Teufelskralle - Günter von Lonski - ebook

Teufelskralle ebook

Günter von Lonski

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Opis

Wesemanns 4. Fall Merkwürdige Dinge erschüttern die Kleingartenkolonie „Grüne Bohne“ an Töneböns Teichen. Der Knochen eines menschlichen Zehs taucht auf und verschwindet wieder – dann der Knochen eines Arms und schließlich ein Daumenknochen, dem Gleiches widerfährt. Kleingärtnerulk? Hirngespinste? Allerdings bricht in einigen Parzellen ungewöhnlicher Wohlstand aus: ein Dach kann neu gedeckt werden, ein Aufsitzrasenmäher wird angeschafft und schließlich steht ein neues Auto vor Cumhur Uluğs Parzelle. Niemand scheint misstrauisch zu werden, nur die etwas ungewöhnliche Grete Stepphan will Licht in die dunklen Laubengänge bringen und zieht Hubert Wesemann immer tiefer hinein in einen verwinkelten und verwickelten Fall. Woher kommen die Knochen und der plötzliche Reichtum? Wesemann muss zu Spaten, Harke und Gießkanne greifen, um undercover zu ermitteln und wird fündig …

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Über den Autor

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Epilog

Günter von Lonski

Teufelskralle

Hubert Wesemanns 4. Fall

Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher des Autors erschienen:

Das letzte Lied

Tödlicher Wind

Mord auf dem Schützenfest

Bittere Medizin

Eis!

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

© 2013 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Der Umschlag verwendet Motive von shutterstock.com,

Shovel on grass Ilin Sergey 2012/Garden Gnome B747 2012/

Frame image graph 2012

eISBN: 978-3-8271-9829-7

ePub Produktion durch INTEC/ANSENSO

www.inteconline.com

Auch Wesemanns 4. Fall spielt natürlich wieder an allseits bekannten Orten des Weserberglands, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Über den Autor:

Günter von Lonski wurde 1943 in Duisburg-Laar geboren. Er studierte an der Hochschule der Künste in Berlin. Seit 1981 schreibt er Romane, Krimis, Jugend- und Kinderbücher, Hörspiele, Kurzgeschichten, Glossen, Satiren und Schulbuchbeiträge. 2010 erhielt er den Rolf-Wilhelms-Literaturpreis der Stadt Hameln. Günter von Lonski ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in der Nähe von Hannover. Er ist außerdem Autor von bereits drei erschienenen Weserbergland-Krimis „Das letzte Lied“, „Tödlicher Wind“ und „Bittere Medizin“, in denen der akribische Journalist Hubert Wesemann ermittelt – spannend, unterhaltend, mit einem Schuss Humor und Ironie. „Eis!“ ist nach „Mord auf dem Schützenfest“ der zweite Hannover-Krimi aus der Feder von Günter von Lonski.

Mehr über Günter von Lonski und seine Aktivitäten erfahren Sie unter www.vonlonski.net

Am leuchtenden SommermorgenGeh ich im Garten herum.

Es flüstern und sprechen die Blumen,Ich aber, ich wandle stumm.

Heinrich Heine

EINS

Derbe Arbeitsschuhe an den Füßen, Frisur wie vom Heimfrisör, Grete Stepphan. Lehm klebt noch an den Rändern ihrer Schuhe, besonders an der rechten Hacke. Sie hatte Wesemann vor Kurzem angerufen und sich mit ihm verabredet. Wesemann ist froh, dass sie ihn im Bürgergarten treffen wollte – bei den Schuhen.

Grete Stepphan arbeitete in einem kleinen Blumengeschäft in Hamelns Innenstadt. Doch Touristen kaufen keine Blumen. Höchstens, wenn sie verliebt sind. Und dann auch nur Rosen. Meist eine.

Touristen brauchen Kaffee, Kaffee, Kaffee, Kuchen, Bier, Schnitzel und Ansichtskarten. Oder eine Ratte aus Stoff als Schlüsselanhänger. Woanders wird sie bekämpft, Hameln lebt von seiner Rattenplage.

Nachdem der Blumenladen für immer geschlossen worden war, hatte Wesemann nicht mehr viel von Grete Stepphan gehört. Eigentlich gar nichts. Und auch nichts über sie.

