... Als Sonderführer (K) in Warschau - Dietmar Martin Apel - ebook

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Dietmar Martin Apel

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Opis

Drei Insektenkundler werden als Sonderführer (K) nach Warschau einberufen. Sie werden der neu gegründeten Forschungsgruppe (C) zugeteilt. Jeder der drei Doktoren bekommt einen bewährten Soldaten als Fahrer, Ausbilder und Leibwächter zur Seite gestellt. Absolute Geheimhaltung und scheinbar unbegrenzte Bewegungsfreiheit können aber nicht vergessen machen, dass die Worte ‚Widerspruch wäre sinnlos‘ wie ein Damoklesschwert über ihnen hängen. Spät, sehr spät erfahren dann alle, dass ihre Forschungen dazu dienen sollen, die B-Waffen-Forschung durch die Deutsche Wehrmacht und Führung des Reichssicherheitshauptamtes zu ermöglichen und in Gang zu bringen. Die Sonderführer und ihre Beschützer ahnen nicht, dass der polnische Widerstand sich seit geraumer Zeit für sie und ihre Arbeit interessiert. Sie leben und arbeiten in ihrem Mikrokosmos scheinbar unangefochten von der Welt um ihr Labor herum. Fast scheint man am Ziel, da bricht 1944 in Warschau der national-polnische Aufstand aus. Die Ereignisse entwickeln sich in rasender Eile und lassen keinen der Beteiligten unberührt.

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Dietmar Martin Apel

…Als Sonderführer (K) in Warschau

Einberufung

Roman

Bd. 1

Bucheinband.de

2015

Die in diesem Roman handelnden Personen sowie die Handlung selbst sind frei erfunden. Die Orte und die originalen geschichtlichen Gegebenheiten sind in den Roman einbezogen worden. Der Autor setzt seine Hauptfiguren bewusst in die Geschichte des 2. Weltkrieges ein. In diesem Buch werden kulturhistorische, militärische und politische Randprobleme angesprochen und literarisch behandelt. Authentisch sind ebenfalls die abgebildeten Dokumente am Ende des 3. Bandes, woraus der Autor seine Inspiration zu diesem Roman zog.

Dietmar Martin Apelwurde 1956 im sächsischen Freiberg geboren. Seine Kinder- und Schulzeit verlebte er in dem Vorerzgebirgsdorf Braunsdorf bei Freiberg.

Die dreijährige Lehrzeit (Rinderzucht mit Abitur) absolvierte er im damaligen Karl-Marx-Stadt.

Dem Militärdienst schloss sich die Tätigkeit in Betrieben des Außenhandels der ehemaligen DDR an, z. B. DEUTRANS und andere Hafenbetriebe.

Aus der 1976 geschlossenen Ehe sind 2 Söhne hervorgegangen. Seit der Wende 1989 lebt Dietmar Martin Apel allein und ist freischaffend tätig.

Das Bemühen, historische Originaldokumente für spätere in der Geschichte fußende Romane zu beschaffen, nahm Jahre in Anspruch.

... Als Sonderführer (K) in Warschau umfasst 3 Bände.

1. Band Einberufung

2. Band Labor

3. Band Aufstand

vollständige eBook-Ausgabe

2. komplett überarbeitete Auflage 2015

Band 1 der Trilogie

©Bucheinband.de, Ines Neumann, Heidenau

©Dietmar Martin Apel

Umschlagbild: Postkarte mit Foto vom Hotel Bristol um 1940

Umschlagentwurf: Ines Neumann

Gesamtherstellung: Bucheinband.de, Heidenau

Germany 2015

buchshop.bucheinband.de

ISBN der eBook-Ausgabe 978-3-938293-44-7

Die Aufgabe eines Romanschriftstellers ist es,

eine zum größten Teil weiße Fläche auszufüllen,

Tote wieder ins Leben zurückzurufen,

ihre Handlungen zu erklären

und uns ihr wahres Antlitz zu zeigen.

Ebenso verhält es sich mit den Epochen.

Hier kommt die Kunst dem historischen Motiv zu Hilfe,

und die Vorstellungskraft dichtet das Fehlende hinzu,

fügt Bruchteile zusammen,

baut aus Trümmern wieder auf.

Jozef Ignacy Kraszewski

Dieses Buch ist all jenen Menschen gewidmet, die aufgrund imperialem Größenwahns, hegemonistischer Bemühungen rassistischer und religiöser Wahnideen oder ohne Rücksicht auf das Leben Anderer durchgesetzter Staatsräson

Die Doktoren Neckstein, Becker und Mühle erhalten ihre Einberufung.

In Warschau angekommen, fühlen Sie sich reichlich deplatziert. Ihnen ist dort alles fremd. Befremdlich ist Ihnen auch der Aufwand, der um ihre Person betrieben wird. Und die Situation, dass sie bezüglich ihrer Aufgabe immer noch im Ungewissen gehalten werden, ist und bleibt ihnen unverständlich.

Nicht ganz ohne Probleme ist das Aufbauen der Beziehungen zu ihren Fahrern und Leibwächtern.

Aber auch der polnische Widerstand hat mit großen Problemen zu kämpfen.

Absolut beängstigend für die Sonderführer ist die nüchterne Information:»Widerspruch wäre sinnlos«. Dieser Satz schwebt wie ein Damoklesschwert über ihnen.

Einberufung

1.

Genau wie er es geplant hatte kam Standartenführer Adolf Eberlein in der Prinz-Albrecht-Straße an. Die Zeit war durch ihn wie immer so berechnet worden, dass er − wie er es gewohnt war − pünktlich sein konnte. Mit der Zeit hatte er sehr gut gerechnet, nicht aber mit den Temperaturen. Es war einfach zu heiß heute. Dieser Umstand und das Ungewisse, weshalb er wohl zu seinem Chef, dem Brigadeführer Winkler gerufen wurde, hatte seine Körpertemperatur stark erhöht. Um es mit seinen Worten zu sagen - er schwitzte wie ein Affe. Und das ärgerte ihn wahnsinnig.

Seine Uniform! Diese Uniform, auf die er so maßlos stolz war, fühlte sich bereits jetzt ganz nass an. Dabei hatte er den Kragen vorschriftswidrig offen gelassen, um nicht ganz zu zerfließen. Der Fahrer hatte ihn nur ganz kurz angesehen. Eberlein wusste genau, dass er einem Unterstellten nie eine solche Entgleisung hätte durchgehen lassen. Aber was sollte man machen, der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach.

Und das in dieser Uniform, die er so gerne trug! Er liebte das schwarze Tuch. Diesen Schnitt, diese silbernen Eichenblätter, das Koppelzeug. Ein wenig Veränderung auf den samtenen Kragenspiegeln − also Beförderung − hätte er sich gern gewünscht, aber man würde sehen, was die Zukunft noch so alles für ihn bereithielt. Diese Uniform machte aus ihm, dem eher Unattraktiven, fast Unscheinbaren, einen Mann von Würde und Bedeutung.

Glaubte er.

Um wie viel lieber wäre er aber ein blonder Hühne gewesen. Weißblond mit stahlhartem Blick! Mit Eis in den Augen, sodass es anderen Menschen ganz elend wurde vor Angst, wenn er sie nur ansah. Das hätte er gerne gehabt! Aber soo …

So aber brachte er es mit hinzugemessenen Absätzen gerade einmal auf die ›dinarische‹ Körpergröße. Zur ganz und gar unzweifelhaft ›arischen‹ Körperlänge hatte es leider nicht gereicht. Dieses leidvollen Umstandes war er sich immer wieder schmerzlich bewusst. Besonders dann, wenn er wie heute diese germanischen Riesenkerle vor dem Reichssicherheitshauptamt, dem RSHA Wache stehen sah.

Eberlein empfand es nicht als ärgerlich, dass er beim Eintritt in das Gebäude des RSHA seine Schirmmütze aufbehalten durfte. Dadurch gewann er doch noch an Länge. Nun aber hinein in die kühlen, heiligen Hallen! Kühl waren sie wirklich. Sommers wie Winters. Und heilig waren sie ihm sowieso. Laut Dienstvorschrift war der oberste Knopf zu schließen. Was an sich richtig war und gleichzeitig heute bedauerlich, denn so konnte die angenehme Kühle nur langsam von ihm Besitz ergreifen.

Wie immer war er zutiefst beeindruckt von der kalten Pracht des Foyers, der Granittreppe, den Marmorsäulen, den riesigen Fenstern. Wenn er doch für immer hier Dienst tun könnte! Das wäre etwas! So aber saß er als Doktor der Humanmedizin und des deutschen medizinischen Rechts im Reichsgesundheitsministerium, in unmittelbarer Nähe zum Reichsgesundheitsführer Dr. Conti. Seinem Sorgenkind. Diesen Mann hatte er zu überwachen, zu beleuchten, zu durchleuchten. Das wiederum war Dr. Conti insgeheim hinterbracht worden. Diesem stets missgelaunten Intriganten hatte seine Installation als eine Art Verbindungsoffizier zum RSHA immer sehr mit Unwillen erfüllt. Um Eberlein zu dokumentieren, das man über den wahren Auftrag des Standartenführers informiert war, sprach Conti öffentlich gern von den kleinen Aufpassern. Derartige Seitenhiebe trafen Eberlein immer direkt ins Herz.

