Theologie der Milieus - Fritz Lienhard - ebook

Theologie der Milieus ebook

Fritz Lienhard

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Opis

Für Kirchen und Theologie haben die Untersuchungen zu den "Milieus" eine besondere Relevanz, da diese dazu beitragen, Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen besser zu verstehen und ihnen zu begegnen. Aktuell ist zudem eine Theologie der Milieus als Deutung der christlichen Botschaft anhand der Fragestellung der Milieus auszuarbeiten. Entsprechend referiert das vorliegende Buch zunächst die Milieustudien unter Berücksichtigung der Triebfedern der Entstehung der Milieus. Anschließend werden Texte des Apostels Paulus herangezogen, dabei werden "Juden" und "Griechen" je als Milieus verstanden. Sodann wird darauf eingegangen, dass alle Milieus sich für Kasualien an die Kirchen wenden. Den Abschluss bilden praktische Schlüsse in Bezug auf kirchliche Kommunikation und entsprechende Strukturen. [Theology of the Milieus] For churches and theology, the studies on the "milieus" have a special relevance, since these contribute to better understanding and meeting people in different situations in life. In addition, a theology of milieus as an interpretation of the Christian message on the basis of the question of milieus is currently to be worked out. Accordingly, the present book first reports on milieu studies, taking into account the driving forces behind the emergence of milieus. Subsequently, texts of the apostle Paul are used, whereby "Jews" and "Greeks" are each understood as milieus. Then it is mentioned that all milieus turn to the churches for casual occasions. It concludes with practical conclusions regarding ecclesial communication and corresponding structures.

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Fritz Lienhard

THEOLOGIEDER MILIEUS

Fritz Lienhard, Dr. theol., Jahrgang 1964, studierte in Strasbourg und Tübingen. Er ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Hauptwerke: Grundlegung der Praktischen Theologie, Leipzig 2012, (mit A. Bölle) Zur Sprache befreit – Elemente einer diakonischen Christologie, Neukirchen 2013.

Bibliographische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Zacharias Bähring, Leipzig

Satz: Janica Steinrücken, Heidelberg

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-05972-0

www.eva-leipzig.de

INHALT

COVER

TITEL

IMPRESSUM

EINLEITUNG

I. EINE KULTURELLE DIFFERENZIERUNG DER GESELLSCHAFT

A. Ansätze

I. Milieus und Lebensstile

II. Methodologische Grenzen

B. Die Verschiedenen Milieus

I. Die ›gehobenen‹ Milieus

II. Die traditionellen Milieus

III. Die Prekären

IV. Die Milieus in der Mitte

V. Die postmodernen Milieus

C. Schlussbetrachtung

II. WEICHENSTELLUNGEN FÜR EINE THEOLOGIE DER MILIEUS

A. Eine Kirchliche Fragestellung

B. Der Konsum. Eine Rechtfertigung Aus Den Werken

C. Die Gnade Und Das Kreuz

I. Distinktionen

II. Das Kreuz und Die Kritik

III. Eine Alternative Identität

IV. Eine Inklusive Identität

D. Das Gemeinschaftliche Leben

I. Der Leib Christi

II. Die Gemeinschaft

III. Freie und Sklaven

E. Schluss

III. ELEMENTE EINER GEMEINSAMEN MENSCHHEIT

A. Faktische Begegnungen: Die Kasualien

I. Spannungen

II. Primäre und sekundäre Religion

III. Eine interaktive Dynamik

B. Eine Anfrage An Rituale

I. Die Kontingenz

II. Die Unterbrechung

III. Die Übergangsrituale

C. Vom Ritual Zur Religion

I. Wort und Institution

II. Ein theologischer Diskurs

III. Eine Ethik?

IV. Eine Gemeinschaft

D. Schluss

IV. PRAKTISCHE VORSCHLÄGE

A. Die Frage Der Sprache

I. ›Mit‹ statt ›für‹

II. Eine Geschirrspültheologie

III. Predigt und Gottesdienst

B. Die Kirchlichen Handlungen Vervielfältigen?

I. ›Zusätzliche‹ Handlungen

II. Neue Formen der Kirchen?

III. Eine Verwaltung der Macht in der Kirche

SCHLUSSBETRACHTUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

PERSONENREGISTER

BIBELSTELLENREGISTER

EINLEITUNG

War die Moderne durch eine gewisse Standardisierung gekennzeichnet, so scheint die Spätmoderne dagegen eher zu einer kulturellen Differenzierung zu führen. Mittlerweile ist es ›schick‹, anders zu sein. Dabei differenziert sich die zeitgenössische Gesellschaft in verschiedene ›Milieus‹ aus. Die Untersuchungen zu diesem Thema blühen in Deutschland und finden einen starken Widerhall bei den Kirchen und praktischen Theologen.1 In der Tat stellt diese Differenzierung eine beträchtliche Herausforderung sowohl für die kirchliche Praxis als auch für das theologische Denken dar.

