Winter in Madrid - C. J. Sansom - ebook

Winter in Madrid ebook

C.J. Sansom

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Opis

1940: Nach dem Bürgerkrieg liegt Madrid in Ruinen. In diesen unsicheren Zeiten erhält der britische Kriegsveteran Harry Brett einen schwierigen Auftrag: Er soll in Madrid Kontakt mit seinem Jugendfreund Sandy aufnehmen, der angeblich den Diktator Franco unterstützt. Harry findet in Madrid nicht nur eine Welt des Kampfes um Menschlichkeit vor, sondern gerät in den Bann einer großen, tragischen Liebe …

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C.J. SANSOM

Winter in Madrid

Roman

Aus dem Englischen von Christine Naegele

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Das Buch

1940: Nach dem Bürgerkrieg liegt Madrid in Ruinen. In diesen unsicheren Zeiten erhält der britische Kriegsveteran Harry Brett einen schwierigen Auftrag: Er soll in Madrid Kontakt mit seinem Jugendfreund Sandy aufnehmen, der angeblich den Diktator Franco unterstützt. Harry findet in Madrid nicht nur eine Welt des Kampfes um Menschlichkeit vor, sondern gerät in den Bann einer großen, tragischen Liebe …

Der Autor

C.J. Sansom, geboren 1952 in Edinburgh, zählt in England zu den erfolgreichsten historischen Romanciers. Sansom studierte an der University of Birmingham und arbeitete unter anderem als Rechtsanwalt für Benachteiligte, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Bekannt wurde er mit der international erfolgreichen »Shardlake«-Serie. »Winter in Madrid« wurde von Kritik und Publikum gleichermaßen als Meisterwerk klassischer Erzählkunst gefeiert. Sansom lebt in Sussex.

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Die Originalausgabe WINTER IN MADRID erschien

erstmals 2006 bei Pan Macmillan.

Vollständige deutsche Erstausgabe 01/2019

Copyright © 2006 by C.J. Sansom

Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Thomas Brill

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München, unter Verwendung

von Motiven von © Lee Avison/Trevillion Images und

Juan Carlos Alonso Lopez/Shutterstock

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-22650-3V002

www.heyne.de

Gewidmet den Tausenden von Kindern

republikanischer Eltern, die in den

Waisenhäusern von Francos Spanien

verschwanden.

Prolog

Das Jarama-Tal, Spanien, Februar 1937

Bernie hatte stundenlang halb bewusstlos am Fuße der Anhöhe gelegen. Das britische Bataillon war zwei Tage zuvor an die Front geschickt worden. Nachdem eine altersschwache Lokomotive sie über die kastilische Ebene transportiert hatte, waren sie bei Nacht bis zur Frontlinie marschiert. Unter ihnen befanden sich ein paar ältere Männer, Veteranen aus dem Weltkrieg, aber die meisten Soldaten waren Jungen aus der Arbeiterklasse, denen selbst die wenigen Kenntnisse fehlten, die Bernie und einige weitere ehemalige Internatsschüler durch ihre Ausbildung im Offizierskorps mitbekommen hatten. Sogar hier, in ihrem ureigenen Krieg, war die Arbeiterklasse im Nachteil.

Die republikanischen Truppen hatten günstige Stellungen eingenommen, ganz oben auf einer Anhöhe, die steil ins Flusstal des Jarama abfiel. Ein welliger Abhang, vollständig mit Olivenbäumen bepflanzt. In der Ferne konnte man als grauen Streifen Madrid ausmachen, die Stadt, die seit dem Putsch der Generäle im letzten Sommer den Faschisten widerstanden hatte. Madrid, wo Barbara war.

Francos Armee hatte den Fluss bereits überquert. Diese marokkanischen Kolonialtruppen dort unten waren Experten, die jede Unebenheit im Gelände als Deckung zu nutzen wussten. Das britische Bataillon war hierhergebracht worden, um die Anhöhe zu verteidigen. Die Munition war knapp, die Gewehre alt, und viele schossen nicht mehr zuverlässig. Man hatte ihnen französische Stahlhelme aus dem Weltkrieg gegeben, von denen die älteren Soldaten behaupteten, sie seien gar nicht kugelsicher.

Trotz des stümperhaften Feuers des Bataillons waren die Marokkaner bis zum Morgengrauen unaufhaltsam den Abhang heraufgekommen, Hunderte von lautlosen, tödlichen Gestalten in grauen Ponchos, die zwischen den Olivenbäumen auftauchten und wieder verschwanden, aber immer näher kamen. Granatfeuer von den faschistischen Stellungen setzte ein, in großen Fontänen ließ es die gelbe Erde um die Stellungen des Bataillons explodieren, zum Schrecken der unerfahrenen Soldaten. Am Nachmittag endlich kam der Befehl zum Rückzug, worauf blankes Chaos ausbrach. Im Rennen sah Bernie, dass das Gelände mit Büchern übersät war, die die Soldaten weggeworfen hatten, um etwas leichtere Rucksäcke zu haben – Gedichtbände, Einführungen in die marxistische Lehre, Pornografie von den Marktständen in Madrid.

In jener Nacht kauerten die Überlebenden des Bataillons erschöpft in einer alten, eingesunkenen Straße der meseta. Es gab keine Nachricht über den Verlauf der Schlacht an anderen Stellen der Frontlinie. Bernie war aus purer Erschöpfung eingeschlafen.

Am Morgen gab der russische Stabskommandant dem Rest des Bataillons den Befehl, wieder vorzurücken. Bernie sah, wie Captain Wintringham mit ihm diskutierte, ihre Köpfe als Silhouetten vor dem kalten Himmel, der sich beim Sonnenaufgang von Rosa-Violett langsam nach Blau verfärbte. Das Bataillon war erschöpft und zahlenmäßig unterlegen; die Marokkaner hatten sich eingegraben und auch Maschinengewehre hergebracht. Aber der Russe blieb unnachgiebig, sein Gesicht ausdruckslos.

Die Männer erhielten den Befehl, sich am Rande der eingesunkenen Straße in einer Reihe aufzustellen. Im Morgengrauen hatten die Faschisten wieder angefangen zu schießen, und der Lärm war ohrenbetäubend, knallende Gewehrschüsse und das Stakkato der Maschinengewehre. Bernie stand da und wartete auf den Befehl vorzurücken. Er war zu müde, um zu denken. Der Satz »Alles im Arsch, alles im Arsch« ging ihm im Kopf herum wie ein Metronom. Viele der Männer waren dermaßen erschöpft, dass sie nur noch wie blind vor sich hinstarrten; manche zitterten vor Angst.

Wintringham führte den Angriff selbst an, und fast augenblicklich bekam er einen Schuss ins Bein und fiel. Bernie zuckte zusammen, als ringsum Geschosse explodierten. Er sah, wie die Männer, mit denen er ausgebildet worden war, getroffen wurden und mit einem Aufschrei oder einem traurigen kleinen Seufzer zusammenbrachen. Bernie war hundert Meter weit gelaufen, als der verzweifelte Wunsch, einfach umzufallen und die Erde unter sich zu spüren, in ihm so übermächtig wurde, dass er sich im Schutz eines dicken, alten Olivenbaums zu Boden warf.

Lange Zeit lag er da, an den knorrigen Baumstamm gedrückt, rings um ihn pfiffen die Kugeln, und er sah die Leichen seiner Kameraden, deren Blut im hellen Boden versickerte und ihn rot färbte. Er krümmte sich und versuchte, sich so tief wie möglich in die Erde einzuwühlen.

Am späten Vormittag verstummte das Feuer, aber Bernie hörte, wie es sich weiter oben an der Linie fortsetzte. Zu seiner Rechten erhob sich steil eine Anhöhe, die mit struppigem Gras bewachsen war, und er beschloss, dorthin zu laufen. Er rannte los, fast hatte er die Stelle erreicht, als er einen Schuss hörte und gleichzeitig einen stechenden Schmerz in seinem rechten Oberschenkel spürte. Er überschlug sich und blieb am Boden liegen. Er merkte, wie das Blut seine Hose hinablief, doch er wagte es nicht, sich umzublicken. Auf den Ellbogen und mit seinem unverletzten Bein kroch er, so schnell er konnte, in den Schutz des Hügels, wobei seine alte Armverletzung ihm stechende Schmerzen in der Schulter bereitete. Eine weitere Kugel ließ die Erde um ihn aufspritzen, aber er schaffte es. Auf der abgewandten Seite des Hügels ließ er sich fallen und wurde ohnmächtig.

Es war Nachmittag, als er wieder zu Bewusstsein kam. Die Schatten waren lang, und es wurde kühl. Er war gegen die Schräge des Hügels gefallen und konnte nur wenige Meter weit sehen, nichts als Erde und Steine. Er hatte wahnsinnigen Durst. Nichts rührte sich, alles war still; in einem Olivenbaum sang ein Vogel, aber irgendwo weiter weg hörte er jetzt auch ein leises Murmeln. Es klang wie Spanisch, also mussten es die Faschisten sein. Es sei denn, die spanischen Truppen weiter nördlich hatten einen Durchbruch erzielt, was er sich jedoch nicht vorstellen konnte nach allem, was mit seinem Bataillon passiert war. Er blieb liegen, den Kopf auf dem Boden, und spürte, dass sein rechtes Bein taub war.

Er schwankte zwischen Ohnmacht und Bewusstsein hin und her; aber immer noch hörte er das Gemurmel, irgendwo vor sich auf der linken Seite. Etwas später wachte er auf, sein Kopf war plötzlich klar, sein Durst fast unerträglich. Er hörte keine Stimmen mehr, nur das Zwitschern eines Vogels, doch bestimmt war es nicht derselbe.

