Solferino. Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart (Nachtrag zu: »Magenta und Solferino«) - John Retcliffe - ebook

Solferino. Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart (Nachtrag zu: »Magenta und Solferino«) ebook

John Retcliffe

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Opis

Sir John Retcliffe, der eigentlich Herrmann Ottomar Friedrich Goedsche heißt, war ein deutscher Schriftsteller, aber er war auch bei der Preußischen Geheimpolizeit tätig, arbeitete für Redaktionen, war Herausgeber und Kriegsberichterstatter. Er benutzte auch das Pseudonym Theodor Armin. Sir John Retcliffes historisch-politische Romane sind im ureigensten Sinn mit Abenteuern angereicherte Tendenzromane, die das gesamte politische Geschehen seiner Zeit zum Inhalt haben. „Solferino” ist ein historisch politischer Roman. Dieser Roman ist eine Ergänzung zu „Magenta und Solferino”.

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John Retcliffe

Solferino

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart (Nachtrag zu: »Magenta und Solferino«)

Warschau 2018

Inhalt

Die Villa am See.

Die Schlacht.

Spondalunga!

Berlin unter der neuen Aera.

Villa-Franca.

Epilog.

Die Villa am See.

Die Folge der Schlacht bei Magenta war die völlige Räumung der Lombardei und das Zurückgehen der österreichischen Armee auf die Mincio-Linie, das heißt auf die Stütze des bekannten Festungsvierecks.

Dies geschah natürlich nicht so rasch und nicht ohne einzelne Kämpfe. Von diesen war der bei Melegnano der wichtigste und blutigste.

Wie am Schluß der vorigen Abtheilung erwähnt worden, war das Hauptquartier zunächst nach Binasco verlegt worden, nachdem sich der Generalfeldzeugmeister trotz der Ankunft der frischen Truppen, der günstigen Gelegenheit und der Desorganisation des Feindes gegen den Rath der meisten Generale entschlossen hatte, die Schlacht nicht wieder aufzunehmen und sie somit verloren zu geben. Als Rückzugspunkt wurde zunächst Lodi und die Addalinie angegeben, die auch in den früheren Kriegen der Oesterreicher und Franzosen eine bedeutende Rolle gespielt hat. Pavia und Piacenza wurden verlassen, vieles Kriegsmaterial und eine Menge Proviant zurückgelassen.

Der Rückzug an die Adda geschah, ohne daß bis zum 8. Juni auch nur ein französisches Corps zu erblicken war oder gar die Verfolgung wagte.

Erst am 6. Juni, als der Abmarsch der Oesterreicher sicher war, verlegte der Kaiser Napoleon sein Hauptquartier nach Magenta; am 7ten rückte Mac Mahon in Mailand ein, am Tage darauf hielt unter dem Jubel der Bevölkerung, die sich seit vier Tagen und vier Nächten in einem unaufhörlichen Taumel befand, der Kaiser an der Spitze der Garden mit dem König Victor Emanuel seinen Einzug.

Von hier aus erhielten das 1. und 2te-Corps (Baraguay d'Hilliers und Mac Mahon) den Befehl, die Oesterreicher aus Melegnano zu verdrängen, das die Brigade Roden zur Deckung des Rückzugs besetzt hielt. Fünf französische Divisionen suchten hier die einzige österreichische Brigade zu umzingeln und zu erdrücken, stießen aber auf einen heldenmüthigen Widerstand. Das erste Zuaven-Regiment erstürmte die Barrikaden am Eingang des Orts und den Kirchhof – die 2te französische Division drang von San Brera her in die Stadt und drängte die Szluiner Gränzer nach dem Marktplatz, während die Brigade Ladmirault die Brücke über den Lambro und sechs Geschütze nahm. Von ihrer Rückzugslinie über den Fluß abgeschnitten, von allen Seiten eingeschlossen, blieb dem tapfern Regiment Kronprinz von Sachsen Nr. 11 Nichts übrig, als sich zu ergeben oder bis zum letzten Mann zu fechten. Sein tapferer Kommandeur, Oberst Plankenstein, wählte das Letztere. Von dem Gemetzel, was auf dem Marktplatz der berühmten Schlachtstätte – Melegnano ist das Marignano, bei welchem am 13. und 14. September 1515 König Franz I. die Schlacht gegen die Schweizer schlug, und das im Frühjahr 1848 bei Radetzky's Rückzug von Mailand die tollkühnen Einwohner sperrten, bis der Sturm und die Plünderung ihr Lohn ward – erzählten die Pariser Journale selbst so abscheuliche Einzelnheiten, daß es ihnen verboten wurde, dergleichen zu wiederholen. Die Oesterreicher schlugen sich in dem Verzweiflungskampf, jeder Mann ein Held, gegen die Uebermacht. Das 33ste französische Regiment war in der größten Gefahr, seinen Adler zu verlieren, nur die Aufopferung der Offiziere und Soldaten befreiten ihn. Aber die französische Uebermacht war zu gewaltig – fast der fünfte Mann der Oesterreicher war todt und verwundet; – um die Fahnen zu retten, warfen sich zwei Offiziere mit ihnen in den reißenden Lambro und durchschwammen den Fluß – das brave Regiment gab sich bereits verloren, als die Brigade Boer von Lodi her im entscheidenden Augenblick eintraf und die Lambro-Brücke und die verlornen Geschütze wieder nahm. General Boer und sein Adjutant wurden dabei erschossen, aber unter dem Beistand des Regiments Miguel gelang es dem Rest des tapfern Regiments Sachsen das linke Ufer zu erreichen. Bis nach 8 Uhr wüthete der Straßenkampf, erst ein heftiges Gewitter und die Dunkelheit machten ihm ein Ende.

