Biblio Berry - Valentina Wunderlich - ebook

Biblio Berry ebook

Valentina Wunderlich

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Opis

2091. In einer Bibliothek, eine der letzten Bastionen zum Schutz der Bücher. In einer Stadt, in der offiziell keine Bücher mehr existieren. In einer Welt, in der die Menschen kein eigenes Gedächtnis mehr haben, in der Wissen Macht ist. Hier sitzt Berry, aufgezogen vom bibliophilen Bibliothekar Vincent, in ihrem eigenen Universum und liest. Immer wenn sie ein Buch der Weltliteratur aufschlägt, verfärben sich ihre Augen von einem Dunkelbraun in leuchtendes Lila. Dann ist sie in ihrem Element, in ihrem Zuhause. Doch was passiert, wenn sie vom Leben außerhalb der Bücher erführe?

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Liczba stron: 214




Für meine Eltern, die mein Universum sind, und für Fabian, meinen geliebten Informatiker

»Wenn ich die Welt nicht mehr ertrage, verkrieche ich mich mit einem Buch, das mich wie ein kleines Raumschiff in die Ferne trägt.«

(Susan Sontag)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Eintrag 1: Meine Liebste

Eintrag 2: Meine Arbeit: Der Gast

Eintrag 3: Meine Arbeit: Das Messer

Eintrag 4: Meine Arbeit: Die Analyse

Eintrag 5: Carmina

Eintrag 6: Die Pyramide

Eintrag 7: Lilianes Ankunft

Eintrag 8: Der Untergrund

Eintrag 9: Die Erinnerung: Die Gedankendiebe

Eintrag 10: Der Konflikt

Eintrag 11: Die Erinnerung: Der Brief

Eintrag 12: Die Blaubeeraugen

Eintrag 13: Die Erinnerung: Das Picknick

Eintrag 14: Der Wissensdurst

Eintrag 15: Die Trance

Eintrag 16: Die Neugier

Eintrag 17: Der Rückzieher

Eintrag 18: Die Verabredung

Eintrag 19: Die Witzfigur

Eintrag 20: Der Bazar

Eintrag 21: Die zweite Chance

Eintrag 22: Das Theater

Eintrag 23: Der Dschungel

Eintrag 24: Die Einbildungskraft

Eintrag 25: Die Konversation

Eintrag 26: Die Erkenntnis

Eintrag 27: Der Entschluss

Eintrag 28: Die Aufklärung

Eintrag 29: Das Zugeständnis

Eintrag 30: Die Befreiung

Kapitel 2

Eintrag 31: Die Außenwelt

Eintrag 32: Das Gedächtnis

Eintrag 33: Berrys Tagebuch

Kapitel 3

Eintrag 34: Die Entführung

Eintrag 35: Pollux und Polaris

Eintrag 36: Equinox

Eintrag 37: Der Verlust

Eintrag 38: Die Sehnsucht

Eintrag 39: Die Offenbarung

Eintrag 40: Das Wörtchen »Wenn«

Eintrag 41: Das Nichts

Eintrag 42: Das Gähnen

Kapitel 4

Die Ansprache

Die Vision

Das Geständnis

Nachwort

Kapitel 1

Sternzeit: 01.01.2091, 18:47

Eintrag 1: Meine Liebste

Als ich sie ansah, hatte ich das Gefühl, als saugten sich gierige Tentakel an meinem Kopf fest und durchpiekten ihn mit einem Dutzend elektrisierten Stecknadeln. Erst zaghaft und dann immer intensiver, bis mein Schädel zu bersten drohte. Dieser Tortur unterzog ich mich jedes Mal aufs Neue, wenn ihre Erscheinung meine Augen anlockte. Mein Blick versuchte, sie von allen Seiten zu scannen, doch ihre unbewegliche Anmut ließ es mir nicht gestatten, sie zu durchschauen. Sie zeigte mir lediglich ihren Rücken. Aus der Ferne erschien er mir fremd. Ich konnte nicht erkennen, was sich auf ihm abzeichnete.