Bernie hatte geglaubt, in Spanien würde es heiß sein; von seinem Besuch mit Harry vor sechs Jahren war ihm besonders die trockene, unbarmherzige Hitze in Erinnerung geblieben. Doch auch wenn der Februar angenehm warme Tage brachte, wurde es bei Sonnenuntergang kalt, und er war sich nicht sicher, ob er eine Nacht hier im Freien durchstehen würde. Er spürte die Läuse, die über seinen Bauch krochen. Ihr Basislager war davon verseucht gewesen, und Bernie hasste dieses Jucken. Es war eigenartig: Der Schmerz in seinem Bein ließ sich aushalten, aber der Drang, sich zu kratzen, war übermächtig. Allerdings wusste er nicht, ob er immer noch von Faschisten umgeben war, die ihn für tot gehalten hatten und bei der kleinsten Bewegung das Feuer eröffnen würden.

Er hob den Kopf ein wenig und biss die Zähne zusammen, weil er jeden Moment mit einer Kugel rechnete. Nichts. Etwas steif drehte er sich um. Der Schmerz schoss durch sein Bein wie ein Messer, und er musste die Lippen zusammenpressen, um nicht aufzuschreien. Er stützte sich auf einem Ellbogen ab und blickte an sich hinunter. Das Hosenbein war zerfetzt, und sein Oberschenkel war von dunklem geronnenem Blut bedeckt. Es blutete nicht mehr, die Kugel musste die Arterie verfehlt haben, aber wenn er sich zu stark bewegte, konnte es wieder anfangen.

Zu seiner Linken sah er zwei Tote in Brigadeuniform, beide lagen mit dem Gesicht nach unten. Der eine war zu weit weg, um ihn erkennen zu können, aber der andere war McKie, der junge schottische Bergarbeiter. Vorsichtig, um jede Bewegung seines Beins zu vermeiden, drehte er sich auf den Ellbogen herum und blickte hoch zur Hügelkuppe.

Etwa zwölf Meter über ihm stand ein Panzer. Einer von den deutschen, die Franco von Hitler erhalten hatte. Aus dem Geschützturm baumelte schlaff ein Arm. Die Faschisten mussten also auch Panzer heraufgebracht haben, und dieser war gestoppt worden, ehe er den Abhang hinabrollen konnte. Er hing bedenklich weit über, fast mit der ganzen vorderen Hälfte, und von da, wo er lag, konnte Bernie die Rohre und Schrauben an der Unterseite sehen, dazu die schweren Gleisketten. Der Panzer konnte jeden Moment auf ihn herabstürzen, er musste schleunigst weg von hier.

Langsam fing er an zu kriechen. Der Schmerz schoss durch sein Bein, und schon nach zwei Metern musste er keuchend und schwitzend wieder anhalten. Jetzt konnte er McKie deutlicher sehen. Ein Arm war weggeschossen worden und lag in einiger Entfernung. Sein wirres braunes Haar wehte in der Brise, im Tode genau wie im Leben, doch sein Gesicht war bereits totenbleich. McKies Augen waren geschlossen, sein hässliches, aber sympathisches Gesicht wirkte friedlich. Armer Teufel, dachte Bernie und merkte, dass er Tränen in den Augen hatte.

Als er seine ersten Toten gesehen hatte, die Männer, die von den Kämpfen in Madrid zurückgebracht und auf den Straßen in Reih und Glied hingelegt wurden, war Bernie vor Entsetzen übel geworden. Doch als sie gestern in die Schlacht gezogen waren, war seine Zimperlichkeit verschwunden. Es ging auch gar nicht anders. Wenn man unter Beschuss stand, hatte sein Vater bei einer der seltenen Gelegenheiten gesagt, wenn er von der Somme sprach, dann musste jeder Gedanke nur dem Überleben gelten.

Du siehst nicht, sondern du beobachtest, ebenso wie ein Tier beobachtet. Du hörst nicht, sondern du lauschst, wie ein Tier lauscht. Du wirst so aufmerksam und unbarmherzig wie ein Tier. Doch sein Vater hatte lange Phasen der Depression. Ganze Abende, an denen er in seinem kleinen Büro hinter dem Laden saß, im schwachen Lampenlicht, mit gebeugtem Kopf, wenn er versuchte, die Schützengräben zu vergessen.

Bernie erinnerte sich an McKies Witze darüber, wie Schottland im Sozialismus unabhängig werden würde, wie er lachte, wenn er erzählte, dass Schottland die überflüssigen Engländer bald los sein würde. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Würde dieser Moment, während McKies Haar im Wind flatterte, ihn in seinen Träumen verfolgen, falls er hier lebend herauskam, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, eine neue, freie Welt zu erschaffen?

Er hörte ein Knarren, einen leisen, metallischen Klang. Er blickte nach oben; der Panzer schwankte etwas, das lange Kanonenrohr, das sich vor dem dunkel werdenden Himmel abzeichnete, hob und senkte sich langsam. Es konnte doch sicher nichts damit zu tun haben, dass er sich hier unten gerührt hatte?

Bernie wollte aufstehen, aber erneut schoss der Schmerz durch sein verwundetes Bein. Er versuchte, wieder vorwärtszurobben, vorbei an McKies Leiche. Sein Bein schmerzte jetzt stärker, und er spürte, dass es wieder blutete. Ihm schwindelte, und er hatte Angst, er könnte ohnmächtig werden und der Panzer würde den Abhang herunterrollen und ihn zerquetschen. Er musste um jeden Preis bei Bewusstsein bleiben.

Vor ihm war eine Pfütze mit schmutzigem Wasser. Er würde ein Risiko eingehen, aber sein Durst war so unerträglich, dass er das Gesicht hineinsteckte und gierig trank. Es schmeckte nach Erde und würgte ihn. Er hob den Kopf und fuhr erschrocken zurück, als er sein Spiegelbild sah: Jede Falte über seinem struppigen Bart war mit Dreck verkrustet, seine Augen blickten irre. Plötzlich hörte er Barbaras Stimme, erinnerte sich an ihre weichen Hände an seinem Hals. »Du bist so schön«, hatte sie einmal gesagt. »Zu schön für mich.« Was würde sie jetzt sagen?

Abermals hörte er es knarren, lauter diesmal, und als er nach oben schaute, sah er, wie der Panzer sich langsam in Bewegung setzte. Erde und lose Steine rollten den Abhang herab. »O Gott«, keuchte er. »O Gott.« Er kroch weiter zur Seite.

Mit mahlendem Geräusch donnerte der Panzer den Abhang hinunter und verfehlte Bernies Füße nur um Zentimeter. Unten angekommen, bohrte sich das Kanonenrohr in den Boden, und der Panzer blieb stehen, er bebte wie ein riesiges, tödlich getroffenes Tier. Der Tote wurde aus dem Geschützturm geschleudert und landete mit ausgestreckten Gliedern, das Gesicht nach unten, im Graben. Sein Haar war weißblond: ein Deutscher. Bernie schloss die Augen und atmete erleichtert auf.

Ein neues Geräusch ließ ihn nach oben blicken. Auf der Hügelkuppe standen jetzt fünf Männer. Ihre Gesichter waren genauso müde und schmutzig wie Bernies. Es waren Faschisten, sie trugen die olivgrüne Kampfuniform von Francos Truppen. Sie hoben ihre Gewehre und zielten in seine Richtung. Einer der Soldaten zog eine Pistole aus dem Halfter. Es klickte, als er sie entsicherte. Er trat vor und kam den Abhang herunter.

Bernie stützte sich auf eine Hand und hob die andere in müder Kapitulation.

Der Faschist blieb einen Meter vor ihm stehen. Es war ein hochgewachsener, hagerer Mann mit einem kleinen Schnurrbärtchen, wie das des Generalísimo. Sein Gesicht war hart, sein Blick böse.

»Me entrego«, sagte Bernie. »Ich ergebe mich.« Es war das Einzige, was er noch tun konnte.

»¡Comunista cabrón!« Der Mann sprach mit schwerem südlichem Akzent. Bernie überlegte immer noch, was die Worte bedeuten könnten, als der Faschist die Pistole hob und auf seinen Kopf zielte.

TEIL I

Herbst

1

London, September 1940

In der Victoria Street war eine Bombe eingeschlagen. Sie hatte einen großen Krater hinterlassen und die Fassaden mehrerer Geschäfte zum Einsturz gebracht. Die Straße war mit Bändern gesperrt, Luftschutzwarte und freiwillige Helfer hatten eine Kette gebildet und räumten vorsichtig die Trümmer eines der getroffenen Gebäude weg. Harry vermutete, dass jemand darunterliegen musste. Die Anstrengungen der Retter, alte Männer und Jungen, dick mit Staub bedeckt, der alles wie eine Wolke einhüllte, schienen kläglich angesichts der riesigen Berge aus Ziegeln und Gipsputz. Harry setzte seinen Koffer ab.

Als sein Zug sich dem Bahnhof Victoria genähert hatte, waren ihm weitere Krater und zerbombte Häuser aufgefallen. Er hatte sich von dieser Zerstörung merkwürdig distanziert gefühlt, genau wie in den letzten zehn Tagen seit dem Beginn der Bombenangriffe. Aber Onkel James in Surrey hatte fast einen Schlaganfall bekommen, als er die Bilder im Telegraph sah. Harry hatte kaum reagiert, als sein Onkel mit zornesrotem Gesicht über dieses neueste Beispiel deutscher Grausamkeit wetterte.

