Animal Spirits - Oliver Tanzer - ebook

Animal Spirits ebook

Oliver Tanzer

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Opis

Alle reden von der Krise der Politik, der Gesellschaft und der Ökonomie, von der Ungleichverteilung und den Risiken des Klimawandels. Das alles hat eine gemeinsame Ursache: den Narzissmus. Er ist verantwortlich für die Zerstörung der Umwelt, die Brutalisierung des Politischen, den Verlust von Inspiration und die fehlgeleitete Entwicklung der digitalen Zukunft. Tiere und Pflanzen sind in vielfacher Hinsicht sozialer und im Ganzen auch viel rationaler als wir. Oliver Tanzer zeigt, wie uns positive Wachstumsstrategien bei Bäumen, nachhaltige Krisentechniken bei Pantoffeltierchen, erfolgversprechende Führungsstrategien bei Wölfen und Bienen oder Sozialtaktiken der Vampirfledermäuse Wege aus der Krise weisen können. Lernen wir von ihnen, bevor wir sie und uns selbst zerstört haben.

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Oliver Tanzer

ANIMALSPIRITS

Wie uns Fledermäuse,Pantoffeltierchenund Bonobosaus der Krise helfen

Mit einem Vorwort vonTomáš Sedláček

Inhalt

Die Animal Spirits der Ökonomie

Vorwort von Tomáš Sedláček

Einführung – Das Schweigen der Mäuse.

Wie dieses Buch entstand und was es sagen will.

I. Aus dem Gleichgewicht

1. Herrschaftszeiten!

Wie die Ökonomie »erfunden« wurde, wie sich in ihr alte Formen der Herrschaft spiegeln und wie sich die ökonomische Weltsicht in Politik, Gesellschaft und Religion fortpflanzte.

2. Mächtig heilig

Wie sich das System von Macht und Herrschaft im Warenhandel manifestierte und globalisierte. Wie es sich als vertikales System aufbaut – und wie ein horizontales System funktionieren würde.

3. Narziss und Geldschlund

Wie Macht auf den Einzelnen wirkt. Wie sie als Versagensangst der Mächtigen Problemlösungen verhindert und wie sie den Narzissmus als prägende Störung der Gesellschaft einführt.

4. Der Geist aus der Maschine

Wie sich der Narzissmus in der Gesellschaft durchsetzt und wie er sich vor Kritik abschottet.

II. Strategien der Natur

5. Symposion heißt Trinkgelage

Über die enge Verwandtschaft des Narzissmus mit Alkohol und mit der Zivilisationsdroge Wein.

6. Zwei Helden im Grünen

Wie sich die gesellschaftlichen Archetypen von Gärtner und Eroberer im Kapitalismus manifestieren und wie eine natürliche Harmonie herstellbar wäre.

7. Baumelndes Wachstum

Warum der Baum ein Hoffnungsträger war und immer noch ist, was wir von seinen Strategien des Über- und Zusammenlebens lernen können: Vorbilder für eine neue Form des Wachstums.

8. Pantoffelhelden der Krise

Wie sich die Fortpflanzungsstrategien der Einzeller als Vorbild für schwierige Zeiten erweisen könnten.

9. Wolfspack und Musketiere

Wer sich ein Wolfsrudel aus dem Blickwinkel der Gruppenpsychologie ansieht, erhält Anregungen für Management und Führung ohne Zwang und Angst.

10. Bienen-Schwärmerei

Wie Kommunikationsmuster des beliebtesten Insekts die Politik und Medien befruchten können und erneuern sollten.

11. Fledermäuse stupsen Egozentriker

Wie man die Beziehungsfähigkeit auch in einer Zeit der Selbstdarstellung wiedergewinnen kann.

12. Mit den Waffen der Liebes-Affen

Wie Bonobos effizient Konfliktvermeidung betreiben und wie wir Aggression in positive Energie verwandeln können.

13. Aufstieg und Untergang der Wasserflöhe

Zusammenfassung und Ausblick

Dank

Anmerkungen

Die Animal Spirits der Ökonomie

Vorwort von Tomáš Sedláček

Angeblich setzen sich Ökonomen nicht mit Geistern auseinander. Wenn es irgendwelche Themen gibt, die als das genaue Gegenteil der exakten Ökonomie erscheinen, dann sind es wohl Geister und spirituelle Angelegenheiten. Und doch sprechen Ökonomen ununterbrochen von Geistern. Wenn sie etwa unablässig mit dem Begriff »Animal Spirits« hantieren. Es gibt eine reichhaltige Literatur über diese tierischen Geister, die John Maynard Keynes als Begriff berühmt gemacht hat. Seltsamerweise konzentriert sich die Fachwelt dabei zumeist nicht auf das Wort »Spirit«, sondern auf das Wort »Animal«. Niemand scheint wahrzunehmen, dass im Zentrum der Wortgruppe eigentlich der Spirit, also der Geist, steht. Es ist daher unerheblich, ob es sich um ein gelbes, buntes, sich bewegendes oder mit irgendwelchen anderen Eigenschaften ausgezeichnetes Tier handelt, es geht primär um den Spirit, über den wir uns unterhalten sollten. Dabei ergibt sich unweigerlich die Frage, ob aus einer anderen Perspektive betrachtet die Ökonomie nicht teilweise eine spirituelle Disziplin ist.1

Im Verständnis von Keynes ist es der Spirit, der den Körper und die Seele der Wirtschaft bewegt – und unsere Aktionen darin (die Anima). So als würde dieser Geist aus einer anderen Dimension in unseren rationalen Raum eindringen (die Seele) und in Bewegung setzen. Es ist der Wille, der »zur Aktion strebt, lieber als zur Untätigkeit«, den Keynes als Animal Spirits bezeichnet. Der Geist setzt das System in Funktion und Bewegung, er ist der »erste Beweger«, die Essenz der Tat. Ohne diesen Geist wären wir wenig mehr als passive Körper, die sich nach mathematischen Gleichungen bewegen, wir wären Ausformungen physikalischer Gesetzmäßigkeiten und diesen Gesetzen willenlos unterworfen. Aber irgendwann in der Vergangenheit gab es einen Geist, der uns »animiert« hat: den »Animal Spirit«. Für Keynes stand das in keinerlei theologischem Zusammenhang, sondern vielmehr in einem technischen. Seine Theorie von der Ökonomie war zudem abgesichert genug, um den damaligen Mainstream herauszufordern und selbst für Jahrzehnte zum Mainstream zu werden.

