Before you go - Jeder letzte Tag mit dir - Clare Swatman - ebook

Before you go - Jeder letzte Tag mit dir ebook

Clare Swatman

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Opis

Diese Geschichte beginnt mit einem Ende, aber dieses Ende ist erst der Anfang ...

Zoe und Ed sind ein Traumpaar, doch im Laufe der Jahre ist ihre Beziehung ins Wanken geraten. Nach einer ihrer häufigen Auseinandersetzungen geschieht das Unfassbare: Ed stirbt bei einem Unfall. Zoe glaubt, an ihrem Schmerz zu zerbrechen. Wieso hat sie Ed an diesem Morgen nicht mehr gesagt, wie sehr sie ihn liebt? Nachdem sie wenig später schwer stürzt, erwacht sie in einer Version ihres Lebens, in der Ed noch am Leben ist und sich die beiden gerade erst kennenlernen. Fortan hat Zoe die Chance, ihr gemeinsames Leben zu verändern. Bis der Tag von Eds Unfall unaufhaltsam näher rückt …

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 514




Buch

Zoe und Ed sind ein Traumpaar, doch im Laufe der Jahre ist ihre Beziehung ins Wanken geraten. Nach einer ihrer häufigen Auseinandersetzungen geschieht das Unfassbare: Ed stirbt bei einem Unfall. Zoe glaubt, an ihrem Schmerz zu zerbrechen. Wieso hat sie Ed an diesem Morgen nicht mehr gesagt, wie sehr sie ihn liebt? Als sie wenig später schwer stürzt, erwacht sie in einer Version ihres Lebens, in der Ed noch am Leben ist und sich die beiden gerade erst kennenlernen. Fortan hat Zoe die Chance, jeweils einzelne Tage der gemeinsamen Jahre mit Ed nochmal zu durchleben und dabei die Geschehnisse zu verändern. Bis der Tag von Eds Unfall immer näher rückt …

Autorin

Clare Swatman arbeitet als Journalistin und schreibt für erfolgreiche Frauenmagazine wie Bella, Woman’s Own und Real People. Before you go – Jeder letzte Tag mit dir ist ihr Debütroman, der sich noch vor Erscheinen in 19 Länder verkauft hat. Clare Swatman lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Hertfordshire, England, und schreibt derzeit an ihrem nächsten Roman.Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag

CLARE SWATMAN

Jeder letzte Tag mit dir

Roman

Deutsch von Sonja Rebernik-Heidegger

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Before you go« bei Macmillan, an imprint of Pan Macmillan, London.1. AuflageCopyright der Originalausgabe © Clare Swatman 2017Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Margit von CossartUmschlaggestaltung: © NETWORK! WerbeagenturUmschlagmotiv: © Keith YoungJvN · Herstellung: samSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-19567-0V002www.blanvalet.de

Prolog

29. Juni 2013

Es ist ein heißer Tag, und die Sonne strahlt vom Himmel, doch Zoe ist so traurig wie noch nie in ihrem Leben. Mit blassem, ausdruckslosem Gesicht steigt sie aus dem schwarzen Auto und macht sich unsicher auf den Weg zu dem bedrückenden Backsteingebäude. Ihre Mutter eilt hinter ihr her und greift beschützend nach ihrem Ellbogen.

Etliche Menschen warten vor dem Eingang. Die Sonne steht so hoch, dass sie kaum Schatten werfen, und das Licht ist so grell, dass Zoe ihre Gesichter nicht erkennen kann. Einige rauchen und blasen wabernde Wolken in die warme Sommerluft. Sie beobachten Zoe, jemand wirft ihr zur Begrüßung ein kurzes Lächeln zu, aber sie bemerkt es kaum.

Zoe und ihre Mutter betreten das Gebäude und gehen steif auf die erste Reihe zu. Zoes Schwiegermutter Susan ist bereits da. Ihre Augen wirken trotz des sorgsam aufgetragenen Make-ups rot und geschwollen. Sie ringt sich ein schwaches Lächeln ab, als sich die beiden Frauen neben sie setzen. Zoe nimmt Susans Hand und hält sie fest umklammert.

Man hört das Schniefen und das Gemurmel der anderen Trauergäste, die sich langsam auf ihre Plätze begeben, doch Zoes ganze Aufmerksamkeit gilt Eds Sarg, der umgeben von Blumen und Kerzen im vorderen Teil der Trauerhalle steht. Sie starrt auf die schlichte Holzkiste und kann einfach nicht glauben, dass sich tatsächlich der Körper ihres geliebten Mannes darin befinden soll. Es erscheint ihr so surreal.

Und so unfair.

An dem Tag, an dem er gestorben ist, war es ebenfalls unerträglich heiß gewesen. Am Morgen hatte sie wie immer wahllos Dinge in ihre Handtasche gestopft: ihren Laptop, den Kalender, einen Apfel, ihr Handy, eine Cola light, ein Buch, ihr iPad. Wie ein Film läuft alles, was passiert ist, nun an ihr vorbei.

»Wenn du noch mehr hineinstopfst, brauchst du einen Packesel, um die Tasche zur Arbeit zu befördern«, sagte Ed und kam mit der Zahnbürste im Mund auf sie zu.

Zoe sah, wie Zahnpasta von seinem Kinn aufs Parkett tropfte.

Sie verdrehte die Augen. »Um Himmels willen, Ed«, fuhr sie ihn ungeduldig an. Sie wusste genau, dass sie überreagierte, dass er nur versuchte, die Stimmung zu heben, doch sie konnte nichts gegen ihre Wut tun. Sie stapfte ins Badezimmer, um Toilettenpapier zu holen und die Zahnpasta damit aufzuwischen, dabei sah sie, dass einer ihrer Fingernägel eingerissen war. »Verdammt noch mal«, murmelte sie und spürte, wie bittere Galle in ihr hochstieg.

Fieberhaft riss sie sämtliche Badezimmerschranktüren auf und suchte nach einer Nagelschere. Sie war spät dran, und Ed ging ihr gehörig auf die Nerven. Sie musste schleunigst raus aus der Wohnung. Endlich fand sie die Schere, schnitt den Nagel ab, warf sie zurück in den Schrank und knallte die Türen zu.

Ed stand im Wohnzimmer und schmollte. Er versuchte, ihr nicht in die Quere zu kommen, und sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Sie war in letzter Zeit ständig schlechter Stimmung. Der Zorn brodelte unter der Oberfläche, bereit, jeden Moment hervorzubrechen. Die Tatsache, dass sie sich dessen bewusst war, bedeutete jedoch nicht, dass sie die Situation unter Kontrolle hatte. Sie wusste, dass die Hormone daran schuld waren. Es waren immer die verdammten Hormone.

Sie lief in die Diele und zog ihre Sandalen an. Eds gedämpfte Stimme drang aus dem Wohnzimmer an ihr Ohr.

»Was?«, fuhr sie ihn an, als er zur Haustür ging. Seinen Fahrradhelm hatte er schon aufgesetzt.

»Ich fahr dann mal«, sagte er nur. »Wir sehen uns später.«

»Gut«, erwiderte sie barsch.

Zoe war nicht in der Stimmung für mehr. Er wandte sich ab und ging hinaus, Sekunden später fiel die Tür zu. Sie hörte, dass er sein Fahrrad aufschloss und schließlich davonfuhr. Ihr Herz zog sich vor Bedauern zusammen, doch sie ignorierte es.

Es war das letzte Mal, dass sie ihn lebend sah.

Zoe erhielt die Nachricht erst einige Zeit später. Sie hatte den ganzen Vormittag in einer Besprechung verbracht, sich dann in der kleinen Küche einen Kaffee gemacht. Als sie mit dem Becher in der Hand an ihren Schreibtisch zurückging, sah sie ihre Chefin Olive mit aschfahlem Gesicht auf sich zukommen.

»Olive? Ist alles in Ordnung?«, fragte Zoe.

Olive sagte einige Sekunden lang gar nichts, und Zoe begann sofort, sich Sorgen zu machen. Hatte sie vielleicht einen Fehler gemacht, was die Arbeit betraf? Befand sie sich in ernsten Schwierigkeiten?

»Komm bitte mit«, forderte Olive sie auf. Ihre Stimme klang freundlich und beschwichtigend und nicht etwa barsch, was Zoe noch mehr verwirrte. Sie folgte ihr in das Besprechungszimmer zurück, aus dem sie gerade gekommen war, und Olive schloss die Tür. »Setz dich«, bat sie Zoe und deutete auf einen Stuhl, ehe sie sich selbst niederließ. »Bitte.« Zoe hockte sich nervös auf die Stuhlkante. Ihre Hände begannen zu zittern. »Zoe«, begann Olive mit ernster Stimme. »Ich … ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll … Es gab einen Unfall. Ed wurde von einem Bus angefahren.«

Olive brach ab, und Zoe hielt den Atem an. Sie hoffte, dass Olive die nächsten Worte so schnell wie möglich aussprach, auch wenn sie sie eigentlich gar nicht hören wollte.

