Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS - Mariella Matthäus - ebook

Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS ebook

Mariella Matthäus

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Opis

Multimodale Behandlungskonzepte der ADHS basieren neben psychotherapeutischen Interventionen und einer medikamentösen Behandlung ganz wesentlich auf einer gezielten und systematischen Psychoedukation. Diese hilft, die Komplexität der ADHS und der Komorbiditätsrisiken besser zu verstehen und zu behandeln. Das Manual entwirft - im Kontext des aktuellen medizinischen, psychologischen und pädagogischen Wissensstandes - ein strukturiertes Gruppentrainingsprogramm für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS. Es vermittelt neben ausführlichen Informationen zur Symptomatik, Diagnostik und Therapie auch Strategien zur Bewältigung funktionaler Beeinträchtigungen. Die Sitzungen sind so strukturiert, dass sie zunächst einen Einblick in das Erscheinungsbild und die Problematik der ADHS vermitteln. Hierzu werden u. a. Pathogenese und Komorbidität, Risikoverhalten und Verlauf der Störung sowie die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten der ADHS anschaulich dargestellt. Ein besonderes Augenmerk wird darüber hinaus auf die Aktivierung der Ressourcen und der Selbstmanagementkompetenzen der betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelegt. Zu den Modulen des Manuals gibt es einen Powerpoint-Foliensatz, Info- und Arbeitsblätter sowie Feedback-Fragebögen zur Evaluation, die kostenfrei heruntergeladen werden können.

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Mariella MatthäusAndreas Stein

Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS

Ein Manual

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Die im Buch enthaltenen Illustrationen wurden von Emma Schlink gezeichnet.

Print:

ISBN 978-3-17-024802-1

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-024803-8

epub:    ISBN 978-3-17-024804-5

mobi:    ISBN 978-3-17-024805-2

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»Gesagt ist nicht gehört. Gehört ist nicht verstanden.Verstanden ist nicht einverstanden.Einverstanden ist nicht angewendet.Und angewendet ist noch lange nicht beibehalten.«

 

Konrad Lorenz

Inhalt

 

 

 

 

Vorwort

1 Einleitung

2 ADHS – ein Überblick

2.1 Definition und Klassifikation

2.2 Epidemiologie

2.3 Ätiologie

2.4 Symptome und Verlauf der ADHS

2.5 Ressourcen

2.6 Komorbide Störungen

2.7 Diagnostik/Differenzialdiagnostik

2.8 Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

3 Psychoedukation

3.1 Definition

3.2 Wirkprinzipien und Ziele der Psychoedukation

3.3 Psychoedukation bei ADHS in der Kindheit, und Adoleszenz und im Erwachsenenalter

3.4 Formen psychoedukativer Interventionen

4 Konzept des psychoedukativen und psychotherapeutischen Gruppentrainings

4.1 Zielgruppe und Voraussetzungen

4.2 Gruppenleitung

4.3 Ziele des Manuals

4.4 Anzahl, Dauer und Zeitintervalle der Sitzungen

4.5 Gruppengröße und Gruppensetting

4.6 Didaktische Richtlinien und Hilfsmittel

4.7 Aufbau der Gruppensitzungen

4.8 Haltung der Gruppenleiter und therapeutische Grundlagen

5 Module des Manuals zur Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS (Sitzungen 1 bis 10)

5.1 Sitzung 1: Vorstellung, Organisatorisches

5.2 Sitzung 2: Epidemiologie, Symptome, Diagnostik und Ursachen der ADHS

5.3 Sitzung 3: Therapie der ADHS

5.4 Sitzung 4: Symptomatik und Risikoverhalten

5.5 Sitzung 5: Komorbide Störungen und deren Behandlung

5.6 Sitzung 6: Ressourcen, Selbstbild und Selbstwert

5.7 Sitzung 7: Vom Chaos zur Ordnung

5.8 Sitzung 8: Stressmanagement

5.9 Sitzung 9: Emotionsregulation und Impulskontrolle/Modifikation von Problemverhalten

5.10 Sitzung 10: Evaluation und Verabschiedung

Bildnachweis

Literatur

Zusatzmaterial:

Zu den Modulen des Manuals gibt es einen Powerpoint-Foliensatz, Info- und Arbeitsblätter sowie Feedback-Fragebögen zur Evaluation, die kostenfrei im Internet heruntergeladen werden können (weitere Informationen hierzu finden Sie auf S. 12).