Ein nützlicher Weg, um ein wenig Klarheit in das zu bringen, was uns zu Taten animiert und wie man dieses Etwas mit der Ökonomie und der Gesellschaft verbindet, ist, die Wirtschaft als eine Einheit mit drei Dimensionen zu verstehen. Und zwar so, wie wir es beim Menschen machen, indem wir zwischen Geist, Seele und Körper unterscheiden.

Unter »Spirit« verstehen wir dabei die Normativität, die Individualität und möglicherweise auch den Zusammenhalt, der uns als Gesellschaft konstituiert. Der Spirit ist im Besitz dessen, was die Griechen »Telos« nannten, das höhere Ziel, die höhere Bedeutung. Liebe, Hass, Leidenschaft, Zielbewusstsein und Zielgerichtetheit sind jene Teile, aus denen sich der Spirit zusammensetzt. Der Spirit beinhaltet auch instinktive, nicht erklärbare Handlungen. Er ist vage, trübe, wie es ja auch manche Träume sind. Entsprechend vage wird »Animal Spirits« auch in Investopedia beschrieben: »›Animal Spirits‹ stammt vom lateinischen Ausdruck ›spiritus animalis‹, der den Atem meint und der den menschlichen Geist erwachen lässt.«2

In mythischen Zeiten war die Welt in der menschlichen Vorstellung voll von unberechenbaren Geistern, die taten, was ihnen gefiel. »Enuma elisch«, eine babylonische Erzählung über die Entstehung der Welt, älter noch als die Bibel, spricht ausführlich über das verwirrende Wirken von Geistern. Und zwar in so einem Ausmaß, dass nur vier der insgesamt eintausend Verse dem Menschen gewidmet sind. Da heißt es: »Aus seinem Blut schuf Ea die Menschheit, der er auftrug, den Göttern zu dienen, diese Aufgabe liegt jenseits des Verstehbaren.«3 Ich zitiere diese Stelle, weil sie mit einer Überraschung endet: Die Aufgabe liegt jenseits des Verstehen-Könnens. Es ist der Ausdruck einer Verwirrung seit Anbeginn der Menschheit. Wir sind unfähig, unseren eigentlichen Zweck zu erfassen. Trotzdem ist die »Enuma elisch« viel klarer als die biblische Genesis, zumindest wissen wir da, warum wir geschaffen wurden: um für die Götter zu arbeiten und sie damit zu entlasten.

In der biblischen Genesis wird kein Grund für die Erschaffung des Menschen gegeben. »Denn die Erde war formlos und leer … und Gottes Geist lag über dem Wasser«, heißt es da.4 Hier ist der Spirit ein Geist der Absicht: Über dem Chaos der tiefen Dunkelheit des Wassers und der Lüfte sucht der Geist nach einer Richtung. Im weiteren Verlauf findet dieser Geist seine Heimat in den menschlichen Wesen, in die er eingehaucht wurde. Wenn es nach dieser Geschichte geht, dann atmet der Geist noch immer von dort aus. Aber was will er?

Die erste philosophisch-analytische Abschnitt einer Art »Animal Spirit« kommt mit Platons Begriff des »Daimonion«. Darunter kann sowohl Inspiration als auch eine Art leitendes und warnendes Licht verstanden werden. Er ist nicht nur eine Maschine (der Inspiration), sondern er ist auch ein inneres Bremssystem. Sokrates spricht mit und lauscht seiner inneren Stimme, seinem »Daimonion«. Ich kann mich noch an das erste Mal erinnern, als ich dieses Wort gehört hatte. Es war während einer Predigt, in der ein Pastor »Daimonion« als Dämon missverstand und daraus schloss, Sokrates sei in seinen Gedanken von Dämonen geleitet worden.

Ein anderer Begriff, der entfernt an »Animal Spirits« erinnert, könnte Hegels »Weltgeist« sein. Es ist ein »Beweger-im-Großen«, ein Animal Spirit auf einer Makroebene. Er leitet die Geschichte, er gibt ihr einen Sinn. Er hat auch moralische Charaktereigenschaften. Er weist auf einen unsichtbaren Faktor oder eine Macht hin, welche die Merkmale einer gegebenen Epoche der Weltgeschichte dominieren. Ein weiteres Feld, auf dem wir oft von Geist und Spiritus sprechen, ist natürlich der Heilige Geist. Ich glaube, es herrscht Einigkeit darüber, dass wir selbst einen eigenen Geist besitzen, und Gläubige darüber hinaus noch einen weiteren, einen »Extrageist« haben, den sie »Heiliger Geist« nennen. Es ist dieser Geist, dem wir mit unserem persönlichen Geist nachfolgen oder der vielleicht unseren Geist ersetzt. In diesem Sinn ist die letzte Belebung (Animation) nicht mehr in den Händen der Gläubigen, sondern in jenen des Heiligen Geistes.

Der Theologe Rudolf Karl Bultmann unterscheidet zwei Arten, über den Heiligen Geist zu denken: »animistisch« oder »dynamistisch«. Im »animistischen« Denken handelt es sich bei ihm um eine unabhängige Kraft, eine persönliche Macht, die wie ein Dämon über einen Menschen herfallen und Besitz von ihm ergreifen kann, und die ihm wiederum ermöglicht oder ihn zwingt, Manifestationen der Macht auszuüben. In der »dynamistischen« Idee erscheint er als »eine unpersönliche Kraft, die den Menschen wie mit einem Fluidum erfüllt«.

Im Neuen Testament wird der Spirit einem Wind gleichgesetzt, den man nicht sehen kann, dessen Aktionen und Wirkungen aber sehr wohl: »Der Geist weht, wo er will, man kann ihn hören, aber man kann nicht sagen, woher er weht und wohin er geht. So ergeht es jedem, der aus dem Geist geboren ist.«5 An anderen Stellen der Bibel wird der Geist als Feuer, Wasser, Wind, Atem, Taube, Wolke, Nebel oder Stimme beschrieben. »Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen«,6 um nur ein berühmtes Beispiel zu zitieren.

Eine andere Verbindung mit der antiken griechischen Gedankenwelt ist die stoische Vorstellung eines Geistes als »anima mundi«: als Geist, der alle Menschen durchwaltet und miteinander verbindet. Die Stoiker glaubten an diese Lebenskraft des Universums. Östliche Religionen nennen diesen Geist »Brahman«. Es ist der Geist, der sagt: »Erwache«. Im Hebräischen heißt der Geist (oder Atem) Gottes »ruach ha-Elohim«.

