Wir sehen uns in Paris - Elisabeth Zöller - ebook

Wir sehen uns in Paris ebook

Elisabeth Zöller

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Opis

Je t'aime Paris! Isabella hat nur ein Ziel: Sie muss unbedingt nach Paris! Komme, was wolle! Denn dort lebt ihre Schwester Clara, die sie seit der Scheidung ihrer Eltern kaum noch sieht. Als wieder einmal ein Treffen an Claras Geburtstag zu platzen droht, kauft Isabella kurzerhand eine Zugfahrkarte Berlin - Paris. Nur ihre beste Freundin Hanna weiß Bescheid und soll die Eltern zu Hause mit Notlügen hinhalten. Doch dann kommt alles ganz anders als gedacht: Auf dem Weg zum Bahnhof klaut ein Straßenjunge Isabellas Tasche und mit ihr die kostbare Fahrkarte. Wutentbrannt verfolgt sie den flüchtenden Jungen durch die Stadt, bis hinein in den abfahrenden ICE Richtung Paris. Eine turbulente Reise beginnt …

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ISBN 978-3-649-61810-2 (eBook)

eBook © 2014 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

ISBN 978-3-649-61372-5 (Buch)

© 2014 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Text: Elisabeth Zöller, Brigitte Kolloch

Umschlaggestaltung: Tina Schulte

Lektorat: Christina Grams

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.coppenrath.de

Isabella stöhnt auf. Aber nicht wegen der brütenden Hitze, sondern weil sie unglaublich wütend ist.

Das ist so gemein! So verdammt gemein, denkt sie. Typisch Papa!

Der macht immer alles kaputt und diesmal so megaheimtückisch, dass ihr ganz flau im Magen wird. Wütend knüllt sie den Ausdruck von Claras Mail in ihrer Faust zusammen. Am liebsten würde sie auf der Stelle aus der Haut fahren. Nein, am liebsten würde sie genau das Gegenteil von dem tun, was Papa will und einfach anordnet. So kann der doch nicht mit seinen Mädchen umgehen!

»Verflixt!«, sagt sie halblaut zu sich selbst. Sie hat die Mail extra ausgedruckt, weil sie sie Hannah zeigen will. Das ist der endgültige Beweis für die Herzlosigkeit ihres Vaters. Dabei liebt sie ihn doch. Nur heute nicht. Und auch nicht an dem Tag, als er ihre Mutter verlassen und Clara mitgenommen hat. Alles nur, weil er ausgerechnet in Paris Karriere machen wollte. Und Clara hat er einfach mitgenommen.

Ja, Clara ist seine Tochter, aber sie ist und bleibt auch Isabellas Schwester! Und Schwestern gehören nun mal zusammen. Daran können auch die blödesten Väter nichts ändern.

Missmutig starrt Isabella auf den Papierball in ihrer Faust. Und jetzt? Sie muss etwas tun. Einfach etwas unternehmen. Rebellieren! Damit auch der letzte Idiot endlich begreift, dass auch sie da ist, dass auch sie etwas will, weil sie es sich wünscht und weil sie sich darauf gefreut hat. Ratlos schaut sie sich um und wirft dann einen Blick auf ihre Armbanduhr. Eigentlich muss sie sich beeilen, denn sie ist verabredet. Hannah sitzt ein Stück die Straße runter in ihrem Lieblingscafé und wartet bestimmt schon auf sie.

Isabella seufzt und will sich gerade zum Gehen umwenden, da fällt ihr Blick auf die Lösung: Reisebüro Müller & Müller, Partner der Deutschen Bahn. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und plötzlich ist alles nicht mehr so schlimm.

In der Tür des Reisebüros hängt ein Schild: Wir sind ab 14:00 Uhr wieder für Sie da. Isabella sieht noch einmal auf ihre Armbanduhr.

»Na warte«, murmelt sie.

Noch fünf Minuten. Sie presst das zerknitterte Papier gegen die Scheibe und beginnt, es glatt zu streichen. Isabella hat sich entschieden. Hannah wird heute etwas Geduld mit ihr haben müssen.