Ich erhob mich von meinem Arbeitsplatz, getrieben durch das plötzliche Verlangen nach Berührung, und setzte zielstrebig einen Fuß vor den anderen. Der Teppichboden der Bibliothek war so weich, dass ich meine Schritte selbst nicht vernahm. Die Weichheit des Teppichs kroch hinauf bis in meine Knie. Im Glauben, im Teppich zu versinken, hörte ich dennoch nicht auf zu gehen. Als ich vor ihr stand, hielt ich inne. Energisch wollte ich sie auffordern, sich umzudrehen, um ihr Inneres erforschen zu können. »Dreh dich um! Dreh dich doch endlich um!«, schrie mein Unterbewusstsein sie an. Der innere Schrei ließ mich aufschrecken.

Bei Menschen ist es mir gleichgültig, ob sie mir den Rücken kehren, mich mit einer kalten Schulter strafen oder mir ein verächtliches Augenrollen entgegenschleudern. Bei Büchern ist das anders. Vollkommen anders. Es versetzte mir einen schmerzhaften Stich, wenn ein Buch wie dieses mir abgewandt war. Sie, meine wertvollste mittelalterliche Handschrift, mit der ich aufgewachsen bin, war mir heute zum ersten Mal fremd. Fremd wie ein altes Ehepaar untereinander, das sich trotz tiefer Vertrautheit nichts mehr zu sagen hat. Ich konnte keinen Zugang zu ihr finden.

Seitdem Berry hier bei mir in der Bibliothek wohnte, veränderte sich so einiges. Damals war ich der Herr über meine Lieben. Ich bestimmte, wer wann ein Buch anfassen durfte. Heute war sie es, die meine wohlgehütete Manessische Handschrift in den Händen hielt, sie mit ihren flüchtigen Fingern durchblätterte und quälte. Jedes Umblättern versetzte mir einen nervösen Stoß durch meinen ganzen Körper.

An ihrem jungen Wesen haftete etwas unerklärlich Abstoßendes. Ich versuchte schon die ganze Zeit über, zu ergründen, warum ich sie nicht mehr leiden konnte. Es war wohl die Art, wie sie las, die mich störte, und die Tatsache, dass sie meine Tabuzone durchbrach. Wie sie auf einem kleinen Hocker inmitten der Bücherregale kauerte und meine Handschrift ganz für sich vereinnahmte. Wie ihre dunklen lockigen Haare wild auf das Papier fielen. Es formten sich ein Kloß in meinem Hals und eine unangenehme Anspannung in meiner Brust. Ich schnappte nach Luft, um mich zu beruhigen, tiefer und noch tiefer, bis ich es nach dem dritten Atemzug nicht mehr aushielt und mich an meinen Schreibtisch zurückzog. Nichts hätte ich mir in diesem Moment mehr gewünscht, als dass sie verschwände und meine Bücher und mich in Ruhe ließe.

Sternzeit: 14.01.2091, 19:25

Eintrag 2: Meine Arbeit: Der Gast

Das In-die-Hände-nehmen eines Buches. Schwer, mittelschwer, federleicht. Das haptische Erleben eines Einbandes, seiner Rauheit, seiner Weichheit oder Glattheit. Das Ertasten der Schriftzüge, eingebettet im Leinen oder ihm erhaben. Das Erfühlen der Seitenstärke und der Aufrauhung der Seiten. Das Ertasten von Eselsohren, von Flecken. Das Erkennen der Individualität eines jeden Buches. Das Erahnen von Gedanken ihrer Leser. Das alles ist es, was meine Arbeit ausmacht. Das tägliche Trainieren meiner Sinnesorgane ermöglicht es mir, jedes Buch mit geschlossenen Augen erkennen zu können und zu wissen, an welchem Platz es in meiner Bibliothek steht. Den Zettelkatalog, den ich vor Jahrzehnten in mühsamer Arbeit angelegt habe, brauche ich gar nicht mehr.