In unserer weltlich-humanistischen Tradition übersetzt sich der Geist als Fortschritt, als Verbesserung (und in einem ökologischen Sinn als schützende Erhaltung) der Menschheit. In der Ökonomie ist das der Reichtum der Nationen und Völker, den wir suchen. Wenn man Logik und Empathie folgt, dann ist dies die große Kraft, der große Spirit, der die moderne Gesellschaft vorantreibt. Es gibt hier nicht – wie in den erwähnten religiösen oder transzendentalen Systemen – einen Geist, der seine Kraft aus sich selbst schöpft. Nein, er bezieht sie aus der Wissenschaft der Ökonomie. Die Richtung, die die Welt heute eingeschlagen hat, wird deshalb in großen Teilen von ökonomischen Interessen geprägt. Und jede wissenschaftliche Strömung hat da ihren eigenen Geist, wenn man so will, und dieser Geist ändert sich laufend, wenn man sich etwa die Themen des Weltwirtschaftsforum oder der UN im Lauf der Zeit ansieht und vergleicht. All diese Dinge kommen einem in den Sinn, wenn es um den Teil »Spirit« der »Animal Spirits« geht.

Die Seele

Ich habe weiter oben von der Unterteilung in Körper, Geist und Seele gesprochen. Was wäre in diesem Zusammenhang die Seele? Die Seele, das sind die Institutionen, das Gesetz, die Erziehung, das neuronale Netzwerk, das den Spirit in den Körper hineinträgt. Es sind die Gesetze, nach denen sich das Management in Unternehmen und Organisationen richtet. Die Seele kann auch als Computerprogramm übersetzt werden, als Algorithmus. Wie der Geist ist die Seele unsichtbar, aber sie hat im Gegensatz zum Spirit eine bewusste und exakte Repräsentation – und eine Struktur. Sie kann manipuliert und angepasst werden. Pensionen und Versicherungssysteme sind Beispiele einer solchen Manipulation. Die Seele organisiert den Willen des Geistes und überträgt ihn auf den Körper. Dieser Körper ist die Wirtschaft.

Die Einheiten der Seele sind gut dokumentiert und kodifiziert in gesetzlichen Begriffen. Die Seele ist das Mittel zur Erreichung eines Ziels. Sie ist der Weg. Diese Einheiten existieren nicht für sich selbst und stellen keinen Eigenwert dar (es sei denn als Symbol oder als Fetisch). Ihre Bestimmung liegt sozusagen außerhalb ihrer selbst. Diese Institutionen oder Einrichtungen deuten auf etwas hin. Sie verbinden den Geist mit dem Realen, mit der Welt. Geld beispielsweise würde unter diesen Begriff der gesellschaftlichen Seele fallen. Es ist das Instrument, das im Netz der Gesellschaft Kommunikation, Austausch und Transfer von Werten ermöglicht. Sprache wäre ein anderes Beispiel für einen Teil der »Seele«. Die Seele ist der Träger für all das. Als Teil des Bruttoinlandsprodukts manifestiert sich die Seele als der Dienstleistungssektor, sie ist als solches messbar. In fortgeschrittenen Volkswirtschaften stellt dieser Seelenteil der Dienstleistungen einen wachsenden Anteil von derzeit bis zu 70 Prozent dar. Die Mehrheit dieser Dienstleistungen ist nicht materiell, nicht greifbar. Wir arbeiten also hauptsächlich nicht mehr mit Muskelkraft, sondern mit der Energie unserer Gehirne.7

Der Körper

Der Körper ist ein wahrhaft materieller Bereich. Er ist das Betriebskapital der Ökonomie und ihre Produkte: Traktoren, Maschinen, Gebäude, Schienen etc. Sie alle werden auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, indem man sie in Geldwerten ausdrückt. Die Summe der Geldwerte ergibt einen Teil des Bruttoinlandsproduktes. Grundsätzlich aber gilt, dass das BIP seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr durch diese materiellen Güter bestimmt wird, sondern durch die »seelischen« Anteile.

Die gleiche Entwicklung ist in Unternehmen beobachtbar. Peter Coy von der Bloomberg Businessweek hat das treffend zusammengefasst: »Die USA generieren einen übergroßen Anteil ihres Reichtums mit Dingen wie Patenten, Copyrights, Trademarks, Designs, kulturellem Schaffen. Um die ‚ungreifbare‘ Wirtschaft in Zahlen zu begreifen, reicht ein Blick auf die Bilanz von Apple. Realeigentum, Fabriken und Ausrüstung, diese traditionellen Formen des Reichtums der industriellen und präindustriellen Epoche, machen gerade einmal 15 Milliarden von 400 Milliarden des Marktwertes des Unternehmens aus. Das sind vier Prozent. In der Filmindustrie liegt dieser Wert bei sieben Prozent.«8

Der Körper stellt also die Schienen dar, auf denen zunehmend Komponenten und Leistungen der Seele transportiert werden. Die Verkabelung ist so gesehen der Körper des Internets, seine Logistik, das Internet selbst ist Teil der Seele. Das Ziel des Internets aber, nämlich zu kommunizieren, einander näher zu sein, einander zu beeinflussen und Informationen oder Meinungen zu teilen, das ist der Geist, der Spirit.

Der Spirit

Das Weltwirtschaftsforum in Davos, das »Mekka« des Kapitalismus, das einstmals als Treffen zur Selbstwahrnehmung der Unternehmenswelt gegründet wurde, hat sich mittlerweile in eine voll entwickelte Institution für globale Angelegenheiten verwandelt. Die Konferenzen entwickelten sich von eng gefassten Diskussionen zu breitest möglichen Themenkomplexen und von exklusiven Zirkeln (Content nur für Teilnehmer) zur öffentlichen Inklusion (jeder Content ist online verfügbar). Der Grund, dies hier zu erwähnen, ist, dass in Davos jedes Jahr der »Spirit der Ökonomie« diskutiert und wohl auch hervorgerufen werden soll. »Wie kann man eine bessere Welt schaffen?« ist das Motto dieses Spirits. Davos ist nicht nur im Sinne des »Dabeisein ist alles« das »Mekka«, sondern weil hier tatsächlich die Repräsentanten des »Körpers« der Ökonomie über ihre Ausrichtung beraten. Nicht für eine einzelne Firma, sondern für das Ganze. Hier zeigt sich das Streben des Geistes nach dem, was die Gemeinschaft gerne sein würde. 2018 wollte sie »Eine gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt schaffen«, 1996 »Globalisierung nachhaltig machen«, 1999 eine »Verantwortliche Weltgemeinschaft« und 2003 »Vertrauen aufbauen«.