Doch von dem Krater, der sich jetzt plötzlich mitten in Westminster vor ihm auftat, konnte er sich nicht distanzieren. Sofort war er wieder in Dünkirchen: über sich deutsche Stukas, die den sandigen Küstenstreifen zum Explodieren brachten. Er ballte die Fäuste, dass seine Fingernägel sich in die Handflächen gruben, während er tief einatmete. Sein Herz hämmerte wild, aber er zitterte nicht. Er hatte gelernt, seine Emotionen zu kontrollieren.

Ein Luftschutzwart kam herüber zu ihm, ein unwirsch aussehender Mann in den Fünfzigern, graues, dünnes Oberlippenbärtchen, aufrechte Haltung wie ein Ladestock, die schwarze Uniform mit grauem Staub bedeckt.

»Hier könnse nicht weitergehen«, sagte er kurz. »Straße ist gesperrt. Könnse nicht sehen, dass hier ’ne Bombe eingeschlagen ist?« Sein Gesicht war argwöhnisch, missbilligend, zweifellos fragte er sich, warum dieser offenbar gesunde Mann Anfang dreißig keine Uniform trug.

»Tut mir leid«, sagte Harry. »Ich komme gerade vom Land. Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm es ist.«

Die meisten Cockneys hätten bei Harrys gepflegtem Internatsakzent einen unterwürfigen Ton angeschlagen, aber dieser Mann nicht. »Hier bleibt man nirgendwo verschont«, sagte er mit rauer Stimme. »Diesmal nicht. In der Stadt nicht, und auf dem Land auch nicht mehr lange, wennse mich fragen.« Er musterte Harry kritisch. »Urlaub?«

»Dienstunfähig, ausgemustert«, sagte Harry kurz. »Aber ich muss zum Queen Annes Gate, in offizieller Sache.«

Das Verhalten des Luftschutzwarts änderte sich schlagartig. Er nahm Harry beim Arm und führte ihn um die Absperrung herum. »Gehnse durch Petty France. Hier hatten wir nur diese eine Bombe.«

»Vielen Dank.«

»Schon gut, Sir.« Der Mann trat näher. »Warnse in Dünkirchen dabei?«

»War ich.«

»Auf der Isle of Dogs ist alles nur noch Blut und Ruinen. Das letzte Mal war ich auch in den Schützengräben. Aber ich wusste, dass es wiederkommen würde und dass diesmal jeder ranmuss, nicht nur die Soldaten. Sie werden auch wieder Gelegenheit zum Kämpfen kriegen, wartense nur ab. Dem Jerry das Bajonett in ’n Bauch, rumdrehen, dann wieder raus, was?« Ein schiefes Lächeln, dann trat er zurück und salutierte, seine blassblauen Augen glänzten.

»Danke vielmals.« Harry salutierte ebenfalls, wandte sich um und überquerte die Gillingham Street. Er runzelte die Stirn, die Worte des Mannes erfüllten ihn mit Abscheu.

Am Bahnhof Victoria war es so lebhaft wie an jedem normalen Montag, die Berichte, dass London weitermachte wie immer, schienen wahr zu sein. Jetzt war alles still, als er in der Herbstsonne durch die breiten georgianischen Straßen schritt. Bis auf die weißen Gitter aus Klebeband, mit denen man die Fensterscheiben vor dem Zersplittern gesichert hatte, hätte man sich in der Vorkriegszeit wähnen können. Gelegentlich begegnete man einem Geschäftsmann mit Melone, die Nannys schoben ihre Kinderwagen wie eh und je. Die Gesichter der Menschen waren entspannt, sogar fröhlich. Viele hatten ihre Gasmasken zu Hause gelassen, während Harry seine in der viereckigen Schachtel über die Schulter geschlungen trug. Er wusste, dass sich hinter dem trotzigen Humor der Menschen die Angst vor einer Invasion verbarg, doch er begrüßte ihr Verhalten. Er wollte nicht ständig daran erinnert werden, dass sie jetzt in einer Welt lebten, in der die Reste der britischen Armee sich irgendwo an einer französischen Küste im Chaos auflösten und verwirrte Veteranen auf den Straßen das nahende Armageddon verkündeten.

Er dachte zurück an Rookwood, wie so oft in diesen Tagen. An den alten Innenhof an einem Sommertag, wo die Lehrer in ihren Talaren und Doktorhüten unter den mächtigen Ulmen dahinschritten, an Jungen in blauen Blazern oder weißer Cricketkleidung. Es war eine Flucht auf die andere Seite des Spiegels, nur weg von dem Wahnsinn. Doch früher oder später würde sich immer wieder der schmerzhafte Gedanke melden: Wie zum Teufel war es so weit gekommen?

Das St. Ermin Hotel war einst imposant gewesen, aber mittlerweile war seine Pracht verblichen. Der Kronleuchter im Foyer war staubig, es roch nach Kohl und Bohnerwachs. An den Wänden mit der Eichentäfelung hingen Aquarelle mit Hirschen und Landschaften des schottischen Hochlands. Irgendwo tickte schläfrig eine Wanduhr.

Die Rezeption war verwaist. Harry klingelte, worauf ein kahlköpfiger, untersetzter Mann in Portiersuniform erschien. »Guten Morgen, Sir«, sagte er mit der ruhigen, salbungsvollen Stimme eines Menschen, der sein Leben damit verbracht hat, anderen zu Diensten zu sein. »Ich hoffe, Sie haben nicht zu lange gewartet.«

»Ich habe um vierzehn Uhr dreißig einen Termin mit einer Miss Maxse. Leutnant Brett.« Harry sprach den Namen der Frau »Macksie« aus, wie der Anrufer vom Auswärtigen Amt es getan hatte.

Der Mann nickte. »Wenn Sie mir bitte folgen würden, Sir.« Mit lautlosen Schritten über den dicken, staubigen Teppich führte er Harry in einen Salon voller Sessel und niedriger Couchtische. Der Raum war leer, bis auf einen Mann und eine Frau, die in einem Erker am Fenster saßen.

»Leutnant Brett, Madam.« Der Portier verbeugte sich und ging.

Die beiden erhoben sich. Die Frau streckte ihre Hand aus. Sie war in den Fünfzigern, klein und zierlich. Sie trug ein elegantes blaues Kostüm, hatte dicht gelocktes graues Haar und ein intelligentes Gesicht. Harry blickte in zwei aufmerksame graue Augen.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen.« Mit ihrer selbstbewussten Altstimme klang sie wie die Rektorin einer Mädchenschule. »Marjorie Maxse. Ich habe viel von Ihnen gehört.«

»Nichts allzu Schlimmes, hoffe ich.«

»Oh, ganz im Gegenteil. Ich möchte Ihnen Roger Jebb vorstellen.« Der Mann nahm Harrys Hand mit festem Griff. Er war etwa so alt wie Miss Maxse, mit einem langen, braun gebrannten Gesicht und schütterem dunklen Haar.

»Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«, fragte Miss Maxse.

»Gern, vielen Dank.«

Auf dem Tisch standen eine silberne Teekanne und Porzellantassen. Daneben ein Teller mit Scones, mehrere Gläser mit Konfitüre und Schlagsahne, die echt aussah. Miss Maxse schenkte Tee ein. »Hatten Sie Schwierigkeiten, hierherzukommen? Ich hörte, dass in dieser Gegend letzte Nacht wieder ein oder zwei Bomben gefallen sind.«

»Die Victoria Street ist gesperrt.«

»Wie schrecklich lästig. Aber so wird es wohl noch eine Zeit lang weitergehen.« Sie sagte es, als handle es sich um eine überlange Regenperiode. Sie lächelte. »Wir treffen uns mit neuen Mitarbeitern zum ersten Interview immer gern hier. Der Chef ist ein alter Freund von uns, also sind wir ganz ungestört. Zucker?«, fuhr sie im selben Plauderton fort. »Nehmen Sie doch ein Scone, sie sind wirklich gut.«

»Danke sehr.« Harry bediente sich mit Konfitüre und Schlagsahne. Er blickte auf und stellte fest, dass Miss Maxse ihn sehr aufmerksam ansah. Ganz ungezwungen, aber teilnahmsvoll lächelte sie ihn an.

»Wie geht es Ihnen jetzt? Seit Dünkirchen sind Sie dienstunfähig, nicht wahr?«

»Ja. Eine Granate schlug etwa sechs Meter vor mir ein. Dabei wurde sehr viel Sand aufgeworfen, was mein Glück war, denn der schützte mich vor dem Schlimmsten der Explosion.« Er merkte, dass Jebb ihn mit seinen harten grauen Augen ebenfalls beobachtete.

»Ich kann mir vorstellen, dass Sie einen ziemlichen Schock erlitten haben«, sagte er plötzlich.

»Es war nicht schlimm«, erwiderte Harry. »Inzwischen habe ich mich vollständig erholt.«

»Ihr Gesicht war eben eine Sekunde lang ganz ausdruckslos«, sagte Jebb.

»Diese Phasen dauerten eine Zeit lang sehr viel länger als eine Sekunde«, erwiderte er mit leiser Stimme. »Und meine Hände zitterten ununterbrochen. Das dürfen Sie gern wissen.«

»Und Ihr Gehör hat vermutlich auch gelitten?« Miss Maxse hatte die Frage sehr leise gestellt, aber es war Harry nicht entgangen.

»Das ist auch fast wieder ganz in Ordnung. Nur links bin ich noch ein wenig schwerhörig.«

»Da haben Sie Glück gehabt«, bemerkte Jebb. »Gehörverlust nach einer Explosion, das ist oft ein bleibender Schaden.« Er nahm eine Büroklammer aus der Jackentasche und fing geistesabwesend an, sie aufzubiegen, während er Harry ansah.

