Spurlos - Ashley Elston - ebook

Spurlos ebook

Ashley Elston

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Opis

Zum sechsten Mal in acht Monaten wird Meg Jones mitten in der Nacht aus ihrem Leben gerissen. Ohne Vorwarnung, ohne Abschied, ohne Aussicht auf Rückkehr. Meg Jones ist nicht ihr richtiger Name. Seit die 17-Jährige mit ihrer Familie im Zeugenschutzprogramm lebt, hat sie ihre Identität verloren, ihre Freunde, ihre Heimat. In ständiger Angst vor ihren Verfolgern trägt sie immer eine Tasche bei sich mit den wichtigsten persönlichen Dingen. Und eigentlich hat sie sich vorgenommen, keine neuen Freundschaften zu schließen. Doch dann taucht Ethan auf. Ashley Elston erzählt einen atemberaubenden Thriller über ein brisantes Thema, mit Road-Trip-Elementen und der richtigen Dosis Romantik.

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SPURLOS

Ashley Elston

SPURLOS

Aus dem Englischen von Elisa Martins

Copyright © Ashley Elston, 2013

Originalausgabe erschienen 2013

bei Hyperion, ein Imprint von Disney Book Group

unter dem Titel »The rules for disappearing«

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© mixtvision Verlag, München 2014

www.mixtvision-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Übersetzung: Elisa Martins

Layout und Umschlaggestaltung:

Matrix Buchkonzepte, C. Modi & M. Orlowski, Hamburg

Umschlag-Foto: © P. Nameck

ISBN: 978-3-944572-06-2

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Für Dean, meine große Liebe und meinen besten Freund.

»Wie möchtest du dieses Mal heißen? Wir haben etwa dreißig Minuten Zeit.«

Ich starre auf den stummen Fernseher. Das einzige Licht im Raum kommt von den blitzenden Bildern auf dem kleinen Bildschirm, der einen dieser alten Meg-Ryan-Filme zeigt, die die ganze Zeit laufen. Ein Film, den ich schon so oft gesehen habe, dass Ton unnötig ist.

Die anderen Male, als mir diese Frage gestellt wurde, habe ich mir den Kopf zerbrochen, um den perfekten Namen zu finden. Ich habe jeden verfügbaren Moment genutzt und ewig hin und her überlegt, um eine Entscheidung zu treffen.

Dieses Mal nicht.

»Meg«, antworte ich.

»Meg. Einfach nur Meg, oder vielleicht Megan und Meg als Spitzname?«

»Mir egal.«

»Was ist mit ihr?« Eine Hand deutet auf das Häufchen Mensch neben mir. Ich schlinge meinen Arm um den schlafenden Körper und widerstehe der Versuchung, ihn noch näher an mich zu ziehen.

Es ist sehr spät, irgendwann gegen drei Uhr morgens, und ich will sie nicht für das hier aufwecken müssen. Sie war stinksauer, als ich das letzte Mal die Entscheidung für sie getroffen habe. Ich hatte den Namen des falschen Mädchens ausgesucht, aus dieser Serie, die sie so gern mag. Zu ihrem Glück war das unsere kürzeste Identität.

Ich schüttle sie sanft.

»Hey«, flüstere ich. Man hat uns eingetrichtert, nicht unsere richtigen Namen zu benutzen. Nie. Da die Anzüge uns zusehen, kann ich überhaupt keinen Namen für sie benutzen. »Welchen Namen möchtest du? Ich will nicht wieder für dich aussuchen.«

Sie wirft sich hin und her, versucht aufzuwachen. Ihre Augen öffnen sich nur langsam. »Welchen hast du ausgesucht?« Ihre Stimme klingt heiser.

»Ich habe ›Meg‹ genommen.«

Auf ihrer zerknitterten Stirn zeichnen sich Linien ab. Es ist fast so, als könne ich die Rädchen in ihrem Hirn hören, wie sie die Möglichkeiten abklopfen. Jedes Mal, wenn sie eine Entscheidung wie diese treffen musste, hat sie eine ihrer Lieblingsfernsehfiguren gewählt. Keine Ahnung ob noch eine übrig ist, die sie noch nicht benutzt hat.

»Ist mir egal«, antwortet sie verstimmt.

Und schon schaltet sie wieder ab. Sie schließt ihre Augen und zieht die Knie an ihre Brust. Mein Hals schnürt sich zu. Ich hasse es, sie so zu sehen. »Was ist mit Mary? Du wärst eine niedliche Mary.«

Für einen weiteren Moment ist sie still, dann nickt sie mir fast unmerklich zu.

Falls sie den Namen nicht mag – ich bin mir sicher, wir ändern sie sowieso bald wieder. Wenn wir so weitermachen, haben wir bald ein Dutzend Namen durch. »Dann wären wir die M & M Mädels. Wie findest du das?«

Der Anflug eines Lächelns zieht über ihr Gesicht, bevor sie wieder wegdämmert. Ich beobachte sie ein paar Sekunden lang. Mit jedem Umzug wird sie stiller und ich habe Angst, dass sie bald gar nicht mehr redet. Sie benimmt sich nicht mehr wie eine Elfjährige. An den meisten Tagen braucht sie Hilfe, sich zu waschen und ihre Haare zu machen, als wäre sie fünf oder sechs. Und es ist nicht so, als wäre Mum dieser Aufgabe gewachsen.