Die Sonne knallt erbarmungslos auf die blank geputzten Scheiben des Literaturcafés. Es ist Juli und es ist heiß. Kein Lüftchen weht durch die Fasanenstraße und die Sommerhitze brütet zwischen den Häusern Berlins. Sie lässt die Luft über dem Blech der geparkten Autos flirren.

Hannah legt ihren silberfarbenen Lieblingsstift neben das blau eingebundene Notizbuch auf die Tischplatte.

Sie wartet auf Isabella, ihre allerbeste Freundin, und die hält sich leider nie so richtig an Verabredungen. Sie kommt nur ungefähr zur angekündigten Zeit. Und dieses ungefähr kann auch eine Stunde später sein. Auf das Zuspätkommen ist auf jeden Fall Verlass. Absolut.

Hannah streicht sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn und schiebt sie sich hinters Ohr. Sie ist wütend, schielt immer wieder auf die Uhr. Doch die Zeit, in der sie auf Isabella wartet, vergeht so langsam.

Schließlich steht sie auf und geht erst mal zur Toilette. Am Waschbecken dreht sie den Hahn voll auf, lässt sich das kühle Wasser über die Handgelenke laufen und schaufelt sich dann einen Schwall davon ins Gesicht. Das tut gut bei der Hitze! Hannah betrachtet ihr Gesicht im Spiegel. Es ist schmal, helle Haut mit ein paar Sommersprossen und eine kleine Nase. Alles umrahmt von langen blonden und etwas lockigen Haaren. Ihre grünen Augen mag sie: hellgrün mit einem fast bläulichen Ring drum herum.Um ihr Aussehen beneidet Isabella sie immer. Die hat kastanienbraune Haare. Ein ovales Gesicht mit graublauen großen Augen. Sie beide sind gleich groß, aber Hannah findet, dass Isabella manchmal schon irgendwie erwachsener wirkt als sie …

»Darf ich mal ans Waschbecken?« Hinter Hannah ist plötzlich eine Dame aufgetaucht.

»Oh, Entschuldigung.« Hannah tritt zur Seite und schiebt sich an der Frau vorbei zurück ins Café. Mit einem Seufzer lässt sie sich auf ihren Platz zurückfallen. Auf dem Zifferblatt der Standuhr neben der Treppe schieben sich der große und der kleine Zeiger auf 14:30 Uhr. Und um 14:00 Uhr wollte Isabella eigentlich schon da sein.

Aus der Küche dringt das Klappern von Geschirr und leise, undeutliche Stimmen sind zu hören. All diese Geräusche vermischen sich zu einem Summen, träge und dumpf, langweilig und doch angenehm.

Hannah trommelt mit den Fingern ungeduldig auf den Tisch. Wenn man ihrer Freundin doch nur einen Wecker einbauen könnte, direkt hinter die Ohren. Einen Wecker, der so lange schrillt, bis sie sich endlich auf den Weg macht.

Ziemlich genau in der Mitte der vornehmen Häuserzeile auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt Isabella. Links und rechts neben dem Portal des Hauses ruhen gemeißelte Engel auf Podesten. Tiefgrüner Efeu und Weinreben klettern an schmiedeeisernen Gittern die Fassade empor. Das Haus strahlt weiß im gleißenden Sonnenlicht. Schmal gestreifte, mintgrüne und azurblaue Markisen blähen sich leicht in der sacht aufsteigenden Asphalthitze. Hier befindet sich das Beerdigungsinstitut Morgenstern, das von Isabellas Mutter Astrid geführt wird. Bestattungen und Trauerhilfe seit 100 Jahren, ist auf einem großen Werbeschild in feierlich anmutenden dunklen Buchstaben zu lesen.

Im Fenster steht ein Sarg aus Mahagoniholz. Daneben hängt ein Poster, auf dem ein schmaler Pfad über eine Düne führt. Im gelben feinkörnigen Sand sind die Fußspuren von zwei Menschen zu erkennen. Das Meer am Horizont glitzert tiefblau und sieht fast echt aus. Da wäre ich jetzt gern, denkt Hannah und sehnt sich an einen weiten weißen Strand.