Da würde er machen können, was er wollte, der Reichsgesundheitsführer Dr. Conti war auf der schwarzen Liste des Standartenführers Dr. Dr. Eberlein ganz oben fest verankert.

Natürlich waren beide Herren sich bei aller Aversion darüber im Klaren, dass das RSHA das Prä hatte. Effektiv wusste aber niemand, was für eine fachliche Leidenschaft der Dr. Dr. Eberlein hatte. Das nämlich war die Erforschung und Beschreibung von Epidemien und Seuchen und vor allem Pandemien.

Schon die Vorstellung, einmal hinter das Wesen der Entstehung und Verbreitung von Seuchenzügen zu kommen, versetzte ihn in Begeisterung. Es erschien ihm logisch, das man dann als nächsten Schritt die Beherrschung und Lenkung der Seuchen ins Auge fassen müsste. Wenn man erst soweit wäre. Man wäre dann der Herrscher der Welt! Und bei solcherart erhebenden Gedanken sollte man nicht in Begeisterung geraten?

Unter diesem Aspekt war seine Tätigkeit im Reichsgesundheitsministerium nicht ganz sinnlos, denn alle ihn interessierenden Informationen bekam er hier aus erster Hand. Was aber wollte Brigadeführer Winkler von ihm? Diese Frage bohrte seit vorgestern in ihm. Ohne Grund machte dieser Mann gar nichts, da war sich Eberlein sicher. Aber so ganz ohne Vorbereitung in einen Gesprächstermin zu gehen, war ihm schon immer in tiefster Seele verhasst.

So, nun war er angekommen. Er stand vor der prunkvollen Doppeltür seines Vorgesetzten. Dahinter schloss sich natürlich ein kleines Vorzimmer an, in dem Winklers Adjutant rastlos tätig seinen Dienst versah. Dahinter dann residierte sein Chef. Brigadeführer Winkler.

Standartenführer Eberlein blieb stehen und verpustete sich noch einmal. Im Anschluss wurde der korrekte Sitz der Uniform noch einmal überprüft und die feuchten Hände an der Uniformhose abgewischt. Das hatte zum Glück niemand gesehen! Eberlein nickte zufrieden. Kurzer Blick zur Tür. Pünktlich! Wie immer.

Der Adjutant öffnete auf Eberleins Klopfen hin die Tür. Und Eberlein marschierte durch den Vorraum geradewegs zu Winkler. Der Adjutant war so Einiges gewöhnt, aber so ganz grußlos an ihm vorbeizusegeln, überraschte ihn doch stark. Üblicherweise wartete man hier noch ein wenig. Es ging nämlich darum, den Gerufenen daran zu erinnern, wer hier der Pfarrer war und wer der liebe Gott.

Aber doch nicht mit ihm! Nicht mit Eberlein! Diese Späßchen wie das akademische Viertel. So ein Senf! Andere warten lassen, das war Nichtachtung! Auch Unsicherheit. Also zu verzögern, faktisch zu verhindern, verzögert auch den Endsieg in letzter Konsequenz. Andere warten lassen ist auf den Punkt gebracht Wehrkraftzersetzung! Des Weiteren hat es schon Fälle gegeben, wo Leute, die einst warten ließen, von denen, die da gewartet haben, an Rang und Dienststellung überholt worden waren. Plötzlich ließen genau diese Leute die vormals Wartenden auf sich warten. Ja, da gab es schon Sachen …!

Eberlein kannte sich da gut aus. Er selbst ließ tunlichst niemanden warten. Es sei denn aus disziplinarischen Gründen. Nein, nein. Exaktheit ist unabdingbar und wird auch eingefordert.

Der Dienstraum des Brigadeführers war einfach nur pompös eingerichtet. Wieder erwachte in Eberlein der Gedanke, dass er in naher Zukunft ebenfalls eines solchen Arbeitsraumes dringend bedürftig sei. Wenn es sich ermöglichen lassen sollte, ein wenig nobler, ein bisschen repräsentativer. Wenn es ginge. In aller Bescheidenheit!

Brigadeführer Winkler sah nicht zum ersten Mal, wie Eberlein das Büro musterte und konnte sich eines Grinsens nicht erwehren, weil er wieder anerkennende Worte von Eberlein bezüglich seiner Möblierung erwartete. Das war gängige Praxis, und üblicherweise grinsten sich beide dabei an. Heute blieben sie aber ernst und gemessen. Genauso fiel die gegenseitige Begrüßung der Männer aus.

»Seien Sie ganz herzlich willkommen, Standartenführer!«, sagte Winkler.

Sonst war das Willkommen immer lauter und fröhlicher. Heute aber …

Eberlein trug dem sofort Rechnung und knallte nur die Hacken zusammen. Ein kurzes Kopfnicken seinerseits. Mehr war heute nicht drin.

»Standartenführer, auf Sie kann ich mich voll und ganz verlassen. Wenn nur alle so wären. Bitte nehmen Sie Platz. Alles Nötige steht hier auf dem Rauchtisch. Wir bedienen uns selbst. Dabei kommen wir am Besten gleich zur Sache. Haben Sie Ihren Nachfolger eingewiesen, Standartenführer?«

Eberlein nickte bestätigend. »Das habe ich, Brigadeführer. Wie ich aber von Anfang feststellen musste und hiermit befehlsgemäß zur Meldung bringe - mein Nachfolger, der Obersturmbannführer Ernemann hat in seinem neuen Wirkungskreis wenigstens zwei alte Bekannte.«

Winkler sah sein Gegenüber an.

»Und das macht ihnen Sorgen, Standartenführer?«

»Sorgen nicht direkt. Aber meiner Ansicht nach könnte mit einem solchem Hintergrund die fachliche Objektivität bei der Dienstausübung leiden. Der nächste Schritt wäre, dass er seinen Bekannten nicht auf die Finger sieht. Und diese Gefahr ist geradezu latent. Das wiederum macht mir allerdings Sorgen, Brigadeführer.«

Winkler rauchte eine Zigarre an und wedelte den Rauch mit der linken Hand beiseite. Eberlein hatte die Zigarre dankend abgelehnt, was Winkler aber nicht weiter übel nahm. Da hatte er eben eine mehr! Und vernünftige Zigarren zu bekommen, war in diesen Tagen auch nicht mehr ganz einfach. Wenn schon nicht der ehrliche Rauch einer ehrlichen Zigarre verbindet, was denn dann? Von Winkler eine Zigarre verpasst zu bekommen, war aber auch nicht die wahre Freude. Die Erfahrung musste auch schon so mancher hier im Haus machen. Eberlein allerdings durfte auch einmal eine Zigarre ablehnen, ohne dienstliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Dafür verband sie zu viel miteinander.

Winkler erhob sich und winkte Eberlein zu, doch Platz zu behalten. Mit rauchender Zigarre ging er zum Fenster und fragte über die Schulter:

»Eberlein, ist Ihnen auch so heiß? Also, ich zerfließe fast. Wenn Sie den berühmten Knopf öffnen wollen, bitte sehr. Ich mache das jetzt auch. Ist ja nicht mehr auszuhalten. So, jetzt ist es besser.«

Bei diesen Worten öffnete er das Fenster und blies eine sehr ansehnliche Wolke hinaus in die Hitze.

»Verbindlichsten Dank, Brigadeführer. Dem komme ich wirklich sehr gerne nach.«

Eberlein verschaffte sich nun mit der ausdrücklichen Genehmigung seines Vorgesetzten ebenfalls Luft. Und nahm sich nun doch eine Zigarre. Winkler musste sich erst mit diesem Faktum abfinden. Obwohl er erst gerade die Zigarre angeboten hatte, beschlich ihn jetzt das Gefühl, das ihm diese jetzt vom Mund weggerissen worden war. Andererseits, heute ging es um mehr als nur Zigarren. Aber das wusste vorläufig nur er.

»Standartenführer, Sie haben natürlich recht. Aber es geht hier nicht um die Bekannten, es geht um den Ernemann selbst. Zwei von seinen alten Bekannten hat er ja nun schon wiedergetroffen. Alle von denen machen uns Sorgen. Nicht viel, aber eben Sorgen. Nun aber ist der Ernemann für Höheres vorgesehen. Und wo alles schiebt, kann ich allein nicht bremsen. Falls er nun seine alten Kameraden bevorzugt, dann kriegen wir das ganz sicher mit. Falls nicht, hat er die Probe im Sinne des Reichsführers SS und in unserem Sinne bestanden. Verdammt! Das dürfen Sie eigentlich gar nicht wissen. Vergessen Sie das bloß schnell wieder, Standartenführer.«

Winkler feixte Eberlein bei diesen Worten an und drohte mit dem erhobenen Zeigefinger. Viel deutlicher konnte man eine gezielte Indiskretion nicht anbringen. Und so etwas von Winkler? Der hatte doch viel Subtileres auf dem Kasten! Eberlein nickte betont ernsthaft.

»Verstanden, Brigadeführer.« So ein elender Zirkus, dachte er.