Zunächst werden wir diese Studien vorstellen, indem wir ihre Ergebnisse zusammenfassen (Kapitel 1). Wir werden dabei feststellen, dass die Frage der Milieus keine neue Herausforderung in der Kirchengeschichte ist. Eigentlich können zentrale Elemente des Denkens des Apostels Paulus mit der Frage des Zusammenlebens der Milieus in der Kirche in Beziehung gesetzt werden. Wir werden seine theologischen Reflexionen zu diesem Thema deuten, indem wir schauen, welche Vorschläge heute relevant sind (Kapitel 2). Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass die Kirchen den Milieus, die sich von ihnen entfernt haben, entgegenkommen müssen. Dabei kann eine Untersuchung auf der Grundlage von Kasualgesprächen zeigen, was sich vollzieht, wenn diese Begegnung tatsächlich stattfindet.2 Ich werde die Ergebnisse einer Studie in einer Art sekundären Auswertung übernehmen, die im Rahmen der theologischen Reflexion über die Milieus bedeutend sind. Im Anschluss daran untersuchen wir unter einer eher anthropologischen Perspektive, welche religiösen Erwartungen quer durch die verschiedenen Milieus gehen können (Kapitel 3). Schließlich werden wir unter einem praktischen Gesichtspunkt die Fragen der Sprache in Beziehung zu den Milieus sowie der Vervielfältigung der kirchlichen Handlungen erörtern (Kapitel 4).3

I. EINE KULTURELLE DIFFERENZIERUNG DER GESELLSCHAFT

Wie stellt sich das Phänomen der unterschiedlichen Milieus dar?4

A. ANSÄTZE

Zu einem besseren Verständnis der Problematik möchten wir zu Beginn die verschiedenen aktuellen Untersuchungen zu diesem Bereich darstellen. Wir setzen sie in Bezug zu den älteren Ansätzen von Pierre Bourdieu, Soziologe und Philosoph, auf den spätere Werke verweisen, und dessen Aussagen eine grundsätzliche Reflexion entfalten, um so die theologische Betrachtung zu erleichtern, die wir dann im folgenden Kapitel versuchen möchten.5

I. Milieus und Lebensstile

Was versteht man unter Milieus? Milieus sind Gruppen innerhalb der Bevölkerung, die sich durch gemeinsame Lebensbedingungen, Erfahrungen, Anschauungsweisen und ihre jeweilige Lebensart charakterisieren lassen. Diese Gruppen ähneln sich in ihrem Lebensstil, der durch ihre Bildung, ihr Einkommen, aber auch durch ihre eher moderne oder eher traditionelle Orientierung geprägt wird. Diese Lebensstile kommen in unterschiedlichen Bereichen ihres Lebens zum Ausdruck: im Bereich des Sports und der Musik, im Bereich der Ernährung und Raumgestaltung, der Politik und der Sprache etc.6 Daher kann man auch von ›Kulturen‹, genauer noch von ›Subkulturen‹, innerhalb der europäischen Kulturräume sprechen.

Allerdings definieren sich diese Milieus nicht nur über das, was sie miteinander verbindet, sondern auch über das, was sie voneinander trennt. »[S]oziale Identität gewinnt Kontur und bestätigt sich in der Differenz«.7 Forscher sprechen sogar von ›Ekelgrenzen‹, die dazu führen, dass genau das, was von einem Milieu geschätzt wird, zum Objekt der Ablehnung der anderen wird. Gleichzeitig streiten die unterschiedlichen Milieus um die soziale Anerkennung, indem sie die Legitimität ihrer Entscheidungen behaupten.8 Aus historischer Perspektive sind die Milieus die Erben der sozialen Klassen, deren ›Kampf‹ die Marxisten beschrieben haben. Die sozialen Kriterien reichen allerdings nicht aus, um die Milieus zu beschreiben, und das marxistische Modell greift zu kurz. Die wirtschaftliche und berufliche Situation ist eine Sache, die Art und Weise, mit ihr umzugehen, eine andere; diese hängt von der jeweiligen Mentalität ab. Daher muss man neben den klassischen sozialen Unterscheidungen Unterschiede in den Werteorientierungen hervorheben. Vor allem zwei Typen von Kriterien tragen zur Unterscheidung der grundsätzlichen Orientierungen der einen von den anderen bei. Zum einen müssen die Geschmäcker und Vorlieben aus dem Bereich der alltäglichen Ästhetik betrachtet werden. Zum anderen fungiert die Ethik, das heißt die Art und Weise, sich im normalen Leben zu verhalten, als Unterscheidungskriterium. Daher spielt sich der Kampf zwischen den einzelnen Milieus nicht nur im ökonomischen Bereich, sondern auch auf kultureller Ebene ab.9