Vor ein paar Tagen ist mir ein Gedanke gekommen, den ich unbedingt noch schriftlich festhalten muss. Ein gutes Buch ist doch erst dann eines, bei dem das Verhältnis von Sinneswahrnehmungen und Leseeindrücken übereinstimmt. Ja genau, denn ein Text, der ein schnelles Lesetempo erfordert, dessen Seiten sollten möglichst leicht umblätterbar sein. Ist das hingegen nicht der Fall, wird der Lesefluss unterbrochen. Sind die Seiten schwer, der Erzählstoff hingegen leicht, so entsteht ein Missverhältnis von Form und Inhalt. Ich weiß nicht, wieso mir das bisher noch nie aufgefallen ist.

Das Buch, das ich heute restauriert habe, ist in dieser Hinsicht glücklicherweise ein herausragend gutes Buch. Als erstes habe ich wie immer alle möglichen Daten erfasst: Titelbild, Titel, Autor und Verlag, Editionsform, Erscheinungsdatum und -ort, Herausgeber, Einbandart, Schriftart, Schriftgröße, Initialen, Unterteilung in Kapitel, Farbwahl, Absätze, Zeilenabstand, Reihenzugehörigkeit, Verzierungen am Buchblock und Grad der Erhaltung. In einem weiteren Schritt habe ich seine besondere Aura wahrgenommen.

Als mir mein Dealer vor zwei Wochen dieses Buch vakuumverpackt in die Hand drückte, war mir noch nicht klar, was für ein Schatz sich hinter der zentimeterdicken Schmutzschicht verbergen würde. Der Dealer berichtete nur einsilbig, als ich ihn fragte, was das bloß sei »Ausgegraben … bei einem Bauprojekt.« Er hinterließ einen rußigen Geruch im Eingang der Bibliothek, als er auf dem Absatz seiner Kunstlederstiefel kehrtmachte und verschwand.

Jeder Tag, an dem mir ein Buch aus der Außenwelt in die Hände fällt, ist ein Glückstag. Wenn es mir vorher wochenlang schlecht ging, keimt in mir ein unbeschreibliches Glücksgefühl auf, sobald ich einen Neuankömmling empfange. Er ist ein guter Gast, den ich gerne beherberge, den ich pflege und beschütze. Ein Gast, der sich in meinen Gefilden einlebt und dann für immer bleibt. Ein Gast, der sodann kein Gast mehr ist, wenn er sich erst einmal in meine Bibliothek einverleibt hat. Er wird zu einem festen Mitbewohner in meinem Biotop. So wird es auch diesmal sein. Ich fragte mich, woher der Fremdling wohl kam und wie sein Leben früher war, bevor er in Dunkelheit versank. Wer war sein Besitzer? Warum war er sein Besitzer? Hat er ihn gut behandelt und wertgeschätzt? Hat er ihn gebraucht oder missbraucht? Verachtet? Zu mir kommen viele Heimatlose, die eine schlimme Vergangenheit haben. Man sieht ihnen die Wunden an, die ihnen zugefügt wurden und traut sich kaum, hinzusehen. Zuerst wurden sie nicht mehr beachtet, dann wurden sie an den letzten Rand ihrer Existenz gedrängt, diskriminiert, eliminiert und letztlich tief unter der Erde vergraben. Das war das offizielle Ende der Literatur – und meines legal ausgeführten Jobs als Bibliothekar. Denn was ist ein Bibliothekar in einer Bibliothek ohne Nutzer? Vielmehr bin ich inzwischen ein ärmlicher Buchhändler, der auf dem Schwarzmarkt die letzten Überreste des menschlichen Geistreichtums unter der Hand vertickt. Und ein armseliger Archivar, der für andere wertlos gewordene Ware wieder so herrichtet, wie sie einst war, in der Hoffnung, noch einen Abnehmer zu finden, der seinen Geist noch nicht verloren hat. Am liebsten würde ich kein einziges Buch mehr aus den Händen geben, doch von irgendwas muss ich leider auch leben. Es ist so verdammt schwer, sich von einem Buch zu lösen, in das man sich verguckt hat! Ich verbringe so viel Zeit mit ihnen, wie es nur eben geht. Das ist mein einziger Trost.

