Schöne Reise - Helga Schubert - ebook

Schöne Reise ebook

Helga Schubert

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Opis

Dieses Buch mit 14 Erzählungen von Helga Schubert erschien 1988 im Ostberliner Aufbau-Verlag, ein Jahr vor der friedlichen Revolution. Es sind Geschichten von Fernweh und Sehnsucht, von Ausbrüchen und Übertretungen, von Leuten, die nicht im Geschirr liefen, und immer wieder von Frauen, die sich was trauen. Und die Schöne Reise wird erst dadurch schön, dass sich die beiden vertrauten Liebenden an keine unnötigen Vorschriften halten. INHALT: Schöne Reise Blickwinkel Mondstein Anna kann Deutsch Resi Die Silberkrone Meine alleinstehenden Freundinnen Die Tagung Das Arbeitsessen Das verbotene Zimmer Innenhöfe Mein Vater Luft zum Leben Heute Abend

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Liczba stron: 172

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Impressum

Helga Schubert

Schöne Reise

Geschichten

ISBN 978-3-86394-996-9 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1988 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta unter Verwendung des Bildes "Abendbild" von Johannes Helm (1976)

© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Schöne Reise

Dieses Vorhaben verschwiegen wir lieber. An das südliche Meer zu fahren und nicht an das nördliche. An das südliche, und dann noch im Sommer, wenn alle bloß dorthin fahren, weil sie braun werden wollen und sagen können, im Urlaub, ach, da waren wir im Süden.

An das südliche Meer, und dann nicht mit dem Auto und auf einen Campingplatz, nicht einmal zu Freunden, die einem die Wohnung zur Verfügung stellen.

Sondern mit dem Reisebüro.

Aber wir sollten in einem Bungalow wohnen, nicht in einem Hotel. Und wir fuhren schon im Juni, sogar noch am letzten Maitag. Da war Vorsaison. Wir nahmen ein Wörterbuch mit. Das zu unserer Entschuldigung.

Der Abflug war ein paar Minuten vor Mitternacht. Treffpunkt schon ein paar Stunden vorher. So konnten sich alle Teilnehmer der Reisegruppe gegenseitig besichtigen.

Vier Frauen reisten allein. Sie saßen an den vier äußersten Ecken im Wartesaal und beäugten sich. Mit welcher der drei anderen will ich den Bungalow teilen, fragte sich jede. Denn je zwei sollten zusammen wohnen.

Die meisten waren Vorsaisonurlaubsehepaare. Ohne schulpflichtige Kinder. Oder Freundinnen mit ihrer Freundin. Nur zwei junge Männer reisten allein. Sie hatten keine andere Wahl als sich selbst. Und saßen schon zusammen, gottergeben. In der Hochsaison bekamen sie bestimmt vom Betrieb keinen Urlaub. Warum also nicht in der Vorsaison fahren und hundert Mark einsparen.

Noch zwei Männer warteten zusammen auf das Flugzeug. Sie hatten Tonbandgeräte und Kameras umgehängt, saßen als einzige an der Flughafenbar, tranken Whisky und waren gut gelaunt. Mit ihnen musste was nicht stimmen. Und das zeigte sich schon bei der Passkontrolle. Sie waren Einzelreisende, beruflich unterwegs, auf keine Urlaubsbekanntschaft angewiesen. Sie kamen nicht in Betracht, und die vier einzelnen Damen sahen nicht mehr hin.

Dann wurde unser Flugzeug aufgerufen. Eigentlich saßen wir schon an der Tür, vor der wir uns anstellen sollten. Doch plötzlich standen viele vor uns. Und als die Tür geöffnet wurde, stürzten sie zum Flugzeugbus. Wir waren klug und stiegen als letzte ein, um als erste aussteigen zu können. Das gelang auch, aber die anderen überholten uns wieder im Laufschritt. Mit ungehaltenem Blick ließen sie nur die Mütter mit ihren kleinen Kindern vor. Und das auch nur, weil die Stewardess darauf bestand. Die Einzelreisenden wollten mit uns nichts zu tun haben und blieben etwas abseitsstehen. Sie tauschten mit der Stewardess einen spöttischen Blick. Aber das hatten sie davon: Sie mussten im Flugzeug nach zwei leeren Plätzen suchen. Und saßen weit auseinander.

