Aus meinen Schriften - Bogumil Goltz - ebook

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Bogumil Goltz

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Opis

Bogumil Goltz war ein westpreußischer humoristisch-pädagogischer Schriftsteller. Dieser Band bietet das Beste aus seinen Werken. Inhalt: Einleitung "Jugendleben" Lebensanfang. "Buch der Kindheit." Kindersonntag. Zur Kinderphysiognomie. Lebensinbrunst und Spielgenie. Warschau von Sonst und von Jetzt. Warschau und die Lebensarten daselbst zu preußischer Zeit. Königsberg und seine Poesie für poetische Leut' Die Komödianten. Puppenspiel im Dorfkruge. Mein Vater. Charakterzüge und Anekdoten. Des Vaters Art mit den Leuten und mit uns. Buch der Gesellschaft Zeitpredigt Der kritische Dummkopf. Der Charaktermensch. Die Bedeutung der Frau Der deutsche Genius Vom Reisen Buch der Ewigkeit. Die Sonne. Die Luft. Das Wort. Der Schmerz Unsterblichkeit Gott Schutzrede für die Menschheit.

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Aus meinen Schriften

Bogumil Goltz

Inhalt:

Bogumil Goltz – Biografie und Bibliografie

Aus meinen Schriften

Einleitung

"Jugendleben"

Lebensanfang.

"Buch der Kindheit."

Kindersonntag.

Zur Kinderphysiognomie.

Lebensinbrunst und Spielgenie.

Warschau von Sonst und von Jetzt.

Warschau und die Lebensarten daselbst zu preußischer Zeit.

Königsberg und seine Poesie für poetische Leut'

Die Komödianten.

Puppenspiel im Dorfkruge.

Mein Vater.

Charakterzüge und Anekdoten.

Des Vaters Art mit den Leuten und mit uns.

Buch der Gesellschaft

Zeitpredigt

Der kritische Dummkopf.

Der Charaktermensch.

Die Bedeutung der Frau

Der deutsche Genius

Vom Reisen

Buch der Ewigkeit.

Die Sonne.

Die Luft.

Das Wort.

Der Schmerz

Unsterblichkeit

Gott

Schutzrede für die Menschheit.

Aus meinen Schriften, Bogumil Goltz

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849617233

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Bogumil Goltz – Biografie und Bibliografie

Humoristischer Schriftsteller, geb. 20. März 1801 in Warschau, gest. 12. Nov. 1870 in Thorn, erhielt seine Bildung in Königsberg und Marienwerder, erlernte 1817–21 in der Nähe von Thorn die Landwirtschaft, hörte darauf an der Universität zu Breslau philosophische und philologische Vorlesungen, war seit 1823 als Landwirt tätig, widmete sich dann zumeist literarischen Arbeiten und ließ sich 1830 in dem Städtchen Gollub nieder, von wo er 1847 nach Thorn übersiedelte. Seine Schriften sind: »Buch der Kindheit« (Frankf. 1847; 4. Aufl., Berl. 1877); »Deutsche Entartung in der lichtfreundlichen und modernen Lebensart« (Frankf. 1847); »Das Menschendasein in seinen weltewigen Zügen und Zeichen« (das. 1850, 2 Bde.; 2. Aufl., Berl. 1867); »Ein Jugendleben, biographisches Idyll aus Westpreußen« (Leipz. 1852, 3 Bde.; 2. Aufl. 1865, 4 Bde.); »Ein Kleinstädter in Ägypten« (Berl. 1853, 3. Aufl. 1877); »Der Mensch und die Leute« (das. 1858,5 Hefte); »Zur Charakteristik und Naturgeschichte der Frauen« (das. 1858, 5. Aufl. 1874); »Zur Physiognomie und Charakteristik des Volkes« (das. 1859); »Die Deutschen, ethnographische Studien« (das. 1860, 2 Bde.; 2. Aufl. u. d. T.: »Zur Geschichte und Charakteristik des deutschen Genius«, 1864); »Typen der Gesellschaft« (das. 1860, 2 Bde.; 4. Aufl. 1867); »Feigenblätter, eine Umgangsphilosophie« (das. 1862–64, 3 Bde.); »Die Bildung und die Gebildeten« (das. 1864, 2. Aufl. 1867); »Die Weltklugheit und die Lebensweisheit mit ihren korrespondierenden Studien« (das. 1869, 2 Bde.); »Vorlesungen« (das. 1869, 2 Bde.). In allen diesen Werken zeigt sich G. als realistischer Sonderling. Wie Rousseau ein Feind der zur Unnatur gesteigerten Kultur, möchte er durch radikale Umgestaltung des Erziehungswesens ein kräftigeres Geschlecht und ein neues geistiges Leben der Menschheit anbahnen. Naturalistisch bis zum Zynischen, leiden seine sprachlich jeanpaulisierend barocken Schriften an künstlerischer Formlosigkeit. In seiner Schilderung virtuoser Kleinmaler, in seiner Beurteilung durchaus moralischer und politischer Rigorist, schwärmt er für patriarchalische Sitte und fühlt sich nur da sympathisch berührt, wo ihm naturwüchsige Kraft und Derbheit entgegentritt. Vgl. Roquette, Siebzig Jahre, Bd. 1 (Darmst. 1894).

