Rohlinge - Claire Beyer - ebook

Rohlinge ebook

Claire Beyer

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Opis

Der elfjährige Donald ist mit seinem Vater aus Lettland in die Bundesrepublik gekommen. Hier, in der neuen Heimat, hat er nicht nur mit der Sprache zu kämpfen; Mitschüler und Jugendliche schikanieren ihn. Die Lehrerin Karin Beerwald erkennt das Leid des Jungen und will ihm helfen. Eines Tages trifft sie ihn bei einem Spaziergang in einem leerstehenden, verwilderten Häuschen, das ihm offenbar als Versteck und Rückzugsort dient. Ein Zeitungsartikel, den sie dort vorfinden, legt die Fährte zu einem verschwundenen Unternehmer, der polizeilich gesucht wird und der Donald um ein Haar in größte Gefahr bringt. Claire Beyers viertes Buch ist so leicht und fabelhaft wie ein Sommerabend am See. Von der ersten Seite an verzaubert uns die Geschichte des lettischen Jungen Donald und seine "Resignation eines Kindes, das am Rand der Welt zurückgelassen wurde" und der allein stehenden Grundschullehrerin Karin Beerwald, die auf der Suche ist nach einem für sie richtigen Leben. Und wie bei einem herannahenden Regen erkennt der Leser erst in der Zerbrechlichkeit der Situation wehmütig auch deren jederzeit gefährdete Schönheit. Mit sanfter, heiterer Melancholie beschreibt Claire Beyer eine Gesellschaft, die, von Sprachlosigkeit geprägt, eine Verwandlung erfährt.

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Inhalt

Titelseite

Claire Beyer in der Frankfurter Verlagsanstalt

Widmung

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Claire Beyer

ROHLINGE

Roman

Claire Beyer in der Frankfurter Verlagsanstalt:

Rauken. Erzählung

Rosenhain. Sechs Geschichten von fünf Sinnen

Remis. Roman

Für Franziska und Maximilian

1. Auflage 2009

© Frankfurter Verlagsanstalt GmbH,

Frankfurt am Main 2009

Alle Rechte vorbehalten

Herstellung und Umschlaggestaltung: Laura J Gerlach

Umschlagmotiv: Neo Rauch

eISBN: 978-3-627-02163-4

Die Menschen sind füreinander da.

Also belehre oder dulde sie.

Marc Aurel

I

Hast du auf meinen letzten Brief geantwortet? Nein! Und auf den davor? Auch wieder Nein! Donald, du bist jetzt doch fast ein Mann undich erwarte von dir, dass du dich auch so verhältst. Seit Wochen habe ich dich nicht am Telefon gesprochen. Deinen Vater schon, aber was will ich dem glauben! Ich möchte aus deinem Mund hören, wie es dir geht und ob du befolgst, was ich dir gesagt habe. Ich höre, du hast noch immer keinen richtigen Lehrer! Eine Lehrerin, berichtest du, aber nicht nur deine Schreibfehler zwingen mich, erneut darauf zurückzukommen. Ich bin noch immer überzeugt, dass ein Mann besser für dich wäre. Ein Junge braucht Vorbilder. Gute Vorbilder, nicht solche wie deinen Vater. Es ist doch so, dass er immer noch zuviel trinkt? Ich habe die Sorge, dass es auch bei dem Goldschmied, bei dem er arbeitet, schiefgehen wird – wie immer bei ihm. Für Schmuck braucht es eine ruhige Hand. Und Alkohol macht die Menschen zu Espen. Ja, sie zittern wie Espenlaub. Wie soll er da so wertvolle Steine fassen!

Ich beklage mich nicht darüber, dass er kein Geld schickt. Auch wenn es schwieriger wird, mit meiner Rente auszukommen. Du weißt, ich greife das Erbe nicht an, es ist für deine Zukunft gedacht. Aber die von deinem Vater versprochene Geldanweisung ist nicht bei mir eingetroffen. Jeden Tag gehe ich mit meinem kranken Bein zur Poststation und frage nach. Nun, das ist noch nicht dein Problem. Aber erinnere deinen Vater daran!