»Der Arzt sagt, ich hatte Glück.«

»Der Gehörverlust bedeutet natürlich das Ende des aktiven Dienstes«, fuhr Miss Maxse fort. »Selbst wenn er nur geringfügig ist. Das muss ein ziemlicher Schlag für Sie gewesen sein. Sie hatten sich gleich letzten September freiwillig gemeldet, nicht wahr?« Sie beugte sich vor, die Hände um ihre Teetasse gelegt.

»Ja. Ja, das tat ich. Entschuldigen Sie, Miss Maxse, aber ich verstehe nicht ganz …«

Wieder lächelte sie. »Natürlich. Was hat das Auswärtige Amt Ihnen gesagt, als man Sie anrief?«

»Nur, dass man es dort für möglich hält, dass es eine Arbeit geben könnte, für die ich mich eigne.«

»Nun ja, aber wir gehören nicht zum Auswärtigen Amt.« Miss Maxse schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. »Wir sind vom Geheimdienst.« Sie lachte, als fände sie das alles unwiderstehlich komisch.

»Oh«, sagte Harry.

Ihre Stimme wurde ernst. »Unsere Arbeit ist entscheidend, ganz entscheidend. Jetzt, wo Frankreich besetzt ist, ist ganz Europa entweder mit den Nazis verbündet oder von ihnen abhängig. Es gibt einfach keine normalen diplomatischen Beziehungen mehr.«

»Wir sind jetzt die Frontlinie«, fügte Jebb hinzu.

»Zigarette?«

»Nein danke, ich rauche nicht.«

»Colonel James Brett ist Ihr Onkel, nicht wahr?«

»Ja, Sir, das ist richtig.«

»Hat mit mir in Indien gedient. Das war 1910, ob Sie’s glauben oder nicht!« Jebb ließ ein bellendes Gelächter hören. »Wie geht’s ihm denn?«

»Er ist jetzt im Ruhestand.« Aber dein sonnenbraunes Gesicht lässt vermuten, dass du geblieben bist, dachte Harry. Indischer Polizeidienst vielleicht.

Miss Maxse stellte ihre Tasse ab und legte die Hände ineinander. »Was würden Sie davon halten, für uns zu arbeiten?«, fragte sie.

Harry empfand wieder diesen alten, merkwürdigen Überdruss; aber daneben regte sich noch etwas anderes, ein Fünkchen Interesse. »Ich würde natürlich gern noch etwas Kriegswichtiges tun.«

»Halten Sie sich für fit genug für eine anspruchsvolle Aufgabe?«, fragte Jebb. »Jetzt mal ganz ehrlich. Wenn das nicht der Fall ist, dann sollten Sie es sagen. Es ist ja nichts, wofür Sie sich schämen müssten«, fügte er barsch hinzu. Miss Maxse lächelte ihn ermutigend an.

»Ich glaube, schon«, sagte Harry mit Bedacht. »Ich bin fast völlig wiederhergestellt.«

»Wir rekrutieren viele Leute, Harry«, sagte Miss Maxse. »Ich darf Sie doch Harry nennen, oder? Manche, weil wir glauben, dass sie sich für unsere Arbeit gut eignen, andere, weil sie uns etwas Besonderes bieten können. Nun ja, und Sie waren Spezialist für moderne Sprachen, ehe Sie sich zum Militär meldeten. Ein guter Abschluss in Cambridge, dann bis zum Krieg Stipendiat am King’s College.«

»Ja, das ist richtig.« Die beiden wussten viel über ihn.

»Wie ist Ihr Spanisch? Fließend?«

Die Frage überraschte ihn. »Könnte man sagen.«

»Ihr Hauptgebiet ist aber französische Literatur, nicht wahr?«

Harry runzelte die Stirn. »Ja, aber ich lasse auch mein Spanisch nicht einschlafen. In Cambridge bin ich Mitglied im Arbeitskreis Spanisch.«

Jebb nickte. »Hauptsächlich Akademiker, stimmt’s? Spanische Theaterstücke und so weiter.«

»Richtig.«

»Auch Exilanten aus dem Bürgerkrieg?«

»Einer oder zwei.« Er sah Jebb an. »Aber der Arbeitskreis ist nicht politisch. Wir haben eine Art stillschweigendes Übereinkommen, dass Politik nicht erwähnt wird.«

Jebb legte die Büroklammer, die er zu bizarren Formen gebogen hatte, auf den Tisch und öffnete seine Aktentasche. Er nahm eine Akte heraus, über deren Vorderseite sich ein diagonales rotes Kreuz zog.

»Ich möchte mich mit Ihnen in das Jahr 1931 zurückversetzen«, sagte er. »Ihr zweites Jahr in Cambridge. In dem Sommer hatten Sie eine Reise nach Spanien gemacht, nicht wahr? Mit einem Schulfreund, mit dem Sie in Rookwood waren.«

Abermals zog Harry die Brauen zusammen. Wie konnten sie das alles wissen?

»Ja.«

Jebb öffnete die Akte. »Ein gewisser Bernard Piper, später Mitglied der britischen Kommunistischen Partei. Er ging nach Spanien und kämpfte dort im Bürgerkrieg. Vermisst, vermutlich gefallen 1937, in der Schlacht bei Jarama.«

Er zog ein Foto heraus und legte es auf den Tisch. Eine Reihe von Männern in zusammengewürfelten militärischen Uniformen auf einem kahlen Berg. In der Mitte Bernie, größer als die anderen, das blonde Haar kurz geschnitten, der jungenhaft in die Kamera grinste.

Harry blickte Jebb an. »Ist das Bild in Spanien entstanden?«

»Ja.« Seine harten kleinen Augen verengten sich. »Und Sie sind nach Spanien gereist, um ihn zu suchen.«

»Auf Wunsch seiner Familie, weil ich Spanisch spreche.«

»Aber vergeblich.«

»Bei Jarama sind Zehntausende gefallen«, sagte Harry traurig. »Sie konnten nicht alle identifiziert werden. Bernie liegt vielleicht in einem Massengrab irgendwo in der Nähe von Madrid. Sir, darf ich fragen, woher Sie all diese Information haben? Ich denke, ich habe ein Recht …«

»Eigentlich haben Sie das nicht. Aber da Sie fragen, wir haben Unterlagen über alle Mitglieder der Kommunistischen Partei. Was auch gut ist, jetzt wo Hitler mit Stalins Hilfe die Polen abgeschlachtet hat.«

Miss Maxse lächelte beruhigend. »Natürlich bringt niemand Sie mit denen in Verbindung.«

»Das will ich auch hoffen«, sagte Harry steif.

»Würden Sie von sich sagen, dass Sie ein politischer Mensch sind?«

Das war eine Frage, die man in England normalerweise nicht erwartete. Ihr Wissen über ihn und über Bernies Geschichte verunsicherte ihn. Er zögerte, ehe er antwortete.

»Ich vermute, ich würde mich als eine Art liberalen Tory bezeichnen, wenn überhaupt.«

»Sie waren nie in Versuchung, für die Republik Spanien zu kämpfen, wie Piper?«, fragte Jebb. »Sich dem Kreuzzug gegen die Faschisten anzuschließen?«

»Soweit ich weiß, war Spanien vor dem Bürgerkrieg ein einziges Chaos, was sowohl die Faschisten als auch die Kommunisten sich zunutze machten. Ich habe ’37 dort ein paar Russen kennengelernt. Das waren Schweine.«

»Das klingt nach einem ziemlichen Abenteuer«, sagte Miss Maxse munter. »Mitten im Bürgerkrieg nach Madrid zu gehen.«

»Ich bin gegangen, um meinen Freund zu suchen. Seiner Familie zuliebe, wie ich bereits sagte.«

»Sie waren in der Schule eng befreundet, nicht wahr?«, fragte Jebb.

»Sie haben sich in Rookwood nach mir erkundigt?« Der Gedanke empörte ihn.

»Das haben wir.« Jebb nickte ungerührt.

Plötzlich riss Harry die Augen auf. »Geht es hier um Bernie? Lebt er?«

»Unsere Akte über Bernard Piper ist geschlossen«, sagte Jebb mit unerwartet sanfter Stimme. »Soweit wir wissen, starb er bei Jarama.«

Miss Maxse setzte sich aufrecht. »Sie müssen verstehen, Harry, wenn wir Ihnen Vertrauen schenken und Sie für uns arbeiten sollen, müssen wir alles über Sie wissen. Aber ich denke, jetzt sind wir zufrieden.« Jebb nickte, und sie fuhr fort. »Ich glaube, es ist Zeit, dass wir zur Sache kommen. Normalerweise würden wir nicht gleich so vorpreschen, aber die Zeit läuft uns davon, verstehen Sie? Es ist dringend. Wir brauchen Informationen über jemanden, und wir glauben, dass Sie uns helfen können. Es könnte von größter Wichtigkeit sein.«

Jebb beugte sich vor. »Alles, was wir Ihnen von jetzt an erzählen, ist streng geheim, verstanden? Ich muss Sie warnen, dass Sie, falls Sie etwas davon außerhalb dieses Raumes verlauten lassen, in größte Schwierigkeiten kommen.«

Harry blickte ihn an. »In Ordnung.«

»Es geht hier nicht um Bernard Piper. Es geht um einen anderen alten Schulfreund von Ihnen, der ebenfalls interessante politische Verbindungen geknüpft hat.« Jebb griff wieder in seine Aktentasche und legte ein weiteres Foto auf den Tisch.

