Akte »M-S-K« - Jens Rübner - ebook

Akte »M-S-K« ebook

Jens Rübner

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Opis

Rübner trägt mittlerweile Grau im Haar. Dies ist auch äußerlich ein Zeichen von Reife und Alter. Hinter der Akte »M-S-K« verbergen sich Reisen durch Raum und Zeit. Sie erzählen von Geschichte und Geschichten über Menschen, Schicksale und Kuriositäten. So erfahren Sie Unglaubliches über ein sehr emotional hysterisch aufgeladenes Thema; von einem Leipziger Adrenalin-Junkie, der als angehendes Formel-1-Talent gehandelt wird; von Nina Hagens wahrem Farbfilm-Micha; von einem politisch links orientierten niederländischen Arbeiter, der das Weltgeschehen beeinflusste; von einem Mörder, dem Rübner in die Augen sah, sowie von dem kleinen Jungen Farrokh, dessen Grundsätze gute Gedanken, gute Worte und gute Taten waren, die ihn letztendlich zum polarisierenden Weltstar machten. Doch was verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen M, dem geheimen Ort, einem Tastenficker oder der IG Elvis? Schon neugierig?

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Jens Rübner

AKTE „M-S-K“

Leipziger Geschichten

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

2015 – Auf ein Neues

Akte „M-S-K“

Einblick in die Szenen vergangener Zeiten

Der fahrende Oberförster

Aufgehoben

Farrokh Bulsara, der große Blender?

Ein Visionär aus Leipzig

Ein „Tastenficker“ in Leipzig

Passion. Power. Pole-Position

Man wird doch wohl mal träumen dürfen

Berufswunsch Henker

Leiden, Lubbe, Leipzig

Abschiedsdisco

Akte „Fan“

Der geheimnisvolle Ort

Tränen, Tote, Tötungsmaschine

Ungesühnte Verbrechen oder liebevolle Feindschaften

Mein Herz muss barfuß gehen

Kinopropaganda gegen unheilbar Kranke

Ein Stück ungeschöntes Leben

Das geheimnisvolle „M“

„Café Capa“ und Gerta, die „kleine Blonde“ aus Gohlis

Was wäre, wenn

Fernab der Großstadt

Schlüsselnummer 635

Formel 1 im Osten?

Rollende Bahngeschichte

Ein Schatz von Leipzigs Flohmarkt

Heimatkunde

Ein Löwe namens Jackie

Ein Schatz wird aus dem Archiv gehoben

In Bohmte sind die Igel los!

Jeden Tag ein Tänzchen

Das letzte Wort

Quellen

Weitere Bücher

2015 – Auf ein Neues

Leipzig – die Messe- und Handelsstadt steht 2015 im Zeichen von großen Jubiläen. Die Messe Leipzig feiert ihren 850. Geburtstag und die Ersterwähnung der Stadt jährt sich zum 1000. Mal.

Wie jedes Jahr, hoffen alle Menschen, dass es ein gutes wird. Manchmal erfüllt sich dieser Wunsch; manchmal müssen wir aber auch erleben, wie wir in unseren Bemühungen, vernünftig, friedlich und rücksichtsvoll miteinander zu leben um Jahre zurückgeworfen werden. Und auch derzeit schaut sich wohl kaum jemand mit gutem Gefühl die Nachrichten im Fernsehen an … und viele fragen sich, warum spielen die Menschen schon wieder solche wahnwitzigen Spiele, anstatt sich einzubringen für das gemeinsame Gelingen einer Welt, in der jeder Mensch in seiner Würde geachtet und in seinen Bedürfnissen ernst genommen wird.

So wünsche ich Ihnen von Herzen ein gutes Jahr, und dass Sie sich nicht entmutigen lassen, sondern mit guten Ideen dort einbringen können, wo Sie leben und wirken und sich Menschen finden, die sich ebenfalls einzubringen versuchen, damit es ein lebenswertes und zukunftsverheißendes Jahr wird.

Ich habe nicht im Kaffeesatz gelesen, um zu wissen, dass 2015 für mich ein gutes Jahr wird. Denn für mich gilt noch immer: Selbst ist der Mann. Der bedeutende Dichter Friedrich Hölderlin meinte einst: „Ein König ist der Mensch, wenn er träumt; ein Bettler, wenn er denkt.“ Träumen und Denken – das ist für mich das Salz des Lebens. Ich lasse es mir gutgehen, genieße ausdrucksstarke und inhaltsreiche Filme, ab und zu einen guten Tropfen, liebe meine Frau, arbeite, wenn ich Lust dazu verspüre, weiter an neuen Projekten.

