Wenn die Organe sprechen könnten - Olaf Koob - ebook

Wenn die Organe sprechen könnten ebook

Olaf Koob

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Opis

„Der Mensch ist eine Zusammenfassung alles dessen, was ihn als Natur und Universum umgibt.“ Unzählige Fakten über Anatomie und Physiologie der einzelnen Organe werden in der medizinischen Ausbildung gelehrt, nichts aber über ihr „Wesen“, das die chinesischen Ärzte zum Beispiel im Falle der Leber den „General“ nennen oder die griechischen und mittelalterlichen Ärzte mit den Planeten verbanden. Dieses jeweilige Organ-„Wesen“ zu beschreiben, stellt sich der Autor im vorliegenden Band zur Aufgabe, – ohne sich im Nebulös-Mystischen zu verlieren. Jedes Organ wird verständlich dargestellt: seine Lage, seine Form, seine embryonale Entwicklung, seine Funktion und seine charakteristischen Eigenschaften. So können die lebendige Biographie und Physiognomie eines Organs sowie dessen Krankheiten umfassend verstanden werden. Der Autor zieht die traditionelle chinesische sowie die Anthroposophische Medizin in seinen Betrachtungen mit ein. Diese Neuauflage wurde ergänzt um zwei Kapitel über das Pankreas sowie über die Schild- und Hormondrüsen. Außerdem wurden die Ausführungen zu Milz, Herz und Leber erweitert.

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Olaf Koob
Wenn die Organe sprechen könnten
Grundlagen der leiblich-seelischen Gesundheit
Impressum
ISBN epub: 978-3-924391-99-7 ISBN print: 978-3-95779-045-3
Diesem E-Book liegt die 7. Auflage 2018 der Printausgabe zugrunde.
Info3 Verlag, Frankfurt am Main Alle Rechte vorbehalten, © 2019 by Info3 Verlag, Frankfurt am Main www.info3.de
Konvertierung: U. Schmid, de·te·pe, Aalen Cover: Frank Schubert, Frankfurt am Main, unter Verwendung einer Skizze von Albrecht Dürer
Über dieses Buch
„Der Mensch ist eine Zusammenfassung alles dessen, was ihn als Natur und Universum umgibt.“
Unzählige Fakten über Anatomie und Physiologie der einzelnen Organe werden in der medizinischen Ausbildung gelehrt, nichts aber über ihr „Wesen“, das die chinesischen Ärzte zum Beispiel im Falle der Leber den „General“ nennen oder die griechischen und mittelalterlichen Ärzte mit den Planeten verbanden. Dieses jeweilige Organ-„Wesen“ zu beschreiben, stellt sich der Autor im vorliegenden Band zur Aufgabe, – ohne sich im Nebulös-Mystischen zu verlieren. Jedes Organ wird verständlich dargestellt: seine Lage, seine Form, seine embryonale Entwicklung, seine Funktion und seine charakteristischen Eigenschaften. So können die lebendige Biographie und Physiognomie eines Organs sowie dessen Krankheiten umfassend verstanden werden.
Über den Autor
Dr. med. Olaf Koob, geboren 1943, Medizinstudium, Tätigkeit als Schularzt in Freiburg und Wanne-Eickel, langjährige Mitarbeit an einem Forschungsprojekt über Drogenerkrankungen und soziale Ursachen, Berater für Drogenfragen, Allgemeinpraxis in Weimar und Berlin, Schularzt im heilpädagogischen Therapeutikum in Berlin. Heute Vortragender und Seminarleiter im In- und Ausland.