Es war ein Gesicht, von dem Harry nie erwartet hätte, es wiederzusehen. Sandy Forsyth musste jetzt einunddreißig sein, ein paar Monate älter als Harry, doch er sah wesentlich älter aus. Er hatte einen Clark-Gable-Schnurrbart und stark pomadisiertes, nach hinten gekämmtes Haar, das am Ansatz bereits zurückwich. Sein Gesicht war voller geworden und hatte ein paar Falten mehr, aber die wachen Augen, die römisch gebogene Nase und der breite Mund mit den schmalen Lippen waren noch dieselben. Es war eine professionelle Aufnahme, Sandy lächelte in die Kamera wie ein Filmstar, halb rätselhaft, halb einladend. Er war kein hübscher Mann, aber auf dem Foto sah er gut aus. Harry blickte auf. »Ich würde ihn nicht als engen Freund bezeichnen«, sagte er leise.

»Sie waren eine Zeit lang befreundet, Harry«, sagte Miss Maxse. »Das Jahr, in dem er von der Schule flog. Nach der Geschichte mit Mr. Taylor. Wir haben mit ihm gesprochen, müssen Sie wissen.«

»Mr. Taylor.« Harry zögerte einen Moment. »Wie geht es ihm?«

»Jetzt geht es ihm ganz gut«, sagte Jebb. »Aber das hat er nicht Forsyth zu verdanken. Also, als er damals von der Schule verwiesen wurde, haben Sie sich da als Freunde getrennt?« Er deutete mit der Büroklammer auf Harry. »Das ist wichtig.«

»Doch, schon. Eigentlich war ich in Rookwood Forsyths einziger Freund.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie und Forsyth viele Gemeinsamkeiten hatten«, sagte Miss Maxse mit einem Lächeln.

»Hatten wir auch nicht, in vielerlei Beziehung.«

»Bisschen ein faules Ei, dieser Forsyth, nicht wahr? Passte nicht dazu. Aber Sie waren immer ein zuverlässiger Kumpel.«

Harry seufzte. »Sandy hatte auch eine gute Seite. Obwohl …« Er unterbrach sich. Miss Maxse lächelte ihn aufmunternd an.

»Ich fragte mich manchmal, warum er ausgerechnet mich zum Freund haben wollte. Wo doch so viele andere, mit denen er Umgang hatte … nun ja, auch faule Eier waren, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen.«

»Waren da vielleicht sexuelle Motive, Harry, was glauben Sie?« Ihr Ton war ganz ungezwungen, genauso wie sie über die Bomben gesprochen hatte. Harry starrte sie überrascht an, dann ließ er ein kleines, verlegenes Lachen hören.

»Bestimmt nicht.«

»Tut mir leid, wenn ich Sie in Verlegenheit bringe, aber diese Sachen passieren in Internaten. Sie wissen schon, man verknallt sich in jemanden.«

»Nein, so was war es nicht.«

»Nachdem Forsyth die Schule verlassen hatte«, sagte Jebb, »blieben Sie miteinander in Kontakt?«

»Wir schrieben uns noch zwei Jahre lang. Aber immer seltener. Wir hatten nicht mehr viele Gemeinsamkeiten, nachdem Sandy Rookwood verlassen hatte.« Er seufzte. »Eigentlich weiß ich gar nicht, warum er überhaupt noch schrieb. Vielleicht um mich zu beeindrucken … er schrieb von Bars und Mädchen und solchen Sachen.« Jebb nickte ermutigend. »In seinem letzten Brief sagte er, er arbeite für einen Buchmacher in London. Er erzählte von gedopten Pferden und gefälschten Wetten, als sei das alles ein riesiger Spaß.« Aber jetzt fiel Harry auch Sandys andere Seite ein: ihre Wanderungen durch die Hügellandschaft, wo sie Fossilien suchten, ihre langen Gespräche. Was wollten diese Leute von ihm?

»Sie halten es immer noch mit den traditionellen Werten, nicht wahr?«, fragte Miss Maxse lächelnd. »Mit den Dingen, die auch in Rookwood wichtig sind.«

»Ja, vermutlich schon. Obwohl …«

»Ja?«

»Ich frage mich, wie das unserem Land passieren konnte.« Er blickte sie an. »Wir waren nicht vorbereitet auf das, was in Frankreich passierte. Auf die Niederlage.«

»Die rückgratlosen Franzosen haben uns im Stich gelassen«, knurrte Jebb.

»Wir mussten uns auch zurückziehen, Sir«, sagte Harry. »Ich war dabei.«

»Sie haben recht. Wir waren nicht genügend darauf vorbereitet.« Miss Maxse sprach plötzlich mit Leidenschaft. »Vielleicht haben wir uns in München zu ehrenhaft verhalten. Nach dem großen Krieg hielt es doch niemand für möglich, dass jemand sich wieder einen Krieg wünschen könnte. Aber jetzt wissen wir, dass Hitler das immer wollte. Er wird sich nicht zufriedengeben, ehe er ganz Europa unter seiner Knute hat. Das neue dunkle Zeitalter, wie Winston es nennt.«

Einen Moment war es still, dann hüstelte Jebb. »Okay, Harry. Ich möchte jetzt über Spanien sprechen. Als Frankreich letzten Juni fiel und Mussolini uns den Krieg erklärte, erwarteten wir, dass Franco folgen würde. Hitler hatte ihm geholfen, seinen Bürgerkrieg zu gewinnen, und natürlich will Franco Gibraltar. Mithilfe der Deutschen könnte er es vom Land her erobern, dann wären wir vom Mittelmeer abgeschnitten.«

»Spanien ist ein Trümmerhaufen«, sagte Harry. »Franco könnte nicht noch einen Krieg führen.«

»Aber er könnte Hitler reinlassen. Die Divisionen der Wehrmacht stehen in Frankreich ja schon an der spanischen Grenze. Die spanische Faschistenpartei will unbedingt in den Krieg eintreten.« Er neigte den Kopf. »Andererseits misstrauen die meisten royalistischen Generäle den Falangisten und haben Angst vor einem Aufstand, falls die Deutschen einmarschieren sollten. Das sind keine Faschisten, sie wollten nur die Roten zurückschlagen. Die Situation ist völlig undurchsichtig, Franco könnte uns jeden Tag den Krieg erklären. Unsere Leute in der Botschaft von Madrid sind die reinsten Nervenbündel.«

»Franco ist vorsichtig«, gab Harry zu bedenken. »Viele sind der Ansicht, er hätte den Bürgerkrieg eher gewinnen können, wenn er risikobereit gewesen wäre.«

Jebb knurrte. »Ich hoffe, Sie haben recht. Sir Samuel Hoare ist dort als Botschafter hingegangen, weil er versuchen will, sie aus dem Krieg rauszuhalten.«

»Das habe ich gehört.«

»Die Wirtschaft dort liegt am Boden, wie Sie schon sagten. Diese Schwäche ist gleichzeitig unsere Trumpfkarte, denn die Royal Navy kann kontrollieren, was rein- und rausgeht.«

»Die Blockade.«

»Zum Glück haben die Amerikaner nichts dagegen. Wir lassen gerade mal genug Öl durch, damit es in Spanien weiterläuft, vielleicht ein bisschen weniger. Und dann hatten sie wieder eine miserable Ernte. Jetzt versuchen sie, Weizen einzuführen und im Ausland Kredite zu bekommen, um ihn zu bezahlen. Man hört, dass die Leute in den Fabriken von Barcelona vor Hunger umfallen.«

»Das klingt schlimm, genau wie im Bürgerkrieg.« Harry schüttelte den Kopf. »Was haben die Menschen dort nur durchgemacht.«

»Uns erreichen die wildesten Gerüchte aus Spanien. Franco probiert alles Mögliche aus, um das Land autark zu machen, manches davon klingt ziemlich bizarr. Letztes Jahr behauptete ein österreichischer Chemiker, er habe eine Methode gefunden, aus Pflanzenextrakten Öl zu gewinnen, und Franco hat ihm Geld gegeben, um die Sache weiterzuentwickeln. Alles Schwindel natürlich.« Wieder ließ Jebb sein bellendes Lachen hören. »Dann kam die Nachricht, man habe unten bei Badajoz ein riesiges Goldvorkommen festgestellt. Wieder so ein Windei. Aber jetzt hört man, sie hätten wirklich Gold gefunden, in den Sierras, nicht weit von Madrid. Sie haben einen Geologen kommen lassen, der in Südafrika Erfahrung gesammelt hat, einen gewissen Alberto Otero. Und sie halten sich sehr bedeckt, was Anlass zu der Vermutung gibt, dass da etwas dran ist. Die Fachleute sagen, vom geologischen Standpunkt her sei es möglich.«

»Und dadurch wäre Spanien weniger abhängig von uns?«

»Sie haben keine Goldreserven, um ihre Währung zu decken. Stalin hatte sie überredet, ihre Goldreserven während des Bürgerkriegs nach Moskau in Sicherheit zu bringen. Und natürlich hat er sie behalten. Dadurch wird es sehr schwer für Spanien, etwas auf dem offenen Markt zu kaufen. Im Moment bemühen sie sich um Exportkredite von uns und den Yankees.«

»Also, wenn die Gerüchte zuträfen … dann wären sie weniger abhängig von uns?«

»Genau. Und deshalb weniger abgeneigt, in den Krieg einzutreten. Die Situation könnte sich mit einem Schlag verändern!«

»Wir versuchen uns dort an einem Drahtseilakt«, fügte Miss Maxse hinzu. »Wie viel Peitsche nötig ist, wie viel Zuckerbrot man ihnen anbieten soll. Wie viel Weizen man durchlässt, wie viel Öl.«

Jebb nickte. »Die Sache ist die, Brett, dass der Mann, der das Regime mit Otero bekannt gemacht hat, Sandy Forsyth war.«

»Er ist in Spanien?« Harry riss die Augen auf.