Im Denken Bourdieus spielt der Begriff der ›Distinktion‹ eine wichtige Rolle. In der Analyse der Gesamtgesellschaft steht sie für die gegenseitige Abgrenzung der Milieus. Aber sie hat noch eine spezifischere Bedeutung: Die eher ›vornehmeren‹ Milieus setzen sich von den anderen ab. Die Grenze verläuft zwischen den gehobenen und den mittleren Milieus, gleichermaßen verläuft eine Abgrenzung nach Ehrbarkeit zwischen den mittleren und unteren. Die Distinktion besteht darin, sich vom Gewöhnlichen abzuwenden und sich von den elementaren Dingen des Lebens zu distanzieren. So stehen sich auf dem Gebiet des Kochens, der Bekleidung oder der Inneneinrichtung das Raffinierte und das Einfache gegenüber, die Kunst oder Freiheit der Notwendigkeit, die Qualität der Quantität, das Spirituelle dem Materiellen, das Feine dem Groben, das Leichte dem Schweren, das Seltene dem Gewöhnlichen. Diese Gegensatzpaare machen eine Klassifizierung und Qualifizierung von Personen und Objekten in den unterschiedlichsten Bereichen der sozialen Praxis möglich. Innerhalb des Milieus unterscheidet man sich auch von als angeberisch geltenden Verhaltensweisen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass die Ambition und die wirklichen Möglichkeiten weit auseinander fallen. Das Motto ist ›Nicht zu viel‹, denn der Wunsch, sich deutlich sichtbar abzugrenzen, ist die höchste Form der Gewöhnlichkeit.10 So lässt sich auch beobachten, dass etwas, das als altmodisch oder überholt galt, plötzlich zum ›letzten Schrei‹ wird – Gärtnern z.B.11 oder das Fahren des Autos Citroen 2CV — in einem Milieu, das zum Überleben nicht auf landwirtschaftliche Arbeit angewiesen ist und sich ein neueres Auto leisten könnte.

Diese Vorstellung einer Gegnerschaft zwischen den Gruppen führt zu dem besonderen Ansatz Bourdieus, der darin besteht, »an Systemen der Beziehung oder der Opposition zu arbeiten«.12 Die Gruppen definieren sich über den Unterschied; der Status der kulturellen Praxis resultiert nicht aus ihren inhärenten Eigenschaften, sondern aus ihrer Nutzung durch soziale Gruppen zum Zweck der Unterscheidung, und somit in ihrer Beziehung zu anderen. Dazu folgendes Phänomen: Es dreht sich nicht nur um den Besitz von Gütern, die die Einzelnen im Sozialraum unterscheiden, sondern auch um die Klassifizierung dieser Güter, das heißt um ihre soziale Bedeutung. So besteht der Kampf zwischen den Gruppen nicht nur im Erwerb dieses oder jenes Gegenstandes, sondern auch in der Bestätigung, dass sein Besitz bezeichnend für den sozialen Status ist, dass dieses Smartphone z.B. cooler ist als ein anderes, da es von einer erstklassigen Firma stammt. In diesem Rahmen besteht die Dominanz darin, sein eigenes Klassifizierungssystem durchzusetzen, sodass man in der Lage ist zu sagen, welche Praktiken legitim sind und welche nicht. Der Kampf besteht nicht allein darin zu versuchen, sich bestmöglich innerhalb des sozialen Systems einzuordnen,sondern auch darin, die Kriterien der Klassifizierung und so des Systems an sich festzulegen.13

Die ›unteren‹ Kategorien dienen als Beispiel, von was man sich abgrenzen möchte, da sie veranschaulichen, was gewöhnlich und alltäglich ist. Man muss aber dazusagen, dass die weniger gutgestellten Milieus sich nicht nur an den gehobenen orientieren, sondern in gewisser Hinsicht eine Gegenunterscheidung vornehmen, indem sie andere Dimensionen aufwerten und ihre eigenen ästhetischen und ethischen Kriterien entwickeln, indem sie Sachverhalte bewerten, die sich von anderen Gruppen unterscheiden, wie z.B. ›Einfachheit‹. Die Geschmäcker entsprechen einer Form der Notwendigkeit, wobei sie diese auf diese Weise verinnerlichen und so zum Gefühl einer gewissen Freiheit gelangen. Die Vertreter der eher benachteiligten Milieus »sind auf das bedacht, wozu sie sowieso verurteilt sind«. Eine bestimmte Vorliebe führt dazu, zu glauben, dass man sein eigenes Schicksal wählt. Zum Beispiel der Bonvivant, der gerne isst und trinkt und seine Mitmenschen in eine großzügige und warmherzige Stimmung versetzt, ohne Vorbehalt und ohne Zögern.14

Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu kennzeichnet, in der Form des ›Habitus‹ nach Bourdieu, das ›Fleisch‹ der sozialen Vertreter. Im Allgemeinen beschreibt der Begriff Eigenschaften und Gewohnheiten (vgl. ›habitudes‹ auf Französisch). Bei Bourdieu hat er zwei noch spezifischere Bedeutungen: Einerseits bezeichnet er das Klassifizierungssystem für die Praktiken und Zeichen zur Unterscheidung, andererseits bezeichnet er den charakteristischen Zug eines jeden Milieus, der es erlaubt, alle anderen besser zu verstehen. Wir haben bereits von der Ästhetik gesprochen, die auf den Geschmack verweist. Aus Bourdieus Perspektive muss man nun hinzufügen, dass der Geschmack Ausdruck des Körpers ist. So bleibt die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu nicht an der Oberfläche, sondern wirkt unter die ›Haut‹ direkt auf den Körper ein. Diese ›Inkorporation‹ oder ›Fleischwerdung‹ passiert derart, dass die ästhetischen Entscheidungen unbewusst werden; Vorliebe und Abneigung steuern die Entscheidungen für einen verinnerlichten ›Lebensstil‹. In dieser Hinsicht können die Unterschiede sehr subtil sein, in der Ausdrucksweise, der Kleidung, der körperlichen Haltung etc. Dieser instinktive ›soziale Orientierungssinn‹ gilt auch für die zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbst in Liebesbeziehungen spielt die Affinität der Geschmäcker eine noch wichtigere Rolle als der soziale Druck, um ›passende‹ Paare zusammenzubringen.15