Inhalt
Über dieses Buch
Über den Autor
Geleitwort von Volker Fintelmann
Vorwort
Vorwort zur vierten Auflage
Vorwort zur sechsten Auflage
Das Rätsel Mensch
Die kosmische Sprache der menschlichen Gestalt
Der Tierkreiszeichenmensch
Die planetarische Ordnung in den Organen
Die Milz als Saturnorgan
Die Leber als Jupiterorgan
Die Galle als Marsorgan
Das Herz als Sonnenorgan
Die Niere als Venusorgan
Die Lunge als Merkurorgan
Die Regenerationsorgane und das Silber
Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas)
Das Hormonsystem
Lunge, Leber, Niere und Herz als die vier meteorologischen Organe
Die Lunge als Erdenorgan
Die Leber als Wasserorgan
Niere und Blase als Luftorgane
Das Herz als Wärmeorgan
Vergiften und Entgiften
Die mineralische Vergiftung
Die pflanzlichen Vergiftungen
Die tierische Vergiftung
Die Bedeutung von Absondern und Ausscheiden
Der Schweiß als »Mumie« der Lebensvorgänge
Der Urin als »Mumie« seelischer Tätigkeit
Die Darmabsonderungen als »Mumie« der Ich-Tätigkeit
Ernähren und Heilen
Naturheilkunde, Homöopathie, chinesische und anthroposophische Medizin
Am Wegesrand aufgelesen
Weiterführende Literatur
Anmerkungen
Über unseren Körper wissen wir so gut wie nichts. Wir sind falsch erzogen. Ich kann von meinem Zimmer aus San Francisco anru­fen, doch was sich in diesen Augenblicken in meiner Leber oder in der Galle abspielt, davon habe ich keine Ahnung. Die Aufgabe der modernen Erziehung wird sein, die Tätigkeit der inneren Organe bewusst zu machen. Genau­so, wie ich von den Bewegungen meiner Hän­de, Augen, meines Mundes weiß, sollte und könnte ich auch über das Funktionieren meines Magens, der Drüsen und der Nieren Bescheid wissen. In der Beziehung zu sich selbst ist der Mensch noch immer nicht stark und mutig genug. Er wagt es bereits, den Sternen in die Augen zu sehen, aber bei der Milz und den Gedärmen fehlt es ihm noch an Mut. Ein tieferes Selbst­bewusstsein, irgendeine röntgenstrahlartige Verbindung mit uns selbst – das sollte der Weg des Menschen sein. Doch ist dieser Weg komplizierter und unheimlicher als eine Fahrt zum Mond.1
SANDOR MARAI
Geleitwort
Unsere so aufgeklärt scheinende, westlich orientierte Welt ver­hält sich in vielen praktischen Lebensfragen außerordentlich paradox. Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen: Dem Ignorieren des na­tür­li­chen Alters und seiner Früchte eines Lebens und dem Wahn ewiger Jugend, der kein Alter erkennen lassen will, steht die Wirklichkeit gegenüber, dass das Verhältnis junger zu alten Menschen in unserer Gesellschaft sich dramatisch zugunsten des Alters verschiebt. Die dem zugrundeliegende, laufend steigende Lebenserwartung wird ge­feiert, das kaum noch gesellschaftlich zu lö­sen­de Problem der Altersversorgung dagegen verdammt. Kurz: man möchte schon sehr alt werden, aber bloß nicht alt sein!
Als zweites Beispiel mag die Medizin dienen. Die rational-wissenschaftliche Medizin unternimmt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts alle erdenkbaren Anstrengungen, den Krankheiten den Garaus zu machen. Ein kranker Mensch soll möglichst bald der Vergangenheit angehören, weil man die Ursachen der Krank­hei­ten versteht und Maßnahmen zu ihrer Beseitigung entwi­ckelt. Das geschieht schwerpunktmäßig durch immer neue, wirkungsvollere und vor allem teure Arzneimittel. Dem verdankt die Ge­sell­schaft einen Markt, der eine ganz wichtige Säule des Volksvermögens ist.
Der sogenannte Gesundheitsmarkt, zu dem auch alle krankheitsvermeidenden, präventiven Maßnahmen ge­hö­ren, gilt als der zukunftsträchtigste Markt und hat mit die höchsten Zuwachsraten, selbst in Zeiten der Rezession. Dieser Markt würde völlig in sich zusammenbrechen, wenn seine Arzneimittel wirklich heilen und damit Krankheiten vertreiben würden. Denn dann bräuchte man sie ja nicht mehr!