Die Frau trommelt ihren Stift mit einem nervigen tip-tip-tap gegen ein Klemmbrett. Irgendwann hat sie mir mal ihren Namen gesagt, aber ich habe schon vor Monaten aufgehört, mir ihre Namen zu merken. Ich nehme meine Position von vorhin ein.

»Mary. Sie wird Mary heißen.« Ich bin erledigt. Leer.

»Irgendeinen bestimmten zweiten Namen?«

»Nein.«

»Also gut, Meg.« Und so einfach werden wir zu Meg und Mary. Bis zu unserem nächsten Umzug werden wir nicht anders genannt werden. »Das Einzige, was noch bleibt, ist euer Äußeres. Aus euren Archivdaten sehe ich, dass ihr – bis hierher – ohne größere Veränderungen ausgekommen seid. Tut mir leid, das zu sagen: So wird das diesmal nicht sein.« Sie geht tiefer in die Hocke.

»Ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Wir können mit dir anfangen, dann kann Mary noch ein bisschen länger schlafen.« Sie rutscht auf dem Bett herum, bis sie den Fernseher verdeckt. Dann stellt sie ihre Füße fest auf den Boden und ballt die Hände in ihren Hüften zu Fäusten.

»Wir werden dir die Haare abschneiden und färben müssen. Ich habe auch Kontaktlinsen für dich mitgebracht, um deine Augenfarbe von blau zu braun zu ändern. Das wird hoffentlich reichen.« Sie redet langsam und zieht jede Silbe in die Länge, als rede sie auf einen alten Menschen ein oder ein kleines Kind.

Ich ignoriere sie und starre geradeaus, als könne ich noch immer die Bilder im Fernseher hinter ihr erkennen. Mein altes Ich hätte sich gewehrt. Meine Haare und meine Augen sind meine auffälligsten Merkmale, das weiß ich auch. Bis jetzt hatte ich nur meinen Namen verloren. Hiernach werde ich nicht mehr wiederzuerkennen sein.

In meinem Kopf zähle ich bis sechzig, bevor ich mich bewege. Zentimeter für Zentimeter gleite ich vom Bett, vorsichtig, um »Mary« nicht aufzuwecken. Ihr neuer Name passt nicht zu ihr, aber das wird sich in ein paar Tagen ändern. Das Bad ist klein und riecht nach Schimmel. Es gibt nur eine Lampe über dem Waschbecken. Eine einzelne nackte Glühbirne, die ein richtig hartes Licht abgibt, im Vergleich zu dem eher gedämpften im Schlafzimmer. Ich zwinge mich, die Schultern zurückzunehmen, und trete vor das Waschbecken.

Egal welche Veränderungen die Anzüge noch machen, das Mädchen im Spiegel ist nach diesem Umzug verschwunden. Weg. Mit jeder neuen Identität sind kleine Teile weggesplittert, aber das letzte große Stück ist in der Sekunde zerbrochen, als die Anzüge uns mitten in der Nacht aus unseren Betten gezerrt und uns in diesen fensterlosen Van geschubst haben. Keine Tränen nach diesem Verlust. Nicht nach allem anderen, das bereits verloren gegangen ist.

Mein langes blondes Haar ist dick und mit natürlichen Strähnchen durchzogen, die nur von Stunden in der Sonne kommen können. Es ist glatt und fällt bis unter meinen BH. Wunderschöne Haare.

»Schneiden Sie sie ab.« Meine Stimme ist fest.

Die Frau tritt von hinten an mich heran und nimmt meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Als sie alles in der Hand hat, rutscht sie noch ein wenig nach unten, lockert sie ein wenig. Sie zieht eine große Schere aus ihrer Tasche, holt tief Luft, als sehe sie ein, was für eine Farce das hier ist, und fängt an zu schneiden. Es dauert ein paar Augenblicke und sie braucht mehrere Versuche, aber schließlich ist der komplette Pferdeschwanz weg.

Sie hat die Haare, die immer noch zusammengebunden sind, in der Hand und hält sie mir hin.

Ich kann nicht hinsehen. »Werfen Sie sie einfach weg.«

Die Frau nimmt die Schere und schneidet hier und da kleinere Strähnen weg. Ich sehe zu, wie langsam ein kurzer Pixie-Cut zum Vorschein kommt. Sie legt die Schere wieder hin und greift in ihre Tasche. Sie zieht eine Packung Haarfarbe aus dem Drogeriemarkt heraus und studiert die Anleitung auf der Rückseite. In meinem früheren Leben hätte ich mich nie zu so etwas herabgelassen.

Ich werfe einen Blick auf die Box und lese den Namen der Farbe: »Doppelter Espresso«. Während die Frau die Farbe in meine Haare einarbeitet, entspanne ich meine Hände, die den Rand des Porzellanbeckens fest umklammert halten.