Nachdem ich am Abend meine Arbeit des Tages vollbracht hatte, zog ich mich in mein Zimmer zurück und schaltete meinen inzwischen uralten, klapprigen Laptop an. Was ich in den eNews vernahm, ließ mich erbersten. Es wurde von einer Großverbrennungsaktion berichtet, in der etwa 12.000 bis dato noch existente Werke der Weltliteratur ums Leben kamen. Unter ihnen seien wohl sogar sämtliche Ausgaben von Goethes »Faust« gewesen.

Seitdem die Menschen Bücher aus ihrem Alltag verbannt hatten, waren sie nur noch verwahrlosende Staubfänger in den hintersten Regalen und hermetisch abgeriegelt in Metalltruhen auf leblosen Dachböden. Manche nutzten sie höchstens noch als Zimmerdeko, als Türstopper, als Hanteln der allmorgendlichen Fitnessroutine oder als Brennmaterial im häuslichen Kamin, falls nicht elektrisch geheizt wurde.

Die Kinder, die nicht mehr mit Büchern aufwachsen, sind verlorene Geschöpfe. Sie starren Tag für Tag auf ihre Hologramme und Folienwände, ohne zu wissen, was dabei mit ihnen geschieht.

Sternzeit: 14.01.2091, 20:34

Eintrag 3: Meine Arbeit: Das Messer

Wie dem auch sei, ich muss mir immer wieder vor Augen führen, dass ich als Herbergsvater für alle Displaced Books die Mission habe, die verschollenen Bücher zu sammeln und wieder aufzupäppeln. Was jedoch an diesem heutigen Buch so besonders war … Nun ja, es war ein non coupé. Schon beim ersten Anblick vor der Säuberung fühlte ich die außergewöhnlich dicken Ränder an meinen Fingerkuppen. Nachdem ich den Gast vom Schmutz befreit habe, konnte ich erkennen, dass in etwa 2/3 von ihm ungeöffnet waren. Ich berührte die noch unversehrten gefalzten aber unbeschnittenen Bogen des Buchblocks. Das Buch musste etwa aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen, und ich sollte der Erste sein – das muss man sich mal vorstellen! – der die Seiten zu Gesicht bekommen würde, diese unberührten Seiten, die ein unverzichtbarer Teil einer Geschichte sind. Es ist eine Jungfrau unter den Büchern, es ist ein wahres Unikat! Mein Atem stockte, denn ich war auf eine derartige Situation nicht vorbereitet. Nervös kramte ich in den Schubladen nach meinem Papiermesser, das ebenso ein Unikat war wie dieses verschlossene Buch vor mir. Es ist schon lange her, dass ich es benutzt habe. Schließlich kommt es immer seltener vor, dass mir Bücher geliefert werden, und eine absolute Ausnahme ist es, wenn mir ein solches Sammlerstück zufällt. Ich betrachtete das Papiermesser genau und walzte es in meinen Handflächen hin und her. Der Griff ist aus Elfenbein angefertigt, das es heute gar nicht mehr gibt, die Klinge ist nach vorn hin abgerundet. Ich versuchte, die Schnitzerei auf dem Griff zu deuten. Damals zu meinem 14. Geburtstag bekam ich dieses Geschenk von meinen Eltern, doch für die Verzierungen hatte ich zu jener Zeit noch kein Gespür. Es war einfach nett anzusehen, obwohl ich schon damals die Magie dahinter spürte. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem mein Freund Tommy zu Besuch zu uns nach Hause kam. Er war fasziniert von dem Teil. Er fuchtelte es wild umher, so dass ich sicherheitshalber ein Stück von ihm wich. Er meinte, wenn wir noch ein zweites hätten, könnten wir gegeneinander kämpfen. Obwohl ich gar nicht begeistert von der Idee war, ließ ich mich letztlich von ihm überreden. Er zerrte mich zu einem Antiquitätenhändler bei uns in der Straße, dessen Sortimentsschwerpunkt antiquarische Bücher und alles, was dazugehörte, waren. Der Antiquar legte uns zwei Exemplare vor die Nase und befahl uns barsch, uns zügig zu entscheiden. Beide sahen ziemlich schlicht aus, ohne Verzierungen, ohne Schnörkel. Sie waren außerdem nicht aus teurem Elfenbein wie meines, sondern aus plumpem Metall. Während Tommy eines der beiden an sich nahm und so tat, als kämpfe er gegen einen Feind, beäugte mich der Antiquar misstrauisch. Er fragte »Was habt ihr denn damit vor, Jungs? Das ist kein Spielzeug und erst recht keine Waffe!«