Ein drittes Paradoxon wird zum Anliegen dieses Buches. Der Körper des Menschen wird heute geschätzt wie kaum zuvor. Körperpflege als Kosmetik, Körperbefindensbesserung durch Nahrungsergänzungsmittel, diätetische Lebensmittel oder auch Medikamente, Gestaltkorrekturen durch kosmetische Chirurgie, viele andere solcher Beeinflussungen unseres Körpers ergeben einen weiteren Markt, der ebenso wie der Gesundheitsmarkt ein wesentlicher Bestandteil einer prosperierenden Volkswirtschaft ist. Aber obwohl so viel Wert auf einen schön aussehenden und gut funktionierenden Körper gelegt wird, der im Ideal gar nicht mehr in unser Bewusstsein tritt, versteht der heutige Mensch so gut wie gar nichts von diesem Körper, seinen Funktionen und dem ihm zugrundeliegenden Bildeprinzip, das wir Organismus nennen. Selbst scheinbar gebildete Menschen oder solche mit ­hoher sozialer Anerkennung müssen rasch eingestehen, dass sie Mühe haben, zu beantworten, wo eigentlich die Nebennieren ­angesiedelt sind, wofür wir eine Schilddrüse brauchen, wie eine Leber organisch aufgebaut ist und vieles andere mehr. Da wo der Mensch sich in demokratischen Gesellschaftssystemen immer stärker selbst bestimmen will, wo die Freiheit der Persönlichkeit scheinbar hoch gehalten wird, ist die Ahnungslosigkeit, wie der eigene Körper und seine einzelnen Organe und Organsysteme wie zum Beispiel Nerven, Knochen, Muskeln oder Blut aufgebaut sind und funktionieren, wie ihr Zusammenspiel gelenkt wird, wie sie mehr oder weniger imstande sind, sich zu erneuern (Rege­neration), was ihnen dient und was ihnen schadet, kaum zu beschreiben. In diesen Fragen wird der aufgeklärte Mensch wieder zum Steinzeitmenschen.
Das möchte Olaf Koob mit diesem Buch verändern. Aus der Sicht und Praxis eines von Beginn an ganzheitlich orientierten Arztes schildert er die Welt der Organe in ihrem Zusammenklang des leiblichen, seelischen und geistig individuellen Menschen. Als Basis dient ihm seine Ausbildung zum Schulmediziner, der gelernt hat, analytisch zu denken und das Ganze in seinen Teilen zu studieren. Seine Methode der Darstellung ist jedoch eine synthetische, welche die Teile als Ausdruck einer Ganz­heit beschreibt. Und das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Vieles ergibt sich nämlich erst zum Beispiel durch ­Zusammenwirken oder auch gegenteiliges Wirken (Agonisieren und Antagonisieren) der Organe, durch Einwirken ganz unterschiedlicher seelischer Kräfte, durch zunehmende Individualisierung, durch den Lebenslauf. Der Autor schaut die verbreitetsten Medizinsysteme zusammen und beschreibt ihre gemeinsame Essenz. Schulmedizin, Naturheilkunde, Homöopathie, Ayurveda, Chinesische Medizin und Anthroposophische Medizin sind ihm so vertraut, dass er das ihnen Gemeinsame und auch das jeweils Besondere herausarbeitet. So fangen die Organe wirklich an, von sich zu erzählen, und es liegt nun an dem Leser, ob er ihre Sprache zuerst hören und dann auch zu verstehen lernt.
Es ist kein Rezeptbuch, es ist auch kein Nachschlagewerk, sondern ein Buch, das immer wieder in die Hand genommen und erneut gelesen sein will. In einer Zeit, in der in der Medizin eine große Veränderung ansteht, weil die Zeit des Verstehens von Krankheiten (Pathogenese) immer mehr abgelöst werden wird vom Verständnis der Gesundheit (Salutogenese), wo der einzelne Mensch immer mehr zur Verantwortlichkeit für die Pflege seiner Gesundheit aufgerufen wird, ist es eine unverzichtbare Voraussetzung, mehr und mehr von seinem Körper als einem lebendigen und empfindenden, das heißt beseelten Organismus Kenntnis zu erlangen und zu lernen, was – durchaus individuell – ihm nutzt beziehungsweise schadet. Deshalb bedarf es solcher aufklärenden Darstellungen eines Arztes. Dem Geheimnis des ­eigenen Körpers auf die Spur zu kommen, ihn als ein Wunderwerk der Schöpfung zu begreifen, sich ihm mit Ehrfurcht und Dank immer neu zuzuwenden, weil er uns selbstlos ein ganzes Leben lang dienen will, diesem noch zu entdeckenden Anliegen eines wirklich aufgeklärten, sich selbst bestimmenden Menschen kann das Buch ein helfender Wegweiser sein.