Nach dem Auswaschen kann ich einen ersten Blick auf meinen neuen Look werfen. Die Frau gibt mir ein Paar getönte Kontaktlinsen.

Sie demonstriert mir an ihren eigenen Linsen, wie man sie einsetzt und wie ich sie pflegen muss, wenn ich sie wieder herausnehme. Nach einigen Versuchen gelingt es mir, die Linse an die richtige Stelle zu setzen. Ich sehe mich eine Zeit lang im Spiegel an. Die Veränderungen haben mein Gesicht komplett verwandelt. Meine Augen wirken größer. Die Konturen sind stärker. Mein Gesicht sieht zu dünn aus. Die Frau hat recht – niemand aus meinem früheren Leben würde mich noch erkennen. Ich bin tatsächlich verschwunden.

REGEL 1

Lebe am Rand der Gesellschaft. Du solltest dich nicht in einem guten Viertel aufhalten, denn die Leute dort mischen sich alle in deine Angelegenheiten ein und wollen alles über dich wissen. Und du solltest auch in keinem schlechten Viertel sein, weil … na ja, weil es schlecht ist. Wenn du schon das alles auf dich nimmst, um dich vor den bösen Jungs zu verstecken, dann wäre es wirklich scheiße, erschossen zu werden, nur weil du in einer schäbigen Gegend wohnst.

Mein Dad nennt nie jemanden bei seinem richtigen Namen. Männern, mit denen er gearbeitet hat, Leuten aus unserer Nachbarschaft und jedem Typen, mit dem ich je ein Date hatte, hat er irgendeinen dummen Spitznamen gegeben. Die schlimmsten waren: Kumpel, Sportsfreund und Buddy. Es ist einfach schrecklich, wenn dein Date dich abholen kommt, und dein Dad ihm ein paarmal kumpelhaft auf den Rücken klopft und ihm irgendeinen echt dämlichen Namen gibt. Ich fand das immer unhöflich. Als würde er sich nicht auf das Niveau begeben wollen, sich die richtigen Namen zu merken. Meine Schwester und ich haben auch Spitznamen. Der von meiner Schwester ist ganz süß – Teeny Tiny. Sie wog cirka vier Pfund, als sie geboren wurde. Es macht nichts, dass sie inzwischen größer als die meisten Mädchen ihres Alters ist; für Dad bleibt sie immer Teeny Tiny.

Meiner wiederum ist nicht gerade originell. Ich bin Sissy. Ja, Sissy, von Sister. Dad hat damit angefangen, mich so zu nennen, als Teeny geboren wurde, da ich ja ganz offensichtlich die große Schwester war. Ich habe diesen Spitznamen immer gehasst und schämte mich wahnsinnig, wenn Dad mich vor meinen Freunden so genannt hat, aber das ist jetzt anders.

Mit jedem neuen Umzug kamen neue Namen, aber die Spitznamen sind geblieben. Wir benutzen sie nur, wenn wir vier unter uns sind. Die Anzüge würden ausflippen, aber was solls? Dieser blöde Spitzname ist wirklich wichtig geworden; er ist das Einzige, was mich noch mit meiner Vergangenheit verbindet.

Ich drehe mich um und beobachte Teeny. Sie hat nicht mehr Interesse an ihrem Haarschnitt und der Farbe gezeigt, als ich es getan habe. Tatsächlich hat sie ihre Augen nicht ein einziges Mal in Richtung Spiegel bewegt. Wenigstens ist Teenys neuer Style nicht so heftig wie meiner. Die Frau hat Teeny einen kurzen Bob verpasst, der ein paar Zentimeter unter ihre Ohren fällt. Wir ähneln uns in vielem mit den blonden Haaren und der natürlich gebräunten Haut, aber ich bin die Einzige, die blaue Augen hat. Teenys sind hellbraun und zum Glück muss sie sich nicht mit den Kontaktlinsen herumschlagen.

»Denkst du, sie haben das mit Mums Haaren auch gemacht?« Teenys Stimme klingt hohl.

Wir haben unsere Eltern nicht mehr gesehen, seit wir in diesen geheimen Unterschlupf gebracht wurden. Normalerweise besprechen sich die Anzüge immer für einige Zeit mit ihnen, wenn wir eine Station verlassen haben. Ich denke, um herauszufinden, was es ist, das immer wieder schiefläuft, aber so lange wie dieses Mal waren meine Eltern noch nie weg.

»Wahrscheinlich. Ich bin sicher, wir passen alle zusammen mit unseren dunklen Haaren, so wie es eben war, als wir noch blond waren.«

Mein Dad hat die gleichen blonden Haare wie Teeny und ich, aber Mum muss nachhelfen, um sich uns anzupassen. Ich denke, sie wollte nicht die Einzige sein, die nicht blond ist. Diese dunkle Farbe ist wahrscheinlich näher an ihrer normalen Tönung, aber das ist nur eine Vermutung, denn ich kenne ihre natürliche Haarfarbe nur von alten Fotos.