Ein sanftes Klopfen durchbrach die furchtbare Stille, Zoe wäre vor Schreck beinahe aufgesprungen. Olive eilte zur Tür und öffnete sie. Zoe sah einen Polizisten und eine Polizistin, hörte, dass sie nach ihr fragten. In diesem Moment zerbrach Zoes Welt in tausend Scherben.

Ein ersticktes Schluchzen drang aus ihrer Kehle. Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie fiel auf den Stuhl zurück. Ihre Hände zitterten nun unkontrollierbar, und als die Beamten das Zimmer betraten, suchte Zoe Olives Blick. Ihre Augen flehten sie an, ihr zu sagen, dass hier ein schreckliches Missverständnis vorlag. Olive wich ihrem Blick aus.

Zoe starrte auf die Schuhe der Polizistin. Sie waren derart auf Hochglanz poliert, dass sich das Licht der Neonröhren in ihnen spiegelte. Sie stellte sich vor, wie sich diese Frau am Morgen für ihren Arbeitstag bereit gemacht hatte. Wie sie in der Küche gestanden, ihre Schuhe poliert und über den Tag nachgedacht hatte, der vor ihr lag. Hatte sie erwartet, dass sie später einer Frau eine schreckliche Nachricht überbringen musste?

»Zoe?«, hörte sie eine Stimme.

Sie hob den Kopf. Die beiden Beamten und Olive schienen darauf zu warten, dass sie etwas sagte.

»Ich … ich …« Doch sie schaffte es einfach nicht. »Wo ist er?«, brachte sie schließlich heraus.

Der Polizist schien erleichtert, endlich etwas tun zu können. Er kam einen Schritt auf sie zu. »Er wurde ins Royal Free Hospital gebracht«, antwortete er. »Es tut mir sehr leid, aber er … Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun.« Er hielt kurz inne. »Wenn Sie möchten, bringen wir Sie zu ihm«, fügte er dann hinzu.

Wie gelähmt nickte Zoe und stand auf.

Olive eilte auf sie zu, auch sie schien begierig darauf, eine Aufgabe zu bekommen. »Holen wir erst einmal deine Sachen, meine Liebe«, sagte sie und dirigierte Zoe zur Tür hinaus.

Zoe nahm ihre Tasche, die sie unter den Schreibtisch gestellt hatte, zog ihre Strickjacke von der Stuhllehne und ließ ihren Blick über den Tisch wandern, um sicherzugehen, dass sie auch nichts vergessen hatte. Dann folgten sie und Olive den beiden Polizisten zu dem wartenden Streifenwagen. Olive half ihr hinein.

Auf den Straßen war es seltsam ruhig. In Zoes Hinterkopf machte sich der Gedanke breit, dass es Menschen gab, die erfahren mussten, was passiert war. Sie holte ihr Handy heraus und tippte eine vertraute Nummer ein, Janes Nummer. Jane war ihre beste Freundin.

»Hey«, antwortete Jane nach dem ersten Klingeln. Ihre Stimme klang fröhlich und so unpassend, dass Zoe nach Luft schnappte. »Zoe, was ist los?«

»Ed …« Ihre Stimme brach, sie kämpfte darum, weitersprechen zu können. »Es ist Ed. Er ist … Es gab einen Unfall, und er ist …« Sie schaffte es einfach nicht. Sie konnte dieses Wort nicht laut aussprechen. Und sie musste es auch nicht.

»Verdammt, Zoe, wo bist du? Ich komme sofort.«

»Ich bin … im Royal Free. Ich meine … wir fahren gerade hin.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Bin schon unterwegs.«

Als sie das Telefonat beendet hatte, hielt der Streifenwagen auch schon vor dem Krankenhaus. Es blieb keine Zeit mehr, noch jemanden anzurufen. Das braune Backsteingebäude hob sich seltsam unheimlich vor dem blauen Himmel ab. Zoe stieg aus dem Wagen. Nun begannen auch ihre Beine zu zittern, und sie stolperte. Gleich nahm die Polizistin ihren Arm, um sie zu stützen. Wie hieß sie noch? Zoe wünschte, sie könnte sich an ihren Namen erinnern. Hatte sie ihren Namen überhaupt genannt? Sie gingen gemeinsam auf die Eingangstür zu, und als sich diese hinter ihnen schloss, hatte Zoe plötzlich das Gefühl, in der Hölle zu sein.

Sie wurde in ein kleines Zimmer mit einer Sitzgruppe gebracht. Während sie wartete, starrte sie mit leerem Blick auf die Plakate an der Wand, die Beratungen im Trauerfall oder bei Depressionen anboten, ohne sie jedoch wirklich wahrzunehmen. Die Anstrengung, an gar nichts zu denken, raubte ihr die letzte Kraft.

Schließlich hörte sie eine vertraute Stimme, hob den Blick und sah Jane. Sie lief auf ihre Freundin zu und schloss sie fest in die Arme. Und dann begann Zoe zu weinen. Ihr Schluchzen war so gewaltig, dass ihr ganzer Körper bebte. Sie hatte das Gefühl, in der Mitte auseinanderzubrechen.

»Er … er ist tot«, stieß sie unter Tränen hervor.

»O nein … Zoe …«

Jane hielt sie fest und streichelte ihr über den Rücken, bis ihr Schluchzen verebbte. Dann setzten sie sich Hand in Hand.

»Ich hab mich heute Morgen einfach schrecklich verhalten«, erklärte Zoe, als sich ihr Atem langsam beruhigt hatte. »Er konnte mich nicht einmal ansehen. Er muss mich verabscheut haben, Jane.«

»Zoe, Ed hätte dich niemals verabscheut. Er hat dich vergöttert, und er wusste, dass du ihn liebst. Bitte mach dir keine Gedanken darüber, Süße.«

»Aber ich war so wütend auf ihn, dabei hat er absolut nichts falsch gemacht. Ich habe mich nicht einmal von ihm verabschiedet, und jetzt ist er für immer fort, und ich kann ihm nie mehr sagen, wie sehr ich ihn liebe. Es ist zu spät. Was um alles in der Welt soll ich jetzt nur tun?«

Ehe Jane antworten konnte, erschien ein Arzt. Sanft erklärte er Zoe, sie müsse Ed identifizieren, er bringe sie jetzt zu ihm. Sie hörte wie durch einen Nebel hindurch, dass Ed von einem Bus angefahren worden war und nicht die geringste Chance gehabt hatte. Als er ins Krankenhaus eingeliefert worden war, war er bereits tot gewesen. Die Worte »Schädelhirntrauma« und »Wir konnten nichts mehr für ihn tun« drangen zu Zoe durch. Sie ertrug den Gedanken nicht, dass Ed vielleicht unter Schmerzen gelitten hatte, bevor er gestorben war.

Warum hatte sie ihn gehen lassen, ohne ihm zu sagen, dass sie ihn liebte? Hätte sie ihn umarmt und damit seinen Aufbruch noch um ein paar Augenblicke hinausgezögert, wäre er noch am Leben, und sie hätten ihre Probleme in den Griff bekommen, da war sie sich ganz sicher. Hätte sie ihn zur Arbeit gefahren, anstatt ihn mit dem Fahrrad fahren zu lassen … Sie hatte nie gewollt, dass er mit dem Fahrrad fuhr. Sie hatte ständig Angst gehabt, dass er angefahren wurde, dass ihm etwas passierte …

Doch jetzt war es zu spät. Ed war tot.

O mein Gott, Ed war tot.

Sie ließ sich wie in Trance an sein Bett führen. Sie schienen ihn bereits gewaschen zu haben, doch sein Gesicht und seine Brust waren blutverkrustet. Der Mann mit den Verletzungen, der hier vor ihr lag, war Ed, ihr Ehemann … Der Drang, die Hand auszustrecken, ihn zu berühren, ihn zu umarmen und ihm zu sagen, dass alles wieder in Ordnung kommen würde, war überwältigend. Doch Zoe wusste, dass es unmöglich war. Sie nickte dem Arzt zu, wandte sich ab und verließ, von Jane gestützt, den Raum.

Die nächsten Stunden versanken wie im Nebel. Zoe erinnerte sich, dass man sie in ein Wartezimmer für Angehörige brachte, dass ihr jemand Tee reichte und sie tröstend umarmte, und daran, dass das Personal des Krankenhauses im Flur hin und her eilte. Dann kam Eds Mum Susan, und die beiden Frauen hielten einander umklammert, vereint in der Trauer, die sie beide zu überwältigen drohte.

Und jetzt sind sie hier, in der Trauerhalle. Es sind erst zehn Tage vergangen, der Schmerz ist jedoch immer noch so groß, dass Zoe nicht glauben kann, dass sie überhaupt noch atmet.

Ein Schluchzen steigt ihre Kehle hoch und dringt aus ihrem Mund, und sie schlägt die Hand davor, versucht, die Fassung zu bewahren. Ihre Mum drückt ihre andere Hand noch fester.

Dann beginnt die Zeremonie.

