Beziehungswaise - Michel Birbæk - ebook

Beziehungswaise ebook

Michel Birbæk

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Opis

»Beziehungswaise hat genau das, woran es anderen Romanen oft fehlt: Charme, Humor, Niveau und Tiefgang.« Stern

Mann liebt Frau. Frau liebt Mann. Seit sieben Jahren. Viel Liebe, kein Sex. Sie stehen auf einer Hochzeit und schon wieder ist es nicht ihre ... Lasse und Tess sind das perfekte Paar, aber ihnen ist die Leidenschaft abhandengekommen. Selbst ein perfekter gemeinsamer Urlaub ändert daran nichts, sie lieben sich, aber wenn sie abends ins Bett gehen, sind sie gute Freunde. Ab wann ist eine Beziehung zu Ende, vor allem, wenn man sich noch liebt? Gibt es einen Weg, die Leidenschaft zurückzuholen? Aus Liebe zu Tess, versucht Lasse es herauszufinden.



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MOBI

Liczba stron: 615




Buch

Lasse ist ein Comedian, dem Erfolg und Humor abhandengekommen sind. Mit seiner Karriere geht es bergab bzw. flussab, denn mittlerweile moderiert er Seniorennachmittage auf einem Kreuzfahrtschiff. Doch nicht nur seine Karriere leidet, auch mit der Liebe lief es schon mal besser: Er führt eine zweitklassige Beziehung mit einer erstklassigen Frau. Seit sieben Jahren sind sie zusammen, doch beide sind beruflich viel unterwegs – und sie schlafen nicht mehr miteinander.

Als Lasse ein TV-Casting gewinnt und Tess ein Jobangebot in China bekommt, können sie ihre Probleme nicht länger ignorieren. Liebe oder Karriere? Sex oder Freundschaft? Oder doch ein Heiratsantrag?

Autor

Michel Birbæk, geboren in Kopenhagen, lebt seit vielen Jahren in Köln. Als Sänger war er fünfzehn Jahre mit Rockbands unterwegs. Danach arbeitete er unter anderem als Kolumnist für mehrere Frauenmagazine und seit zwanzig Jahren als Drehbuchautor für einige der erfolgreichsten deutschen TV-Serien. Seine bisherigen fünf Romane haben sowohl die Kritiker, als auch eine große Fanbase erobert.

Weitere Informationen unter: www.birbaek.de

Von Michel Birbæk bereits erschienen:

Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen. Roman

Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr. Roman

Nele & Paul. Roman

Die Beste zum Schluss. Roman

Das schönste Mädchen der Welt. Roman

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Roman

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© 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

2007 erstmals erschienen bei Bastei Lübbe

Umschlaggestaltung und -abbildung: semper smile, München

NG · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-21751-8V002www.blanvalet.de

Sieben Jahre später …

Kapitel 1

Die Kirche ist voll, Angehörige murmeln aufgeregt, Blumenkinder zappeln herum, und neben dem Altar flüstert ein Regisseur hektisch letzte Anweisungen in sein Head­set. Alle starren auf die Tür, durch die das Brautpaar kommen soll. Ich halte Tess’ Hand und versuche nicht zu schwanken. Der Junggesellenabschied endete vor zwei Stunden.

»Ich glaube, mir wird schlecht.«

Sie schüttelt den Kopf.

»Dir wird jetzt nicht schlecht«, murmelt sie, ohne den Blick von der Tür abzuwenden.

»Ach so«, sage ich und schwanke eine Runde.

Wir starren weiter auf die Tür, die sich nicht öffnet. Immer noch kein Brautpaar. Die Angehörigen beginnen zu tuscheln. Hat da jemand die Ringe vergessen? Kalte Füße bekommen? Eine Affäre?

Tess wirft mir einen Blick zu.

»Und du hast ihn rechtzeitig zu Hause abgeliefert?«

»Wäre ich nicht hier, wäre er nicht da, aber ich bin ja hier, also ist er da.«

Ich schwanke eine Ehrenrunde. Diesmal ist es nicht gespielt. Verdammte Schnäpse. Aber bei einem Junggesellenabschied aufgeben, bevor der Bräutigam umkippt, das sind die Dinge, die man sich dann ewig und drei Tage anhören muss – man heiratet ja nur einmal im Leben. Hm. Das muss auch ein sehr alter Spruch sein.

Neben uns bleibt ein Kameramann an einem Kabel hängen und reißt dem Tonmann das Mikro aus der Hand. Das Stativ scheppert laut zu Boden. Alle Köpfe fahren herum. Ein Blumenkind erschrickt sich und fängt an zu weinen. Der Priester hebt mahnend eine Augenbraue, der Kameramann entschuldigend die Hand, der Regisseur spricht wütend in sein Headset.

Der Tonmann hebt das Stativ wieder auf, das Gemurmel setzt wieder ein, ich fühle, wie mein Frühstück das Standbein wechselt.

»Haben Kirchen eigentlich Toiletten?«

Tess starrt zur Tür und antwortet nicht.

»Die müssen doch welche haben, wenn sie Wein und Kekse anbieten, oder? Ist das nicht eine Auflage vom Ordnungsamt?«

Sie ignoriert mich. Alles klar. Bei Hochzeiten ist Schluss mit lustig. Ich schlucke die Übelkeit runter, atme tief durch und schaue zu Boden. Mein Blick bleibt an den Klebestreifen hängen. Laufwege. Die grünen sind für das Kamerateam, die weißen für Privatfilmer, Rot für das Brautpaar, Lila für die Blumenkinder, Schwarz für die amerikanischen Gäste und Braun für die Gäste aus Deutschland. Braun. Manche Dinge ändern sich nie.

Die Angehörigen werden immer unruhiger, ein Blumenkind läuft schon mal los und muss zurückgepfiffen werden, und auch der Priester mustert jetzt die Eingangstür aufmerksam. Doch die bleibt geschlossen. Da das Brautpaar sich erst seit vier Monaten kennt, besteht durchaus die Möglichkeit, dass es dahinten übereinander hergefallen ist. Herrje, wie oft haben Tess und ich früher Flüge, Termine und Verabredungen verpasst, weil es sich um keinen Preis der Welt aufschieben ließ. Lange her.

Die Musik setzt ein. Ein erleichtertes Aufstöhnen geht durch die Kirche. Die Kamerateams springen auf ihre Streifen. Die Eingangstür öffnet sich. Das Gemurmel verstummt schlagartig. Stan kommt im Blitzlichtgewitter den Gang herunter, er trägt einen Frack und nickt grinsend in die Runde. Als er an mir vorbeigeht, blinzelt er mir zu. Ich grinse zurück und mache Zeichen, dass sein Hosenschlitz offen steht. Mein Gott, nicht zu fassen – Stan heiratet. Ich habe ihn nie lange genug mit einer Frau erlebt, um mir ihren Namen merken zu können, und jetzt heiratet er.

Er bleibt vor dem Priester stehen und dreht sich um. Mit ihm wenden sich alle dem Eingang zu. Eine kurze Spannungspause, dann bringt der Brautvater die Braut herein. Sie ist ganz in Weiß, und nicht mal der Schleier kann ihr Strahlen abschwächen. Eine Grippewelle bricht über die Kirche herein. Es wird geschnieft und geschnäuzt. Die Kamerateams stolpern herum, um die beste Einstellung zu bekommen, Angehörige knipsen wie verrückt, Blumenkinder werfen geköpfte Blumen durch den Gang. Ich drücke Tess’ Hand. Sie drückt meine.

Nach einer kleinen Einlage des Priesters, der sich für einen begnadeten Entertainer hält, geht die Zeremonie los. Das Brautpaar strahlt sich ungeduldig an, und schließlich ist es so weit: Der Priester fragt Stan, ob er Stella zu seiner Ehefrau nehmen will. Stan sagt Ja. Die Braut strahlt. Der Priester fragt die Braut, ob sie Stan zu ihrem Ehemann nehmen will. Sie sagt Ja. Stan strahlt. Sie streifen sich Ringe über, dann segnet der Priester ein in sehr wilder Beziehung lebendes Paar und macht daraus einen Bund fürs Leben.

Stan hebt den Schleier der Braut, und als er sie küsst, ist es für einen Augenblick, als würde die Welt Atem holen. Dann brechen Influenza und Tbc gleichzeitig über die Kirche herein – es wird geschnieft, geschluchzt, gehüstelt, gejubelt und applaudiert. Wir klatschen und pfeifen. Tess wischt sich verstohlen über die Augen und lehnt sich an mich. Ich drücke ihre Hand noch mal. Sie wirft mir einen seltsamen Blick zu, bevor sie wieder nach vorne schaut, wo sich das Brautpaar immer noch küsst. Ist nicht schwer zu erraten. Frau liebt Mann. Mann liebt Frau. Seit sieben Jahren. Sie stehen in einer Kirche. Schon wieder bei einer Hochzeit. Schon wieder nicht ihre eigene.