Ich lasse mich aufs Bett fallen und fahre mir mit den Händen über die Augen. Ich bin fertig. Jedes Mal, wenn ich einschlafe, werde ich von Albträumen heimgesucht, und wenn ich aufwache, höre ich, wie sich Teenys und meine Schreie vermischen. Keine Ahnung, wer zuerst damit anfängt, aber es macht mir echt Angst.

Die Frau kommt zurück und reicht mir einen Zettel. Ich hasse das, was jetzt kommt. Tagelang werden sie uns unsere neue Vergangenheit und Namen einschärfen.

»Okay Meg und Mary, eure genauen vollständigen Namen lauten Megan Rose Jones und Mary Claire Jones. Euer Alter wird bleiben wie es ist, du, Meg, bist siebzehn und Mary, du bist elf. Aber eure Geburtstage ändern sich. Meg, deiner ist am vierten November und Mary, deiner am dritten April.«

Teeny fährt das Blumenmuster auf der Bettdecke nach. Sie hat kein einziges Wort davon gehört.

»Eure Eltern sind Emily und Bill Jones. Ihr seid aus Arkansas hierher gezogen. Euer Dad, Bill, wird in einer Fabrik für Autoteile arbeiten.« Die Frau legt eine kurze Pause ein. »Eure Mum, Emily, wird diesmal keiner Arbeit nachgehen.«

Es ist nicht gut, wenn sie sie nicht zum Arbeiten schicken. Ich frage mich, ob sie wissen, wie schlimm es mit ihrem Trinken geworden ist, oder ob es diesmal eventuell einen anderen Grund gibt. Derselbe »Grund«, der für die üble Haarfarbe und die schrecklichen Kontaktlinsen verantwortlich ist.

Die Frau beschreibt detailliert die übrigen Fakten meines neuen Lebens. Obwohl ich meinen zweiten Namen, »Rose«, nicht mag und nie ausgesucht hätte, ist es mir überraschenderweise total egal. Und zum ersten Mal wird mein Dad keinen Schreibtischjob haben. Er ist bestimmt sauer, dass er in einer Fabrik arbeiten muss, aber uns zuliebe wird er Begeisterung vortäuschen. Ich mag gar nicht daran denken, was Mum den ganzen Tag allein zu Hause tun wird.

Als ich die ganzen wichtigen Details durchlese, merke ich, dass etwas Wesentliches fehlt. »Sie haben gesagt, dass wir aus Arkansas hierher gezogen sind, aber Sie haben nicht gesagt, wo ›hier‹ ist.«

»Natchitoches, Louisiana.«

Louisiana. Alles, was man über Louisiana hört, sind Hurricanes und Öllecks. Na super.

»Nun, heute ist Freitag, der achte Januar. Ihr habt den Rest des Wochenendes Zeit, die Informationen auswendig zu lernen und dann bringen wir euch am Sonntag in eure neue Unterkunft. Ihr werdet beide am Montagmorgen mit der Schule beginnen.« Die ersten beiden Male haben wir in Häusern gewohnt, aber da wir ständig unsere Identitäten wechseln mussten, machten Wohnungen mehr Sinn. Ich frage mich, was für eine Art von »neuer Unterkunft« wir dieses Mal wohl bekommen. Ich brüte über den Details meiner neuen Vergangenheit.

Toll. Ein weiteres langweiliges Leben, zusammengefasst in drei sorgfältig getippten Absätzen.

Die Agentin schiebt ihre Unterlagen hin und her. Ich lege meinen Zettel hin und frage: »Was ist dieses Mal anders?«

Sie hält inne, aber sie sieht mich nicht an. »Nichts. Warum fragst du das?«

»Ach, ich weiß nicht.« Ich kann mir den scharfen Tonfall nicht verkneifen. »Ich meine, wir haben schon öfter einen Ort überstürzt verlassen müssen, aber uns mitten in der Nacht aus den Betten zu zerren scheint mir ein bisschen extrem. Dann noch die Haare, die Kontaktlinsen. Wir haben doch bestimmt keine Typveränderung verpasst bekommen, weil uns hier so langweilig war.«

Teeny vergräbt neben mir ihr Gesicht. Die Agentin wirft einen kurzen Blick auf sie, doch dann fixiert sie mich.

»Ich habe keine Befugnis, dir das zu sagen.«

Na toll, der übliche Schwachsinn. Sie greift nach ihrer Aktentasche und geht zur Tür. Bevor sie das Zimmer verlässt, hält sie inne. »Seid einfach nur vorsichtig«, sagt sie, ohne sich noch einmal zu mir umzudrehen.

Später am Tag tauchen unsere Eltern auf. Irgendwie sehen sie fertig aus, anders kann man es nicht sagen. Sie wurden gefärbt und gestylt, aber nicht zum Positiven. Sie sehen aus wie ein »Vorher«-Foto. Und ehrlich gesagt, hätte ich sie auf der Straße nicht erkannt.

Teeny und ich hängen auf dem Bett herum, in dem Zimmer, das nun schon seit 36 Stunden unser Zuhause ist. Mum kommt herein und setzt sich neben uns, während Dad sich mit verschränkten Armen gegen die Wand lehnt.