Ein anderes Beispiel für ein solches gemeinsames Suchen in einem Spirit sind die UN-Entwicklungsziele oder die Inhalte, die zumeist als Präambel in unseren Verfassungen stehen. Dort steht geschrieben, was wir wollen, glauben und warum wir zusammenstehen. Aber das ist nicht alles, denn eine der wichtigsten Eigenschaften solcher Präambeln und geistiger Entwürfe ist folgende: Wir scheinen diese Dinge zu wollen und anzustreben, aber wir scheinen unfähig, sie auch zu erreichen. Wir wissen nicht, wie wir die Seele und den Körper richtig organisieren sollen. Es gibt eine Trennung. Der Spirit scheint willig, auch der Körper wäre stark genug, uns alle zu versorgen, aber die Seele ist unvollkommen.

Das ist die Aufgabe der Ökonomie. Und auf einer persönlichen Ebene ist es genau das, wovon der Apostel Paulus spricht, wenn er schreibt: »Denn ich begreife mein Handeln nicht [die Seele ist unvollkommen]: Ich tue nicht das, was ich will [was der Geist möchte], sondern das, was ich hasse.«9 Paulus beklagt nicht einen Mangel an Willen, an Geist, sondern einen Mangel an Intellekt, an Seele. Es gibt dazu einen interessanten Gedanken des US-Religionsphilosophen Alan Watts: »Eines von den vielen unser Denken heimsuchenden Gespenster ist: Wir glauben, dass wir Getriebene sind, wir glauben, dass unser Tun mysteriöse Ursachen hat. Wir nehmen an, dass es eine treibende Kraft gibt. Aber das bedeutet nur, dass wir die Lage nicht klar genug beschreiben.«10

Mit diesem Satz führt uns Watts zu einem Grundproblem der Ökonomie, einem dieser mysteriösen Kräfte, die »hinter den Dingen« stehen: Das Lustprinzip, das im Zentrum des Konzepts vom »Homo oeconomicus« steht. Watts sagt: »Wir wählen Dinge immer in Übereinstimmung mit dem, was wir bevorzugen. Aber was heißt das? Dass wir immer wählen, was wir wählen. Denn es gibt keine Möglichkeit darzustellen, was wir bevorzugen würden, außer eben dem, was wir tatsächlich auswählen.« Wenn wir allerdings die Situation »klar beschreiben, dann werden wir vermutlich das Gespenst zum Verschwinden bringen«.

Anders gesagt, könnten wir einen dämonischen Geist, von dem wir annehmen, dass er uns verfolgt, in eine motivierende Energie umwandeln. Aber dazu müssen wir Klarheit über unsere Situation gewinnen. Unser »Animal Spirit«, das tiefe menschliche Streben, will, dass wir dorthin gehen, wo die Antworten gefunden werden, damit die Dämonengeister, die uns plagen, verschwinden. Das vorliegende Buch bemüht sich darum, diese Orte zu finden und an die Wurzeln zu gehen, aus denen so vielgestaltige Krisen entspringen. Wenn man Oliver Tanzer dorthin folgt, wird man nicht »das Gute« oder »das Böse« finden, sondern manche Klarheit, Einsicht und mögliche Auswege, vor denen wir stehen, die wir aber offenen Auges nicht sehen oder nicht sehen wollen.

EINFÜHRUNG

Für wie selbstsüchtig man den Menschen auch halten mag, es gibt nachweislich einige Grundlagen seines Wesens, die dazu führen, dass er sich für das Schicksal anderer interessiert, obwohl er nichts davon hat außer dem Vergnügen, es zu sehen.1

Adam Smith

Das Schweigen der Mäuse

Wie dieses Buch entstand und was es sagen will

Die erste Ohrfeige, die ich erhielt, hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Denn sie kam tatsächlich aus heiterem Himmel und schlug in eine ebenso heitere Umgebung ein. Ich war etwa sechs Jahre alt und muss irgendwie schon sehr selbstständig gewesen sein. Jedenfalls aber noch vollkommen ungeplagt von Skrupeln des Gehorsams. Der Hauptschauplatz meiner kindlichen Abenteuer war ein großer Garten, der unserem Haus angeschlossen war und den mein Großvater hingebungsvoll pflegte. Ich selbst tummelte mich bevorzugt in den Hecken und Baumkronen, die Amseln und Meisen waren meine dicken Freunde und die kleinen Asphaltwege waren meine Rennbahnen, auf denen ich stundenlang den Niki Lauda in mir herausbrummte, auf einem Dreirad sitzend.

Dieser Art lustvoll dürfte das Leben auch gewesen sein, als ich meinen Großvater an einem Sommertag eifrig Gartenschläuche in die Erde stecken sah. Als ich ihn fragte, was er denn da tue, murmelte er bloß, die Wühlmäuse müssten weg. Tatsächlich gab es einige davon im Garten. Ich wusste aber nicht, was er mit »müssen weg« meinte, bis er das Wasser in die Mauslöcher leitete. In meiner Sandkiste hatte ich ein altes Serviertablett liegen, das eigentlich als Parkplatz für Spielzeugautos diente. An diesem Tag aber wurden die Fahrzeugminiaturen achtlos in den Sand gekippt. Mit dem Tablett bewaffnet, streifte ich über die Wiese und sammelte, bald hier, bald da, die kleinen Mäuse ein, die vor dem Wasser an die Erdoberfläche geflohen waren. Die Mäuse wurden auf das Tablett gesetzt. Ein alter Kartondeckel hinderte sie am Entkommen. Dann schlich ich mich damit an Großvater vorbei in Richtung Haus. Das Manöver gelang, ich stieß mit meinem Schatz bis in die Küche vor, wo eine meiner Tanten mit einem Ribiselkuchen beschäftigt war. Ich glaubte mich und meine Mäuse in Sicherheit und war stolz auf mein Werk: »Schau mal!« Da gab es einen spitzen Schrei, meine Tante stand plötzlich auf einem Schemel und gestikulierte aufgebracht mit einem Tortenheber. Ich sah meine Mäuse an, der nächste Blick fiel auf meinen Großvater, der zur Tür hereinstürzte, dann hob er seine Hand und ich spürte ein brennendes Stechen hinter dem rechten Ohr.