In dieser Logik muss der Sozialraum in (mindestens) zwei Dimensionen untersucht werden. Daher bedient sich auch die Sinus-Studie, die wir besonders heranziehen werden, einer X- und einer Y-Achse und unterscheidet so zwischen dem sozioökonomischen Niveau und der Werteorientierung im Alltag. Die klassischen traditionellen Werte entsprechen der Erfüllung von Pflicht und Ordnung. Modernität bedeutet Individualisierung, Selbstverwirklichung, Genuss. Die Innovativen befürworten die Multifunktionalität, die Freude am Ausprobieren, das Leben in seinen Gegensätzen.16 Die Graphik aus dem Jahr 2018 sieht folgendermaßen aus:

Abbildung 1.  Die Sinus-Milieus in Deutschland 2018. Soziale Lage und Grundorientierung. Quelle: SINUS-Institut.

Je weiter oben ein Milieu in dieser Graphik platziert ist, desto höher sind Bildungsniveau, Einkommen und Berufsgruppe seiner Vertreter. Je weiter rechts es sich befindet, desto moderner sind seine Vertreter in ihrer grundsätzlichen Orientierung. Zuerst werden von den Verfassern die eher gehobenen Milieus beschrieben: Konservativ-Etablierte, Liberal-Intellektuelle, Performer und Expeditive. Im Herzen der Gesellschaft macht man das Milieu der bürgerlichen Mitte aus, Sozialökologische und Adaptiv-Pragmatische. Im unteren Teil befinden sich die Traditionellen, die Prekären und die Hedonisten. Die Graphik macht deutlich, dass die einzelnen Milieus nicht strikt voneinander abgegrenzt sind, da es Überschneidungen und Übergänge zwischen benachbarten Milieus gibt.

Einige religiöse Organisationen sind einen Schritt weitergegangen und haben sich der Analysen des Instituts microm bedient, das die Milieustudien mit der Mikrogeographie verbindet. Anders gesagt, werden hier die Milieus in Stadtteilen und sogar Straßen verortet. Dazu erhebt das Institut Daten wie Vornamen, Automarken oder Wohnformen, die für die unterschiedlichen Milieus bezeichnend sind. Mit Hilfe dieser Daten kann abgeleitet werden, in welchem Sozialraum welches Milieu vertreten ist und welches darin selten vorkommt.17

II. Methodologische Grenzen

Allerdings müssen dabei die Grenzen dieser Untersuchungen beachtet werden. Das Konzept der homogenen Milieus, selbst mit durchlässigen Grenzen, kann methodologisch Zweifel wecken. Die Menschen, die in die verschiedenen Milieus eingeordnet wurden, würden sich selbst nicht unbedingt mit den von den Soziologen verwendeten Begriffen beschreiben. Als solche bedeuten die Namen, die in den Untersuchungen verwendet werden, um ein bestimmtes Milieu zu beschreiben, nicht viel.18 Deswegen ist es wichtig, die Menschen nicht in bestimmte Schubladen zu stecken und sie nicht abzustempeln. Dazu kommt, dass die Untersuchungen verschiedene Voraussetzungen haben, je nachdem, wie sie die Menschen, die untersucht werden, verstehen: Geht es um den Menschen als Zielgruppe in einer Marktlogik, geht es darum, das einzelne Individuum zu verstehen, um mit ihm zu kommunizieren, oder soll der Mensch unter der aus der christlichen Tradition stammenden Perspektive der Nächstenliebe betrachtet werden?

Die Milieutheorien – angefangen bei den Ansätzen Bourdieus — können auch angezweifelt werden, wenn man die Inkohärenz der Vorlieben der unterschiedlichen Individuen feststellt.19 Die empirischen Beobachtungen zeigen gut, dass die Untersuchungen Ambivalenzen innerhalb eines Bereiches (z.B. der Musik) oder von einem Bereich zum anderen (z.B. beim Lesen und Fernsehen) offenlegen. Unterschiede im kulturellen Verhalten können durch die Sozialisation erklärt werden, durch Veränderungen, Einflüsse durch den Partner usw. Nach wie vor ist das Verhalten der Untersuchten auf kultureller Ebene viel weniger homogen, als Bourdieu es annahm. Man muss vielmehr individuelle kulturelle Nuancen erfassen, um der Komplexität und der Vielfalt der Kontexte gerecht zu werden. So wird Bourdieus Behauptung, »daß sich die Erzeugungsschemata des Habitus durch bloße Übertragung auf die unterschiedlichsten Bereiche der Praxis erstrecken«20, sehr fraglich.21

Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen, indem man feststellt, dass sich die Individuen je nach Kontext unterschiedlich verhalten und sich an sehr unterschiedliche Situationen anpassen. Somit ist ein Individuum Teil der Gesamtgesellschaft und nimmt an dem Diskurs teil, der hier angemessen ist, während sich seine Aussagen in einer kleinen Gruppe ändern. Dies beobachten wir auch im Zusammenhang mit der Sicht auf die Kirchen. Bei einer Umfrage auf dem Parkplatz eines Supermarktes übernimmt man leicht die Aussagen aus den Medien, während man sich z.B. innerhalb der Familie oder beim Gespräch mit dem Pfarrer anlässlich einer Kasualie ganz anders äußert. So können also kulturelle Verhaltensweisen ebenso wie die Ideologien als »soziale Konstruktionen der Realität«22, die damit zusammenhängen, variieren und sich widersprechen.

