterlandmauer überwinden, den elektrifizierten Grenzsignalzaun hinter sich bringen, gegebenenfalls eine Hundelaufanlage umgehen, diversen versteckten Signaldrähten ausweichen, den hell beleuchteten Kolonnenweg überqueren, durch den Kontrollstreifen rennen, den davor befindlichen Kfz-Sperrgraben überspringen und schließlich noch über die Mauer klettern. Erst wenn er von dort hinuntergesprungen war (und oft sogar erst, nachdem er noch einige Meter »vorgelagertes Territorium der DDR« durchquert hatte), war er auf dem Gebiet West-Berlins angekommen[4].

In entgegengesetzter Richtung war es viel einfacher, über die Mauer zu springen. Das lag vor allem daran, dass von dort die Grenzanlage nahezu unbewacht war. Zwar hatten die Westalliierten einige Beobachtungsposten eingerichtet, und gelegentlich patrouillierten Soldaten entlang den Sektorengrenzen, doch deren Aufmerksamkeit galt in erster Linie der Gegenseite und nicht etwa möglichen Mauerspringern »von hinten«. Auch der West-Berliner Senat sah keine Veranlassung, entlang der Mauer Polizisten zu postieren. Ganz im Gegenteil: Eine Bewachung war undenkbar, denn damit hätte man der völkerrechtswidrigen Demarkationslinie eine Art Anerkennung verliehen. Wer von West-Berlin aus in den Osten klettern wollte und nicht so durchtrainiert war wie Kenny, der konnte in aller Ruhe eine Leiter anlehnen, ein parkendes Auto besteigen, das Dach einer Gartenlaube erklimmen oder auch eines der vielen Besucherpodeste nutzen, um auf die Mauer zu gelangen. Dies getan, befand sich der Mauerspringer bereits in der DDR. Gleichzeitig war er aber auch sofort im Blick- und Schussfeld ihrer Grenzsoldaten, wie Kenny schmerzvoll hat erfahren müssen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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