Auf jeden Fall aber muss man als Leipziger viel erzählen. Wo auch immer man unterwegs ist. Über die Geschichte von ’89, die Kultur, den Brause-Klub RB, den Aufschwung und über die vielen positiv verrückten, kreativen Menschen in meiner Stadt. Ich glaube, die Mischung macht’s! Leipzig als kulturelles Top-Ziel für reisefreudige Menschen …

Trotz alledem ist auch Vorsicht, Aufmerksamkeit geboten. In Zeiten von PEGIDA, LEGIDA und anderen skurrilen Erscheinungen, sei es hinsichtlich fast als gezielt anzusehender Verblödungs-Formate im Unterhaltungsangebot mancher Fernsehsender, sei es im Blick auf die tagtäglich zu erlebende Überschüttung mit schrecklichen Ereignissen aus aller Welt, auf die der normale Bürger kaum Einfluss nehmen kann, sondern eher dazu gebracht wird, mit seinen etwas trotz allem ihn umgebenden Wohlstand dürftigen Verhältnissen zufrieden zu sein, sei es durch nicht Beachtung bestimmter kritischer Positionen und anderer Dinge.

Irgendetwas läuft hier falsch. Oder wie sagte schon Shakespeare: „Es ist was faul im Staate Dänemark“. Aber das musste man letztlich ja auch bei der NSU-Sache feststellen. Woran soll der Bürger sich noch zuverlässig orientieren? Ja, liebe Leute, werte Leser, so sieht die Realität aus.

Schon klar, dass ist eine Menge, und manches wird vielleicht im Reich der Träume bleiben. Aber zu träumen war schon immer nicht die schlechteste Voraussetzung für Veränderung.

Akte „M-S-K“

Ich habe mir mal etwas Zeit genommen um Ihnen den Begriff Akte etwas näher zu erläutern, denn nicht jeder ist eine ‚Sprachnudel‘, ein Wortakrobat, ein eingefleischter Deutsch-Lehrer, Pädagoge oder Dozent.

Das Wort Akte der Singular abgeleitet aus dem Lateinischen acta, deutet „die Geschehnisse“´ oder vielmehr „die Aufzeichnungen“ an. Die freie Enzyklopädie-Wikipedia, verrät weiter, dass Akte vom Wortstamm her auch, „das Vollbrachte, die Handlung“ ausdrücken, wiedergeben kann. Das Synonym, ein sprachlicher Ausdruck mit annähernd gleicher Bedeutung für das Wort Akte bezeichnet auch eine Niederschrift, ein Dokument, ein Schreiben.

In ‚meinem‘ Fall stehen die Kürzel, das M für Menschen, das S für Schicksale und das K für Kuriositäten. Ich möchte Sie hier und jetzt einladen, zu einem Streifzug durch Raum und Zeit. Erzählen von Geschichte und Geschichten über Menschen, Schicksale und Kuriositäten, die das eine oder andere geheimnisvolle Bild im „Kopfkino“ entstehen lassen.

Einblick in die Szenen vergangener Zeiten

Wir schreiben das Jahr 1950. Auf deutschen Boden existieren zwei Staaten, der eine unter der Kontrolle westlicher Demokraten, der andere unter dem Diktat der kommunistischen Sowjetunion. Im Februar besagten Jahres wird das Ministerium für Staatssicherheit gegründet und fünf Monate später beginnt die Ära des Leipziger „Spitzbartes“-Walter Ulbricht.

