Abschied vom Mythos - Hannes Bahrmann - ebook

Abschied vom Mythos ebook

Hannes Bahrmann

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Opis

Früher war Kuba ein vergleichsweise reiches Land. Das Bruttosozialprodukt lag über dem Mexikos, die Ärztedichte über der in den Vereinigten Staaten, das Bildungswesen war auf dem Niveau Westeuropas. Sechs Jahrzehnte nach dem Sieg der Revolution kann sich das Land nicht mehr selbst ernähren, die Produktivität in der Wirtschaft reicht nur für Löhne von durchschnittlich 25 Euro im Monat. Die Ideale einer sozialistischen Gesellschaft mit großer Gleichheit sind dahin, die sozialen Unterschiede wachsen unaufhörlich. Die politische Macht ist noch fest in der Hand der kommunistischen Partei und der Familie Castro. Doch mit der Wiederzulassung kleinerer Privatunternehmen und der Annäherung an die USA beginnt ein Umgestaltungsprozess mit ungewissem Ausgang.

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Hannes Bahrmann

Abschied vom Mythos

HANNES BAHRMANN

ABSCHIEDVOM MYTHOS

Sechs Jahrzehnte kubanische RevolutionEine kritische Bilanz

Gewidmet der neuen Generation:

Leo Bahrmann (2004)

Anna Bahrmann (2008)

Tonka Bahrmann (2010)

Carla Bahrmann (2011)

Zitate sind der neuen Rechtschreibung angepasst worden.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über www.dnb.de abrufbar.

1. Auflage als E-Book, August 2016

entspricht der 1. Druckauflage vom August 2016

© Christoph Links Verlag GmbH

Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0

www.christoph-links-verlag.de; [email protected]

Covergestaltung: Stephanie Raubach, Berlin

Covermotiv: Graffiti von »Che« Guevara, Havanna, 2014

(StreetMuse/Thinkstock)

eISBN 978-3-86284-352-7

Inhalt

Prolog

Das alte Kuba

Das Phänomen Batista

Elend auf dem Land

Havanna als Jackpot der Mafia

Revolution

Ein Argentinier radikalisiert Fidel

Der Sieg

Die Auseinandersetzung mit den USA

Utopie um jeden Preis

Das Desaster in der Schweinebucht

Die Raketenkrise von 1962

Mordversuche an Fidel Castro

Kuba und das Kennedy-Attentat

Die Sorge um Fidels Sicherheit

Fidel privat

Die Planung des Wirtschaftsruins

Die Irrtümer des Ernesto »Che« Guevara

Der »neue Mensch«

Disziplin durch Umerziehung

Der Abschied von der Utopie

Kampf im Inneren der Partei

Fidel Castro omnipotent

Repression nach innen

Der Fall Reinaldo Arenas

Die bleierne Zeit

Kuba wird Teil des »sozialistischen Lagers«

Massenflucht

Abenteuer in Afrika

Vorwärts – wir müssen zurück

Die Affäre Ochoa

Überlebenskampf

Die Armee verändert das Land

Die Rückkehr der Prostitution

Proteste und erneute Massenflucht

Der Fall Elián

Miami Five

Vorschnelles Ende der Reformen

Venezuela – der Retter in der Not

Transit

Fidel Castro: Der Weltenlenker

Don Quijote und sein treuer Sancho Panza

Das Exil stabilisiert Kubas System

Das wirtschaftliche Erbe ist verbraucht

Die Zuckerbarone von heute

Der Vormarsch des »Marabú«

Eine historische Abschweifung

Zunehmende Ungleichheit

Bildung, Gesundheit, Renten, Wohnen

Freiheiten?

Repression

Der Fall Oswaldo Payá

Das unfreie Internet

Die Wandlung des Pablo Milanés

Das neue Kuba

Überraschung aus Washington

»Die Isolierung Kubas hat nicht funktioniert«

Wie reagiert die Exilgemeinde?

Aufrechnungen

Ein denkbares Szenario

Keine Prognose

Ist Kuba eine Diktatur?