Fünfzehn Stunden später hänge ich an einer Mahagoni­theke, trinke Espresso und versuche nüchtern zu werden. Nach der Trauung fuhren wir in einen Festsaal, in dem ein Büfett, Champagner, schöne Reden und eine grandio­se Salsaband auf uns warteten. Als der Party zehn Stunden später die Luft ausging, zauberte das Brautpaar noch eine Überraschung aus dem Hut: Zwei Stretchlimousinen brachten die letzten zwanzig Partywütigen nach L. A. in den ­Sunset Room, den Club von Bruce Willis und Will Smith. Und da sind wir jetzt. Tess tobt sich auf der Tanzfläche aus, und ich führe so etwas wie eine Unterhaltung mit einem dänischen Regisseur, der nach Hollywood ging, um aus einem kleinen, billigen Film ein großes, teures Remake zu machen. Hat er scheinbar hinbekommen. Reicher und bekannter ist er geworden. Aber gratulieren darf man ihm nicht, denn eigentlich würde er lieber wieder mit seinen Kumpels in Kopenhagen herumhängen und kleine, geile, dreckige Filme machen. Als ich ihn frage, wieso er das nicht tut, schaut er mich erstaunt an und erklärt, dass er ja nicht weg kann, solange alles so great läuft. Dann beginnt er wieder, seine miss­liche Lage auszuweiden.

Ich ordere mir einen weiteren Espresso und schalte auf Durchzug. Erfolg in Hollywood. Seine Probleme möchte ich haben. Zweitklassiger Comedian in einer erstklassigen Agentur, zweitklassige Beziehung mit einer erstklassigen Frau. Beides geht schon viel zu lange gut. Oder schlecht. Wie man es nimmt.

Der Espresso kommt. Ich nippe an der heißen Tasse und schaue mich um. Der Raum ist brechend voll. Vielleicht auch, weil man theoretisch die Besitzer treffen könnte. Solche Aussichten locken – und wer weiß, vielleicht ist wirklich einer der ganz Großen hier. Ich versuche einen Blick in den VIP-Raum zu werfen, aber der Security lächelt nur bedauernd. Sogar ein amerikanischer Security weiß scheinbar über meine Karriere Bescheid.

Mein Blick bleibt an der Tanzfläche hängen. Die Braut hat das Brautkleid gegen ein weißes Ballkleid getauscht. Ein absoluter Hingucker. Doch ich sehe nur Tess, die daneben in ihrem blauen Kleid abgeht. Sie lacht und strahlt und rockt. Ihre Energie ist ansteckend. Dementsprechend wird sie belagert. Ich weiß, es ist primitiv und trallala, aber es macht mich stolz, dass mein Mädchen auf einer Hollywoodtanzfläche angegraben wird. Noch vor ein paar Jahren hätte ich sie auf der Stelle raus auf den Parkplatz gezogen, um ihr meinen Stolz zu zeigen. Gute alte Zeiten.

Der Regisseur merkt, dass unsere Szene nicht richtig funktioniert. Er streicht meine Rolle aus seinem Werk und geht. Kaum ist er weg, stellt sich ein durchgeschwitzter Stan zu mir an die Theke. Sein Smoking klebt an ihm wie ein nasser Sack. Er wirft einen Blick auf meinen Espresso, steckt zwei Finger in die Tasse, zieht sie wieder raus und mustert seine Fingerspitzen.

»Was soll der Scheiß?«, fragt er angewidert.

Ich kneife die Augen zusammen.

»Zwei Finger. Vermutlich menschlich. An den Spitzen klebt eine braune Flüssigkeit. Vermutlich sehr teurer Espresso, den das Opfer sehr nötig gehabt hätte, um nüchtern zu werden. Genaueres wissen wir erst nach der Spektralanalyse.«

»Nüchtern«, sagt er.

»Ein Zustand, in dem einem nicht schlecht ist«, erkläre ich ihm.

Er schaut mich angewidert an, lässt seine Finger sinken, schiebt die Tasse weit zur Seite und winkt dem Barmann zu, der Ähnlichkeiten mit Tom Cruise hat und Cocktails mit einer Attitüde zubereitet, als wären alle nur hier, um ihm beim Mixen zuzuschauen.

»Außerdem habe ich mich ein bisschen mit meinen neuen Freunden unterhalten. Sie haben Erfolg, und das finden sie great. Trotzdem ist alles scheiße, aber das finden sie auch great.«

»Jammern auf Hollywoodniveau«, sagt er und winkt Tom noch mal, der sich aber bei seiner Show nicht stören lässt. Stan starrt ihn finster an. Erfahrungsgemäß wird gleich etwas Pein­liches passieren.

»Wo wir gerade dabei sind«, lenke ich ab, »der Türsteher lässt mich nicht in den VIP-Raum. Woher weiß der, dass ich kein VIP bin? Schaut der deutsches Fernsehen? Hat der eine eigene Redaktion, die ihm täglich eine Liste der weltweiten Stars zusammenstellt?«

»Menschenkenntnis«, schlägt Stan vor, lässt von Tom ab und winkt jetzt einer braunhaarigen Schönheit, die am Thekenende steht und sich mit einem attraktiven Mann unterhält, der Ähnlichkeit mit Jim Jarmusch hat. Sie sieht aus wie Kate von Lost. Hm. So wie das Personal hier aussieht, gehen die wirk­lichen Stars wahrscheinlich in der Menge unter. Clever! Also, vorausgesetzt, dass sie Personal ist, denn sie trägt zwar eine Uniform, reagiert aber nicht auf Stan, obwohl der mittlerweile auffällig mit beiden Armen wedelt.

»Scheißamateure!«, murmelt er.

»Vielleicht ist sie ja privat hier«, gebe ich zu bedenken, »vielleicht trinkt sie nach Feierabend nur ein Pellegrino mit ihrem Freund.«

»Aber sicher doch.«

Er klatscht seine Hand auf die Theke und erklärt Kate im breitesten Englisch, falls sie je in einem seiner Filme mitspielen möchte, solle sie jetzt mal beweisen, dass sie die Rolle einer Kellnerin spielen kann, indem sie uns vier gottverdammte Bier bringt.

Ein paar Köpfe drehen sich in unsere Richtung. Ich lächele entschuldigend. Stan winkt in die Runde, schmerzfrei wie eh und je. Und erfolgreich, denn Kate setzt sich in Bewegung, kommt rüber und nimmt Stans Bestellung freundlich auf. Als sie zum Kühlschrank geht, bewegt sie sich wie auf dem Catwalk. Stan gibt mir einen Klugscheißerblick.

»Außerdem befinden sich die VIPs nicht im VIP-Raum, sondern im VIP-Bereich des VIP-Raumes.«

Ich hebe die Augenbrauen.

»Es gibt einen VIP-Bereich im VIP-Raum?«

Er nickt und zupft an seiner Anzughose, um sie von seinem Körper zu lösen.

»Die wichtigeren VIPs wollen schließlich unter sich sein.«

Ich starre ihn an.

»Und was kommt als Nächstes? Eine Einzelzelle für Megastars?«

Er lacht. Kate stellt vier Corona vor uns auf die Theke, lächelt servil, lobt Stans Filme, nimmt seinen Schein entgegen und zieht sich wieder zurück. Dort wo der Schein gelegen hat, liegt jetzt eine kleine blaue Karte mit rosa Schrift. Stan wirft einen Blick drauf und grinst.

»Penetrissa S. Starling.«

»Ist vielleicht ihr richtiger Name«, schlage ich vor.

»Aber sicher«, lacht er. Er drückt mir eine Flasche in die Hand, nimmt sich selbst eine und hebt sie an. »Auf gute, alte, normale Frauen mit ihren richtigen Namen.«

»Okay.«

Wir stoßen die Flaschen gegeneinander, und er kippt sein Bier in einem Zug hinunter. Ich nippe nur. Stan schaut mich an. Ich seufze und setze die Flasche wieder an. So viel zum Thema nüchtern werden.

Wir stellen die leeren Flaschen weg, nehmen die nächsten, prosten uns zu und nehmen einen Schluck. Dann lehnen wir uns gegen die Theke und schauen zu, wie Stans Frau und mein Mädchen sich auf der Tanzfläche gegenseitig beim Abrocken anstacheln. Sogar zwischen den pulverbeflügelten Berufsfröh­lichen vibriert das. Stan legt seinen Kopf in den Nacken. Seine Nasenflügel beben, als würde er einen besonderen Duft einatmen. Er bemerkt meinen Blick, grinst ertappt, nimmt wieder einen Schluck und nickt in Richtung Tanzfläche.

»Wie findest du sie?«

Wir schauen beide zur Tanzfläche, wo die Frauen sich gerade lachend abklatschen.

»Also …«, ich räuspere mich. »Sie ist unzweifelhaft die tollste Frau, mit der ich dich je gesehen habe.«

Er grinst stolz.

»Nicht?«

»Und sie ist wirklich das Po-Double von Jennifer Lopez?«

Er nickt langsam, runzelt die Stirn und mustert ein paar Calvin-Klein-Models, die ihr Glück bei unseren Frauen versuchen.

»Hätte nie gedacht, dass du mal eine heiratest, die ihren Hintern vermietet.«

Er lacht nicht. Stattdessen stößt er sich von der Bar ab. Ich lege meine Hand auf seinen Arm.

»Tess macht das schon.«

Stan bleibt stehen. Er schlägt der Flasche noch nicht mal den Hals ab. Wir werden alle älter. Wir schauen zu, wie die Frauen kurzen Prozess mit den Schönlingen machen. Die ziehen beleidigt ab. Tess winkt zu uns rüber. Ich winke zurück. Stella winkt rüber. Stan wirft ihr einen Kuss zu und lehnt sich wieder gegen die Bar.

»Und wie ist sie sonst so?«

Er denkt einen Augenblick darüber nach und macht dann eine ausschweifende Bewegung mit der Bierflasche.

»Amerikanisch.«

Ich schaue ihn an.