Hier im Dorf geht es drunter und drüber. Okrekums ist nicht mehr, was es einmal war. In den Gärten stehen überall Verkaufsschilder. Du erinnerst dich doch an Jakobs Haus? Es war das Erste, das verkauft wurde. Bagger rückten an und rissen es einfach ab. Ich schwöre bei deiner Urgroßmutter, das alte Haus hat gestöhnt und geklagt. Lieschen und Gustav standen mir bei, sonst hätte mich der Schlag getroffen. Auch die Gebäude, die unten am Strand standen, sind weg. An ihrer Stelle hat man über Nacht eine weiße Siedlung hingestellt. Wenn sie an mein Haus gewollt hätten, ich hätte die alte Büchse geholt und sie eigenhändig erschossen! Du kannst dir sicher vorstellen, wie unsere arme Madeleine gelitten hat. Tagelang gab sie nur wenige Tropfen Milch.

Und ich kenne unsere Straße nicht mehr. Mitten drin haben sie jetzt einen Kreisverkehr gebaut, wo es doch nur den einen Weg zum Hafen gibt. Die anderen Ausfahrten können gerade noch Ziegen benutzen, sonst gibt es da nichts. Aber das ist noch nicht alles, mein lieber Junge. Ich habe dir ja geschrieben, dass Okrekums einen Supermarkt bekommen hat. Ich bin dort gewesen, weil mir das Salz ausgegangen ist und Janis Wisnauskus mit seinem Krämerwagen nur noch selten vorbeikommt. Regale gibt es dort, die so hoch sind wie unser Apfelbaum. Hast du eine Vorstellung, wie viele Sorten Salz es zu kaufen gibt? Bei Janis sage ich, ich brauche Salz, und er gibt es mir. Dort halten sie mir die feinsten und besten Waren vor die Nase. Ich kann mich nicht entscheiden und ich kann sie nicht bezahlen.

Deshalb erinnere deinen Vater an das versprochene Geld.

Ich vermisse dich, Junge. Aber natürlich bist du in Deutschland besser aufgehoben. Lerne fleißig und sei ordentlich. Und lerne gutes Deutsch, sonst wird nichts aus dir. Und gehe am Abend nicht auf die Straße. Du bist ein Wagner und die bringen es zu etwas. Sag das auch deinem Vater!

Gottes Segen für dich und schreibe mir bald wieder.

Deine Omıte.«

Donald war es ungeachtet der geäußerten Kritik nicht besonders schwergefallen, innerhalb nur eines Schuljahres seine Diktate und Tests so abzuliefern, dass er akzeptable Noten bekam. In einem Aufsatz nannte er die Bundesrepublik Deutschland, in die sein Vater ihn aus der lettischen Heimat mitgenommen hatte, die reiche Heimat. Dass seine Familie im Osten, zumindest die väterliche Linie, deutsche Wurzeln hatte, erleichterte es ihm zwar, in der deutschen Sprache zu denken und in ihr so etwas wie eine Muttersprache zu sehen. Die Omammı-te jedenfalls verlangte das von ihm. Dabei war er sich nicht immer klar darüber, was Muttersprache eigentlich bedeutete. Wie seine Großmutter zu sagen pflegte, war ja alles ein großes Durcheinander geworden. In Okrekums, dem kleinen lettischen Dorf seiner Kindheit, war es für ihn jedenfalls einfacher. Auf der Straße wurde lettisch gesprochen, in der Schule ebenfalls, die Zeitungen schrieben lettisch und wenn der Händler mit seinem Wagen ankam, schrie er seine Angebote in lettischer Sprache. Nur um den Küchentisch herum, und es war ein großer Küchentisch, sprach man deutsch, wobei die Melodie eine lettische blieb. Die Großmutter versuchte mit ihrem hart gefärbten Deutsch den Teil des Erbes zu retten, der noch nicht in der Weser versunken war. Und so hütete sie, obwohl ihr Herz längst dem kleinen, verzauberten lettischen Dorf am Meer gehörte, eifersüchtig die Worte ihrer Vorfahren. Sie zitierte, was es zu zitieren gab, und schöpfte die Weisheiten unermüdlich aus ihrem eigenen Schatzkästlein, einem lang verjährten weserbergländischen Heimatkalender.

In der neuen, der reichen Heimat musste der Junge sich auf deutsche, englische, türkische, arabische, russische, serbische, kroatische, italienische, spanische, griechische, albanische, rumänische, polnische oder Worte noch fremderer Sprachen einstellen, die auf dem Schulhof gesprochen wurden. Bei den Zahlen war das einfacher. Diese Zeichen verstanden alle, und das war der Grund, warum Donald, ohne darüber nachgedacht zu haben, die Mathematik bevorzugte.