Die Mäuse konnte ich retten, weil mein Großvater über seine Tat wohl ebenso bestürzt war wie ich selbst, und wir beide in Schockstarre verfielen. Ich fing mich schneller und rannte, das Tablett umklammernd, in den Garten, wo ich die Mäuse freiließ und mich versteckte, bis mich die Erwachsenen mit Süßigkeiten hervorlockten und sich unter Umarmungen entschuldigten.

Ich erzähle diese Geschichte, weil ich vor ein paar Monaten unfreiwillig an die Szene erinnert wurde. Ich bin nun Besitzer eines Bauernhofs mit Garten – und Wühlmäusen. Sie sind eine echte Plage, und um mir das Leben zu erleichtern, mir dabei aber nicht selbst die Hände schmutzig zu machen, rief ich einen Entwesungsdienst. Der tut genau das – »Ent-Wesen«. Und während ich also mit dem Schädlingsbekämpfer telefonierte und das Drama meiner Wiese schilderte und die Tötung der Nager bestellen wollte, da – man glaubt es kaum – stach es mich hinter dem rechten Ohr.

Das ist mein kleines »Schweigen-der-Lämmer-Erlebnis«. Ich habe übrigens daraufhin das mit den Wühlmäusen sein lassen. Sie treiben also noch immer ihr Wesen in meiner Wiese. Aber mich haben die Erinnerungen zur Frage getrieben, was mit mir zwischen dem Alter von sechs und dem Alter von 50 Jahren geschehen ist? Dass ich nämlich Tiere, die ich mit sechs Jahren geliebt habe, nun hasse. Was hat also ihren Wert umgedreht, sie von schön in schädlich verwandelt oder ökonomisch verkürzt ihren Grenznutzen von eins auf minus eins gewendet? Irgendetwas ist passiert und ich glaube, dass es mit dem zu tun hat, was wir Erziehung, Erfahrung und Kultur nennen und welch geringen Stellenwert das Lebendige in der Natur darin hat.

Wertungen statt Werte

Es geht in diesem Buch um den Prozess dieser Herabstufung. Um das Fließen von Überzeugungen und Einstellungen, die unerklärt bleiben und unsere Existenz gleichsam mit einer hauchdünnen Schicht umhüllen, die sich langsam verfestigt, und über die immer weitere Schichten aufgetragen werden, bis wir am Ende, nach Jahren und Jahrzehnten, ganz anders denken und handeln als zu Beginn. Dieses Buch möchte diese Schichten aufbrechen oder zumindest ankratzen – zum Beweis, dass darunter noch etwas existiert. Ich möchte zeigen, dass die an Gefahren reichste Macht im Leben nicht das Böse, das Unglück, die Krise ist, sondern die Macht der Gewohnheit. Sie gibt vor, uns zu helfen, indem sie durch Wiederholung zur Routine führt und so zur Bewältigung des Alltags beizutragen verspricht.

Der Wert der Objekte beruht also nicht so sehr auf Fakten und Materie, sondern zunehmend auf subjektiven Einschätzungen.

Gewohnheit führt aber auch dazu, Empfindungen und Gefühle einzuebnen. Das funktioniert durch ein unbewusst operierendes System der Ab- und Aufwertung. So wie man in der Ökonomie durch Auf- und Abwertung die Verhältnisse von Geldeinheiten zueinander ändert, so ändert der Mensch auch ständig sein Verhältnis zu den Dingen. Wir geben Objekten unbewusst beständig Wert und Preis. Die Gewohnheit macht uns die Dinge aber zumeist gewöhnlich, sie nimmt ihnen den Wert. Denken wir uns jemanden, der sich das Auto seiner Träume kauft. Er wird es lieben und pflegen, es behutsam fahren und gerne ansehen. Aber nach wenigen Wochen wird es beim täglichen Gebrauch nicht mehr das gleiche Gefühl auslösen und nach einer gewissen Zeit gar keines mehr. Es ist dieser Prozess der »Beziehungs-Abkühlung«, der letztlich in der Löschung des Objekts gipfelt. Er hat mit dem eigentlichen Nutzen des Objekts wenig zu tun – viele Dinge, die wieder verkauft oder weggeworfen werden, haben ihren Nutzen per se nicht verloren. Sie haben aber ihren »Beziehungs-Wert« eingebüßt. In diesem Sinn wird die moderne Gesellschaft nicht vom Nutzen der Dinge gesteuert, wie Ökonomen nicht müde werden zu behaupten. Sie ist vielmehr »Wertungs-fixiert«. Sie nutzt und verkauft die Dinge auf Basis ihres Stellenwerts. Der Wert der Objekte beruht also nicht so sehr auf Fakten und Materie, sondern zunehmend auf subjektiven Einschätzungen. Und so sehr sich der alte, realwirtschaftliche Materialismus auch mit seiner »Preis-Wert-Theorie« und seinen realwirtschaftlichen Simulationen zur Wehr setzen mag, er ist der Macht der subjektiven Schätzung unterlegen und als ihr »Sub-jekt« unterworfen. Es handelt sich um einen ähnlichen Prozess, wie er sich schon beim Geld in den 1970er-Jahren vollzogen hat: Bis 1972 galt die Bindung nationaler Währungen an den Dollar und des Dollars an Goldreserven. Jeder Dollar hatte damals seine Entsprechung in Edelmetall. Seit das Finanzsystem aus diesem Sicherheitskorsett entlassen wurde, hat sich sein Volumen verhundertfacht. Und so wie dies in der Geldwirtschaft passierte, geschieht es nun auch in der Konsum-Architektur unserer Gesellschaft. Der »Hebel« des wirklichen Nutzens hat keine Kraft verglichen mit jenem der virtuellen Virtuosin – der Fantasie.

Wunsch-Beziehungen

Während das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem seinen Kunden immer neue Möglichkeiten suggeriert, sich an immer neue Waren zu binden, drängt es die negativen Konsequenzen bis an die Peripherie der Wahrnehmung.