Verschämt starrte ich auf den Boden, in der Erwartung, Tommy würde das regeln, denn schließlich war er doch derjenige, der unbedingt kämpfen wollte, doch er war zu sehr in sein Spiel vertieft und antwortete nicht. Also entgegnete ich dem Antiquar »Ich lese gern Bücher, wissen Sie? Ich gehe gerne auf Trödelmärkte und halte nach seltenen Exemplaren Ausschau. Ein richtiger Büchernarr braucht auch ein Büchermesser. Hat mein Vater mir gesagt.«

Der Antiquitätenhändler sah mich entgeistert an, als hätte ich etwas Falsches gesagt. Ich befürchtete, meine Notlüge, die ja so gesehen gar keine Lüge war, wurde von ihm aufgedeckt. Stattdessen lachte er so laut los, dass ich zusammenzuckte. Ich wusste nicht mal, warum er lachte. Wahrscheinlich lachte er mich aus. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sagte er zu Tommy gerichtet, der noch immer nicht seinem Kampf erlegen war »Könnt ihr behalten. Und jetzt raus hier.«

Zuhause im Garten fochten wir ein paar erbitterte Kämpfe aus, bis ich mich geschlagen gab. Daraufhin ging Tommy in die Küche, holte sich aus unserem Schrank eine Butterbrotscheibe und griff in unserem Kühlschrank nach einer Packung Schmierkäse. Er nahm das Papiermesser, so als wäre es das Normalste von der Welt, und bestrich die Scheibe mit dem Käse. Unverhohlen stopfte er sich große Bissen in den Mund und nuschelte »Schmeckt gut.«

Später, nachdem Tommy sich verabschiedet hatte, verzog ich mich in mein Zimmer und grübelte darüber nach, warum mir alles, was andere Menschen sagten oder taten, seltsam vorkam und warum es mir so schwerfiel, sie zu verstehen, geschweige denn so zu sein wie sie.

Ich hielt das Messer weiterhin nah vor mich, um es zu inspizieren. Die Verzierung erschloss sich mir mit einem Mal als der Turmbau zu Babel. Das machte doch alles einen Sinn. Ich kämpfe nicht mit Metall und Blut, ich kämpfe für ein anderes Gut, für das wertvollste auf der Welt. Der Turm ragte mir als Aufforderung entgegen.

Sternzeit: 14.01.2091, 21:06

Eintrag 4: Meine Arbeit: Die Analyse

Nach dem Aufschneiden der Buchseiten konnte ich sie nach und nach aufschlagen und lesen, ihre Essenz entfaltete sich. Allein am Innengeruch eines Buches lässt sich sein Alter bestimmen. Die meisten riechen nach Verwesung, einige noch nach Leben. Die Geruchsskala reicht von modrig über muffig bis hin zu frisch gedruckt. So konnte ich dieses Buch als etwa 220-jähriges Exemplar identifizieren. Sein Besitzer war zweifellos ein Raucher altmodischer Art. Das erkennt man nicht nur am Geruch, sondern auch an den gelblichen Fingerabdrücken auf den ersten Seiten. Das lässt den Schluss zu, dass der Raucher bis Seite 27 gelesen hat. Nach der Bestimmung des Methylierungsgrades habe ich den Stand der Dinge festgehalten. Zwei weitere Personen haben dieses Buch entweder besessen oder mindestens ein Mal in ihren Händen gehalten. Darunter ist die DNA eines ca. 80-jährigen Mannes und eines jungen Mädchens; die beiden sind miteinander verwandt. Auffällig war vor allem eines: Die DNA des Mannes tauchte noch einmal auf, und zwar 60 Jahre vorher. Ich male mir die Begebenheit wie folgt aus: Besitzer dieses Buches war ein 20-jähriger junger Mann, hat es 60 Jahre nicht angerührt und es im Alter von 80 seiner Enkelin übergeben. Diese hat es ein Mal zu einem Drittel gelesen und wieder abgegeben, verkauft oder vergammeln lassen. Das war das inoffizielle Ende des Buches.