Am 4. Oktober erblickt in einem Leipziger Krankenhaus ein Junge, der auf den Namen Michael hören wird, das Licht der Welt. Michael Heubach wächst in Leipzig-Reudnitz zu einer Zeit heran, als die Stadt noch grau in grau und nicht multikulti durchwachsen ist. Es war die Zeit, als Videorekorder, Internet, Smartphone, CD, DVD oder auch USB-Stick noch Fremdwörter waren. Andererseits gehörte ein Kinobesuch in den 1950er Jahren zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Beliebt sind vor allem unterhaltende Filme wie Komödien, Musik- oder Liebesfilme. Erinnert sei an die Filmkomödie Alles für Papa, 1953 oder die Premiere des ersten DEFA-Farbfilmes im Dezember 1950 Das kalte Herz, der mit fantastischen Trickaufnahmen das Publikum begeisterte. Ich glaube, die meisten Menschen waren in dieser Zeit, fünf Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, zufrieden und glücklich. Peter Gotthardt, dessen Kompositionen „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ durch den Film Die Legende von Paul und Paula einen Kultstatus erlangt haben, oder Frank Schöbel, einer der erfolgreichsten Schlagersänger der DDR, sowie „Tote Hosen“-Sänger Campino, haben familiäre Wurzeln in Leipzig. Wie schon erwähnt, ist auch Michael Heubach ein gebürtiger Sachse, ein Leipziger. Die Älteren kennen ihn noch als Keyboarder in verschiedenen Bands, als Komponist von „Du hast den Farbfilm vergessen“, „Wasser und Wein“ und „Tagesreise“, aus Sendungen des DDR-Fernsehens, von Aufnahmen des Plattenlabels AMIGA oder als den musikalischen Vater des deutschen Märchenfilms Die Geschichte vom goldenen Taler, 1985 sowie des Kinderfilms Die Weihnachtsgans Auguste aus dem Erscheinungsjahr 1988.

Es ist schon interessant, so ein Musikerleben, und selbstverständlich hat es auch eine eigene Vorgeschichte. So wie im Sport oder in der Mode, beim Film oder beim Fußball verdient auch nicht alles auf dem Gebiet der DDR-Musik, im tiefen See des Vergessens versenkt zu werden. So darf ich nun hier und jetzt an einen kreativen Kopf, einen Vollblutmusiker aus Saggsn-Leibzsch erinnern, der am 4. Oktober dieses Jahres seinen 65. Geburtstag feiert und damit offiziell Anspruch auf Regelaltersrente hat.

Im Westen hieß es Gig, im Osten sprachen wir eher von einer Mugge und meinten dennoch dasselbe – ein Musikalisches Gelegenheitsgeschäft.

Fernab von der großen Mehrheit gab es in der DDR, ich nenne es mal etwas lakonisch „eine Spezies von Menschen“, die auf der Suche nach einem Ventil waren, um dem Alltag im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu entfliehen. Anderssein als die anderen, das war’s? – aufbegehren, Flagge zeigen, Revoluzzer spielen. Ein Heranwachsender musste gegen etwas sein, sonst war er kein echter Junge …

Micha war so einer, er war anders als die graue Masse. Dies äußerte sich schon frühzeitig, denn Familie Heubach war eine durch und durch musikalische Familie. Die Mutter zielstrebig, resolut, wies Micha oft den Weg, hielt aber immer zu ihm, auch wenn sie zum wiederholten Male in die Schule bestellt wurde. Denn Micha war durchaus kein bequemer, ordentlicher Schüler. Jedoch nicht nur das musikalische Improvisationstalent, das man bei ihm schon frühzeitig erkannte, nein, auch sein musikalisches Talent überhaupt, das man brauchte und auch von Jahr zu Jahr mehr zu schätzen, zu achten wusste.

Der aufgeweckte Junge rebellierte anfänglich nur im Kleinen zu Hause, später, als die Veränderungen auch körperlicherseits spürbar und obendrein auch deutlich sichtbar wurden, sprich die pubertäre Phase anrollte, mit all ihren positiven und negativen Auswirkungen, bekamen dies zusätzlich die Lehrer und kurze Zeit später auch die gesamte Gesellschaft zu spüren. Oder anders ausgedrückt, wenn die Musik keinen so breit ausgefüllten Platz in Anspruch genommen hätte, wenn alles so weitergelaufen wäre, hätte er es mit Sicherheit zum „Al Capone des Ostens“ gebracht … Zum Glück kam es anders.