Die guten Drängler saßen links in Zweierreihen und die schlechten rechts in Dreierreihen. Wir fanden noch hintereinander zwei Plätze im Gang. Zum Trost war es ein wolkiger Nachtflug, und wir versäumten nichts.

Angst vorm Abstürzen schien außer uns keiner zu haben. Als später die Stewardess den Namen des Flugkapitäns nannte, verschwanden auch unsere Bedenken. Mit einem Kapitän, der einen solchen Namen hat, stürzt man nicht ab. Wie klingt das in der Zeitung. Die Stewardess sagte auch, wie sie und ihre Kollegin heißen und wohin wir flogen. Nachdem wir uns abschnallen durften, wurden alle unruhig.

Wo bleibt das Essen. Wofür haben wir diesen teuren Preis bezahlt.

Die Stewardessen blieben freundlich und sagten durch den Bordlautsprecher: Wir haben für Sie einen kleinen Imbiss vorbereitet.

Dann soll sie das doch nicht über Lautsprecher ankündigen. Langweilige Gesellschaft. Endlich kommt Bier.

Bier oder Saft, fragte die Stewardess.

Dann folgte der zellophanverpackte Imbiss. Die vorn saßen, erhielten ihn zuerst. An uns ging die Stewardess viele Male mit vollem Tablett vorbei und kehrte mit leerem wieder.

Ich wollte mich vorn hinsetzen, aber es musste ja nach dir gehen, sagte ein Ehemann. Doch auch er bekam sein Tablett und sein Bier, aß schnell und schob das Tablett von sich.

Wo bleibt sie denn, so was muss doch abgeräumt werden.

Es gab auch Kaffee. Mir goss die Stewardess den heißen Kaffee über die Hose. Aber die war schwarz, und die Stewardess brachte gleich eine andere Tasse.

Durch das Mikrofon wurde bekannt gegeben, dass der Himmel jetzt wolkenlos sei. Wir standen auf und wollten durch die Bullaugen die klare Nacht sehen.

Doch die Bullaugen gehörten denen, die daran saßen. Das sah man an ihrem Blick. Erst als wir uns wieder setzten, schliefen sie ein.

Dann sollten wir unsere Uhren vorstellen, wir waren angekommen. Die Polizei und der Zoll waren müde und schliefen gleich weiter. Draußen standen zwei Busse. Wir nahmen den Kampf auf und waren die ersten im Bus. Die wenigen Vornehmen blieben in der Kälte und warteten auf den dritten Bus.

Der kommt noch, sagte die Dolmetscherin.

Wir fuhren ab. Unser Bungalow entpuppte sich als einstöckiges Hotel. Weil wir an der Bustür saßen, konnten wir als erste aussteigen und die Rollen unter uns verteilen. Einer wartete auf die Koffer, der andere stellte sich in der Hotelrezeption an. Dort gab ein grau melierter Reisebürovertreter die Schlüssel aus.

Unser Zimmer lag zu ebener Erde und war vom Garten zu erreichen. Wir hatten einen Balkon, der auf den Rasen an der Straße mündete. Als wir ihn betraten, sahen sich auch unsere Nachbarinnen ihren Balkon an. Es war die Hübscheste der vier Frauen mit der Zweithübschesten, sie hatten sich vor der Schlüsselverteilung geeinigt. Die beiden anderen fügten sich wortlos und wohnten daneben.

Zu unserem Zimmer gehörte eine Toilette mit einer Dusche und Zementfußboden. Das Radio pfiff, es war inzwischen drei Uhr morgens. Wir konnten noch fünf Stunden schlafen.

Am Morgen trafen wir uns um halb neun vor dem Hotel. Der grau melierte Herr sagte uns, er sei unser Repräsentant, gegen Sonnenbrand helfe Joghurt, die Dolmetscherin und er wären jeden Morgen beim Frühstück dabei, allerlei Kulturelles würde uns geboten, auch ein geselliger Abend stattfinden, und nach dem Frühstück teile er das Taschengeld aus. Auch die Verpflegungsbons, die wir einlösen können, wo wir wollen. Weil Vorsaison ist. Wir brauchten nur jeden Morgen zum Frühstück zu kommen. Aber das pünktlich. Und jetzt geht es los.

Die Damen gingen alle in langen weißen Hosen und die Herren in kurzen weißen Hosen. Eine lange Reihe, aber wir brauchten uns nicht anzufassen. Im Frühstücksraum waren die Sechsmanntische schon gedeckt.