Ich habe mich lange dagegen gewehrt, mir eine DNA-Erkennungsanlage zuzulegen. Anfangs war es mir zuwider, auf naturwissenschaftliche Weise an meine Gäste heranzutreten, sie auseinanderzulegen in die kleinsten Bestandteile des Seins, denn ich war mir absolut unsicher, wie sie darauf reagieren würden. Vielleicht verletzte ich dadurch ihre Würde, doch wie viel Würde bleibt, so tief unter der Erde verschachert, noch übrig? Wie viel davon stieg noch an die Oberfläche? Ich wollte einfach so viel wie möglich über die Hintergründe der Bücher erfahren, und inzwischen ist es meine Lieblingsbeschäftigung geworden, Geschichten um die Bücher herum zu spinnen wie ein schützender Kokon. Auch wenn ich mir dazu die Naturwissenschaft zunutze machen und mir schwören musste, dass Berry nichts darüber erfährt. Für meine Gäste würde ich alles tun.

Nach dem Reinigungs- und Analyseprozess war es an der Zeit, das Buch an seinen alphabetisch vorgesehenen Platz in der Bibliothek zu stellen. Hatte ich erst den Platz im Regal freigeschoben und das Werk hineingestellt, erfüllte mich dies mit einer tiefgreifenden Zufriedenheit. Wie ich die Akustik der Bücher liebe! Nicht nur den vibrierenden Aufprall, wenn das Buch ins Regal gestellt wird. Auch den Knall, wenn man das Buch zuschlägt. Das Geräusch beim Aufklappen des Buches, wenn der Buchrücken knarzt. Das flattrige Geräusch beim Umblättern der Seiten. Der dumpfe Ton, wenn man auf den Hardcover-Einband fasst. Der knatschende Ton beim Zusammendrücken einer Seite von Daumen und Zeigefinger, der je nach Seitenstärke variiert. Die Komposition dieser Klänge zu einem vollendeten Werk. Jedes Werk hat seinen festen Platz. Es soll alles so bleiben, wie es ist, für immer. Eine Veränderung der Reihenfolge, ein Durcheinanderbringen der Ordnung, das wäre mein Ende. Darüber will ich gar nicht nachdenken. Es gibt allerdings eine Sache, die mich seit langer Zeit beschäftigt. Ich kann es kaum aussprechen und das darf auch nie jemand aus meinem Kundenkreis erfahren … Ich lese sie nicht. Ja, ich lese die Bücher aus meiner Bibliothek nicht mehr. Den Inhalt meiner Lieblingsbücher kenne ich in und auswendig. Ich traue mich nicht, mich ihnen zu öffnen, wenn ich sie öffne. Aber pssst!

Sternzeit: 03.02.2091, 17:28

Eintrag 5: Carmina

Guten Morgen! Hast du Carmina hier irgendwo gesehen? Als ich aufgewacht bin, war sie nicht mehr in meinem Zimmer«, erkundigte sich Berry heute Morgen nach ihrer Katze.

Wohl etwas zu schnippisch entgegnete ich ihr »Wie kann man sie nicht sehen? Sie hält mich schon seit Stunden von meiner Arbeit ab. Ich muss sie immer im Auge behalten, dass sie mir auch ja nicht an meine Bücher geht!«

Berry tat anscheinend so, als hätte sie meine Einwände überhört. Das macht sie gern. Um sie noch ein wenig mehr zu provozieren als sie mich, fuhr ich mit noch schärferem Ton fort »Sie hält sich wohl für einen neuen Murr, wie?«

Jetzt schien Berry sichtlich irritiert. Das erkannte ich an ihren durch den Raum fliegenden Augen, die vergebens nach einer Erklärung suchten. Nach einer längeren Pause fragte sie mich »Was meinst du damit?«