„Haben Sie zugenommen?“, fragt Grete Stepphan, als sie Wesemann die Hand gibt.

Soll er kommentarlos gehen? Er zieht den angeblich nicht vorhandenen Bauch ein und gibt ihr die Hand. Ihre Hand ist rau und hart, und ihr unerwartet heftiger Händedruck treibt Wesemann fast das Wasser in die Augen. Er lässt es sich nicht anmerken.

Sie setzen sich auf eine Bank, etwas abseits von den Laufwegen neben einem großen Rhododendronbusch, mit Blick auf die Stadtverwaltung.

„Ich hätte da vielleicht einen ganz interessanten Fall für Sie …“

„Nein!“, sagt Wesemann. „Meine Frau will nicht, dass ich mich weiterhin in Sachen einmische, die mich nichts angehen.“

„Sie sind verheiratet?“ Grete Stepphan sieht ihn überrascht an.

„So gut wie!“

„So gut wie ist gar nicht. Warum sind Sie so abweisend?“

„Weil ich keine Lust mehr habe auf vorwurfsvolle Blicke, tagelanges Schweigen im Walde und Abendessen vom Bringdienst.“

„Ich bin berühmt für meine Eintöpfe …“

„Danke“, sagt Wesemann, „kein Bedarf!“

„Ich weiß noch nicht mal, ob es ein Fall ist.“ Grete Stepphan holt tief Luft und will wohl den Sachstand erläutern.

„Verschonen Sie mich mit den Einzelheiten.“

Eine junge Frau geht vorbei, grüßt Wesemann, Wesemann grüßt zurück. Er schaut auf die prall gespannte Jeans.

„Aber so gut wie!“

Grete Stepphan lacht. Die junge Frau setzt sich gegenüber auf eine Bank, direkt in Wesemanns Blickrichtung.

„Erzählen Sie schon!“

„Womit soll ich anfangen?“

„Bitte nicht bei Adam und Eva!“

Die junge Frau von gegenüber holt ein Buch aus der Tasche, schlägt es auf, doch bevor sie sich in den Text vertieft, schenkt sie Wesemann noch ein Lächeln. Sie liest bestimmt einen Liebesroman. Eine junge Frau wendet sich nach einer großen Enttäuschung einem reiferen Mann zu …

„Zusammengefasst“, sagt Grete Stepphan, „war es eigentlich nur ein Zeh, der mich irritiert. Karl-Gustav Lange hatte ihn in seiner Laube.“

„Die meisten Menschen haben zwei.“ Wesemann tippt auf graublaue Augen, und ihr kleines Dekolleté ist durchaus blickfreundlich.

„Aber es war nur ein Zeh mit nichts dran, und ganz frisch sah er auch nicht mehr aus. War nur noch ein Knochen.“

„Vielleicht sollte er damit zum Arzt gehen?“

„Hören Sie mir überhaupt zu?“ Grete Stepphan empört sich.

„Ja, ja“, murmelt Wesemann, „ich verstehe das, habe selber manchmal Probleme mit meinen Füßen.“ Die Lebenserfahrung eines reiferen Mannes ist doch durch nichts zu ersetzen …

„Von Ihnen kann ich also keine Hilfe erwarten?“

„Wobei?“ Wesemann will sich wieder auf Grete Stepphan konzentrieren. Doch die sitzt nicht mehr neben ihm, ist bereits aufgestanden und hat sich ein, zwei Schritte entfernt.

Wesemann, sei nicht so unhöflich, nur weil sie dreißig Jahre älter ist als das Fohlen von gegenüber. Außerdem willst du Karola heiraten. Was hat sie noch gesagt?

„Nur so ein einzelner Zeh ist wirklich ein Problem – ohne was dran“, murmelt Wesemann.

Grete Stepphan kommt zurück und setzt sich wieder zögernd neben Wesemann. „Ich kann auch einen Detektiv beauftragen ...“

„Nicht nötig.“

„Beim Umgraben kommt so einiges ans Licht,“ sagt Frau Stepphan, „Tierknochen, Tonscherben, aber das meiste sind doch Regenwürmer.“

„Dann ist doch sehr wahrscheinlich, dass es der Knochen eines Tieres war?“

„Karl-Gustav Lange hat zwei Jahrzehnte bei einem Bestatter gearbeitet. Der wird doch wohl einen menschlichen Knochen von einem Tierknochen unterscheiden können?“

„Also schön“, sagt Wesemann, „sehen wir uns die Sache mal ganz unverbindlich an. Wo ist dieser Zeh denn jetzt anzutreffen?“

Die junge Frau von gegenüber steht von der Bank auf, kommt herüber, das Buch in ihrer Hand hat den Titel Dynamics of Information Systems. Sie zögert ein wenig, steuert dann aber Wesemann zielstrebig an.