Jeden Morgen sollen wir uns wieder an denselben Platz setzen. Schon wegen der Übersichtlichkeit, ermahnte der Repräsentant.

An unserm Tisch saßen noch ein Ehemann mit einer Taucheruhr, eine Ehefrau mit blondierten Haaren und ihr Kind, ein Mädchen oder ein Junge.

Wenn du nicht aufisst, fahren wir wieder ab, sagten sie zu ihm.

Auch eine der alleinstehenden Frauen gehörte noch zu unserm Tisch. Sie saß da und sah klug aus.

Die Kellnerinnen brachten jede Speise einzeln, sie waren noch nicht so geübt in der Vorsaison. Zuerst das Stück Kuchen, dann ein Stück Butter, dann ein Korb Brötchen, dann eine Tasse mit einem Teelöffel Pulverkaffee, dann ein Marmeladenschälchen und ein gekochtes Ei. Da es viele Kellnerinnen gab, störte das nicht sehr.

Wir standen als erste auf und gaben damit das Signal für die anderen. Trotzdem bekamen wir als erste im Hotel unser Taschengeld. Das war unsere Rache für die Drängelei auf dem Flugplatz.

Wir teilten Taschengeld und Talons für jeden Tag ein, planungsgewohnt, nahmen unsere Badesachen und gingen an den Strand. Dort standen Sonnenschirme in drei Reihen, und wir legten uns unter einen freien. Eine schwarz gekleidete Frau verlangte dafür Geld, das erste, das wir von der fremden Währung ausgaben. Es erschien uns kostbar. Die Frau kam noch einmal und wollte uns Ketten aus kleinen braunen Muscheln verkaufen.

Erst beim zweiten Versuch trauten wir uns tiefer ins Wasser. Denn es gab viele kleine vielfüßige Tiere, die wie Blätter aussahen. Und Krebse.

Am Strand stand ein Schild mit einem Pfeil in Meeresrichtung, und in deutscher Sprache wurde gewarnt: Gefährliches Loch.

Alle fünfzig Meter ein Rettungsschwimmer auf einem überdachten Podest, mit einem Fernglas und einer Trillerpfeife. Einige Rettungsschwimmer fuhren in Ruderkähnen die Linie entlang, bis zu der wir hinausschwimmen durften.

Wir gingen wieder aus dem Wasser und sahen am Rettungsturm in mehreren Sprachen eine Warnung. Die in deutscher Sprache lautete so:

1. Meeresgrundgrube. Das plötzliche Versinken in eine Meeresgrundgrube unterdrückt die Atmung und kann Ertrinken hervorrufen. Baden Sie nur an Stellen, deren Meeresgrund nachgeprüft ist.

2. Baden nach dem Essen. Das Baden nach einem reichlichen Essen ist eine grobe Unwissenheit! Der Wasserdruck drückt den vollen Magen und kann Erbrechen mit Ersticken und Übelkeit hervorrufen. DENKT DARAN, dass die beste Nachspeise nach dem Essen die zweistündige Zurückhaltung vom Baden ist!

3. Muskelkrämpff. Der plötzliche Muskelkrampf im Wasser verursacht sehr oft Schrecken und Verwirren beim Schwimmer, falls er nicht weiß, wie er den Muskelkrampf zu beseitigen hat.

Der gelähmte Muskel wird einige Male gestreckt, wonach er massiert wird, bis er sich wieder entspannt.

Der Stich mit einer Nadel kann auch helfen.

Zur Vermeidung von Muskelkrämpfen schwimmen Sie zunächst langsam und ohne Spannung, bis ein Erhitzen auftritt. In den ersten Tagen muss das Baden im Meer seinem Charakter nach mehr ein allmählicher Training sein und kein Wettkampf.

4. Schwimmende Gefäße. In der Nähe eines Schiffes kann der Schwimmer in eine Bugwelle geraten und von der Schiff schrauin die zerrissen werden.

5. Gummimatratzen. Gummimatrazen und andere Scbwimmgegenstände schaffen das trügerische Gefühl einer Sicherheit!

Infolge des Windes, eines vorbeisggelnden Schiffes oder des Seegangs entgleitet ganz plötzlich die Gummimatraze. Vertraut nicht auf schwimmende Gegenstände und fall Sie nicht schwimmen können, verlassen Sie nicht die richtige Tiefe.