Aus meinen Schriften

Einleitung

Ein vergessenes Original! So ist Bogumil Goltz in einem zu seinem hundertsten Geburtstage erschienenen Gedenkartikel von Arnold Wellmer charakterisiert worden.

Aber dieses Original verdient der Vergessenheit entrissen zu werden. Am 20. März 1801 in dem damals preußischen Warschau geboren, hat Goltz fast ein halbes Jahrhundert erst als Landwirt, dann in dem kleinen Landstädtchen Gollub an der westpreußisch-polnischen Grenze verbracht, hat, wie er es nannte, "den besten Teil seines Lebens mit Polen und Juden verträumt." Dann plötzlich tauchte er auf als gefeierter Schriftsteller und Rhapsode, dessen Bücher überall begehrt wurden, nachdem es ihm endlich gelungen war, einen Verleger zu finden für sein "Buch der Kindheit," mit dessen Manuskript er, wie er selbst es bezeichnet hat, lange "hausieren gegangen." Nun verglich man ihn, dem seine eigenartig interessante Persönlichkeit schnell in litterarischen Kreisen erhöhte Geltung und Wirksamkeit verlieh, mit Johann Georg Hamann, dem "Magus im Norden," mit dem Humoristen v. Hippel und gleichzeitig mit Jean Paul. Arnold Wellmer, der in den Anfängen seiner eignen Thätigkeit die Blütezeit des nun vergessenen Originals miterlebt hat, meint jetzt zutreffend: "Einzelne Züge von allen Dreien finden wir in den Büchern von Bogumil Goltz, wenn auch nicht immer die musterhaftesten: das Formlose, Sprunghafte, Zerflatternde in der Darstellung und den Mangel an jener Selbstbeschränkung, in der sich, nach unserm Goethe, der Meister zeigt. Dabei aber auch: lebhafte Phantasie, drastischen Humor, regen Geist, tiefes Gemüt, poetischen Sinn, malerischen, kräftigen, originellen Stil und die seltene Gabe: sich in die Seelenzustände der Menschen zu versenken und sie plastisch vor uns hinzustellen. Er liebt es, sich grübelnd bald in einzelne Menschen zu vertiefen – bald in ganze Völker: und daraus Vergleiche zu ziehen – individualisierend und parallelisierend. Seine Welt ist wie bei Jean Paul und Hippel: das gemütvolle Kleinleben, mit liebenswürdigem Humor gezeichnet, und das ewig Menschliche. Welterschütternde Staatsaktionen und hohe Politik berühren ihn nicht."

Man muß Bogumil Goltz aus seiner Zeit heraus beurteilen, jener Zeit, in der nach dem Ausspruch von Richard M. Meyer noch die Grobheit Charakter und das Schimpfen Stil besaß und nach den Süßigkeiten der "Amaranth" die originelle und wirksame Manier des barock humoristischen, urwüchsigen Autors wie kräftiges Landbrot genossen wurde. Vom Wesen und der Erscheinung des interessanten Mannes giebt Ludwig Pietsch in seinen "Erinnerungen" ein sehr anschauliches Bild. Er erzählt von seiner großen, wuchtig auftretenden, sich leicht vorgebückt haltenden, breitschultrigen Gestalt, dem Kopf mit höchst energisch gezeichneten Formen des glattrasierten Gesichts – damals, um die Mitte der fünfziger Jahre, ließ die ganze Erscheinung noch immer viel eher den Landwirt als den Schriftsteller in Goltz vermuten: "die dichten Brauen pflegte er nach der Nasenwurzel hin scharf und mit dem Ausdruck zorniger Entschlossenheit zusammen zu ziehen, den dünnlippigen Mund nach beiden Ecken hin zu zerren. Die kleinen grauen, tiefliegenden Augen blitzten und sprühten aus den Schatten der überhängenden Brauen hervor, wenn er zu sprechen begann und seine Rede im unverfälschtesten westpreußischen Dialekt, dann fessellos wie ein wilder Bachstrom, bald prächtig rauschend, bald polternd, bald krystallklar, bald Geröll, Kies und schwere Blöcke wälzend, dahinflutete und wirbelte ohne einen Moment des Stockens, der einem anderen die Möglichkeit gewährt hätte, ein Wort der Entgegnung dazwischen zu schieben. Man hörte ihm bald hingerissen und begeistert, bald betäubt und geärgert wortlos zu. Tiefe Weisheitssprüche, verwegene Behauptungen, spannende Erzählungen eigner und fremder Erlebnisse, Naturschilderungen, groteske Vergleiche, grimmige Ausfälle, Verwünschungen und Invektiven, polnische Juden- und westpreußische Dorf- und Kleinstadtgeschichten voll überwältigender Komik, glänzende Schilderungen, ergreifende Herzensergießungen, ästhetische Theorien, kritische und enthusiastische Beurteilungen von Kunstwerken aus alter und neuer Zeit drängten sich, oft in ungeheuerlichen Wortbildungen und Satzformen ausgeprägt, in wirrem Durcheinander von seinen Lippen."