Innerhalb des gleichen Schuljahres konnte sich eine Lehrerin zwar eingestehen, den falschen Weg gegangen zu sein, um dennoch fahrig und ohne Konsequenzen an der einmal eingeschlagenen Richtung festzuhalten. Sie mochte dabei auf ihren Umzugskisten hocken bleiben, solange sie wollte. Ohne die tiefere Einsicht zur Veränderung würde es keine Lösung für sie geben.

Auch nicht für den Handwerker und gescheiterten Kleinunternehmer, der bereits einen Schritt weiter war, also auf der Flucht, und ebenso wenig für die ziellos gewaltbereiten Jugendlichen, deren bevorzugter Treffpunkt, die Bushaltestelle, nur theoretisch auf einen Aufbruch hinwies. Wenn sie auf einen Bus warten würden, wäre der jedenfalls längst abgefahren.

All dem gegenüber völlig gleichgültig lag eine alte Hündin friedlich auf ihrem Platz. Längst hatte sie sich die Zähne ausgebissen und spürte, dass alle Kämpfe vergeblich waren. Also wartete sie auf nichts mehr und das schien ihr die vernünftigste Entscheidung zu sein.

*

Über die weiten winterbraunen Felder. Das Lange Feld, die Kornkammer. Alte Worte, die Sehnsucht weckten. Von Pferden, die den Pflug ziehen. Von Katzen, die Mäuse fangen, die sich auf übrig gebliebene Körner stürzen. Von Frauen, die Garben binden. Im Märzen der Bauer. Den Furchen entlang.

Sie ging ihren Weg, das große weiße Viadukt stets vor Augen. Ihr Land, Keltenland. Wie häufig in letzter Zeit begleitete sie in größerem Abstand die alte Hündin des Aussiedlerbauern. Sie, deren Namen Karin Beerwald nicht kannte, humpelte wie eine treue Nachhut hinter ihr drein. Die Hündin nahm nicht den geteerten Weg, sie hielt Abstand, blieb im weichen Ackerrain und wich geschickt den Steinen aus, die der Winter ans Licht befördert hatte. Weit oben drehte ein roter Milan über den kahlen Weinbergen seine Kreise. Noch lagen die meisten Felder brach. Nur das eine, das Immergrüne, war unbeeindruckt vom Wechsel der Jahreszeiten. Auch den Milan schien es anzuziehen, schwerelos stand er bald hoch über dem Grün im Wind. Im Frühjahr wuchs dort die Luzerne heran, blau blühend und von Hummeln umworben. Das Feld brummte dann zufrieden wie ein alter Bär in der Sommersonne.

Doch bis dahin war es noch lang. Nicht einmal der Schnee war liegen geblieben, er hätte den Schmutz gnädig zugedeckt. War das nicht die Aufgabe des Winters? Karin wich den größten Pfützen aus, erreichte bald den Rand eines kleinen Tümpels, der, abgetrennt vom fließenden Gewässer, Vögeln und Fröschen Schutz bot. Die Hündin blieb ein Stück weiter oben stehen. Sie schnupperte am Wasser, trank aber nicht, was Karin gut verstehen konnte. Lange, braunverwitterte Fäden schlangen sich um verrottete Zweige und kleine Stämme: In jeder anderen Jahreszeit mochte der Tümpel einen erfrischenden Anblick geboten haben. Der Februar aber war ein Monat ohne Hoffnung. Zu lange schon währte der nasskalte Winter, als dass sich in Karin eine Vorfreude auf den Sommer hätte einstellen können.

Sie wandte sich mit einem resignierten Achselzucken um. Die Hündin war verschwunden. Stattdessen stand da plötzlich ein kleiner Junge und wühlte verlegen mit einem krummen Stock im Morast herum. Er mochte vielleicht zehn, vielleicht elf Jahre alt sein. Ihr erster Impuls war, ihn zu warnen, es war nicht ungefährlich, den sumpfigen Boden zu betreten, sie unterließ es aber. Kinder in diesem Alter, dachte sie, wissen selbst, wie weit sie gehen dürfen. Ihre Aufgabe war es jedenfalls nicht, ihn zu ermahnen. Der Junge lachte sie jetzt an, griff nach einem weiteren Stock, den er ihr in ihre Richtung hielt. Was sollte sie damit? Sie schüttelte den Kopf. Es war sein Spiel, nicht das ihre.