Zoe sitzt regungslos da, während der Trauerredner mit sanfter Stimme freundliche Dinge über ihren Ehemann erzählt. Schließlich ist sie selbst an der Reihe. Sie weiß nicht, ob sie es schaffen wird, aber sie hat es Susan versprochen, und als sie mit dem bereits halb zerknüllten Blatt Papier die Stufen des Podiums emporsteigt und auf die Menschen hinunterblickt, die Ed geliebt haben und die auch sie lieben, weiß sie, dass sie etwas sagen muss. Sie tritt vor das Mikrofon.

»Ich habe einige Worte niedergeschrieben, die ich sagen wollte, aber ich bin mir nicht sicher, ob es die richtigen sind.« Ihre Stimme bricht, und ihre Mutter will schon aufstehen, um zu ihr zu kommen, doch Zoe schüttelt kaum merklich den Kopf und atmet tief ein. »Die letzten vierzehn Jahre war Ed meine Welt. Er war mein Ein und Alles. Der Gedanke, allein ohne ihn weiterleben zu müssen, ist unvorstellbar. Ich habe jetzt schon das Gefühl, als würde nur noch die Hälfte von mir weiterleben. Ich weiß, dass es heißt, die Zeit heile alle Wunden, aber ich glaube nicht, dass ich das überhaupt will. Ich will nicht, dass die Erinnerung an Ed und das, was wir zusammen hatten, jemals verblasst. Ich will sie für immer in meinem Herzen behalten und mich in den dunklen Tagen, die zweifellos immer wieder kommen werden, daran festhalten.« Zoe hält inne und wirft einen Blick auf ihre Hände. Sie hat sie zu Fäusten geballt, sodass die Knöchel weiß hervortreten. »Es wird immer Dinge geben, die ich ihm gern noch gesagt hätte, und Dinge, von denen ich wünschte, ich hätte sie nie laut ausgesprochen. Und ich werde mir immer wünschen, ich könnte einiges rückgängig machen, was ich an dem Tag, an dem er starb, und auch in den Monaten und Jahren davor getan habe. Doch das kann ich nicht, und so erinnere ich mich an die glücklichen Zeiten und versuche, die schlechten zu vergessen …« Sie hält erneut inne, hebt den Blick und sieht Jane in die Augen, sieht in das blasse Gesicht ihrer Freundin, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. »Und ich hoffe, euch gelingt das ebenfalls. Denkt voller Liebe an Ed zurück. Ich bin froh, dass ihr alle hier seid. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es ohne euch schaffen würde. Danke …«

Schließlich bricht ihre Stimme, die Tränen beginnen zu fließen, und sie eilt zurück an ihren Platz und in die Arme ihrer Mutter.

Der Trauerredner spricht weiter, doch Zoe hört ihn kaum. Endlich ist die Zeremonie zu Ende, und während sich der Vorhang vor den Sarg senkt, erklingt Eds Lieblingssong. Under My Thumb von den Rolling Stones.

»Nein!«, ruft Zoe, dreht den Kopf zur Seite, vergräbt ihn in den Händen und lässt ihren Tränen freien Lauf. Als sie den Blick hebt, ist Ed verschwunden.

16. August 2013

Zoe steht am Fenster und sieht zu, wie der Regen über das schmutzige Glas läuft und ihre Laune mit sich davonspült. Das leise Trommeln der Regentropfen gleicht ihrem Herzschlag, und sie weiß nicht, wo der Regen endet und wo ihre Tränen beginnen.

Der Garten ist nur unscharf zu erkennen. Es sind nicht einmal zwei Monate vergangen seit Eds Tod, und er ist bereits überwuchert. Die Rosen in ihren Töpfen brechen beinahe unter ihrem eigenen Gewicht zusammen, Unkraut und Disteln schießen aus dem Boden, die Terrasse ist glitschig vom Moos und vom Regen. Zoe schließt einen Moment die Augen und sieht Ed vor sich, wie er dort draußen steht, sorgsam Pflanzen setzt und beschneidet und Unkraut rupft. Dieser kleine Garten war sein ganzer Stolz. Er hat ihm eine so große Freude bereitet – nicht zuletzt wegen des Gartens haben sie die Erdgeschosswohnung gekauft.

Eigentlich sollte ich mich besser um ihn kümmern, denkt Zoe, doch sie hat es noch nicht über sich gebracht hinauszugehen. Schon beim Gedanken daran, ihn ohne Ed zu betreten, wird ihr das Herz schwer.

Zoe steckt eine Hand in die Tasche ihrer Strickjacke und tastet nach dem Blister. Dann wirft sie einen Blick auf die Uhr. Es sind erst zwei Stunden vergangen, seit sie die letzte Tablette genommen hat. Ihr wird immer ein wenig schwindlig von den Antidepressiva, aber sie braucht jetzt unbedingt noch eine Tablette. Sie steckt schnell eine in den Mund, schluckt sie trocken hinunter und würgt.

Rasch wendet sie sich vom Fenster ab, geht in die Küche und zur Hintertür. Der Schlüssel dreht sich nicht sofort, sie muss es ein paarmal versuchen, bis das Schloss mit einem Klicken nachgibt. Zoe reißt die Tür auf und stürmt raus. Es regnet so stark, dass ihr Haar sofort triefend nass ist, doch sie bemerkt es kaum. Sie läuft über den knirschenden Kies auf die Terrasse, reißt eine der Disteln aus, ohne auf die Dornen zu achten, die sich in ihre Haut bohren. Sie schleudert die Distel von sich, bevor sie die nächste ausreißt. Die Wut ergreift von ihr Besitz, sie kann nichts daran ändern. Sie packt Unkraut um Unkraut, Pflanze um Pflanze, zerrt daran, denkt nicht darüber nach, was sie tut. Zoe lässt ihren ganzen Zorn an dem Ort aus, den Ed am meisten geliebt hat. Sie kann einfach nicht aufhören, sein Werk zu zerstören.

Der Regen prasselt auf ihren Kopf, ihr Kleid klebt an ihrer kalten Haut, Wasser tropft von ihren Augenbrauen, den Lippen und den Wangen. Sie friert dennoch nicht. Sie spürt nichts. Als schließlich kaum etwas mehr übrig ist, das sie ausreißen könnte, beschließt sie, wieder ins Haus zu gehen. Wie in Trance setzt sie vorsichtig einen Fuß auf die nassen, glitschigen Holzdielen der Terrasse, und da passiert es. Sie verliert das Gleichgewicht, rudert mit den Armen in der Luft, versucht, sich an irgendetwas festzuhalten, doch da ist nichts. Mit dem Rücken schlägt sie auf dem Boden auf, im nächsten Moment trifft ihr Kopf auf einen Tontopf. Kurz nimmt sie einen überwältigenden Schmerz wahr, dann verliert sie das Bewusstsein, und alles wird dunkel.

Eins

18. September 1993

Ich bin wach, doch meine Augen sind noch fest geschlossen. Ich spüre sofort, dass etwas anders ist. Während mein Gehirn noch damit kämpft herauszufinden, was genau es ist, kommt mir ein verrückter Gedanke: Vielleicht hatte ich nur einen furchtbaren Albtraum, und Ed ist gar nicht tot. Dann erinnere ich mich wieder an alles, mein Magen zieht sich zusammen, meine Muskeln verkrampfen sich, und ich habe das Gefühl, das dünne Band, das mich noch an die Welt und an mein Leben bindet, wird bald für immer zerreißen.

Nun gut, aber was ist heute so anders als sonst?

Ich weiß trotz meiner geschlossenen Augen, dass der Raum, in dem ich liege, lichtdurchflutet ist, was schon einmal seltsam ist. Ich schlafe gern im Dunkeln. Habe ich womöglich gestern Abend vergessen, die Jalousien zu schließen? Vielleicht. Aber es fühlt sich definitiv so an, als würde noch mehr dahinterstecken.

Langsam wird die Erinnerung klarer, sie wartet im Dunkeln und versucht immer wieder, sich mir zu entziehen. Ich war im Garten. Es hat in Strömen geregnet, und ich habe wie von Sinnen Unkraut ausgerissen. Und dann ist da eine große Leere, in der immer wieder Bilder aufblitzen: Ich stürze, ein grauenhafter Schmerz schießt durch meinen Hinterkopf, Rosen, Janes Gesicht, grelles Neonlicht … und … nichts mehr.

Bin ich vielleicht im Krankenhaus? Das könnte sein. Ich bin gefallen, habe mir den Kopf angestoßen, und nun liege ich in einem Krankenbett.

Das ergibt durchaus Sinn, aber irgendwie glaube ich nicht, dass das alles ist.

Ich behalte meine Augen noch ein wenig länger geschlossen und lausche angestrengt. Ich höre einen Heizkörper klopfen, als hätte sich gerade die Heizung eingeschaltet. Ich höre das entfernte Dröhnen eines Radios und ein Geräusch, als würde jemand in der Küche mit Geschirr klappern. Das Rauschen des Wassers, während jemand pfeifend unter der Dusche steht. Es kommt mir irgendwie vertraut vor, aber dann auch wieder nicht, allerdings klingt es ganz sicher nicht so, als wäre ich im Krankenhaus.