Prof. Dr. med. Volker Fintelmann
Juni 2005
„Do der gelb fleck ist und mit dem finger drawff dewt do ist mir we.“
(„Da wo der gelbe Fleck ist und worauf ich mit dem Finger deute, da tut es mir weh.“)
Albrecht Dürer, Zeichnung für seinen Arzt, 1528
Das Rätsel Mensch
Nichts wächst an einemOrt, wo es weder ein empfindungsfähiges noch wachstumsfähiges noch denkfähiges Leben gibt. Es wachsen die Federn auf den Vögeln und wechseln jedes Jahr; es wachsen die Haare auf den Tieren und wechseln jedes Jahr […]; es wächst das Gras auf den Wiesen und die Blätter auf den Bäumen, und jedes Jahr werden sie zum großen Teil erneuert. Wir können also sagen, die Seele der Erde ist das Vermögen zu wachsen, und ihr Fleisch ist das Erdreich, ihre Knochen sind die aufeinanderfolgenden Verbindungen des Gesteins, aus denen sich die Gebirge zusammensetzen, ihre Knorpel sind der Tuffstein, ihr Blut die Wasseradern, der Blutsee rings um das Herz ist das Weltmeer, sein Auf und Nieder ist das Zu- und Abnehmen des Blutes in den Schlagadern, und bei der Erde ist es Flut und Ebbe des Meeres; und die Wärme in der Seele der Welt ist das Feuer, das in die Erde eingegossen ist, und die Seele, das Wachstumsvermögen, haust in den Feuern, die an verschiedenen Stellen der Erde hervorkommen als Bäder und Schwefelminen und Vulkane wie auf dem Ätna in Sizilien und an vielen anderen Orten.7
LEONARDO DA VINCI
Seit dem frühen Altertum bis ins 19. Jahrhundert hat der Gedanke die Menschheit begleitet, dass der Mensch eine Zusam­menfassung alles dessen ist, was ihn als Natur und Universum umgibt. Auf kleinstem Raum, in seinem Leib und seiner Seele, sollen all die Kräfte gebündelt sein, die in der großen Natur, im Makrokosmos, vor ihm sichtbar ausgebreitet sind und in den verschiedenen Mineralien, Pflanzen und Tieren, in den Elementen und Gestirnen ihren materiellen Ausdruck gefunden haben? Im Zeitalter der Mikrochips mit den unermesslichen Funktionen auf kleinstem Raum kein ganz so fremder Gedanke. Wie viele große und kleine Produkte hat die technische Entwicklung in den letzten hundert Jahren hinter sich gelassen, ja verwerfen müssen, um zu der heutigen Form der elektronischen »Intelligenz« auf kleins­tem Raum zu kommen? Wie viele Versuche, Skizzen und einseitige »Entwürfe« hat die Schöpfung unternehmen müssen, um ­ihrerseits zu ihrem höchsten Ziel, dem Menschen zu kommen? Daher ist es auch verständlich, dass in der finnischen Sprache Mensch »ihminen« heißt, was wörtlich übersetzt »kleines Wunder« bedeutet.
Es ist eigentlich eine große und zugleich ungewöhnliche Erkenntnis, dass ich draußen in Natur und Kosmos die »Abfall­produkte« für meine eigene Menschwerdung sehe und im Le­berblüm­chen, Milzkraut, Herzgespann, Lungenkraut, im Opal, Malachit, in Ameisen und Bienen einen, wenn auch einseitigen Bezug zu meinen Organen und seelischen Fähigkeiten finde, die ich unter anderem zu Heilmitteln bereiten kann.
Obwohl ich durch eine tiefsitzende Ahnung von der Richtigkeit dieses Gedankens überzeugt bin, so habe ich doch noch nicht einmal den Schlüssel für die erste Tür zu den Geheimnissen jener Welt geöffnet, die mir diese Zusammenhänge für meinen gewöhnlichen Verstand erklärbarer machen. Ich muss also konsequenterweise zunächst einmal in die mir zugängliche Welt schauen, um mein Inneres, mein Organisches zu verstehen. Wenn ich diesen Zusammenhang finde, bekomme ich erst den wahren Zugang zu mir selbst und das nötige Kohärenzgefühl als Bewohner dieser Welt.