Dabei ist es hier im Café sehr gemütlich. Und es riecht unglaublich gut nach frisch gebrühtem Kaffee und nach einem Irgendetwas mit Kakao oder Schokolade. Dazwischen ein leichter Hauch von Zitrone und Vanille. Das fühlt sich frisch und prickelnd an und macht Appetit. Hannahs Zungenspitze huscht über ihre Lippen. Der Deckenventilator dreht seine Runden und schickt ein frisches Lüftchen in den Raum. Mit leisem Wusch, Wusch, Wusch durchschneiden seine drei Flügel aus rauchgelbem Plastik die Luft.

Hannah könnte jetzt auf der Stelle eine Filmszene daraus machen. Vielleicht etwas Dramatisches. Dabei geht es dem Ventilator doch wie ihr. Er dreht sich um die eigene Achse und schaufelt Luft. Das ist wie beim Warten auf Isabella: auf die Uhr schauen, zur Tür sehen, jeden Hereinkommenden mustern – nach immer wieder dem gleichen Takt. Und schon geht es in die nächste Runde: Auf die Uhr sehen, …

Hannah seufzt und kratzt verstohlen an einem Mückenstich knapp unter dem Lederriemen ihrer Sandalen. Dann schaut sie wieder hinaus auf die flirrende Straße. Aber Isabella ist nicht in Sicht.

John fegt mit einer raschen Handbewegung eine Haarsträhne aus der Stirn. Er spürt, wie ihm der Schweiß in den Nacken rinnt und unter seinem Shirt versickert. Er hat seine graue Kapuzenjacke um die Hüften geschlungen. Die Riemen der großen abgewetzten Sporttasche drücken auf seine Schulter.

Die Uhr über dem Spätkauf an der Kreuzung zeigt 14:35 Uhr. John hat alles im Blick, er ist immer auf dem Sprung. Manchmal beobachtet er Menschen. Wartet ab. Mal sehen, was passiert. Er muss immer schnell reagieren.

Ein Pulk Jungs hängt im Schatten der Markise am Kiosk herum. Sie schlürfen Cola, und an ihrer Kleidung sieht man, dass sie Geld haben. John hat Durst und kein Geld. Er schaut auf seine zerschlissenen Turnschuhe und hofft, dass sie noch eine Weile durchhalten. Er möchte dazugehören. So einer sein wie die da! Die haben nämlich meistens alles. Handys, Klamotten, beim kleinsten Hunger etwas zu essen. Und sie haben ein Dach über dem Kopf und vor allem eine Familie.

John muss hellwach sein, keine Verträumtheit, kein Trödeln, kein Chillen oder Herumhängen. Ein Fehltritt und schon steckt er in großen Schwierigkeiten. Aber John ist flink und hat einen Riecher für Gefahren, auch wenn sie sich still und heimlich nähern. Seit einiger Zeit kommen sie allerdings in Gestalt von Harpo und seiner Bande. Und das ist gefährlich, sehr gefährlich.

Harpo – John muss seufzen, wenn er an ihn und seine Jungs denkt. Sie haben es auf ihn abgesehen und natürlich geht es dabei wie immer um Geld. Auch wenn er meistens nichts hat. Nur manchmal, wenn er arbeiten geht, dann hat er ein paar Euros in der Tasche. Und genau darauf sind sie scharf.

Hier auf dem Ku’damm fühlt John sich allerdings fast sicher. Das ist nicht Harpos Revier. Der »herrscht« am Warschauer Bahnhof. Trotzdem. Er muss vorsichtig sein und immer auf der Hut. Auch jetzt. Er sieht sich um. Ist die Luft noch rein?

Die Sache mit Harpo ist kompliziert und im Moment hat John keine Lust, darüber nachzudenken. Er läuft weiter und versucht, den Gedanken zu verscheuchen wie ein lästiges Insekt. Doch er ahnt, dass er bald einen guten Plan braucht.

