Sebastopol. Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart. Band I–II - John Retcliffe - ebook

Sebastopol. Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart. Band I–II ebook

John Retcliffe

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Opis

Das russische Uebergewicht in Europa wurde vernichtet! Sebastopol! Welche Fülle von Erinnerungen knüpft sich an diesen Namen! war es doch ein furchtbares Ringen um den Besitz dieser Krim-Festung, deren Fall nach fast einjähriger Belagerung den Orient-Krieg entschied, den die Türkei, unterstützt von Frankreich und England, in den Jahren 1853 – 1866 gegen Rußland führte, um dessen Seemacht im Schwarzen Meere zu zerstören. Aber noch ein weiteres Ziel wurde durch diesen endlichen Sieg über die von Totleben, dem russischen Ingenieur-General aus dem Baltenlande erreicht.

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John Retcliffe

Sebastopol

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart. Band I–II

Warschau 2018

Inhalt

Einleitung

Erster Band. Erstes Buch.

Seine und Bosporus.

Erstes Kapitel. Der Prolog.

Zweites Kapitel. Das erste Blut.

Drittes Kapitel. Die Doppelgänger.

Erster Band. Zweites Buch.

Erstes Kapitel. Die Blutbrüder.

Zweites Kapitel. Die Wölfin von Skadar.

Erster Band. Drittes Buch.

Erstes Kapitel. Lorette und Grisette.

Zweites Kapitel. Die Massacres auf Chios.

Drittes Kapitel. Die Flotten.

Viertes Kapitel. Guckkastenbilder.

Fünftes Kapitel. Am Bosporus.

Erster Band. Viertes Buch.

Die Reveille der Völker.

Erstes Kapitel. Ein Getreuer.

Zweites Kapitel. Oltenitza.

Drittes Kapitel. Im Pontus.

Viertes Kapitel. Das Blut Schamyls.

Fünftes Kapitel. Der Aufruhr.

Erster Band. Fünftes Buch.

An der Donau.

Erstes Kapitel. Die Führer.

Erster Band. Sechstes Buch.

Erstes Kapitel. Das Ende vom Anfang.

Zweites Kapitel. Der Aufstand im Epirus.

Zweiter Band. Erstes Buch.

Erstes Kapitel. Das Bombardement der Zivilisation.

Zweites Kapitel. Aug' um Auge, Zahn um Zahn!

Drittes Kapitel. Madara.

Zweiter Band. Zweites Buch.

Erstes Kapitel: Überblick. Der Kampf um Silistria.

Zweites Kapitel. Der Sturm.

Drittes Kapitel. Auf und unter der Erde.

Zweiter Band. Drittes Buch.

Kaleidoskope.

Erstes Kapitel. Auf der Rennbahn.

Zweites Kapitel. In der Steppe.

Drittes Kapitel. Varna.

Viertes Kapitel. Im Tabun.

Fünftes Kapitel. Nursah.

Sechstes Kapitel. Cholera morbus!

Zweiter Band. Viertes Buch

Erstes Kapitel. Alma und Sebastopol.

Zweites Kapitel. In des Meeres Tiefen.

Zweiter Band. Fünftes Buch.

Des Kampfes Beginn.

Erstes Kapitel. Der Tatar.

Zweites Kapitel. Die Feuertaufe.

Drittes Kapitel. Balaclawa und Inkerman.

Viertes Kapitel. Des Meeres und der Liebe Wogen.

Zweiter Band. Sechstes Buch.

Während des Winters.

Erstes Kapitel. Wiederum in der Steppe.

Zweites Kapitel. Nicht auf den Schlachtfeldern allein stirbt man den Tod fürs Vaterland!

Drittes Kapitel. Lagerbilder: die Engländer.

Viertes Kapitel. Der Ausfall: die Russen.

Zweiter Band. Siebentes Buch.

Frühjahr 1855.

Erstes Kapitel. Der geheime Vertrag.

Zweites Kapitel. Hochzeit!

Drittes Kapitel. Dai Bosche! (Gott geb's!)

Viertes Kapitel. Die Orgie.

Fünftes Kapitel. Der Malachoff

Epilog: Die letzte Rose von Charlottenhof.