»Sie führt völkerrechtswidrige Angriffskriege?«

Er lacht nicht. Stattdessen trinkt er die Flasche leer, setzt sie ab und rülpst. Kate schaut zu uns rüber. Stan hält vier Finger hoch. Sie bestätigt die Bestellung mit einem schönen Lächeln. Stan schaut mich wieder an, den Blick nicht mehr ganz unter Kontrolle. An der Brusttasche seines Smokings kleben zwei Erdnüsse. Auch an ihm geht tagelanges Feiern nicht mehr spurlos vorbei.

»Sie geht jeden Morgen ins Fitnesscenter, danach geht sie ins Büro, abends büffelt sie für die Weiterbildung. Manchmal geht sie auf Partys, um dort jemanden kennen zu lernen, der ihr einen weiteren Job vermittelt. Wenn sie einen freien Tag hat, dreht sie durch und verfällt in blinden Aktionismus. Sie hat seit vier Jahren keinen Urlaub mehr gemacht; sie glaubt, dass man stirbt, wenn man mal einen Tag abhängt.«

»Und da kommst du.«

»Und da komme ich«, nickt er.

Kate stellt vier eisgekühlte Flaschen vor uns hin und lächelt wieder dieses wirklich schöne Lächeln. Stan schiebt ihr einen Schein rüber und winkt ab. Sie nimmt ihn an sich, lächelt noch mal und als sie sich entfernt, liegt da wieder eine kleine blaue Karte mit rosa Schrift auf der Theke. Hartnäckigkeit soll sich ja auszahlen, aber für einen Kerl, der gerade geheiratet hat, reicht es nicht. Stan ignoriert die Karte und schiebt mir zwei der Flaschen rüber. Wir prosten uns zu und kippen das Bier hinunter.

Einige Hochzeitsgäste kommen rüber, um sich zu verabschieden. Stan erklärt zum hundertsten Mal, dass die Verspätung in der Kirche an einer geplatzten Naht im Brautkleid lag, dann lässt er sich zum Abschied umarmen und kassiert jede Menge Küsschen links, Küsschen rechts. An einem normalen Tag passiert ihm das nicht.

Die Hochzeitsgäste ziehen gen Ausgang.

»Geplatzte Naht …«, sage ich.

»Tja, ja«, grinst er und schnappt sich die nächste Flasche. »Und – wann platzt bei euch die Naht?«

»Was meinst du?«, frage ich und trinke einen Schluck.

Er starrt mich an.

»Na, was wohl, du Blödmann!«

»Ist gerade kein Thema. In letzter Zeit sehen wir uns nicht so oft.«

Er lässt seine Flasche sinken.

»Mach keinen Scheiß.«

»Ich mache gar nichts. Tess macht Karriere – und zwar amtlich.«

Er runzelt die Stirn.

»Mit diesem Trainerzeug?«

Ich nicke und weiche Penetrissas Blick aus, die anscheinend beschlossen hat, dass der Freund des Produzenten auch ausreicht.

»Zurzeit ist sie bei VW. Wenn du wüsstest, was die ihr zahlen, würdest du umfallen.«

»Ist doch super«, sagt er.

»Klar«, sage ich und stoße meine Flasche gegen seine, aber dafür kennen wir uns zu lange.

Er legt den Kopf schief.

»Freu dich doch! Deine Süße hat Erfolg? Ihr werdet reich?«

Ich nicke bloß. Er grinst.

»Man könnte glatt denken, du wärst neidisch.«

Bevor mir dazu was Schlaues einfällt, kommen unsere Tänzerinnen von der Tanzfläche. Die Braut vibriert vor Energie. Sie fällt Stan um den Hals und küsst ihn wild. Tess legt mir einen Arm um die Taille, kuschelt sich an mich und lächelt zu mir hoch.

»Worüber redet ihr?«

»Über eure Hochzeit«, sagt Stan.

Tess wird starr in meinem Arm. Ich werfe Stan einen Blick zu. Er grinst blöde. Stella strahlt uns abwechselnd an.

»Ihr heiratet auch?«

»Nein«, sagen wir beide gleichzeitig.

Stellas Strahlen verliert ein paar Watt.

»Das heißt, natürlich wollen wir heiraten«, sage ich, ohne Tess dabei anzuschauen.

»Aber momentan noch nicht«, ergänzt Tess.

Stella schaut zwischen uns hin und her.

»Wollt ihr denn keine Kinder?«

Stan wirft seiner Angetrauten einen warnenden Blick zu.

»Natürlich wollen wir Kinder«, sagt Tess.

»Aber momentan noch nicht«, ergänze ich.

Stella schaut zwischen uns hin und her. Dann merkt sie, dass sie in ein Minenfeld spaziert ist, verzieht den Mund und senkt den Blick. Ihr Ehemann rettet sie:

»Wow! Hör mal, Sweetie – unser Lied!«

Er schnappt sich ihre Hand und zieht sie zur Tanzfläche, auf der ein miserabler Remix von Ain’t No Sunshine läuft. Nie im Leben ist das ihr Lied. Aber vielleicht wird es das ja jetzt. Vielleicht werden sie es sich in Zukunft an jedem Hochzeitstag anhören und sich dabei totlachen: He, weißt du noch? O ja, das war ja sooo peinlich! Und – wollen die beiden immer noch heiraten? Ja, klar – aber momentan noch nicht! Uahahahaaaa!

Tess’ Körper ist immer noch angespannt. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Wie so oft, erholt sie sich zuerst. Sie lehnt sich an mich, lächelt zu mir hoch und bläst sich eine Locke aus der Stirn.

»Eine schöne Hochzeit.«

»Großartig«, sage ich und bete, dass sie mich jetzt nicht fragt. Ich weiß nicht, was ich dann sage, ich weiß es einfach nicht.

»Ich bin froh, dass wir hier sind«, sagt sie stattdessen.

»Ja«, sage ich erleichtert. »Schön, dass du dir freinehmen konntest.«

Kaum sind die Worte raus, beiße ich mir auf die Unterlippe. Gott, ich kann es einfach nicht lassen. Sie mustert mich. Ihre blauen Augen sind ausdruckslos. Für einen Mo­­ment befürchte ich, dass ich den Augenblick zerstört habe, doch wieder erholt sie sich schnell und lächelt.

»Wow, hör mal, Liebster – unser Lied!«

Sie schnappt meine Hand, zieht mich lachend zur Tanzfläche, und schon tanzen auch wir zu diesem unsäglich be­­schissenen Remix. War was? Nein. Unser zweitgrößter Konflikt wurde nur soeben gelüftet. Aber wir lassen uns nichts anmerken, sonst müssten wir über den größten reden. Und das können wir mittlerweile richtig gut – nicht reden. Ist das die Kunst einer langen Beziehung – die guten Dinge abzufeiern, die schlechten zu ignorieren?

Wir tanzen. Neben uns wirbelt Stan seine Braut herum. Zwischendurch kommen Hochzeitsgäste vorbei und verabschieden sich. Irgendwann tanze ich mit Stella, dann wieder mit Tess, dann mal mit Stan, und als würde das dem DJ zu viel werden, geht er auf die Bremse, macht einen U-Turn und legt eine schmachtige Barry-White-Nummer auf, zu der man definitiv nicht mit einem frischgebackenen Bräutigam tanzen kann, ohne seine Ehe in Verruf zu bringen. Also schnappe ich mir mein Mädchen. Sie schiebt sich die Locken mit beiden Händen hinter die Ohren, legt ihre Handflächen auf meine Brust und lächelt zu mir hoch. Ich weiß nicht, wie oft wir früher wegen dieses Lächelns Sex hatten, und auch jetzt, nach all der Zeit, kann es sie noch fremd und geheimnisvoll erscheinen lassen. Sofort entzündet sich ein Eroberungsfunke, doch bevor ich etwas unternehmen kann, wird sie mir wieder vertraut, und der Impuls verflüchtigt sich. Sie legt ihr Gesicht in meine Halsbeuge, knabbert an meinem Hals und drückt ihre Brüste gegen mich. Ich habe sie schon lange nicht mehr so offensiv erlebt. Vielleicht schaffen wir es ja heute Nacht, diese Energie mit ins Bett zu retten. Unsere große Chance, auch mal Sex in einer Hochzeitsnacht zu haben.

Die Musik geht aus. Wir schieben uns weiter über die Tanzfläche und schauen uns um. Die Musik bleibt aus. Schließlich bleiben wir stehen und blinzeln zum DJ-Pult hoch, wie Maschinen, deren Programmierung gelöscht wurde. Das Pult ist leer. Die Deckenlichter gehen an. Tess stöhnt und vergräbt ihr Gesicht wieder an meinem Hals. Ich wende mein Gesicht Stan zu, der neben mir steht und Stella anlächelt.

»Was geht ab?«

»Die machen zu«, sagt er, ohne den Blick abzuwenden.

»Die … was?! In dieser Stadt gibt es mehr Koks als in Kolumbien, und der Laden schließt vor Sonnenaufgang?«

»Mir passt das ganz gut, ich habe Ehepflichten.«

Er lächelt Stella an. Sie lächelt ihn an. Tess schmiegt sich an mich. Ich lächele.

Als wir in die Morgendämmerung hinaustaumeln, warten zwei Stretchlimousinen direkt vor dem Clubeingang. Stan steckt die paar übrig gebliebenen Gäste in die eine Limousine, dann steigen wir zu viert in die andere. Ich mache es mir auf einer der Sitzbänke bequem. Tess setzt sich neben mich, zieht die Beine an und kuschelt sich an mich. Stella macht den Fernseher an, Stan steckt den Kopf durchs Trennfenster und sagt etwas zu dem Fahrer. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Stan fährt die Trennscheibe hoch, holt vier Corona aus der Minibar und reicht zwei rüber. Ich drehe die Deckel ab, reiche Tess eines, und dann prosten sich zwei Pärchen zu.