Wesemann lässt Stepphan Stepphan sein, steht auf, versucht sein charmantestes Lächeln. Das sind doch höchstens zwanzig, fünfundzwanzig Jahre Altersunterschied. Eine Rabenkrähe auf dem Weg neben Wesemann beäugt ihn misstrauisch. Die junge Frau sagt: „Entschuldigen Sie …“

Jetzt könnte er bereits die Hand nach ihr ausstrecken. Ihre Augen sind grün-grau und dieses süße Näschen ...

„… Sie sind doch der Bezirksschornsteinfeger? Unsere Gasheizung … mein Mann meint …“

Tolle Aktion, Wesemann! Wie sie auf dich geflogen ist! „Nein, ich bin nicht der Bezirksschornsteinfeger und mit Gasheizungen kenne ich mich überhaupt nicht aus.“

„Schade“, sagt die junge Frau, zuckt mit den Schultern und geht zu ihrer Bank zurück.

Grete Stepphan hat einfach abgewartet und den Rand ihrer Stiefel an einem Abfallkorb abgestreift. Nichts für Rabenkrähen abgefallen.

„Also, der Zeh …“

„Ja, der Zeh?“ Wesemann wird sich jetzt voll und ganz Grete Stepphan widmen.

„… der Zeh ist weg.“

„Prima, dann hat sich die Sache also von ganz allein geklärt.“

„Manche Lösungen sind zu einfach, und dann hat man ein ungutes Gefühl.“

So hübsch war die Leserin von gegenüber nun auch nicht, und ihr Gang, völlig ausdruckslos!

„Karl-Gustav Lange hat in unserer Kleingartenanlage die dritte Parzelle im vierten Gang. Und er hat einen Dackel. Aber den darf er nicht frei laufen lassen in der Anlage. Hat er ein paarmal versucht, aber dann ist gleich Cumhur Uluğ gekommen und hat ihm die Kleingartensatzung unter die Nase gehalten. Danach sind sich Lange und Cumhur Uluğ immer aus dem Weg gegangen.“

Stepphan setzt sich zurück auf die Bank, Wesemann resigniert und hockt sich neben sie.

„Der Dackel von Lange hat den Zeh gefunden, und Lange hat ihn überall rumgezeigt und nachgefragt, ob ihn jemand vermisst. Hat sich aber keiner gemeldet. War auch eine komische Frage, und Lange wollte schon zur Polizei gehen. Da war der Zeh auf einmal verschwunden.“

„Keine schlechte Lösung,“ meint Wesemann.

„Hab’ ich auch gedacht. Die Polizei ist gekommen, hat was aufgeschrieben und nach den Kürbissen gesehen. Danach sollte sich die Aufregung in der Anlage legen, und wir könnten mit den Vorbereitungen für das Kinderfest beginnen.“

Wesemann würde jetzt gerne einen Kaffee trinken, aber nicht mit Grete Stepphan. Einfach einen Kaffee. Ohne Milch und Zucker.

„Aber dann hat Cumhur Karl-Gustav nach einem Seitenschneider gefragt.“ Stepphan schaut Wesemann herausfordernd an.

„Ach“, fragt Wesemann, „nach dem Seitenschneider?“ Weil ihm nichts anderes einfällt.

„‚Karl-Gustav!‘ hat er gesagt. Verstehen Sie denn nicht? Die beiden haben sich plötzlich geduzt, obwohl sie sich bis vor wenigen Tagen am liebsten gegenseitig die Schneckenplage auf den Hals gehetzt hätten.“

„Ist doch schön, wenn sich Streithähne wieder versöhnen.“

Stepphan sieht ihn auf einmal sehr skeptisch an. Wesemann denkt: Stepphan – Streithahn, sagt aber nichts.

