Schweden - Rasso Knoller - ebook

Schweden ebook

Rasso Knoller

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Opis

Wann immer eine Rangliste der Guten erstellt wird, ist Schweden ganz oben dabei. Wer zahlt die meiste Entwicklungshilfe? Wer nimmt im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Flüchtlinge auf? Welches Land hat die meisten weiblichen Parlamentsabgeordneten? Wer war schon über 200 Jahre in keinen Krieg mehr verwickelt? Die Heimat von Pipi Langstrumpf und den gemütlichen roten Holzhäuschen sorgt weltweit für eine Art Kuschelfaktor. Dabei ist die staatliche Überwachung, die man hierzulande noch tapfer bekämpft, in Schweden in vielen Bereichen längst normal. Rechte Parteien gewinnen immer mehr Anhänger und in der Frage der Atomkraft hat man zwar 1980 den Ausstieg beschlossen, passiert ist bisher aber herzlich wenig. Das Vorzeigeland Schweden ist ein Land voller Gegensätze – eine Behauptung, die man im Land selbst energisch bestreiten würde.

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Rasso Knoller

SchwedenEin Länderporträt

Rasso Knoller

Schweden

Ein Länderporträt

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überwww.dnb.de abrufbar.

1. Auflage, April 2016entspricht der 1. Druckauflage vom April 2016© Christoph Links Verlag GmbH, 2016Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0www.christoph-links-verlag.de; [email protected] und Innengestaltung: Stephanie Raubach, BerlinKarte: Christopher Volle, FreiburgLektorat: Günther Wessel, Berlin

ISBN 978-3-86284-331-2

Inhalt

Vorbemerkung

Einleitung

Bullerbü und Wohlfahrtsstaat

Kuschelland ist abgebrannt

So funktioniert Schweden

Wählen, regieren, repräsentieren

Die Königin der schwedischen Herzen und der König bei der Kissenschlacht

Die schwedischen Parteien

Die Sozialdemokraten: Die ewige Regierungspartei

Die Linkspartei: Mehrheitsbeschaffer ohne Regierungsamt

Die Grünen: Im Kampf für den ungespritzten Apfel

Die Konservativen: Das bürgerliche Gegenmodell

Die Liberalen: Liberal, neoliberal, marginal

Die Zentrumspartei: Ja, nein, vielleicht – Anti-Atomkraftpartei auf Abwegen

Die Christdemokraten: Lieber Ausländer als Schwule

Die Schwedendemokraten: Schwiegermutterlieblinge mit »Ausländer raus«-Politik

Nordische Zusammenarbeit

Lieber gemeinsam als allein

Gemeinsam schießen in Richtung Osten

Das Schwedenbild im Norden: Schwedenwitze und ein Sieg im Eishockey

Minderheiten: Die Finnen ins Töpfchen, die Roma ins Kröpfchen

Die Sami: Touristenguide statt Rentierzüchter

Schwede sein, Glück allein

Immer schön bescheiden bleiben – und nicht streiten

Wenn Flirten zur Qual wird

Duzen: Bror Rexed hat’s erfunden

Tack, tack, tack – Freundlichkeit ist bei den Schweden Pflicht

Entspannter Problemlöser: Die Kaffeepause

Ehrgeiz ist aller Laster Anfang

Die Zlatanisierung Schwedens

Erziehung: Der schiefe Turm von Pisa

Das Jedermannsrecht: Machet auf das Tor

Wohnmobilfahrer und Beerenpflücker

Die schwedische Geschichte

Ein kurzer Blick zurück

Die Wikinger

Die Großmachtzeit von 1611 bis 1719

Der Zweite Weltkrieg

1986: Die Ermordung Olaf Palmes

Mein Freund, der Staat

Reiches Schweden: relativ

Das Ende des Wohlfahrtsstaates

Der »Dritte Weg« in die Sackgasse

Das Glück wird im Kopf gemacht

Der gläserne Schwede

Transparent seit 1766

Der Staat zieht die Vorhänge zu

Die Steuererklärung macht das Finanzamt

Karl-Bertil sorgt für Gerechtigkeit. Ein schwedisches Weihnachtsmärchen

Der gute große Bruder

Korruption: Zu Hause hui, im Ausland pfui

Spionieren für Obama

Assange und die Frauen, oder Assange und die Freiheit?