»Wie schlagen sich meine Mädchen?«, lallt Mum. Ich habe sie in Gegenwart der Anzüge noch nie so gesehen. »Ihr beide seht wirklich süß aus mit eurem neuen Look.« Es ist eine schlechte Lüge, aber was soll sie denn sonst sagen?

»Wie lange müssen wir noch in diesem Rattenloch bleiben?«, frage ich.

»Es sollte nicht mehr lange dauern. Wir werden hier ganz in der Nähe wohnen.« Mum streicht Teeny durch ihren kurzen Bob. Sie wird gefühlsduselig, wenn sie getrunken hat. Keine Ahnung, wie sie jemanden hier dazu überreden konnte, ihr Alkohol zu geben.

Mum blickt auf Teeny hinab. »Du hast dir Mary ausgesucht? Aus welcher Sendung ist das?«

Teeny schüttelt den Kopf. »Es macht keinen Spaß mehr, jemand Berühmtes zu sein.«

Mum schenkt uns ein mattes Lächeln und dreht sich zu Dad um. Dabei fällt sie fast vom Bett. Er drückt sich von der Wand ab und packt sie an den Schultern, um sie aufrecht zu halten, bleibt aber auf Abstand, als könne er es nicht ertragen, ihr zu nah zu kommen.

»Mädels, ich weiß, dass es mit jedem Umzug schwerer wird, aber es ist so am besten. Keine dieser Veränderungen wird von Dauer sein«, sagt Dad.

Ich verdrehe meine Augen übertrieben, denn ich weiß, wie er das hasst. »Mir doch egal.«

Ich habe das so satt. Das Zeugenschutzprogramm geht mir auf die Nerven und ich habe keine Lust mehr, da mitzuspielen. Dad ist der Einzige, der Mum, unseren Schluckspecht, davon abhält, vom Bett zu fallen. Teeny ist ins Nimmerland abgetaucht und ich sehe aus wie eine Todkranke mit einer schlechten Perücke. Diese Familie ist kaputt.

»Ich habe deine Einstellung satt. Damit wirst du auch nichts ändern«, raunzt Dad.

Vor drei Umzügen habe ich damit aufgehört, um den heißen Brei zu reden. »Na, ich denke, dann ändert es wohl auch nichts, wenn du mir sagst, was du getan hast? Denn was auch immer es ist – wir müssen alle für deinen Fehler bezahlen.«

Dad sieht aus, als würde er gleich explodieren. Vielleicht habe ich ihn ja so auf die Palme gebracht, dass er endlich damit rausrückt. Was er getan hat. Warum wir hier sind. Aber ihm scheinen die Worte im Hals stecken zu bleiben. Schließlich platzt es aus ihm heraus: »Es ist spät und wir müssen morgen früh los. Geh jetzt ins Bett.«

»Geh jetzt ins Bett? Ist das wirklich alles, was du mir zu sagen hast?«

Mums Kopf sackt schwer nach unten und Teeny rollt sich noch kleiner zusammen – wenn das überhaupt noch möglich ist.

Dads Gesicht bekommt Flecken und seine Knöchel treten weiß hervor, als er Mums Schultern packt. Er murmelt etwas, das ich nicht verstehe, dann macht er sich aus dem Staub und zieht Mum hinter sich her. Voller Verachtung lasse ich mich auf das Bett fallen.

Beim dritten Umzug habe ich gelernt, immer eine gepackte Tasche bereit zu haben. Darin sind Unterwäsche, eine Zahnbürste, Zahncreme, Schlafzeug und Klamotten zum Wechseln. Das Zeug, das die Anzüge uns geben, ist hässlich. Auch meine Kosmetiktasche bleibt immer drin, denn wir bekommen nie Luxusartikel. Ich habe versucht zu erklären, dass Make-up eine Notwendigkeit ist, kein Luxusartikel, aber ohne Erfolg. Es nervt einfach, dass ich Geld verdienen muss, um immer und immer wieder die gleichen Sachen zu kaufen. Beim letzten Umzug war die Tasche fast schon Geschichte. Aber glücklicherweise hatte ich sie bei mir, direkt neben dem Bett, daher konnte ich sie mir auf dem Weg nach draußen schnappen.

Die Zeit zwischen den einzelnen Stationen will einfach nicht vergehen. Niemand kümmert sich darum, dass man etwas zu tun hat, also habe ich nach dem fünften Umzug noch ein paar Taschenbücher und meinen iPod dazugepackt. Dann habe ich auch für Teeny ähnliche Dinge zusammengesammelt, um sie zu beschäftigen. Die Tasche ist lächerlich groß und schwer geworden, aber ich kann mir nicht vorstellen, mich von irgendetwas darin zu trennen. In diesem Augenblick arbeitet Teeny an einem dieser Sudoku-Bücher, die sie so liebt.