6. Rückläufige Bewegung auf dem Grund des Meeres (Grundsog). Der seegang bildet eine mächtige Strömung am Meeresgrund die in Richtung Meer zieht und zieht die Badenden zur gefährlichen Zone der Brandung. Lassen Sie nicht zu, dass Sie von der Meeresgrundströmung zu den brechenden Wellen der Brandung fortgerissen werden. Bei starkem Seegang soll das Baden vermieden werden.

Auf einer Tafel waren Zeichnungen zu sehen, die die Warnungen verdeutlichten. Während wir den Text abschrieben, sah uns der Rettungsschwimmer anerkennend an.

Attention, sagte er und lächelte uns an. Er hatte eine vollständige Reihe ganz weißer Zähne.

Um uns herum lagen viele Menschen, die je einen blauen Ball mit der Aufschrift NIVEA, eine blaue Flasche Piz-Buin-Azulmilch mit Sonnenschutzfaktor 3, eine gestreifte Badehose, einen weißen Plastesonnenschutz für die Nase, eine gelbe lange Hose, einen roten Leinenbeutel mit Seitentaschen sowie eine Illustrierte STERN bei sich führten. Sie unterhielten sich meistens auf bayrisch über Mallorca. Mittags brachen sie auf und gingen zum Hotel am Strand, einem Hochhaus, zum Essen. Dieses Hotel besaß im Hof einen Swimmingpool, im Juni ohne Wasser.

Es blieben noch Menschen am Strand, sie trugen weiße Leinenhüte oder zartfarbene Chiffonschals auf dem Kopf, lasen ein Buch und manchmal eine PRAWDA. Und sangen Volkslieder. Als auch sie zusammen zum Mittagessen gingen, bekamen wir Hunger. Wir suchten uns in der Nähe ein Restaurant, an dem nicht Dinner-Klub stand. Dort bestellten wir Rumpsteak. Die Kellnerin schrieb den Preis auf einen Bestellblock und verrechnete sich zu ihren Gunsten. Ehe wir uns entschieden hatten, ob wir sie darauf hinweisen sollten, kam die Kellnerin wieder und sagte, dass es kein Rumpsteak mehr gibt. Wir bestellten Kalbfleisch mit Tomaten. Da erschien der Restaurantleiter und sagte, wir haben nur noch Kalbfleisch mit Paprika, nicht scharf. Wir bekamen eine Portion und eine gestreckte. Dafür war der Joghurt zum Nachtisch eisgekühlt und mit Puderzucker bestreut.

An diesem Tag zogen wir immer größere Kreise um unser Hotel, aber wir kamen wieder und wieder an den gleichen Kiosken mit den gleichen blau-weiß gestreiften Nickis, den gleichen schaffellgefütterten Handschuhen und dem gleichen braunen Keramikgeschirr vorbei. Schließlich wiesen alle Hinweisschilder auf ein Fischrestaurant. Es wurde im folkloristischen Stil geführt, und alle Ober trugen blau-weiße Nickis und Schürzen. Im Restaurant sprachen die meisten Gäste französisch. Wir bestellten zwei Schollen und zwei Glas Wermut. Der Wermut kam gleich, die Schollen ließen auf sich warten. Die andern Gäste bekamen auch nichts zu essen. Denn die Ober bereiteten offensichtlich alles für die Ankunft einer größeren Gesellschaft vor. Einige Gäste wurden an andere Tische gesetzt, wir durften bleiben. Einige Tische wurden zusammengestellt, abgewischt, mit Gewürzfässern versehen, Stühle herangestellt. Nach fünf Minuten öffnete sich die Tür, und ein Akkordeonspieler spielte Katjuscha. Die Hereinkommenden setzten sich und sangen gleich mit. Dann kamen auch unsere Schollen.

Sobald wir auf der Straße waren, umgab uns wieder der Touristikrummel: gläserne Cafés, Tanzkapellen, Ausländer mit hochgeschobenen dunklen Sonnenbrillen auf dem Haar. Wir setzten uns in eine Gaststätte mit einer appetitlichen Speisekarte. Auf der Tanzfläche vollführte ein Mädchen mit einem nichtssagenden Gesicht unzweideutige Beckenbewegungen. Ihr Partner sah in eine andere Richtung, sie tanzten in ziemlichem Abstand.