Die Älteren unter Ihnen erinnern sich sicherlich noch an die Zeit, als schon lange Haare und teilweise auch das Outfit, der Klamottenstil für Aufsehen oder Unbehagen bei einigen Menschen sorgen konnten. Es war die Zeit der „Kunden“, Tramper, Blueser, Punker, das sogenannte unterdrückte Jungvolk, das gegen die schnöde bürgerlich-spießige Welt aufbegehrte. Das Ausbrechen, das Entfliehen, das wahre Leben in der Musik zu finden versuchte. Dazu gehörten eben lange Haare, Bärte, Studentenkutten, Fleischerhemden, Tramper oder die legendären Jesuslatschen. So ging an den Wochenenden auf Dorffesten, in Hinterhöfen oder Kellern die Post ab. … Als ein gebürtiger Leipziger, der Herr „Niemand-hat-die-Absicht-eine-Mauer-zu-errichten“-Ulbricht, 1965 das Beatverbot durchsetzt, das alle Gruppen einschloss, die eine solche Stilrichtung verfolgten, beeinflusste dies auch Michas politische Haltung dem Staat gegenüber sehr stark. In Leipzig betraf das unter anderem die „Butlers“, aus denen dann nach erzwungener Umbenennung die „Klaus-Renft-Combo“ wurde.

1970 kurz vor Beendigung seines Studiums lernte Micha genau diese Band kennen, deren Namen er schon mal im Zusammenhang mit dem „Beat-Aufstand“ gehört hatte. Die Muggerei ließ sich mit seinem Studium vereinbaren, es war ja nicht mehr lang, bis er endlich ein „freier Mensch“ war. Diese Combo passte genau in die Zeit der „Kunden“ – Schlaghosen und Bärte waren angesagt und der Mann von Welt rauchte filterlose Zigaretten der Billigmarke KARO, die einen widerlichen Gestank in der Wohnung hinterließ und draußen als Unkrautvernichtungsmittel gut einsetzbar gewesen wäre.

1971 beendete Micha sein Studium an der Leipziger Musikhochschule und war offiziell als Keyboarder fortan Mitglied der Combo. Als elektronischer Tastenmusiker arrangierte er auch einen Teil der Originalfassung von „Wer die Rose ehrt“, das dem Interpreten „Cäsar“ alias Peter-Michael Gläser, der damals ebenfalls in der Klaus Renft Combo spielte, viel Geld und Ruhm einbrachte. Obwohl „Cäsar“ Michas künstlerischen Anteil mit keiner Silbe jemals erwähnte, war dieser trotzdem 2008 auf dem Leipziger-Südfriedhof zu dessen Begräbnis und habe ihm verziehen. „So ist es halt in der Kunst, wenn der eine gibt und der andere nimmt.“

Seine kurze Zeit mit der Renft-Combo bezeichnete Micha teilweise als sehr chaotisch. „Renft war eine, was Ordnung und Sauberkeit anbetraf, sehr unkonventionelle Band – und das ist noch sehr vorsichtig ausgedrückt.“ Aufgrund der textlichen Aussagen und des Bühnenverhaltens der Musiker wurde Renft im Frühjahr 1976 wieder einmal verboten. Jentzsch, Kuhnert und der Texter Gerulf Pannach gingen nach Westberlin. Schoppe folgte später. „Cäsar“ und Hohl gingen zur Gruppe „Karussell“, aber das nur nebenbei. Bereits ein Jahr später, 1972, wechselte Heubach zur „Bürkholz-Formation“, wo er bis zu deren Verbot 1973 blieb. Danach stieg er bei der „Horst-Krüger-Band“ ein und komponierte den Rockklassiker „Die Tagesreise“. Es war die Zeit der Siebziger – Ulbricht ging, Honecker kam. Ende Mai 1971 fand das erste Mal ein Dixieland-Festival statt, das fortan jährlich von Mal zu Mal mehr Besucher in die Elbmetropole Dresden lockte. Im Jahr 1974 kam ein Stück Westen in den Osten, seit dem 1. Februar durfte man offiziell Devisen besitzen und im „Intershop“ einkaufen.

Micha gründete im beschrieben Jahr die Gruppe „Automobil“, seine erste eigene Band. Man engagierte als Sängerin, die junge flotte Nina Hagen, die in der DDR ursprünglich Schauspielerin werden wollte. Da sie allerdings 1971 durch die Aufnahmeprüfung fiel, nahm ihr Lebensweg eine ganz andere Richtung. Die quirlige, lebensfrohe Nina hatte nicht nur eine berühmte Mutter (Eva-Maria, die Schauspielerin) und einen berühmten Vater (Regisseur Hans-Oliver Hagen) sowie einen Ziehvater namens Wolf Biermann – das Licht ihrer Herkunft ging Micha erst später auf. Nein, sie war auch eine heiße Flamme, hatte nicht nur große Augen und lange Beine. Sie konnte auch singen, texten, Pläne schmieden und vieles mehr.