»Ja. Ich weiß nicht, ob Sie vor zwei Jahren die Reklame in den Zeitungen gesehen haben … Touren über die Schlachtfelder des Bürgerkriegs?«

»Ich erinnere mich. Die Nationalisten organisierten diese Touren für die Engländer. Das war ein reiner Propagandagag.«

»Irgendwie war Forsyth darin verwickelt. Ging als Fremdenführer nach Spanien, wurde von Francos Leuten ganz gut dafür bezahlt. Dann blieb er da und beteiligte sich an verschiedenen Geschäften, einige davon ziemlich halbseiden, könnte ich mir vorstellen. Anscheinend ist er ein guter Geschäftsmann, einer von der protzigen Sorte.« Jebb verzog abfällig den Mund, dann starrte er Harry an. »Im Moment hat er ein paar wichtige Kontakte.«

Harry holte tief Luft. »Darf ich fragen, woher Sie das alles wissen?«

Jebb zuckte die Schultern. »Spürnasen hier in unserer Botschaft. Sie bezahlen kleine Beamte dafür, dass sie ihnen Informationen zuspielen. In Madrid wimmelt es von Spionen. Aber keiner davon kommt an Forsyth heran. Wir haben keine Spione in der Falange, und Forsyth ist in der Regierungsfraktion der Falangisten. Und es heißt, er sei schlau. Wenn ein Fremder anfinge, ihm Fragen zu stellen, würde er sofort Verdacht schöpfen.«

»Ja«, nickte Harry. »Sandy ist schlau.«

»Aber wenn Sie in Madrid auftauchen würden«, sagte Miss Maxse, »zum Beispiel als Dolmetscher für die Botschaft, und ihn zufällig in einem Café treffen würden, wie es eben oft passiert? Und dann Ihre alte Freundschaft wieder aufleben ließen?«

»Wir möchten, dass Sie herausfinden, was er macht«, sagte Jebb unumwunden. »Um ihn vielleicht auf unsere Seite zu ziehen.«

Das also war es. Sie wollten, dass er Sandy ausspionierte, wie Mr. Taylor es vor vielen Jahren in Rookwood gemacht hatte. Harry blickte zum Fenster hinaus in den blauen Himmel, wo die Fesselballons schwebten wie große graue Wale.

»Wie denken Sie darüber?« Miss Maxses Stimme klang sanft.

»Sandy Forsyth arbeitet mit der Falange.« Harry schüttelte den Kopf. »Es kann doch nicht sein, dass er das Geld braucht … sein Vater ist Bischof.«

»Manchmal geht es ebenso um den Nervenkitzel wie um die Politik, Harry. Oft gehört beides zusammen.«

»Stimmt.« Er erinnerte sich, wie Sandy nach einem seiner verbotenen Ausflüge zum Pferderennen atemlos ins Arbeitszimmer gestürmt kam, in der Hand eine zerknautschte Fünf-Pfund-Note. »Guck mal, was ein nettes Pferdchen mir beschert hat.«

»Er arbeitet mit den Falangisten«, sagte Harry nachdenklich. »Ich glaube, er war immer ein schwarzes Schaf, aber manchmal … da kann ein Mann etwas tun, was gegen das Gesetz ist und ihm einen schlechten Ruf einbringt, und das kann ihn dann noch schlimmer machen.«

»Wir haben nichts gegen schwarze Schafe«, sagte Jebb. »Schwarze Schafe können manchmal die besten Agenten sein.« Er lachte.

Eine weitere Erinnerung kam Harry: Sandy, der ihn über den Tisch hinweg anstarrte, seine Stimme ein wütendes Flüstern. »Du siehst ja, wie sie sind, wie sie uns kontrollieren und was sie tun, wenn wir versuchen, uns dagegen aufzulehnen.«

»Ich glaube, Sie sind jemand, dem das Spielen liegt«, sagte Miss Maxse. »Das hatten wir auch erwartet. Aber wir können diesen Krieg nicht gewinnen, wenn wir immer mit offenen Karten spielen.« Sie schüttelte traurig den Kopf, und ihre kurzen Löckchen wippten. »Nicht mit diesem Gegner. Wir müssen töten, aber das wissen Sie bereits, und ich fürchte, wir müssen auch täuschen und betrügen.« Sie lächelte entschuldigend.

Harry spürte, wie gegensätzliche Gefühle in ihm kämpften. In ihm stieg Panik auf. Der Gedanke, wieder nach Spanien zu gehen, erregte und entsetzte ihn gleichzeitig. Von den spanischen Exilanten in Cambridge hatte er gehört, dass die Zustände dort jetzt sehr schlimm waren. In den Nachrichten hatte er gesehen, wie Franco vor ekstatischen Menschenmengen sprach, die mit faschistischem Gruß antworteten. Aber hinter den Kulissen, so hatte er gehört, herrschten Denunziation und nächtliche Verhaftungen. Und mitten darin Sandy Forsyth? Er hob das Foto hoch und sah es an. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte er langsam. »Ich meine, ich bin mir nicht sicher, dass ich das durchziehen kann.«

»Sie würden geschult werden«, sagte Jebb. »Es wird zwar eine Art Crashkurs sein müssen, denn die Herren da oben möchten so schnell wie möglich eine Antwort haben.« Er blickte Harry an. »Ich spreche von den Leuten ganz an der Spitze.«

Ein Teil von Harry wollte sich jetzt zurückziehen, nach Surrey fahren und alles vergessen. Aber schließlich kämpfte er seit drei Monaten gegen genau diese panische Angst an, gegen diesen Drang, sich zu verstecken.

»Was für eine Schulung wäre das?«, fragte er. »Ich glaube, dass ich im Täuschen nicht sehr gut bin.«

»Es ist leichter, als Sie glauben«, erwiderte Miss Maxse, »solange Sie von der Sache überzeugt sind, für die Sie lügen. Und Sie würden lügen und betrügen, reden wir nicht um den heißen Brei herum. Aber wir würden Ihnen diese ganze schwarze Kunst schon beibringen.«

Harry biss sich auf die Lippe. Lange blieb es still im Raum.

Miss Maxse sagte: »Wir würden nicht erwarten, dass Sie einfach ins kalte Wasser springen.«

»Nun gut«, sagte er endlich. »Vielleicht kann ich Sandy ja überzeugen. Ich kann nicht glauben, dass er ein Faschist ist.«

»Der Anfang wird am schwierigsten sein«, sagte Jebb. »Wenn Sie sein Vertrauen gewinnen müssen. Da wird es Ihnen fremd und unmöglich vorkommen, und das ist die Phase, wo Sie sich am meisten verstellen müssen.«

»Ja. Bei Sandy hat man oft das Gefühl, dass er um die Ecke sehen kann.«

»Den Eindruck haben wir auch.« Miss Maxse wandte sich an Jebb. Der zögerte einen Augenblick, dann nickte er.

»Also gut«, sagte Miss Maxse geschäftsmäßig.

»Es muss schnell gehen«, sagte Jebb. »Wir müssen Vorbereitungen treffen, Verschiedenes für Sie organisieren. Natürlich müssen Sie noch einer gründlichen Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Bleiben Sie heute in London?«

»Ja, ich bin bei meinem Vetter.«

Er sah Harry wieder durchdringend an. »Keine anderen Bindungen hier, außer der Familie?«

»Nein.« Harry schüttelte den Kopf.

Jebb zog ein Notizbuch hervor. »Telefonnummer?«

Harry gab sie ihm.

»Man wird Sie morgen anrufen. Bitte gehen Sie nicht weg.«

»Ja, Sir.«

Sie standen auf. Miss Maxse reichte Harry die Hand. »Ich danke Ihnen, Harry«, sagte sie.

Jebb schenkte Harry ein dünnlippiges Lächeln. »Stellen Sie sich auf die Sirene heute Nacht ein. Wir erwarten weitere Bombenangriffe.« Er warf die verbogene Büroklammer in den Papierkorb.

»Du liebe Zeit«, sagte Miss Maxse. »Das war Staatseigentum. Was für ein Verschwender Sie sind, Roger.« Mit einem Lächeln entließ sie Harry. »Wir sind Ihnen dankbar, Harry. Diese Sache könnte sehr wichtig sein.«

Draußen blieb Harry kurz stehen. Er hatte ein schweres, trauriges Gefühl im Magen. Schwarze Künste: Was zum Teufel meinten sie damit? Schon allein bei dem Ausdruck schauderte ihn. Er merkte, dass er unwillkürlich horchte, genau wie Sandy es an der Tür des Lehrerzimmers getan hatte. Er stand mit seinem gesunden Ohr in Richtung Tür und versuchte zu erlauschen, was Jebb und Miss Maxse über ihn sagten. Aber er hörte nichts. Er wandte sich um und sah, dass der Portier jetzt da war, dessen Schritte er auf dem staubigen Teppich nicht gehört hatte. Harry lächelte nervös und ließ sich nach draußen begleiten. Verfiel er etwa schon in die Angewohnheiten eines … eines was? Eines Kriechers, Spions, Verräters?

2

Die Fahrt zu Wills Haus dauerte normalerweise weniger als eine Stunde, aber heute brauchte er den halben Nachmittag, weil die Tube immer nur ein kurzes Stück vorankam, ehe sie wieder halten musste. Auf allen Bahnsteigen saßen Menschentrauben, dicht zusammengedrängt, mit blassen Gesichtern. Harry hatte schon gehört, dass ausgebombte Bewohner des East Ends sich hier unten einquartiert hatten.

Als er daran dachte, dass er Sandy Forsyth ausspionieren sollte, kamen ihm erneut Zweifel, es war ein Gedanke, bei dem ihm fast übel wurde. Sein Blick schweifte über die bleichen, müden Gesichter seiner Mitreisenden. Jeder von ihnen konnte ein Spion sein – was konnte man einem Menschen schon ansehen? Wieder hatte er dieses Foto vor Augen: Sandys selbstbewusstes Lächeln, das Clark-Gable-Schnurrbärtchen. Langsam ruckelte der Zug durch die Tunnelröhren.