Vorwort

 

 

 

Eine Frage vorweg, bevor Sie mit dem Lesen beginnen: Was verbinden Sie mit der Jugendzeit, also mit der eigenen – möglicherweise schon lange zurückliegenden – Jugend, oder mit dem Jahr, als Sie – juristisch ausgedrückt – volljährig wurden?

Bleiben Sie kurz da: Was war das Besondere dieser Zeit, wenn Sie nach Ihren Erinnerungen daran gefragt werden? Schulnöte, Anders-Sein und Anders-Wollen als die Eltern, gemeinsames Lachen oder Nicht-miteinander-reden-Können, Probleme in der Ausbildung und beim Einstieg in die Berufstätigkeit, Freundschaften, Ihre Lieblings-Songs und all das, was Sie damals in Ihrer Freizeit gemacht haben? Vielleicht erinnern Sie sich an mehr als eine von den Herausforderungen, vor die Sie gestellt waren. Wurden Sie als junger Mensch sich eher selbst überlassen oder gab es Hilfe und Unterstützung für Sie? Von wem haben Sie Hilfe bekommen, als diese gebraucht wurde?

Von Hilfe und Unterstützung für Jugendliche und junge Erwachsene bei einem nicht selten vorkommenden Problem psychischer Natur handelt dieses Buch: ADHS bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und von dem, was getan werden kann, wenn ADHS während dieser Altersphase auftritt.

Mit einer Prävalenz von 3 bis 5% gehört die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. ADHS wächst sich nicht einfach aus, sie ist zu den früh beginnenden Störungen mit überdauernder Beeinträchtigung zu zählen. Von einer hohen Stabilität der Störung ist auszugehen, viele der Patienten und Patientinnen entwickeln im weiteren Verlauf zusätzliche verhaltensbezogene oder emotionale Störungen. Ein Großteil der betroffenen Kinder leidet auch später, wenn sie Jugendliche und junge Erwachsene sind, unter dieser Störung oder einer modifizierten Form der Kernsymptomatik, unter möglichen komorbiden Störungen und andauernden Beeinträchtigungen. ADHS ist eine chronische Störung und sollte als solche gezielt behandelt werden, d. h. gerade und spätestens auch im Jugendlichen- und jungen Erwachsenenalter. In diesem Lebensabschnitt können im Fall von ADHS aggressive und dissoziale Verhaltensweisen, Drogenmissbrauch und emotionale Auffälligkeiten den Verlauf erheblich verkomplizieren.

In der Lebensphase zwischen Adoleszenz und jungem Erwachsenenalter steht zudem ein Übergang an von einer kindbezogenen zu einer erwachsenenfokussierten Versorgung mit Zuständigkeitsänderung von der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Erwachsenenpsychiatrie, von der Kinder- und Jugendmedizin zur Erwachsenenmedizin, von der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie zur Erwachsenenpsychotherapie. »Transition« heißt dieser Übergang bei den sich verändernden Bedürfnissen des Patienten und den anders gelagerten Zuständigkeiten in den staatlichen Sozialleistungs- und Versorgungssystemen mit Eintritt der gesetzlichen Volljährigkeit. Hier setzt das Buch an, um für Jugendliche und junge Erwachsene als Patienten mit ADHS, die oft über die Lebensspanne persistiert, eine Grundunterstützung für eine gelingende Transition zu schaffen.

In Entsprechung des bio-psycho-sozialen Modells der Entstehung von ADHS ist eine multimodale Behandlung erfolgversprechend. Multimodale Behandlungskonzepte bei ADHS wenden neben einer medikamentösen Behandlung im Wesentlichen eine gezielte und systematische Psychoedukation und Psychotherapie an. Eine kontinuierliche Behandlung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfordert entsprechende Materialien und Wissensbereiche seitens der Therapeuten.