Das Exil hat keinen Plan

Anhang

Zeittafel

Abbildungsverzeichnis

Karte

Angaben zum Autor

Prolog

»Wir haben es vielleicht nicht so mit dem Produzieren, aber kämpfen können wir gut!«Fidel Castro 1970

Havanna, Anfang November 2015: Nach stundenlanger Busfahrt erreiche ich das Hotel »Inglaterra«. In der schwülwarmen Abendluft drängen sich Taxifahrer mit ihren aufpolierten Oldtimern vor dem Eingang. Drinnen wimmelt es von Gästen, die Bar ist dicht umlagert, die Lobby voller Leute. Nur für mich ist hier kein Platz. »Sie sind bei mir nicht gebucht«, lautet der Bescheid der strengen Rezeptionistin. Ich überreiche ihr meine Reservierung vom August. »Tut mir leid, wir sind hoffnungslos überbucht.«

Ich bin sauer und muss meinen Unmut unterdrücken. Später wird mir bewusst, dass man solche Gespräche in Kuba doch ganz anders führt. Am Anfang steht ein schmeichelndes amorcita (Liebchen) oder papíto (Väterchen), gefolgt von einem verharmlosenden, mit Diminutiven gespickten Anliegen. Etwa: »Weißt du, ich habe da ein klitzekleines Problemchen, eigentlich nicht der Rede wert. Ich bräuchte ein Zimmerchen – kein Ding, ich weiß, aber vielleicht findest du in deinem Computerchen noch eins. In meiner Hand warten auch ein paar ›chavitos‹ – was meinst du?«

An diesem Abend, wie auch an jedem anderen zu dieser Zeit, hätte auch diese Dramaturgie ihren Zweck verfehlt. Das touristische Havanna ist voll, platzt aus allen Nähten. Es herrscht eine stille Verabredung: Alle Welt will noch einmal nach Kuba, bevor …

Bevor was?

Es liegt ein Duft von Veränderung in der Luft. Nur will es niemand so deutlich sagen. »Ich will Kuba noch so sehen, wie es vielleicht nicht mehr sein wird« oder »Jetzt ist es noch so ursprünglich, wer weiß, bald sieht es aus wie überall.« Mich befällt eher Schwermut, wenn ich sehe, dass es immer noch so aussieht wie beim letzten Mal. Und es tut mir innerlich weh, wenn die Neuankömmlinge von Havannas Altstadt jenseits der Touristenmeile angesichts der einstürzenden Altbauten von einem »Kriegsgebiet« sprechen.

In den 80er Jahren war ich mehrmals hier, arbeitete mit Kubanern, hatte Freunde, von denen kaum noch jemand da ist. In den 90er Jahren habe ich den Zusammenbruch des Sozialismus auf der Insel erlebt – und ich war im Sozialismus nicht auf Urlaub, sondern habe zuvor 37 Jahre meines Lebens in der DDR gelebt und erkenne Details und Strukturen wieder.

Mit der »Chronik der Wende«, die von der ARD in 167 Folgen als Dokumentationsserie verfilmt wurde, haben Christoph Links und ich 1989 den Abschied einer Gesellschaft im Alltag dokumentiert, in »Am Ziel vorbei« 15 Jahre später zogen wir mit zahlreichen Autoren eine Zwischenbilanz. Jetzt geht es mir um die Frage, was sich in sechs Jahrzehnten seit dem Sieg der Revolution in Kuba entwickelt hat.

Doch kann man das nicht besser aus dem Land selbst heraus beurteilen?

Marcel Kunstmann aus Jena studiert derzeit in Havanna und betreibt den Blog »Cuba heute«. Er schreibt: »Es ist einfacher aus dem Ausland über Kuba zu schreiben als innerhalb des Landes. Ohne Internet sind wir nicht nur uninformiert, was außerhalb Kubas vorgeht, wir wissen nicht einmal, was um uns herum passiert. Selbst wenn wir regelmäßig die Zeitung lesen, so müssen wir den kondensierten Kaffeesatz von wortkargen Versammlungsberichten als Interpretationsrichtschnur für die nächsten Schritte der Regierung verwenden.«

Das vorliegende Buch ist keine rein subjektive Sicht auf die Dinge, es ist auch keine wissenschaftliche Arbeit. Mein Ziel war es, zusammenzutragen, was sich wie ereignet hat und warum es so gekommen ist. Ich betrachte die Dinge von außen und bemühe mich, keine Schuld zuzuweisen. Jede der beteiligten Seiten hatte Gründe für ihr Handeln, manchmal gute – manchmal weniger gute. Am Ende steht die Frage: Hat sich das große Gesellschaftsexperiment gelohnt? Die Antwort darauf muss jeder selbst finden.