Einleitung

Sebastopol! Welche Fülle von Erinnerungen knüpft sich an diesen Namen! war es doch ein furchtbares Ringen um den Besitz dieser Krim-Festung, deren Fall nach fast einjähriger Belagerung den Orient-Krieg entschied, den die Türkei, unterstützt von Frankreich und England, in den Jahren 1853-66 gegen Rußland führte, um dessen Seemacht im Schwarzen Meere zu zerstören. Aber noch ein weiteres Ziel wurde durch diesen endlichen Sieg über die von Totleben, dem russischen Ingenieur-General aus dem Baltenlande, mit beispielloser Zähigkeit und einer in der Kriegsgeschichte einzig dastehenden Virtuosität verteidigte Feste erreicht: das russische Uebergewicht in Europa wurde vernichtet! An Stelle Rußlands wurde Frankreich die maßgebende Macht in Europa: der zweite Kaiser aus dem Geschlechte der Bonaparte zwang der Welt seinen Willen auf, den tragischen Untergang seines titanenhaften Ahnen an dem Nachkommen des schlimmsten seiner Widersacher bitter rächend.

Was wir heute in Rußland reifen sehen, ist die Saat von Sebastopol. Mit dem Hinscheiden des selbstherrlichsten unter den neueren Zaren, des ersten Nikolaus, hat der gewaltige Zersetzungsprozeß begonnen, den weder sein Sohn noch sein Enkel haben aufhalten können, und dem sein Urenkel, der zweite Nikolaus, zu erliegen droht.

Der deutsche Diplomat Goedsche, der sich unter dem Pseudonym Retcliffe birgt, hat es mit phänomenalem Geschick verstanden, die schrecklichen Episoden dieses blutigsten aller Kriege  in den Rahmen eines Romans zu fassen, der als ein wichtiges und wertvolles Memoirenwerk seit seinem Erscheinen gegolten hat und für alle Zeit gelten wird. Lange Jahre hat man sich im Zweifel über die Person seines Verfassers befunden, dem ein überreiches Quellenwerk zu Gebote gestanden haben muß, da er sonst unmöglich in solch erschöpfender Weise, wie es hier geschieht, alle militärischen und diplomatischen Ereignisse dieser Jahre hätte schildern können. Aber erst vor kurzer Zeit ist der Schleier gelüftet worden, den er über seine Persönlichkeit zu decken gewußt hat. Die wichtigeren Daten über sein Leben sind in der seinem Romane »Nena Sahib«, der gleichzeitig mit »Sebastopol« in dieser Ausgabe veröffentlicht wird, vorgesetzten Einleitung beigebracht worden.

Der Roman »Sebastopol« glänzt noch durch eine Reihe anderer Vorzüge. Er gibt uns nicht bloß ein großartiges Panorama aller Schlachten dieses als »Krimkrieg« bekannten Orientkrieges, sondern macht uns auch mit den ruhmreichen Heerführern der vier um den Sieg ringenden Nationen bekannt, wie beispielsweise mit den französischen Marschällen Saint-Arnaud und Canrobert, den englischen Generalen Lord Raglan und Somerset, dem türkischen Oberfeldherrn Omer Pascha mit seinem aus allerhand Renegaten bestehenden glänzenden Stabe, und den ihnen gegenüberstehenden Russen Fürst Menschikoff, General Schilder, General Totleben, etc. etc.

Wir finden in dem Roman »Sebastopol« einen erstaunlichen Reichtum von ethnographischen Schilderungen: wir lernen die russischen Steppenvölker kennen, Italiener, Alttürken und Neutürken, Dalmatiner, die Söhne der schwarzen Berge, die gegen die Türkei im Aufstande befindlichen Neugriechen, usw.; wir lernen sie kennen in ihren intimsten Sitten und Bräuchen, in den wildesten ihrer Leidenschaften, in den maßlosesten ihrer Triebe; indessen darf man bei der Beurteilung nicht außer acht lassen, daß die Völker, in deren Schoße Haß und Liebe rasend ringen, noch Naturvölker sind, die von »Europens übertünchter Höflichkeit« noch nicht verdorben wurden.