Ladies first?

Monster Mann?

Hexen und Bauersfrauen

Die Genossenschaft der Frauen

Frauen ins Parlament

Mama hat die Hosen an

Die Mutti bleibt am Kinderbett

Der Sprache muss endlich genderneutral werden

Ein Mann für die Gleichheit

Prostitution: Wer zahlt, hat unrecht

Die Wirtschaft: Autos, Möbel und Kernkraftwerke

Früher die Ärmsten, heute (fast) die Reichsten

Atomenergie: Der Ausstieg aus dem Ausstieg

Saab und Volvo auf der Fahrt nach Peking

Ikea aus Holland

Zuflucht im hohen Norden

Willkommen im Drei-Kronen-Land?

Human oder naiv?

Eine Kluft spaltet das Land

Der Schlagbaum senkt sich

Entwicklungshilfe: Von Eins auf Sieben

Typisch schwedisch

Pippi Langstrumpf, Lördagsgodis und Fredagsmys

Mit dem Bratt-Buch gegen Alkoholmissbrauch

Wenn die Sonne Überstunden macht

Blutiges Schweden

Telefonanruf aus Waterloo

Am wichtigsten ist der Eishockeysieg

Der Vater des Elchwarnschilds

Anhang

Lesetipps

Danksagung

Basisdaten

Karte

Zum Autor

Vorbemerkung

Bevor ich loslege, zwei generelle Bemerkungen: In einem Leserbrief zu meinem Finnlandbuch aus dieser Reihe hatte mir jemand mitgeteilt, dass nicht alle Finnen so seien, wie in meinem Buch beschrieben. Jeder Mensch sei doch ein Individuum.

Das ist richtig. Bücher über ein Land und dessen Menschen sind aber nur möglich, wenn man generalisiert. Deswegen: Nicht jeder Schwede ist so, wie in diesem Buch beschrieben. Manche Eigenheiten treffen aber doch auf so viele zu, dass sie einem interessierten Beobachter ins Auge fallen; dass es Sinn macht, von »typisch schwedisch« zu sprechen.

Und ein weiterer Hinweis: Ich habe in diesem Buch aus Gründen der Lesbarkeit immer die männliche Form verwendet, auch dann, wenn beide Geschlechter gemeint sind. Wenn ich vom Schweden spreche, ist also in der Regel auch die Schwedin gemeint.

Einleitung

Bullerbü und Wohlfahrtsstaat

Wann immer eine Rangliste der Guten erstellt wird, steht Schweden weit oben. Wer zahlt die meiste Entwicklungshilfe? Wer nimmt die meisten Flüchtlinge auf? Welches Land hat die meisten weiblichen Parlamentsabgeordneten? Wo engagiert man sich am meisten für den Umweltschutz? Wer war schon über 200 Jahre in keinen Krieg mehr verwickelt? Die Heimat von Pippi Langstrumpf und den gemütlichen roten Holzhäuschen sorgt weltweit für Kuschelfaktor. Doch das Idyll hat ein paar Kratzer.

Krank sollte man beispielsweise nicht werden in Schweden. Auf einen Arzttermin hat schon mancher so lange warten müssen, dass sich die Therapie erübrigt hat. Staatliche Überwachung, die man hierzulande noch tapfer bekämpft, ist in Schweden in weiten Bereichen normal. Rechtes Gedankengut gewinnt auch in Schweden immer mehr Anhänger, und in der Frage der Atomkraft hat man zwar schon 1980 den Ausstieg beschlossen; auch hier war man Vorreiter. Inzwischen ist man auch Vorreiter beim Ausstieg vom Ausstieg – jetzt sollen die Atomkraftwerke noch eine Generation lang für Strom sorgen. Das Vorzeigeland Schweden ist ein Land voller Gegensätze – eine Behauptung, die man im Land selbst vermutlich energisch bestreiten würde. Denn die wichtigste Eigenschaft eines richtigen Schweden ist sein schier unstillbares Bedürfnis nach Harmonie.