Sechs Jahrzehnte nach dem Sieg der Revolution ist das Land erschöpft. Die 11,5 Millionen Kubaner leben im permanenten Ausnahmezustand. Das einst reiche Kuba der 50er Jahre ist verarmt, die Infrastruktur heute beklagenswert, Maschinen und Anlagen der meisten Industriebetriebe sind verschlissen. Die Landwirtschaft kann das Land trotz günstiger natürlicher Voraussetzungen nicht einmal im Ansatz ernähren. Die Substanz der Städte nähert sich gefährlich dem Abriss.

Die Utopie einer neuen Gesellschaft hielt nur wenige Jahre. Die Zeit des Überlebens dauert hingegen schon Jahrzehnte. Die Generation der heutigen Großeltern erinnert sich wehmütig, die der Eltern ist beschäftigt mit dem alltäglichen Kampf um alles und jedes, und die junge Generation interessiert gänzlich anderes. Gerade erst debütierte der 19-jährige Toni, ein Enkel Fidel Castros, als Model.

Die Revolutionäre von damals waren keine gesichtslosen Männer in grauen Anzügen ohne Visionen, wie sie die sozialistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa repräsentierten. Sie sahen mit ihren Bärten verwegen aus. Und: Sie hatten ohne Hilfe von außen gesiegt. »Unsere Revolution war kein Geschenk der Roten Armee, wir haben sie selbst erkämpft«, machte Fidel Castro klar, wenn er selbstbewusst mit seiner neuen Schutzmacht in Moskau stritt.

Dass das revolutionäre Kuba 90 Meilen vor der Küste der USA bis heute überlebte, grenzt an ein Wunder. Der Preis war hoch: Der Kampf um Kubas Souveränität brachte die Welt 1962 an den Rand einer nuklearen Katastrophe und damit in die größte Gefahr seit Menschengedenken. Es war ein Glück, dass die Kontrolle der Zündung der Atomraketen einem altgedienten sowjetischen General unterstand und nicht einem der heißblütigen Comandantes.

Irritierend ist bis heute die Aussage Ernesto »Che« Guevaras, der im November 1962 – verärgert über den Abzug der Nuklearwaffen – dem Daily Worker, der Zeitung der KP Großbritanniens, sagte: »Wären die Raketen hier geblieben, hätten wir sie in unserer Verteidigung gegen die Aggression alle eingesetzt und sie direkt auf das Herz der USA gerichtet, sogar auf New York.« Auch Fidel Castro hätte ein nukleares Inferno in Kauf genommen – und nannte es in seinen späten Jahren eine »Jugendsünde«. Ein atomarer Overkill zur Durchsetzung einer Idee?

Der Versuch, in den 60er Jahren auf Kuba den »neuen Menschen« zu formen, der ohne finanzielle Anreize vor allem aus seinem Bewusstsein heraus handelt, endete im wirtschaftlichen Fiasko. Dass sein maßgeblicher Erfinder Ernesto »Che« Guevara, genervt vom mangelnden Einsatz vieler Kubaner, auch zum Erfinder von Arbeitslagern wurde, ist ein Makel der Revolution, der seine Folgen zeigte.

Die gesellschaftliche Utopie scheiterte nicht zuletzt an den harten Realitäten des Kalten Krieges, der keinen dritten Weg zuließ. So blieb als einziger Ausweg die weitgehende Unterordnung unter das sowjetische Herrschaftsmodell. Die UdSSR gliederte Kuba in ihr sozialistisches Wirtschaftsbündnis ein und sorgte dafür, dass das Überleben der Insel gesichert wurde. Wie viel das gekostet hat, lässt sich nur schätzen. Wie das meiste Zahlenmaterial aus Kuba mit Vorsicht zu genießen ist. Es gibt keine unabhängige Statistik in Kuba. Das Statistische Jahrbuch erschien 1989 zum letzten Mal. Alle Zahlen unterliegen einer strengen staatlichen Prüfung: Passen sie nicht ins Bild, werden sie neu berechnet oder weggelassen.