Ein besonders wildes Kolorit haben die Kriegslager-Szenen, und manche von ihnen lassen sich ohne Bedenken an die Seite von »Wallensteins Lager« stellen. Eine Kapitalfigur, wie wir sie nur spärlich anderswo in der Literatur zu finden vermögen, ist z. B. die Marketenderin Nini, die in Paris ein Verhältnis zu einem russischen Grafen unterhält, dann aber mit dem Kaisergarde-Regiment in den Krimkrieg zieht und für den unter tragischen Umständen in Blödigkeit verfallenen Liebhaber auf das liebevollste weiter sorgt, ihn nie von ihrer Seite läßt, sondern überallhin mit in ihrem Zelte nimmt.

Dieser russische Graf Iwan, der zufolge dieser tragischen Vorgänge außer stande gesetzt wird, eine wichtige Botschaft, die er für seinen Zaren übernommen, auszuführen, und der sich in seinem Zustande der Blödigkeit unentwegt an die Abgangszeit des Bahnzugs erinnert, jedem der ihn zu einer Unterhaltung bringen will, mit nichts anderm antwortend, als mit: »Elf Uhr, der Zug geht ab,« ist eine weitere Kapitalfigur dieses Romans. Nicht minder die Zwillingsschwester desselben Grafen Iwan, die, um die Ehre ihres väterlichen Namens nicht durch des Bruders Ausbleiben zerstören zu lassen, an seiner Stelle als Mann die wichtige Botschaft ausführt und den ganzen Krimfeldzug statt seiner in seinem Regiment mitmacht bis zur Erstürmung des Malakoffs, unter dessen Trümmern endlich der Schleier von dem Geheimnisse gelüftet wird.

Setzen wir diesen wenigen Proben von dem beispiellosen Reichtum des Romans »Sebastopol« an ergreifenden Szenen noch den Hinweis auf die in Albanien und Montenegro spielenden Ereignisse hinzu, auf die weitere, wenn auch minder sympathische Kapitalfigur der »Wölfin von Skadar,« Fatinitza, auf ihren Helden-Liebhaber, den Neugriechen Nikolas Grivas, der durch sie, ebenfalls vor den Mauern Sebastopols, im Kriegshafen von Sebastopol sein schreckliches Ende findet, – erwähnen wir noch, daß außer den bereits genannten Schlachtenführern eine Unzahl anderer berühmten Männer und Frauen aus all den Völkern, die in jenem weltgeschichtlichen Drama als Akteure wirkten, uns mit erstaunlicher Plastik gezeichnet werden, daß wir von Retcliffe unter die Klephten, die wilden Räuber der griechischen Berge, in den Harem des Sultans der Türkei, in die Diplomatenzimmer von Paris und Petersburg, von Rom und Wien, von London und Konstantinopel geführt werden, erwähnen wir noch der meisterhaften Porträts, die uns von den um ihr persönliches Ansehen in diesem Kriege ringenden beiden Herrschern Napoleon II. und Nikolaus I. in verschiedenen Kapiteln gezeichnet werden, so dürften wir genug gesagt haben, um den Lesern und Leserinnen, die zu diesem hervorragenden Werke der neueren belletristischen Literatur greifen, einen Vorgeschmack von dem überreichen Inhalte zu geben, den ihnen dasselbe bietet.

Bekanntlich gilt Retcliffes Roman »Nena Sahib« gemeinhin als sein interessantestes Werk. In gewisser Hinsicht mag das auch zutreffen, wenn dabei der Boden richtig taxiert wird, auf welchem dieses »Ungeheuer von Roman« sich abspielt. Lassen wir aber diesen Boden beiseite, so verdient ganz ohne Frage der Roman »Sebastopol« vor ihm den Preis; in »Nena Sahib« hat man auf jeder Seite die Empfindung, daß sein Verfasser auf Nervenkitzel ausgeht, daß er nur des Nervenkitzels halber die Feder führt, in »Sebastopol« dagegen überwiegt ein so bedeutender Vorrat an weltgeschichtlichem Material, daß wir jenes im »Nena Sahib« übermäßig hervortretende Moment des Nervenkitzels, trotzdem es auch hier nicht etwa fehlt, weniger scharf empfinden.