Wir sind wieder im Van. Die Sorte, die keine Fenster hat. Die Vordersitze verschwinden hinter dunkel getöntem Glas. Es ist, als fahre man in einer Kiste herum. Erst wenn wir eine gute Strecke von unserem Ursprungsort entfernt sind, dürfen wir mal die Toilette benutzen und uns orientieren. Der Agent, der uns fährt, muss neu sein, denn er kennt offensichtlich die Regeln nicht. Das Lokalradio ist an und schon nach zwei Werbespots wird klar, dass sich unser vorläufige Unterschlupf in Shreveport befindet. Obwohl mir das überhaupt nichts sagt, fühle ich mich ziemlich gut, dass ich diese Info habe.

Sobald ich den Namen der Stadt aus dem Lokalradio gehört habe, setze ich mir meine Kopfhörer auf und drehe die Musik auf meinem iPod lauter. Der perfekte Zeitpunkt, um in mein Tagebuch zu schreiben.

Ich habe damit zur gleichen Zeit angefangen, wie mit meiner Notfalltasche. Das Buch ist voller persönlicher Dinge, aber auch einige Kurzgeschichten, Gedichte und irgendwelches Zeug, das mir durch den Kopf geht, stehen darin. Die Anzüge wären stinksauer, wenn sie wüssten, dass ich über das, was wir erlebt haben, schreibe, deshalb muss ich es verstecken. Ich benutze auch nicht unsere Namen oder die Städte, in denen wir gelebt haben, aber ich schreibe darüber, was diese Tortur für uns bedeutet. Es ist der einzige Ort, an dem ich ehrlich sein kann.

So fahren wir fast eine Stunde lang, bevor wir Halt machen. Ich nehme an, wir dürfen für eine Pinkelpause raus, daher bin ich echt überrascht, als wir mitten in einer Auffahrt halten, die zwischen zwei Reihen kleiner Häuschen eingezwängt ist, nicht weit von der Front Street entfernt. Die Häuschen sind aus alten Backsteinen gebaut, mit Fronten, die aus Französischen Türen mit großen Fensterläden aus Holz bestehen. Sie sehen charmant aus, aber nur bis man sich ihnen nähert – die abblätternde Farbe und verrosteten Griffe zeigen, dass wir uns nicht in der besten Gegend der Stadt befinden. Das muss es sein. Unser neues, wenn auch vorübergehendes Zuhause. Wenigstens ist es nicht einer dieser abartigen Apartmentkomplexe.

Ich schnappe mir meine Tasche, stecke Teenys Buch wieder rein und wir folgen den Anzügen zu einem der mittleren Häuser. Die gleiche Frau, die auch meine Haare geschnitten hat, öffnet die Tür zur Nummer 12.

»Hallo, liebe Familie Jones, willkommen zu Hause.« Ihr strahlendes, fröhliches Lächeln ist übertrieben und ich kann nicht anders, als laut zu stöhnen. »Da dies eine College-Stadt ist, waren kurzfristig keine Apartments verfügbar. Das hier sind alte kreolische Häuschen und ich dachte mir, das wäre sowieso viel gemütlicher.«

Dad nickt ihr zu und sagt: »Agentin Parker, schön Sie wiederzusehen.«

»Ebenso, Mister Jones.« Sie zeigt auf ein kleines Gebäude am Ende der langen Einfahrt und sagt: »Da drüben finden Sie Waschmaschinen und Trockner.«

Drinnen ist es total deprimierend. Weiße Wände. Brauner Teppich. Es ist kaum möbliert, mit gebrauchten Möbeln, die nicht zusammenpassen. Das Material der Couch ist an manchen Stellen schon abgewetzt, man kann die Federn schon erahnen und hier und dort sind Flecken zu sehen. Igitt.

»Dies ist eine Zweizimmerwohnung.« Sie wirft einen kurzen Blick auf mich, runzelt leicht die Stirn und sagt: »Tut mir leid, Meg, aber du und Mary, ihr müsst euch ein Zimmer teilen.«

»Schon okay.« Ehrlich gesagt, es ist besser so.

»Darf ich euch herumführen?« Sie breitet ihre Arme aus, als wäre sie eine dieser Game-Show-Moderatorinnen, die gerade das Studio betritt.

Es gibt keinen Anlass für eine Führung. Wohnzimmer, Küche und die kleine Essecke sind quasi ein Zimmer. Es gibt einen kurzen Flur mit drei Türen, hinter denen sich wohl zwei Schlafzimmer und das Badezimmer befinden.

Ich warte nicht darauf, dass die Agentin mir den Weg zeigt – ich fange einfach an, Türen zu öffnen. Das erste Zimmer hat zwei Einzelbetten mit identischen hellrosa Bettdecken. Offensichtlich unser Zimmer. Es gibt außerdem einen kleinen Schreibtisch mit Stuhl und einen getupften Sitzsack auf dem Boden.

Die nächste Tür führt zum Bad. Es ist winzig, gerade mal Platz für ein kleines Waschbecken, eine Toilette und eine Bad- / Duschkombination. Der im Raum hängende Putzmittelgeruch sticht mir in die Nase, aber dadurch habe ich ein besseres Gefühl, wenn ich nachher ein Bad nehme. Die letzte Tür führt zum Zimmer meiner Eltern. In der Mitte des Raums steht ein Doppelbett, das mit einem ausgefransten Quilt bedeckt ist und in der Ecke, neben einer kleinen Kommode, steht ein einzelner Ohrensessel.