Winkler hatte nun wieder Platz genommen und blies noch imposantere Wolken in das Zimmer. Ganz Hausherr. Eberlein wölkte dienstgradmäßig bescheidener und fragte sich wiederholt, weshalb er wohl hierher zitiert worden war. Nach einer kleinen Pause ergriff Winkler wieder im leichten Plauderton das Wort:

»Ja, da gibt es doch auch bei uns so ein paar Herrschaften, die zeigen einfach zu viel Unabhängigkeit. Ganz offen unter uns gesagt. Der Reichsgesundheitsführer Dr. Conti ist ein interessantes wie allerexponiertetes Beispiel dafür. Es ist natürlich bedauerlich, wenn man feststellen muss, dass dieses Benehmen auch im Deutschen Reichsstudentenbund Widerhall findet. Sicherlich nicht die Masse, aber eben … Sie verstehen. Es wird dort diskutiert und variiert und dieses ganze abwegige Getue weiterentwickelt, kultiviert. Dieses verfluchte elitäre Gehampel macht unglaublich viel kaputt. Irreparabel kaputt. Das aber wirkt dem Gedanken der Volksgemeinschaft entgegen. Und dem wiederum haben wir entgegenzuwirken!«

Winkler klatschte bei diesen Worten bekräftigend auf die Schreibtischplatte. Eberlein nickte dazu voller Einverständnis.

«Das ist mir klar, Brigadeführer.«

Eberlein verbarg geschickt seine Verwirrung. Deswegen war er doch nicht hier! Was wollte denn der Brigadeführer wirklich von ihm? Oder kam er nur seiner Marotte nach, sich erst bei einem anderen Thema warmzuquatschen, wie es einmal einer seiner Untergebenen despektierlich formuliert hatte. Das hatte er doch aber bei Eberlein nicht nötig! Winkler, dieser parlamentarische Heckenschütze, hob doch kein Bein umsonst! Eberlein gestattete sich, ein wenig im Sessel hin und herzurutschen. Er konnte sich an einen Fall erinnern, da war ein Mann aus diesem Haus Winkler ins offene Messer gelaufen und hatte sich noch bei ihm bedankt. Dazu aber wollte er nicht gehören! Eberlein rutschte weiter hin und her. Nun schien es ihm klar zu sein, dass es nicht um ihn ging. Das stimmte ihn ruhiger und er beschloss, einige Stacheln einzuziehen.

Das Bewusstsein, nicht zu wissen, worum es ging, gefiel ihm nicht und er versuchte diese Kälte, die ihn beschlich, zu ignorieren. Eberlein war sich sicher: Der Schuss, der ihm galt, würde für ihn unhörbar sein. Im gegebenen Fall wäre er bereits abgefeuert. Oder wäre es das Schwirren einer Bogensehne? Auch das Ffffft eines Blasrohres wäre denkbar. Der vergiftete Pfeil, der damit auf die Reise geschickt wäre, würde ihn exakt und wirkungsvoll treffen! Oder war er gar schon unterwegs? Versehen mit den besten Wünschen und Glück auf dem Weg, versteht sich?

Brigadeführer Winkler versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Das war jetzt ganz offensichtlich. Dafür kannte Eberlein seinen Chef schon zu lange. Dieser marschierte durch den Raum und schloss das Fenster wieder. Ein paar seiner Pflanzen wurden für würdig befunden, von seiner Hand begossen zu werden. Danach kam ein gewaltiger Schluck kalten Kaffees für den Brigadeführer selbst. Und nun?

»Lieber Standartenführer Eberlein. Der Grund ihres Hierseins ist ein ganz Handfester. Natürlich freue ich mich auch, dass Sie wieder einmal bei mir sind. Aber nun mache ich es kurz: Sie, lieber Eberlein, werden aus Ihrem Umfeld herausgelöst und mit einer anderen Aufgabe betraut. Sie werden geradezu umgetopft. Hahahah! Sie werden auf ein Gebiet gestellt, auf dem wir alle fremd sind. Alle. Ausnahmslos alle.

Sie werden eigenverantwortlich in einem Sachbereich arbeiten, von dem niemand eine Ahnung hat. Das hat − wie soll ich sagen − gewisse Risiken an sich. Aber Sie haben auch die Chance, sich zu einsamer Höhe aufzuschwingen. Ehrungen und höchstes Ansehen erwarten Sie und ich vermute, dass Sie mir später dafür ein wenig dankbar sein werden. Wir wissen aber beide auch, wie das so ist im Leben. Wer hoch steigt …«

Das alles war nun doch ein bisschen zu nebulös für Eberlein. Er konnte nicht anders, als aufzustehen und völlig verständnislos zu fragen: »Gestatten Brigadeführer, was meinen Sie?«

Eberlein, der stets genauestens zuhörte, begriff schlagartig, dass es nun doch um ihn ging. Und um noch mehr. Es geht auf eine neue Strecke, auf der er ganz allein sein würde. Aber eben auch allein verantwortlich! Klar formuliert. Ja sicher. Er war der nominelle Chef. Geht es gut, ist er gut. Andernfalls rollte sein Kopf! In Ordnung, in Deutschland werden nicht zum ersten Mal Leute an Arbeitsgebiete gesetzt, von denen sie keine Ahnung haben. Das Ergebnis war ja dann auch oft genug katastrophal. Also deutsch.

Andererseits gab es auch Personen, die wurden überraschenderweise mit dem Problemkreis fertig. Andere wurden lediglich als Vorarbeiter verheizt. Alles in allem: Das waren zu viele Negativaspekte auf einem Haufen! In dieser Frage würde sich in Deutschland auch in ferner Zukunft nichts ändern, aber an ihm, Eberlein, sollte doch − wenn es möglich war − dieser Kelch vorübergehen! Und überhaupt! Worum geht es? Worum? Sollte er am Nordpol Neger zählen? Oder bekommen jetzt alle Chinesen einen Arierpass?

Winkler, Winkler, ehe du zugibst, keine Ahnung zu haben! Wann endlich lässt du die Katze aus dem Sack, he?

Diese stumme Frage musste Winkler gehört haben. Generös lächelnd nahm er zum wiederholten Mal Platz, sah Eberlein an und suchte nach Worten. Mit ganz großer Geste zündete er sich ein zweites Mal seine Zigarre an und begann erneut zu dozieren. Standartenführer Eberlein fühlte, wie der Grund unter seinen Füßen wieder fester wurde. Hier sollte ein wirklich heißes Eisen ins Gefecht geführt werden. So heiß, dass es niemand freiwillig anfassen würde.

Des Weiteren wusste Eberlein aber auch: Wenn jemand überhaupt in der Lage gewesen wäre, eine private Demagogenschule zu eröffnen, dann war es Winkler. Der alte Fuchs, der verdammte! Der ›Dr. phil.‹ war nur einer seiner vielen Titel. Aber genau dieser bedeutete ihm am Meisten. Darauf war er echt stolz. Dafür hatte er unermüdlich gearbeitet, wie er Eberlein einmal zu verstehen gegeben hatte. Jetzt hatte Eberlein das Gefühl, das er sich nun ein wenig amüsiert fühlen durfte. So eine schöne und lange Präambel! Und immer noch nichts Konkretes! Einfach großartig!

Man stelle sich vor: Der Winkler schlägt Haken! Der ist doch unter jedem Regime unentbehrlich! Bei den Kommunisten würde der doch glatt und ohne Mühe Marx mit Lenin widerlegen. Ja, das ist echte intellektuelle Funktionselite! Geistige Oberschicht!

Oder um den kleinen Mann zu beeindrucken, was ja auch nicht ganz unwichtig ist, cephaloide1 Administration. Ganz vorzüglich, lieber Winkler. Nur weiter so!, dachte sich Eberlein.

1 Kopfseitige Führung

Winklers Belesenheit und seine Intelligenz waren im gesamten RSHA berühmt. Obwohl er gerne in der Öffentlichkeit sein Licht unter den Scheffel stellte. Tatsächlich aber schien er allwissend zu sein und er war wenigstens hochintelligent. Und gefährlich. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, dass seine Privatbibliothek an im Deutschen Reich verbotenen Büchern ihresgleichen suche. Dazu kamen noch die bibliophilen Kostbarkeiten aus den ›arisierten‹ Haushalten. Dieser Bestand wuchs unablässig.

War es doch so, dass subalterne Geister und willige Vollstreckerchen immer ein gleich wie geartetes Ansinnen an den Brigadeführer hatten. Das wiederum wusste man mit einem kleinen Büchlein als gehorsamstes Angebinde vorzustellen. Wobei natürlich zu beachten war, das Buch und Anliegen beide gleichermaßen interessant für den Brigadeführer sein sollten. Man hätte ja sonst auf den Gedanken kommen können, dass hier eine ganz ordinäre Bestechung über die Bühne gehen sollte!

Und da konnte Winkler sehr ärgerlich werden. Was dann auch wiederum dienstliche Konsequenzen nach sich zog. Wer sich also solchermaßen seinem Brigadeführer Winkler näherte, begab sich auf dünnes Eis. Im anderen Fall aber besaß man immer das geneigte Ohr des geehrten Meisters und hatte das immerwährende Privileg, als leistungsfähiger Lieferant in seinem gedanklichen Archiv aufgenommen zu sein.