Zudem dürfen wir weiter nicht vergessen, daß uns in Europa der Krimkrieg sehr nahe gelegen, daß speziell Preußen sich durch die taktvolle Neutralität, die sein König damals einhielt, ein Anrecht auf die russische Neutralität in dem Kriege 1870/71 erworben hat, durch welchen die Machtstellung Frankreichs, die es seinem Siege im Krimfeldzuge verdankte, wieder gebrochen – durch welchen das Prestige des zweiten napoleonischen Kaisers, und des Napoleonismus überhaupt, für alle Zeit vernichtet wurde... ich meine, für jeden deutsch empfindenden Menschen müßte schon dieser Umstand Veranlassung sein, einem Werke wie »Sebastopol« die größere Sympathie zuzuwenden.

Erster Band. Erstes Buch.

Seine und Bosporus.

Erstes Kapitel.

Der Prolog.

Ein heftiger Regenschauer, wie der März sie in Paris häufig mit sich führt, hatte mit der späten Stunde des Abends – die Uhren zeigten bereits über zehn – die bewegliche Masse der Spaziergänger und Flaneurs von den Straßen und Boulevards vertrieben, als an einem Nebenausgang der Galerie Heinrichs IV. in den Tuilerien ein eleganter, aber durch keinerlei Zeichen oder Livree auffallender Wagen wartend hielt. Endlich gegen halb Elf öffnete sich die Tür, und zwei in Mäntel gehüllte Personen, beide in Zivilkleidung, kamen heraus und bestiegen den Wagen, der auf einige dem Kutscher zugeflüsterte Worte sofort über die Pont Royal, durch die Rue du Bac und de Grenelle nach der Esplanade der Invaliden seinen Weg nahm. Ein Losungswort am Tor öffnete ihm den Eingang und der Wagen rollte durch den Cour Royal nach dem berühmten Dom, an dessen Seiteneingang er still hielt. Ein Mann in Generalsuniform schien hier den Wagen erwartet zu haben, öffnete selbst den Schlag und begrüßte höflich die Aussteigenden, von denen der Eine den Mantel dicht um sich geschlagen hielt.

»Sie haben mein Billet bekommen, General?« sagte der Begleiter; »ist unser Mann an Ort und Stelle?« – »Er wartet seit einer halben Stunde.« – »Ah, dann haben Sie wohl die Güte, uns einzulassen. Die Eingänge sind doch geschlossen, und niemand mehr in der Kirche?« – »Es ist alles geschehen, Herr Graf, wie Sie gewünscht,« antwortete der General. »Ich werde die Ehre haben, Sie hier zu erwarten.«

Die beiden Fremden traten in die Kirche und schlossen die Tür hinter sich; der alte Offizier aber lehnte sinnend unter einem Vorsprung der Mauer, um vor dem Regen geschützt zu bleiben; das Schiff der Kirche war dunkel, nur vor dem Hochaltar und in der Kapelle zu Häupten des Katafalks Napoleons I. leuchtete der Schimmer der ewigen Lampen. Ehe die Männer den Gang betraten, hielt der Verhüllte den Andern einen Augenblick am Arm zurück... »Sie kennen Ihre Instruktionen, Graf,« sagte er, »wenn etwas Weiteres nötig, werde ich Ihnen ein Zeichen geben.« – Ihre Schritte hallten im Echo wider an den mächtigen Gewölben, als sie sich der Kapelle näherten. Von den zu beiden Seiten des Grufteinganges aufwärts führenden Stufen des Mausoleums erhob sich ein Mann. Dem gegenseitigen stummen Gruß folgte eine kurze Pause, in der die beiden Parteien im Halblicht des Lampenschimmers sich zu mustern schienen. Von den beiden Eingetretenen hielt sich der größere jetzt mehr im Schatten und in den Falten seines Mantels verborgen, ohne auch im Gotteshause den Hut abzunehmen; der andere trat näher ans Licht; seine Gestalt war mittelgroß und ziemlich schlank, und sein Kopf trug charakteristische Züge, geeignet, die Erinnerung jedes Franzosen wachzurufen. Ein ergrauender Schnurr- und Knebelbart bedeckte den unteren Teil seines Gesichts, aus dem ein paar scharfe, unruhige Augen unter starken, buschigen Brauen den Dritten forschend vom Kopf bis zu den Füßen maßen. Dieser erwiderte ruhig, mit einem etwas matten, starren Auge den Blick. Es war ein Mann in hohem Lebensalter, offenbar den Siebenzig nahe, aber von ungebeugter, fester Körperhaltung. Haupthaar und Bart waren weiß, das Gesicht, außer von zwei tiefen Narben, auch von Runzeln des Alters durchfurcht; eine der Narben lief von dem linken Backenknochen aus bis auf den Schädel, auf dessen hoher, kahler Platte sie endete. Der Greis hatte den Reitermantel auf den Stufen des Mausoleums fallen lassen und stand vor den beiden in einer offenbar alten, unscheinbar gewordenen Offiziersuniform der Poniatowski'schen Lanciers.