Ohne ihr eine Antwort zu geben, stand ich auf und wies sie an, mir durch die Gänge zu folgen. Ich machte halt an Regal H. Mit dem Zeigefinger fuhr ich über die Signaturen sämtlicher Werke E.T.A. Hoffmanns. In dem Augenblick, in dem mein Finger auf einem der Bücher stoppte und ich den Titel las, kamen mir Bilder von leeren Augenhöhlen und goldgrünen Schlänglein in den Sinn. Der Gedanke an Serpentina besänftigte mich. Als ich bei den »Lebensansichten des Katers Murr« innehielt, vernahm ich in Berrys Augen ein reges Interesse. Ich zog das verstaubte Buch aus dem Regal, positionierte die umgekippten Nachbarwerke wieder richtig und hielt ihr den Murr unter die Nase. »Lies!«, herrschte ich sie an und ging an meinen Schreibtisch zurück.

Aus ein paar Metern Entfernung hörte ich nur noch, wie Berry mehr zu sich selbst als zu mir murmelte »Und wo ist nun Carmina …?«

Kurz darauf erblickte ich diese. Sie kroch hinter Regal G 8 hervor und bewegte sich in Richtung Murr und Berry. Erleichtert nahm ich meine Arbeit auf, während mir die Erkenntnis durch den Kopf ging, dass das Vieh doch intelligenter ist, als ich dachte. Es war erstaunlich – schon nach drei Stunden stand das merkwürdige Mädchen wieder vor mir und äußerte, diesmal mit fester Stimme »Carmina ist genauso wie der Kater Murr, sie ist kultivierter als so manch andere Person in diesem Buch.«

Ihre Aussage traf mich direkt ins Mark. Was sie da so leise von sich gab, war die Quintessenz meines Daseins, geballt in ein paar junge gehauchte Worte. Es war das, worüber ich tagtäglich den Kopf schüttelte und ihn mir womöglich eines Tages schlussendlich zerbrechen würde. Dass die Aussage auf Berrys Katze zutraf, war mir bisher nicht bewusst. Aber Berry hatte Recht. Carmina liebte es, sich in der Gegenwart der Bücher aufzuhalten, genauso wie ich – und Berry.

Mir nicht eingestehen wollend, dass es außer mir noch andere Bücherfreunde gab, antwortete ich ihr strikt »Du musst argumentieren, nicht fragen!«

In Berrys sich ganz leicht abzeichnendem Lächeln erkannte ich erstmals Verständnis. Verständnis für die Literatur und für mich.

Sternzeit: 03.02.2091, 18:54

Eintrag 6: Die Pyramide

Am Nachmittag rief ich Berry zu mir, denn ich war neugierig auf das, was sie noch alles über den Kater Murr erzählen würde. Nach vier vergeblichen Rufen nach ihr machte ich mich auf zu ihrem Zimmer, das sich am Ende des dritten Nebenflurs befindet. Ich kam an den gefangenen Büchern vorbei, an die ich schon lange nicht mehr gedacht hatte. Es kam mir so vor, als schauten sie mich mit großen tränenbenetzten Augen an, so dass ich mich für den Bruchteil einer Sekunde schuldig fühlte. Doch dann beschwichtigte ich mich mit dem Gedanken, dass sie sowieso keine Empfindungen hätten und es besser so sei. Eine Weile stand ich reglos vor der Tür zum Zimmer des mir immer noch so fremden Mädchens und überlegte, ob ich anklopfen sollte. Bisher wirkte sie stets fremd und verschroben auf mich, doch seit den Geschehnissen am Morgen sagte meine innere Stimme zu mir, ich sei im Unrecht gewesen. Ich hoffte auf Hoffnung. Erstmals verspürte ich das Bedürfnis, sie nach so vielen Jahren endlich näher kennenzulernen. Ich fasste mir ein Herz und klopfte gegen die schwere dunkelbraune Holztür.

Kurz darauf fragte ich »Berry, bist du da?« In gebückter Haltung presste ich das rechte Ohr gegen das langsam morsch werdende Holz. Ich bildete mir ein, das Holz arbeiten zu hören, denn alles in der Bibliothek um mich herum war still. In dem Moment flog die Tür auf. Ich erschrak.

»Was willst du denn hier? Hast du dich etwa verlaufen«, wollte Berry wissen.