Schließlich öffne ich die Augen. Ich sehe eine weiße Zimmerdecke, die mit den gleichen Schnörkeln und Halbkreisen verziert ist wie die Decke in meinem ehemaligen Kinderzimmer. Seltsam, ich habe dieses Muster schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Und dort ist sogar der kleine rosafarbene Punkt, der auf meiner Kinderzimmerdecke entstanden ist, als ich einen Lippenstift nach meiner Schwester geworfen und sie verfehlt habe. Ich schüttle bei der Erinnerung daran verwirrt den Kopf. Auch der graue Lampenschirm in der Mitte des Raumes wirkt vertraut. Er zerrt an meinem Verstand wie ein Kind an einem Mantel. Verzweifelt versucht er, meine Aufmerksamkeit zu erregen, mich dazu zu bringen, mich zu erinnern.

Ich wende den Blick nach rechts. Dort befindet sich eine mit zahllosen Stickern verzierte Kommode aus Kiefernholz mit einem Spiegel darüber, der von Glühbirnen umrahmt wird. Es stehen keine Schminkutensilien herum, die Kommode wirkt dennoch so vertraut, dass es mir den Atem raubt.

Ich setze mich abrupt und mit klopfendem Herzen auf. Ich bekomme kaum noch Luft.

Ich habe Angst, mich weiter umzusehen, doch ich muss es tun. Mein Blick fällt wie vermutet auf einen Kiefernholzkasten. Eine Tür steht offen, im Inneren befindet sich eine Reihe leerer Kleiderhaken. Davor stehen ein schwarzer Koffer und ein Pappkarton, auf dem mit schwarzem Filzstift der Name ZOE neben einem Smiley mit herausgestreckter Zunge prangt. Obenauf steht ein mit Klebeband verschlossener Weinkarton, auf den in leuchtend roten Buchstaben das Wort WARNUNG gekritzelt wurde. Ich weiß, dass er meine kostbaren CDs enthält, die ich in der Nacht zuvor sorgsam zusammengesucht habe.

Ich lasse meinen Blick weiter durchs Zimmer schweifen. Ich sehe den Kleiderhaken hinter der Tür, an dem immer mein Morgenmantel hing, meinen alten CD-Player, verpackt in Luftpolsterfolie, meinen Schreibtisch, von dem sämtliche Papiere und Schreibutensilien verschwunden sind. Nur noch ein einsames Gefäß mit ein paar stumpfen Bleistiften und einem Textmarker ist übrig geblieben. Das hier ist mein altes Zimmer, und es sieht genauso aus wie an dem Tag, an dem ich aus meinem Elternhaus ausgezogen bin.

Mein Herz schlägt noch immer wie verrückt, und ich atme ein paar Mal tief durch. Es besteht kein Grund zur Sorge, sage ich mir, das hier ist nur ein Traum. Dein Verstand spielt dir einen Streich. Leg dich wieder schlafen, und alles wird wieder gut. Was auch immer »gut« bedeutet.

Ich lasse meinen Kopf auf das Kissen sinken und schließe die Augen, doch ich kann nicht widerstehen. Als ich erneut einen Blick riskiere, ist alles noch so wie zuvor.

Was zum Teufel ist hier los?

Ich schlage die Decke zurück, schwinge meine Beine aus dem Bett und tappe vorsichtig zum Spiegel. Er ist in etwa hüfthoch, und ich kann bereits eine kurze Pyjamahose und ein Unterhemd darin erkennen, während ich darauf zugehe – einen Pyjama, den ich schon seit Jahren nicht mehr getragen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon bereit für das bin, was ich gleich sehen werde, aber ich lasse mich dennoch langsam auf dem Stuhl nieder und wage einen Blick in den Spiegel.

Ich schnappe nach Luft. Nicht, weil der Anblick so schrecklich ist. Das hier bin bloß ich. Doch ich bin nicht achtunddreißig, ich habe keine dunklen Ringe unter den Augen und keine feinen Falten auf der Stirn. Ich bin achtzehn, habe rosige Wangen und schwarze Make-up-Spuren um die Augen herum, mit denen ich aussehe wie Alice Cooper. Mein Haar ist rotviolett gefärbt und steht wie ein Heiligenschein von meinem Kopf ab. Ich fahre mit zitternden Händen hindurch, dann werfe ich mit zusammengekniffenen Augen einen Blick auf mein Spiegelbild und ziehe eine Grimasse.

Ich lache laut auf. Der Klang ist so unerwartet, dass ich zusammenzucke. Ich habe mich schon seit einiger Zeit nicht mehr selbst lachen gehört. Dennoch scheint es durchaus angemessen, denn das hier ist eine wirklich irrwitzige Situation.

Wie kann so etwas möglich sein?

Ich spiele mit dem Gedanken, mich wieder ins Bett zu legen, den Kopf unter das Kissen zu stecken und so zu tun, als würde das alles gar nicht passieren, doch irgendwie bin ich auch ein wenig neugierig darauf, was noch passieren wird. Verängstigt und verwirrt, das schon, aber eben auch neugierig. Denn in Wahrheit weiß ich, dass das hier mehr als nur ein Traum ist. Ich weiß nicht, warum ich es weiß, es ist einfach so. Es fühlt sich einfach … real an. Es fühlt sich an, als wäre ich wirklich hier, so seltsam das auch klingen mag.

Ich habe jedoch keine Ahnung, was ich als Nächstes tun soll. Was tut man denn für gewöhnlich, nachdem man in der Vergangenheit aufgewacht ist? Gibt es eine Art Gebrauchsanweisung oder irgendwelche Verhaltensrichtlinien, die man befolgen sollte? Und wie lange werde ich hier sein, ehe ich wieder in mein richtiges Leben zurückkehre? Einen Tag, eine Woche, einen Monat? Für immer? Dieser Gedanke lässt mich erschaudern.

Ich stehe auf. Am Fußende des Bettes liegen ein paar Klamotten, die ich im Schlaf zu einem Haufen zusammengetreten habe. Ich kann mich noch genau daran erinnern, Ewigkeiten damit verbracht zu haben, mir darüber Gedanken zu machen, was ich an diesem Tag tragen soll. An meinem ersten Tag an der Uni. Ich würde nach Newcastle ziehen und war furchtbar aufgeregt. Natürlich auch ein wenig verängstigt, aber vor allem aufgeregt.

»Ich kann es kaum erwarten, von hier zu verschwinden«, hatte ich meiner besten Freundin Amy erklärt. Doch es war nur Angeberei. In Wahrheit liebte ich mein Zuhause in Doncaster, meine Eltern und meine kleine Schwester Becky. Natürlich beklagte ich mich. Aber ich wusste, dass Mum und Dad mich liebten, und es war alles, was ich bis dahin gekannt hatte. Der Umzug nach Newcastle, wo mir alle fremd waren, bedeutete eine große Veränderung. Es ist schwer vorstellbar, dass ich einmal dieses verängstigte kleine Mädchen war.

Ich schlüpfe aus meinem Pyjama und in die Kleider am Bettende: eine schwarz-weiß gestreifte Strumpfhose, ein kurzes, enges schwarzes Kleid und eine lässige, übergroße Strickjacke. Ich sehe an mir hinunter. Seltsamerweise fühlen sich die Klamotten echt gut an.

Ich werfe einen schnellen Blick auf meinen Nachttisch. Ich bin auf der Suche nach meinem Handy, doch dann schürze ich die Lippen (und frage mich, ob ich im Schlaf ebenfalls die Lippen schürze und wie seltsam das aussehen muss, falls mich gerade jetzt jemand beobachtet). Das hier ist 1993. 1993 hatte ich noch kein Mobiltelefon, und eigentlich auch sonst niemand, abgesehen von ein paar Geschäftsmännern. Lächelnd denke ich an die ersten ziegelsteingroßen Geräte. Statt meines Handys leuchtet mir die Zeitanzeige meines Radioweckers entgegen. Zehn nach acht.

Ich mache mich auf den Weg ins Erdgeschoss, um nachzusehen, was sonst noch so los ist.

Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass sie drei Tage lang geweint hat, als ich ausgezogen bin. Und ich habe ihr kein Wort geglaubt. Meine Mutter weint nicht oft. Sie ist viel zu beschäftigt damit, sich ständig um alle zu kümmern, um sich gehen zu lassen. Es erschien mir einfach untypisch für sie.

Ich steige die Treppe hinunter, spähe in die Küche und beschließe, Mum noch ein wenig zu beobachten, bevor sie mich entdeckt. Sie wirkt so jung. Ihre Haare sind nicht grau, sondern dunkelbraun, und sie ist schlanker. Sie trägt eine Bluse anstatt der Pullover von Marks & Spencer, in denen sie mittlerweile ständig herumläuft. Sie sieht so hübsch aus. Ich habe vollkommen vergessen, dass sie einmal so aussah. Im Hintergrund dringt eine Stimme aus dem Radio. Mum räumt die Spülmaschine aus, zwischendurch tupft sie sich immer wieder mit einem Taschentuch die Augen ab. Mein Herz geht vor Liebe zu ihr über.