»Auf das Ehepaar.«

»Ehepaar«, sagt Stan und schaut seine Frau an.

Ich habe ihn noch nie so schauen sehen. Vielleicht schaut man ja erst so, wenn man heiratet. Vielleicht werde ich es mal selbst herausfinden. Tja.

Tess bohrt ihre kühle Nase hinter mein Ohr.

»Wir sind zusammen im Urlaub«, flüstert sie.

Ich nicke.

»Wir fahren in einer Stretchlimousine durch L.A.«

Ich nicke.

»Wer liebt dich?«

»Du?«

Sie nickt an meinem Ohr. Ihre Haare kitzeln. Sie küsst mich auf den Wangenknochen, dann legt sie ihre Stirn auf meine Brust, rutscht auf der Suche nach einer bequemen Lage immer tiefer und bleibt schließlich mit ihrem Gesicht in meinem Schoß liegen. Sie schließt die Augen, atmet tief durch und wird schwer. Nach wenigen Augenblicken schläft sie. So viel zum Thema Funke ins Bett retten.

Auf dem Bildschirm beschimpft eine Frau ohne Augenbrauen einen Jungen im Teenageralter. Das Publikum applaudiert begeistert. Auf der gegenüberliegenden Sitzbank macht Stan sich über die Braut her. Er knutscht, sie kichert, beide fummeln, ich schätze, der Hochzeitsmorgen wird es in sich haben.

Ich fahre ein Fenster runter, atme die frische Nachtluft ein, die durch das Fenster hereinströmt, beobachte das Brautpaar und denke an den Sommer, als ich Tess kennen lernte. Die vielen Nächte ohne Schlaf. Zu verliebt, um schlafen zu können. Hauptsache zusammen sein. Miteinander. Füreinander. Ineinander. Durchatmen. Lachen. Pläne schmieden. Perspektiven schaffen. Geheimnisse verraten. Und nach der völligen Übersättigung auseinandergehen, um sich ein paar Stunden später zu vermissen. Gott, wie ich dieses Vermissen vermisse. Doch die Leidenschaft ist durch etwas ersetzt worden, was ich ebenso liebe: lieben statt verliebt sein, vertrauen statt entdecken, chillen statt toben, Insiderwitze statt Überraschungen. Dieses Lieben ist großartig. Wenn die Nebenwirkungen nicht wären. Hallooo! Du sitzt in einer Stretchlimousine. Die Frau, die du liebst, liegt auf dir, und vor deinen Augen praktiziert ein Brautpaar Petting. Falls das noch Petting ist. Also sei doch mal kurz amerikanisch – nimm was gegen die Depressionen, relax und genieß die Show!

Auf dem Bildschirm halten sich jetzt alle im Arm und weinen. Das Publikum applaudiert begeistert. Ich nehme einen Schluck aus der Flasche und schnuppere an Tess’ Haaren, die, egal nach welcher verrauchten Nacht, nach Äpfeln riechen. Keine Ahnung, wie sie das macht. Auch sieben Jahre alte Beziehungen haben ihre Geheimnisse.

Stella gibt ein Geräusch von sich. Ich schaue rüber. Sie rutscht unruhig auf der Sitzbank herum. Stans Hände haben sich in Lust aufgelöst. Ein perfekter Zeitpunkt, um ihm den Hochzeitsspruch heimzuzahlen.

»Leute, ich könnte was essen …«

Keine Reaktion.

»He, ist es bei euch üblich, dass die Hochzeitsgäste verhungern?«

Stan zaubert kurz eine Hand aus Stellas Kleid hervor, um mir einen Finger zu zeigen, Stella nutzt die Gelegenheit, um sich aufzurichten und die Armaturenleiste zu mustern.

»Welcher ist es?«

Stan wirft mir einen Blick zu und zeigt missmutig auf einen Knopf. Sie drückt drauf, die Trennscheibe fährt runter. Sie bittet den Fahrer, am nächsten Drive-in zu halten, dann fährt die Scheibe wieder hoch, und Stan will Stella wieder an sich ziehen. Ich bin schneller.

»Stella, sag mal, nach dem Po von J. Lo, wie geht’s da weiter? Was ist der nächste Schritt auf der Karriereleiter?«

Sie wehrt lächelnd die Hände ihres Ehemanns ab und schaut zu mir rüber.

»Mein Agent meint, man könnte vielleicht meine Hände katalogisieren.«

Ich starre sie an.

»Es gibt Kataloge für Hände?«

Sie wirft mir einen überraschten Blick zu.

»Ja, sicher.«

Stan versucht sie an sich zu ziehen, doch sie lehnt sich etwas zurück und klopft sich auf den Bauch.

»Eine Saison war ich sogar im Bauchkatalog. Da war ich noch in Form.«

Sie schaut bekümmert an sich herunter. Gemeinsam mustern wir ihre gertenschlanke Taille. Stan wirft mir einen Blick zu, aber so besoffen bin ich auch nicht. Sag einer Frau, die sich für zu dick hält, nie, dass sie eine Frau ist, die sich für zu dick hält. Sie wird dir nie wieder ein Wort glauben.

»Hm, na ja, du hast dich vielleicht ein bisschen gehen lassen, das ist doch normal, wenn man heiratet. Aber du bist prima veranlagt, ich glaube, mit etwas Training kriegst du das wieder in den Griff.«

Sie strahlt mich an, dann dreht sie den Kopf und kuschelt sich an Stan.

»Deutsche Männer sind so charmant.«

»Stimmt«, sagt er. »Und Lasse ist Däne.«

Sie schaut zu mir rüber und will etwas sagen, doch Stan zieht sie an sich. Schon bald dringen wieder Wohlfühlgeräusche herüber. Ich streichele Tess’ Rücken, trinke einen Schluck und genieße den kühlen Fahrtwind, dem man es anmerkt, dass er die erste Möglichkeit wahrnehmen wird, um warm zu werden. Ich stecke den Kopf aus dem Fenster und schließe die Augen. Der Wind zerrt an meinen Haaren. Schön ist das.

Eines der Dinge, die mich an der Natur faszinieren, ist es, dass es für alles einen Grund gibt. Nichts passiert grundlos. Gar nichts. Dass Stan Stella jetzt so begehrt, damit soll er zur Fortpflanzung animiert werden. Die beiden sollen sich vermehren, solange sie sich am meisten begehren. He, die Evolution ist ausgebufft. Aber wieso wollte sie, dass man in langen Beziehungen aufhört, miteinander zu schlafen? Ist das eine Strategie, um Überbevölkerung zu vermeiden? Oder wird der Sexualtrieb ganz gezielt abgestellt, damit man leichter treu bleibt? Ein wirklich schlauer Plan von der Natur. Theoretisch. Praktisch sieht es natürlich anders aus. Hm. Habe ich die Natur bei einem Fehler ertappt? Also, einem weiteren, nach Familie Bush, Berlusconi und diesem TV-Prediger, der auf dem Bildschirm soeben Absolutionen verkauft, je nach Höhe der Spendensumme. Fernsehen mag eine effektive Methode sein, um das Leben totzuschlagen, aber dass diese Abzocker eine dermaßen immense Volksverdummung ungestraft zu ihrer persön­lichen Bereicherung durchziehen dürfen … Und wer spendet da eigentlich? Wie verzweifelt muss man sein, um auf solchen Müll reinzufallen? Wie wenig Menschenkenntnis muss man haben? Wie ungebildet muss man sein? Und wieso greift niemand ein? Gibt es in Amerika keine Medienkontrolle? Und wieso sagen die Kirchen nichts? Stecken sie wieder mit drin?

Ich ziehe den Kopf ins Wageninnere und öffne die Augen. Auf der anderen Sitzbank ist Ruhe eingekehrt. Stella hockt auf Stan, ihr Kopf liegt auf seiner Schulter, ihre Augen sind geschlossen, ihr Gesicht ist entspannt. Stan streichelt ihren Rücken und mustert ihr Gesicht, als wäre sie die Frau seines Lebens.

»Kataloge für Hände – die spinnen doch, die Amis.«

Er schaut finster rüber.

»Besorg du dir lieber den Talentkatalog.«

»He, bist du jetzt sauer auf mich, oder was? Kann ich was dafür, dass du es dir selber machen musst? Ich meine, klar, in der Hochzeitsnacht, das ist schon bitter, aber irgendwie auch lustig, oder? Zumindest werden sich alle totlachen, denen ich das erzähle, meinst du nicht?«

Er zeigt mir wieder den Finger. Dabei schüttet er sich eine halbe Flasche Bier über den Smoking. Er starrt die Flasche stirnrunzelnd an, während das Bier rausläuft. Als die Flasche leer ist, dreht er das Handgelenk ruckartig zurück. Ich bin nicht der Einzige, der Schlagseite hat.

Er richtet sich vorsichtig auf, ohne dass Stella von ihm herunterrutscht, streckt sich, öffnet die Minibar, angelt noch eine Flasche Corona hervor und wirft sie zu mir rüber. Sie saust an meinem Gesicht vorbei und verschwindet durch das offene Fenster nach draußen. Ich starre ihn an. Er starrt auf das Fenster, als hätte es ihn angespuckt. Dann angelt er eine neue Flasche aus dem Kühlschrank. Ich halte meine Hände schützend vor Tess’ Gesicht. Stan kneift ein Auge zusammen und wirft. Ich fange die Flasche kurz vor meiner Brust. Wir drehen die Verschlüsse ab und prosten uns zu. Draußen zieht Amerika vorbei. Wir sitzen da. Bier in der Hand, eingeschlafene Liebe im Arm.