Stepphan will den Gedankengang auch nicht vertiefen und kehrt zu ihrem ursprünglichen Anliegen zurück. „Langes Dackel buddelte also einen verwaisten Zehenknochen aus, Lange zeigte ihn überall herum und plötzlich war der Zeh wieder verschwunden …“

„Ja, so weit sind wir schon gekommen.“ Wesemann wird Karola nachher vom Sender abholen und ihr einen kleinen Bummel durch die Innenstadt vorschlagen. Als zukünftiger Ehemann hat man so seine Verpflichtungen.

„… und Lange deckt jetzt das Dach auf seiner Laube neu ein, obwohl er sich letzte Woche eine Gießkanne von mir leihen musste, weil er sich keine neue leisten konnte. Ich hab sie ihm geschenkt!“

„Ich würde Ihnen gern helfen“, sagt Wesemann, „aber was soll ich machen? Ich habe keine Gießkannen.“

„Kommen Sie mir nicht so. Sie müssen doch wissen, was man in solch einem Fall unternehmen muss. Sie sind doch der Mann mit dem empfindlichen Näschen.“

Die Rabenkrähe fliegt auf den Rand des Abfalleimers. Sie lebt von ihrer Geduld.

„Man sollte nichts überstürzen“, sagt Wesemann, und ihm ist, als könnte er den Kaffee schon riechen. „Sie müssen weiter aufpassen, und wenn sich wieder etwas ereignet, rufen Sie mich einfach an.“ Wesemann, das könnte ein Fehler gewesen sein, du hättest lieber etwas von einer Postkarte sagen sollen, die sie schreiben könnte.

„Sie finden also auch, dass man nicht so leichtfertig über die Sache hinweggehen soll?“

„Der Fall verspricht durchaus kriminalistisches Potenzial und verlangt nach lückenloser Aufklärung.“

Grete Stepphan verabschiedet sich mit einem kräftigen Händedruck und einem verschwörerischen Blinzeln. Sie schaut Wesemann in die Augen, nimmt ihn dann spontan in die Arme und drückt ihn an sich. Wesemann steht halb im Rhododendronbusch, als ihn Grete Stepphan schmatzend auf die linke Wange küsst. Und dann auch noch auf die rechte. Wesemann wird sich zum Kaffee einen Cognac gönnen.

Wesemann wartet gegenüber vom Sender, er hat im Augenblick keine Lust auf Baxmann und seine Superaufträge vom Sender: Neue Schaukel für die Kita, Wettkochen der Landfrauen, Sommerfest im Supermarkt. Er will einfach mal ausspannen und sich an seiner neuen Lebenssituation erfreuen.

Karola verlässt das moderne Gebäude, in dessen unterem rechten Teil sich der private Sender radioTOTAL eingerichtet hat. Sendeleiter und Geschäftsführer Baxmann ist seit Monaten auf der Suche nach einer billigeren Bleibe, und wäre sie im Gewerbegebiet, selbst Hessisch Oldendorf wäre ihm recht.

Karola schaut die Straße entlang, entdeckt Wesemann auf der anderen Seite, winkt ihm zu. Wesemann zeigt zum Fußgängertunnel, es ist viel zu gefährlich, den Kastanienwall oberirdisch zu überqueren. Er rennt natürlich immer über die Straße.

Im Tunnel, annähernd in der Mitte, geben sie sich dann den allabendlichen Begrüßungskuss. Es ist wunderbar, Karola im Arm zu spüren. Sie lächelt, streicht ihm mit dem linken Mittelfinger über die Wange. „Ich habe mich auf dich gefreut!“

„Wie war dein Tag?“

„Wie immer!“

Wesemann sucht ihre Hand. „Wollen wir noch ein wenig bummeln, einfach nur so?“

„Gern“, sagt Karola, „ich brauche noch Ingwer fürs Abendessen.“

„Was gibt es denn?“

„Möhrensuppe mit Ingwer.“

„Ich würde dir jeden Tag so etwas Leckeres kochen“, schmeichelt Wesemann, „wenn ich nur kochen könnte.“

„Und damit haben wir schon den zweiten Anlaufpunkt für unsern Bummel: Wir werden uns bei Matthias nach einem Kochbuch für dich umsehen.“

„Kochbücher sind teuer!“ Matter Versuch, Wesemann, sehr matter Versuch.