Das grelle Sonnenlicht tut seinen Augen weh. John blinzelt und biegt rasch nach links ab in eine schattige Gasse. Er streift die schwere Tasche von der Schulter und hockt sich an eine gemauerte Hauswand. Wenigstens ein bisschen kühler ist es hier. Er wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

Wo steht geschrieben, dass das Leben einfach ist? John atmet tief aus und spuckt dann auf das Pflaster. In den letzten Jahren hat er ziemlich schnell ziemlich viel über das wahre Leben gelernt – und ist trotzdem nicht untergegangen. Ein bisschen stolz ist er schon auf sich, auch wenn alles verdammt hart ist.

John kommt nicht von hier, ist nicht aus Berlin. Er ist abgehauen, weil er seinen Vater sucht, der auch abgehauen ist. Als John vor ein paar Wochen in die Stadt kam, hatte er sofort ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Die Stadt ist riesig und die Spur, die ihn zu seinem Vater führen sollte, war im Vergleich dazu winzig. Aber John wusste, dass er ihn unbedingt finden muss. Er will, dass er zurückkommt und alles wieder in Ordnung bringt, dass sie wieder wie eine kleine Familie zusammenleben können, auch wenn Mama tot ist: Papa, seine kleine Schwester Marie und er.

Doch sein Vater hat sich aus dem Staub gemacht. Seitdem hatte John mit Marie in einer Pflegefamilie gelebt. Aber er kam dort nicht klar. Alles, was er anfasste, verwandelte sich automatisch in ein Riesenproblem, auch für seine Pflegeeltern. Marie war ihr Liebling. Ihn lehnten sie ab. John schließt die Augen und denkt an Marie. Er liebt seine kleine Schwester. Sie ist wirklich ein Sonnenschein, aber er konnte so einfach nicht weitermachen.

Dann hatte sein Vater eine Ansichtskarte geschickt. Aus Berlin. Und er hatte geschrieben, dass er in einem Einkaufsmarkt namens Fabrikkauf jobbte. John hatte herausgefunden, dass der Laden in einer heruntergekommenen Gegend an einem Gleisdreieck liegt. Und dann hatte er beschlossen, von zu Hause abzuhauen und zu seinem Vater zu fahren.

Er wollte ihn zur Vernunft bringen. Aber John hat ihn verpasst. Vom Marktbesitzer hat er erfahren, dass sein Vater öfter mal für ein paar Tage verschwunden und dann wieder aufgetaucht war. Aber jetzt war er schon eine ganze Weile weg. Und John hat inzwischen keine Hoffnung mehr, ihn hier zu finden, denn er hat längst kapiert, dass sein Vater immer noch trinkt. Bestimmt mehr, als er verträgt, und mehr, als eine kleine Familie aushält. Früher hatte er das nicht begriffen. Und jetzt ist sein Vater nicht mehr da.

Nun steht John da, hat kein Geld und weiß nicht, wohin er gehen soll. Seit ein paar Wochen haust er im Brachland zwischen den Gleisen. Bei den anderen Straßenkindern, Punks, Obdachlosen und Stadtgespenstern. Seine einzige Beschützerin ist Danni, vor der sonst alle Angst haben – selbst Harpo.

John steht langsam auf. Er muss zurück zum Markt, ein paar Stunden arbeiten, Leergut sortieren, das Lager aufräumen. Und hoffen, dass Harpo ihn nicht in die Finger kriegt.

Hannah schaut sich um. Hier drinnen im Café ist wirklich nichts los. Dafür sind die Tische im Garten dicht umlagert. Dort spenden große Sonnenschirme Schatten. In der gläsernen Schiebetür zum Garten spiegelt sich vage das Bild eines Mannes. Er ist der einzige Gast, der wie Hannah drinnen sitzt. Der Mann hat sich an einen Einzeltisch in die dunkelste Ecke des Cafés gesetzt. Er ist sozusagen abgetaucht. Einer, der sich unsichtbar machen will. So reglos wie er dahockt, wirkt er beinahe wie tot, denkt Hannah.