»Bitte.«

Er sagte es mit dieser seltsamen, harten Wortfärbung. Sie zögerte, schickte sich dann aber an weiterzugehen, den Jungen nicht zu beachten. Kinder! Davon hatte sie in ihrer 4b mehr als genug. Wenigstens auf den Spaziergängen wollte sie in Ruhe gelassen werden. Außerdem verspürte sie schon seit dem Morgen eine Übelkeit, die den ganzen Tag nicht weichen wollte. Sie brauchte Ruhe. Ruhe war wichtiger als alles andere. Jeden Morgen diese kraftraubende Anstrengung, diese Überwindung, das Klassenzimmer zu betreten. Die Mauer zu durchbrechen, um dann einzelne Steine liegen zu sehen. Steine. Das sind ihre Schüler wahrlich. In jedem einzelnen stecken Tausende von Generationen. So kommen sie schon zur Welt. Machen Sie einen Edelstein daraus, fordern die Eltern, einen geschliffenen Diamanten, so funkelnd, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

Der Junge hatte den zweiten Stock im weiten Bogen in den Tümpel geworfen. Karin sah es, als sie sich noch einmal umschaute.

Sie war noch weit von ihrer Wohnung im Dachgeschoss eines Dreifamilienhauses entfernt. Um das Haus grünte kein Garten, lediglich eine Bahn unbegehbarer Platten grenzte es von den Nachbargrundstücken ab. Karin Beerwalds spärlicher Freisitz war eine Aussparung im Dach, der gerade einmal zwei Stühlen und einem verwitterten alten Kaktus – einem Luftgewächs ohne Anspruch – Platz bot. Im Sommer war es auf den braunen Tonfliesen zu heiß, im Winter zu kalt. Sie betrat ihren Balkon nur, wenn die Pflanze in ihr Gesichtsfeld kam. Das stachelige Ungetüm hatte sich im Laufe der Zeit einen ganzen Stamm von neuen Trieben zugelegt. Karin vermutete, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Blühen war nicht seine Sache. Es war ein Treppenhauserbstück, das von dem Spediteur fälschlicherweise eingepackt worden war. Nach ihrem Umzug hatte sie den Kaktus wochenlang in einem Karton vergessen. Als der alte Haudegen schließlich aus seiner dunklen Behausung befreit wurde, zeigte er nicht die Spur eines Verfalls. Überleben ist alles, dachte Karin, und als wolle er das beteuern, hatte er sich noch schärfere Widerhaken zugelegt. Nur die Erde, in der er steckte, hatte tiefe Risse bekommen. Sie nahm es als Beweis dafür, dass es sich bei ihm um ein organisches Wesen handelte.

Vor ihrer Versetzung an die hiesige Grund- und Hauptschule hatte sie sich lange nach bezahlbaren Wohnungen umgesehen. Karin war aufgefallen, dass die starre Anordnung in Wohn-Schlaf-Kinderzimmer, Bad und Küche ihr wachsendes Unbehagen bereitete. Sie wollte ihre Wohnfläche anders, denn die genormte Anordnung der Anschlüsse für Telefon, Fernseh- oder Elektrogeräte zwang zu einem völlig fantasielosen, wenn auch sehr funktionalen Leben. So entschloss sie sich zu einer unkonventionellen Lösung: Das größte Zimmer wurde ihr Arbeits- und Schlafzimmer, ihr Lebensraum, ihre Oase. Die anderen Räume blieben unbewohnt. In ihnen standen die unausgepackten Umzugskisten. Mit der Zeit waren die Kartons immer leichter geworden, und sie hatte den Verdacht, dass die Kisten ihren Inhalt ganz allmählich verdauten. Karin betrat diesen Teil der Wohnung nur, um ab und an zu lüften.

Sie schlief, las und lebte in ihrem Zimmer. Da es quer zur Grundfläche des Gebäudes lag, hatte es zwei in die Dachschrägen eingelassene Fenster. Unter das nördliche hatte sie eine Küchenleiter gestellt. Kam die kleine Straße abends zur Ruhe, stieg sie auf die unterste Sprosse und betrachtete von dort den Himmel. War er sternenklar, verbrachte sie die Nacht auf dem obersten, gepolsterten Trittbrett sitzend. Nicht, dass sie ein bestimmtes Sternbild anvisierte, sie kannte sich gar nicht aus damit, sie saß nur da und schaute nach oben in die endlose Sternenwelt, bis ihr irgendwann die Augen zufielen.