Zu dieser Schilderung finde ich ein interessantes, vielfach noch tiefer greifendes Gegenstück in einer Kritik Friedrich Hebbels über das "Buch der Kindheit" von Goltz. Sie stammt aus dem Jahre 1852. Hebbel hatte Goltz bei einem Mittagsessen im Hause von Ottilie v. Goethe kennen gelernt und erzählt ergötzlich davon: "Ein starkknochiger, etwas hagerer Mann mit durchdringenden Augen, mächtig hervorspringender Nase und einer Stirn, die Eigensinn und Willenskraft zugleich abzuspiegeln schien, perorierte in einem Kreise von erschrockenen Damen und staunenden Herren mit mächtiger Stimme gegen das schöne Italien; seine Garderobe erinnerte an einen Professor aus der ehrwürdigen Zeit, wo Lessing, als er tanzen und fechten lernte, sich gegen seinen Vater darüber verantworten mußte; der Frack schien ein uraltes Erbstück zu sein, und ein weißes Tuch, bis über das Kinn hinauf gebunden, vollendete den urväterlichen Eindruck. Aber seine Gedanken waren nicht alt und bestäubt; in kernigster Sprache entwickelte er eine Reihe der originellsten Ansichten und Ideen; die schlagendsten Ausdrücke, die treffendsten Bilder standen ihm zu Gebote und das Schneidende seiner Äußerungen wurde durch die Unmittelbarkeit ihrer Erzeugung, die das Wägen und Messen ausschließt, doch wieder gemildert. – Mit Italien, was er zuletzt gesehen hatte, war er ganz besonders unzufrieden; natürlich nicht mit dem Lande, mit dem blauen Himmel und den milden Lüften, sondern mit den Menschen und ihren Zuständen. Ging er so weit, daß man sich eine bescheidene Einwendung erlauben zu müssen glaubte, so lautete seine Erwiderung: er erwarte, daß man subtrahieren könne, und setze die vier Species überhaupt bei jedermann voraus. Kreuzte man ihn noch mit einer zweiten Bemerkung, so war er imstande, die Augen wie ein Märtyrer aufzuschlagen und auszurufen: "Gott, Gott, es giebt auf deiner Erde nur einen dummen Kerl, und man kann ihm nicht ausweichen, man trifft ihn vor den Pyramiden, im Kolosseum und überall!" Als man ihm aber das naive Wesen der Italiener vorhielt, meinte er: "die Naivetät des Rebhuhns ist noch größer und dennoch pflegt man es nicht über den Menschen zu erheben; übrigens ist es mir lieber, wenn derjenige, der mich totschlägt, hinterdrein nach alter deutscher Art, vom Gewissen gejagt, davonläuft, als wenn er sich in gut italienischer Manier aus meinem Leichnam ein Kissen macht und sich niederlegt, um sich von der gehabten Anstrengung zu erholen."

Hebbel gewann aber bald die Überzeugung, daß die anscheinende Härte von Bogumil Goltz eben nur aus seiner Angst vor dem zu mächtigen Überströmen des tiefen Gefühls hervorgehe, dessen er sich im Innersten bewußt war. Charakteristisch dafür ist, wie er Hebbel von einem Vorfall auf seiner Nilfahrt Mitteilung macht. Seine Wäsche war gewaschen und auf dem Schiff zum Trocknen ausgehängt, während er schlief. Als er erwachte, sah er, daß die Wäsche vom Wind nach links und rechts entführt worden. "Eine ordinäre Geschichte, nicht wahr?" fuhr er fort. "Der Verlust war in jeder Weise zu ersetzen! Allerdings, bis auf die Erinnerungen! Das alles hatte mein Weib mit emsigen Händen in langen Winterabenden im fernen Norden geschafft und nun sollten die Krokodile es zerreißen!"

Wie sehr die äußere Schroffheit bei Goltz das Produkt seiner inneren Weichheit war, sieht Hebbel sofort bei der Lektüre vom "Buch der Kindheit" bestätigt und sagt nun in seiner Kritik: "– – nur der aus dem Gemüt herauslebende Mensch fühlt ein Bedürfnis und ist imstande, sich wieder in seine Kindheit zu vertiefen; ein anderer läßt sich von seinen Kinderjahren nicht hofmeistern, um Schillers Ausdruck zu gebrauchen. Von welcher Fülle der echtesten Poesie strotzt fast jedes Kapitel! Wenn es jemals einen Dichter gab, der den Pfad zum Paradies der Kindheit zurückfand, so ist es Goltz. Er ist ein Landsmann von Hippel, Hoffmann, Hamann und Kant. Hippel scheint jenen Blick fürs Detail des Stilllebens auf ihn vererbt zu haben, der seinen "Lebensläufen" die klassische Seite gab; Hoffmann das glänzende, Ader und Nerv zugleich in den Rahmen bringende Darstellungstalent, welches von ihm selbst leider an Gespenster und Fratzen verschwendet wurde. Von Hamann hat er einen mystischen Zug, der ihn abhält, die Nacht als die bloße Abwesenheit des Tages aufzufassen, und in so weit gesund ist, als er dies thut."