»Hah«, juchzt sie leise. Der Gedanke kommt so plötzlich, dass sie richtig zusammenzuckt. Beinahe hätte sie ihr Glas umgestoßen. Sie nimmt den Stift in die Hand und klappt das schmale blaue Notizbuch auf. Sie weiß es: Die besten Geschichten passieren um sie herum.

Der geheimnisvolle blasse Mann kommt ihr gerade recht. Sie nippt an ihrem Glas und schielt wieder zu ihm hinüber. Natürlich, sie muss Notizen machen! Für Isabella und für ihr gemeinsames Drehbuch. Später, wenn sie mit der Schule fertig sind, wollen sie Filme machen. Die Geschichten dafür sammeln die beiden schon jetzt fleißig in rosaroten, hellblauen und grünen Notizbüchern, damit sie dann, wenn es endlich losgeht, aus dem Vollen schöpfen können. Alles ist ordentlich durchnummeriert. Heute Morgen hat Hannah das Buch Nummer zehn angefangen. Das heißt, sie hat schon neun fertige Ideengerüste für Drehbücher im Regal, die nur darauf brennen, bearbeitet und verfilmt zu werden.

Hannah schreibt schnell, weil sie schnell denkt. Sie lässt nie einen Gedanken aus. Und sie beobachtet genau. Jedes Detail ist wichtig.

»Berlin. Es ist ein brütend heißer Hochsommertag. Was macht der Mann im schwarzen Anzug in der dunkelsten Ecke des Cafés? Warum setzt er seinen Hut nicht ab? Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Der Mann starrt hinaus auf die Straße. Er lässt das Haus meiner besten Freundin Isabella Morgenstern nicht aus den Augen. Hat er es auf sie abgesehen? Ist er ein Außerirdischer auf geheimer Mission? Unter dem schwarzen Hut schimmert nackte Haut hervor. Er hat bestimmt keine Haare. Aliens haben nie Haare. Sie haben Wahnsinnsglatzen, mit Wülsten und kleinen Antennen. Der Mann ist groß und dünn. Der perfekte Sendemast.«

Hannah schaut von ihrem Notizbuch auf und betrachtet den Mann noch einmal ganz genau. Jetzt rückt er auch noch seine verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase zurecht. Das ist doch verrückt. Im Café ist es dämmrig! Völlig klar: Das ist eine Datenübertragungsbrille.

Hannah seufzt und schreibt weiter: »Er sieht aus wie ein gut getarnter Außerirdischer, wie ein Kundschafter oder stiller Späher. Er scannt alles mit seinen Blicken. Oder hat er vergessen, wo er sein Raumschiff geparkt hat? Ist er verzweifelt? Ratlos? Vielleicht sogar hilflos?«

Langsam wird eine Geschichte daraus. Aber sie hakt noch. Was jetzt fehlt, sind die Einfälle von Isabella. Gemeinsam sind sie richtig stark.

Wo bleibt Isa nur? Hannah wird nun wirklich ungeduldig. Sie muss ihr unbedingt den gruseligen Mann zeigen und sie fragen, was sie von der Idee für die neue Story hält. So etwas eilt! Vielleicht sitzt er in ein paar Sekunden nicht mehr dort, springt auf oder löst sich in nichts auf.

Hannah hebt die Speisekarte des Cafés vor ihr Gesicht. Alles nur zur Tarnung. Sie kann die Augen einfach nicht von dem Mann lassen.

Nun winkt der Kerl Katie zu, die heute im Literaturcafé kellnert. Sie kommt zu seinem Tisch und der Mann flüstert etwas. Katie runzelt die Stirn und zuckt mit den Schultern. Dann scheint sie dem Fremden etwas zu erklären, dabei spricht sie aber so leise, dass Hannah sie nicht verstehen kann. Plötzlich lacht der Mann laut auf und Katie lacht mit. Dann schreibt sie etwas in ihren Notizblock, klemmt sich das Tablett unter den Arm und verschwindet hinaus in den Garten.