„Du brauchst auch keinen Gourmet-Band mit sterilen Hochglanzfotos, für dich reicht ein dünnes Bändchen mit ein paar grundlegenden Rezepten.“

„Ich mach doch schon den Abwasch!“

Hilft alles nichts. „Wir haben eine Geschirrspülmaschine“, sagt Karola. Und dann kommt nach dem Buchladen noch ein kleiner Abstecher in ein Schuhgeschäft, in alle Schuhgeschäfte, ein Modelädchen, alle Modelädchen, und zum Schluss trägt Wesemann zwei Plastiktaschen und Karola in ihrer Handtasche ein kleines Kochbuch: Leckere Rezepte für Strohwitwer. Wesemann fand den Titel gar nicht ansprechend, aber den Preis. Sie müssen auch noch zu Engin in die Deisterstraße – für den Ingwer, den sie in der Innenstadt nicht gefunden haben. Aber dann geht es endlich ab durch die Mitte, hinüber zu ihrer Wohnung in der Gartenstraße.

Wesemann stellt die Plastiktüten im Flur ab, Karola hängt ihre Tasche an die Garderobe, Wesemann geht in die Küche, um das Fenster zu öffnen.

„Da hat jemand auf den Anrufbeantworter gesprochen.“

„Wer?“

„Woher soll ich das wissen?“

Wesemann stellt die Kaffeetassen vom Frühstück, die er am Vormittag abgespült hat, in den Schrank. „Und?“

„Moment!“ Karola scheint den Anrufbeantworter abzuhören. Wesemann hört im Hintergrund eine kurze Ansage.

„Wer war das?“, fragt Wesemann, als Karola in die Küche kommt. Er legt den Ingwer auf ein Schneidebrett.

„Meine Freundin Melanie, ich soll sie zurückrufen.“

„Und?“

„Das hat Zeit!“ Karola bringt ihre Modekäufe ins Schlafzimmer. Wesemann ruft ihr hinterher, wann sie denn essen wollten. Karola versteht den Wink mit dem Zaunpfahl, seufzt und geht in die Küche. „Du kannst inzwischen den Tisch decken.“

„Tiefe Teller und Löffel?“

„Flache Teller, Messer und Gabel.“

„Heute sollte es doch Möhrensuppe mit Ingwer geben?“

„Suppe essen wir morgen!“ Auf dem Weg in die Küche greift Karola zum Telefon, tippt auf die Tasten und ruft wohl ihre Freundin an. „Heute gibt es Käsebrote!“

Gerade faltet Wesemann die Servietten und legt sie neben die Teller, als Karola in die Küche zurückkommt. Sie bleibt im Türrahmen stehen und lehnt sich gegen die Zarge, die Arme unter der Brust verschränkt.

Wesemann schaut sie an, erschrickt. „Ist etwas passiert?“

„Allerdings, du bist gesehen worden.“

„Das ist keineswegs ausgeschlossen.“ Wesemann grinst.

„Und dich wollte ich heiraten!“

„Was ist denn?“ Wesemann bewegt sich in Richtung Karola und streckt die Arme nach ihr aus.

„Keinen Schritt weiter, und rühr mich nicht an!“

„Aber Karola …“

„Du bist heute Nachmittag in inniger Umarmung mit einer Frau im Bürgergarten gesehen worden.“

„So ein Schwachsinn!“, sagt Wesemann. „Das war Grete Stepphan, sie wollte mich für einen Fall interessieren.“

„Ich kenne keine Grete Speckmann.“

„Ich eigentlich auch nicht.“

„Lüg nicht!“ Karolas Augen flackern vor Zorn. „Habt ihr euch im Rhododendronbusch geküsst oder nicht?“

„Sie hat mich … aber das ist doch auch egal.“

„Ach, das ist egal?“

„Ich habe nichts mit ihr!“

„So, so, du hast nichts mit ihr. Ihr seid euch zufällig über den Weg gelaufen und dann in die Arme gefallen!“

„Du müsstest Grete Stepphan mal sehen, dann würdest du nicht auf die absurde Idee …“

„Anschließend hat dich meine Freundin im Museumscafé gesehen, wie du auf den Erfolg einen Cognac getrunken hast. Cognac trinkst du nur zu besonderen Anlässen!“

„Oder auf große Schrecknisse!“

„Wesemann, du bist einfach unverbesserlich. Du änderst dich nie. Und ich habe geglaubt, ich könnte dir endlich vertrauen.“

„Aber, Karola, Grete Stepphan …“

„Grete Speckmann, Grete Speckmann – du sprichst nur noch von ihr. Weißt du überhaupt, wie oft du ihren Namen in den letzten Minuten in den Mund genommen hast? Aber natürlich, wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Karola dreht sich um.