Wie wüthend der Kampf gewesen, zeigt, daß trotz der geringen Truppenzahl, die wirklich zum Gefecht kam – von den Franzosen drei, von Seiten der Oesterreicher zwei Brigaden – der Verlust der erstern allein 15 todte und 56 verwundete Offiziere, darunter zwei Generale betrug. Die Division Bazaine verlor allein 800 Mann.

Nach dem Treffen von Melegnano wurde alsbald der Rückzug der Oesterreicher gegen den Mincio und Chiese fortgesetzt, am 10ten die Brücke bei Pizzighettone und Lodi zerstört, am 16ten stand die Armee bereits wieder schlagfertig am Chiese, auf den Gardasee, Peschiera und Mantua gestützt; kampflustig und bereit zu schlagen, wie der Feldmarschalllieutenant Ramming bereits am 14ten im kaiserlichen Hauptquartier zu Verona meldete, und in der That bestand auch Anfangs, auf den Rath von Heß, die Absicht, von hier aus wieder die Offensive zu ergreifen.

Aber leider verhinderte das Schwanken der Meinungen den wirklichen Entschluß.

Der einzige Gewinn der Armee war die Entlassung des Grafen Gyulai. Selbst seine Beschützer fühlten, daß er nicht länger zu halten war und der allgemeinen Mißstimmung und dem erschütterten Vertrauen ein Opfer gebracht werden mußte. Am 16. Juni ward der Feldzeugmeister zum Kaiser nach Villafranca berufen und bat hier um seine Entbindung vom Kommando, die sofort ertheilt wurde.

Der junge Kaiser selbst übernahm den Oberbefehl und verkündigte dies zwei Tage darauf, durch eine Proklamation der Armee; Heß trat an die Spitze der Operations-Kanzlei, der tapfere und fähige General Ramming wurde Souschef des Generalstabs. Das Kommando der ersten Armee behielt Feldzeugmeister Graf Wimpffen, das der zweiten Armee der aus Ungarn berühmte Reiter-General Graf Schlick, ein Veteran von 70 Jahren. Unter den Divisions- und Brigade-Generalen fanden gleichfalls vielfache Veränderungen statt und am Schlachttag von Solferino führte die Hälfte der Divisionairs und ein Dritttheil der Brigadiers zum ersten Mal die ihnen untergebenen Truppen, ein von vorn herein mißlicher Umstand.

Am 16ten gleich nach der Entlassung Gyulai's wurden die Couriere aus dem Hauptquartier abgeschickt, um den weitern Rückzug der Armee zu verhindern – aber sie kamen zu spät, ein Theil der Armee hatte bereits den Mincio erreicht, und da man das Heranziehen des französischen Corps unter dem Prinzen Napoleon von Toscana her in der Flanke besorgte, wurde der Rückzug über den Mincio fortgesetzt und am 20. und 21sten ungestört beendet.