Nun gestattete sich Eberlein, sein Gegenüber anzulächeln. Die Bücher, die er besaß, behielt er doch lieber selbst.

Während Winkler seine hoch qualifizierte Sturmführerschulung machte und schwadronierend den Raum durchmaß, machte sich Eberlein weiterführende Gedanken über seinen Chef. Dass er aber immer noch ein wenig zuhörte, war natürlich Grundvoraussetzung. Sich im Bedarfsfall bestätigend oder begeistert zu verneigen, war ebenfalls unablässig. Das verstand sich am Rande. Auch darin hatte Eberlein große Fertigkeiten erworben.

Aber seine Gedanken ließen von Winkler nicht ab. Dessen ganz geheimes Steckenpferd sollte ja das achte und neunte Buch Moses sein. Aber auch in anderen Richtungen war Winkler mehr als auskunftsfähig. Einer seiner großartigsten Spitznahmen war der eines Reichssachverständigen für Fragen der Kabbala. Dass er dazu noch drei alte Sprachen beherrschte, machte das Bild nur rund. Aber das wussten nicht allzu viele.

Was er sonst noch zu bieten hatte, war nicht bekannt. Wenn aber Admiral Canaris etwas Internes wissen wollte, konnte der gute alte zuverlässige Winkler fast immer helfen. Ab und an solle sogar der Herr Heydrich erfolgreich um Winklers Rat nachgesucht haben. Diese beiden brillanten Geister ließen sich dazu herab, den Brigadeführer um Rat zu fragen. Bei diesem Mann hatten sie keine Bedenken, Schwierigkeiten oder gar Unwissen zu offenbaren.

Im Interesse der gemeinsamen schrecklichen Sache verließ jeder der Beiden seinen einsamen Thron, um bei Winkler nachzufragen. Dass sich beide während und nach der Konsultation wie Grundschüler fühlten, wusste niemand. Winkler, der dies sehr wohl wusste, gab sich alle Mühe, dieses Wissen für sich zu behalten. Hatte er sie doch selbst mit unendlichen Mühen erst in diese seelische Situation gebracht. Aber auch das wusste niemand.

Somit war er tatsächlich unverzichtbar und unverletzbar und durch nichts zu erschüttern. Jedenfalls nicht von unten. Auch Canaris und Heydrich waren nicht nur Meister oder Obermeister ihres Faches, nein, sie waren beide wirkliche Fürsten der Finsternis. Und als solche brauchten sie weder Dank noch Anerkennung. Darüber waren sie erhaben.

Aber Mitwisser brauchten sie erst recht nicht. Bedingungslose Verehrung war es, was ihnen zukam. Und sie vergaßen nichts. Gar nichts. Dieses Gefühl der Unterlegenheit, wie es Winkler ihnen so meisterhaft zu vermitteln verstand, verzieh weder der Eine noch der Andere. Bei der Wesensart beider Rat suchenden Männer war das aber nur zu verständlich und natürlich. Winkler blieb und würde bleiben. Und vielleicht ging es auf der Rangstufenleiter auch noch ein wenig nach oben. So gesehen schien ihm sein biologischer Fortbestand gesichert. Denn am Leben musste er schon bleiben, sonst hätte ja alles Andere gar keinen Sinn für ihn.

Um Winklers Bild zu komplettieren, war noch ein weiterer Fakt zu nennen. Er nahm jeden seiner Gesprächspartner sehr, sehr ernst. Schon deshalb, weil auch der unbedachteste Schwätzer Neuigkeiten liefern konnte. Es gab aber auch die Möglichkeit, dass der jeweilige Gesprächspartner genau auf seinem Gebiet Spitzenklasse sein konnte, was aber bislang noch nicht als Solches erkannt wurde. Bevorzugt in einem Bereich, von dem Winkler wenig oder gar nichts wusste. Dieses Wissen saugte er systematisch in sich auf. In seinem Gehirn wurde der neue Wissensstand sehr schnell geordnet und enzyklopädisch eingegliedert.

Ja, solche Leute gab es in den mittleren und oberen Chefetagen des Dritten Reiches. Möglicherweise waren es nicht allzu viele, aber es gab sie. Und sie waren wirksam. Effizient und schonungslos. Und Erfüllungsgehilfen hatten sie genug. Und auch das waren nur in den allerseltensten Fällen ausgesprochene Dummköpfe. Auf dieser Tatsache beruhte diese grauenvolle Macht, die sich da ›Großdeutschland‹ nannte. War Winkler der Kontakt während des Auslotens des neuen Adepten angenehm, war dessen weitere Verwendung und rangmäßiges Vorwärtskommen gesichert. Dafür sorgte Winkler im konkreten Fall selbst mit allem Nachdruck. Es konnte doch sein, dass dem Probanden noch nachträglich etwas einfiel. Es wäre doch echt schade, wenn genau das dem Brigadeführer entginge. Schade? Nein, unverzeihlich wäre das!

Der Brigadeführer geriet immer mehr in Fahrt. So referierte er gepflegt und stolzierte nunmehr im Sitzen. Denn Platz genommen hatte er zweimal während seiner Ausführungen. Und Eberlein, der es sich geleistet hatte, sich zurückzulehnen, wusste immer noch nicht, weshalb er hier war und worum es ging.

»Bei den Räumen, die wir uns nun anschicken zu erobern und zu beherrschen, müssen wir leider von einer Gesamtbevölkerung ausgehen, die das Menschenmaterial des Deutschen Reiches um − sagen wir − das Dreifache übersteigt. Mindestens. Ja, ich denke, das können wir als Arbeitshypothese stehen lassen. Eins zu drei. Als Realist ist man doch geradezu verpflichtet, auch den unangenehmen Fakten ins Auge zu sehen. Welche Religionen und Glaubensrichtungen dabei eine Rolle spielen − oder besser gesagt, für uns keine Rolle spielen, ist uninteressant.

Diese Untermenschengruppen haben etwas, was wir haben müssen: Lebensraum. Um den geht es. Der nämlich ist dem deutschen Volk dringend vonnöten. Fest steht natürlich auch, dass das ganze Gesindel diesen Lebensraum sinnlos bewohnt. Wenigstens noch eine gewisse Zeit. Aber diese Zeit geht nun zu Ende. Durch uns!«

Dass bei der Verkündung solcher Kernsätze genickt wurde mit erkennbarem Respekt im Gesicht, gehörte einfach dazu. Eberlein machte hierbei keine Ausnahme. Winkler referierte unverdrossen weiter.

»Ihre Bodenschätze. Ihre geografische Nähe zu den Meeren. Das alles wird deutsches Siedlungsgebiet. Ganz einfach deshalb, weil es so sein muss. Weil es der Führer in seinem Werk ›Mein Kampf‹ so unvergleichlich prophetisch formuliert hat. Das ist der Weg. Den haben wir zu gehen. Etwas anderes gibt es nicht für uns. Das oder Untergang! Das sind die scheinbar so einfachen Worte des Führers. Damit stimmen wir in diesem Raum überein und dem haben wir nichts hinzuzufügen. Sind wir uns soweit einig, lieber Standartenführer Eberlein?«

»Vollständig, Brigadeführer.« Eberlein klappte im Sitzen mit den Hacken. Damit hatte er sein Einverständnis nochmals unterstrichen. Na, was macht es! Wenn er heute nicht erfährt, worum es geht, erfährt er es ein andermal! Er gab es auf. Heute wird es nichts damit. Dann soll es wohl so sein!

Winkler nickte hochzufrieden mit sich selbst und nahm seine Wanderung wieder auf. Er ließ eine neue Runde Kaffee kommen und versicherte, dass das nachfolgende Essen wirklich gut sein würde. Eberlein dankte nickend und ging davon aus, dass die wahre Botschaft während des Essens verkündet werden würde. Wie so oft. Da konnte man, wenn es einen besonders hart ankam, sofort einen darauf trinken. Dachte er. So gesehen auch nicht schlecht.

Winkler nahm noch einen Schluck Kaffee und nahm − solcherart gestärkt − den Faden wieder auf.

»Nun aber erhebt sich die Frage, wie bekommen wir diesen unseren neuen Lebensraum? Mit der Bitte, doch ein wenig zu rücken, brauchen wir gar nicht erst zu kommen. Diese Brüder rücken doch nicht zusammen, nur um uns eine Freude zu machen. Warum sollten sie? Also sind wir gezwungen, diesen Umstand mit den uns genehmen Mitteln zu bereinigen. Vielleicht militärische Mittel? Wir schicken ihnen also unsere Wehrmacht auf den ungewaschenen Hals. Unsere herrliche Wehrmacht macht sich also auf die Socken.

Und wissen Sie, was passiert? Der Krieg ist verloren! Noch ehe er angefangen hat. Schauen Sie nicht so kariert, lieber Eberlein! Ich weiß sehr gut, was ist und was nicht ist. Und für uns ist dieser Krieg verloren! Wenn nämlich alle diese Burschen auf uns einen Stein werfen, sind wir unter Pyramiden von Steinen begraben. Wie jeder unbedeutende Pharao, bloß nicht so kostbar ausgestattet. So viele Steinewerfer sind das! Klar?