Hannah bleibt allein mit dem Mann zurück. Es ist jetzt ganz still. Nur das gleichmäßige Surren des Deckenventilators ist zu hören. Wie bekommt sie jetzt nur mehr über diesen Typen heraus? Versteckt er vielleicht etwas unter dem Tisch? Eine Laserkanone … oder vielleicht auch einen Blindenhund? Das würde zumindest die Sache mit der Sonnenbrille erklären.

Hannah legt die Speisekarte auf die glänzende Tischplatte und stupst mit den Fingerspitzen so lange dagegen, bis sie über den Tischrand rutscht und zu Boden segelt.

»Uuups!«, sagt sie und tut überrascht.

Den Mann mit den verspiegelten Gläsern auf der Nase interessiert das offenbar nicht die Bohne. Er starrt weiter auf die andere Straßenseite hinüber.

Hannah bückt sich nach der Karte und wirft einen schnellen Blick unter den Tisch und zwischen den Stuhlbeinen hindurch zu dem geheimnisvollen Fremden.

»Wow«, murmelt sie fasziniert. Der Mann trägt grüne Socken. Giftgrün. Das ist wirklich schräg. Sie setzt sich wieder hin, greift zum Stift und notiert: »Kein Blindenhund. Socken, giftgrün.«

Da steht Katie plötzlich vor ihr. Sie serviert zwei Teller mit Kuchen und zwei Gläser Brause mit Waldmeistergeschmack.

»Ich nehme an, Isabella kommt auch gleich.« Sie zwinkert Hannah zu und erwartet offenbar keine Antwort. »Ich habe in der Küche zufällig noch zwei verunglückte Stückchen Zitronenkuchen für euch gefunden.«

Als sie sich zum Gehen wenden will, hält Hannah sie zurück. Laut sagt sie: »Super! Zitronenkuchen! Das ist mein absoluter Megalieblingskuchen!« Danach zischelt sie: »Kennst du den Mann da drüben? Ich habe ihn hier noch nie gesehen.« Hannahs Stift wackelt ungeduldig und erwartungsfroh zwischen ihren Fingern.

Katie macht große Augen, dreht sich in seine Richtung.

»Wieso?«, fragt sie. »Was soll mit dem sein?«

»Was hat er dich gefragt? Was will er von dir?«, bohrt Hannah leise weiter nach. »Der ist doch unheimlich. Irgendwie macht er mir Angst.«

»Jetzt mal langsam, Hannah. Er wollte nur wissen, wie er zu Fuß zum Bahnhof Zoo kommt und ob er hier in der Nähe etwas einkaufen kann. Ich glaube, der Mann will einfach nur nach Hause. Morgen Abend geht sein Zug.«

»Und das hat er dir alles erzählt? Einfach so?«

»Ja. Er ist ganz nett. Heute Morgen hat er hier schon gefrühstückt. Er war beruflich in Berlin und jetzt will er sich die Stadt ansehen.«

»O ja«, murmelt Hannah und zieht dabei die Wörter in die Länge. »Da haben wir es. Danke, Katie. Du hast mir sehr geholfen.« Sie steckt sich den Stift hinters Ohr und denkt nach.

»Hannah«, sagt Katie und wischt mit einem Tuch ein paar Krümel vom Tisch, »manchmal machst du mir Angst.«

Ein Stuhl schrappt über den Holzboden. Der Mann steht auf. Er schiebt sich die Brille zurecht und gräbt mit seiner dürren Hand in der Hosentasche. Während er mit einer eleganten Bewegung einen Geldschein unter die Tasse schiebt, flattern einige kleine weiße Zettel zu Boden. Geheime Adressen? Der Mann bemerkt es nicht. Und Hannah sagt ihm auch nichts. Sie wird die Zettel gleich untersuchen.

Er geht ganz nah an ihrem Tisch vorbei. Fast streift er Hannahs Schulter.

Soll sie ihn aufhalten, soll sie nicht?

In diesem Moment sieht sie Isabella den schmalen Gartenweg hinauflaufen. Hannah hält den Atem an. Soll sie sie warnen? Ihr zuwinken? In ein paar Sekunden wird sich zeigen, ob der Außerirdische es auf die Familie Morgenstern abgesehen hat! Wird er sich auf Isabella stürzen und sie entführen?