Klar, durch meine nicht gerade freundliche Art hatte sie sich meiner Verhaltensweise angepasst. Gerade wollte ich meine fein säuberlich zusammengelegte Rede zum Kater Murr vortragen, da schielte mein Blick in den Innenraum.

»Ist etwas?« erkundigte sich Berry verwirrt. Und wieder dieses verächtliche Augenrollen.

So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es war ewig her, dass ich in Berrys Zimmer war. Früher, als sie noch ein Kleinkind war, hatte ich ihr Zimmer spartanisch eingerichtet. Da ich nicht viel Geld besaß, mussten eine kleine, provisorisch von mir selbst zusammengebastelte Klappliege, ein Nachttischchen und ein alter, zerschundener Schreibtisch reichen. Vergeblich suchte ich nach ebendiesen Möbeln.

»Was ist los?«, fragte das Mädchen nun in leicht genervtem Ton.

»Ich bin erstaunt, wie sich dein Zimmer verändert hat«.

»Du warst lange nicht mehr hier.« Ihre Antwort klang nach einer Anschuldigung.

Sollte ich mich rechtfertigen? Nein … Schließlich war sie nicht meine Tochter. Nachdem sie mich hereingebeten hatte, betrachtete ich das Zimmer in seiner Gänze. Obwohl es recht klein und in der Grundfläche quadratisch ist, wirkt es dennoch majestätisch, besonders durch die hohe Decke, die an den Großraum der Bibliothek angepasst ist. In der Mitte des Raumes stapeln sich Bücher über Bücher pyramidenförmig auf, zu einer zweiten Sphinx. Zahlreiche Bücher formieren sich zu einer Treppe, die die Pyramide hochführt. Ich stieg ein paar Stufen hinauf. Über dem Berg aus Büchern hoch oben an der Decke thront ein Bett mit vielen flauschigen Kissen. Es scheint nicht mehr die Klappliege von damals zu sein.

»Hast du all die Bücher aus meiner Bibliothek? Natürlich, woher auch sonst … Du hast mich nicht um Erlaubnis gebeten!«, äußerte ich in einer Mischung aus Faszination und Gekränktheit.

Vorsichtig tappte ich ein paar der Stufen wieder hinunter, um die Bücher nicht zu beschädigen. Um sicher zu gehen, dass auch wirklich nichts mit ihnen geschieht, zog ich meine Schuhe aus und nahm die restlichen Stufen. Unten angekommen, redete ich auf Berry ein. Ich wollte ihr weismachen, wie man Bücher richtig zu behandeln hatte, doch egal was ich auch sagte – sie blieb stumm und blickte mich nicht an. Ich versuchte allerdings, den Kontakt zu ihr zu halten.

»Wo liest und lernst du? Hier ist ja gar kein Platz. Und wo ist der schöne alte Schreibtisch, den ich dir geschenkt habe? Man kann doch nur richtig lesen, wenn man einen geeigneten Arbeitsbereich dafür hat.«

»Für mich ist Lesen keine Arbeit. Ich lese in meinem Bett.«

»Im Bett?« Ich war mir nicht sicher, ob das Echo aus meinem Mund oder von der Konstruktion des Raumes her kam.

»Ganz genau«, bestätigte Berry.

Ich stieß einen Seufzer aus, der in diesem Zimmer lauter widerhallte als erwartet, und grübelte. Was sollte ich nur von dem Mädchen halten? Immerhin hatte ich ihr bisher nur die Bücher von schlechter Qualität und solche, die noch in unzähliger Auflage vorhanden waren, zum Lesen an die Hand gegeben. Die meisten von ihnen hatte sie also nicht zurück in die Regale gestellt, sondern heimlich in ihrem Zimmer gebunkert. Wie konnte mir das nicht aufgefallen sein? Noch handelte es sich zwar um Mangel- und Massenware, doch der Tag würde kommen, an dem Berry nach hochwertigen Büchern verlangte. Ich beschloss, sie ab jetzt rund um die Uhr im Auge zu behalten. Das hätte ich schon viel eher tun sollen.

Sternzeit: 03.02.2091, 20:46

Eintrag 7: Lilianes Ankunft

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