Und dann wissen die auch noch eines: Irgendwann ist bei uns der Sprit alle. Der Nachschub stockt. Einmal ist kein Flugwetter, einmal kommen wir nicht mit dem Nachgurten der Munition hinterher, einer muss aufs Klo oder unsere Läufe glühen. Und dann haben sie uns! Ob nun zugeworfen oder überrannt, sie haben uns am Arsch und dann werden wir vernichtet. Nur durch zahlenmäßige Überlegenheit. Geben Sie mir recht, Eberlein?«

Der Gefragte war platt. Das war Defätismus. Das war Wehrkraftzersetzung. Das war Hochverrat. Das war … Er sagte gar nichts und sah Winkler nur an. Der wiederum wusste genau, was der Standartenführer dachte.

»Sehen Sie mein Lieber, so sieht es aus, wenn der Gedanke konsequent zu Ende gedacht wird. Der Rest ist Schweigen. Hamlet. Aber nicht bei uns! Das wäre weit gefehlt. Nein, wir lassen uns nicht aufhalten in der Verwirklichung des Führerwortes. Und wir schweigen auch nicht. Wir suchen und finden einen Weg, der für unseren teutonischen Geist gangbar ist. Und das nicht als Schlafmützen, sondern mit kämpferischem Schwung und mit hoffnungsvoller Freude. Jawohl! Denn wer schaffen will, muss fröhlich sein! Verdammt! Jetzt weiß ich selber nicht, ist der alte Fontane verboten oder nicht? Wissen Sie das?«

Eberlein war nun soweit genervt, dass er auch nur mit den Schultern zucken und abwinken konnte. Er war ja nun sicher so Einiges gewohnt, aber heute verlangte der gute Winkler doch zu viel von ihm ab. So was aber auch! Eberlein wollte jetzt bloß noch hier raus, sich umziehen und sich frisch machen. Das gute Essen, was es jetzt geben sollte, wollte er gar nicht mehr. Der Brigadeführer sollte nun endlich zu Potte kommen!

Genau das hatte Winkler nun endlich vor.

»Standartenführer, kurz und knapp: Diese − dieses Land besetzende Völkerscharen sollen krepieren! An allen möglichen und unmöglichen Seuchen, Epidemien, Pandemien und an sonstigen Krankheiten krepieren! In Massen. Zu Millionen. Zu hundert Millionen. Einfach nur krepieren. Und dann haben wir das Land, die Bodenschätze, die Meeresanschlüsse und unsere Wehrmacht haben wir auch noch, wenn wir diesen Weg mit Konsequenz bis zum Ende gehen.

Sie sind Mediziner. Ein hellwacher, kreativer Kopf, von denen wir leider nicht allzu viele haben. Deshalb werden Sie mit dieser Aufgabe betraut. Widerspruch gibt es keinen, da sind wir uns von Anfang an einig. Auf diesem Gebiet sind Sie der Einzige, der davon eine Ahnung hat. Sonst keiner. Sie haben eine echte Vorarbeiterrolle. Ach was sage ich! Vorkämpferrolle! Sie haben ›Carte blanche2‹! In allen Belangen! Alle Vollmachten! Ihre Leute können in Badehosen und Gummistiefeln auf dem Kudamm flanieren, wenn sie Ergebnisse bringen und die Schnauze halten.

2 unbeschränkte Vollmacht

Ist der Auftrag erfüllt, können Sie mit Ihrer Mannschaft in Frack und Schwimmflossen in die Oper gehen. Privat rate ich davon ab. Hauptsache, Sie bringen nutzbare Ergebnisse. Greifbare, verwertbare und strategisch planbare Ergebnisse. Schaffen Sie einen sicherheitstechnischen Cordon sanitaire3 um Ihre noch zu gründende Einrichtung. Und Gott behüte: keinen Geheimnisverrat! Keine Auszeichnungen, respektive in Grenzen, weil doch immer gleich gefragt wird, wofür das Blech angeheftet wurde. Aber im Rang befördern, das dürfen Sie. Können Sie. Das müssen Sie sogar! Als sichtbares Zeichen der Wertschätzung und Dank für gebrachte Leistungen. Es muss sich für Ihre Leute lohnen, bei Ihnen zu arbeiten. Alles was Sie brauchen, wird beschafft. Aber es bleibt alles unter der Glasglocke. Um Sie herum ist der Cordon sanitaire! Sie verstehen? Jeder − ich sage jeder, der diesen Cordon unbefugt oder unerlaubt durchdringen will, stirbt. Es wäre aber auch zu überlegen, ob der Unbefugte nicht doch festgenommen werden sollte, um ihn vor seinem seligen Ende verbal mit uns kooperieren zu lassen. Danach mag er abfahren. Haben Sie das verstanden, Standartenführer?«

3 Sperrgürtel zum Schutz gegen das Einschleppen epidemischer Krankheiten

Grenzposten an einer Militärgrenze

Eberlein war es ganz schwindelig geworden. Das war sie, die Chance! Die ganz große, einmalige, so lange erwartete Chance! Und nun ist sie da! Das war …, das war …!

»Standartenführer Eberlein, Achtung!«

Eberlein, der aus seinen Träumen herausgerissen wurde, stand nicht auf, nein, er sprang auf wie ein Rekrut. Er krachte förmlich auf die Füße und spürte es nicht. So sehr war er in Trance. Ganz tief im Innersten freute er sich auch noch, dass er so schnell und problemlos hochkam und noch immer so zackig! Denn der Jüngste war er ja nun nicht mehr. Er stand stramm. Was nun? Brigadeführer Winkler war auch aufgestanden. Sein Gesicht schien vor Bedeutung gerötet.

»In Würdigung Ihrer bisher gezeigten Leistungen und für Ihre immer treue und exakte Pflichterfüllung im Dienste des Führers befördere ich Sie hiermit im Rang zum Oberführer! Ihre Tätigkeit im neuen Fachbereich beginnt ab jetzt.

Oberführer Eberlein − Ach-tung! Ver-gatterung! Oberführer, bitte nehmen Sie meine aufrichtigsten Glückwünsche für Sie und Ihre noch zu formierende Mannschaft entgegen. Ich gratuliere auch als Mensch, lieber Eberlein! Bitte nehmen Sie doch wieder Platz.«

Der frischgebackene Oberführer war wie besoffen. Das hätte er heute nie und nimmer erwartet. Seine Dankesworte an seinen Chef waren ehrlich und tief bewegt. Wieder nickte Winkler zufrieden. Zufrieden mit sich selbst und mit Eberlein. Aber es war noch nicht zu Ende. Winkler hatte noch ein Problem anzusprechen.

»Das, was mich am meisten stört, ist, dass wir mit der Wehrmacht zusammenarbeiten müssen. Ja. Wir müssen. Das heißt exakt, mit der Militärärztlichen Akademie hier in Berlin und zu allem Überfluss auch noch mit dem Hamburger Institut für tropische und Seefahrtskrankheiten. Viele Köche … Aus allen artverwandten Bereichen kommen Leute zu uns. Das heißt, aus jedem Dorf kommt ein Köter. Das Aussuchen Ihres Stammes bleibt Ihnen überlassen. Wenn wir, also auch Sie, merken sollten, dass sie weggelobt worden sind, gehen die Leute postwendend wieder zurück. Das entscheiden Sie auch. Klar?

Andererseits übereilen Sie nichts! Es ist nämlich möglich, dass solche Brüder erst bei Ihnen zeigen, was sie wirklich können. Also aufpassen! Und strengstes Stillschweigen! Gute Leute bleiben, und wenn noch Personal nötig sein sollte, wird es kurzerhand einberufen. Da kennen wir gar nichts. Ich persönlich neige dazu, alles zur Wehrmacht einzuberufen. Da sind die Verhältnisse klar und eventuellen Knatsch hat dann das Heer. Wir haben als RSHA über Mangel an Sorgen ohnehin nicht zu klagen.

Sie, Oberführer, halten Fühlung mit Ihren Leuten, aber ganz eng. Die besten Leute ziehen Sie zu uns herüber. Notfalls mit der Brechstange. In dieser Frage sind wir völlig gedeckt. Übrigens, wer querpfeift … Da gibt es gar kein Gezappel! Sie müssen das beste Menschenmaterial herausfinden. Weil nämlich die Wehrmacht sonst die Besten an die Front schickt. Diese Ignoranten, diese verfluchten! Die sind doch imstande, glatt alles zu verheizen, was ihnen vor die Flinte kommt. Das wäre das erste Problem.

Das Zweite wäre Oberstarzt Walter Schreiber. Professor Doktor. Genannt Der marinierte Walter. In diesem Mann liegt Gefahr! Dieser Herr ist ein hervorragender Fachmann und leider ein allerbester Organisator. Wenn der will, ist er überzeugendster Rhetoriker und eiskalt und eisenhart dazu. Dabei aber immer freundlich und verbindlich, so dass man frieren könnte. Mit vollendeten Manieren. Auch er gehört zum Führungsgremium der nun bald zu gründenden Forschungsgruppen. Immer noch kaiserlicher Offizier. Ein echter Abkömmling der Militärärztlichen Akademie. Die wurde nicht umsonst La Pepiniere genannt. Die Baumschule. Und der ist ein echter Pepin von dort. Ein Zögling reinsten Wassers! Mit diesem Mann wird zu rechnen sein. Also wieder aufpassen.