Stehen im Kindesalter vorzugsweise Interventionen bei den wichtigen Bezugspersonen wie Eltern, Erziehern/innen oder Lehrern/innen im Mittelpunkt, wird sich das im Jugendlichen- und jungen Erwachsenenalter wandeln – nach der Formel: je jünger, umso eher Interventionen bei den Bezugspersonen und im Umfeld, je älter, umso eher patientenzentrierte Interventionen. Zieht die Therapie im Kindesalter insbesondere auch Bezugspersonen wie Eltern, Erzieher/innen oder Lehrer/innen heran, rückt im Jugend- und jungen Erwachsenenalter die betroffene Person selbst in das Zentrum psychoedukativer und psychotherapeutischer Maßnahmen. Als solche sollen sie den Adoleszenten nicht nur helfen, aufgrund der persönlichen Umstände und in der gegebenen Umgebung die Komplexität ihrer ADHS und Komorbiditätsrisiken besser zu verstehen, sie stellen auch Strategien zur Bewältigung von Symptomatik und funktionalen Beeinträchtigungen bereit.

Die Psychoedukation der betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist als Basis aller weiteren Interventionen zu sehen. Psychoedukation kann bereits eine Verbesserung der Symptomatik bewirken. Der Übergang von der Psychoedukation zur Psychotherapie ist oftmals fließend.

Mit dem Buch wenden sich die Autoren an psychotherapeutisch und psychiatrisch tätige Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Krankenpflegekräfte mit guten Kenntnissen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und deren Therapiemöglichkeiten. In ihrem Manual zur »Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung« gelingt es Mariella Matthäus und Dr. Andreas Stein, die als Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin bzw. als Chefarzt, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und Facharzt für Psychiatrie in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Rheinhessen-Fachklinik Alzey tätig sind, in hervorragender Weise, diese Aspekte zu verbinden und in einem strukturierten Gruppentrainingsprogramm zu etablieren, so dass die Wirkfaktoren einer Gruppe (z. B. Austauschen und Spaß haben in der Gruppe, das Anhören von Lösungsvorschlägen anderer, Anspornen durch die anderen, unvorhergesehene Kommunikationsverläufe, Konsens herstellen u. v. m.) tragfähig werden können.

Ich wünsche Ihnen, den Leserinnen und Lesern, vielseitige Anregungen, dem Buch eine weite Verbreitung und nicht zuletzt eine den Patienten hilfreiche Anwendung.

Homburg/Saar, im Mai 2015

Dr. Frank W. Paulus

Leitender Psychologe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes

1          Einleitung1

 

 

 

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine häufig vorkommende Erkrankung mit Prävalenzraten zwischen 3 und 5% (Polanczyk et. al., 2007, Schlack et al., 2007, 2014). Sie beginnt in der frühen Kindheit und kann sich über das Adoleszenten- bis in das Erwachsenenalter als klinisches Vollbild oder als Teilsymptomatik in unterschiedlichen Variationen und Modifikationen fortsetzen (Schmidt & Petermann, 2011; Krause & Krause, 2014).

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist eine Erkrankung von beträchtlicher individueller und gesellschaftspolitischer respektive gesundheitspolitischer Bedeutung. Aufmerksamkeitsstörungen stellen ein ausgesprochenes Entwicklungsrisiko für die Betroffenen dar. Menschen mit dieser Diagnose haben häufig Probleme im schulischen und beruflichen Kontext sowie im Bereich sozialer Beziehungen (Sobanski et al., 2008). Sie zeigen u. a. eine erhöhte Bereitschaft zu risikoreichem Verhalten, nicht selten kommt es auch zu problematischem Suchtmittelkonsum oder zu delinquentem Verhalten (Sobanski & Alm, 2004; Schmidt & Petermann, 2011). Dies trägt – neben dem persönlichen Leid – zur Verursachung hoher Kosten insbesondere auch im Gesundheits- und Rechtssystem bei (Schlander et al., 2010).

Nachdem im letzten Jahrzehnt zunehmend auch die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter in den Fokus wissenschaftlichen Interesses rückte (Krause & Krause, 2014), wurden – in Ergänzung zu etablierten pharmakologischen Verfahren – unterschiedliche psychotherapeutische Interventionen entwickelt, die in der Regel auch psychoedukative Maßnahmen umfassen. Die Psychoedukation hat ihre Wurzeln in der kognitiv-behavioralen Psychotherapie, korrespondierend beinhalten verhaltenstherapeutische Therapieprogramme psychoedukative Therapieelemente (Knouse et al., 2008; D’Amelio et al., 2009).