Nach einem kleineren Fiasko, als die Limousine in der Drive-in-Einfahrt stecken bleibt, erreichen wir im frühen Tageslicht unser Motel in Newport Beach. Ich wecke Tess und helfe ihr aus dem Wagen. Das Zimmer ist nur wenige Schritte entfernt, doch kaum berühren ihre Füße den Asphalt, stöhnt sie, kneift die Augen gegen das beginnende Tageslicht zusammen, legt mir ihre Arme um den Hals, versteckt ihr Gesicht in meiner Halsbeuge und zieht die Beine an.

»Möchtest du getragen werden?«

Ihr Kopf bewegt sich vertikal an meinem Hals. Meine Mundwinkel gehen in die Horizontale.

»Du bist so süß, Tessa Krytowski.«

Sie nickt wieder. Ich greife grinsend unter ihre Beine, hebe sie an und trage sie zum Motel. Ich schaffe es, die Zimmertür aufzuschließen, und bugsiere sie in das Motelzimmer. Als ich vor dem Supersize-Bett stehe und ihre Arme von meinem Hals lösen will, öffnet sich ihr linkes Auge einen Spalt.

»Das Kleid.«

Ihr Auge geht wieder zu. Ich grinse. Sogar in diesem Zu­­stand funktioniert sie.

Ich ziehe den Reißverschluss des Kleids herunter. Sie senkt die Arme und schüttelt sich, das Kleid gleitet zu Boden. Im selben Moment tritt sie einen Schritt vor und lässt sich mit einem erleichterten Seufzen aufs Bett fallen. Ich hänge das Kleid über einen Stuhl, beuge mich vor und klopfe ihr leicht auf den Po. Sie hebt ihn an. Ich ziehe ihr den Slip runter und rieche sie. Das Tanzen hat sie erregt. Doch von der Glut ist nichts geblieben. Jetzt sind wir einfach zwei Vertraute, die nach einem langen Tag müde ins Bett krabbeln.

»Schlaf, Süße. Ich bin gleich wieder da.«

Sie murmelt irgendwas, kuschelt sich ins Laken und schläft in derselben Sekunde ein. Ich bleibe noch einen Augenblick stehen und speichere den Augenblick. Den Anblick. Die Atmosphäre. Das Gefühl. Dann schnappe ich mir eine Sonnenbrille.

Stan lehnt an der Limousine. Er trägt ebenfalls eine Sonnenbrille und schaut in den Himmel, wo eine noch harmlose Sonne aufgeht. Auf dem Wagendach stehen zwei Flaschen Corona. Ich werfe einen Blick ins Wageninnere. Stella liegt zusammengekauert auf der Sitzbank und schläft. Der Bildschirm ist jetzt dunkel. Ich ziehe den Kopf wieder raus, schnappe mir eine der Flaschen und klopfe damit an die Fahrerscheibe. Der Fahrer winkt hinter der Scheibe dankend ab und zeigt mir eine Wasserflasche. Ich reiche die Flasche an Stan weiter und nehme mir die andere. Wir drehen die Deckel ab und prosten uns zu.

»Auf deine Hochzeit.«

»Auf deine. Möge sie je kommen.«

Wir trinken und schauen zu, wie die Sonne über dem funkelnden Pazifik aufsteigt. Wieder ein strahlender Sonnentag im kalifornischen Winter. Unten am Strand laufen die ersten Jogger. Einer von ihnen ist doppelt so breit wie die anderen und bewegt sich so langsam, dass es wirkt, als würde er stillstehen.

»Meinst du, Tess wartet ewig?«

»Ich trinke nur noch das Bier aus, dann gehe ich rein.«

Für einen Augenblick scheint es, als würde er es mir durchgehen lassen, dann schüttelt er seinen Kopf missbilligend.

»Ihr solltet wirklich auch heiraten.«

»Es ist nicht der richtige Augenblick.«

»Nach sieben Jahren gibt es nur noch richtige Augen­blicke.«

»Wir würden keinen Termin finden«, lenke ich lahm ab.

Er wendet mir die verspiegelten Gläser zu.

»Du klingst irgendwie frustriert. Wie sicher bist du, dass du nicht auf ihren Erfolg neidisch bist? Ich meine, sie räumt voll ab, und du bist ein drittklassiger Komiker.«

»Zweitklassig, bitte«, sage ich und trinke einen Schluck.

Er starrt mich an und wartet, bis ich schließlich die Schultern zucke.

»Ich bin nicht auf ihren Erfolg neidisch, sondern auf die Zeit, die sie dafür aufwendet. Ich hasse diesen verdammten Job, aber versuch mal, einer Karriere die Fresse zu polieren.«

Er lacht nicht. Unten am Strand überholt ein Powerjogger unseren Dicken mit Riesenschritten. Als er auf gleicher Höhe ist, grinst der Powerjogger ihn an und sagt etwas, was wir nicht verstehen können, aber die Handbewegung ist klar: Hol mich doch. Dann zieht er mit Meterschritten weiter. Der Dicke watschelt ihm nach.

Stan nimmt einen langen Zug aus der Flasche, setzt sie ab und rülpst.

»Heirate sie, du wirst schon sehen, das verändert alles.«

Ich verdrehe die Augen, was hinter der Sonnenbrille vielleicht nicht brutal genug rüberkommt.

»Hörst du mir überhaupt zu? Sie liebt diesen verdammten Job. Und sie hat mich unterstützt, als ich Erfolg hatte, jetzt macht sie Karriere, und da soll ich sie auffordern, das aufzugeben? Wie würdest du denn reagieren, wenn Stella von dir verlangen würde, dass du aufhörst zu arbeiten?«

Er wendet mir wieder die verspiegelten Gläser zu. Sein Mund verzieht sich spöttisch.

»Lebst du im Mittelalter? Wieso muss sie denn aufhören zu arbeiten, nur weil ihr heiratet? Frauen an den Herd und so ein Scheiß?«

»Gegenfrage: Warum sollten wir heiraten, wenn wir uns im letzten Jahr an dreißig Wochenenden gesehen haben? Ich sehe meinen Agenten häufiger als sie, und ihm versuche ich aus dem Weg zu gehen.«

Dazu fällt ihm nichts ein. Ich bin kurz davor, ihm mein Problem zu schildern, denn er ist ein Freund. Wenn ich Satan in meinem Keller verstecken würde, könnte ich mit Stan darüber reden. Wenn ich Billy Crystals geheime Gagdatei aus Versehen gelöscht hätte, könnte ich es Stan sagen. Doch wenn ich ihm verrate, dass Tess und ich uns auseinandergelebt haben, gibt es keinen sicheren Ort auf der Erde. Alle meine Freunde lieben Tess.

Unten am Strand fasst sich der Powerjogger an den linken Unterschenkel und wird langsamer, schließlich bleibt er stehen. Wir trinken einen Schluck Bier und schauen zu, wie der Dicke aufholt und schließlich zu dem Power­jog­ger aufschließt. Als der Dicke ihn überholt, wendet der Power­jog­ger den Kopf ab, aber der Dicke watschelt nur an ihm vorbei, ohne sich zu revanchieren. Stil ist eine feine Sache.

Stan rülpst wieder.

»Vielleicht holt sich ihre Karriere ja ’ne Zerrung.«

Na prima. Für ihn bin ich der Dicke, der hinterherwatschelt. Ich trinke noch einen Schluck. Mein Blick bleibt an der Eingangstür des Motels hängen, in deren Glasscheiben wir uns spiegeln. Zwei sonnenbebrillte Smokingtypen mit einem Bier in der Hand lehnen lässig an einer Stretchlimousine. Wäre ich nur halb so cool, wie das aussieht, würde ich jetzt ins Zimmer gehen und Tess vögeln, ob sie wach ist oder nicht. Ob sie Lust hat oder nicht. Ob sie Tess ist oder nicht. Unsere Geschichte vergessen. Unsere Probleme vergessen. Einfach ein notgeiler Mann sein, der eine attraktive Frau nimmt. Eine Zeit lang war ich froh, dass ich nicht ein solcher Mann war. Jetzt würde ich einiges geben, die Sache so angehen zu können. Zumindest für eine Nacht. Eine durchvögelte Nacht würde zwar nicht unsere Probleme lösen, aber sie zu lösen würde mehr Sinn machen.

Die Sonne steigt. Die Luft wird bereits heiß. Der Powerjogger humpelt den Weg zurück, den er gekommen ist. Der Dicke ist mittlerweile fast außer Sicht. Mein Bier ist alle.

»Ich muss ins Bett.«

Er nickt. Wir umarmen uns. Sein Anzug riecht wie ein Partykeller am Morgen danach, und er wirkt angeschlagen. Kein Wunder, meine Beine sind aus Pudding, und dabei habe ich, im Gegensatz zu ihm, letzte Nacht noch ein paar Stunden schlafen können. Hochzeitsvorbereitung, Jung­gesellenabschied, Vermählung, Party – tagelang ohne Schlaf. Das mit dem Sex in der Hochzeitsnacht muss ein Märchen sein.

Als er in den Wagen steigt, hält er kurz inne und grinst mich müde an.

»Alter, sorry, ich sag’s echt nicht gerne, aber wenn du es mit dieser Frau versaust, bist du ein Loser.«

»Danke«, sage ich und zeige ihm den Finger.

»Keine Ursache«, sagt er und steigt ein.

Die Autotür schließt sich, und ich sehe mich selbst in der verspiegelten Türscheibe. Ich, allein vor einem Motel, zeige mir den Finger. Eine Selbstprophezeiung?