»Sie sind der Herr,« begann derjenige, welcher den General am Eingang angeredet hatte, auch hier das Gespräch, »welcher Seiner Majestät dem Kaiser vor drei Tagen dies Memoire eingereicht hat?« Er zeigte ihm hierbei ein ziemlich starkes Heft und fuhr, als der Angeredete sich zustimmend verneigte, fort: »Sie werden aus dem Besitz dieser Papiere ersehen, daß ich von allem in Kenntnis gesetzt bin und Vollmacht habe, mit Ihnen zu verhandeln. Der Kaiser ist begierig, den Verfasser dieser Winke kennen zu lernen, und da es heute das erste Mal ist, daß Sie eine persönliche Annäherung selbst gewünscht haben, obgleich, wie ich gestehe, an einem seltsamen Ort und zu seltsamer Zeit, so hat mich Seine Majestät beauftragt, Ihre Eröffnungen entgegenzunehmen und Sie nötigenfalls, wenn Sie darauf bestehen, zu ihm zu führen.« – »Das ist unnötig, Herr Graf,« bemerkte der andere, »ich weiß vollkommen die Person zu schätzen, mit der ich hier zusammentreffe.«

Der Graf errötete leicht und warf einen Moment lang den Blick auf seinen Begleiter, der an der zweiten Seitenwand des Mausoleums lehnte. »Sie kennen mich, mein Herr,« sagte er rasch... Der Alte verneigte sich ehrerbietig. »Es rollt Blut in Ihren Adern, Exzellenz, das ein alter Offizier des Kaisers nie verkennen wird. Überdies sind wir gewissermaßen Landsleute, ich bin Pole von Geburt.« – »Sie gehören zu der Konföderation Czartoryski?« sagte jener rasch. – Der Pole schüttelte spöttisch das Haupt. »Herr Graf,« sagte er, »ich bin nicht siebenundsechzig Jahre geworden, ohne gelernt zu haben, daß Polen nicht auf dem Parkettboden der Pariser Salons neu werde erstehen können. Der Fürst ist mir nur dem Namen nach bekannt. Doch lassen wir das, – es führt uns nur von unserem Gegenstand ab. Ich bitte, rekapitulieren wir für einen Augenblick den Stand der Angelegenheiten.«

Der Graf verneigte sich zustimmend, und der alte Offizier fuhr fort: »Im Mai 1850 ging das Kabinett der Tuilerien auf den von mir anonym vorgelegten Plan einer Initiative in der orientalischen Angelegenheit ein und ließ durch General Aupik von der Pforte den Besitz der heiligen Orte fordern. Gerade ein Jahr später griff Herr von Lavalette die Frage wieder auf und brachte im Herbst die Pforte zu einem Zugeständnis. Dies hatte, wie wir vorausgesagt, die Reklamationen des Petersburger Hofes zur Folge, der auf den Vorrechten der griechischen Kirche bestand. Der Diwan, von den russischen Forderungen ins Gedränge gebracht, ließ mit einer genugtuenden Erklärung warten, und Marquis von Lavalette brach zu Ende des Jahres seine diplomatischen Beziehungen ab. Auch das Jahr 1852 verging mit den angeregten Verhandlungen, die immer verwickelter wurden. Die Pforte, zwischen den beiden bedrohenden Mächten in die Enge getrieben, suchte nach beiden Seiten einen begütigenden Ausweg. Wie das damalige Memoire der Regierung voraussagte, spannte bei der Erklärung des französischen Gesandten, zufrieden gestellt zu sein, der russische seine Forderungen höher und verlangte jenen Ferman zugunsten der Griechen, dessen Auslegung und Proklamation neue Verwickelungen hervorrufen mußte. Herr von Lavalette drohte im November bei einem Bruch der Frankreich gegebenen Zusage die Flotte herbeizurufen. England, um weder Frankreich noch Rußland die Oberhand zu gewähren, erklärte beider Ansprüche für zu weit getrieben. Das war der Augenblick, um den Zusammenstoß der beiden mächtigen Feinde der Napoleoniden, Rußlands und Englands, vorzubereiten.«