Freilich bis Bogumil Goltz litterarische Beachtung gefunden und sich in die geistige Gemeinschaft da draußen fröhlich und in seiner lärmenden Art, die ihm Otto Roquette so verdacht hat, mischen konnte, hat er schwere Jahrzehnte durchzumachen gehabt. Am 20. März 1801 ward er als Sohn eines preußischen Staatsgerichtsdirektors in Warschau geboren, in keineswegs glänzenden Verhältnissen. Erst für die Landwirtschaft vorbereitet, bezieht er 1822 als studiosus theologiae die Universität Breslau, hört aber nur philosophische und philologische Vorlesungen. Nach drei Semestern aber muß er diese Studien bereits abbrechen und auf dringendes Verlangen des Vaters dessen kleines Gut Lissewo bei Thorn zur Bewirtschaftung übernehmen – gleichzeitig verheiratet er sich mit einem Fräulein v. Blumberg. Aber als Gutsbesitzer hatte er herzlich wenig Glück, allerlei andere ärgerliche Umstände kamen hinzu, so daß er sich bald gezwungen sah, sein Gut zu verkaufen und es mit Pachtungen zu versuchen. Er saß nun in dem kleinen, 2700 Einwohner zählenden Städtchen Gollub, und stand in Gefahr zu verbauern und geistig zu verkümmern, wie seine Umgebung. Er hat später in seinem Werke "Ein Kleinstädter in Ägypten" von dieser Schreckenszeit berichtet, wobei er das Städtchen Gollub freilich Flachsenfingen benannt hat: "Ich habe in Flachsenfingen die langen, regnichten, kothigen, todesfinstern, traumwüsten und nordisch-ägyptischen Spätherbstabende mit dem Bürgermeister, dem Apotheker, dem Doktor, dem Grenzcontroleur u. s. w. ins ungeschneuzte Talglicht geschaut. Ich habe zuweilen dieses einzige trübe Ressourcenlicht lichtfreundlich mit meinem bißchen Witz geschneuzt; aber die Flachsenfinger fingen doch nicht viel Feuer und konnten sich auch nicht darauf einlassen, denn sie trugen vaterländische Perücken von Flachs. Ich habe mir also auch eine dergleichen, mit einem ordentlichen kleinstädtisch antediluvianischem Zopfe auf das in solchem Klima sehr bedeutend entwickelte Occiput gestülpt; ich habe mit meinen Leidensgefährten und Kulturverschwornen Braunbier getrunken, mit ihnen um die Wette gegähnt und den Kinnbackenkrampf ausgehalten, mich mit ihnen in Anekdoten und schlechten Witzen übernommen, mit ihnen über der langen Weile im stillen gebrütet und ein herkömmliches: "Ja, ja, so geht's in der Welt!" – oder: "Man wird wohl schlafen gehen müssen!" – oder: "Da sind wir mal wieder beisammen gewesen!" – produziert. – Ich habe mit den Mummelburgern fraternisiert und musiziert; ich habe zwei heiser lamentierende Geigen auf einem Bierbasse oder Krugviolon begleitet, um nur zu vermeiden: daß ein Autochthon mit dem nassen Daumen den Bassisten machen möchte. Ich habe alles mögliche und noch etwas darüber hinaus für die Flachsenfinger Geselligkeit und Kurzweil gethan. Ich war sogar daran, auf Brusbart und Galgenknaster anzubeißen, obgleich ich weder spiele noch rauche; da trat der Genius meines Lebens vor mich hin und sagte: "Mensch, bedenke dein Ende!" – aber nicht fürder in Hühnerhorst; du hast bereits Pips und Mauser überstanden; du bist für eine höhere Staffel gereift. Jetzt denke darauf, wie du deine Lenden gürtest, den Staub von deinen Füßen schüttelst und nie wiederkehrst."