Als ein Land, in dem alle lieb zueinander sind, so sieht man Schweden auch im Ausland. Viele Deutsche waren noch nie in Schweden, aber irgendwie sympathisch finden die meisten das Land doch – unbekannterweise. Wer kann schon was gegen Pippi Langstrumpf haben, gegen Wälder, die vollgestopft sind mit Elchen und gegen Blaubeerkuchen. Schweden ist in der Vorstellung der meisten Deutschen wie ein alter Volvo. Solide, zuverlässig und richtig gut – aber vielleicht auch ein bisschen langweilig. Für die Schwedenbegeisterung der Deutschen gibt es inzwischen sogar ein eigenes Wort. Man spricht vom Bullerbü-Syndrom, wenn wir Deutschen uns Schweden als heile Welt imaginieren. Eine Welt voll bunter Holzhäuschen, blauer Seen und glücklicher Menschen. Auch wenn am heimischen Fernseher heile Welt gefragt ist, greift man gern zum Schwedenklischee. Und wenn die Nordleute davon nicht selbst genug liefern können, dann basteln wir es uns einfach selbst. Die Schnulzenschreiberin Inga Lindström, deren Romane die Vorlage für die endlose Reihe fernsehsonntäglicher Schwedenhappen sind, ist in den Augen vieler Deutscher die bekannteste und erfolgreichste »schwedische« Schriftstellerin. Mit richtigem Namen heißt die Dame allerdings Christiane Sadlo und kommt vom Bodensee. Als Frau Sadlo aus Ravensburg könnte sie die Sehnsüchte der Deutschen aber nicht so leicht bedienen. Dieter Bächle, Locationscout für die Lindströmfilme, antwortet in einem Interview auf die Frage, was er mit den Filmen vermitteln wolle, schlicht und einfach: »Dass das Leben wunderbar ist!«

Dass wir das Leben in Schweden so wunderbar finden, hat vielleicht auch mit frühkindlicher Prägung zu tun. Denn fast jedes deutsche Kind wächst mit Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und Ronja Räubertochter auf. Wer beim Buchversender Amazon den Suchbegriff »Reiseführer Schweden« eingibt, stellt fest, dass auf neun von zehn Covern entweder ein gemütliches Schwedenhäuschen und/oder ein kuscheliger Elch abgebildet ist. Wohl kein Land der Welt lässt sich so einfach durch seine Klischeebilder beschreiben. Und: Auf den ersten Blick scheinen die auch noch zu stimmen. Rote Häuschen gibt es schließlich zuhauf und jede Menge Elche trotten wirklich durch die grünen schwedischen Wälder. Allerdings löst sich manches Klischee schnell auf, wenn man es hinterfragt, wenn man – in übertragenem Sinne – die Tür zum Schwedenhaus öffnet und sich im Inneren ein wenig genauer umsieht. Zu diesem Rundgang hinter die Kulissen will Sie dieses Buch einladen.

Kuschelland ist abgebrannt

In den letzten Jahrzehnten ist Schweden dem Rest der Welt ähnlicher geworden. Die Zeiten, in denen sich das neutrale Land aus allen Konflikten heraushalten konnte, Wirtschaftskrisen souverän trotzte und sich die Schweden vom Vater Staat sicher beschützt und versorgt fühlen konnten, sind vorbei. Die Zeiten, als man im Paradies eine blau-gelbe Flagge hochzog, liegen lange zurück. Vielleicht kann man sogar den Tag benennen, an dem Schweden anfing, ein ganz normales Land zu werden – den 28. Februar 1986. An jenem Tag wurde der damalige Ministerpräsident Olof Palme auf dem Heimweg vom Kino von einem unbekannten, bis heute nicht gefassten Attentäter erschossen. Noch ein zweites Mal erschütterte ein Politmord das Land. Im September 2003 stach ein Verrückter die damalige Außenministerin Anna Lindh beim Einkaufen nieder.

Es hat sich viel verändert im Drei-Kronen-Land seit Mitte der 1980er Jahre. Irgendwann wurden die Wohltaten, die Schweden seinen Bürgern bescherte, zu teuer, beziehungsweise – und das ist eine andere Lesart – die bis dahin herrschende Solidarität zwischen Vermögenden und Bedürftigen bröckelte. Aus dem »Volksheim«, in dem jeder für jeden einstand, entwickelte sich ein neoliberaler Staat, in dem die Ellenbogen ausgefahren werden.