Daher ist es sehr wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Untersuchungen zu den Milieus einer Typologie gleichkommen und dass keine ›physische Person‹ vollständig einem solchen Typus entspricht. So existieren die Milieus nicht einfach in der sozialen Wirklichkeit, sondern sie sind das Resultat einer theoretischen Konstruktion.23 In der Realität gibt es deutlich mehr Milieus und Submilieus, als die Untersuchungen erfassen können. Aber solch ein reduzierendes Vorgehen hat seinen Sinn. Seit Max Weber erlaubt es die Typologie, die Unterschiede zwischen den Menschen zu erfassen, ebenso wie die innere Logik einer komplexen sozialen Realität, hier die eines bestimmten Milieus. Ein ›Typ‹ ist immer etwas karikaturenhaft, aber er hat dort seine Berechtigung, wo er es ermöglicht, den anderen besser zu verstehen und angemessen zu handeln.24

Auch bei der kirchlichen Arbeit muss die Wichtigkeit dieser Milieustudien relativiert werden. Eine Untersuchung in der Region Hannover hat gezeigt, dass für die Teilnahme an einer kirchlichen Aktivität die Zugehörigkeit zu einem Milieu weniger ausschlaggebend ist, als die Verbundenheit mit dem christlichen Glauben und mit der Kirche im Allgemeinen. Niemand wird als Atheist oder mit antiklerikaler Gesinnung an einer kirchlichen Aktivität teilnehmen, selbst wenn diese perfekt auf sein Milieu zugeschnitten ist. Auch wenn die Zugehörigkeit zu einem Milieu einen Einfluss auf die Religion und die Zugehörigkeit zu einer Kirche ausübt, spielt die religiöse oder nichtreligiöse Haltung eine wichtigere Rolle bei den konkreten Entscheidungen.25

Diese Beobachtungen zu den methodologischen Grenzen der Untersuchungen im Bereich der Milieus führen nicht dazu, sie nicht mehr zu gebrauchen. Wir werden es noch sehen: Diese Untersuchungen ermöglichen es, die Variationen im religiösen Verhalten unserer Mitmenschen besser wahrzunehmen und sich selbst mit seinen eigenen Grenzen besser einzuschätzen. Aber das Hauptaugenmerk dieses Buches liegt vor allem auf dem Faktum der Diversifizierung, auf dem Funktionieren der Unterscheidung durch Identifizierung und Distinktion, auf der Herausforderung, die diese Entwicklung für die Kirchen darstellt — mehr als auf der exakten Beschreibung eines bestimmten Milieus.

B. DIE VERSCHIEDENEN MILIEUS

Wie sieht das Verhältnis der unterschiedlichen Milieus in Bezug auf die Kirchen aus? Im Rahmen unserer Ausführungen wollen wir uns auf die Sinus-Milieu-Studien der Jahre 2005 und 2012 stützen, die sich mit der Frage nach der religiösen und kirchlichen Orientierung unter Katholiken befasst haben, und auf die weitere Studie von 2012, die sich in detaillierterer Weise mit den evangelischen Kirchen in Baden-Württemberg beschäftigte. Themen wie der Sinn des Lebens, die Sicht auf die Welt, die Religion und die Kirchen, Gebrauch und Bedeutung der Bibel, das Bild von der Kirche, Sorgen und Forderungen an die Kirche wurden behandelt. Diese Motive lassen sich auch in der Unterscheidung der Lebensstile wiederfinden, so wie sie in der IV. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) vorgeschlagen wurde.26 Wenn wir die unterschiedlichen Ansätze kombinieren, resultiert daraus eine gewisse Ungenauigkeit in der Beschreibung. Wir werden dies in Kauf nehmen, umso mehr, da die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Milieus fließend sind und unser Ziel eher eine Beschreibung der Tendenzen als eine genaue Analyse der Milieus ist. Außerdem verändern sich die Ergebnisse der verschiedenen Untersuchungen ständig, sodass eine zu genaue Beschreibung noch schneller überholt wäre.27

I. Die ›gehobenen‹ Milieus

Wir beginnen unsere Beschreibung mit den, aus wirtschaftlicher und sozialer Perspektive betrachtet, gehobenen Milieus. Diese befinden sich nach ihrer Wertorientierung in der Mitte und im rechten Teil der Graphik, das heißt sie sind eher fortschrittlich.