Das hat auf politischer Ebene vor noch nicht langer Zeit ein nordamerikanischer Journalist gemacht, der, in den USA zu Hause, sich sagte, dass man nicht im eigenen Land bleiben kann, um etwas von den USA zu verstehen, weil man da nur illusionäre Zerrbilder bekommt. Man muss ins Ausland reisen, um zu erfahren, wie sich das heutige Amerika und die Amerikaner in den Seelen der anderen Völker spiegeln. So machte er sich auf den Weg, Selbsterkenntnis zu erlangen, indem er andere Menschen über sein Land und dessen Politik befragte. Er kehrte mit reichen, teils erschütternden Erkenntnissen heim.8
Bekommen wir nicht auch Zerrbilder, wenn wir nur immer auf uns und nach innen schauen, um unser Seelenleben und unsere Organe zu begreifen? Schauen wir nicht vielleicht viel tiefer in unser Inneres, wenn wir die äußere Natur in ihren Einzelheiten studieren lernen? Es mag natürlich auf den ersten Blick ein wenig absurd erscheinen, nachaußen, ins sogenannte »Objektive« schauen zu müssen, um etwas Objektives über mein subjektiv Persönliches zu erfahren. Müsste ich nicht konsequenterweise umgekehrt erst in mein subjektiv Inneres schauen, um Aufschluss über die sogenannte objektive Welt draußen zu erhalten?
In etwas karikierter Art hat man früher gemeint, mit Hilfe bestimmter Drogen eine Fahrt durch das innere Universum machen zu müssen, um etwas über die äußere Galaxie zu erfahren. Wir können in diesem Zusammenhang aber auch Schiller anführen, von dem der sinnige Spruch stammt: »Suchst du das Höchste, das Größte, die Pflanze kann es dich lehren, was sie willenlos ist, sei du es wollend, das ist’s.« Das Studium der wachsenden Pflanze mit ihrer gesetzmäßigen Entfaltung, ihren Blattmetamorphosen und ihrer Beziehung zu Wärme, Licht und Bodenbeschaffenheit und ihre Polarität von Wurzel und Blüte kann in der Tat etwas Wesentliches über meine eigene Seele und meine leibliche Entwicklung aussagen. Würde ich andererseits die Welt meiner in­neren Organe wirklich durchschauen, erhielte ich als ein mikrokosmisches Wesen Kenntnis über die große Welt und ihren verborgenen Bauplan. Ich würde, wie das im alten Ägypten noch gang und gäbe war, die einzelnen Organe mit geistigen Wesen, also Göttern in Verbindung bringen und wissen, was Leber und Lunge mit dem Prometheusmythos, das Herz mit der Sonne, der Darm mit Schlangen und Kröten zu tun haben und hätte, wenn ich zum Beispiel den Ameisenhaufen nur richtig verstehen würde, ein getreues Abbild meines Immunsystems. Reagiert der Ameisenhaufen doch, wenn ein Fremdkörper in ihn eindringt, mit seinen einzelnen Tiergruppen – den Wächtern, Botschaftern, Killern und Wegräumern – und seinen anderen vielfältigen Funktionen genau so »intelligent« wie das Immunsystem im Blut. Deshalb sprechen wir ja auch vom »Immungedächtnis«. Damit wäre auch die Frage nach dem Wie und Warum der Heilmittel aus den Naturreichen angesprochen: Es muss zwischen den einzelnen Wesen in der Natur und dem Menschen ein differenziertes analoges Verhältnis geben, das, erkannt und als Medizin zubereitet, organische Defizite bei einer Krankheit zur Heilung anzuregen vermag, die »Löcher« stopft, wie dies in der Naturheilkunde, der Homöopathie, der Bachblütentherapie, der chinesischen und in der anthroposophischen Medizin gehandhabt wird.
Manch alte, uns überlieferte Märchen beschreiben auf humorvolle und doch tiefsinnige Weise, wie der Mensch auf Grund seiner geistigen Höherentwicklung organisch ein »Mängelwesen« werden musste.