Das Spiegelbild fährt los und nimmt die düstere Prognose mit sich. Ich wanke ins Motelzimmer und muss mich an die Wand stützen, während ich mich ausziehe. Tess liegt immer noch in derselben Stellung da. Das Gesicht von ihren Locken verdeckt, die Beine angewinkelt, den Po rausgestreckt. Wie oft kam ich früher nachts vom Job und sah sie so liegen. Jahrelang reichte dieser Anblick. Meistens weckte ich sie vorher. Manchmal dadurch. Die Erinnerungen lösen einen Funken aus. Da liegt sie. Sie mag es, genommen zu werden. Ich mag es, zu nehmen. Ich sollte es einfach tun. Sollte ich. Jetzt.

Jetzt!

Ich rutsche unter die Decke, schiebe ihr die Locken aus dem Gesicht und mustere sie. Ihre Pupillen sausen unter den Lidern hin und her. Ihr Mund ist angespannt. Sie stöhnt leise. Sie hat Albträume. Oft träumt sie vom Job. Dass sie versagt. Ihr schlimmster Albtraum.

Sie stöhnt wieder und spannt die Muskeln an. Die Fältchen um ihre Augen werden tiefer. Dann knirscht sie mit den Zähnen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Ich lege ihr meine Hand auf den warmen Bauch, bewege sie langsam im Kreis und singe leise.

»La le lu … nur der Mann im Mond schaut zu …«

Sie schlägt die Augen auf und mustert mich benommen.

»… wenn die kleinen Babys schlafen … drum schlaf auch du …«

Sie lächelt schwach, und ihre Körperanspannung lässt nach. Ich streichele sie weiter.

»La le lu … vor dem Bettchen steh’n zwei Schuh … die sind genauso …«

Ich höre auf zu streicheln und lasse meine Hand auf ihrem Bauch ruhen.

»… müde …«, flüstert sie.

Ich streichele weiter.

»… geh’n jetzt zur Ruh’ … drum schlaf auch du.«

»Liebe dich«, murmelt sie.

Sie greift meine Hand, dreht sich auf die andere Seite, kuschelt sich ins Kissen und drückt mir ihren Hintern entgegen. Wir gleiten ineinander, wie Paare seit Millionen von Jahren ineinanderrutschen. Ich presse mein Gesicht an ihren Nacken und atme ihre schläfrige Wärme ein. So viel Liebe, so wenig Leidenschaft.

Kapitel 2

Vier Wochen später sind wir in der Luft. Wenn das Glück im Detail liegt, müsste ich glücklich sein, denn wir haben Notausgangsplätze erwischt, und mein Mädchen streichelt mein Bein, während sie ein Buch über Kommunikationsstrategien liest. Ich schaue einen Film im Bordkino, hinke aber der Handlung hinterher, weil ich die Bilder des schönsten Urlaubs meines Lebens noch mal vor meinem inneren Auge ablaufen lasse. Während wir den Hochzeitskater auskurierten, verpasste uns das Brautpaar das volle Touriprogramm: Hollywood, Huntington Beach, Universal Studios, Seaworld, Hearst Castle. Danach fuhren Stan und Stella in eine Flitterwoche und wir die Route 1 hoch, Richtung San Francisco – und kamen aus dem Staunen nicht heraus. Bucht auf Bucht auf Bucht auf Bucht auf Bucht. Jede eine eigene, kleine Welt. Wir fanden keine Anzeichen, dass hier je Menschen gewesen waren. Außer Robben, Möwen und dem Meer bewegte sich nichts, der totale Naturflash. Und dann Big Sur … Da sitzt man auf einer Klippe, schaut über den stahlblauen Pazifik, hält die Hand seines Mädchens, lächelt im Februar der wärmenden Sonne entgegen, und zehn Meter vom Ufer entfernt zieht ein Rudel Delfine entlang. Kein Wunder, dass viele Amerikaner der rest­lichen Welt so verständnislos ge­­gen­überstehen. Wer hier wohnt, verliert vermutlich leicht das Gefühl, die Restwelt noch zu brauchen.

Irgendwann kamen wir in San Francisco an und suchten uns ein ruhiges Motel. Wir lebten ein paar Tage in einer der schönsten Städte, die ich je gesehen hatte. Eine Weile blieben wir an den Docks, fotografierten Alcatraz, fuhren ein paarmal über die Golden Gate, spazierten steile Straßen hoch, gondelten mit der Tram wieder runter und gaben einen Haufen Geld für Nepp aus. Als wir wieder in Newport Beach aufschlugen, um mit dem Brautpaar zu relaxen, bestand Stella darauf, uns Las Vegas zu zeigen – also machten wir uns auf den Weg durch die Wüste in die Spielerstadt. Während die drei die Casinos aufmischten, legte ich mich mit Fieber ins Bett. Ich kam rechtzeitig auf die Beine, um eine Show mit Billy Crystal zu besuchen. Ein weiterer Grund, über meinen Job nachzudenken: Früher freute ich mich, wenn ich gute Comedians sah. Mittlerweile wird mir nur bewusst, dass ich nicht dazuzähle.

Auf dem Rückweg verbrachten wir einen Tag in der Wüste – ein unbeschreib­liches Erlebnis. Wie die ganze Reise. Eine einzige Reihe von Highlights, aber die höchsten Lichter waren die Autofahrten zu zweit. Stundenlang nur wir. Manchmal einen ganzen Tag ohne viele Worte, außer wenn Tess ihr Carpool-Entry-Lied sang, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass wir in die Überholspur für Fahrzeuge mit mehr als einem Insassen wechseln könnten. Eine Fahrspur, auf der man schneller fahren darf, wenn man nicht allein im Auto sitzt. Schneller vorankommen, weil man nicht allein ist … I love Carpool-Entry!

Und Tess. Dieser Monat hat mir wieder bewusster gemacht, dass ich sie nicht nur liebe – ich mag sie. Sie gefällt mir. Ich mag ihren Humor. Ihre Art, sich zu distanzieren, wenn sie genervt ist. Ich mag ihren Geruch. Ihr Lachen. Ihren Scharfsinn. Ihren Umgang mit Fremden. Ihre Neugierde. Ihre Rationalität. Ich liebe sie so bewusst, wie ich noch nie eine Frau geliebt habe. Ebenso bewusst ist mir, dass dreißig Urlaubstage hinter uns liegen, ohne dass wir miteinander gestritten oder geschlafen haben. Das hier war unsere Auszeit. Unsere Chance. Zu reden. Zu vögeln. Zu streiten. Zu verändern. Doch wie immer haben wir das gemacht, was wir am besten können, wenn wir zusammen sind – das Leben genießen. Einerseits war es der schönste Urlaub meines Lebens, andererseits landen wir in zwei Stunden in Deutschland, wo das normale Leben uns erwartet. Unser nicht vorhandener Alltag. Unser fehlender Sex. Sind so die Geschichten von Sex in den Flugzeugtoiletten entstanden? Waren das Langzeitpaare, die wenigstens einmal miteinander schlafen wollten, bevor der Urlaub vorbei war? Und die Flugzeugentführer, waren das Pärchen, die nicht in ihr ödes Leben zurückwollten? Wobei das auf uns nur bedingt zutrifft, denn Tess kann es kaum erwarten, wieder loszulegen. Nur ich hätte gegen eine Notlandung auf einer einsamen Insel nichts einzuwenden. Ich muss dringend etwas an unserem Leben verändern. Oder an meinem. Oder beides.

Ihre Hand liegt still auf meinem Bein. Als ich sie anschaue, lächelt sie schnell, doch nicht schnell genug, um zu verhindern, dass ich nicht noch den bedrückten Ausdruck in ihren Augen sehe. Sie klemmt sich eine widerspenstige Locke hinters Ohr und lehnt sich rüber.

»Wer liebt dich?«, flüstert sie.

»Hm, warte, du?«

Ihr Mund lächelt, doch ihr Blick ist ernst.

»Sehr.«

Sie drückt ihre warmen Lippen auf meinen Wangenknochen. Dann lehnt sie sich zurück, zieht meine Hand in ihren Schoß, schlägt ihr Buch auf und liest weiter. Nach einiger Zeit blättert sie eine Seite um. Scheinbar liest sie wirklich. Ich fange wieder an zu atmen. Noch eine Nacht, dann ist die Auszeit vorbei. Ab morgen führen wir wieder eine Wochenendbeziehung. Manche meinen ja, Distanz würde eine Beziehung am Leben halten. So gesehen läuft es super mit uns.

Nach einer harten Landung taumeln wir in die Empfangshalle des Flughafens und schauen uns nach meiner Mitbewohnerin um, die uns abholen wollte.

»O Mann«, sagt Tess.

Ich folge ihrem Blick. Frauke kommt grinsend auf uns zu. Mit ihrem roten Mantel und dem gleichfarbigen Hut fällt sie zwischen der dunklen Winterkleidung auf, wie Halle Berry in einer Skinhead-Sauna. Hinter ihr gleitet mein Mitbewohner heran. Er trägt eine weite Hose, die ihm Highkicks erlaubt, und ein enges Kapuzensweatshirt unter dem aufgeknöpften Parka, das seinen muskulösen Oberkörper zur Geltung bringt, doch das ist Zufall. Die Aufschrift auf dem Shirt ist: Mach die Erde kaputt, und ich mach dich kaputt!