So ist das Milieu der Konservativ-Etablierten durch eine Erfolgsethik gekennzeichnet, durch die Idee, dass alles machbar sei und durch eine starke Erwartung von Flexibilität. Für dieses Milieu sind die Kirchen notwendig, um Grundwerte und Tugenden zu vermitteln und um den Schwachen zu helfen. Zudem bewahrt die Kirche im Bereich der Kunst und Architektur wertvolle Kultur. Darüber hinaus verfügen die Kirchen über eine Position in der Gesellschaft, die Veränderungen bewirken kann. Auf lokaler Ebene erwarten die Konservativ-Etablierten von der Gemeinde, ein Ort der kulturellen Erziehung und der Kommunikation zu sein. In ethischer Hinsicht spricht man der Kirche als Institution weder im privaten noch im beruflichen Bereich eine moralische Autorität zu. Was den Glauben an sich angeht, distanziert man sich vom ›naiven Kinderglauben‹, aber man schätzt die Werte und die sog. sekundären Tugenden, die als Nebenwirkungen mit einer christlichen Erziehung verbunden sind. Man distanziert sich ebenso von einer traditionellen und volkstümlichen Frömmigkeit wie von Fundamentalismus oder Esoterik. Vor allem bei Männern ist eine gewisse Wissenschaftsgläubigkeit zu beobachten. Bei Frauen kann man dagegen Sensibilität für eine Göttlichkeit ausmachen, die z.B. über Kunst wahrgenommen werden kann. So sind Frauen eher der Ansicht als Männer, dass Religion in Krisensituationen wichtig sei. In diesen Fällen wird der Zugang zu einer Religion und zu Gott als ein Privileg betrachtet und spielt eine Rolle im Rahmen der Differenzierung gegenüber anderen Gruppen, die diesen Zugang nicht haben. In der Praxis schätzt man die Inszenierung kultureller Ereignisse und eindrucksvolle Rituale. In diesem Milieu wird aufs Genaueste zwischen diszipliniert, perfekt, rentabel, ansprechend auf der einen Seite, und gewöhnlich, oberflächlich, banal, verkrampft auf der anderen Seite unterschieden. So muss die kirchliche Botschaft das ›Niveau‹ anheben — ein wichtiger Begriff in diesem Milieu –, sie muss aber zugleich auch konkret sein, praktisch, mit einem Gegenwartsbezug. Oft stellt sich auch eine gewisse Distanz gegenüber der lokalen Gemeinde ein, die als wenig professionell und ziemlich lethargisch eingeschätzt wird. Daher nehmen die Konservativ-Etablierten auch gerne Aktivitäten außerhalb der Gemeinde wahr.28

Wenden wir uns nun dem Milieu zu, das in der Sinus-Studie von 2012 zu den Evangelischen als intellektuell-liberal bezeichnet wurde und den Postmaterialisten aus der Studie von 2005 zu den Katholiken ähnelt. Es gibt zwar Ähnlichkeiten mit dem eben behandelten Milieu, aber dieses Milieu ist ›fortschrittlicher‹. Die Vertreter denken viel über die Gesellschaft und sich selbst nach und es gibt ebenso viele Atheisten wie überzeugte Christen. Auf rationaler wie auf emotionaler Ebene nehmen Fragen, wie die nach dem Sinn des Lebens, einen bedeutenden Raum ein. Die Kirche ist ein Projekt von Menschen auf der Suche, eine Art ›Spielraum‹, in dem neue Formen des Gemeinschaftslebens ausprobiert werden können. Ritualismus in der Kirche wird nicht sehr geschätzt, selbst wenn die Rituale grundsätzlich von Interesse sind und entmythologisiert und aus historischer Perspektive betrachtet werden. Sie werden nur selektiv wieder aufgenommen, und dann nur unter der Bedingung, dass man ihre Bedeutung kennt und sie in seiner eigenen Weise auf sich wirken lassen kann. Die gleiche Einstellung findet man gegenüber der christlichen Weltanschauung und Praxis. Vertreter dieses kultivierten und modernen Lebensstils sind ›kritisch‹ und schätzen vor allem Kirchen, die der heutigen Gesellschaft offen gegenüberstehen, die die alten Wahrheiten auf neue Weise überdenken, die Verantwortung übernehmen, sich engagieren und einen Raum zum Experimentieren bieten. Die Intellektuell-Liberalen schätzen die traditionelle, hierarchisch aufgebaute Beamtenkirche nicht, genauso wenig wie Volksmusik und ›normale‹ Gottesdienste, die sie langweilig und zu ernst finden. Gleichzeitig ist der Gottesdienst das Symbol für die ewige Kirche jenseits der Zeit, die durch diesen Kontrast zum Alltag attraktiv ist. Deswegen ist dieses Milieu alternativen Gottesdienstformen gegenüber aufgeschlossen wie auch gemeinsam vorbereiteten oder gesprochenen Predigten. Die Gemeinde stellt also nicht nur ein Auditorium dar, sondern ein Forum.29