Es ist eine beklagenswerte Tatsache, dass die kubanische Revolution mehrheitlich auf Pump finanziert wurde. Ohne ausländische Hilfe wäre Kuba nicht sechs Jahrzehnte lang über die Runden gekommen. Die Sowjetunion unterstützte das Land nach Berechnungen der russischen Ökonomin Irina Zorina mit über 100 Milliarden Dollar. Darin unberücksichtigt sind die Milliarden an Rüstungshilfe. Die letzten Milliarden, die Russland noch in seinen Büchern hatte, wurden 2014 gestrichen.

Nachdem die UdSSR wirtschaftlich ruiniert war und andere Hilfen ausblieben, stand Kuba am Abgrund: Die frühen 90er Jahre wurden zur período especial – zur sogenannten Sonderperiode, zur Kriegswirtschaft in Friedenszeiten. Es gab fast nichts mehr. Die Existenz Kubas unter der insgesamt 49 Jahre dauernden Regierung von Fidel Castro stand auf Messers Schneide.

Dann bekam Ende der 90er Jahre Venezuela eine revolutionäre Regierung. Hugo Chávez, der neue Präsident, war ein großer Bewunderer der kubanischen Revolution und bereit, das Land seines Vorbilds Fidel Castro zu einem nicht geringen Teil zu finanzieren. 15 Jahre später ist auch dieses Land – immerhin mit den größten Erdölreserven weltweit gesegnet – durch allzu großzügige Hilfen an Kuba, vor allem aber durch den dramatischen Verfall des Erdölpreises selbst kurz vor der Pleite. Es herrscht eine schwere Energiekrise (!), die Behörden dürfen deshalb nur noch zwei Tage in der Woche arbeiten, die Regale in den Supermärkten sind leer. Zum Stromsparen soll zusätzlich am 1. Mai die Uhrzeit um eine halbe Stunde vorgestellt werden, um das Tageslicht besser zu nutzen. Der sozialistische Präsident hatte auch noch einen patenten Rat an Venezuelas Frauen parat: Er forderte sie auf, nicht mehr ihre Haare zu föhnen. Der Erdrutschsieg der bürgerlichen Opposition bei den Parlamentswahlen Ende 2015 schließt eine Fortsetzung der Kuba-Hilfe nahezu aus. Die Folgen dürften wieder dramatisch ausfallen: Ein Drittel ihres gesamten Handels wickelt die Insel mit Venezuela ab.

Das südamerikanische Land deckt im Austausch für die Dienste von über 30 000 kubanischen Ärzten gut die Hälfte des kubanischen Erdölbedarfs. Auf der Sitzung des Parlaments im Juli 2016 machte Präsident Raúl Castro bereits unheilvolle Ankündigungen: Aufgrund gefallener Rohstoffpreise und eines »gewissen Einbruchs in den mit Venezuela vereinbarten Treibstofflieferungen« befinde sich das Land in einer akuten Liquiditäts- und Energiekrise und müsse entsprechende Einsparungen vornehmen.

Das hatten die Kubaner bereits durch zahlreiche Stromabschaltungen mitbekommen. Vier Fünftel der Stromversorgung erfolgt durch russische Erdölkraftwerke. Die üppigen Öllieferungen der letzten Jahre hatten den Stromverbrauch um ein Drittel ansteigen lassen. Jetzt ist das Elektrizitätsnetz der Insel am Rand seiner Kapazität angekommen.

Castro wies Spekulationen über den bevorstehenden wirtschaftlichen Kollaps und den Rückfall in den Notstand der 90er Jahre zurück. »Wir leugnen nicht, dass Beeinträchtigungen, vielleicht auch noch stärkere als bisher, auftreten können.« Zugleich räumte er Rückstände in den Zahlungen an die Gläubiger und Handelspartner an. Insgesamt ist die Wirtschaftsleistung der Insel 2016 wieder einmal rückläufig.