So wird in einem bulgarischen Märchen die Erschaffung des Menschen geschildert. Liebevoll formte Gott viele Gebilde aus Lehm, die aber alle nicht der ursprünglich göttlichen Intention entsprachen, so dass er sie immer wieder verwerfen musste. Als der Tag schon zur Neigung ging, gelang ihm schließlich nach vielen Versuchen das »mittlere Geschlecht«, mit dem er zufrieden war, so dass er seine Gebilde zum Trocknen in die Sonne stellte. Er war aber in seine Arbeit so vertieft, dass er nicht den Teufel bemerkte, der heimlich vorbeigekommen war und mit Neid und Eifersucht das Werk bestaunte. Er wollte Gottes Werk verderben und bohrte heimlich mit seinem Stock viele Löcher in die Menschenkörper, die nun zum großen Erstaunen ihres Schöpfers verunstaltet waren. Um wenigstens die äußere Gestalt seiner Schöpfung zu retten, begann Gott mühevoll mit Gräsern und Kräutern alle vorhandenen Löcher wieder zu stopfen, glättete diese anschließend mit Lehm und machte so seine Menschen wieder heil. »Mit den Gräsern aber, mit denen Gott einst die Löcher im Körper ausgefüllt hatte, kann der Mensch so manche Krankheiten heilen, indem er eben diese Kräuter nimmt, mit denen sein Körper geflickt worden war. Seitdem gibt es die Heilkräuter und Heilgräser.«9
So hat der Teufel, der »Leibhaftige«, dem wir nach Aussage der Mosaischen Schöpfungsgeschichte im Grunde die Erkenntnis und damit die Freiheit von der göttlichen Schöpferwelt verdanken, dem Menschen auch die Möglichkeit einverleibt, zu erkranken.
In der griechischen Mythologie finden wir ein ähnliches Motiv: Prometheus bringt den bis dahin dumpf dahindämmernden und abhängigen Menschen das Feuer vom Himmel, Bild der Erleuchtung und der Möglichkeit, Irdisches zu verwandeln und somit von der göttlichen Führung unabhängig zu werden. Aber die Rache der Unsterblichen bleibt nicht aus. Sie schicken Pandora, die »Vielbeschenkte«, mit einer Büchse voller Übel und Krankheiten in die Welt, die nicht von dem Vorausdenker Prometheus, sondern von dessen Bruder, dem »Hinterher«-Denker Epimetheus geöffnet wird. Geistige Entwicklungsmöglichkeit und organische Schwächungen haben eine innere Verbindung – eines ist ohne das andere nicht denkbar, denn der Geist ist die Flamme, die das Wachstum aufzehrt. Ohne die Möglichkeit zur Krankheit gibt es keine Freiheit, und umgekehrt bringt Freiheit die Möglichkeit, zu irren und Krankheiten zu schaffen, wie wir das heute im großen Stil erleben können. Zivilisation und Zahnverfall bedingen einander wechselseitig, aber auch ein Zuviel an Vitalität wäre für die Menschheit problematisch, weil es die Bewusstwerdung verhindert. Wir finden in dieser Hinsicht oft das bemerkenswerte Phänomen, dass ein organisch kranker Mensch in seiner Seele viel gesünder ist als ein ewig vitaler – oder umgekehrt.
Wie aber ist das Verhältnis von Seele zu Leib und von Leib zur Seele, wenn uns sprichwörtlich »eine Laus über die Leber läuft«, uns etwas »an die Nieren geht« oder uns »das Herz bricht«? Was verstehen wir unter einer »Geisteskrankheit«? Kann der Geist überhaupt erkranken oder kann die Seele nur nicht mehr harmonisch klingen wie eine Orgel, der durch den »Wind« eine Orgelpfeife zerbricht? Diesen Rätselfragen müssen wir, soweit es in diesem Rahmen möglich ist, nachgehen, weil sie weite Teile unseres Daseins bestimmen.
Wir werden uns also bemühen, die einzelnen Organe in ihrer Besonderheit verständlich zu machen und sie in den Zusammenhang des Gesamt-Organisch-Seelischen zu stellen. Auf der rein anatomisch quantitativen Ebene liegen sie wie Kieselsteine beziehungslos nebeneinander. Aber auf der funktionellen Ebene hängen sie so zusammen, dass die chinesische Medizin sogar von »Organfamilien« spricht, in denen bestimmte »Geschwister« eine engere Beziehung zueinander haben als zu den Übrigen und in denen es natürlich auch eine »Leitung« von Vater und Mutter geben muss – in diesem Falle Hirn und Herz. Sogar in der westlichen Medizin ist manchmal vom »Konzert« der innersekretorischen Hormondrüsen die Rede oder von »Regelkreisen« und dass der Bauch eine »Schicksalsgemeinschaft« darstellt.