»Im Sitzen zu schlafen ist ureigen. Die frühen Vorfahren taten es aus Angst vor wilden Tieren oder Angreifern anderer Stämme, die späteren, weil sie glaubten, liegend zu schlafen locke den Tod herbei.«

Karin hatte es nachgelesen, weil sie mehr über den Schlaf wissen wollte, darüber, warum er sie attackierte, wenn sie ihn nicht wollte, hellwach und mit klopfendem Herzen in ihrem Bett liegen musste, wenn es Schlafenszeit war. Atemübungen waren vergeblich, auch andere Tipps von Ärzten oder Bekannten funktionierten bei ihr nicht. Sie lag da, starrte mit geöffneten Augen an die gemaserte Holzdecke. Die entzog sich ihrem Blick und wurde zu einer dunklen Fläche, auf der ihre Gedankensplitter farblose Mosaike ohne Bedeutung bildeten und, bar jeder Regel, aus tiefen Höhlen kommend wieder in solche verschwanden. Chaos an der Decke und in ihrem Kopf, ein tyrannisches Knäuel aus dem Hinterhof ihres Bewusstseins. Allein die Zeiger des leuchtenden Weckers verbanden sie mit dem Leben, dem Morgen, der ersten Unterrichtsstunde. Schlafe, schlaf ein, sinke doch endlich durch die Kissen ins Meer und tiefer noch, in den heißen Schoß der Erdmutter. Aber ihr Schlaf, ihr eigener, persönlicher Schlaf war ein Narr. Du hast mich gerufen, griente er sie mitten am Tag an, hoppla, da bin ich! Mit hellwachen Augen hinter seiner grellen Maske manipulierte er sie und drehte an ihrer inneren Uhr. Ach, es ist doch gar nicht die Zeit für mich, lachte er, wenn sie kaum noch gegen ihn ankämpfen konnte. Und nachts ließ er sich nicht blicken, schickte, wenn überhaupt, dann nur seinen Schatten vorbei, der ihr kühl über die Augen fuhr. Sie fürchtete ihn ebenso sehr, wie sie ihn herbeisehnte.

Nur auf der Küchenleiter, an das Kiefernholz der Dachaussparung gelehnt und in die Sternennacht schauend, kam dem Narren die Macht über sie abhanden. Der Himmel war zu gewaltig für seinen Übermut, er überließ sie den Sternen. Für ein paar Minuten oder Stunden. Und an wessen Arm sie dann irgendwann in ihr Bett fiel, wollte er gar nicht wissen.

Weitergehen, nicht daran denken, jetzt tief die frische Luft einatmen, die von den Gerüchen der Wiesen gespeist war. Karins Spaziergänge wurden immer länger. Als sie von ihrem Spaziergang zum Tümpel in ihre Dachwohnung zurückkam, setzte sie Wasser auf, übergoss den Tee und schaute zur Uhr. Für die Weiße Mischung musste sie genau auf die Minuten achten. Fast alles war wie sonst. An diesem Tag aber schellte die Türklingel und unterbrach ihr tägliches Ritual. Karin entschloss sich, das Klingeln zu ignorieren. Sie erwartete niemanden. Der Postbote war schon durch, er musste längst seinen kleinen gelben Wagen im Kreis gedreht haben, wie er es immer tat, wenn seine Tour beendet und die Taschen geleert waren. Der Paketdienst? Nein, sie hatte sich nichts bestellt. Wieder läutete es. Und gleich darauf ein weiteres Mal. Sie wollte nicht, ging dennoch zur Sprechanlage und erkannte den Dialekt sofort:

»Bitte, kann ich hochkommen?«

Den Jungen hatte sie total vergessen. Aber wie nur war er an ihre Adresse gelangt?

Das war kein Problem für Donald, darin war er geübt. Schon früh in seinem jungen Leben hatte der kleine Kerl von seiner Omammı-te eingeimpft bekommen, wie wichtig es war, Adressen zu haben. Adressen waren wertvolle Besitztümer, die in Lettland jeder wie einen Goldschatz hütete. Landsleute, die in alle Welt zerstreut waren, sandten unentwegt Briefe in ihre Heimatdörfer, und wenn sie zu Hause keine Angehörigen mehr hatten, wurde einfach an die Poststation geschrieben, um in der Fremde nicht verloren zu gehen. Dort lebte eine rege Tauschbörse mit Adressen auf, die kein Konsulat hätte leisten können. So blieb jeder, der fortging, ein Teil des Landes. Okrekums, das kleine Dorf am Meer nahe Engure in der Bucht von Riga, machte da keine Ausnahme. Fast zwei Drittel der Jungen war ins westliche Ausland gegangen. Die zurückgebliebenen Alten lebten vom mageren Fischfang oder einer kleinen Landwirtschaft. Einzelne betrieben daneben einen rührigen Handel mit Antiquitäten, insbesondere mit Ikonen aus Weißrussland oder solchen, die aus Weißrussland hätten stammen können. Da die Besucher aus dem westlichen Europa gute Preise dafür bezahlten, konnte das alles so falsch nicht sein.