Mehr Dollar als aus dem Export von Nickel, den Einnahmen aus dem Tourismus und dem verbliebenen einstigen Weltmarktprodukt Nr. 1, dem kubanischen Zucker, kommen vom kubanischen Exil. Enteignet, ausgewandert und geflohen, leben heute rund zwei Millionen Kubaner im Ausland – davon 90 Prozent in den USA und dort wiederum die meisten im Bundesstaat Florida. Diese 1,8 Millionen (inbegriffen ihre Nachkommen, die Kuba nur vom Erzählen kennen) überweisen ihren Angehörigen auf der Insel regelmäßig Unterstützungsgelder.

Die Höhe dieser Gelder gehört zum Heikelsten im Zahlenspiel um Kubas Soll und Haben: Das Exil ist stolz darauf, dass die Auswärtigen ihre Familie daheim nicht im Stich lassen, und geben die Summen aus ihrer Sicht möglichst hoch an; Kubas Regierung möchte diese Zahl am liebsten ignorieren. Konservativ geschätzt sind es jährlich 2,9 Milliarden Dollar, andere Quellen geben fünf Milliarden an, was der Summe aller kubanischen Exportgüter zusammen entsprechen würde. Es ist so gut wie unmöglich, die Zahl exakt zu ermitteln: Die meisten Zahlungen gehen über Western Union, es wird auch auf Devisenkonten bei kubanischen Banken eingezahlt, und die Hunderttausenden, die ihre kubanischen Angehörigen pro Jahr besuchen, haben die Dollars in der Tasche – legal, aber nicht erfasst.

Die Existenz der zwei Währungen spaltet mittlerweile das Land und seine Wahrnehmung: Touristen kommen zumeist mit dem Teil in Kontakt, in dem die Dollarwährung allgegenwärtig ist. Hier herrschen bescheidene Gesetzes des Marktes, hier verdienen mittlerweile 500 000 Kubaner als kleine Gewerbetreibende die begehrte Zweitwährung des Landes, die auch chavito genannt wird (Spielgeld).

Das Territorium des touristischen Teils der kubanischen Realität ist nicht besonders groß: hauptsächlich das Zentrum Havannas (und auch hier nur ein Gebiet von wenigen Straßenblocks), die Halbinsel Varadero oder der historische Kern der Kolonialstadt Trinidad. Hier befinden sich die meisten Touristentaxis, die Privatherbergen casas particulares sowie die privaten Restaurants paladares. In dieser Realität kommt es schon zu vereinzelt sichtbarem Wohlstand.

Der eigentliche Nutznießer ist jedoch stets der Staat. Er verkauft mit der Lizenz an die kleinen Gewerbetreibenden lediglich ein Nutzungsrecht, hat keine Kosten und verdient so ohne Aufwand eine Menge Devisen. Die lizenzierten Nutzer haben dagegen eine Unmenge an Hürden zu überwinden, um ihre Dienstleistungen in gleichbleibender Qualität anbieten zu können. Der sócio – der Partner –, der etwas besorgt, der Ersatzteile beschaffen kann, der etwas repariert, ist der entscheidende Faktor in diesem Wirtschaftssystem. Deshalb spricht man in dieser Welt nicht mehr vom Sozialismus (socialismo), sondern vom sóciolismo.

Der übergroße Teil des Landes lebt von den Touristen meist unbeobachtet in der Welt des gescheiterten Sozialismus, einer Gesellschaft, in der es theoretisch keinen Privatbesitz an Produktionsmitteln, keine Ausbeutung, aber Gleichheit und Gerechtigkeit gibt. In der Praxis bedeutet es allerdings die gleichmäßige Verteilung des Mangels. Und es mangelt an allem und jedem. Die Schwachwährung Peso cubano (CUP) dient einzig zur Bezahlung der Löhne und Gehälter; für lebensnahe Dienstleistungen sowie zum Kauf der hochsubventionierten Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs gibt es eine Bezugsberechtigung in Form eines Heftchens, das Libreta de Abastecimiento heißt. Dieses System reichte bis vor 15 Jahren aus, um die Lebensmittel zu kaufen, die es gerade gab, die Miete zu zahlen, deren Preis die Erwähnung nicht lohnt, sowie Wasser und Strom. Bildung ist ebenso kostenlos wie die Gesundheitsfürsorge (wenn es im Krankenhaus nicht gerade an Medikamenten mangelt).