Freilich hatte man dabei der schlechten Kopie des großen Onkels zu viel zugetraut; – der Prinz Napoleon war keineswegs sehr beeilt, mit seinem Corps die Oesterreicher anzugreifen, hatte am 31. Mai sein Hauptquartier in Florenz genommen und erreichte erst nach der Schlacht von Solferino Parma. Der Kaiser hatte ohnehin weniger auf seine Hilfe gerechnet und mit seiner Detaschirung nach den Herzogthümern mehr die Absicht verfolgt, diese dem Einfluß der italienischen Bewegung zu entziehen und die Entscheidung in Mittel-Italien in der Hand zu behalten. Die Herzogin-Regentin hatte am 9. Juni bei der Räumung von Piacenza Parma wieder verlassen und sich nach der Schweiz begeben, der Herzog von Modena vermochte sich gegen die Revolutionspartei gleichfalls nicht zu halten und war einige Tage später über Brescello in das Hauptquartier des Kaiser Franz Joseph gegangen. Die Legationen waren gleichfalls von den Oesterreichern geräumt und Ferrara – das doch den untern Po und somit Venedig deckte – aufgegeben worden. In den Herzogthümern und den Legationen verlangte die italienische Partei bereits offen die Vereinigung mit Piemont.

Schwerer und entscheidender noch wogen für den Entschluß des Rückzugs der österreichischen Armee die jetzt immer offener zu Tage tretenden Mängel in dem Verpflegungssystem. Jene schändlichen Betrügereien, die später die Ursache mehrfacher Untersuchungen in Wien und Triest wurden und den Selbstmord des Generals Eynatten herbeiführten, zeigten bereits ihre Früchte. Die Truppen wurden auf das Mangelhafteste verpflegt, oft fehlten die Brodlieferungen, weil entweder keine Bäckereien vorhanden waren oder das Brod bergehoch auf dem Bahnhof zu Verona aufgestapelt liegen blieb; ganze Kolonnen-Magazine blieben aus und selbst die Ernennung des Feldmarschall-Lieutenant Melczer zum Armee-Ober-Intendanten vermochte das seither Versäumte und Unterlassene in diesem Augenblick nicht gut zu machen. Dazu war die Zahl der Verwundeten und Kranken so bedeutend gestiegen, daß um das kaiserliche Hauptquartier zu Verona bereits an 50 000 Mann in den Spitälern lagen. Diese Lage war so entsetzlich, daß man sich entschließen mußte, auf jede Gefahr hin den ganzen Bestand aus Italien fortzuschaffen und täglich mindestens 1200 allein auf der venetianischen Bahn nach den innern Provinzen zurückzusenden.

Am 22. Juni stand die österreichische Armee in einer 4 Meilen langen Stellung hinter dem Mincio mit drei Korps vorwärts desselben. Vier Brücken vermittelten den Uebergang. Der rechte Flügel stützte sich auf Peschiera und den Garda-See, der linke auf Mantua. Das Hauptquartier der zweiten Armee war bei der unglücklichen Eintheilung in zwei besondere Armeen in Valeggio, das der ersten in Roverbella, das des Kaisers in Villafranca auf der Straße von Verona nach Mantua. Die Stärke der Oesterreicher betrug jetzt etwa 160 000 Mann mit 800 Geschützen. Alles fühlte, daß es hier zu einem entscheidenden Kampf kommen mußte und drängte danach.

Die Armee der Verbündeten war langsam dem Rückzug der Oesterreicher gefolgt – man war trotz des Sieges von Magenta in 16 Tagen nur 16 Meilen – vorgegangen. Sie hatte am 21sten den Chiese zu überschreiten begonnen und stand an beiden Ufern desselben, das Hauptquartier des Kaiser Napoleon in Castenedolo. –

Unsere Darstellung muß jetzt die allgemeinen Dispositionen verlassen, um sich mit den Bewegungen des Garibaldi'schen Freicorps zu beschäftigen.

General Garibaldi war nach dem verunglückten Angriff auf Laveno am Lago Maggiore, wie wir wissen, nur durch den Sieg von Magenta aus seiner gefährlichen Lage befreit worden, aber er war ganz der rastlos thätige, entschlossene und kluge Parteigänger, der jeden Vortheil benutzte und dessen Kriegsprogramm allein das »Vorwärts« war! Er folgte daher im Norden an den Alpen entlang Schritt um Schritt dem Rückzug der Oesterreicher aus der Lombardei, nachdem er am 10ten in Mailand eine Zusammenkunft mit dem Kaiser Napoleon und dem König Victor Emanuel gehabt hatte.