Am Nachbartisch saßen zwei blonde junge Damen aus unserer Reisegruppe mit zwei einheimischen jungen Männern. Eine fasste die Hand des neben ihr sitzenden Mannes und sagte zu ihm, wir passen gut zusammen, denn wir sind beide kalt. Dann fragte sie ihn, wo hier die Sauna ist, man geht nackt rein und wird mit Ruten geschlagen. Er verstand nicht genau die Worte, nur den Sinn, lächelte fröhlich und war sehr schön. Wir wetteten, wer die Zeche bezahlen wird. Die jungen Damen zückten ihre Talons, aber die Männer wahrten das Patriarchat. Eingehakt gingen die vier weg.

Am nächsten Morgen hatten zwei am Frühstückstisch hochrote Sonnenbrandköpfe, die kluge Frau und der Ehemann. Diesmal trug er eine andere Taucheruhr.

Damit könnte ich tieftauchen, sagte er.

Das Kind war ein Mädchen und wollte nichts essen.

Wenn du was isst, brauchst du auch nicht das Ei zu essen, sagte die Mutter zu ihm.

Das Kind wollte aber das Ei.

Wenn du das Brötchen gegessen hast, darfst du aufstehen und Stefan besuchen.

Stefans Mutter saß am Nachbartisch und wollte keinen Besuch. Das Kind war mit seinen Eltern unzufrieden.

Bis morgen, sagten wir zu den andern.

Vorbei an den Gaststätten, den Nachtbars, den Souvenirläden, den lackierten Pferdekutschen mit Auffangtüchern für die Pferdeäpfel, vorbei an den Kutschern im Frack, an den zu Gaststätten ausgebauten alten Schiffen. Wir gingen an diesem zweiten Tag, bis wir ganz allmählich in das Land hineinkamen.

Wir wanderten die Landstraße entlang. Am Straßenrand lag eine tote Schlange. Auf der Wiese am Hang ruhte ein Kamel, drehte langsam den Kopf zu uns, war nicht angebunden. In der Nähe ein Esel im Schatten.

Hohe Gartenmauern verbargen Häuser und Menschen. Hinter den angelehnten Toren sahen wir riesige Blüten. Auf den Bäumen hockten große, schweigende, weiße Vögel. Nur ab und an brachen sie in ein lang gezogenes Lachen aus. Vor den Häusern saßen Menschen auf Hockern und unterhielten sich oder strickten. Schwarz gekleidete Frauen. Einige zogen, als sie uns sahen, aus ihren Schürzentaschen Muscheln, die innen rosa waren, oder sie schickten ihre Kinder ins Haus, um präparierte Krabben zu holen und zu zeigen. Sie blieben freundlich, wenn wir ablehnten.

Eine alte Frau zog uns durch das Tor in den Garten und zeigte Seepferdchen. Sie erzählte, wir konnten sie nicht ganz verstehen und sahen im Wörterbuch nach. Als sie erfuhr, dass wir nicht aus Westdeutschland sind, lachte sie mit ihren faltigen schwarzen Äuglein, da, Kollega. Wir kauften ihr ein Seepferdchen ab.

Und sie wünschte uns Glück auf den Weg.

Auf diesem Weg kamen wir an Gärten vorbei, in denen Schafe, Hühner und Kaninchen zusammen lebten. Wir sahen Menschen, die ihr Haus neben einem blühenden Rosenstock bauten, die schon im unverputzten Erdgeschoss wohnten. Vielleicht bauen sie im nächsten Jahr weiter. Wir beobachteten durchs Schaufenster einen Bäcker, der Brot am offenen Feuer buk, aßen den warmen Brotlaib auf der Straße. Dann kamen wir an einen Hafen. Dort trockneten die Fischer ihren Fang an langen Schnüren, saßen in der Sonne und tranken Rotwein. Wir traten vorsichtig auf ihre Netze, die über die ganze Straße ausgebreitet waren, auch Busse fuhren darüber. Ein Dampfschiff hatte angelegt, es sah so aus wie die Mississippidampfer auf alten Bildern, und es tutete zur Abfahrt. Außer uns stiegen nur sechs Passagiere ein. Linienverkehr, Nieselregen und starker Seegang. Vier Passagiere wurden seekrank und lagen im roten Salon, wir blieben an Deck, der Kapitän hielt uns für Landsleute und zeigte uns springende Delfine, einer schwamm lange in unserer Bugwelle. Mit einem Lkw-Fahrer kehrten wir zurück, er hielt von selbst und brachte uns zur Bushaltestelle im nächsten Ort.