Für Harry war Rookwood identitätsstiftend gewesen. Sein Vater, ein Rechtsanwalt, hatte an der Somme sein Leben gelassen, als Harry sechs Jahre alt war, seine Mutter war im Winter nach Ende des Ersten Weltkriegs – wie man den letzten Krieg jetzt nannte – während der Grippeepidemie gestorben. Harry besaß ihr Hochzeitsfoto, das er oft betrachtete. Sein Vater, dem er sehr ähnlich sah, im Cutaway vor der Kirche: dunkel, solide und zuverlässig aussehend. Er hatte den Arm um Harrys Mutter gelegt, blond wie Vetter Will, lange Locken bis auf die Schultern unter einem breitkrempigen Hut, wie man ihn zur Zeit Edwards VII. trug. Glücklich lächelten sie in die Kamera. Das Bild war im hellen Sonnenschein aufgenommen und etwas überbelichtet, wodurch ein Schimmer um beide Gestalten lag. Harry hatte nur schwache Erinnerungen an seine Eltern. Genau wie die Welt, in der das Bild entstanden war, waren sie ein verschwundener Traum.

Nach dem Tod seiner Mutter war er zu Onkel James gekommen, dem älteren Bruder seines Vaters, einem Berufsoffizier, der gleich in einer der ersten Schlachten von 1914 verwundet worden war. Ein Bauchschuss, nichts, was man auf Anhieb sehen konnte, aber Onkel James hatte ständig Beschwerden mit seinem Innenleben. Sein Unwohlsein trug zur Verschlimmerung seiner ohnehin schon jähzornigen Veranlagung bei und war ein ständiger Grund zur Sorge für Tante Emily, eine nervöse, ängstliche Frau. Als sie Harry in ihr Haus in dem malerischen Dorf in Surrey aufnahmen, waren die beiden erst in den Vierzigern, wirkten aber wesentlich älter, wie ein ständig besorgtes, pingeliges Rentnerehepaar.

Sie behandelten ihn freundlich, doch Harry hatte immer das Gefühl gehabt, nicht willkommen zu sein. Die beiden waren kinderlos und schienen nie so recht zu wissen, was sie mit ihm anfangen sollten. Onkel James pflegte ihm auf die Schulter zu schlagen, dass er fast umfiel, und ihn zu fragen, was er denn heute spielen wolle, während seine Tante sich ständig Sorgen um seine Ernährung machte.

Gelegentlich besuchte er Tante Jenny, die Schwester seiner Mutter und Mutter von Vetter Will. Jenny hatte ihre Schwester sehr geliebt, und es war schmerzlich, an sie erinnert zu werden, aber wenn Harry im Internat war, überschüttete sie ihn – vielleicht aus einem Schuldgefühl heraus – mit Fresspaketen und kleinen Geldgeschenken. Als Kind war Harry von einem pensionierten Lehrer, dem Bekannten seines Onkels, unterrichtet worden. Seine Freizeit verbrachte Harry auf den Wiesen und in den Wäldern der Umgebung. Dort traf er die Dorfjungen, die Söhne von Bauern und Schmieden, aber obwohl sie zusammen Cowboy und Indianer spielten oder Kaninchen jagten, blieb er wegen seines Akzents doch immer ein Außenseiter: der vornehme Harry.

An einem Sommertag, als Harry von seinen Streifzügen nach Hause kam, rief der Onkel ihn in sein Arbeitszimmer. Harry war gerade zwölf geworden. Am Fenster stand ein fremder Mann in der von außen einfallenden Sonne, sodass er zunächst nur ein dunkler Umriss war, von tanzenden Staubpartikeln umgeben. »Ich möchte dich mit Mr. Taylor bekannt machen«, sagte Onkel James. »Er unterrichtet an meiner alten Schule. An meiner alma mater. So heißt es doch auf Latein, nicht wahr?« Und zu Harrys Überraschung gab er ein nervöses Lachen von sich, wie ein Kind.

Der Mann trat auf Harry zu und reichte ihm mit festem Griff die Hand. Er war groß und hager und trug einen dunklen Anzug. Hohe Stirn, schwarzes Haar mit tiefen Geheimratsecken, aufmerksame graue Augen, die ihn hinter einem Zwicker anblickten.

»Freut mich, dich kennenzulernen, Harry.« Seine Stimme klang hart. »Du scheinst wohl ein kleiner Herumtreiber zu sein, was?«

»Er ist ein bisschen verwildert«, sagte Onkel James entschuldigend.

»Das werden wir schon hinbiegen, wenn du nach Rookwood kommst. Würdest du wohl gern auf einem Internat sein, Harry?«

»Ich weiß nicht, Sir.«

»Dein Lehrer hat dir ein gutes Zeugnis ausgestellt. Spielst du gern Rugby?«

»Das habe ich noch nie gespielt, Sir. Mit den Jungen im Dorf spiele ich Fußball.«

»Rugger ist viel besser. Ein Spiel für Gentlemen.«

»Dein Vater war auch in Rookwood, genau wie ich«, sagte Onkel James.

Harry sah ihn an. »Mein Vater?«

»Ja. Dein pater, wie man in Rookwood sagt.«

»Weißt du, was pater bedeutet, Harry?«, fragte Mr. Taylor.

»Es ist Latein für Vater, Sir.«

»Sehr gut.« Mr. Taylor lächelte. »Der Junge könnte geeignet sein, Brett.«

Er stellte noch weitere Fragen. Er war freundlich, doch er strahlte eine gewisse Autorität aus, wie jemand, der Gehorsam erwartete, was Harry vorsichtig machte. Schließlich wurde er aus dem Zimmer geschickt, weil Mr. Taylor mit seinem Onkel allein sprechen wollte. Als Onkel James ihn wieder hereinrief, war Mr. Taylor schon weg. Sein Onkel ließ ihn sich setzen und sah ihn mit ernstem Blick an, während er über seinen grauen Schnurrbart strich.

»Deine Tante und ich finden, es ist an der Zeit, dass du in ein Internat kommst, Harry. Das ist besser für dich, als hier bei uns zwei alten Krähen aufzuwachsen. Außerdem solltest du Umgang mit Jungen deiner eigenen Klasse haben statt mit der Dorfjugend.«

Harry hatte keine Ahnung, wie es in einem Internat zuging. Er stellte sich ein großes, helles Gebäude vor, voller Licht, wie auf dem Foto seiner Eltern, das ihn willkommen hieß.

»Was meinst du, Harry, würde dir das gefallen?«

»Ja, Onkel. Ja, ich glaube schon.«

Will wohnte in einer ruhigen Straße mit Villen im Tudor-Stil, zu denen der neue Luftschutzbunker, ein längliches Betongebäude am grünen Straßenrand, ganz und gar nicht passte.

Sein Vetter war bereits zu Hause und öffnete ihm die Tür. Er trug einen bunt gemusterten Pullover und strahlte Harry durch die Brille an.

»Hallo, Harry! Na, hast du’s geschafft?«

»Habe ich, danke.« Harry drückte ihm die Hand. »Wie geht’s dir, Will?«

»Na ja, man muss eben durchhalten, wie alle. Was machen deine Ohren?«

»Fast wieder in Ordnung. Bisschen schwerhörig auf der einen Seite.«

Will ging voraus in den Flur. Eine große, schlanke Frau mit mausgrauem Haar und einem langen, missbilligenden Gesicht kam aus der Küche und trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.

»Muriel.« Harry gab sich Mühe, herzlich zu lächeln. »Wie geht’s dir?«

»Ach, man kämpft sich so durch. Ich gebe dir nicht die Hand, ich habe gekocht. Ich dachte, wir sparen uns den High Tea und essen gleich zu Abend.«

»Es gibt ein richtiges Steak. Ich habe da eine besondere Abmachung mit dem Metzger«, fügte Will hinzu. »Aber jetzt komm mit nach oben, du möchtest dir bestimmt die Hände waschen.«

Harry hatte schon oft im hinteren Schlafzimmer übernachtet. Hier gab es ein großes Doppelbett und einen Toilettentisch mit Häkeldeckchen, auf dem Nippes stand.

»Ich lass dich jetzt allein«, sagte Will. »Wenn du dich gewaschen hast, komm runter.«

Harry wusch sich in dem kleinen Waschbecken das Gesicht und betrachtete sich im Spiegel, während er sich abtrocknete. Er hatte zugenommen, durch Mangel an Bewegung war seine untersetzte Figur voller geworden, seine eckige Kinnpartie begann sich zu runden. Allgemein fand man ihn gut aussehend, obwohl er selbst sein gleichmäßiges Gesicht unter dem welligen braunen Haar immer etwas zu breit fand. In letzter Zeit hatte er neue Falten um die Augen bekommen. Er versuchte, sein Gesicht so ausdruckslos wie möglich aussehen zu lassen. Würde Sandy hinter dieser Maske seine Gedanken lesen können? In der Schule war es üblich gewesen, dass man seine Gefühle nicht zeigte – man zeigte sie höchstens durch einen fest zusammengepressten Mund oder eine hochgezogene Augenbraue. Man achtete auf die kleinsten Zeichen. Jetzt musste er lernen, gar nichts zu zeigen oder höchstens falsche Signale zu senden. Er warf sich aufs Bett und dachte an die Schule und an Sandy Forsyth.