Dieser Wechsel der Paradigmen hat schwerwiegende Folgen. Denn die Materie, die den Wünschen gehorchen soll, steht unter ständigem Transformationsdruck. Sie muss sich permanent, der Fantasie der Kunden entsprechend, neu zusammensetzen. Ihre Funktion ist daher großteils dem Design untergeordnet und ihre Lebensdauer gekoppelt an Lust und Unlust, Appetit und Übersättigung der Käuferschaft. William James’ Erkenntnis, der Mensch lebe durch die Gewohnheit, aber für seine Aufregungen und Sensationen, erhält eine erstaunlich aktuelle Schärfe. Die Signaturen dieser Lebensart sind die immer kürzer werdende Generationenabfolge von Smartphones und die wachsenden Müllhalden für Elektroschrott und Plastikabfall. Während das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem seinen Kunden immer neue Möglichkeiten suggeriert, sich an immer neue Waren zu binden, drängt es die negativen Konsequenzen bis an die Peripherie der Wahrnehmung. Es fehlt auch die Zeit, Beziehungen aufzubauen, etwa durch das Sparen »auf etwas hin«. Die Diagnose, die sich daraus ergibt: Diese Gesellschaft leidet unter einer massiven Störung der Objektbeziehung. Diese Beziehungsstörung, die viele Erscheinungsformen des Narzissmus beinhaltet, betrifft unser Verhältnis zu Gegenständen, Pflanzen, Tieren und natürlich auch zu anderen Menschen. Um diese verlorene Beziehungsfähigkeit geht es im ersten Teil des Buches. Denn aus diesem gestörten Verhältnis zur Welt entspringen letztlich unsere großen Probleme: das Schema blinden Wachstums, die Ausbeutung von Ressourcen, die Reichtums-Disparität, die Zerstörung von Lebensräumen und das Massensterben der Arten. War das alles von der Politik oder der Ökonomie so geplant? Von den neoliberalen Kräften oder der Verschwörung von Großinvestoren und Hedgefonds? Vermutlich nicht. Der Narzissmus erkennt sich selbst nicht. Er ist einsam in sich vertieft. Gerade jene, die als große Ökonomen gepriesen werden, waren alles andere als Narzissten. Weder Adam Smith noch David Ricardo oder Alfred Marshall hatten auch nur ansatzweise ein System im Sinn, das seine Erfinder gefährdet. Es ging ihnen immer um den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Trotzdem gehorcht das System diesen Lehren nicht im Geringsten. Vielmehr scheint es, als würden sich die Menschen weigern, die von ihnen fabrizierten Probleme als solche anzuerkennen und lösen zu wollen, sie relativieren stattdessen die Kompetenz von Forschern und leugnen wissenschaftliche Evidenz, wie etwa beim Klimawandel. Ich meine, dass es das System ist, das uns zu diesem unbewussten Verdrängen verführt, indem es den Blick auf die großen Probleme durch eine Unzahl von Scheinproblemen verstellt.

Was sollen wir nun mit diesem Befund tun? Gibt es Aussicht auf Heilung? Davon bin ich überzeugt, freilich unter der Voraussetzung, dass wir die seit Jahrhunderten geltende Idee beiseiteschieben, wonach der Mensch allein das Maß aller Dinge ist. Wir müssten gleichsam herabsteigen vom hohen Thron und einmal genauer hinsehen, wie denn das die anderen Lebewesen so machen, das »Probleme-lösen«: also etwa die Amöben, die Ameisen, die Bienen oder die Menschenaffen. Wie sie mit Schwierigkeiten umgehen, wie sie sich organisieren, wie sie einander begegnen. Tatsächlich hüpfen uns die modernen Ingenieurswissenschaften in der Bionik vor, wie die Eigenschaften von Pflanzen und Tieren Vorbilder für Erfindungen in der Technik sein können. Demnach haben wir von den Wespen gelernt, Papier herzustellen, die Fledermaus lieferte Leonardo da Vinci die Inspiration für die Flugmaschine, die Klette erfand den Klettverschluss, die Delfine waren Vorbilder für Sonargeräte, die Blätter der Lotuspflanze dienten als Struktur für wasserabweisende Oberflächen, Katzenpfoten verbesserten die Bremsleistung von Autoreifen, die Augen der Nachtfalter dienten der Entwicklung von Solarzellen und so weiter.

Freilich, bei komplexen Problemen menschlicher Art, also Wachstum, Wirtschaftskrise, Klimaveränderungen oder den Hass in den sozialen Netzen, der Vereinsamung des Menschen oder dem Vertrauensverlust in die Politik, bei all diesen Problemen wird die simple Kopie einer biologischen Vorgabe nicht ausreichen. Aber tierische Inspiration für neue menschliche Verfahren wäre möglich. Ich dachte dabei an John Maynard Keynes’ »Animal Spirits«2, von denen heute meist nur noch die Rede ist, wenn man Gier und Panik im Auge hat. Doch Keynes meinte eigentlich, die Sphäre der Instinkte umfasse auch den natürlichen Altruismus und die instinktive Suche nach einem gemeinsamen Vorteil.

Gesellschafts-Bionik

Also machte ich mich mithilfe von Erkenntnissen der Verhaltensbiologie auf die Suche nach diesen Strategien. Und wirklich finden sich äußerst durchdachte und erfolgreiche Mechanismen von Tieren, Pflanzen und Mikroben, ihr Leben und Zusammenleben erfolgreich zu organisieren. Solche Mechanismen, die auch für die Probleme und Krankheiten der menschlichen Gesellschaft und ihrer Wirtschaft angeraten oder zumindest diskussionswürdig wären, stelle ich im zweiten Teil dieses Buches vor.

Wenn wir die von der Natur entworfenen Strategien genau betrachten, können wir beispielsweise erkennen, dass es kein Sakrileg ist, exponentiell zu wachsen. Im Gegenteil: Die Bäume machen uns vor, wie ungebremstes Wachstum krisenfrei funktionieren kann, ein Wachstum, das selbst einen gierigen Finanzmarktbroker sprachlos machen würde. Wir werden sehen, wie der Regulierungsprozess in Gemeinschaften hin zu weniger Narzissmus und mehr Rücksichtnahme funktionieren kann. Einzeller können uns zeigen, um wie viel bessere Krisenmanager sie sind als die Profis der Zentralbanken. Verfemte Raubtiere, wie etwa die Wölfe, führen die Effizienz einer flachen Führungshierarchie exemplarisch vor. Sie und viele andere Tiere, Pflanzen und Mikroben sind die eigentlichen Helden dieses Buches: Animal Spirits.

Ich meine deshalb, dass das grundlegende Werk der Ökonomie in ferner Zukunft nicht Reichtum der Völker heißen muss, sondern »Reichtum der Natur« – oder etwas in der Art. Und so, wie es Adam Smith 1776 um materiellen Wohlstand gegangen ist, könnte es in Zukunft um einen Reichtum gehen, der noch zu erreichen wäre, dessen Vorzüge wir aber heute noch gar nicht erahnen: den Schatz des Lebens.