Untersuchungen weisen darauf hin, dass Psychoedukation bei Kindern und Adoleszenten mit ADHS als hilfreich bewertet wird (Lopez et al., 2005) bzw. die Behandlungscompliance verbessert (Svanborg et al., 2009). Es ist deshalb von großer Relevanz, Betroffenen möglichst frühzeitig psychoedukative und psychotherapeutische Interventionsprogramme anzubieten (D’Amelio et al., 2009; Döpfner et al., 2013).

Für Kinder und ihre Eltern sind schon länger differenzierte Elternratgeber und Selbsthilfebücher (Döpfner et al., 2007a) sowie evaluierte Therapiemanuale (Döpfner et al., 2007b) verfügbar, für Erwachsene mit ADHS wurden Psychotherapie- oder Psychoedukationsmanuale publiziert (Hesslinger et al., 2004; Safren et al., 2008; D’Amelio et al., 2009; Lauth & Minsel, 2009; Baer & Kirsch, 2010).

Für die Zielgruppe der Adoleszenten wurde zwar von Linderkamp et al. (2011) ein spezifisches Lerntraining entwickelt, das auch der adoleszenten Entwicklung Rechnung trägt, es ist aber als ein »Training« im »Einzelsetting« konzipiert. Ein strukturiertes, leicht verständliches und einfach zu handhabendes Manual zur Psychoedukation und Psychotherapie bei Adoleszenten mit ADHS ist nach unserer Kenntnis im deutschsprachigen Raum nicht bekannt. Das vorliegende Manual möchte diese Lücke schließen. Um den speziellen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz2 gerecht zu werden, wurden entsprechend bei der Konzeption dieses Manuals insbesondere auch entwicklungsspezifische Themenschwerpunkte wie zum Beispiel »risikoreiches Verhalten«, »Sexualität und Beziehungen«, »Jugendkriminalität«, »Drogen«, »Führerschein« sowie »Ausbildung und Beruf« fokussiert.

Das vorliegende Manual zur »Psychoedukation und Psychotherapie für Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS« wird aktuell im Rahmen eines stationären Settings in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Alzey evaluiert. Eine konsekutive Ausweitung auf ein teilstationäres und ambulantes Setting ist geplant.

Da sich die ADHS-Symptomatik und psychosoziale Konsequenzen nicht nur auf den Patienten selbst, sondern ebenso auf seine Familie auswirken können (D’Amelio et al., 2009), ist im Anschluss an dieses Buch geplant, auch für Angehörige ein korrespondierendes Psychoedukationsmanual zu verfassen. Den Angehörigen soll damit parallel zu den psychoedukativen Sitzungen für die Adoleszenten ein eigenes Psychoedukationssetting bzw. -forum angeboten werden.

In dem vorliegenden Buch wird in Kapitel 2 ein kurzer Überblick über den aktuellen Forschungsstand des Krankheitsbildes der ADHS und die entsprechenden Therapie- und Interventionsmöglichkeiten gegeben. Wirkprinzipien, allgemeine Therapieziele und Formen einer altersadaptierten Psychoedukation werden in Kapitel 3 erörtert. In Kapitel 4 wird das Konzept des psychoedukativen und psychotherapeutischen Gruppentrainings dargestellt, wobei grundsätzliche Informationen über Zielgruppe, Indikation, Gruppenleitung, Trainingsziele, Rahmenbedingungen, Struktur und Durchführung der Gruppensitzungen gegeben werden. Zudem werden in diesem Kapitel didaktische Prinzipien und Strategien sowie Hilfsmittel beschrieben. In Kapitel 5 werden die einzelnen Sitzungen des Manuals ausführlich dargestellt.

Die Sitzungen sind so strukturiert, dass sie zunächst einen Einblick in das Erscheinungsbild und die Problematik der ADHS vermitteln. Hierzu werden Pathogenese, Diagnostik, Symptomatik und Komorbidität, Risikoverhalten und Verlauf der Störung sowie die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten der ADHS dargestellt. In den Sitzungen 6 bis 9 wird ein besonderes Augenmerk auf die Aktivierung der Ressourcen und der Selbstmanagementkompetenzen der betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelegt.