Was ich Ihnen noch sagen will, ist: Als Standartenführer sind Sie hierhergekommen und als Oberführer gehen Sie hier wieder heraus. Es war nicht nur mein Wille, dass Sie bei der ersten Dienstbesprechung der Forschungsgruppen als Oberführer vorgestellt werden und als Brigadeführer, also Generalarzt, den Raum wieder verlassen. Das wäre freilich ein ganz großer Sprung, den Sie da machen. Dem sollten Sie sich aber auch als würdig erweisen und den guten alten Winkler nicht ganz vergessen. Wie gesagt, es ist auch mein Wille und ich werde dafür tun, was in meinen Kräften steht. Seien Sie dessen versichert.

Das Einzige, was der Schreiber uns voraushat, ist der Professorentitel. Das muss niedergebügelt werden! Aber darum kümmere ich mich schon. Also, ich bitte nochmals sehr, Oberführer, enttäuschen Sie mich nicht. In keiner denkbaren Richtung. Ich bitte wirklich sehr darum!«

Eberlein wusste, was er jetzt zu sagen hatte und er tat es.

»Brigadeführer, Sie können sich vollständig auf mich verlassen. Ich werde alles tun, um das Vertrauen was Sie in mich gesetzt haben, hundertprozentig zu rechtfertigen!«

»Genau das wollte ich hören, Oberführer!«

Eberlein schwieg ergriffen. Winkler hatte aber noch etwas zu sagen.

»Um Ihre neuen Effekten kümmern sie sich am besten gleich hier im Haus. Meine Ordonnanz wird Sie begleiten. Heute zum Abendessen will ich Sie in vollständig neuer Montur ein paar befreundeten Kameraden vorstellen. Ach ja. Zwanzig Uhr: ›Adlon‹. Könnte nicht unwichtig sein, das Treffen. Viel Erfolg, Oberführer. Und es hat mich persönlich gefreut.«

Das ist natürlich ein imposanter Bau, diese Militärärztliche Akademie, dachte der ankommende Oberführer Eberlein, als er die ebenfalls imposante Treppe hinaufstieg. Also wenn man hier Dienst tun könnte … Ja, wirklich repräsentativ. Da wollen wir doch gleich mal sehen, was hier Schönes auf uns wartet. Er war voll gespannter Erwartung. Das lange, strapaziöse Gespräch mit Winkler hatte ihn aber mit Kraft und Zuversicht für die nächsten kommenden Wochen und Monate versehen. Er war jetzt Oberführer! Also auch Oberstarzt. Das war ein Fakt, der nicht mehr wegzuwischen war. Von niemandem!

Auch hier war er genau so exakt planend eingetroffen, dass er zur angemeldeten Zeit das Arbeitszimmer von Professor Doktor Schreiber betreten konnte.

Halt! Mann, hatte der Schreiber ein beeindruckendes Portal! Ob sich wohl für sein zukünftiges Domizil auch so ein Türchen beschaffen ließe? Hoffentlich! So! Uniformsitz überprüfen. Klopfen. Tür geht auf. Adjutant erscheint. Eberlein geht davon aus, dass der Adjutant Bescheid weiß. Also will er daran vorbeimarschieren, genau wie bei Winkler. Aber er hält sich zurück und guckt nach dem Adjutanten. Das ist doch ein Mittelding zwischen einer wunderschönen Ballerina und einem bildhübschen Oberleutnant! Der kommt ja fast ohne Bodenberührung geschwebt. Den kann man doch wirklich antanzen lassen.

Ja, da leck’ doch die Katz’ am Arsch, der Schreiber ist doch seit Neuestem verheiratet! Eberlein war perplex. Ein wirklich süßer Bengel! Wie aus der ›Koralle‹. Der Adjutant baute, wie um das Maß vollzumachen, militärisch exakt Männchen. Eberlein aber schien es, dass sich hier ein wirklich schönes Mädchen vor einen Spiegel aufrichtete. Der Schneider, also nee …!

Und nun sprach diese Göttin auch noch rein dienstlich zu ihm. Und die Stimme passte auch dazu wie die Faust aufs Auge. Eberlein grinste in sich hinein. Tatsache, er wollte wissen, was hier so Schönes auf ihn wartete. Und was erwartete ihn? Der garantiert schönste Adjutant der Deutschen Wehrmacht!

»Herr Standartenführer Dr. Dr. Eberlein, der Herr Professor erwartet Sie. Ich darf Sie bitten einzutreten. Wünschen Sie Kaffee, Wasser, Tee? Einen kleinen Imbiss?«

Eberlein winkte nur wortlos ab. Eigentlich wollte er sagen: Lass gut sein, du Amazone! Aber das ging nicht. Außerdem verdross es ihn, dass dieses Jüngelchen seinen Dienstgrad nicht richtig erkannt hatte. Andererseits hatten viele der Herren vom Heer diesen Mangel am Leib. Nein, mit diesem blonden Engel in Oberleutnantstracht hatte er nichts zu reden! Da gab es Wichtigeres zu tun! Und die Zeit der warmen Krieger geht auch einmal zu Ende. Hoffentlich ist der Knabe nicht das getreue Abbild seines Herrn und Meisters, dieser Schlaffi! Das wäre dann ja ein Oberschlaffi! Der marinierte Walter!

Sein vorsichtig säuerlicher Ton war legendär. Seine Anweisungen waren so abgefasst, dass jeder, der einen Mangel finden wollte, den auch gefunden hätte. Dennoch wurden genau diese Anweisungen mit großer Umsicht und viel Initiative ausgeführt. Eberlein wusste natürlich, dass es kein größeres Zeichen der fachlichen Wertschätzung gab. Man hatte seinen Chef einfach verstanden.

Und dennoch, er, Eberlein, würde diesen müden Kriegern schon noch die Socken wechseln! Hier traf er auf einen von den Lauen. Schreiber stand der Idee des Nationalsozialismus wenigstens fremd gegenüber. Wenn nicht sogar völlig ablehnend. Und dann klebte er auch noch an seinem Sessel. Aber auch da würde man weitersehen.

Mit schönem Schwung betrat Eberlein das Büro von Oberstarzt Prof. Dr. Schreiber. Die Einrichtung war eher bürgerlich gediegen. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr, dachte sich der Eintretende.

Schreiber stand auf und kam Eberlein mit einem leichten Lächeln entgegen.

»Seien Sie mir ganz herzlich willkommen, Herr Kollege. Sie hatten zwar keine Wünsche geäußert, aber ich habe dennoch Kaffee bestellt. Ohnehin trinke ich zu viel davon. Nein, bitte setzen wir uns in die Klubecke. Wenn Sie rauchen wollen, Herr Eberlein, bitte. Gestatten Sie bitte, ich möchte mich an meinen Adjutanten wenden.

Hören Sie, in der nächsten halben Stunde keine Störungen. Wir haben höchst Wichtiges zu besprechen. Stellen Sie nur Vorgesetzte durch. Alle anderen müssen warten. Ich bitte um Beachtung meiner Worte, und nun lassen Sie uns bitte allein.«

Mit einer leichten Verbeugung begab sich der blonde Prinz hinaus. Seine natürliche, tänzerische Leichtigkeit war bewundernswert. Das musste Eberlein zugeben. Aber es würde alles nichts helfen, wenn er, Eberlein erst hier etwas zu sagen haben würde, flöge dieser grazile Hauch von einem Oberleutnant raus! Achtkant! Das ist doch in allerhöchstem Grad rufschädigend, wenn man hier nur von warmen Nudeln umgeben ist. Aber der Kaffee ist gut. Da haben diese Brüder doch echt hausfrauliche Qualitäten. Eberlein lehnte sich zurück und gab sich selbst das Kommando ›Zuhören‹! Mal sehen, was sich der marinierte Walter so abquetscht.

»Gestatten Sie nochmals, Sie in meinen Räumen ganz herzlich willkommen zu heißen, mein lieber Standartenführer Eberlein …«

»Bitte Oberführer, Herr Oberstarzt. Das große Eichenblatt hat – wie Sie vielleicht noch nicht bemerkt haben – ein wenig ausgetrieben. Wenn ich so sagen darf …«

»Aber verehrter Oberführer! Ich bitte von ganzem Herzen um Entschuldigung. Das habe ich tatsächlich nicht gesehen. Was doch so ein kleines Eichenblättchen ausmacht, nicht wahr? Von ganzem Herzen nochmals meinen Glückwunsch zum höheren Rang. Verehrter Herr Kollege, auch bei mir hat sich eine Veränderung ergeben. Sozusagen zeitgleich. Ich bin zum Generalarzt ernannt worden.«

Eberlein erstarrte. Das war doch nicht möglich! Das sollte er doch …! Nach einer Sekunde aber sprang er auf und machte eine formvollendete Verbeugung.

»Meinen Glückwunsch, Herr Generalarzt! Glückwunsch und meinen Respekt! Was für eine Duplizität der Ereignisse!«

Schreiber dankte ebenfalls artig mit einer kleinen Verbeugung. Während er zu einer Rede ausholte, hatte Eberlein Zeit, sich wieder zu fassen.