Ich gehe in mein Zimmer zurück und öffne die Schranktür. Ich weiß schon, was mich erwartet: sehr gewöhnliche Klamotten für uns beide.

Als wenig später Teeny hereinkommt, lasse ich sie ein Bett aussuchen. Sie setzt sich darauf und zupft an der Bettdecke herum. »Ich bin froh, dass wir uns ein Zimmer teilen.«

»Ich auch«. Nachdem wir unsere letzte Station mitten in der Nacht fluchtartig verlassen mussten, will ich Teeny lieber bei mir haben.

»Bist du nervös wegen der Schule?«

Sie bückt sich und zieht ihr Buch aus meiner Tasche. »Nein.«

Ich lege mich auf das Bett und denke an morgen. Mitten im Schuljahr neu anzufangen ist scheiße, aber diesmal macht es mir nichts aus.

So viel zur Abschlussklasse.

Teeny und ich verkriechen uns für den restlichen Abend in unserem Zimmer. Sie schläft früh ein, aber mir fällt es schwerer. Ich wälze mich die meiste Zeit nur herum, bis ich es keine Minute mehr länger im Bett aushalte. Als das weiche Morgenlicht durch das kleine Fenster hereinfällt, gebe ich den Kampf auf, nehme meinen Mantel und mein Tagebuch und fliehe nach draußen.

Es ist kalt. Eine dünne Schicht feuchtes Eis bedeckt die Treppe vor dem Eingang, also setzte ich mich auf meinen Mantel, anstatt ihn anzuziehen. So früh ist noch niemand unterwegs, die einzigen Geräusche kommen von vereinzelten Vögeln, die nach ihrer ersten Mahlzeit des Tages suchen. Ich reibe mir die Arme, in der Hoffnung, dass die Reibung die Kälte von mir fernhält.

Abgesehen von der ersten Station habe ich jede neue Schule in dem Glauben begonnen, dass wir bleiben würden. Ich habe Freundschaften geschlossen, bin Clubs beigetreten und, während unserer dritten Station, bin ich sogar in die Tanzgruppe aufgenommen worden – alles, um mich in der neuen Schule heimisch zu fühlen. Aber jedes Mal tauchten diese Männer in Anzügen auf. Ich habe immer und immer wieder alles verloren. Es gibt unzählige Freunde im ganzen Land, die glauben müssen, dass ich einfach von der Erdoberfläche verschwunden bin. Nicht noch einmal. Wenn unsere Geschichte eines zeigt, dann, dass wir hier nicht länger als einen Monat bleiben werden. Das kann ich nicht noch einmal tun.

Ich öffne mein Tagebuch, schlage eine jungfräuliche neue Seite auf und schreibe:

Ich werde keinen Clubs beitreten.

Ich werde mich nicht bei den Cheerleadern bewerben oder irgendeinem anderen Sportteam beitreten.

Ich werde keine Freundschaften schließen.

Ich werde die Wahrheit herausfinden, komme, was wolle.

Ich unterstreiche Nummer vier und setze Sterne daneben, bis es fast nicht mehr zu lesen ist. Die Liste ist kurz, aber aussagekräftig und ich schwöre mir, dass ich jedes Wort leben werde.

Ich gehe auf Zehenspitzen in unser Häuschen zurück und wecke Teeny für die Schule. Der Blick auf die Klamotten deprimiert mich. Die letzte Person, die unseren Schrank ausgestattet hat, hatte wenigstens ein kleines bisschen Stilgefühl. Dieses Mal haben wir nicht so viel Glück. Die Auswahl ist mitleiderregend, selbst für Zeugenschutz-Standards. Ich ziehe einen hässlichen grauen Kapuzenpullover heraus und muss lachen. Nur wenige Monate zuvor hätte ich mich nicht einmal im Traum mit so einem Teil erwischen lassen, aber jetzt scheint es die beste Wahl für heute zu sein.

In Rekordzeit dusche ich, ziehe mich an und schminke mich. Die blöden braunen Kontaktlinsen bereiten mir ein paar Probleme, aber schließlich lassen sie sich doch richtig einsetzen. Die Haare sind handtuchtrocken. Sie sind so kurz, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, also lasse ich sie einfach so wie sie sind, in alle Richtungen abstehend.

»Sissy, wo sind wir noch mal? Ich hab’s vergessen.« Teeny fummelt an ihren Haaren herum und ich gehe zu ihr rüber, um ihr zu helfen. In der Sekunde, in der ich übernehme, sackt sie in sich zusammen. In unserem alten Leben hätte sie es nie toleriert, so wie ein Baby behandelt zu werden.

»Wir sind in Louisiana. Die Stadt heißt Natchitoches.«

Während ich noch mal die wichtigsten Fakten nenne, versuche ich, nicht daran zu denken, wie sie mit jedem Umzug mehr und mehr verschwindet. Ich frage sie über unsere neuen Identitäten aus und sie beantwortet die meisten davon richtig.