Endlich, 1846, als die Verhältnisse für ihn immer schlimmer geworden, gab er die Landwirtschaft auf, siedelte nach Thorn über und begann zu schriftstellern. Schon sein erstes Werk "Buch der Kindheit," das 1847 erschien, machte ihn bekannt und beliebt. Er konnte auf den Kredit seines Namens sich nun bereits überall zeigen. Als Vortragender hat er mit seinen oft extemporierten Darbietungen damals überall verblüfft. Alles was er in jahrzehntelangem Beobachten in sich aufgespeichert und durch eine umfassende Lektüre an Gedanken noch vermehrt hatte, sprudelte er nun heraus, oft in einer chaotischen Überfülle, aber doch auch wieder mit so hinreißender Lebendigkeit und liebenswürdigem Humor, mitunter paradox, aber stets anregend und fesselnd. So groß waren seine ersten Erfolge bereits, daß er 1849 eine Reise nach Ägypten unternehmen konnte. Sein bereits erwähntes Werk über diese Reise gehört mit dem "Buch der Kindheit," dem "Jugendleben," einem biographischen Idyll aus Westpreußen, den "Typen der Gesellschaft" zu den besten Werken des eigenartigen Denkers und humorvollen Schilderers, der ruhelos durch die Welt zog und dem doch die besten Schöpfungen gelingen, wenn er Stimmungen und Originale seiner Heimat wiedergiebt. Seinen Schöpfungen fehlt zumeist freilich das künstlerische Maß, die Beschränkung des Meisters, aber zutreffend heißt's in der "Deutschen Biographie," daß mit den von Goltz verschleuderten Geistesfunken ein Halbdutzend anderer Menschen immerhin ein hübsches Geschäft begründet, sich bei einiger Industrie und Vorsicht rühmlich hervorgethan und am Ende gar noch in Miniaturausgaben unsterblich geworden wären.

Um dieses Original vor unverdienter Vergessenheit zu bewahren und die schönsten Schätze aus seinem reichen Besitz einem großen Leserkreise zu erschließen, ist diese Neuausgabe unternommen worden, deren erstes Heft den Leser in die Heimat des Dichters führt und erkennen läßt, wie und aus welchen Lebensbedingungen heraus er sich entwickelt hat. Zugleich aber wird aus mehreren Kapiteln ersichtlich, wie viel echte Poesie doch in diesem so spät zu seinem wahren Berufe, und deshalb nie zu harmonischer Entwicklung gekommenen Originale gesteckt hat.

Philipp Stein.

"Jugendleben"

Die Bedeutung der Künste und Wissenschaften für das Leben, ihre Segnungen, ihren heiligen Geist fühlt man nirgends so eindringlich als eben in ihren Anfängen gegenüber der Natur, in der Einsamkeit und unter dem Volk.

In einer Dorfkirche, beim einfachen Orgelspiel greift uns die Musik stärker ans Herz, werden wir ihre Allmacht oft tiefer inne, als in rauschenden Konzerten der Residenz gegen Entree. Das mittelmäßige Altarbild, das schlechtgekleckste Madonnenbild einer elenden hölzernen Kapelle wirkt auf den gefühlvollen Beschauer, den glaubenseinfältigen Menschen, auf die armselige, in Andacht hingesunkene Magd, auf verlassene Witwen und Waisen, wie kaum eine Gemäldeausstellung auf das ganze Publikum, im Beistande einer geschmackvoll anleitenden Kritik. Man muß an einem Ernteabend im Dorfe eine Geige oder Klarinette gehört haben, oder einen erschöpften armen Dorfschulmeister auf seinem lendenlahmen, fast tonlosen Spinett; dann kommt etwas von der Begeisterung, von der Erhabenheit und himmlischen Abstammung der Musik in das Gemüt, während es im Instrumentensturm nur zu oft leer, tot oder geängstet verbleibt.

Aus den Steinklüften der Städte sehnen wir uns nach dem Dorfe, und von dem grünen Lande auf das wüste wogende Meer; aus den Treibhäusern der Schule und Civilisation nach der freien, zeugungskräftigen, wundergebärenden, heiligen Natur.

In dieser Übertreibung, Überfeinerung, bei dieser Entartung und Entheiligung in Worten und Werken schmachtet die Seele nach den Bildern eines einfachen, natürlichen und ingottlichen Daseins: da will sie das Gerumpel des civilisierten Lebens, die sinnverwirrenden tausendfältigen Apparate des überwucherten Lebens an die Seite geschafft, da will sie diese komplizierten, auf die Spitze gestellten, überschrobenen Lebensverhältnisse, diese Formen- und Schablonenwirtschaft, diesen heillosen Mechanismus entfernt, diese verfilzt-verworrenen Lebensfäden aufgelöst, und das ganze Wirrsal auf die schöne, heilige Gottesökonomie zurückgebracht sehen.

Das echte Idyll ist aber das Stahlbad für diese unablässig galvanisierten und tremulierenden Nerven, ein Tropfbad für das moussierende Hirn, eine Abfrischung und Wiedergeburt für Seele und Leib; der rosige Abglanz eines naturheiligen Lebens, der ungekeltert entfließende Wein einer himmlischen Traube von Eden.

*

Ich habe eine glückliche Jugend verlebt, und ich werde ihre Ideale nicht altklug meistern, und ihren heiligen Genius verrat' ich nimmer an den Werktagsverstand.

Den Thorheiten, den Übereilungen und Untugenden der Jugend, ihrer Rücksichtslosigkeit und Einseitigkeit liegt eine Begeisterung, ein idealer Trieb und Drang zum Grunde, eine Hingebung des Lebens an das Idol in der Brust; eine Ritterlichkeit, die mit der Welt anbindet und um das Heiligtum kämpft.