Mit dem „Farbfilm“ landete Micha den nächsten großen Hit. Sie erinnern sich, im Refrain lautet eine Textzeile – Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael. Da Nina und Micha zu dieser Zeit tatsächlich ein Verhältnis hatten, darf man annehmen, dass Kurt Demmler, der deutsche Liedermacher und Texter, ihn als Vorbild für den „Michael“ nahm. Der Rest, was den Text betrifft, entstammt komplett dem Reich der Fantasie.

Vielleicht ist der Menge auf Anhieb nicht so bekannt, dass der Umgang mit Nina auf Dauer ganz schön anstrengend sein konnte. „Hatte sie montags eine Idee, die sie solange verteidigte, bis auch die anderen Gruppenmitglieder daran glaubten, wollte sie schon am Dienstag nichts mehr davon wissen, denn der nächste Einfall wartete bereits. Da gehörte schon viel psychologisches Einfühlungsvermögen dazu, um das auf die Dauer auszuhalten“. (Zitat: Michael Heubach – deutsche-mugge.de) Die Geschichte zeigt ja, dass die Zusammenarbeit mit ihr nicht von allzu langer Dauer war. 1975 verließ sie „Automobil“ und wechselte zu „Fritzens Dampferband“. Eine öffentliche Solidaritätsbekundung für den unbequemen Sänger, ihren Ziehvater, Wolf Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde, brachte Hagen ins Abseits, so dass sie am 28. Dezember des gleichen Jahres die Chance nutzte, in den Westen zu emigrieren. Zugegeben, die extrovertierte Musikerin ist nicht jedermanns Sache, doch Catharina Hagen, die jeder nur als Nina kennt, schaffte es neue Musiktrends zu setzen.

Eine sehr gelungene Ehrerbietung auf eine außerordentliche Persönlichkeit, der sich der Urheber so oder so immer noch verbunden fühlt, schrieb in einer Tageszeitung anlässlich ihres 60. Geburtstages (* 11. März 1955 in Ost-Berlin): „Liebe Nina, weißt du noch, als du mit 19 Jahren Schlager trällernd vor einer Bigband standst, als dich so ein Langhaariger ansprach und fragte, ob du nicht in seine Rockband einsteigen wolltest? Ich wusste damals, dass du neben einer Rockstimme auch einen Hang zum Komödiantischen hattest. Die Erfahrung mit ersten eigenen Texten kam dir später zugute. Schon deine Handschrift und deine Zeichnungen hatten einen unverwechselbaren Stil. Ich hatte den Einfall zu dem Song „Du hast den Farbfilm vergessen“, die Parodie auf den deutschen Schlager. Er galt für uns als Außenseiter, wollten wir doch als Rockband berühmt werden. Du wurdest durch ihn zum Popstar und der „Farbfilm“ ein Gassenhauer, der noch heute zum Kulturgut der DDR gehört. Du hattest viele Ideen, die sich aus materiellen und politischen Gegebenheiten nicht verwirklichen ließen. Nach der Ausbürgerung deines Ziehvaters Wolf Biermann folgtest du ihm nach, landetest in Westberlin und machtest mit einer exzellenten Band Punkmusik auf höchstem Niveau. Dabei schöpftest du alle stimmlichen Möglichkeiten aus. So wurdest du für viele Sängerinnen zum Vorbild. Europäische und amerikanische Bühnen waren dir nicht fremd und du teiltest sie mit prominenten Musikern. Du wurdest zu der ausgefallenen Persönlichkeit, die du noch heute bist. Mit zunehmender persönlicher Reife suchtest du nach deinem Ich. Dabei führten dich deine Wege durch verschiedene Länder, Philosophien und Religionen, die auch vor UFOs nicht Halt machten. Am Ende fandst du dich dort wieder, wo du glaubtest begonnen zu haben – beim Christentum. Mögen die kommenden Jahre deine kreativen Fähigkeiten, deine Fantasie und vor allem die Künstlerin in dir erhalten bleiben“.