„Nun lass dir doch erklären …“

Karola verschwindet im Flur, kommt aber gleich darauf mit Wesemanns alter Sporttasche zurück. „Zieh doch zu ihr!“ Sie knallt Wesemann die Tasche vor die Füße. „Hau ab, und zwar sofort. Und sag jetzt bloß nicht: Es ist nicht so, wie du denkst.“

Hatte Wesemann aber schon auf der Zunge, jetzt wird daraus ein: „Ich habe nichts mit ihr!“

„Lüg nicht! Meine Freundin hat alles ganz genau beobachtet, du hättest dich keineswegs gewehrt.“

„Es war ganz harmlos und ich habe mich auch überhaupt noch nicht entschieden, ob ich den Fall übernehme ...“

„Lenk nicht ab!“

„… und ob es überhaupt ein Fall ist.“

„Feigling!“ Karola geht ins Schlafzimmer. „Nun steh doch wenigstens zu deinen Gefühlen!“

„Ich kann doch zu nichts …“

„Heute kannst du noch auf der Couch schlafen, aber morgen ziehst du aus! Ich will dich nicht mehr sehen!“

Die Couch steht im Wohnzimmer, da kann Wesemann wenigstens fernsehen. Aber das kommt später. Erst muss er die Situation analysieren und einen plausiblen Ausweg finden. Er nimmt sich einen Block und einen Kugelschreiber. Es kann losgehen.

Doch als er aufwacht, steht kein einziges Wort auf seinem Block. Die Wohnungstür wird gerade zugezogen, Wesemann eilt in den Flur, schaut durch den Spion, kann nichts entdecken und macht vorsichtig die Tür auf, unten fällt die Haustür ins Schloss.

Wesemann flitzt in die Küche, schaut aus dem Fenster. Karola steigt gerade in ihr Auto. Er kann ihr doch nicht einfach etwas aus dem Fenster nachrufen, und bevor er unten ist, ist sie schon weg. Ihr Wagen springt an, die Blinker blinken, Karola parkt aus und rollt davon. Ob sie noch einmal zum Fenster der Wohnung hinaufgesehen hat?

Neben der Kaffeemaschine findet er einen Zettel: Sieh zu, wie du klarkommst!

K. Weber

ZWEI

Was nun? Ins eigene Auto springen, Karola hinterherfahren? Wohin? Richtung Weser, Richtung Deister, zur Autobahn oder in Richtung Oberweser? Vielleicht fährt sie sogar zu ihrer Mutter nach Malente. So schlimm ist es doch auch nicht. Sie wird den Kontakt zu einer ihrer Freundinnen suchen. Ihm werden die Ohren klingeln, wenn sie über ihn reden. Doch es ist ein Ansatzpunkt. Er wird die Freundinnen anrufen, alle, der Reihe nach. Eine halbe Stunde wird er verstreichen lassen und dann zum Telefon greifen. Eine halbe Stunde? Schon die Minuten verrinnen wie Stunden. Er könnte eine Liste machen, damit er keine der Freundinnen vergisst. Also, da wäre erst mal Melanie. Melanie was?

Wesemann grübelt, ihm will der Nachname nicht einfallen. Das kommt von der Aufregung. Er wird die Liste erst mit den Vornamen bestücken und dann die Nachnamen hinzufügen. Melanie, Manuela … Ist Manuela Melanie oder sind das zwei der Freundinnen? Warum hat er nicht besser hingehört, wenn Karola von ihren Freundinnen gesprochen hat? Also Melanie, Manuela, Sandra, und dann die Freundin aus Afferde … irgendwas mit B: Berta? Birgitt? Bianka? – Genau: Paula! Paula aus Afferde! Oder war es Hastenbeck?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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