Den Tugenden der spätern Jahre und ihrer weisen Lebensökonomie gebricht der große Zug und Ruck einer hehren Begeisterung und Leidenschaft, die über alle Steine des Anstoßes, über die Widersprüche und den Erdenkot im leichten Fluge hinwegzutragen vermag. Dem reifen Alter gebricht der ideale Sinn und Inhalt, der schöne Überfluß des Lebens, weil ihm der Weltverstand, die Berechnung, die Feigheit, die Beargwöhnung im Wege stehen.

Aber es ist besser, vom Leben berauscht, als von ihm gelangweilt, überstopft und angeekelt zu sein.

Besser ein heiliger Traum, wie ein unheiliges Erwachen. Glückseliger ein seelenvoller Irrtum und Unverstand, wie ein seelenloser Witz und Verstand. Besser ein leichter Kopf und Sinn über einem liebeschweren Herzen, als über einem beschwerten Gewissen ein herzloser oder ein mit Wissen überfüllter Kopf.

Wahrhaftiger ist doch der formlose aber heilige Natur- und Gottesinstinkt der Jugend, als die Künste und Wissenschaften, die Praktiken und Konvenienzen einer von allen Gottesfühlungen, von Natur und Übernatur entblößten und entleerten Welt.

Aus den Thorheiten und Untugenden, aus den Einseitigkeiten, den Irrtümern, der Unwissenheit und dem Eigensinn der Jugend zeichenredet der Genius der Menschheit ein übermenschliches und überirdisches Wort. Mit den Träumen und Schäumen der Jugend, mit ihrer seelenvollen Gedankenlosigkeit, mit ihrer in Liebes- und Lebensinbrunst verlorenen Selbstsucht treibt die Menschennatur ihren Frühlingsstaat, der Weltgeist aber seine lebendigen Geschichten und sein Fleisch. Mit dem Todes- und Lebensmut der Jugend schließt sich jede jüngste Geschichte an die alten Heldengeschichten an, entrichtet jede Nation und jede Zeit ihre Schuld an die Welt und Ewigkeit; weil an das Ideal, welches über allen Zeiten, allen Völkern und allen Kulturgeschichten steht und allein im Herzen der Jugend eingefleischt und wiedergeboren wird.

Von dem Augenblicke an, wo uns nicht länger eine Idee, ein großes Glauben und Heiligen, eine inbrünstige Liebe und Leidenschaft treibt und trägt, ist es auch mit unserer Charakterwürde, unserer Lebenskraft, unserer Thätigkeit, unserer Poesie und Glückseligkeit vorbei.

Erst muß der Mensch sein subjektives seelisches Leben ausleben und entwickeln; das unterbindet ihm aber heute die Politik. Und doch ist ja jeder Jüngling freiheitliebend, liberal, demagogisch, weltbürgerlich, aus heiler Natur! Warum also noch die künstliche Impfung des Blatterngiftes einer Tagespolitik?

Ich kenne die Antwort: weil die leichtbethörte Jugendbegeisterung, Thatkraft und Todesverachtung hergeben muß. Also muß doch der Zweck die Mittel heiligen.

Die Hauptsache ist und bleibt gleichwohl in Ewigkeit: daß wir Menschenkinder so leben, geleitet und verbraucht werden, wie es die Natur und die Übernatur in uns will; und nicht so, wie es die Schnellpolitik und der Durchgangsprozeß einer gärenden Zeit, wie es die tausendköpfige öffentliche Meinung diktiert, von der sich selten etwas Bleibendes aus Zeitungen vernehmen läßt.

Träumen, dichten, glücklich sein, seelisch sein, ist allerdings Selbstschwelgerei; aber sie bildet den konkreten Inhalt der jungen Welt. Die vergeistigte Naturgeschichte ist das Herz.

Wenn die Jugend zu träumen, zu lieben und zu dichten aufhört und die Politik an die Stelle der Seele treten darf, so hat das Leben und folglich auch die Politik keinen Sinn und Zweck und keine lebendige Kraft.

Ein Bauertölpel, der nichts gelernt und seinen Geist in keiner Weise exerziert hat, der wundert sich über nichts, der schämt und grämt sich nicht, der dichtet und denkt nichts als seinen Mist, der ihm Weizen und Klee bringen soll. Und ein gewöhnlicher Gelehrter, ein nüchterner Naturforscher, ein Philosoph, ein Diplomat und Aristokrat, ein Gebildeter par préférence, der wundert sich wiederum nicht, und überdichtet auch nichts, und exerziert seelenlos nur seine Konvenienzen, seine Methoden, seine angelernten Phrasen, seinen Notizenkram, stopft seine Gedächtniswurst und treibt eine tote, hölzerne, krepierte Formenökonomie.