Anfang der 1990er Jahre war das Staatsdefizit auf zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung angestiegen – das war der höchste Wert aller westlichen Industrieländer –, die Inflationsrate schnellte auf zehn Prozent hinauf und auch die Arbeitslosenrate kletterte in den zweistelligen Bereich. Die Sozialdemokraten hatten das schwedische »Volksheim« erbaut, sie waren es auch, die es jetzt renovierten – oder, auch hier gibt es eine zweite Lesart, abrissen. Die Regierung unter Ministerpräsident Göran Persson kürzte damals das Arbeitslosengeld und die Sozialhilfe, lockerte den Kündigungsschutz und nahm bei der Rente Streichungen vor.

Vor allem im Gesundheitswesen hat man damals eisern gespart, jedes vierte Krankenhaus wurde geschlossen. Da die Schweden aber nicht einfach aufhörten, krank zu werden, hat das Land seitdem ein riesiges Problem und ein neues Wort. Von der hälsokö, der »Gesundheitsschlange«, spricht man, wenn man monatelang auf eine Behandlung warten muss. Der populäre Witz, dass man in schwedischen Krankenhäusern ausgezeichnet versorgt werde, falls man die Wartezeit bis zur Behandlung überlebt, ist zu nahe an der Wahrheit, als dass man über ihn lachen könnte.

Doch auch in der Krise waren die Schweden wieder Vorbild, diesmal aber für eine andere Klientel. Während in den 1960er bis 1980er Jahren viele Regierungen in Schweden Anregungen holten, wenn es darum ging, ihren Sozialstaat auszubauen, war das Land jetzt Vorbild beim Abbau desselben – auch für Gerhard Schröder und seine Hartz-IV-Truppe. Die schwedischen Einsparungen hatten damals schnell Wirkung gezeigt und die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht. Das wollte auch Kanzler Schröder in Deutschland schaffen und nahm sich die nordischen Genossen zum Vorbild. Allerdings vergaß er dabei, dass die Schweden ihre Kürzungen von einem wesentlich höheren Niveau aus begonnen hatten. Die leidige Krankenhausgeschichte einmal ausgenommen, versorgte man die Bürger, selbst nach Durchsetzung aller Sparmaßnahmen, immer noch mehr als in Deutschland davor. Eine Verarmung ganzer Gesellschaftsschichten hat es deswegen in Schweden bisher nicht gegeben. Allerdings zeigen sich auch dort inzwischen die Langzeitfolgen der Einsparungen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden auch in Schweden größer. Anders als Gerhard Schröder nach der Jahrtausendwende, musste sein Kollege Göran Persson in den 1990er Jahren sein Sparprogramm vor der Öffentlichkeit nicht groß verteidigen. Wie auch sonst immer, wenn die Regierung etwas beschloss, hatten die Bürger die Sparbeschlüsse klaglos akzeptiert. Die manchmal erschreckende »Obrigkeitshörigkeit« der Schweden, die ihren Politikern absolut nichts Böses zutrauen, lässt sie bereitwillig alles erdulden, was ihnen auferlegt wird. Auch dass die Schweden heute das am besten überwachte Volk Europas sind, stört dort nur wenige – Vater Staat wird’s schon richten.

So funktioniert Schweden

Wählen, regieren, repräsentieren

Ganz schnell kann man erklären, wie die Schweden ihre Abgeordneten wählen: Die 349 Mitglieder des Riksdags werden nach dem Verhältniswahlrecht für vier Jahre gewählt. Das Land ist in 29 Wahlkreise eingeteilt, die je nach Größe zwischen zwei und 36 Abgeordnete in den Stockholmer Reichstag entsenden. Wahltag ist immer ein Sonntag im September. Die Sperrklausel liegt bei vier Prozent. Wenn jedoch eine Partei, die landesweit an der Vier-Prozent-Hürde scheitert, in einem Wahlkreis mehr als zwölf Prozent der Stimmen gewinnt, erhält sie trotzdem die ihr dort zustehenden Mandate. Dadurch sollen nach dem Willen des Gesetzgebers Regionalparteien oder Parteien, deren Wähler konzentriert in einer Region leben, besser geschützt werden – in der Praxis kam diese Ausnahmeregel aber noch nie zur Anwendung. Der Reichstag wählt den Ministerpräsidenten, s, der dann die Minister der Regierung ernennt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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