Es war das erste Mal, daß der Kaiser seit jener Vorstellung im Salon des Herrn Baroche, als er selbst noch das intriguirende Mitglied der Nationalversammlung war, den berühmten Condottieri persönlich wiedersah, der seitdem – 1849 in Rom – seine Generale so ruhmreich, wenn auch nicht glücklich bekämpft hatte und von dem er argwohnte, daß er dem Attentat vom 14. Januar und der beabsichtigten Erhebung nicht fremd gewesen sei.

Das Zusammentreffen dieser beiden Männer, der beiden hervorragendsten Typen der Revolution, war daher von besonderem Interesse. Der ehrliche Charakter des Generals ließ ihn auch hier gerade und offen sein Ziel verfolgen und er sprach von der Befreiung Italiens von der deutschen Herrschaft und der Vereinigung der ganzen appeninischen Halbinsel als von einer selbstverständlichen Sache und in einer Weise, die dem König Victor Emanuel verschiedene Verlegenheiten bereitete. Der Kaiser schien dies jedoch nicht zu beachten, machte dem General sehr schmeichelhafte Komplimente über seine Waffenthaten und hielt sonst die Unterredung in den Gränzen der Verständigung über die nächsten militärischen Maßregeln. Von den französischen Generalen wurde dagegen der berühmte Freischaarenführer sehr kühl behandelt und er überzeugte sich sehr bald, wie Recht Mazzini hatte, und daß der sardinische Premier seine einzige Stütze war. Stolz und im Bewußtsein seines redlichen Willens und seiner Verdienste um sein Vaterland zog auch er sich zurück und selbst die Ovationen, welche die Begeisterung der Mailänder seiner Person und seinem Namen zum großen Aerger der Franzosen und Sardinier brachten, konnte ihm den Eindruck nicht verwischen. Verstimmt, aber mit dem Entschluß, so unabhängig als möglich den Kampf zu führen, kehrte er nach Como zurück. – Man will wissen, daß jene Unterredung nicht unwesentlich mit dazu beigetragen hat, den Kaiser Napoleon zu dem Entschluß zu stimmen, der später so rasch den Feldzug beendete und das »Frei bis zur Adria!« desavouirte.

Am 8ten schon hatten die Freischaaren Bergamo besetzt und drangen jetzt, ohne das Vorrücken des Hauptcorps abzuwarten, auf die Nachricht am 11ten, daß Brescia geräumt werde, über die Mella vor. Die Bevölkerung von Brescia, bekanntlich eine der unruhigsten und fanatisirtesten von ganz Italien, empfing sie am 13ten mit Jubel.

Auf diesem Marsch und in Folge der Schlacht von Magenta strömten dem General zahlreiche Freiwillige zu, so daß bald seine früheren Verluste ersetzt waren. Einzelne Abtheilungen wurden in das Valtellin – das obere Adda-Thal, – und das Val Camonica, das obere Thal des Oglio, detaschirt und bedrohten somit bereits die tyroler – also die deutsche Gränze und die Alpenpässe.

Nachdem in der Nacht zum 15ten die piemontesische Avantgarde, in Brescia angekommen, war Garibaldi nach dem Chiese vorgegangen, um bei Ponte San Marco eine Brücke zu schlagen und das westliche Ufer des schönen Gardasees gegen Südtyrol hin zu besetzen.

Seine nach Castenedolo hin detaschirten Vorposten geriethen dabei jedoch mit der Arrieregarde des nach dem Mincio abziehenden Corps Urban, mit der Brigade Rupprecht, in Kampf. Die Alpenjäger wurden mit bedeutendem Verlust zurückgeworfen und Garibaldi selbst war in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Nur der Umstand, daß der König Victor Emanuel von Brescia aus die ganze Division Cialdini zum Beistand sendete, rettete die Freischaaren, und General Urban zog sich vor der Uebermacht zurück.

Es ist hier wohl die Gelegenheit, der Proclamation zu erwähnen, mit der dieser energische und strenge Krieger das ihm vom Kaiser übertragene wichtige Amt des Festungskommandanten von Verona antrat. Ihr Schluß lautete:

»Damit die Bewohner wissen mögen, mit wem sie es zu thun haben, erkläre ich, daß mir als ehrlichem Oesterreicher Jedermann vertrauen kann, und daß ich Keinem von Euch traue!«

Mit diesem Rückzug der österreichischen Truppen breiteten sich die Freischaaren am westlichen Ufer des Garda-Sees aus und drangen bis Gargageano gegen Tyrol vor. –

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