Das Manual, das u. a. eine Powerpoint-Präsentation, einen die Folien kommentierenden Teil, Info- und Arbeitsblätter sowie Feedback-Fragebögen zur Evaluation umfasst, soll als Grundlage für die einzelnen Sitzungen dienen. Die Materialien3 können Sie unter diesem Link kostenfrei herunterladen: http://downloads.kohlhammer.de/?isbn=978-3-17-024802-1 (Passwort: tlosvvz4).

Die Illustrationen wurden großteils von Frau Emma Schlink, Schülerin des Landeskunstgymnasiums Rheinland-Pfalz in Alzey, gezeichnet.

Bedanken möchten wir uns bei allen, die zum Gelingen dieses Manuals beigetragen haben. Dies sind insbesondere unsere Patienten, die sich uns anvertrauen. Ihre Erfahrungen, Rückmeldungen und Anregungen konnten wir in das vorliegende Psychoedukationsmanual einfließen lassen. Unseren Ehegatten Dr. Eva Stein und Hans Dieter Matthäus gilt unser besonderer Dank für das Korrekturlesen. Dem DV-Service unserer Klinik, insbesondere Herrn Illy und Herrn Habenicht, danken wir für die Unterstützung bei technischen Fragen, dem Kohlhammer Verlag für die ansprechende Ausstattung und den Lektorinnen Anita Brutler, Celestina Filbrandt und Stefanie Reutter für die exzellente Zusammenarbeit.

Alzey, Oktober 2015

Mariella Matthäus, Andreas Stein

1     Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit des Textes wird für die verschiedenen Berufsgruppen, Personen und für die Patienten die maskuline Form im Sinne einer geschlechtsabstrakten Bezeichnung verwendet.

2     Mit dem Terminus »Adoleszenz« ist in diesem Buch nach Oerter und Dreher (2008) der Altersbereich zwischen 14 und 17 Jahren (»mittlere Adoleszenz«) sowie 18 und 22 Jahren (»späte Adoleszenz«) gemeint.

3     Wichtiger urheberrechtlicher Hinweis: Alle zusätzlichen Materialien, die im Download-Bereich zur Verfügung gestellt werden, sind urheberrechtlich geschützt. Ihre Verwendung ist nur zum persönlichen und nichtgewerblichen Gebrauch erlaubt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

2          ADHS – ein Überblick

 

 

 

2.1        Definition und Klassifikation

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS, ADHD: Attention Deficit-/Hyperactivity Disorder) bzw. Hyperkinetische Störungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Bei einem Teil der Betroffenen persistiert das Störungsbild in unterschiedlichen Variationen bis ins Erwachsenenalter. Kennzeichnend sind eine Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeitsdefizite, Ablenkbarkeit), der Aktivität (Hyperaktivität) und der Impulskontrolle (Impulsivität) (Döpfner et al., 2013; Ludolph & Pfalzer, 2013).

Die Störung der Aufmerksamkeit zeigt sich in einer erhöhten Ablenkbarkeit, der Tendenz,

Störung der Aufmerksamkeit

Aufgaben vorzeitig abzubrechen, Tätigkeiten zu wechseln, bevor sie zu Ende gebracht werden, sowie einem Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die für den Betroffenen uninteressant sind.

Die Hyperaktivität äußert sich in einem stärkeren Bewegungsdrang, insbesondere in Situationen,

Hyperaktivität

in denen normalerweise ruhiges Verhalten verlangt wird.

Impulsivität tritt als Neigung zu vorschnellem und unüberlegtem Handeln in Erscheinung.

Impulsivität

Die Betroffenen haben Probleme, ihre Bedürfnisse aufzuschieben, und Schwierigkeiten, die Folgen ihrer Handlungen zu antizipieren. Sie platzen beispielsweise mit Antworten heraus oder unterbrechen andere, oft fällt es ihnen schwer, abzuwarten, bis sie an der Reihe sind (Lehmkuhl et al., 2009; Döpfner et al., 2013).