Wo ist denn also nun der Mensch, dem die Lebenswunder im Hirn und Herzen zu schaffen machen, der närrisch vor Lebenslust wird, der dem Morgen- und Abendrot, den länger und kürzer werdenden Schatten, dem kommenden und fallenden Laube, den Tages- und Jahreszeiten, dem Thautropfen, der Schmutzblase in der Gosse (wie sie Himmel und Erde abspiegelt), dem zündenden Fünkchen, der züngelnden Flamme, dem kräuselnden Rauche, dem Schattenspiel an der Wand, dem spielenden Lichtstrahl, dem sprießenden Grashalm, dem rennenden Würmchen im Moose, dem Spinnennetz, den kunstvoll gebauten Honigwaben, dem tummelnden Ameisenhaufen nachdenken muß?

Wo sind die Menschen, die andauernd so fühlen, empfinden und denken; deren Seelen so in das Wunder der Schöpfung verstrickt sind, daß ihre Geister vollauf zu thun haben, sich über den Wassern zu halten? Es sind eben die Dichter, die beseelten Denker, die Genien. Es ist die Jugend, die gebildete und sinnige Jugend, solange sie noch nicht von der Konvenienz, vom Weltwirrwarr und Ehrgeiz, von den Leidenschaften, von der Tagespolitik verderbt und zur Fratze entartet ist. Man kann freilich vor lauter Lebensbegeisterung und Verwunderung der schönste poetische Taugenichts werden; das ist ein Malheur für die Welt, aber keine schwere Sünde. Und unserm Herrgott oder der sich selbst erfassenden Weltseele und Natur gilt dieser Taugenichts mehr als ein geschäftiger Mechaniker, ein seelenloser, aber tugendtüchtiger Automat.

Vor einer Wahrheit darf sich gleichwohl keiner sträuben, so schwer sie auch etwa seinem alten Herzen würde, das alt alten Bildern, Gewohnheiten und Glaubensartikeln hängt. Es geht dennoch durch all die Fratzerei, durch all den modernen Unsinn, durch alle die Narretei, die Teufelei und den Moder des Alten ein neuer Odem; er heißt Menschenachtung, Vernunft, Volksbewußtsein, Massenbewußtsein, Massengeist, Civilisation, Erziehung für alle!

Man vergreift sich in den Mitteln, aber es ist doch die Idee da. Es klingen abscheuliche Töne und falsche, verstimmte Register, tote Stimmen in der Riesenorgel mit, auf welcher der Genius der Menschheit die Weltgeschichte präludiert; aber man vernimmt doch in all der demagogischen Katzenmusik, in all dem rebellischen Wogenwälzen eine neue Weltharmonie und Ökonomie! Die nächsten Folgen werden heillose sein; denn die Öffentlichkeit, die Säkularisation, die Emancipation nach allen Seiten und auf allen Punkten wirken notwendig zunächst Frechheit, Unheiligkeit, Zuchtlosigkeit.

Aber die neue Idee wird sich ihren neuen Leib zubilden; und mit der neuen Gewohnheit, mit der neuen Natur muß endlich der Mißbrauch fortfallen, muß sich die neue Gestalt der Welt herausarbeiten aus der gegenwärtigen Karikatur.

Daß ihr dies aber nicht allzu schwer werde, und damit der neue Bildungsprozeß nicht in die alte Barbarei ausarte, so müssen die Fortschritte auf dem historischen Grund und Boden gemacht werden und nicht in Kraft der socialen Ideen allein; nicht in der Luft, auch nicht mit Eisen und Dampf allein, sondern am Leitfaden des alten Gewissens von Gott und Natur.

Wir müssen freilich mit freiem Willen vorwärts machen und geschäftig sein; aber wir müssen auch wachsen nach dem Willen der Geschichten Gottes wie der Natur. Eine Kraft und Parole allein wirkt Narrheit, Sünde und Tod.

Wir müssen rudern und schwimmen, aber der alte Gott führt das Steuer; er macht auch Wind und Wetter und giebt dem Strom der Geschichten die himmlischen Wasser und ihren Lauf zum Meere der Ewigkeit. Eine vom Menschenwitz allein gemachte Weltgeschichte ist Sünde, weil Unnatur; sie entthront den Weltgeist und die Vorsehung; sie raubt uns den Glauben an ein Jenseits, an die Mysterien des Menschendaseins wie der Geschichte.

Wir kennen die Faktoren, die Elemente sehr unvollkommen, aus denen sich eine lebenswahre, gesegnete Menschengeschichte hervorbildet; wir vermögen die natürliche und göttliche Lebensökonomie weder zum Bewußtsein zu bringen, noch zur Rede zu stellen; wir vernehmen kaum die himmlische Lebensmusik, und wie wollten wir sie nach Noten spielen, oder ihren Generalbaß ergründen, die Gesetze ihrer Komposition. Dieser übergeschäftige sociale Menschenwitz entführt der Menschheit den Glauben, die Liebe und die Lebenspoesie; entführt ihr auch das Abendrot des untergegangenen Paradieses, den heiligen Sinn und Geist der Welt!

Lebensanfang.