Hannah setzt zum Sprung an. Bereit, sich auf ihn zu werfen. Das wäre dann sein sicheres Ende.

Doch nichts geschieht. Der dünne Mann lässt Isabella vorbeigehen. Er weicht ihr höflich aus und scheint sogar zu lächeln. Dann schlendert er ohne Hast davon. Die Hände hat er lässig in die Hosentaschen geschoben. Hannah seufzt einmal tief, fast enttäuscht, und schließt ihr Notizbuch. Nun muss sie sich den Rest der Geschichte eben selbst ausdenken. Typisch – richtigen Hollywoodstoff liefert einem das wahre Leben dann meistens doch nicht.

Isabella ringt nach Atem, als sie das Café betritt. Sie hat sich ganz schön abgehetzt und jetzt spürt sie ein eigenartiges Gefühl im Bauch, von dem sie nicht weiß, ob es gut oder schlecht ist. Vielleicht ist sie heute keine tolle Freundin. Nicht nur, weil sie sich so verspätet hat wie noch nie. Sondern auch, weil sie beschlossen hat, nach Paris zu fahren. Und dazu will sie keine guten Ratschläge hören – auch nicht von Hannah! Denn die wird bestimmt versuchen, ihr alles auszureden. Aber was ist schon dabei? Die Fahrkarte hat sie bereits. Die freundliche Dame im Reisebüro hat ihr das Ticket reserviert, weil das Geld, das sie bei sich hatte, nicht reichte. Morgen nach der Schule wird sie es abholen und mit ihren letzten Ersparnissen bezahlen.

Der ICE fährt morgen Abend los. Als Isabella daran denkt, bekommt sie wildes Herzklopfen. Und da ist immer noch dieses mulmige Gefühl im Bauch. Ist Hannah sauer auf sie, weil sie so spät dran ist? Ahnt sie schon, dass etwas nicht stimmt? Nein, kein bisschen. Ihre Freundin lächelt ihr fröhlich entgegen. Zur Begrüßung gibt’s eine Umarmung, Küsschen links, Küsschen rechts. Das machen sie immer. Ein Ritual. So wie bei den Filmstars auf dem roten Teppich.

Hannah schiebt Isabella fürsorglich den Kuchenteller hin und plaudert sofort drauflos, erzählt von einem merkwürdigen gespenstischen Mann. Bestimmt war es der Typ im schwarzen Anzug, der ihr gerade an der Tür entgegengekommen ist. Der sah echt gruselig aus.

»Hier«, sagt Hannah und streicht über ihr Notizbuch, »alles notiert! Ich hatte ja Zeit genug, ihn zu beobachten, weil du mal wieder so superpünktlich bist. Warte, ich erzähl dir gleich alles.«

Sie springt auf, läuft zu dem Tisch, an dem der Mann offenbar gesessen hat, und hebt ein paar kleine Zettel auf. Dann kommt sie damit stirnrunzelnd zu ihrem Platz zurück. Isabella reckt den Hals. Es sind Visitenkarten. Auf allen steht dasselbe: Kurt Hoffnung – Detektei für hoffnungslose Fälle, Hauptstraße 76, Saarbrücken. Auf der Rückseite prangt ein dicker Fingerabdruck, vergrößert durch eine altmodische Lupe. »Das glaub ich nicht«, sagt Hannah und stöhnt. »Ein Detektiv! Ein Detektiv mit giftgrünen Socken.«

Sie klopft auf ihr Notizbuch und zwinkert Isabella zu. »Das wird ein Superfilm. Nur das Ende muss noch her. Und ich muss noch klären, wo genau Saarbrücken liegt. Wahrscheinlich am Rande des Universums.«

»Quatsch!«, sagt Isabella und versucht ein Lächeln. »Saarbrücken liegt auf dem Weg nach Paris. Bin schon ein paarmal durchgefahren, als ich Papa und Clara besucht hab«, fügt sie hinzu und schluckt.