»Ah, Sie meinen die Erklärung unseres Gesandten unterm zehnten Dezember, daß Frankreich keinen Anspruch auf ein Protektorat über die römisch-katholischen Untertanen der Pforte mache, und die Erbötigkeit unseres Gesandten in Petersburg, sich mit dem russischen Kabinett über die streitigen Punkte in der Frage der heiligen Stätte zu verständigen?« – »Ganz recht, Herr Graf. Seine Majestät der Kaiser hatte die Gnade, damals mein letztes Memoire zu empfangen und dessen Versicherung zu vertrauen, daß Kaiser Nikolaus auf dem unbedingten Protektorat über die griechischen Christen in der Türkei, das ist, bei einem Verhältnis von neun zu vier Millionen, über die Türkei selbst, bestehen und seine Forderung durch eine unüberlegte Waffen-Demonstration unterstützen würde.« – »England, mein Herr,« unterbrach die sonore Stimme des Verhüllten zum ersten Male mit dem Tone der Ungeduld die Unterhaltung, »begann seinen Rückzug. Die Depeschen Lord John Russels an den Gesandten in Paris und an den Oberst Rose konstatieren, daß das Kabinett von St.-James die Schuld der ersten Drohung immer auf Frankreich schiebt, die beiderseitige Haltung mißbilligt und sich jeder Einmischung fern halten will.« – »Diese Haltung,« entgegnete mit einer Verbeugung der alte Offizier, »war von dem schwankenden Charakter Lord Johns vorauszusehen. Aber sie wurde paralysiert durch die Erklärungen, zu denen sich Kaiser Nikolaus unvorsichtigerweise hinreißen ließ, und die Ihnen ohne Zweifel bekannt sind, Herr Graf?« – »Ich weiß nicht, was Sie meinen.« – »Dann haben Sie die Güte, diese Aktenstücke zu lesen. Es sind die genauen Abschriften der geheimen Berichte, die Sir Seymour, der englische Gesandte in Petersburg, über vier Privat-Unterredungen eingesendet, die er am 9. und 14. Januar, sowie am 20. und 21. Februar mit dem Kaiser Nikolaus hatte; desgleichen des einen Memorandums vom letzten Datum, das der Kaiser jenem Gesandten zustellen ließ.« Der alte Offizier zündete eine der auf dem nahen Altare stehenden geweihten Kerzen an und überreichte ein Heft Papiere, das der andere hastig ergriff und mit großer Aufmerksamkeit durchflog, während auch der Verhüllte näher hinzutrat und über die Schulter des Grafen mitlas. – »In der Tat, mein Herr,« sagte der letztere nach einer Pause von etwa zehn Minuten, »ich kannte zwar im allgemeinen den Inhalt der Unterredung vom 9., doch diese wichtigen Details sind mir neu. Es scheint, Lord John spielt eine doppelte Karte, indem er uns die Kenntnis so bedeutsamer Entschließungen vorenthielt.«

»Der Zar, mein Herr,« entgegnete der Greis, »ist ein kluger Politiker und hat sehr recht daran getan, sein Geschwader gleich Frankreich und England ins Mittelmeer zu kommandieren. Sie werden sich erinnern, daß mein Memoire auf eine solche Gelegenheit spekulierte.« – »Ich gebe zu,« sagte der Graf, »daß die russischen Forderungen allerdings den Charakter von Demonstrationen gewinnen können, die den Kaiser und das Kabinett von St.-James zwingen würden, für den Fall einer Krise ihren Gesandten besondere Instruktionen zu geben.«