Dann stürmt Becky die Treppe herunter und bricht den Bann.

»Was stehst du hier so rum?«, fragt sie. Ich starre sie an, unfähig, ihr zu antworten. Wenn ich Becky mittlerweile sehe, bin ich jedes Mal schockiert, wie erwachsen sie aussieht. Sie ist vier Jahre jünger als ich und war für mich immer meine kleine Schwester, und sie als Erwachsene zu sehen bringt mich jedes Mal aus der Fassung. Das hier ist die Becky, die ich dann stets vor mir sehe. Wenn Becky mich sehen kann, denke ich jäh, dann bedeutet das, dass mein Traum real ist. Ohne meine Antwort abzuwarten, poltert sie an mir vorbei in die Küche. »Muuum? Wo sind meine Hockey-Klamotten?«, jammert sie.

Meine Mutter richtet sich auf. »Dort drüben, Liebes«, antwortet sie und deutet auf einen ordentlich gebügelten Stapel Sportshirts und -hosen auf der Arbeitsplatte. Mein Gott, sie hat wirklich die Geduld einer Heiligen. Als Mum mich sieht, lächelt sie. »Hallo, Schätzchen. Alles bereit?«

Sie sieht mich also ebenfalls. Gut. Ich atme tief ein und schenke ihr ein zögerliches Lächeln. Normalerweise hätte ich ihr eine flapsige Antwort gegeben, wie etwa: Klar, ich kann es kaum erwarten, von hier zu verschwinden. Doch nachdem ich gesehen habe, wie niedergeschlagen sie ist, bringe ich es einfach nicht übers Herz.

»Ja, alles fertig gepackt«, antworte ich, und zum ersten Mal fallen mir Mums verquollene Augen auf.

Ich gehe zu ihr und umarme sie. Sie scheint überrascht und braucht ein paar Sekunden, ehe sie darauf reagiert. Ich nehme ihre nach Maiglöckchen duftende Seife wahr, und Nostalgie überkommt mich. Wie einfach das Leben damals war. Wäre es doch nur noch immer so. Wäre meine einzige Sorge doch immer noch nur die, dass ich bald mein Zuhause verlassen und neue Freunde finden und mir lediglich selbst überlegen müsste, was ich zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen wollte.

Ich löse mich von meiner Mutter und sehe, wie sie kaum merklich die Stirn runzelt. Vermutlich fragt sie sich, warum ich sie umarmt habe. Mein Teenager-Ich hätte so etwas nie getan – ich war viel zu beschäftigt mit mir selbst, um mir darüber Gedanken zu machen, ob Mum vielleicht traurig war. Ich hätte sie wohl eher ignoriert und ihre sauber aufgeräumte Küche verunstaltet, als kurz innezuhalten und sie zu umarmen, weil sie traurig aussah.

Es ist ziemlich schwierig, sich wie ein Teenager zu verhalten, merke ich. Ich bin einfach nicht mehr das Mädchen von damals. Aber ich werde es wohl versuchen müssen.

Ich gehe zur Spüle und fülle Wasser in den Wasserkocher.

»Tee?«, frage ich in den Raum.

»Ja bitte, Liebes.«

»Yep«, sagt Becky schmatzend. Sie steht vor dem Regal mit dem Müsli und schaufelt es sich direkt aus der Schachtel in den Mund, als wäre sie halb verhungert.

Ich stelle den Herd an und lasse mich dann schwer am Tisch nieder, während ich darauf warte, dass das Wasser zu kochen beginnt.

»Wo ist Dad?« Ich kann es nicht erwarten, ihn wiederzusehen.

»Er ist bloß schnell raus, um die Zeitung zu holen.«

Meine Mutter zeichnet Anführungszeichen in die Luft. Wir wissen alle, was es bedeutet, wenn Dad »die Zeitung holt«: Er geht raus, um eine Zigarette zu rauchen. Er riecht danach, wenn er wiederkommt, doch wir tun alle so, als wüssten wir es nicht, und Dad ebenfalls. Ich weiß gar nicht, warum wir uns überhaupt die Mühe machen. Ich verdrehe die Augen und sehe Mum zu, die in der Küche hin und her flitzt. Sie zieht Schubladen auf, wischt imaginäre Krümel von der Arbeitsplatte und kehrt Müsli vom Boden unter Beckys Füßen auf.

»Du musst nicht hinter ihr herräumen, das kann sie durchaus allein.« Ich deute mit dem Kopf auf die Müslispur, die Becky hinter sich herzieht wie Hänsel und Gretel.

»Halt die Klappe.« Becky ist sauer.

»Schon gut, Liebes. Es macht mir nichts aus. Ich putze ohnehin.«

»Aber …«

Ich unterbreche mich. Ich kann einfach nicht zusehen, wie Mum wie ein Dienstmädchen behandelt wird, doch mir ist nur allzu bewusst, dass ich mich einmal genauso verhalten habe, weshalb ich mir auf die Zunge beiße. Stattdessen stehe ich auf und brühe den Tee auf. Ich gebe etwas Milch in die Becher, Süßstoff für Mum, einen Löffel Zucker für Becky.

»Willst du etwas frühstücken, Liebes?«

Mein Kopf schmerzt, und ich reibe ihn sanft.

»Nein danke. Ich nehme meinen Tee mit hinauf und packe noch den Rest.«

»In Ordnung. Dann sehen wir uns später. Aber lass dir nicht zu lange Zeit, Dad will bald losfahren.«

Ich nicke und gehe nach oben, wo ich meinen Tee sachte neben mein Bett stelle. Dann lege ich mich wieder hin. Ich muss einen Moment nachdenken.

Ich habe keine Ahnung, wie viel ich von diesem Tag noch einmal erleben werde, doch es ist seltsam zu wissen, was als Nächstes passieren wird. In ein paar Stunden werden Mum, Dad und ich meine wenigen Habseligkeiten in unser Auto packen, Becky, die zu Hause bleiben darf, um zum Hockeytraining und anschließend mit ihren Freunden in der Stadt essen zu gehen, zum Abschied zuwinken und schließlich nach Newcastle aufbrechen. Dort angekommen, wird mein Herz beim Anblick der fremden Straßen wie wild zu hämmern beginnen, wir werden zusammen das Auto ausladen, und ich werde allein zurückbleiben. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich auf mich gestellt sein. Da sind nur meine neuen Mitbewohner.

Und in diesem Augenblick trifft mich die Erkenntnis wie ein Blitz und raubt mir den Atem. Ich kann nicht glauben, dass ich so lange gebraucht habe, um mich zu erinnern.

Heute habe ich – zumindest in meinem alten Leben – Ed kennengelernt. Meinen Ed, um den ich die letzten zwei Monate getrauert habe, dessen Tod mich innerlich gebrochen, vollkommen verloren und wütend zurückgelassen hat.

Ich rolle mich zur Seite, halte meinen Bauch fest umklammert und atme nur noch stoßweise.

Bedeutet das tatsächlich, dass … Ich traue mich kaum, den Gedanken zu Ende zu denken.

Bedeutet das tatsächlich, dass ich die Chance erhalten werde, ihn wiederzusehen? Nachdem ich zwei Monate um ihn getrauert habe und das Gefühl hatte, mir würde das Herz aus der Brust gerissen? Nachdem ich ständig davon geträumt habe, seine Bartstoppel zu berühren, ihm die Haare aus dem Gesicht zu streichen, meine Arme um seinen gebräunten Nacken zu schlingen und ihn an mich zu drücken?

Mir wird schwindlig, wenn ich daran denke.

Ich kann es kaum glauben, und dennoch kann ich es kaum erwarten.

Das Rumpeln des Autos hat mich wohl derart müde gemacht, dass ich eingeschlafen bin, denn als ich die Augen öffne, hat Dad bereits den Motor abgestellt, und Mum dreht sich auf dem Beifahrersitz um, um mich anzulächeln. Ich lächle zurück.

Dann trifft mich die Erkenntnis erneut mit voller Wucht.

»Alles in Ordnung, Liebes? Du siehst furchtbar blass aus.«

Ich setze mich auf, wische mir den Speichel aus dem Mundwinkel und nicke.

»Ja, klar, ich bin bloß eingeschlafen, entschuldigt.«

Dad gibt ein missbilligendes Geräusch von sich. »Das ist ja mal was ganz Neues.«

»John, lass sie doch in Ruhe.«

»Was denn? Sie ist ein Teenager. So etwas machen Teenager nun mal.« Dad deutet mit dem Kopf aus dem Fenster. »Sieh mal, das ist dein neues Zuhause.«

Ich werfe einen Blick auf das kleine Haus, in dem ich während des kommenden Jahres wohnen werde. Es ist mir so vertraut wie mein eigenes Gesicht, und ich muss unwillkürlich lächeln.

Die altersschwache Tür des Reihenhauses steht offen, und wir steigen gerade aus dem Auto, als eine Frau aus dem Haus tritt und uns entgegenkommt.