»Aber aber, lieber Oberführer, wollen Sie doch wieder Platz nehmen bitte. Es hat sich noch mehr ereignet. Dieses Ihnen zu Gehör zu bringen, ist heute meine Aufgabe. Auf Befehl des Führungsstabes der Wehrmacht ist an die Militärärztliche Akademie der Befehl ergangen, mehrere Forschungsgruppen zu bilden. Aufgabe dieser Forschungsgruppen ist das Erforschen und die Entwicklung der so genannten alternativen Kampfmittel.

Das heißt, das Schaffen von biologischen Kampfmitteln ganz speziell in unserem Fall. Das heißt ganz leger ausgedrückt: Krieg ohne Waffen. Krieg ohne Knall. Verlustfrei für uns und vernichtend für den Feind. Zielstellung ist: keine materiellen Einbußen für uns und Zugewinn der gegnerischen Mittel und Möglichkeiten. Das wäre alles. Mehr wollen wir nicht. Die Forschungsgruppe, die sich damit befasst, dieses Ziel durch eine bestimmte Auswahl von Insekten zu erreichen, ist die ›Forschungsgruppe C‹.

Eberlein merkte auf.

»Dieser Gruppe gehören ab jetzt auch Sie an, verehrter Oberführer.«

Eberlein merkte noch mehr auf. Erwartungsvolle Unruhe machte sich in ihm breit.

»Ich bin mir sicher, es wird Sie freuen zu hören, lieber Oberführer Dr. Dr. Eberlein, dass mir die Führung der Forschungsgruppe zeitgleich mit der Ernennung zum Generalarzt übertragen wurde.«

Diese Erklärung kam mit einem ganz leichten süffisanten Lächeln, wie es Eberlein schien. Währenddessen war Eberleins Erwartungslächeln in sich zusammengesunken und erloschen. Er fühlte sich wie ein Ballon, aus dem alle Luft entwichen war. Seine Gedanken gingen nur in eine Richtung: Schreiber, du Arsch! Und ich Idiot habe meine Vorfreude erkennen lassen! Wie ein Trottel auf dem Jahrmarkt habe ich gegrinst! Ich! Schreiber, du kalter Hund, das zahle ich dir heim! Sei dessen sicher, früher oder später musst du daran glauben. Diese Nummer vergesse ich dir nicht!

Natürlich hatte Schreiber sein Gegenüber höchst aufmerksam beobachtet und ihm war nichts entgangen von dem, was Eberlein jetzt durchmachte. Auch war sich Schreiber darüber im Klaren, dass sein Freundeskreis im Moment nicht gerade gewachsen war. Aber damit konnte er leben.

Eberlein schien es, als hätte er da noch ein erneutes, kleines Lächeln in Schreibers distanziert wirkendem Gesicht gesehen. Aber der holte zu neuer Rede aus. Rede, rede weiter, es ist nun schon egal, was du sagst, dachte Eberlein.

Schreiber nickte nochmals und sagte in den Raum hinein:

»Sie sind und bleiben ein feinfühliger und unglaublich scharfsinniger Mensch, lieber Oberführer. Sie haben jetzt schon die Probleme und Schwierigkeiten erkannt, die da auf mich zukommen. Es ist völlig in der Ordnung, zur Übernahme der Forschungsgruppe nicht zu gratulieren. Es würde wie ein Hohn wirken. Die Anforderungen sind einfach zu hoch. Es wird wirklich schwer werden.«

Eberlein dachte nochmals: Schreiber, du Arsch!

Der Generalarzt fuhr fort: »Ich weiß mich aber mit Ihnen eines Sinnes, wenn ich davon ausgehe, dass Sie sich mit aller Macht für die Belange der Forschungsgruppe einsetzen werden. Ein Mann Ihrer Reputation kann gar nicht anders.«

All diese Worte hatte Schreiber wie mit feinem Spott gesprochen. Dieser elegante Hohn traf Eberlein tief ins Mark. Aber Schreiber schlug viel zu gerne eine feine Klinge, um Eberlein jetzt schon aus seiner Pflege zu entlassen.

»Sie, Herr Eberlein, bleiben de jure beim RSHA, sind aber de facto mir unterstellt.«

Na, wenn schon! Das macht nun auch nichts mehr aus!, hätte Eberlein am liebsten geschrien. Der Schreiber konnte ihm jetzt erzählen, was er wollte, es war wurscht! Er hatte sich von dem eben Gehörten noch nicht erholt. Und was hatte er sich von diesem Tag alles erhofft! Als designierter Generalarzt hatte er das Haus verlassen wollen! Und was hatte er bekommen? Ein neues Unterstellungsverhältnis! Dieser Säuerling hat ihm doch glatt mehrfach in die Fresse gehauen! Fast war es ein Wunder, dass hier noch keiner seine dämliche Visage durch die Tür gesteckt hatte, um zu sehen, was hier eben geklatscht hat!

Und immer noch war Schreiber am Zuge.

»Sie haben vollkommen freie Hand. Alles, was machbar ist, wird Ihnen zur Verfügung gestellt werden. Sei es dem Anschein nach vernünftig oder unvernünftig. Stellen Sie etwas auf die Beine oder auf den Kopf. Unwichtig! Hauptsache, Sie bringen Ergebnisse oder Informationen. Lassen Sie sich bitte sagen: Zu erkennen, ein Weg führt nicht zum Ziel, ist auch etwas wert. Wenn man das früh genug erkennt, kann man eventuell große Mengen an Geld und Material sowie menschlichen, geistigen Aufwand einsparen. Und natürlich seine Bemühungen in eine andere, erfolgversprechendere Richtung lenken. Es könnten weitere Fehler und Irrtümer vermieden werden.

Natürlich werden Ergebnisse erwartet. Aber bitte vergessen Sie nie, Sie arbeiten mit der Natur, in der Natur. Das kann Zeit kosten. Mutter Natur lässt sich nichts befehlen. Also versuchen Sie, ein praktikables Mittelmaß zu finden. Und wie gesagt, denken Sie in alle Richtungen. Die Mitarbeiter, die Ihnen beigeordnet werden, sind ausgezeichnete Fachleute. Ihre Personaldokumente und Qualifikationsnachweise gehen Ihnen noch zu. Einer befasst sich mit Läusen. Einer mit Fliegen. Einer mit Käfern. Wie sagte schon der alte Goethe: »Ein solch Gewimmel möcht’ ich sehen …«

Nun, wir werden es zu sehen bekommen. Lassen Sie es sich nicht verdrießen und ihren Leuten freie Hand. Ganz, ganz lange Leine. Die Organisation des Schutzes des Labors ist auch Ihre Aufgabe. Ihren Mitarbeitern darf nichts geschehen. Diese Leute sind sakrosankt! Das muss feststehen! Unter allen Umständen!

Es werden für Ihre Abteilung sechs Personenwagen und immer ausreichend Benzin zur Verfügung stehen. Ich habe mir gestattet, Ihnen eine Laborausrüstung auf dem Papier erstellen zu lassen. Bitte haben Sie auf gar keinen Fall das Gefühl, Sie sollten einen Flohzirkus aufbauen. Ich gehe weiterhin davon aus, dass ihre Materialanforderungen nach Absprache mit den Fachleuten den vorläufigen Plan sprengen werden. Sollen sie. Es wird getan, was notwendig ist.

Ihrer Abteilung sind ungefähr dreißig Personen zugedacht. Sie inbegriffen. Schreibkräfte fallen aus. Geheime Reichssache. Ihre Wirkungsstätte wird in Warschau sein. Eine durch Sie zu findende geeignete Liegenschaft wird durch Sie und Ihre Truppe zu einem Zentrallabor umgebaut. Ihre Familie zieht mit Ihnen nach Warschau. Im dortigen Regierungsbezirk ist durch uns bereits alles geregelt.

Zum Thema Sicherheit: Es sind bereits drei hochdekorierte und hochverdiente Frontkämpfer vorgesehen. Diese drei Herren übernehmen die komplette Ausbildung, Personenschutz, Innendienst und was sonst noch so anfällt. Bei Nichteignung derselben kümmern Sie sich um Ersatz. Auch eigenverantwortlich. Bei den drei Landsern bitte auch ganz lange Leine. Sie sind mit großen und weitreichenden Machtbefugnissen ausgestattet. Seien Sie nicht kleinlich, was Beförderungen angeht. Auszeichnungen haben die schon genug. Damit kriegen Sie die nicht hinter dem Ofen hervor, wurde mir gesagt.

Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten weidlich, aber angemessen. Es geht völlig in Ordnung, wenn bei Ihnen nur Unteroffiziere herumlaufen. Das ist dann das Problem der Zahlmöpse. Nicht unseres. Gute Leute müssen gut behandelt werden. Machen Sie bitte allen beteiligten Herren klar, um was für einen großen Vertrauensvorschuss es sich hier bei allem handelt. Auch ich werde ein Gleiches tun. Jetzt aber, verehrter Oberführer Eberlein, werde ich Sie mir unterstellen und in meine Gruppe übernehmen. Oberführer Eberlein, Ach-tung! Ver-gatterung!