Der Pole lächelte. »Euer Exzellenz trauen mir noch immer nicht. Vorgestern, am 22., hat Seine Majestät ihrem Gesandten in Konstantinopel bereits diese Instruktionen zugesandt. Soll ich Ihnen die vier Fälle der Instruktion noch bezeichnen? – Gestern ist die Note an Sie nach London abgegangen, worin die Regierung die Hoffnung an das englische Kabinett ausspricht, daß in Konstantinopel beide Gouvernements gegebenenfalls gleiche Haltung beobachten werden. Die Depesche wird Ihren Weg gekreuzt haben, Herr Graf, da Sie, durch den Telegraphen berufen, gestern Abend Dover verlassen haben.« Der Graf trat erstaunt einen Schritt zurück, der Verhüllte aber ungestüm auf den Fremden zu, indem er durch die heftige Bewegung den verbergenden Mantel zum Teil fallen ließ. »Wer sind Sie, mein Herr? Sie sehen, ich habe ein Recht zu fragen, und ich will wissen, auf welche Weise die Geheimnisse des Staates in Ihre Hände kommen?« – Der alte Mann verbeugte sich ehrerbietig. »In Frankreich,« sagte er, »hat stets das Wort eines Edelmannes gegolten, und ich bin im Vertrauen auf dasselbe hierher gekommen. Das Recht, nicht gekannt zu sein oder zu scheinen, sei ein beiderseitiges.«

Der andere Mann hüllte sich wieder in den Mantel. »Nach Ihrem Belieben, mein Herr, doch ich glaube, Sie sind mir noch immer das Resultat schuldig.« – Der Pole zog nochmals Papiere hervor und überreichte sie dem wieder herangetretenen Grafen. »Hier finden Euer Exzellenz das, was jede englische Zögerung aufheben wird. Es ist die geheime Instruktion des Fürsten Menschikoff und weist ihn an, auf unbedingte Anerkennung des Protektorats Rußlands über die griechische Kirche und somit auf Unterwerfung der Pforte unter die russische Oberhoheit zu dringen und einen Vertrag mit ihr abzuschließen, der 400 000 Mann und die Flotte von Sebastopol zu ihrem Schutz gegen die Westmächte stellt.« – Der Mann im Mantel riß ihm die Papiere aus der Hand und durchflog sie eilig. »Das ist genug, mehr als genug!« sagte er hastig. »Lesen Sie, Graf.« – Der Pole überreichte ihm ein zweites Papier. »Hier ist das Verzeichnis der sämtlichen Streitkräfte, die Rußland in diesem Augenblick disponibel hat. Die Positionen der Truppen und die Dauer der Etappen sind genau verzeichnet, ebenso die Streitkräfte und Vorräte an den Ufern des Schwarzen Meeres.« – »Gut, sehr gut! Aber was raten Sie nun, mein Herr?« – »Der Kaiser, von dem unterrichtet, was ich soeben hier vorzutragen die Ehre hatte, wird seine Vorbereitungen treffen. Während Frankreich ohne Mühe 100 000 Mann zum Schutz der Türkei an das andere Ende des Mittelmeeres setzen kann, wird eine solche Anstrengung England in seinen besten Lebensquellen erschüttern. Es wird die Truppen aus Indien und den Kolonien heranziehen müssen, und indeß seine unzureichende Armee im Kampf gegen Rußland sich aufreibt, wird Frankreich kräftiger und mächtiger denn je als der wahre Hort Europas und der Zivilisation dastehen. Dann – ja dann, wenn England und Rußland sich gegenseitig geschwächt haben, wird es Zeit sein, die Maske abzuwerfen und die Asche des großen Toten, der hier ruht, zu rächen an seinen beiden stolzen Feinden.« – »Aber Österreich – Deutschland?« – –

»Österreich? – o, es wird zuerst den Fuß des Siegers auf seinem Nacken fühlen, von zwei Seiten zugleich, an der Donau und am Po bedroht. Und Deutschland? – Ei! will der Kaiser den Rheinbund erneuern? Er wird im Nu zu seinen Füßen liegen. Und Preußen? o, so hochmütig und abgeschlossen es in sich selbst ist, so wird es zaudern und zaudern, bis ihm der Kampf bleibt um die eigene Existenz, und in diesem Kampf wird es sich selbst verbluten. An dem wiedererstandenen Polen und Ungarn und an dem neugeborenen Italien wird das kaiserliche Frankreich drei Stützen haben, die ihm die Welt unterjochen helfen.«