ERSTER TEIL

Aus dem Gleichgewicht

Hier geht es noch nicht um Tiere, sondern vielmehr um die Gründe ihres Aussterbens und warum der Mensch ihre und seine eigene Umwelt zerstört und nicht aufhören kann, sie zu zerstören.

Es geht um das System, das uns leitet, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im Denken. Dieses System bringt Herrschaftsdenken und Narzissmus hervor. Es ist unauffällig, weil es uns nicht durch Gewalt erzieht, sondern durch die Anziehungskraft seiner Versprechen.

Was bedeutet das gesellschaftlich für jeden Einzelnen und unser Leben miteinander?

KAPITEL1

Herrschaftszeiten!

Wie die Ökonomie »erfunden« wurde, wie sich in ihr alte Formen der Herrschaft spiegeln und wie sich die ökonomische Weltsicht in Politik, Gesellschaft und Religion fortpflanzte.

Die Krise der kapitalistisch geordneten Gesellschaft beginnt nicht mit dem Absturz der Finanzmärkte von 2008. Sie wurzelt tief in der Geschichte. Sie basiert auf einer fehlerhaften Auslegung der Ökonomie in der Antike, in der die Wirtschaft dem Prinzip der Herrschaft untergeordnet wurde. Das Prinzip der Dominanz statt jenem der Kooperation prägt unsere Beziehungen zu Dingen und Lebewesen. Es verwirklicht sich in allen Bereichen der Existenz als ein Verhältnis, ähnlich dem von Herr und Knecht. Es hat sich über die Globalisierung und über die Verflechtung der Finanzmärkte Unantastbarkeit verschafft. Deshalb bleibt die Kritik an ihm wirkungslos.

Chaos und Methode

Die Ökonomie des Kapitalismus macht dieser Tage eine traurige Figur – sie macht sogar die traurigste Figur, die ein System machen kann. Sie tut einfach nicht, was ein System tun sollte: eine stabile Ordnung schaffen.

Die Ökonomie des Kapitalismus macht dieser Tage eine traurige Figur — sie macht sogar die traurigste Figur, die ein System machen kann. Sie tut einfach nicht, was ein System tun sollte: eine stabile Ordnung schaffen. Sie schafft vielmehr das Gegenteil: Chaos und Unsicherheit, von den negativen Folgen der Globalisierung bis hin zur Finanzkrise, der Eurokrise, der Schuldenkrise, der Flüchtlingskrise, der Digitalisierung und der Klimakrise. Vor allem aber haben wir es mit einer Krise der Problemlöser zu tun. Politiker, die nicht verstehen, was ihre Entscheidungen im konkreten Leben der Einzelnen anrichten können. Banker, die nicht verstehen, dass ihre Finanzinstrumente Gift für den Rest der Gesellschaft sind, da diese Instrumente das Potenzial von »Massenvernichtungswaffen« erreicht haben (Warren Buffett). Staaten, welche die Freiheit im Wappen führen und nichts lieber zu tun scheinen, als ihre Bürger zu bespitzeln. Und, damit zusammenhängend, wir selbst, die wir unsere Leben Algorithmen in den sozialen Netzwerken unterordnen und oft gar nicht wissen wollen, wie uns diese mathematischen Sensoren des Internets »lesen«, unsere Gedanken lenken und kontrollieren. Wir leben also in vielerlei Hinsicht in »vermessenen« Zeiten.

So weit, so bekannt. Es braucht in diesem Sinn kein weiteres Buch, das den Zustand unseres Systems beschreibt und kritisiert. Dazu gibt es bereits umfassende Literatur von hervorragender Qualität, beginnend bei John M. Keynes bis hin in jüngste Zeit zu Thomas Piketty und Stephan Schulmeister. Umso drängender stellt sich aber die Frage, warum trotz der Arbeiten großartiger Ökonomen, Soziologen und Philosophen eine Reform des Ist-Zustandes nicht einmal in Ansätzen erkennbar ist? Warum ist unser System seit den 1970er-Jahren derart resistent gegenüber Kritik geworden?3 Dieses Buch sucht die Verantwortung dafür nicht allein bei den Ökonomen und auch nicht nur bei der Politik. Es geht vielmehr davon aus, dass ein neutraler Standpunkt eingenommen werden muss, der es ermöglicht, das System und alle seine Teile und Teilnehmer von außen zu betrachten und zu analysieren. 4

Dieses Beobachten führt zunächst zu einer neuen Zuordnung von Verantwortlichkeiten, die in der täglichen Debatte schon fix vergeben erscheinen. Zunächst wird offensichtlich, dass das System, das wir so hart kritisieren, nicht nur aus Denk-»Schulen«, wie jener von Chicago, besteht, die Entscheidungen prägen und Entscheidungsträger beeinflussen, die dann ihre Gesetze den angeblich passiven Massen aufzwingen. Ich meine, dass ein Gutteil der schwierigen Zustände, in denen wir stecken, auch daher rührt, dass wir selbst dieses Modell grundsätzlich akzeptieren, weil wir zu diesem System erzogen und in dieses System hineingezogen wurden und dass daher unsere Leiden nichts Aufgezwungenes darstellen, sondern hauptsächlich die Summe unserer freiwillig antrainierten Handlungen sind. Eine besondere Rolle spielt dabei, wie wir uns für diese Handlungen belohnen und feiern (lassen).

Diese Integration in ein System von Leistung und Belohnung begründet unseren Selbstwert, prägt unsere Ästhetik und unser Zusammenleben. Und weil wir uns dieses Schema quasi wie unser tägliches Brot einverleiben und es »gegessen« haben, ist es einer fundamentalen Kritik so wenig zugänglich. Das »Brot« ist ja schon in uns. Wir müssten also mit dieser Kritik des Systems auch den Blick in unseren Innenraum ertragen.

Weil das aber so schwer ist, richten wir unser kritisches Auge immer nur auf Teilausschnitte: auf die Reichtums- und Verteilungsfrage, die Globalisierungsprobleme, den Verlust der Handlungsspielräume für die Politik, die multinationalen Konzerne, die Manager, die Finanzmärkte, die Steuerparadiese, die Klimapolitik. Aber diese Kritik richtet sich eben nur gegen Auswüchse und Ausformungen des »Gesellschafts-Organismus«, nicht gegen das System selbst. Und weil diese Kritik aufgrund ihres Charakters immer an der Oberfläche bleibt, geht sie auch ins Leere. Sie thematisiert Tag für Tag auf unterschiedlichste Art die richtigen Dinge. Aber ändern kann sie diese kaum.