»Hallo …?«, beginnt sie und hält Dad mit einem freundlichen Lächeln die Hand entgegen.

»John«, antwortet Dad und schüttelt ihre Hand. »John Morgan. Und das ist meine Frau Sandra.«

Sie schütteln sich ebenfalls die Hände, dann wendet sich die Frau an mich. »Und du musst Zoe sein«, vermutet sie und reicht mir ebenfalls die Hand. »Ich bin Janes Mum Cara. Schön, dich kennenzulernen.«

»Hallo«, murmle ich und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich sie bereits kenne.

Wir bringen meine Sachen ins Haus und verstauen sie erst einmal im ersten Zimmer, an dem wir vorbeikommen.

»Ich mache mich einmal auf die Suche nach dem Teekessel«, erklärt meine Mutter und reißt das Klebeband von einem der Kartons.

»Das ist nicht notwendig, ich habe bereits eine Kanne gekocht«, erwidert Cara und führt uns alle in die Küche.

Während meine Eltern sich mit Cara unterhalten, schleiche ich mich die Treppe hoch, um mich ein wenig umzusehen, bevor die anderen ankommen. Als ich einen Blick in das zweite Schlafzimmer werfe, stockt mir kurz der Atem. Die junge Frau mit dem schwingenden Pferdeschwanz, die dort mit dem Rücken zu mir steht und gerade ihre Jeans in ihrem Schrank verstaut, ist mir so vertraut. Sie dreht sich zu mir um, und ein Lächeln breitet sich auf ihrem bemerkenswert jungen, hübschen Gesicht aus.

»Hey, ich bin Jane. Und du musst Zoe sein. Komm rein und setz dich. Falls du irgendwo eine freie Stelle findest.« Sie schiebt einen Stapel Klamotten beiseite, um etwas Platz zu machen, und ich setze mich und versuche, mir darüber klar zu werden, was man zu jemandem sagt, den man genauso gut kennt wie sich selbst, den man aber vorgeblich gerade zum ersten Mal sieht. Mein Gott, ich wünschte wirklich, es gäbe eine Gebrauchsanweisung für das hier. Das würde die Sache erheblich vereinfachen.

»Es ist schön, dich endlich kennenzulernen«, erkläre ich schließlich, während ich unsicher auf der Bettkante des Einzelbettes balanciere.

»Gleichfalls. Ich hatte gehofft, dass du als Erste ankommst.«

Gut, genau so sollte es sein. Die anderen sind noch nicht hier. Ich sehe mich in dem Zimmer um und lächle. »Dann sind wir also die einzigen beiden Mädchen hier. Wann kommen denn die Jungen?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung, ich hoffe nur, es sind keine Axtmörder.« Sie zwinkert mir zu, und ich grinse, und einen Moment lang löst sich der Knoten in meiner Brust. Das hier ist Jane, meine beste Freundin seit zwanzig Jahren, und es besteht kein Grund zur Sorge. »Wie heißen sie noch mal?«

»Rob, Simon und Ed«, antworte ich viel zu schnell. Beim letzten Namen bricht meine Stimme.

Janes Lächeln gerät kurz ins Wanken, doch schon Sekunden später strahlt sie wieder. »Glaubst du, wir werden mit einem von ihnen knutschen? Du weißt schon, eine dieser Romanzen unter Mitbewohnern, die sowieso bald scheitert, sodass es dann das ganze restliche Jahr über total eigenartig ist? So was gibt’s ständig, oder nicht? Ich glaube, das ist Gesetz.«

Meine Wangen brennen. »Ja, das ist praktisch vorprogrammiert.«

Jane quetscht sich vollkommen unbeirrt von meinem Mangel an Begeisterung neben mich auf das Bett und redet weiter. »Ich weiß, das ist jetzt vollkommen klischeehaft, aber was studierst du eigentlich? Ich habe mich für Schauspiel entschieden. Meine Eltern wollen zwar, dass ich einen ›angemessenen‹ Kurs besuche, aber für alles andere bin ich nicht clever genug. Und ich denke, es könnte recht lustig werden.«

»Französisch und Marketing.« Das klingt natürlich vollkommen langweilig, und ich habe das Gefühl, es näher erklären zu müssen. »Ich dachte, es könnte nicht schaden, noch eine Sprache zu beherrschen und etwas zu studieren, das man … du weißt schon … später auch im Beruf gebrauchen kann.« Ich zucke mit den Schultern.

»Dieses Mädchen hat Ambitionen. Das gefällt mir.« Sie nimmt einen Pullover von dem Stapel Klamotten und beginnt, ihn zu falten. »Also, was gibt es sonst noch über dich zu erzählen? Musik, Filme, Hobbys? Freunde? Bist du vielleicht eine lesbische Karatemeisterin mit einer Vorliebe für Jazz?«

»Mein Gott, wenn ich bloß so interessant wäre!« Ich muss lachen. »Nö, ich bin eigentlich ziemlich langweilig. Ich stehe auf Rock …« Zum Beweis werfe ich einen Blick auf mein Outfit. »Außerdem bin ich eine ziemliche Streberin, und mein Lieblingsfilm ist Zurück in die Zukunft, weil ich es echt cool fände, in die Vergangenheit zu reisen.« Ich halte inne, als mir die Bedeutung meiner Worte bewusst wird. »Und nein. Ich habe keinen Freund. Und auch keine Freundin.« Natürlich hatte ich schon einige Freunde gehabt, aber es fühlte sich falsch an, jetzt über sie zu sprechen. »Und du?«, frage ich.

»Da gibt es ehrlich gesagt nicht viel zu erzählen. Mum und Dad sind der Meinung, ich hätte meine Jugend mehr oder weniger vergeudet, weil ich zu viel Zeit trinkend im Park verbracht und zu wenig für meine Abschlussprüfungen gepaukt habe, aber das ist okay, denn immerhin bin ich jetzt hier, und sie können stolz auf mich sein.« Sie verdreht die Augen. »Ich hatte einen Freund namens Rich, doch er ist nach Plymouth gegangen, und ich habe ihm gesagt, dass es nicht viel Sinn hat, wenn wir zusammenbleiben, weshalb ich ihn wohl nie wiedersehen werde. Aber so habe ich wenigstens die Chance, ein paar nette, gut aussehende Rugby-Spieler abzustauben, während ich hier bin.« Sie grinst verschlagen, doch bevor ich noch die Gelegenheit habe, ihr zu antworten, hören wir jemanden schweren Schrittes die Treppe hochpoltern.

Mein ganzer Körper versteift sich, auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht Ed ist. Sekunden später taucht ein Kopf in der Tür auf, und mein Blick fällt auf ein hübsches Gesicht umrahmt von dichtem schwarzem Haar. Es ist Rob, und bei seinem Anblick weicht die Anspannung aus meinem Körper.

»Darf ich mich zu euch gesellen, oder ist das hier eine reine Frauenveranstaltung?«, fragt er und betritt das Zimmer.

»Nein, komm rein«, erwidert Jane. »Und wer von den dreien bist du?«

Rob grinst. »Ich bin Rob«, antwortet er. »Der Gutaussehende.«

Ich muss lächeln. Rob sieht tatsächlich sehr gut aus – aber er ist ein totaler Frauenheld und wird noch vor Ende des ersten Monats mit der Hälfte der Studienanfängerinnen geschlafen haben. Außerdem ist er nicht Ed.

»Freut mich, dich kennenzulernen, mein Hübscher«, erkläre ich. Er lässt sich neben mir auf die Bettkante sinken und streckt die Beine aus.

Während Jane und Rob sich miteinander unterhalten, sehe ich mich im Zimmer um. Mein Blick fällt auf die schwarzen Stellen in der Ecke, wo die Feuchtigkeit sich ins Mauerwerk gefressen hat, auf die Flecken an der Wand und die abgerissene Tapete, dort, wo früher Poster befestigt gewesen sein müssen. Ich denke darüber nach, wie surreal sich dieser Tag entwickelt hat.

Aus welchem Grund auch immer bin ich plötzlich im Jahr 1993 und erneut achtzehn Jahre alt. Ich habe keine Ahnung, ob das hier nur diesen einen Tag oder länger andauert. Im Moment ist es mir allerdings egal, denn ich kann nur an eines denken: Ed. Wenn dieser Tag so verläuft wie beim ersten Mal – und das war bis jetzt der Fall, weshalb ich keinen Grund sehe, warum es sich noch ändern sollte –, dann werde ich Ed schon bald wiedersehen.

Aber es wird nicht der Ed sein, den ich mittlerweile kenne. Es wird der Ed sein, den ich damals kennenlernte. Ein junger, sexy und ein wenig arroganter Ed, den ich zwar mochte, in den ich mich aber nicht sofort verliebte. Ich wurde bei seinem Anblick nicht vom Blitz getroffen, und es gab auch keine elektrische Spannung, die durch den Raum schoss. Es gab nur ein ganzes Leben voller Möglichkeiten, das vor uns lag.