Michas Wandern und die Suche nach dem ICH, ging weiter. Im Oktober 1975 wechselte er zur Dresdner Band „Lift“. Bei „Lift“ landete er gleich mehrere Erfolgstitel. Des Weiteren arrangierte er die „Tagesreise“ neu. Drei Jahre später, 1978 zog er von Leipzig nach Berlin. Dies war das Jahr, als der Sachse, unser Sigmund Jähn, als erster Deutscher mit dem Russen Bykowski ins All flogen. Doch bedauernswerter Weise geschah am 15. November 1978 bei Kalisz in Polen auch etwas sehr Trauriges, Unfassbares, das nicht nur in der Historie der Bandgeschichte „Lift“ für viel Leid und Kummer sorgte.

Plötzlich und völlig unerwartet klopfte das Schicksal an die eigene Tür, wird Micha von der Realität eingeholt: Während einer Tournee durch die Volksrepublik Polen kam es zu einem Autounfall, bei dem Michaels Kollegen Gerhard Zachar und Henry Pacholski tödlich verunglückten und er selbst, der am Lenkrad des Wagens saß, schwer verletzt wurde. Nach einem Jahr Genesungspause mit viel Reha und Physiotherapie kehrte Micha ins viel beschriebene zweite Leben zurück. Es war im 30. Jubiläumsjahr der DDR. Viele Künstler hatten mittlerweile das Land verlassen oder erhielten wegen zu kritischer Äußerungen Auftritts-Berufsverbot. Einige Ostkünstler und ihre Lieder schafften es aber auch nach Drüben, zu Konzerten oder gar auf Westplatten (Puhdys, City oder beispielsweise Karat). Andere Künstler wiederum schafften es nicht einmal auf eine Single, geschweige denn auf eine Langspielplatte.

Micha spielte und komponierte nach seiner Genesung und in der Folgezeit noch für Veronika Fischer und Ute Freudenberg. Bevor er 1984 nochmals für ein Jahr zu „Lift“, jener Band, mit der er am ehesten seine eigenen musikalischen Vorstellungen verwirklichen konnte, zurückkehrte.

Das Lied „Am Abend mancher Tage“ der Gruppe „Lift“ in dem die tragischen Ereignisse von 1978 musikalisch verarbeitet wurden, stammt aus der Feder des damals 34-jährigen Rocktexters, Joachim Krause, die Musik dazu komponierte Wolfgang Scheffler. Der Titel hat in der DDR Musikgeschichte geschrieben und ist zugleich auch ein Beispiel dafür, wie man durch Musik Trauer verarbeiten und sogar neue Kraft daraus schöpfen kann.

Im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat deuteten sich nicht nur musikalisch Veränderungen an. Mitte der 1980er Jahre sendete der „Buschfunk“, dass ein Filmkollektiv an einer Dokumentation, einem Rockreport aus der DDR über die Musikszene im Underground recherchiert und arbeitet. Als der Film Flüstern und Schreien dann in die Kinos kam und gar auf den Filmfestspielen in Westberlin lief, da merkte man schon, dass hier was passiert beziehungsweise demnächst passieren wird. Kurze Zeit später gab die Berliner Bluesrockband „Engerling“ einen realen Einblick in die Szene jener Zeit. Mit dem Lied LEGOLAND vermittelte sie wie kaum eine andere die Atmosphäre während der (Wieder-) Vereinigung; es interessierte die Welt leider nur nicht, weil es wohl auf Deutsch interpretiert wurde.

Ob von der DDR-Rockmusik etwas bleiben wird, das eventuell kreative, junge Bands musikalisch beeinflussen könnte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, da es auch eine Generationsfrage, ein Generationsproblem ist. Doch was ich definitiv sagen kann, dass es auch in der DDR Musik Musiker und Bands gab, die versucht haben, das Lebensgefühl musikalisch widerzuspiegeln, und damit meine ich nicht nur die Unzufriedenheit mit dem System. Denke ich an die lyrischen Texte, die durch Alltagspoesie ersetzt wurden, durch Liedermacher wie Demmler, Gruppen wie City, Lift, Silly oder Pankow.

Der 64-jährige Michael Heubach, der heute in Berlin-Mitte wohnt ist seinem Beruf, seiner Berufung treu geblieben. Er ist zwar nicht mehr live präsent, arbeitet jedoch weiterhin als Komponist und freier Musikproduzent.

Portrait Michael Heubach