Die früheste Lebenserinnerung ist ein heiliger Traum, eine selige Paradiesesfühlung, aus der alles Gemeine und Häßliche verbannt ist; kein Geräusch, keine Leidenschaften, keine vorschreienden Töne und verwirrenden Stimmen stören die himmlische Harmonie.

In der Kindesseele ist lauter Licht und Leben; die Todesschatten lagern noch im tiefsten Grunde und zeichnen erst die zarten Umrißlinien an den duftigen Bildern: um die Palmen, die Rosenwolken und Engelgestalten einer himmlisch schönen Schöpfung, die im blauen Äther schwimmt, wie eine Luftspiegelung über der Wüste.

Es ist tiefer Friede im Kinde, und darum auch in der kindlichen Welt; das ganze Dasein ein buntes, wundervolles Spielwerk um den kleinen Paradiesmenschen her. Er steht im Mittelpunkte einer stillen Zauberwelt, dem Widerscheine seiner Unschuld und des Edens in ihm selbst.

Die Natur ist des Kindes dienende Umgebung, die Fortsetzung, die Ausströmung seiner gottverhüllten zeugungsseligen Sinne, eine Seelenverduftung, die wiederum zu Welt und Traum gerinnt.

*

Meiner Eltern Dörfchen bleibt in meine Seele gebannt. Das früheste Gesicht zeigt mir den Schauplatz meiner Kindheittage im Winter. Es ist kurz vor Abend, der Himmel bezogen, ein gelindes stilles Wetter, und keine Abendröte zu sehen. Rings von dicht bewaldeten Bergen umgeben, liegt das kleine Gehöft auf einer sanft ansteigenden Höhe, an einem großen gefrorenen See; und wiewohl kein Lüftchen um meine Wangen spielt, so schlagen doch die graubraunen Büschel der ungeheuern Rohrmassen, mit denen die Seeufer eingefaßt sind, Wellen wie ein Meer. In der Mitte aber blitzt, einem starren Glasauge ähnlich und wie zwischen den bewegten Augenbrauen eines Riesen der Eddasage (der sich in dieser Waldeseinsamkeit zur Nachtruhe niedergestreckt) das spiegelblanke gefrorene Eis. So erzeugt sich die nordische Mythologie im nordischen Menschenkinde fort und fort, vom ältesten bis zum jüngsten Tage.

Mit diesem dunkeln Wintermärchen kontrastiert wunderbar eine lichtgetränkte Sommerscene, ein Erntebild.

Über mir der blaue, wolkenlose Himmel, und mir zu Füßen die goldgelben hohen Stoppeln des Weizenstrohs, durch die ich mir mit meinen schwachen kurzen Beinchen in äußerster Anstrengung einen Weg zu den weit entfernten Schnittern bahnen muß, und so in ein Labyrinth von aufrechtgestellten Garben gerate, die alle viel höher sind, wie ich selbst.

Meine Pulse hämmern, meine Augen schwimmen im Lichtmeer, und an einer Stelle blitzt und glutet eine ungeheuere blankpolierte Scheibe von Dukatengold, so daß ich mit der Hand über den Augen nur mit Schmerzen und auf Augenblicke in das himmlische Schauspiel blinzeln kann.

Es war wohl der Schluß der Weizenernte, denn vom Abend desselben Tages steht mir eine fabelhafte Geschichte vor dem Sinn.

Ich stehe mit allen Hausmägden vor der Thür und eine hat mich vor ihren Schoß gestellt. Da hören wir ein Geklapper wie von einer Mühle, mit einem Gelächter und Geschrei, als wenn die ganze Welt närrisch geworden ist. In demselben Augenblicke reißt mich auch schon die Gesindemagd, meine besondere Beschützerin, bei beiden Ärmchen über ihren Kopf in die Höhe, damit ich die "Baba," das alte Ernteweib, sehen soll, die den Rest des Wintergetreides bringt. Es war aber kein lebendiges Weib, sondern die scheußlichste lebensgroße Strohpuppe, welche die Phantasie erdenken kann. Sie saß auf einem Leiterwagen unter den Garben, und von ihrem Rocke bedeckt (wie mir hinterdrein offenbart wurde), mußte ein kluger Junge die alte Hexe auf- und niederbewegen. Alle Ernteleute sangen der Baba Spottlieder nach, und ein Stecken war vom Wirtschafter so künstlich an der hintern Wagenachse befestigt, daß er von den Speichen des Rades abgeschnellt, ein Mühlengeklapper, und wenn der Wagen rasch fuhr, eine kolossale Nachtwächterschnarre effektuierte. Diese tolle Wirtschaft ist in meiner Traumernte das Relief, und ein Schluß, wie er kurz vor dem Erwachen zu sein pflegt.

Mein lieber Papa war ein ausgedienter Husarenoffizier, der seine kleine Pension auf einem kleinen Gute, einer sogenannten Lemanstwo (Lehmannsgut), verzehrte, die aber, beiläufig gesagt, doch so groß war wie ein großes Rittergut am Rhein.