Dieses Mal wird es vermutlich ungeheuer schwer – vielleicht sogar unmöglich –, so zu tun, als hätte ich ihn noch nie gesehen. Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt und auch gehasst. Ich habe ihn in meinen Armen gehalten, ihm Trost gespendet, mich mit ihm gestritten, ihn verloren und um ihn getrauert. Wie soll ich es nach alldem schaffen, das hier zu überstehen? Ich habe keine Ahnung.

»Was meinst du?« Ich zucke zusammen, und mein Blick fällt auf Jane und Rob, die mich abwartend ansehen.

»Tut mir leid, ich war gerade mit den Gedanken woanders. Was habt ihr gesagt?«

»Sollen wir vielleicht in einen Pub?«, fragt Rob. »Auf ein schnelles Pint, bevor die anderen ankommen?«

»Gute Idee.« Ich muss mir tatsächlich noch etwas Mut antrinken, um die nächsten paar Stunden zu überstehen. Ein Drink wäre jetzt genau das Richtige. Schnell stehe ich auf. »Ich bringe nur meine Sachen in mein Zimmer, bevor meine Eltern nach Hause fahren.«

Wir laufen die Treppe hinunter, um uns zu verabschieden, Dad bringt meine Taschen und Kisten in das Zimmer neben Janes.

»Pass auf dich auf, Liebes.« Mum umarmt mich innig, und ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. »Ruf an, und komm bald einmal nach Hause.«

»Aber nicht zu bald, denn ich habe vor, dein Zimmer zu vermieten.«

Dad lächelt und umarmt mich kurz, dann fahren die beiden nach Hause und überlassen mich meinem neuen Leben. Ich werde es schaffen. Ich kann wieder ein Studentenleben führen. Es ist immerhin nur ein Tag – vielleicht sogar der Tag, auf den ich gehofft habe, seit mir Ed genommen wurde.

»Okay, gehen wir«, erkläre ich, atme tief ein und setze ein gespieltes Grinsen auf, bevor wir uns zu dritt auf den Weg machen.

Als wir die Schwingtür aufdrücken, packt mich vollkommen überraschend erneut die Nostalgie. Es ist lange her, seit ich zum letzten Mal hier war, und die Erinnerungen überschwemmen mich geradezu. Ich sehe Ed am Billardtisch, die Stirn hochkonzentriert in Falten gelegt, während er versucht, die schwarze Kugel einzulochen. Ein halb geleertes Pint steht auf der Tischkante. Ich erinnere mich, dass Jane einmal so betrunken war, dass sie vom Stuhl fiel und sich in einer Ecke zusammenrollte, um ein Nickerchen zu machen. Ich höre No Rain von Blind Melon aus der Jukebox dringen und erinnere mich, wie wir sie unablässig mit Münzen befüllt haben, um unsere Lieblingssongs zu spielen. Und trotz der vollkommen absurden Situation und der Vorahnung dessen, was noch kommen wird, spüre ich plötzlich eine Wärme in mir hochsteigen. Ich verbringe mit meinen ältesten Freunden, die ich doch eigentlich gerade erst kennengelernt habe, den Nachmittag …

Drei Stunden später befinden wir uns wieder im Haus. Mittlerweile ist auch Simon angekommen, und nach einer kurzen Vorstellung machen wir uns daran, die Küchenschränke zu inspizieren. Wir teilen uns eine Flasche billigen Wein, den wir auf dem Nachhauseweg mitgenommen haben. Er schmeckt wie Abbeizmittel, doch er nimmt mir noch ein wenig mehr von meiner Angst.

Draußen wird es bereits dunkel, und ich weiß, was das bedeutet: Ed wird bald kommen. Ich spüre, wie sich der Knoten in meiner Brust noch weiter zusammenzieht.

Ich habe die Tatsache, dass ich Ed nie wiedersehen werde, noch nicht richtig akzeptiert, aber irgendwo, tief im Inneren, weiß ich, dass es wahr ist, und ich habe große Angst davor, dass seine Gesichtszüge in meiner Erinnerung langsam zu verschwimmen beginnen, egal wie verzweifelt ich auch versuche, mich daran zu klammern. Ich kann die Konturen seines Gesichts mit den Fingerspitzen nachzeichnen, doch ich kann mich nicht mehr an die genaue Form seiner Augen erinnern, an den exakten Schwung seiner Nase oder seiner Lippen, und das macht mich verrückt. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ihn vor all diesen Leuten zum ersten Mal wiederzusehen. Wie soll ich ihn ansehen, ohne die Hand nach ihm auszustrecken, um ihn zu berühren, oder schlimmer noch, ohne mich in seine Arme zu werfen?

Die Zeiger der Plastikuhr über der Spüle ticken monoton vor sich hin, der Wasserhahn tropft unablässig. Ich spüre, wie meine Hände feucht werden, und fühle mich benommen. Die Stimmen der anderen sind nur noch ein Murmeln im Hintergrund, das ich vollkommen ausblende. Stattdessen konzentriere ich mich nur noch auf das Ein- und Ausatmen, das stetige Heben und Senken meiner Brust und das eindringliche Klopfen meines Herzens. Ich will das alles hier so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Und dann klopft es wie als Antwort auf meine Gebete an der Tür, und ehe noch jemand die Gelegenheit hat, sie zu öffnen, schwingt sie auch schon auf, und da steht Ed mit einem strahlenden Lächeln vor uns.

Blut rauscht in meinen Ohren, ich habe das Gefühl, ohnmächtig zu werden.

Um mich herum versinkt alles in hektischer Aktivität. Die anderen springen auf, um ihn zu begrüßen, doch ich bleibe stocksteif sitzen und halte meinen Blick auf einen Punkt neben seinem Kopf gerichtet, weil ich zu große Angst habe, ihn direkt anzusehen. Natürlich muss ich irgendwann genau das tun, und als ich mich zwinge, in seine Richtung zu blicken, ist es, als würde mir jemand einen Schlag in die Magengrube verpassen. O Gott. Er ist es tatsächlich. Er ist tatsächlich hier.

Ich stehe auf, bewege mich langsam um den Stuhl herum, klammere mich fest daran, in der Hoffnung, er würde mich stützen. Dann betrachte ich Ed erneut. Ich versuche, jeden Zentimeter von ihm in mich aufzunehmen. Sein dunkelblondes Haar fällt ihm in die leuchtend blauen Augen, und er streicht es immer wieder mit der Hand zur Seite, eine Geste, die mir so vertraut ist, dass es wehtut. Er sieht so jung aus, ich kann gar nicht glauben, dass ich mich nicht sofort in ihn verliebt habe, als wir uns das erste Mal sahen.

Ich habe das Gefühl, mein Herz würde mir herausgerissen, sodass es all meine neuen Freunde sehen können. Ich liebe diesen Mann, und dennoch bricht mir gerade das Herz, denn er ist für immer gegangen. Ich weiß, dass das hier womöglich die einzige Gelegenheit ist, ihn noch einmal wiederzusehen, und doch kann ich ihm nicht sagen, was ich empfinde.

Zumindest nicht mit Worten.

Er wird es sicher sofort erkennen, sobald er mir in die Augen sieht, nicht? Er wird sicher alles darin sehen, was wir seit genau diesem Moment miteinander geteilt haben? Es ist unmöglich, dass er die Verbindung zwischen uns nicht spürt. Ich muss dafür sorgen, dass das hier ein besonderer Moment wird, denn es könnte die einzige Chance sein, die ich bekomme.

Also atme ich tief ein, wische mir die Hand an meinem Kleid trocken und strecke sie ihm entgegen, in der Hoffnung, dass sie nicht allzu sehr zittert.

»Hallo, ich bin Zoe«, sage ich. »Schön, dich kennenzulernen.«

Und dann nimmt er meine Hand, und die Welt um mich explodiert.

»Gleichfalls«, antwortet er mit seiner tiefen Stimme, die bis in mein Herz dringt. Ich halte seine Hand einen Moment länger als unbedingt notwendig, und spüre, wie seine Wärme unter meine Haut dringt. Er spürt es ebenfalls, das weiß ich ganz genau, und ich sehe ihm tief in die Augen. Doch dann wird der Bann von einem weiteren Klopfen unterbrochen, und er entzieht mir seine Hand und wendet sich zu der Person um, die durch die Tür hereinspäht. Ein Lächeln legt sich auf Eds Gesicht, beschützend legt er den Arm um die Schulter der Frau, zieht sie an sich und sieht sie voller Liebe an. Sie ist groß, elegant und modisch gekleidet, und ihre Augen leuchten warm. Es ist offensichtlich, dass sie Ed vergöttert und dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht. »Also, hört alle her, das ist meine Mutter. Mum, das sind meine Mitbewohner.« Er deutet mit einer königlichen Armbewegung quer durch den Raum, und wir geben zur Begrüßung ein Murmeln von uns. Ich kann jedoch nur an Eds Beerdigung denken, an den Moment, in dem ich neben Susan saß und zusah, wie sich der Vorhang um seinen Sarg schloss, während wir uns in Trauer vereint umarmten. »Meine Mutter wollte nur sichergehen, dass ich mich auf dem Weg hierher nicht verlaufe. Stimmt’s, Mum?«

Susan senkt den Kopf und lächelt entschuldigend. »Ja, es tut mir wirklich leid, wenn ich Ed hier in eine peinliche Lage bringe, aber wisst ihr, ich musste einfach wissen, ob es meinem kleinen Jungen in seinem neuen Zuhause gut geht.«

Sie grinst, als Ed aufstöhnt, aber ich weiß, dass er in Wahrheit froh ist, sie bei sich zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war sie die einzige Frau in seinem Leben, die er wirklich liebte.