Im Internat hatte Harry sich von Anfang an wohlgefühlt. Rookwood, ein Herrenhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert im tiefsten Sussex, war ursprünglich von einer Gruppe Londoner Geschäftsleute gegründet worden, die Überseehandel trieben und hier die Söhne ihrer Schiffsoffiziere unterrichten ließen. Die Hausnamen spiegelten diese Vergangenheit wider: Raleigh, Drake und Hawkins. Jetzt war es eine Schule für Söhne aus dem niederen Adel und von Beamten, mit ein paar Freiplätzen, die durch Vermächtnisse finanziert wurden.

Der geregelte Tagesablauf hatte Harry ein Gefühl der Zugehörigkeit und Zielstrebigkeit vermittelt. Die Disziplin war streng, aber es fiel ihm nicht schwer, die Regeln einzuhalten, und er bekam nur selten eine Strafarbeit, von Prügel ganz zu schweigen. Er kam in fast allen Fächern gut mit, besonders in Französisch und Latein – Sprachen fielen ihm leicht. Der Sport machte ihm auch Freude, Rugby und vor allem Cricket mit seinem gemächlichen Tempo; in seinem letzten Schuljahr war er Kapitän des Juniorenteams gewesen.

Manchmal ging er allein in den großen Saal, wo die Fotos der Abiturklassen eines jeden Jahrgangs hingen. Hier stand er oft vor einer Aufnahme von 1902, auf dem das Jungengesicht seines Vaters ihn aus einer Doppelreihe steif aufgereihter Präfekten mit Quastenhüten ansah. Dann wandte er sich meist der Plakette hinter dem Podium zu, auf dem in Goldschrift die Namen der Kriegsgefallenen zu lesen waren. Auch hier war der Name seines Vaters aufgelistet, was ihm Tränen in die Augen trieb, die er hastig wegwischte, damit niemand es sah.

Im Jahre 1925, als Sandy Forsyth nach Rookwood kam, begann Harry gerade die vierte Klasse. Obwohl die Jungen immer noch einen großen gemeinsamen Schlafsaal bewohnten, hatten sie seit einem Jahr eigene Arbeitszimmer. Jeweils zwei oder drei von ihnen teilten sich einen kleinen Raum mit alten Sesseln und zerkratzten Tischen. Harrys Freunde waren meist ruhige, ernsthafte Jungen, und er freute sich, sein Arbeitszimmer mit Bernie Piper zu teilen, einem der Stipendiaten. Er packte gerade aus, als Piper eintrat.

»Hallo, Brett«, sagte er. »Wie ich sehe, werde ich dieses Schuljahr den Gestank deiner Socken ertragen müssen.« Bernies Vater hatte ein Lebensmittelgeschäft im East End, und als Bernie in Rookwood ankam, sprach er breites Cockney. Im Laufe der Zeit gewöhnte er sich zwar die affektierte Sprechweise der anderen an, doch sein Londoner Akzent setzte sich immer wieder für eine Weile durch, wenn er aus den Ferien zurückkehrte.

»Guten Sommer gehabt?«

»Bisschen langweilig. Onkel James war oft krank. Bin froh, dass ich wieder hier bin.«

»Da hättste bei meinem Vater im Laden stehen sollen. Dann wüsstest du, was Langeweile ist.«

Jetzt erschien ein weiteres Gesicht an der Tür, ein stämmiger Junge mit schwarzem Haar. Er setzte einen teuer aussehenden Koffer ab und lehnte sich mit herablassender Miene an den Türrahmen. »Harry Brett?«, fragte er.

»Das bin ich.«

»Ich bin Sandy Forsyth. Ich bin neu hier und in diesem Arbeitszimmer.« Er zog den Koffer herein und sah die beiden an. Seine großen braunen Augen wirkten hellwach, und sein Gesicht hatte einen harten Ausdruck.

»Wo kommst du her?«, fragte Bernie.

»Braildon. Oben in Hertfordshire. Schon mal gehört?«

»Ja«, sagte Harry. »Soll ’ne gute Schule sein.«

»Ja, sagt man.«

»Hier ist es auch nicht schlecht.«

»Nein? Wie ich höre, wird hier Disziplin ganz großgeschrieben.«

»Sobald sie einen sehen, wird man verprügelt«, stimmte Bernie zu.

»Wo kommst du her?«, fragte Forsyth.

»Wapping«, sagte Bernie stolz. »Ich bin einer von den Proleten, die die Oberklasse duldet.« Bernie hatte sich im letzten Trimester zur Missbilligung aller als Sozialist bezeichnet. Forsyth zog die Brauen hoch.

»Ich wette, du bist leichter reingekommen als ich.«

»Wieso?«

»Ich bin ein ziemlicher Revoluzzer.« Der Neue zog ein Päckchen Gold Flake aus der Tasche und nahm eine Zigarette heraus. Bernie und Harry blickten zur offenen Tür. »In den Arbeitszimmern darf nicht geraucht werden«, sagte Harry schnell.

»Wir können ja die Tür zumachen. Wollt ihr auch eine?«

Bernie lachte. »Auf Rauchen steht hier die Prügelstrafe. Es lohnt sich nicht.«

»Okay.« Plötzlich grinste er Bernie an, er hatte gesunde, weiße Zähne. »Bist du etwa ein Roter?«

»Ich bin Sozialist, wenn du das meinst.«

Der Neue zuckte die Schultern. »In Braildon hatten wir einen Debattierclub, und letztes Jahr sprach einer aus der fünften Klasse über den Kommunismus. Es wurde ziemlich turbulent.« Er lachte.

Bernie knurrte etwas, sein Blick drückte Missfallen aus.

»Ich wollte eine Debatte über den Atheismus, ich wollte ihn verteidigen«, fuhr Forsyth fort. »Aber das wurde nicht erlaubt. Weil mein Vater Bischof ist. Wo geht man denn hier hin, wenn man eine rauchen will?«

»Hinter die Turnhalle«, erwiderte Bernie mit kalter Stimme.

»In Ordnung. Bis später dann.« Forsyth stand auf und trottete aus dem Zimmer.

»Arschloch«, sagte Bernie, als er verschwunden war.

Und später am selben Tag bekam Harry zum ersten Mal die Aufgabe, Sandy auszuspionieren. Er war allein im Arbeitszimmer, als ein jüngerer Schüler erschien und ihm mitteilte, Mr. Taylor wünsche ihn zu sehen.

Taylor war in diesem Jahr ihr Klassenlehrer. Er galt als strenger Zuchtmeister, und die jüngeren Schüler hatten großen Respekt vor ihm. Wenn er die große, hagere Gestalt mit dem üblichen strengen Gesicht über den Innenhof schreiten sah, musste Harry immer an den Tag zurückdenken, als er bei Onkel James zu Besuch gewesen war. Sie hatten seitdem kaum miteinander gesprochen.

Mr. Taylor war in seinem Arbeitszimmer, einem gemütlichen Raum mit Teppichen und den Porträts früherer Rektoren an der Wand, die Geschichte der Schule erfüllte ihn mit Stolz.

»Ah, Brett.« Sein Ton war herzlich, als er Harry mit seinem langen Arm ins Zimmer winkte. Harry stand vor dem Schreibtisch, die Hände auf dem Rücken, wie es sich gehörte. Taylors Haar wich immer weiter zurück, seine Geheimratsecken waren jetzt nur noch von einem dunklen Haarbüschel getrennt, über dem sich eine beginnende Glatze breitmachte.

»Hast du schöne Ferien gehabt? Geht’s Onkel und Tante gut?«

»Ja, Sir.«

Der Lehrer nickte zufrieden. »Dieses Jahr bist du in meiner Klasse. Ich habe gute Berichte über dich, ich erwarte große Dinge.«

»Danke, Sir.«

Der Lehrer nickte erneut. »Ich wollte mit dir über die Arbeitszimmer sprechen. Wir haben dir statt Piper den neuen Jungen zugeteilt. Hast du ihn schon kennengelernt?«

»Ja, Sir. Ich glaube, Piper weiß es noch nicht.«

»Er wird es erfahren. Wie kommst du mit Forsyth aus?«

»Ganz gut, Sir.« Harrys Antwort klang unverbindlich.

»Du hast gehört, dass sein Vater Bischof ist?«

»Das hat er erwähnt.«

»Forsyth kommt von Braildon zu uns. Seine Eltern sind der Ansicht, dass Rookwood, eine Schule, die auf … äh … Ordnung Wert legt, besser für ihn geeignet ist.« Taylor lächelte milde, wobei sich tiefe Falten auf seinen eingefallenen Wangen bildeten. »Ich sage dir das ganz im Vertrauen. Du bist ein vernünftiger Junge, Brett, wir denken, dass du eines Tages Präfekt sein könntest. Bitte hab ein Auge auf Forsyth, würdest du das tun?« Er schwieg einen Moment. »Damit er nicht vom rechten Weg abkommt.«

Harry warf dem Lehrer einen raschen Blick zu. Das war eine seltsame Bemerkung, eine dieser absichtlichen Mehrdeutigkeiten, deren sich die Lehrer immer öfter bedienten, je älter die Schüler wurden. Man erwartete, dass sie verstanden. Offiziell war es verpönt, dass die Jungen einander verpetzten, aber Harry wusste, dass viele der Lehrer sich von bestimmten Schülern Informationen zutragen ließen. War es das, was Taylor von ihm erwartete? Instinktiv wusste er, dass er das nicht machen wollte, allein schon der Gedanke verursachte ihm Unbehagen.

»Ich werde ihm gern helfen, sich zurechtzufinden, Sir«, sagte er vorsichtig.

Taylor sah ihn aufmerksam an. »Und lass mich wissen, wenn es Probleme gibt. Nur ein kleines Wort, das genügt. Wir wollen Forsyth doch helfen, dass er die richtige Richtung einschlägt. Es ist seinem Vater sehr wichtig.«

Das war deutlich genug. Harry sagte nichts. Mr. Taylor runzelte leicht die Stirn.