Ihr Herz klopft wieder so schnell. Es war sicher ein Fehler, dass sie nicht mit Hannah gesprochen hat. Soll sie sie doch noch ins Vertrauen ziehen? Bevor sie die Karte kauft? Das würde sie von Hannah schließlich genauso erwarten.

Isabella nimmt die Visitenkarte in die Hand. Sie ist noch nicht so weit, muss noch etwas Zeit schinden.

»Interessant«, murmelt sie. »Den können wir gut gebrauchen. Ein echter Charakter, unverwechselbar und mysteriös.«

Und dabei weiß sie genau, dass sie eigentlich etwas anderes sagen will. Einen Moment zögert sie noch. Aber dann legt sie das Kärtchen beiseite und schiebt den Kuchenteller weg. Zitronenkuchen hin oder her – jetzt nicht! Erst muss sie mit Hannah sprechen, sie einweihen. Auch wenn sie schon längst alles entschieden hat. Sie fährt morgen nach Paris. Komme, was wolle. Jetzt muss sie nur noch versuchen, Hannah zu überzeugen. Aber sie ist sicher, dass ihre beste Freundin das versteht.

Hannah scheint nun doch zu spüren, dass etwas in der Luft liegt. Sie lächelt Isabella verschwörerisch an, genauso, als müsse sie etwas Geheimes aus ihr herauslocken.

»Was ist denn los?«, fragt sie. »Spuck’s schon aus!«

»Clara hat gemailt.« Isabella seufzt kurz und zieht dann ein zerknittertes Blatt Papier aus der Tasche. »Sie darf nicht kommen. Papa hat es mal wieder verdorben. Ich bin so wütend! Hier, ich hab’s ausgedruckt, damit ich es immer wieder lesen kann. Willst du?«

Hannah greift nach dem Zettel und liest.

»Hoffentlich bist du jetzt nicht sauer auf mich«, murmelt Isabella.

»Hä? Wieso sauer? Du machst immer alles so kompliziert, Isa.« Hannah lässt den Ausdruck sinken, behält ihn aber in der Hand. »Ist das wirklich so schlimm? Ich meine, ich habe mich auch auf Clara gefreut, aber …«

»Ich wusste es doch!« Überrascht zuckt Hannah zusammen, als Isabella sofort an die Decke geht. »Du bist immer sooo vernünftig. Alles nicht so schlimm? Pah! Ich habe einfach nur die Nase voll! Papa macht, was er will, und Mama ist auch nicht viel besser. Was ich will, fragt keiner. Ich muss immer einverstanden sein und vor allem vernünftig. Wie ich das hasse! Dabei geht es hier nur um Clara und mich. Wir haben uns gefreut. Wann sehen wir uns denn überhaupt mal? Einmal im Jahr, zu Claras Geburtstag, und das macht Papa uns jetzt auch noch kaputt.«

»Aber …«, Hannah will etwas einwenden, doch sie ist nicht sicher, ob sie das Richtige sagen kann. So wütend hat sie ihre Freundin noch nie gesehen. Sie weiß ja, wie sehr Isabella ihre Schwester vermisst. Seit sich Astrid und Peter getrennt haben, scheinen Claras Briefe und die seltenen Besuche das Wichtigste in Isabellas Leben geworden zu sein. Manchmal ist Hannah fast eifersüchtig. Doch sie weiß auch, dass Isabella sie jetzt braucht. Und beste Freundinnen halten zusammen, immer.

Isabella hat Tränen in den Augen. Versteht Hannah sie wirklich nicht? Sie war doch selbst dabei, damals, als Clara mit Papa aus Berlin wegzog.

»Du weißt doch noch, wie das war, als er einfach abgehauen ist«, sagt sie und versucht, ruhig zu sprechen. Aber ihre Stimme zittert leicht. »Wie er Mama allein gelassen hat, nur weil er dieses tolle Jobangebot hatte. Paris. Super. Und damit: Ciao, Mama! So war es doch!«

»Ja, ich weiß.« Hannah schaut sie an, und Isabella spürt, dass auch sie traurig ist.