»Du bleibst nicht lange, Mum, stimmt’s?«

»Nein, keine Sorge. Ich will dir nicht den guten Ruf ruinieren.« Sie wirft einen schnellen Blick auf die Weinflasche auf dem Tisch. »Und ich glaube auch nicht, dass mein Magen abgehärtet genug für das da ist.« Ed verdreht erneut die Augen, und sie grinst. Es ist dasselbe spitzbübische Grinsen, das er immer aufsetzt, wenn er glaubt, besonders komisch zu sein. »Entschuldigt bitte, aber ich denke, ich gehe jetzt besser, bevor er mich noch umbringt.« Sie wirft sich ihre Handtasche über die Schulter und gibt Ed einen Kuss, und mein Magen zieht sich vor Eifersucht zusammen. Ich würde alles dafür geben, ihn jetzt küssen zu dürfen. Doch ich habe bereits einiges gelernt. Ich werde noch warten müssen.

»Es war nett, euch alle kennenzulernen«, erklärt Susan, bevor Ed mit ihr die Küche verlässt, um sie hinauszubegleiten. Ich beschwöre mein Herz, langsamer zu schlagen, während sich die Unterhaltung um mich herum wieder normalisiert. Für alle anderen ist es nur ein ganz normaler Tag, wenn auch ein aufregender. Was würden sie wohl sagen, wenn sie wüssten, was ich gerade durchlebe?

»Geht es dir gut? Du siehst blass aus.« Jane runzelt besorgt die Stirn und zieht an ihrer Zigarette.

Ich lächle schwach und wedle mir den Rauch vom Gesicht. »Alles okay. Nur ein wenig betrunken, denke ich.«

»Ha! Dabei haben wir noch nicht einmal richtig angefangen. Etwas mehr Ausdauer, Mädchen!« Sie behält die Zigarette im Mund, während sie zur Spüle geht, einen Becher ausspült, ihn mit Wasser füllt und ihn mir an den Tisch bringt. »Hier, trink das.«

Ich nehme den Becher, hoffe, dass sie nicht merkt, wie stark meine Hand zittert, und stürze das Wasser in einem Zug hinunter.

»Besser?«

Ich nicke. »Danke.«

»Gut. Und jetzt noch etwas Wein.« Sie gießt das warme, billige Gesöff in mein Glas und grinst.

Ed kommt wieder in die Küche und beginnt, in seinem Rucksack zu kramen. Ich weiß, wonach er sucht, schließlich zieht er tatsächlich eine Flasche Wodka hervor.

»Also gut. Hat irgendjemand Lust auf einen ordentlichen Drink?«

Alle jubeln begeistert, und ich stöhne. Ich will diese Momente zu etwas Besonderem machen, doch wenn ich zu betrunken bin, kann ich mich morgen womöglich gar nicht mehr daran erinnern. Allerdings will ich auch nicht wie eine Spielverderberin wirken, denn immerhin haben mich diese Leute erst heute kennengelernt.

Die Gläser werden gefüllt − es gibt zwar kein Eis, aber jemand hat eine Flasche Cola aufgetrieben und verteilt. Ich nehme meinen Drink entgegen und mustere die Gesichter meiner Mitbewohner, die sich an den Tisch gesetzt haben. Krampfhaft versuche ich, nicht in Richtung des Mannes zu starren, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebe.

»Cheers.« Ed hebt sein Glas und sieht mich an. Ich spüre, dass sein Blick in mich dringt, und mein Gesicht beginnt zu brennen. Ich hebe ebenfalls mein Glas und stoße mit ihm an, ehe er schließlich den Blick abwendet. Mein Herz klopft so schnell, dass es sich anfühlt, als würde ich jeden Moment von meinem Stuhl abheben.

Wir trinken, lachen und unterhalten uns den ganzen Abend lang, die Zeit vergeht wie im Flug. Irgendwann ist es Zeit, zu Bett zu gehen. Ich will noch nicht schlafen. Ich habe keine Ahnung, wie es am kommenden Morgen weitergeht. Ich weiß nicht, ob ich Ed wiedersehen werde oder ob das hier nur eine einmalige Sache war, deshalb will ich meine Augen jetzt einfach noch nicht schließen. Doch ich bin müde und betrunken, und ich weiß, ich habe keine andere Wahl. Egal, wie lange ich wach bleibe, dieser Tag wird nicht ewig dauern.

»Gute Nacht«, ruft Ed, als wir das Ende der Treppe erreicht haben.

»Gute Nacht, mein Liebling.«

»Hey, ist das nicht ein wenig übereilt?«

Ich zucke zusammen und verstecke meine roten Wangen unter meinen Haaren. »Entschuldige, ich bin wohl ziemlich betrunken. Gute Nacht, Edward. Es ist mir eine Freude, dich kennengelernt zu haben.« Ich strecke ihm meine Hand entgegen, und er ergreift sie und drückt sie sanft. Seine Berührung lässt mich erzittern.

»Die Freude ist ganz meinerseits, Zoe.«

Und dann lässt er mich los, schließt seine Tür hinter sich und ist verschwunden.

Zwei

22. Juli 1994

Die ersten paar Sekunden nach dem Aufwachen sind vorüber, und der quälende Schmerz, der mich jedes Mal überkommt, wenn mir alles erneut bewusst wird, verdichtet sich zu einem kummervollen Brummen.

Doch auch die Erinnerung daran, wie ich Ed wieder getroffen und berührt habe, ist noch sehr lebendig, und ich will unbedingt wissen, ob es heute wieder geschieht, ob ich mich erneut in der Vergangenheit befinde. Also atme ich tief ein, öffne die Augen, setze mich auf und sehe mich um. Als Erstes fällt mein Blick auf eine Gestalt auf der anderen Seite meines Doppelbettes. Es ist die noch immer äußerst junge Jane, die sich wie ein Baby zusammengerollt hat und tief und fest schläft. Sie ist vollständig bekleidet, ihre Haare wirken verfilzt. Ich beachte sie nicht weiter, sondern sehe mich stattdessen im Zimmer um. Es handelt sich um mein Schlafzimmer in meinem zweiten Jahr an der Uni. Es ist dasselbe Zimmer, in dem ich, als ob es »gestern« gewesen wäre, meine Sachen ausgepackt habe, doch mittlerweile hängen Poster meiner Lieblingsbands an den Wänden: Pop Will Eat Itself, Soundgarden, Red Hot Chili Peppers. Auf einem Stuhl in der Ecke liegt ein riesiger Haufen Klamotten, neben meiner Stereoanlage sind zahllose CDs verstreut. Etliche andere befinden sich ordentlich sortiert im CD-Ständer.

Ich fühle mich ein wenig schwindlig und bleibe noch einen Moment sitzen, um mir darüber klar zu werden, was ich als Nächstes tun soll. Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht, welchen Tag ich bald noch einmal erleben werde, aber ich bin mir sicher, dass ich es schon sehr bald herausfinden werde. Ich schwinge meine Beine aus dem Bett und versuche, Jane nicht zu wecken. Der Teppich unter meinen Füßen fühlt sich rau an, Staubpartikel schweben in den Sonnenstrahlen, die durch die hauchdünnen Vorhänge fallen. Ich steige über den Stapel CDs, sorgsam darauf bedacht, nicht auszurutschen, und öffne den Schrank. An der Rückseite hängt ein Spiegel, und ich versuche, mir nicht allzu viele Gedanken zu machen, bevor ich einen Blick hineinwerfe.

Meine Haare sind zu Zöpfen geflochten. Sie sind schwarzbraun gefärbt und reichen mir bis über die Schultern. Meine Augen sind mit schwarzem Make-up und silbernem Glitzer geschminkt, meine Haut sieht so weich und glatt aus wie Porzellan. Ich kann keine einzige Falte entdecken, obwohl ich offenbar eine aufregende Nacht hinter mir habe. Ich trage ein übergroßes T-Shirt, meine schlanken weißen Beine ragen darunter hervor. Ich entdecke einen Bluterguss auf meinem Schienbein, klein, aber ziemlich dunkel und mit einem gelben Rand − keine Ahnung, wie ich mir den zugezogen habe. In meiner Nase steckt ein silberner Ring, und in meinem linken Ohr entdecke ich vier silberne Ohrstecker. Ich lächle. Ich habe meine Piercings geliebt, und ich vermisse sie. Und ich vermisse es auch ein wenig, mich so zu kleiden wie damals.