Dieser Zustand der kritischen Ohnmacht ist offensichtlich und frustrierend und führt dazu, dass die berechtigte Teilkritik immer häufiger durch allgemeine Fantasmen ersetzt wird. Diese Trugbilder sind eine grausame Form einer gesellschaftlichen Lyrik, in der Verantwortung und Schuld einzelnen Gruppen angedichtet werden: den Flüchtlingen, den Juden (Soros!), den Muslimen, den Medien, den politisch Korrekten und letztlich den Weltverschwörern aller Art. So leicht, damit Aggression und Frustration ein Ziel erhalten, so sehr Einzelne daraus für sich politisches Kapital schlagen können, so unfruchtbar sind diese Sündenbock-Strategien, wenn es um die Problemlösungen selbst geht. Sie verstellen die Sicht auf das Wesentliche. Und dieses Wesentliche sind wir selbst.

Wo stehen wir?

Was sollen wir tun? Und wo stehen wir? Wenn wir ein Problem von der Wucht und Komplexität unseres Zusammenlebens und seiner Folgen vor uns haben, reicht es nicht aus, unsere Analyse im Hier und Jetzt kreisen zu lassen und an den oben genannten offenen Wunden zu tupfen. Wir müssen zur Wurzel vorstoßen – und uns in diesem Sinn »radikalisieren«. Ich werde versuchen herauszufinden, warum wir so denken und handeln und was sich daraus für uns ergibt. Die erste Richtschnur, die diesen Weg markiert, kann auch für unser persönliches Leben gelten, sie ist also universell auslegbar: Wir sollten uns die Dinge emotional nicht zu einfach machen, indem wir Schuld verteilen, sondern vielmehr versuchen, die Probleme rational zu erfassen und durch Logik versuchen, sie zu präzisieren. Das bedeutet eine Rück- und Zusammenführung von all den Fäden, die sich in der Geschichte bis heute so heillos verwirrt haben, sodass sie nun als unentwirrbares Knäuel von Schwierigkeiten vor uns liegen.

Aristoteles ist ein guter geistiger Pfadfinder auf diesem Weg. Er gibt uns mit seiner Abhandlung über die Politik das geeignete Instrument der Analyse an die Hand. Er beschäftigt sich darin unter anderem mit der komplexesten aller politischen Situationen: dem Aufstand und dem daraus resultierenden Chaos im Staat. Und er meint, die Ursache für das Chaos methodisch auffinden zu können: »Die Aufstände ergeben sich nicht im Hinblick auf kleine Dinge, sondern aus den kleinen Dingen, man befindet sich doch nur im Hinblick auf große Dinge im Aufruhr.«5

Auf unsere Situation umgelegt hieße das: Wir stehen vor einem unüberschaubaren Wust an Problemen, die von Steueroasen bis zum Klimawandel reichen. Und nun müssen wir die kleinen Dinge suchen, die zu diesen großen Problemen führten. Dabei müssen wir uns aber auch darauf gefasst machen, dass diese kleinen Dinge auf den ersten Blick scheinbar gar nichts mit den großen Problemlagen zu tun haben.

Aristoteles liefert als Beispiel dafür eine hübsche Geschichte von einem Verfassungsstreit im sizilianischen Syrakus. Dieser ging nicht auf eine rechtliche Auseinandersetzung zurück, auf fundamental unterschiedliche inhaltliche Positionen oder ideologische Debatten. Ursache war vielmehr eine Bettgeschichte: »Aufgrund von zwei Jünglingen, die den staatlichen Ämterkreisen angehörten und gegeneinander in einer Liebesangelegenheit auftraten, änderte sich die Staatsverfassung. Als nämlich der eine verreist war, da gewann der andere, der sein Gefährte war, dessen Geliebten für sich; jener aber war über diesen erbost und überredete dessen Frau, zu ihm zu kommen. Daher zogen sie alle, die sich in der Staatslenkung befanden, jeweils an sich und wiegelten sie gegeneinander auf. Deshalb muss man sich vor derartigen Zuständen, wenn sie am Beginn stehen, in Acht nehmen.«6

Nach dieser grundsätzlichen Methode, wenn auch nicht in ganz so kuscheliger Ausführung, will ich nun auch vorgehen, wenn ich das Problem der Ökonomie behandle. Es muss von dort ausgegangen werden, wo die Ökonomie ihre Grundsteine gelegt bekommen hat und wo sie immer wieder ihr Zelt aufschlägt, wenn sie sich erklärt und präsentiert. Diese Homebase liegt historisch gesehen etwa 320 vor Christus, als Aristoteles der Wirtschaft eine Abhandlung widmete und ihr ihren Namen und ihren theoretischen Rahmen gab. Seine Oikonomia fehlt in keinem dogmatischen Lehrbuch und mancher Leser findet die darin enthaltenen Geschichten vom Hausherrn, vom Schuster und vom Tausch nützlicher Dinge gar putzig. Andere zitieren gerne die dort vom Philosophen verdammte Zinsnahme als ein Werk schädlichen Gewinnstrebens, der »Chrematistik«: Geld, das sich selbst gebiert, sei ein widernatürlicher Akt und damit schon von Anfang an befleckt.7 Wir aber wollen noch weiter zurück und hinter die moralischen Abwägungen des Philosophen schauen. Und dort bleibt nach Abzug aller sonstigen Erwägungen nur noch ein Name stehen, den wir nun mithilfe der Sprachwissenschaft und der Semiotik näher ausleuchten wollen: »Oikonomia«, die Hauswirtschaft.

Das Omen im Nomen

Skeptiker werden hier die Stirn runzeln: Ja, warum soll man denn mit solcher Wortklauberei in der Antike beginnen, angesichts des tragischen Weltganzen von heute? Und was ist daran wissenschaftlich oder logisch? Ich will es so erklären: Ich meine, dass Worte, wie etwa auch »Ökonomie«, eine Oberfläche haben, die nach dem Geschmack von Generationen gebraucht, gedreht, gedrechselt und geschliffen wurden. Aber diese hart polierte Oberfläche aktueller Bedeutung und Sinngebung lenkt davon ab, was der Begriff eigentlich bedeutet hat. Ich werde diese Behauptung mit einem Gespräch illustrieren, das Werner Heisenberg, der Physiker und Nobelpreisträger, mit seinem Freund und Kollegen Niels Bohr führte.