Das Milieu der Performer, das ebenfalls dem kultivierten und modernen Lebensstil nahe steht, das durch die KMU beschrieben wurde, ist durch seine Multifunktionalität, Orientierung an Effizienz, global-ökonomisches Denken und seinen Anspruch auf ›Stil‹ gekennzeichnet. Mittlerweile spricht die Sinus-Studie auch von den Expeditiven, die die kreative und unkonventionelle Avantgarde verkörpern, individuell, mobil — und zwar geistig wie geographisch —, digital gut vernetzt und immer auf der Suche nach neuen Grenzüberschreitungen und Veränderungen. So ist das Milieu der Performer im Vergleich zu den Expeditiven etwas zurückgegangen und hat sich den anderen etablierten Milieus angenähert; es befindet sich jetzt eher im Zentrum als bei der Avantgarde. In diesen beiden Milieus hält man sich selbst für eine komplexe Person mit sehr unterschiedlichen Facetten. Vor allem die Expeditiven sind religiöse Touristen. Hier wird ein virtuell adaptives, alternatives und multifunktionales Surfen praktiziert, das Elemente aus den unterschiedlichsten Richtungen aufnimmt, die individuell bewertet und kombiniert werden können.

Im Allgemeinen sind diese Milieus eher glaubensfern und die Kirche spielt keine große Rolle im Alltag. Für diese Bevölkerungsgruppen stellen Religion und Kirche virtuelle Tankstellen dar, an denen man sich stärken und Halt finden kann. Die Kirche wird als ein Anker und ein Zuhause verstanden. Man respektiert ihre Tradition, ihren kulturellen Wert, ihre Geschichte. Das Mystische übt eine Faszination aus. Hier ist man auch beeindruckt von Menschen, die ihr Leben konsequent auf ein Prinzip hin ausrichten. Aktuell brauchen diese Menschen die Kirche aber eigentlich nur sehr wenig. Man kann und will zwar nicht auf diesen ›Hafen‹ verzichten, aber die Kirchen sind weit von den eigenen Problemen entfernt. Man findet in diesem Milieu außerdem eine Abneigung gegenüber einer pessimistischen Grundeinstellung, einer fundamentalistischen oder moralisierenden Kritik vor. So entspricht auch der Ausspruch ›sich in Gottes Hände geben‹ nicht der Kultur dieses Milieus. Man wirft den religiösen — und hier vor allem den katholischen — Organisationen ihre Einseitigkeit, ihren Mangel an Flexibilität vor, und dass sie langweilig, moralisierend, borniert, weltfremd, arrogant und scheinheilig seien. Die Elemente der klassischen Liturgie sind ihnen fremd. Gleichzeitig sucht man Orte, an denen man seine Schwächen offen zeigen und sich entspannen kann. Einige Vertreter dieses Milieus sind davon überzeugt, dass es etwas ›Größeres‹ gibt, eine Art höhere Macht, die die Züge des Gottes der Bibel tragen kann, bei der man Ruhe im Stress findet, die aber im Alltag nicht in Aktion tritt und vor allem nichts vorschreibt. Die Performer und die Expeditiven äußern sich nicht zu einer metaphysischen Sphäre im Jenseits, sondern sie gehen davon aus, dass jeder selbst dafür verantwortlich ist, dem Leben einen Sinn zu verleihen. Fragen danach, ob man den ethischen Vorschriften oder den offiziellen Dogmen entspricht oder Fragen nach der theologischen Kohärenz der eigenen Glaubensüberzeugungen spielen keinerlei Rolle. So wird auch der Diakonie in diesem Milieu aus eigener Initiative keine Beachtung geschenkt.30

II. Die traditionellen Milieus

Die gerade beschriebenen Milieus entsprechen dem von Soziologen als Entwicklung der Gesamtbevölkerung beschriebenen Bild. Man denke nur an Danièle Hervieu-Léger, die von einer »Religion in Bewegung«31 spricht, oder z.B. an die Beschreibungen der Individualisierung des Religiösen bei Hubert Knoblauch.32 Aber die Milieu-Studien zeigen, dass ein großer Teil der Gesellschaft nach einer anderen Logik lebt. Daher wollen wir nun die Milieus näher betrachten, die sich im linken Bereich der oben gezeigten Graphik befinden und in ihren Orientierungen eher traditionell ausgerichtet sind.

Die KMU spricht von den Traditionell-Hochkultivierten, die durch ihre Vorliebe für Theater und Kunstausstellungen, aber auch für Literatur und klassische Musik charakterisiert werden. Hohen Stellenwert haben hier das Sich-Kümmern um andere und das politische Engagement. Ein gewisser Lebensstandard und soziale Anerkennung sind wichtige Ziele im Leben; ebenso nimmt Geselligkeit einen hohen Stellenwert ein. Der Großteil der Gottesdienstbesucher und der Ältestenkreise gehört diesem Milieu an. Sie bilden den Kern der Gemeinde. Man grenzt sich von der Volkskirche ab, von kirchlichem Kitsch, dem zu stark medial geprägten Gottesdienst oder unüberlegten Abweichungen vom Standardgottesdienst. Man akzeptiert Beteiligung von Kindern im Gottesdienst, insbesondere unter der Bedingung, dass auch die eigenen Enkel daran teilnehmen. Faschingsfeiern oder eine Tombola in der Gemeinde stellen den absoluten Horror dar. Man schätzt hier keine zu emotionale Religiosität und keine zu politischen Veranstaltungen. Der Pfarrer soll Lehrer sein, ein Vertreter des Christentums, ein Vorbild für die Gemeinde.33 Auch die Konservativen – die mittlerweile eine ganz kleine Minderheit geworden sind – kritisieren die zeitgenössische Kultur und legen vor allem Wert auf das Konzept der Pflicht, geprägt vom Humanismus, und eine kultivierte Umgangsweise miteinander.34 Aus ihrer Sicht bilden Moral und Kultur der Kirchen eine wichtige Basis unserer westlichen und christlichen Gesellschaft, ohne die sie zu einer Spaßgesellschaft verkommen würde.35