»Ich glaube, ich sollte heute zu Hause bleiben«, sagt sie.

»Nein, du machst das schon. Wir sehen uns gleich nach der Schule. Mum wird hier sein, wenn wir nach Hause kommen. Es ist alles gut«, antworte ich. Sie sagt das jedes Mal, wenn sie den Ort, an dem wir gerade leben, verlassen muss. Sie hat panische Angst davor, dass wir ohne sie weggebracht werden. In der zweiten Station hatten die Anzüge alles eingepackt, während sie weg war, und sie kam in ein leeres Haus zurück. Sie ist ausgeflippt und hat ewig gebraucht, um zu verstehen, dass wir nicht ohne sie weggehen würden.

Dad ist angezogen und wartet auf uns in der Küche, aber Mum taucht nicht auf.

Zum Zeitpunkt des vierten Umzugs hatte sie sich verändert. Sie verlor jegliche Lust daran, die Wohnung sauber zu halten oder sich um Teeny zu kümmern. Zu Hause waren meine Eltern sehr gesellig gewesen. Wir hatten immer Leute zu Besuch, zu der einen oder anderen Feier – es gab immer einen Grund für eine Party. Mum liebte es, Gastgeberin zu spielen. Und sie hat getrunken – Bier und Margaritas am Pool, Wein zum Abendessen, und Gin Tonic spät nachts – aber nur, wenn Gäste da waren.

Ich schließe meine Augen und stelle mir Mum in der Küche unseres Hauses vor. Sie hat immer getanzt, einen Tanzschritt imitiert, den sie irgendwo gesehen hatte, und zur Musik gesungen. Sie benutzte ihre Küchenutensilien als Mikrofon. Obwohl es peinlich war, haben es meine Freunde immer geliebt, Zeit mit ihr zu verbringen und waren der Meinung, sie sei die coolste Mum. Sie war das Herz der Party.

Am liebsten gab sie allerdings diese lächerlich formellen Dinner, die nicht enden wollten. Ich freute mich nur darauf, wenn Dads Boss, Mister Price, dabei war, und auch nur dann, wenn auch sein Sohn, Brandon, mitkam. Es gab wohl keine Zeit während der High School, in der ich nicht in ihn verknallt war. Ich habe Mum immer angebettelt, dass ich mich um die Sitzordnung kümmern durfte und ich habe immer dafür gesorgt, dass er direkt neben mir saß. Das waren die einzigen Abende, an denen Mums Dinnerpartys zu kurz waren.

Ich verdränge die Gedanken an Brandon. Es tut weh, wenn ich an ihn denke.

Vor zwei Umzügen nahm Mums Trinkerei ein ganz anderes Ausmaß an. Sie trank nicht mehr aus Geselligkeit – sie trank, um sich zu besaufen. Dad will nicht darüber sprechen. Er wischt nur ihre Sauerei auf oder versteckt sie vor uns. Die Anzüge müssen wohl wissen, dass ihre Trinkerei außer Kontrolle geraten ist, da sie dieses Mal keinen Job für sie gesucht haben.

»Ich kann dich und Teeny heute zur Schule bringen. Ich fange erst morgen meinen neuen Job an. Danach müsst ihr dann den Schulbus nehmen.«

»Ich versteh einfach nicht, warum ich keinen Führerschein bekomme. Du und Mom bekommt doch auch welche mit euren neuen Namen.«

Diese Diskussion führen wir nicht zum ersten Mal. Dad stößt einen frustrierten Seufzer aus. »Ich weiß auch nicht, warum. Sie haben bestimmte Regeln und eine davon ist, dass kein Minderjähriger einen Führerschein bekommt.«

Teeny sucht den Raum ab. »Wo ist Mama?«

Dad schwenkt seine Kaffeetasse aus und ignoriert sie.

Dann die Kanne.

Feigling.

Ich gehe zu Teeny. »Sie schläft. Sie fühlt sich nicht gut«, antworte ich und führe sie hinaus, damit Dad uns zeigt, welcher Wagen unserer ist. Ein komisches Gefühl sagt mir, dass es der alte grüne Kombi mit der Holzverkleidung an der Seite ist.

Und es ist ja klar, Dad steuert geradewegs auf die Fahrerseite des Ungetüms zu. Die Anzüge müssen uns wirklich hassen – das ist der mit Anstand scheußlichste Wagen, den ich je gesehen habe.

Da wir nur das eine Auto haben und Dad Zwölf-Stunden-Schichten arbeitet, sieht es so aus, als würde Mum hier den ganzen Tag festsitzen.

Aber andererseits wird sie wahrscheinlich sowieso nicht das Bett verlassen, also macht es auch nichts.

REGEL 2

Stelle keinen Augenkontakt her und fange keine Gespräche mit irgendwelchen Leuten an. Das könnte dich interessant machen und daher die Aufmerksamkeit anderer anziehen. Und das willst du schließlich nicht … stimmt’s?

Nichts ist wirklich spannend oder anders an dieser Gegend, es ist das Gleiche wie bei unseren letzten drei Umzügen, bis man zwei Blocks in Richtung Altstadt geht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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