Herr Eberlein, herzlich willkommen in meiner Gruppe! Ich wünsche uns und Ihnen allen nur denkbaren Erfolg, Gesundheit und nochmals Erfolg. Wann werden Sie reisen?«

»Noch heute, Herr Generalarzt.«

»Dann wünsche ich Ihnen noch Glück auf dem Weg. Und nochmals alles Gute.«

»Gleichfalls, Herr Generalarzt.«

Beide Herren schüttelten sich zeremoniös die Hände.

Eberlein schlug Abschied nehmend die Hacken zusammen. Das vorgeschriebene ›Danke gehorsamst‹ hatte er ja nun geschickt umgangen. Da hatte er mit der langen Leine gleich bei sich selbst angefangen. Er fühlte sich elend, getroffen, verhöhnt und vernichtet. Marinierter Walter, wart’s ab!, dachte er. Damit ging er hinaus.

Verwunderte Blicke trafen ihn. Erst nach geraumer Zeit fand er den Grund heraus. Er hatte sich ganz unbewusst die obersten zwei Uniformknöpfe aufgemacht und war aller Wahrscheinlichkeit nach so durch das Gebäude der Militärärztlichen Akademie bis ganz nach unten gelaufen. Bis vor den Haupteingang! Für einen Oberführer ein Unding! Auch das beschloss er, dem Generalarzt Schreiber anzulasten.

2.

Dieser Tag begann für Doktor Fritz Neckstein mit der Ahnung, dass sich gerade heute etwas für ihn Entscheidendes ereignen würde. Etwas Einschneidendes würde geschehen. Etwas, was sein ganzes weiteres Leben maßgeblich beeinflussen würde. Aber er wusste nicht, was es sein könnte. Er war richtiggehend froh, dass seine Frau Elisabeth noch liegen bleiben wollte. So konnte er den Tag allein beginnen und versuchen, mit seinen Ahnungen fertig zu werden. Er redete sich ein, dass er sich beruhigen müsste, und schaffte es auch, eine Tasse Kaffee zu trinken. Aber ruhig war er nicht. Ganz und gar nicht.

Diese unbestimmte Angst begleitete ihn bis an seinen Arbeitsplatz am Hamburger Institut für tropische und Seefahrtskrankheiten. Das Institut hatte sich über Nacht nicht verändert, wie Fritz Neckstein fast staunend feststellen konnte. Wenn es so gewesen wäre, ihn hätte es keinesfalls verwundert. Tatsächlich, auch die Kollegen waren dieselben geblieben. Und doch …

»Herr Doktor Neckstein, wenn Sie sich bitte im Hauptbüro einfinden würden …«

Das war es! Was kommt jetzt? Betont ruhig und sachlich bedankte sich Neckstein für diese Information und begab sich mit gespielter Ruhe und eben dieser Sachlichkeit ins Hauptbüro. Jeder hier im Haus wusste, das dieser Gang für so manchen in der Vergangenheit ein ganz, ganz bitterer Weg gewesen war. Aber man ließ sich eben nichts anmerken. Die akademische Laufbahn beinhaltet ja oft auch noch so fast nebenbei eine schauspielerische Ausbildung. Aber so ganz kostenfrei war sie nicht. Jedenfalls nicht für den Akteur. Dr. Neckstein aber betrat erkennbar frohgemut das Hauptbüro. Wie heißt es doch gleich im Liede vom Gigolo: Wenn das Herz dir auch bricht, zeig ein lachendes Gesicht …

Aber lachen konnte Neckstein nicht. Nicht einmal lächeln. »Guten Morgen, Frau Schnell. Sie haben nach mir geschickt?«, fragte er gleich an der Tür.

Gott, wie arglos wir heute wieder sind!

Frau Schnell, die immer alles als Erste wusste und mit allen gerne ein persönliches und freundliches Wort sprach, antwortete nicht. Sie nickte Neckstein wortlos zu und deutete mit dem Kopf auf einen für Neckstein unbekannten Mann.

»Herr Doktor Neckstein?« Der fremde Herr machte ein in Grenzen freundliches und fast interessiert wirkendes Gesicht. Er war mit bescheidener Eleganz gekleidet und machte den Eindruck, als hätte er sich für diese Gelegenheit extra in Schale geworfen. Das war ganz sicher nicht sein täglicher Anzug. Aber etwas befremdlich Militärisches ging von ihm aus. Außerdem umgab ihn eine geschäftige Kühle, etwas Distanzgebietendes, das Neckstein hinderte, ihm die Hand zu reichen. Also nickte er nur bestätigend und wartete.

Der Fremde deutete eine kleine Verbeugung an. Er vergab sich nichts. Neckstein spürte in diesem Augenblick: Der verstellte sich nicht. Der war so. Eher befehlend als einladend war seine Geste, ihm in den kleinen Besucherraum zu folgen.

Neckstein sah in sein Gesicht und nahm seinen harten und kalt beherrschten Blick wahr. Militärisch exakt wendete der Mann seinen Körper und setzte sich in Bewegung. Eckig, ruckhaft. Wie ein Zinnsoldat. Neckstein war auch im Krieg gewesen, wenn auch nur ein drei viertel Jahr bei einer Nachrichten- sprich Brieftaubenabteilung. Aber er hatte überlebt. Solche Leute wie Diesen hatte er oft genug genießen dürfen. Wirklich gemocht hatte er sie nie. Und klargekommen war er mit ihnen auch nicht. Der Andere war garantiert ein Ehemaliger. Ein Feldwebel oder Reserveoffizier aus dem Krieg. Anders konnte es ja fast gar nicht sein! Dieses Geradesitzen. Dieses Geradeausstarren. Den Anderen so lange wie es geht im Unklaren lassen. Auf kleiner Flamme gar kochen. In diesem kleinen Raum war der Besucher mehr der Hausherr als Neckstein, der ja nun zum unfreiwilligen Gastgeber geworden war. Er bot ihm freundlich Platz an und der Andere klappte wie ein Taschenmesser zusammen.

Zack! Da saß er. Neckstein nahm zum Ausgleich dafür langsamer Platz, schlug die Beine übereinander und lächelte den Fremden an. Trotz der abschnürenden Enge im Halse machte Neckstein den Anfang.

»Verzeihen Sie bitte, ich habe vorhin Ihren Namen nicht verstanden«. Dabei wussten beide genau, dass sich der Fremde noch gar nicht vorgestellt hatte.

»Kleibert. Unterscharführer Kleibert.« Angedeutete Verbeugung im Sitzen.

Neckstein bekam von Kleibert einen Blick zugeschossen, der ihm sehr deutlich sagte, dass es ihm überhaupt nicht gefiel, auf die Fragen von Anderen zu antworten. Und sei es nur aus Höflichkeit. Um das auch zu dokumentieren, übernahm Kleibert auch ab jetzt die Gesprächsführung.

»Herr Doktor Friedrich Neckstein, ich bin beauftragt worden, Ihnen Ihre Einberufungspapiere persönlich zu übergeben. Ich darf Sie bitten, sie jetzt zu übernehmen und hier zu quittieren. Ja hier. Gut. Danke gehorsamst. Entschuldigung, das ist mir so herausgerutscht, Herr Doktor. Gestatten Sie mir bitte ein paar erklärende Worte, Herr Doktor.

Es ist natürlich ungewöhnlich, wenn die Gestapo die Einberufungspapiere sozusagen frei Haus, stellvertretend für die Wehrmacht überbringt. Aber in Ihrem speziellen Falle ist das nötig. Sie haben sich am ersten September 1940 in Warschau einzufinden. Das bedeutet, Sie haben noch einen Monat Zeit. Regeln Sie bis dahin alles Nötige. Urlaub haben Sie ja auch noch zu beanspruchen. Sie werden ab Berlin in Gesellschaft zweier Kollegen reisen. In Warschau werden sie vom Hauptbahnhof abgeholt. Von da an werden Sie Ihrer weiteren Verwendung überstellt.

Was Ihre Aufgabe sein wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Was ich Ihnen sagen kann, ist das: Sie werden nicht wie ein gewöhnlicher Rekrut eingezogen, sondern als Sonderführer (K), also im Rang eines Hauptmanns - wie Sie aus den Papieren ersehen können. Aber Sie werden sich alles in Ruhe zu Hause ansehen wollen. Ich berühre nur das Grundsätzliche.

Warschau ist kein unmittelbares Frontgebiet und Ihre Einberufung als Hauptmann spricht auch für allergrößte Wertschätzung, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Das war es, was mich hierher geführt hat, Herr Hauptmann. Ich nehme an, Sie haben keine weiteren Fragen an mich. Wenn ich mich nun verabschieden darf, Herr Hauptmann.«

»Herr Kleibert, bitte einen Augenblick Geduld.«

»Natürlich, Herr Hauptmann.«

»Herr Kleibert, meine Frage wird Sie vielleicht überraschen, aber die Gestapo ist doch dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt, nicht wahr? Bin ich da richtig informiert?«

»Durchaus, Herr Hauptmann.«

»Nun aber … Meine Einberufung, mein Dienstgrad, die Verbindung vom RSHA zur Wehrmacht … Können Sie mir denn gar nicht sagen …?«