Donalds Großmutter Irene Wagner dagegen versorgte sich vor allem mit dem, was ihr Garten hergab oder das Federvieh ihr bescherte. Eier und Kartoffeln. Kartoffeln und Eier. Das wenige, das sie sonst noch brauchte, brachte Janis Wisnauskus in seinem Krämerwagen mit. Er fuhr von Dorf zu Dorf, kannte seine alt gewordene Kundschaft und war nebenbei Überbringer von Neuigkeiten, auf die alle ebenso sehnsüchtig warteten wie auf Mehl, Salz oder Reis. Oder auf das Hochprozentige, das er wie die Tabakwaren immer unter einer rauen Militärdecke hervorzog. Die teuren Zigarren lagerten in einem alten Humidor aus Wurzelholz, der mit Elefantenfiguren aus echtem Elfenbein geschmückt war. Donalds Großmutter kaufte niemals Alkohol. Die erworbenen Zigarren aber rauchte sie in andächtiger Haltung vor dem Haus. Dabei beobachtete sie der Junge, den das Zusehen ebenso entspannte wie sie der Tabak. Er wusste, wenn seine Omıte ihre Rauchzeichen gab, war die Welt in Ordnung.

Irene Wagner hatte nicht wie die anderen Alten geweint und geklagt, als ihr Sohn Juris mit dem geliebten Enkel den Bus bestiegen hatte. Aufrecht und stolz war sie vor den Ihren gestanden. Sie war sich sicher, alles Wichtige gesagt zu haben. Wie ihre Vorfahren aus Bremen sollte auch ihr Enkel Donald ein Kaufmann werden. Er würde im westlichen Ausland alles Grundlegende lernen und mit seinen Erfahrungen und dem wertvollen Wissen über Gewinn und Verlust wieder zurückkehren. Dabei hatte sie selbst genügend Einsicht in die Materie. Mit Begriffen wie Baisse oder Hausse war sie aufgewachsen, nun dienten die Aktien der Familie gerade noch dazu, den Hühnerstall auszulegen. Notgedrungen hatte sich Irene Wagner im Laufe ihres Lebens ein eigenes Kapitalmodell aufbauen müssen, das sie die Brotwährung nannte und nichts anderes bedeutete, als immer und überall zu tauschen und zu feilschen. In Okrekums blieb sie ungeachtet der offenkundigen Tatsachen die reiche Erbin der sagenumwobenen Bremer Fabrik. Da nichts länger hält als Legenden, konnte sie sich wenigstens dieses Schatzes großzügig bedienen. Allerdings starb ihr allmählich das Publikum weg. Schon deshalb sollte sich Donald mit dem Erwachsenwerden beeilen, er allein konnte der Legende neues Leben einhauchen. Sie war sich sicher, er würde alles Notwendige dafür tun, wenn sie nur energisch genug auf ihn einwirkte. Warum also weinen wie ein Klageweib.

Donald war alles Glück in die Wiege gelegt worden. Ihr Sohn dagegen war der Sohn seines Vaters. Ihren Ehemann hatte Irene bald nach der Geburt von Juris aus dem Haus geworfen, was in damaliger Zeit einem Skandal gleichkam, zumal sie auch seinen Namen ablegte. Wollte Donald mehr von seinem Großvater wissen, wies sie auf das Federvieh vor dem Stall und sagte, ein Gockel auf dem Hof reiche. Worauf Donald überzeugt war, dass sie den Großvater in einen Hahn verwandelt hatte. Der Gedanke jedoch machte ihm keine Angst, denn mit solcherlei Dingen war er vertraut. Wie viele andere im Dorf konnte auch seine Großmutter rauchen, wunderbare Pfannkuchen backen, Fische köpfen, Beeren sammeln und eben zaubern. Aber nur sie allein war fähig, mit fünf Münzen gleichzeitig zu jonglieren. »Wir Bremer«, sagte sie stolz, wenn sich die Groschen in kaum wahrnehmbarer Luftakrobatik wieder in ihrer Hand versammelten, »ja, wir aus Bremen können mit Geld umgehen.«