Wendet man sich dem traditionellen, aber eher volkstümlichen Milieu zu, so findet man hier eine ärmere Gesellschaft, für die Geselligkeit und Nachbarschaftsbeziehungen charakteristisch sind; die Rollen bei Männern und Frauen sind klassisch verteilt. Man liebt Volksmusik, gehobene Kultur dagegen weniger. Man grenzt sich von einem Lebensstil ab, der Unabhängigkeit und Lebensfreude betont. Die Vertreter dieses Milieus sind mit den Kirchen stark verbunden und pflegen eine christliche Frömmigkeitspraxis. Man nimmt oft an Aktivitäten der Gemeinde teil und die Glaubensüberzeugungen sind sehr präsent. Die Untersuchung von Schulz et al. spricht von den Geselligen, die man eher beim Gemeindefest als in der Bibelstunde trifft, die sich beim Handwerken oder Kochen wohler fühlen als bei der Gestaltung eines Gottesdienstes oder bei der Teilnahme an einer Sitzung des Ältestenkreises. Dieses Milieu distanziert sich von Pfarrern, die auf der Straße nicht grüßen und keine Zeit haben, von nicht ausreichend feierlichen Predigten, die sich mit gesellschaftlichen Problemen befassen, und von all denen, die nicht den Konventionen entsprechen: von gottlosen Jugendlichen, modernen Gottesdiensten, schlecht gekleideten Pfarrern. Auch ihre Abneigung gegenüber jeglicher Form von Diakonie in ihrem Umfeld muss erwähnt werden. Ebenso wenig haben sie mit interkulturellen und interreligiösen Treffen am Hut. Die Studie in Baden-Württemberg nennt sie Alltagschristen; sie sind sehr fromm, aber Offenheit und Dialog zählen nicht zu ihren Stärken. Aber selbst wenn man sich manchmal über die Entwicklung der Kirche ärgert, kommt ein Austritt nicht infrage. Die religiöse Erfahrung entspricht hier einem Streben nach Harmonie. Man schätzt die Orgel, das Kirchengebäude, den Pfarrer im Talar und auch die Familienfeste und Kasualien. Gott schenkt seinen Segen und er ist ein allmächtiger himmlischer Vater. Der Glaube, der herausfordert, verunsichert oder infrage stellt, ist nicht attraktiv. In der Praxis erwartet man von der Kirche, dass sie nicht zu weltfremd ist und keine unverständlichen Forderungen stellt, z.B. in Bezug auf den Status der Paten. Institutionelle und theologische Aspekte der Kirche stoßen auf wenig Interesse. Man wünscht sich eine verständliche und konkrete Predigt, die im Alltag hilfreich sein kann, aber man weiß auch, dass es in der Natur des Pfarrers liegt, unverständlich, intellektuell und abstrakt zu reden. Diese Feststellung führt allerdings zu dem schleichenden Gefühl, dass Gottesdienst und Predigt nicht die Quellen von Trost und Sicherheit sind, die zum Leben nötig sind. Daher kann man auch ruhig darauf verzichten.36

III. Die Prekären

In der Studie kommt ein weiteres traditionelles Milieu vor, das, sozial und ökonomisch gesehen, eher benachteiligt ist: die Prekären. Einige seiner Vertreter gehören angesichts ihrer Haltung gegenüber den Kirchen auch zu den enttäuschten Kritikern. Unter ihnen befinden sich neben zahlreichen älteren Menschen auch kinderlose Paare oder Alleinstehende. Es handelt sich um die Unterschicht auf der Suche nach Orientierung und Teilnahme, mit vielen Ressentiments und Ängsten in Bezug auf die Zukunft. Das Hauptziel besteht darin, mit den Konsumstandards der Mittelklasse mithalten zu können, die als Ausgleich für die vielen Unannehmlichkeiten des Alltags angesehen werden. Das prekäre Milieu ist durch eine Perspektivlosigkeit in Bezug auf den sozialen Aufstieg gekennzeichnet. Während bisher die Ärmeren eher im unteren Bereich der oben dargestellten Graphik dargestellt waren, konzentrieren sie sich nun, was ihre Werteorientierung betrifft, in einem einzigen Milieu im Zentrum der Graphik. Dieser Lebensstil ist gekennzeichnet durch seine Distanz zu allen Kennzeichen der anderen Milieus. Man lehnt Geselligkeit ab und Kontakte mit den Nachbarn sind selten. Man mag volkstümliche Musik und ist im Bereich der Normen traditionell orientiert. Diese Gruppe neigt bei vielen Fragen zu einer mittleren Zustimmung, was man als Zeichen der Gleichgültigkeit deuten könnte.