»Willkommen in der Zivilisation!«, ruft Frauke. Sie um­­armt erst Tess, dann mich. Dabei verströmt sie ihren unverwechselbaren, prägnanten Hanfgeruch. »Und, wie war es im Sklavenland?«

»Un-be-schreib-lich!«, seufzt Tess und beginnt zu be­­schreiben.

Die beiden haken sich ein und gehen los.

»He, das Gepäck.«

Sie ignorieren mich und gehen plaudernd auf den Ausgang zu. Ich mustere meinen Mitbewohner, der seinerseits die Umgebung unter der Kapuzenkante hervor mustert. Fliegen ist ja ein Verbrechen an der Umwelt, und hier steht er, umgeben von Umweltterroristen.

»Ist das die Gleichberechtigung, die wir wollten?«

Statt zu antworten, klemmt er sich Tess’ Koffer unter den Arm und geht in Richtung Ausgang. Ich halte mir eine Hand vor die Augen, um mich zu vergewissern, dass ich nicht unsichtbar geworden bin, dann folge ich. Als wir uns durch die Drehtür hinausquetschen, schlagen die Temperaturen zu. Beißende Kälte auf leichten Sonnenbrand. Ich liebe dieses Gefühl. Zwei Sekunden lang.

Fraukes Wagen steht direkt vor dem Eingang. Sie findet immer einen Parkplatz vor der Tür. Eines der mystischen Dinge des Lebens. Die beiden steigen gerade lachend ein und ziehen die Türen zu, die Heckklappe öffnet sich automatisch. Ich schaue Arne an.

»Geht doch nichts über Elektronik, sonst hätte sie die Heckklappe mit der Hand öffnen müssen.«

Er lacht nicht. Stattdessen beginnt er, das Gepäck zu verstauen.

»Scheißglobalisierung? Lobbyisten an die Macht?«

Auch darauf reagiert er nicht und tritt wortlos einen Schritt beiseite. Ich wuchte meinen Koffer in den Laderaum und werfe ihm einen Blick zu.

»Alles klar?«

Er hebt einen Mundwinkel einen Zentimeter.

»Pilze.«

Ich grinse.

»Und jetzt kannst du nicht sprechen, weil du Angst hast, du flippst gleich völlig aus? He, siehst du diese Fledermäuse!! Oh mein Gott, sie sind ja überall!«

Ich fuchtele in der Luft herum. Er wirft mir einen schrägen Blick zu, und ich spare mir weiteren Jetlag-Humor. Wir sind Freunde. Aber er ist auch ein zwei Meter großer, hundertzwanzig Kilo schwerer Kampfsportler auf Hallu­zinogenen.

Ich knalle die Heckklappe zu, wir klettern auf die Rückbank. Vorne erzählt Tess von der Hochzeit. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Ich lehne mich in den Sitz zurück und lausche Tess’ Bericht, der schon bald von Fraukes euphorischer Liebesbeichte abgelöst wird. Scheinbar hatte sie ein tolles Wochenende. Sie war mit ihrem Chef auf einem Seminar und durfte ihn ein ganzes Wochenende verwöhnen. Bevor er wieder zu seiner Frau nach Hause fuhr, die er ganz sicher ganz bald verlassen wird. Ich verkneife mir meinen Kommentar, strecke mich und spüre die stille Masse meines Mitbewohners neben mir. Er sitzt da wie ein Felsen und starrt vorbeifahrende Autos an. Er hasst Flugzeuge, er hasst Autos. Wenn es nach ihm ginge, würden wir jetzt vom Flughafen nach Hause radeln. Er ist nur mitgefahren, um Tess zu sehen, bevor sie wieder abreist. Manchmal glaube ich, er liebt sie so sehr wie ich.

Vorne wird Fraukes Bericht allgemeiner: Das Wetter war mies. Der FC hat eine Siegesserie; zwei Spiele in Folge gewonnen. Fraukes Kanzlei hat ebenfalls eine Siegesserie; sieben Fälle außergerichtlich beigelegt. Solche Kuhhandel gelten heute als Erfolg. Die irren Künstler von nebenan haben beim Schweißen Feueralarm ausgelöst. Die Feuerwehr ist angerückt. Außerdem hat Arne sich mal wieder auf einer Kundgebung geprügelt. Ihm steht eine Anzeige ins Haus, um die sich Fraukes Kanzlei wieder unentgeltlich kümmern wird. Das ist ihr Deal: Er prügelt sich rein – sie haut ihn raus.

Vorne fällt das Wort »Agentur«. Mein Magen reagiert mit einem leichten Ziehen.

»Agentur?«

Niemand antwortet. Ich lehne mich zwischen den Sitzen nach vorne.

»Hallo. Hier hinten am Personaleingang.«

Frauke wirft einen kurzen Blick über die Schulter.

»Deine Agentur hat angerufen.«

»Und?«

»Ja, höre ich denn deinen AB ab?«, fragt sie entrüstet.

»Tust du nicht?«

»Hör es dir selbst an.«

Prima. Ich lehne mich wieder zurück. Tess wendet ihr Gesicht nach hinten und lächelt mich über ihre Schulter hinweg an.

»Ist bestimmt was Tolles.«

»Na klar«, sage ich und weiß, dass die beiden jetzt da vorne einen bedeutsamen Blick tauschen, denn negative Aussagen sind ja Selbstprophezeiungen, und vielleicht ist mein Karriereknick ja bloß so eine verdammte Karmasache, nicht? Nein. Im Gegensatz zu den beiden Träumerinnen da vorne sehe ich es realistisch: Mit meiner Karriere geht es bergab. Genauer gesagt: flussab. Damals, als Stand-up nach Deutschland kam, profitierte ich von dem Boom und hatte das Glück, bei einer großen Agentur unterzukommen. Eine Zeit lang lief es gut; Festivals, Touren, TV, dann ließ der Boom nach, und die Spreu trennte sich vom Weizen. Die neuen Comedians wurden professioneller, und ich hätte eine Menge an meiner Performance tun müssen, doch ich feilte lieber an den Texten. Das war gut für die Texte und schlecht für die Show. Zuerst rutschte ich aus den Castings, dann aus den Festivals, dann tourte ich durch immer schlechter besuchte Kleinkunstbühnen für immer niedrigere Gagen, und nachdem ich in den vergangenen zwei Jahren Messen, Autohaus- und Kaufhauseröffnungen moderierte, zog ich letztes Jahr im Sommer das große Los: einhundertdreiundzwanzig Soloabende auf einem Clubschiff. Das Durchschnittsalter des Publikums höher als der Cholesterinwert von Reiner Calmund, und eine erste Reihe, die um neunzehn Uhr einschläft – so viel Realismus hält kein Traum aus. Manche enden mit der Karriere in der Provinz, ich auf See. Ich müsste eigentlich ein neues Programm schreiben und damit wieder an Land gehen, doch mir fällt seit Jahren nichts ein. Mein neuester Text ist drei Jahre alt, und ohne Programm keine Tour. Also steche ich weiter in See.

Plötzlich fühle ich mich müde. Fünf Minuten über meine Karriere nachzudenken reicht, um den Urlaub zu einer fernen Erinnerung zu machen. Neben mir starrt Arne zu einem Flugzeug hoch, das über uns im Landeanflug ist. Er bekämpft die Ausweitung des Flughafens mit allen Mitteln. Er hat keine Chance, es zu verhindern. Doch er kämpft. Er hat sich seine Leidenschaft bewahrt. Er kann noch hassen, der Glück­liche.

Frauke findet einen Parkplatz direkt vor der Tür, doch da endet die Glückssträhne, denn als wir aussteigen und das Gepäck ausladen, kommt eine Frau nuschelnd auf uns zu. Ich will ihr gerade die Hofeinfahrt von der psychiatrischen Klinik gegenüber zeigen, als sie mir um den Hals fällt.

»Drink doch eine met!«, raunt sie.

Ich schaue sie entgeistert an.

»Was?«

»Stell dich nit esu ahn!«, lallt sie.

Ich lehne mich zurück, um ihrem toxischen Mundgeruch zu entkommen, und mustere ihr stark geschminktes Gesicht. Nie gesehen.

»Du steihs he de janze Zick eröm! Röm, Röm! Zick eröm!!«

Endlich erkenne ich, dass ihre Bekleidung wohl eine Art Kostüm darstellen soll. Als eine fellbehängte Husarinnengruppe singend um die Ecke biegt, stelle ich den Bezug zu dem Text her. Ich werfe Tess einen bösen Blick zu, aber sie winkt die Husarinnen lachend näher.

»Kölsche Mädche! Kütt her! Hee han mer eine leckere Prinz!«

Die Husarinnen heulen begeistert auf.

»ECHTE FRÜNDE STON ZESAMME!«

Tess und Frauke stimmen sofort ein:

»STON ZESAMME SU WIE EINE JOTT UN POTT!«

Arne verdrückt sich mutig durch das Hoftor. Ich würde ihm gerne folgen, doch die Besoffene klammert sich an mich und fordert lauthals Büüüützje. Wir tanzen einen kurzen Tanz, dann kann ich mich befreien. Ich schnappe meinen Koffer und flüchte, gefolgt von hämischem Gelächter, in den Hof. Als ich das Tor hinter mir zuschlage, wird draußen auf der Straße bereits fröhlich Schwesternschaft geschlossen. Prima. Direkt an Weiberfastnacht in Köln landen. Ich muss wirklich aufhören, Tess die Flüge buchen zu lassen.

Als ich durch den Innenhof gehe, springt die Künstlerkatze von der Mauer und kann plötzlich nicht mehr ohne meine Beine leben. Ich lasse den Koffer los, bücke mich, packe sie, richte mich auf und werfe sie in die Luft. Sie segelt anstandslos über die Mauer in den Nachbarhof und landet geräuschlos auf der anderen Seite. Das sollte ihr Gedächtnis auffrischen.