Immer kamen wir wieder zurück zum Frühstück. Wir unterbrachen dann unsere Reise und nahmen Anteil an Erziehung, Uhrenindustrie, Sonnenbräune, am Zustand der Toiletten und des Nachtlebens.

Auch den bunten Abend überstanden wir. Die Kapelle gab es schließlich auf, ihre Musik zu spielen, und fügte sich, blau, blau, blau ist der Enzian. Salzfässer, Teller und Keramiklikörgläser verschwanden von den Tischen. Die Stimmung stieg, bis einer grölte, wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben.

Am nächsten Tag, am letzten Tag, besuchten wir noch einmal das Dorf, in dem wir zuerst waren, die alte Frau und den blühenden Rosenstock.

In jeder Straße war eine gedruckte Traueranzeige mit dem Foto eines Verstorbenen angenagelt. Ein junges Gesicht. Manchmal schützte eine Plastiktüte die Anzeige vor dem Regen, und wo er gewohnt hatte, hing quer über der Anzeige ein schwarzer Schal. Als wir an diesem Hauseingang stehen blieben, erschien uns der Tote nicht fremd. So als ob wir ihn eben erst auf der Straße gesehen hätten. Viel Trauer um diesen einen.

Wir kauften Erdbeeren, groß, reif und sandig. Wir hörten Zupfinstrumente, eine schnelle, fröhliche Flöte, suchten und fanden sie im Garten eines Restaurants, wieder hinter einer hohen Mauer, das Holztor angelehnt. Die Musiker saßen um einen Tisch, ihnen gegenüber die einzigen Gäste, ein altes Paar. Wir setzten uns, hörten und sahen zu. Das Paar bewirtete die Musikanten, die bedankten sich mit einem noch schnelleren, übermütigen Musikstück. Sie erschienen uns frei, solchen Spaß hatten sie an ihrem eigenen Spiel. Als sich das alte Paar verabschiedete, gab der Ober der Frau einen Kuss auf die Wange.

Wir wollten unsere Erdbeeren waschen, der Ober brachte eine Karaffe mit Wasser und einen großen Keramikteller, zeigte uns den Wasserabfluss in der Mitte des Gartens. Dann deckte er den Tisch mit Kebabs, Oliven, Schopka-Salat und Joghurt, setzte sich in die Nähe und freute sich, weil es uns schmeckte.

Die Kapelle spielte, die Vögel lachten auf den Bäumen - wir waren wirklich in einem anderen Land.

An diesem letzten Abend trafen wir vor unserem Hotel zwei vornehme Damen aus unserer Gruppe. In dem Flachbau hinter dem Rundbau soll man ja so gut essen können, sagte die eine. Dort sollen sogar Spatzen auf den Tischen herumfliegen, sagte die andere.

Im Nachbarort, antworteten wir ihnen, wächst ein Baum in einer Gaststätte. Keiner sägt ihn ab. Nun wächst er durchs Dach.

Beim Rückflug trugen alle Männer die gleichen Jacken aus Wildleder. Der Zöllner bezweifelte unsere Zugehörigkeit zur Reisegruppe. Wir mussten die Koffer öffnen und hatten darin: ein Seepferdchen, eine Muschel, die innen rosa war, da konnte er das Meer rauschen hören, eine Muschel, die innen blau war, eine Tüte Knoblauchzwiebeln, einen Ledergürtel, einen Laib Brot und eine Flasche Rosenlikör, eine große und eine kleine Krabbe, unpräpariert. Nichts zu verzollen.

Blickwinkel

Liebe ist das einzige, was wächst, wenn wir es verschwenden.

(Ricarda Huch)

1

Ich war vierzehn und sie vierundvierzig.

Sie tanzte eine Sechzehnjährige: Julia.

Julia, getanzt von der Ulanowa bei einem Gastspiel des Bolschoi-Balletts in Berlin. Friedrichstadtpalast.

Galina Ulanowa, damals weltberühmt.