Der Mann im Mantel hatte, die Rechte fest auf die Stirn gepreßt, die entflammenden Worte des alten Offiziers angehört, während die Linke sich auf den Vorsprung der Gruft stützte. Der Mantel war von seinen Schultern gesunken, so stand er eine Weile stumm und still, dann wandte er sich mit einem stolzen Ausdruck zu dem Polen... »Was immer auch Ihr Zweck sein mag, und ich glaube ihn in jenem schönen Traum von der Wiederherstellung Ihres Vaterlandes zu erkennen, – Sie haben gesiegt, und ich werde um jenes großen Toten willen Ihre Prophezeiung erfüllen, wenn Gott mir so lange das Leben läßt... Leben Sie wohl, mein Herr, und nehmen Sie meinen Dank. Es ist hoffentlich nicht das letzte Mal, daß wir uns sprechen, und ich bitte Sie, mir recht bald wieder Nachricht zu geben.« Er grüßte den Fremden höflich, aber vornehm, während der Graf ihm den Mantel wieder umhing, und wandte sich nach dem Ausgang der Kirche. – »Sie gehen mit uns?« fragte sein Begleiter den Offizier und verweilte einen Augenblick bei diesem. – »Verzeihen Exzellenz, ich habe hier noch ein Gebet zu verrichten. In London das weitere! Ich bitte Sie, jedem Boten zu vertrauen, der Ihnen zu seiner Beglaubigung dies Zeichen übergeben wird.« Er zeigte dem Grafen ein eigentümlich geformtes kleines Kreuz von schwarzem Holz, mit Silberstiften geziert. Der Graf neigte bejahend den Kopf, grüßte und eilte dem Voraufgegangenen nach, um mit dem erhaltenen Schlüssel die Kirchtür zu öffnen. Draußen fanden sie den General auf seiner übernommenen Wache. Mit gezogenem Hut begleitete der Veteran die geheimnisvollen Gäste bis an den harrenden Wagen und schloß selbst den Schlag. Der Mann im Mantel wandte sich, als der Wagen das Tor verlassen, zu seinem Begleiter. »Hat Maurepas auch die gehörigen Instruktionen? und sind Sie sicher, daß uns dieser Mensch nicht entgeht, wenn er das Hotel verläßt? Ich muß wissen, woran ich mit diesem geheimnisvollen Treiben bin: eine solche Macht im Staate ist zu gefährlich, um sie unbeachtet zu dulden.« – »Es ist alles nach Ihrem Befehl geschehen, Sire,« entgegnete der Graf; »die zuverlässigsten Agenten werden dem Manne folgen. Morgen früh, Sire, haben Sie den gewünschten Rapport.« Auf den Arm des nach dem Dom, um die Tür zu schließen, zurückkehrenden Generals aber legte sich im Schatten der hohen Mauern des Hofes eine Hand und hielt ihn zurück. »Kennt General Beaupré diesen Ring?« fragte er freundlich. »Ein Kadett der großen Armee gab ihn schwer verwundet in Leipzig dem Soldaten, der ihn aus dem brennenden Hause der Vorstadt und über die Brücke der Pleiße trug, wenige Minuten vorher, ehe sie gesprengt wurde.« – »Das war ich,« sagte erregt der General; »wie kommen Sie zu diesem Ring, Herr, Sie sind doch nicht –« »Der polnische Lancier, der Sie zufällig rettete? allerdings, wenn auch diese Züge Ihnen kaum noch kenntlich sein werden. Unter braven Soldaten, General, bleibt immer Kameradschaft und Sie werden mir gewiß eine kleine Gefälligkeit nicht verweigern, um zu verhindern, daß Ihr Lebensretter in eine Schlinge der geheimen Polizei fällt.« Eine Viertelstunde darauf entfernte sich durch eine Seitentür nach dem Latour-Maubourg unbeachtet ein Mann in dem Rock eines Aufwärters und schlug die Richtung nach dem Marsfelde ein.

*

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