Gleichheit und Gerechtigkeit sind Vergangenheit: Die Existenz der Parallelwährungen spaltet die kubanische Gesellschaft ebenso wie die Dollarmilliarden aus dem Exil: Sie gehen zu vier Fünfteln in den traditionell wohlhabenderen Westteil der Insel um Havanna und vorrangig an weiße Kubaner, weil die auch diejenigen waren, die etwas verloren hatten oder neue Chancen in den USA suchten. Die Afrokubaner – traditionell im Ostteil des Landes beheimatet – waren vor allem Landarbeiter und profitierten eher von der Revolution, die diese vernachlässigten Regionen gezielt entwickelte und heute nicht mehr in der Lage ist, die Ungleichheiten auszutarieren.

Die Mehrheit der Kubaner muss in den Staatsbetrieben arbeiten, die miserable Löhne zahlen. In dieser Alltagswelt ist die Arbeit nicht gerade das zentrale Element des Daseins, um es dezent auszudrücken. »Mein Chef tut so, als wenn er mich bezahlt, und ich tue so, als ob ich arbeite«, lautet die gängige Formel. Das wird zum Teufelskreis: Die Staatswirtschaft kann keine besseren Löhne zahlen, weil die Produktivität so niedrig ist und umgekehrt.

Nach Jahrzehnten des Sozialismus und des Kampfes ums Überleben ist Kuba nun seit Jahren im Transitbereich und sucht nach einem Ausweg. Aufgeben ist für die Führung keine Option. Und deshalb liegt vielleicht der Duft von Veränderung in der Luft, doch die vollzieht sich vermutlich nicht in einem einmaligen Ereignis, sondern eher in ganz kleinen Schritten.

Ihre Lage schildert die Bloggerin Yoani Sánchez aus Havanna so: »Ich lebe eine Utopie, die nicht die meine ist. Eine Utopie, für die meine Großeltern ihr Leben gegeben haben und meine Eltern ihre besten Jahre geopfert haben. Für mich ist sie eine Last, sie drückt mich nieder, aber ich weiß nicht, wie ich sie abschütteln soll. Manch einer, der diese Utopie nicht erlebt hat, will mir einreden, dass man sie bewahren muss. Aber solche Leute können eben nicht ermessen, wie unfrei es macht, die Träume anderer mit sich herumzuschleppen und mit Illusionen zu leben, die einem eigentlich fremd sind.«

Yoani Sánchez, das Gesicht des unabhängigen Kuba, auf ihrem von ihr selbst im Internet abgebildeten Personalausweis

Das alte Kuba

Reich, modern und ungerecht – Fast wäre die Insel ein US-Bundesstaat geworden – Batista, der Präsident der Kommunistischen Partei – Gesetzlicher 8-Stunden-Tag und Mindestlohn mit Verfassungsrang – 1950 wird das Fernsehen in Kuba als zweitem Land der Welt eingeführt – Gesundheitsversorgung auf dem Niveau von Industrieländern, Bildung in den Städten vorbildlich – auf dem Land nicht.

Liest man die meisten Darstellungen der kubanischen Revolution, so werden die Verhältnisse vor 1959 zumeist mit kurzen Stichworten abgehandelt: Batista-Diktatur, ungerechte Verteilung des Wohlstands, arme Landbevölkerung ohne Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, bewaffneter Kampf, Sieg Fidel Castros und seiner Rebellen. Danach folgt die Innenwelt der Revolution und ihrer Entwicklung. Ohne den Vorher-nachher-Vergleich ist es aber nicht möglich, die Frage zu beantworten, die sich bei einer solch tiefgreifenden Veränderung irgendwann stellt: War es das wert?

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