Sie war für mich Julia, keine Tänzerin, die die Julia tanzt. Leicht, ja vor allem leicht, schutzlos, zerbrechlich, klar, sanft, gläubig, hoffnungsvoll, arglos.

Und natürlich eine Liebende. Mein Lebtag hab ich mich nicht von diesem Ernst lösen können. Liebe muss ernst sein, auch traurig, hat Widerstände.

Jedenfalls, solche Liebe kann nicht gut ausgehen.

Mein Leben lang die Witze über Romeo und Julia als Ehepaar: Die haben sich das Leben genommen, damit sie den Ehealltag nicht erleben müssen, kluge Bürschchen, sagen die Leute.

Erna Berger als Gilda gab mir den Rest.

Nun war ich immun gegen heitere Liebe mit gutem Ausgang.

Die wirklich Liebenden wurden immer getrennt und vom Publikum ernst genommen. Die beiden anderen waren immer das Buffopaar. Papageno und Papagena sehen sich genauso selten wie Tamino und Pamina, aber kein Mensch hat mit ihnen Mitleid. Und vor allem - sie selbst nehmen es auch leicht.

Das kann doch keine Liebe sein, denkt man misstrauisch, wenn sich keine Hindernisse, keine fremden Ehefrauen oder Staatsgrenzen auftürmen, und nimmt Abstand.

Nimmt Abstand von den verliebten Mitschülern, den Junggesellen und den eigenen Landsleuten. Hält Ausschau nach dem unerreichbaren Romeo. Aus Angst, ein Buffopaar zu sein.

Man könnte natürlich diese Einstellung aufgeben, diese Angst vor dem Normalen. Diese Angst, im Anonymen unterzutauchen. Vielleicht wäre es wie das Bad in dem warmen Quellbad in Ungarn, mit vielen Menschen unter freiem Himmel, die Dämpfe über dem Wasser im Dunkeln, am Beckenrand das Fernsehgerät für alle, die sich nicht unterhalten wollen. Dort stehen sie dicht gedrängt und lachen. Sie stehen bis zu den Schultern im Wasser. Hin und wieder schwimmt einer auf dem Rücken davon, um noch länger das Fernsehbild zu verfolgen, das für ihn schließlich in den Dämpfen verschwimmt.

Ich gebe ja zu, dass ich damals ein Gemeinschaftsgefühl hatte, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, mit sechsunddreißig. Wie ein Hundertling im Mutterleib.

Und die Bewegung des warmen Wassers um meinen Körper kam von anderen Menschen, die ich nicht kannte und nicht deutlich sah. Im selben Wasser. Ich fühlte mich ihnen wohlig nah und ähnlich. Ohne Angst.

Wir alle in derselben Luft. Aber das vergesse ich immer, wenn es hell und kühl ist. Dann sind die anderen Menschen weit weg. Fremde an meinem Tisch.

2

Ich bin siebenunddreißig und sie siebenundsechzig.

Ich sitze mit ihr, der Ulanowa, Galina Sergejewna, auf einem roten Plüschsofa, sie in der äußersten Ecke, im Empfangsraum des Bolschoi-Theaters in Moskau, und sehe in ihr abweisendes und aufmerksames Gesicht.

Der Raum ist ein Durchgangszimmer neben der Bühne mit drei Türen, mit rotem Damast tapeziert, vergoldeten Leisten, Spiegeln und Goldrahmen.

Sie trägt Brillantohrringe, Brillantringe, eine goldene Maske an einer Kette um den Hals, schwarze Lackschuhe mit einer Goldschnalle.

Ein drei viertel Jahr habe ich mich auf dieses Gespräch vorbereitet, Russisch wiederholt, „Das Mädchen Galja" über ihre Kindheit gelesen und die „Welt des Tanzes in Selbstzeugnissen" mit einem Beitrag von ihr über junge Künstler und das Experiment Ballett gesehen.

Denn ihr Name stand vor einem dreiviertel Jahr auf einer Liste von zehn Moskauern, die von zehn Berliner Schriftstellern porträtiert werden durften.

Drei Frauen waren darunter: eine ältere Lehrerin, eine junge Facharbeiterin, beide Delegierte des XXV. Parteitages. Sicher herzliche, tüchtige Frauen.

Und energisch oder gutmütig. Warum wären sie sonst Deputierte geworden.

Aber sie stand eben auch auf der Liste.