Ich öffne die Hallentür und betrete die Halle, die dunkel daliegt. Nur hinten in Arnes Zimmer brennt Licht. Siebenhundert Quadratmeter Wohnfläche. Erstanden für einen Spottpreis, weil Schrott. Dank einjährigem Umbau jetzt ein Schmuckstück und der Grund, weshalb ich noch mindestens dreißig Jahre über die Ostsee schippern muss, um die Kredite abzuzahlen. Aber – ich fühle mich hier zu Hause. Unbezahlbar.

Ich knipse die Deckenbeleuchtung an. Auf dem Küchentisch stehen die Reste einer Pastamahlzeit, die Küchenzeile quillt über von schmutzigem Geschirr. Der Beweis, dass Frauke gekocht hat. Sie braucht alle Teller und Pfannen und Töpfe, um Pasta zu machen. Die Leiter zum Dach ist zur Garderobe umfunktioniert, die Sprossen hängen voller schwerer Mäntel. Dort oben gibt es hundert Quadratmeter Dachterrasse, auf der man im Sommer unter dem Himmel schlafen kann. Die Galaecke, die ich mir damals eingerichtet habe, als ich noch dachte, es lohne sich, an meiner Bühnenpräsenz zu arbeiten, ist mit Kartons, Farbeimern und Demospruchbändern zugestellt. In der Hängematte liegen Frauenzeitschriften. Auf dem Bildschirm des Fernsehers verrät mir das Standbild eines PlayStation-Spiels, dass ich tot bin. Ich öffne meine Zimmertür und gehe direkt weiter ins Bad, um Wasser in die Wanne einzulassen. Meine Wanne. In meinem Bad. Eine Bedingung, als wir beschlossen, die Halle zu kaufen, war ein eigenes Bad. Noch mal WG? Gerne. Noch mal gemeinsames WG-Bad? Nie im Leben.

Als ich wieder in die Halle hinauskomme, poltern die beiden Jeckinnen lachend mit leeren Händen herein. Sie haben irgendwie die Koffer draußen im Wagen vergessen.

»Draußen warten ein paar kölsche Mädche auf ihren Prinzen«, lacht Tess.

»Wenn sie weiter vor dem Hof herumlungern, knalle ich sie ab. Vor Gericht plädiere ich auf Notwehr im Namen der geistigen Gesundheitsbewegung.«

Tess runzelt die Stirn und schaut Frauke an.

»Wie kann man Karneval nur so hassen?«

Frauke schaut mich an.

»Ja, genau! Was ist eigentlich dein Problem?«

»Stil?«

Sie verdrehen beide die Augen. Ich öffne den Kühlschrank, hebe die Obstkiste an und ziehe die dahinterliegende Flasche Champagner hervor. Frauke runzelt die Stirn. Ich lächele sie an.

»Wärst du so freundlich, ein paar Gläser aus dem Schrank zu holen?«

Sie wirft mir einen Blick zu, wühlt dann im Schrank herum und findet tatsächlich drei hochstielige Gläser, die sie nicht zum Kochen verwendet hat. Ich öffne derweil die Flasche. Tess deutet auf die Gläser.

»Wer will denn keinen?«

»Arne trinkt ja keinen Alkohol«, sagt Frauke.

»Ach ja«, sagt Tess verlegen und schiebt eine Locke hinter ihr Ohr.

Ich tue, als hätte ich nichts gemerkt, und fülle die Gläser mit perlendem Champagner, dann hebe ich meines an.

»Auf zu Hause.«

Wir stoßen die Gläser aneinander und trinken. Es geht doch nichts über ein kühles Glas Champagner und ein heißes Bad nach einem langen Flug. Eine Kombination, die früher oft in müden, aber schönen Sex mündete, ja, ja.

Ich deute auf die Trennscheibe, hinter der das Badezimmerlicht leuchtet.

»Ich lasse dir Wasser ein. Die Wanne müsste gleich voll sein.«

Sie schließt die Augen ein wenig und schnurrt. Dann dankt sie Frauke fürs Abholen, wünscht ihr viel Spaß im Karneval und verschwindet in mein Zimmer. Kaum ist sie weg, schaue ich Frauke an.

»Agentur.«

»Die haben mehrmals angerufen, klingt wichtig. Außerdem haben sich ein paar gute alte Freunde von dir angemeldet, die gerade zufällig in Köln sind und dich sehr gerne besuchen würden.«

Sie zählt ein paar Namen auf von Leuten, mit denen mich nur eines verbindet: Sie lieben den Karneval, und ich wohne in Köln. Früher habe ich die Halle für zugereiste Karnevalfans zur Verfügung gestellt. Ein Fehler, den ich nicht wiederhole.

»Dann hat noch Schwester Zehnmalklug mehrmals angerufen und …«

»Nenn sie nicht so.«

»Verklag mich doch … und dann noch die Bank. Es klang wichtig. Und, wie war der Urlaub? Habt ihr endlich …«

Sie macht eine leiernde Handbewegung, als müsste sie einen Ford T ankurbeln. Ich schaue sie an. Wieso erzählt man seinen Freunden eigentlich alles? Um verletz­licher zu werden?

»Also nicht«, kichert sie. »Himmel, da kriegt ›Ruhe im Glied‹ eine ganz neue Bedeutung, was?«

»Musst du dich nicht noch irgendwo mit irgendwas anstecken?«

»Bin schon weg«, grinst sie und stellt ihr leeres Glas ab. »Ich bleibe die ganze Nacht weg, also könnt ihr euch ungestört austoben, also, falls ihr jemals wieder …«

Sie wiederholt die leiernde Handbewegung.

»Tschüss.«

»Ich geh ja schon«, lacht sie. »Vergiss das Gepäck nicht.«

Sie schnappt sich den roten Mantel und geht lachend raus, um mit dem Arschloch Karneval zu feiern, das ihr schwört, seine Frau zu verlassen. Zu ihm können sie nicht, und hier bringt sie ihn aus guten Gründen nicht mit, also landen sie in einem Hotel, um seine Entscheidung zu feiern. Morgen früh wachen sie auf, und nach einer letzten Nummer muss er diese schwerwiegende Entscheidung noch mal überdenken, und Frauke hat Verständnis dafür. Dass er so rücksichtsvoll mit seiner Frau umgeht, zeigt ja nur, wie verantwortungsbewusst er ist, nicht wahr? Frauen und Arschlöcher – ich werde es nie verstehen.

Als sie draußen durch den Hof geht, höre ich, wie sie mit der Katze spricht, die scheinbar schon wieder da ist. Irgendwas stimmt mit dem Vieh nicht.

Ich klopfe an die Trennscheibe.

»Stört es dich beim Baden, wenn ich das ganze Gepäck allein reinhole?«

Die Scheibe antwortet nicht, also öffne ich die Nebentür und gehe in mein Arbeitszimmer. Ich setze mich an den Schreibtisch und studiere den AB, der hektisch blinkt. Daneben liegen fein säuberlich die Anrufe aufgelistet, die Frauke entgegengenommen hat. Daneben liegen Briefe und Kontoauszüge geordnet. Laut Liste hat Frauke zwei Anrufe der Agentur persönlich entgegengenommen und dabei nicht erfahren, worum es geht, nur dass ich dringend zurückrufen soll. Laut Kontoauszügen hat niemand in meiner Abwesenheit beschlossen, mir eine Million zu schenken. Dafür hat Arne mal wieder beschlossen, seinen Mietanteil nicht zu überweisen. Daraufhin hat die Bank beschlossen, mir Mahngebühren in Rechnung zu stellen, die den Rückschluss nahelegen, dass der Aufsichtsratsvorsitzende seine Dubaier Golfrunde unterbrochen hat, um einer blinden tibetanischen Fußmalerin die Mahnung zu diktieren und sie dann persönlich mit dem Learjet zu unserem Briefkasten zu bringen. Außerdem liegt eine Nebenkostennachzahlung für das letzte Jahr vor. Ich schaue dreimal auf die Summe. Sie wird dadurch nicht kleiner.

Wo es schon so prima läuft, drücke ich auf den AB. Die ersten drei Anrufe sind von der Agentur. Verschiedene Mitarbeiterinnen bitten um Rückruf, ohne eine Information zu hinterlassen, worum es geht. Dann folgt eine Nachricht von meiner Schwester Zehnmalklug. Sune arbeitet seit zwanzig Jahren mit Kindern und vergisst manchmal, dass nicht alle Menschen gerade zur Welt gekommen sind. Sie erklärt Dinge gerne mehrmals und fragt dann penetrant nach, ob man es verstanden hat, während man versucht, sie nicht zu erwürgen. Ich verstehe nicht jedes Wort der Nachricht, weil circa hundert Kinder im Hintergrund Stalingrad nachstellen, aber die Essenz ist dieselbe wie immer: Far ist nicht nur krank, sondern todkrank, er hustet mehr als sonst, und Schmerzen hat er auch; er gibt es einfach nicht zu, und falls ich ihn noch mal lebend sehen will, soll ich schnellstens nach Hause kommen.

Ich nehme den Hörer und wähle die Kopenhagener Nummer, die sich seit meiner Kindheit nicht geändert hat. Nach dem siebten Klingeln geht er ran.

»Achtzehnvierundachtzigsiebzehn.«

»Wie ich höre, liegst du wieder im Sterben.«

»Wer spricht da?«

»Dein Sohn.«