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen sind in verschiedene Untergruppen unterteilt, die nach ICD-10 (Dilling et al., 2008) und nach dem aktuell überarbeiteten DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013, 2015) anhand unterschiedlicher Kategorien verschlüsselt werden. Die Symptomkriterien werden in den beiden Klassifikationssystemen weitgehend übereinstimmend definiert. Sie unterscheiden sich allerdings in der festgelegten Anzahl und Kombination dieser Kriterien, die für die Diagnose einer ADHS vorliegen müssen.

Die drei Kardinalsymptome Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität

Diagnosekriterien

können in verschiedenen Ausprägungsformen auftreten. Die Symptome müssen mindestens sechs Monate lang in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorliegen. Die Störung (ICD-10) bzw. einige Symptome der Störung (DSM-5) müssen schon vor dem 6. Lebensjahr (nach DSM-5 vor dem 12. Lebensjahr) in verschiedenen Lebensbereichen nachweisbar sein und zu einer Beeinträchtigung des psychosozialen Funktionsniveaus führen (Remschmidt et al., 2006; Dilling et al., 2008; American Psychiatric Association, 2013, 2015). Die ICD-10 berücksichtigt eine »Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung« (F90.0) und, falls auch die Kriterien einer Störung des Sozialverhaltens vorliegen, eine »Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens« (F90.1) (Dilling et al., 2008).

Demgegenüber sind im DSM-5 drei Subtypen spezifiziert (American Psychiatric Association, 2013, 2015):

Subtypen

•  Das gemischte Erscheinungsbild der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, bei dem wie bei der ICD-10 alle Kernsymptome auftreten.

•  Der vorherrschend unaufmerksame Subtypus, der sich durch ausgeprägte Aufmerksamkeitsstörungen auszeichnet, während Hyperaktivität und Impulsivität weniger auffällig sind.

•  Das vorwiegend hyperaktiv-impulsive Erscheinungsbild, das durch ausgeprägte Hyperaktivität und Impulsivität charakterisiert ist, während Aufmerksamkeitsstörungen weniger stark ausgebildet sind.

Ausschlusskriterien

Zu den Ausschlusskriterien zählen nach ICD-10 und DSM-5 die Diagnosen einer Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung. Die ICD-10 führt zusätzlich noch eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, eine affektive Störung oder eine Angststörung als Ausschlusskriterium an (Döpfner et al., 2013). Die Praxis zeigt jedoch, dass für 20 bis 50% der Kinder mit ADHS auch die Kriterien der Autismus-Spektrum-Störung vorliegen (Rommelse et al., 2010), so dass in der 5. Revision des DSM das Ausschlusskriterium der tiefgreifenden Entwicklungsstörung wegfiel (American Psychiatric Association, 2013, 2015).

2.2        Epidemiologie

»Modediagnose ADHS«?

Immer wieder wird in der Presse von der zu schnell und unkritisch gestellten »Modediagnose ADHS« gesprochen. Jahrelange klinische Erfahrungen zeigen aber, dass die Erkrankung zwar nicht häufiger auftritt, jedoch unter den Lebensbedingungen der heutigen Zeit immer mehr Betroffene auffallen (Neuhaus, 2013).

veränderte Anforderungen an Kinder und Jugendliche

Die Anforderungen, die die schulische und gesellschaftliche Realität an Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Zeiten von Heinrich Hoffmanns »Zappelphilipp« heute etwa im Hinblick auf längeres Stillsitzen oder auditive und visuelle Reizverarbeitung stellt, haben erheblich zugenommen. Schulische Leistungen sind wichtiger geworden, die praktische Mithilfe der Kinder und Jugendlichen als Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie hat an Bedeutung abgenommen, familiäre Strukturen haben sich geändert. Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig, um innere Spannungen abzubauen, die Beschäftigung mit Medien wie Fernsehen, Computer (PC-Spiele, Chats etc.) nimmt einen Großteil der Freizeitaktivitäten ein (Trost, 2005; Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012).

Prävalenz

In den einzelnen epidemiologischen Untersuchungen ergeben sich aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden erheblich schwankende Prävalenzraten zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Unter Berücksichtigung von Daten aus weltweit 170.000 Probanden, die anhand unterschiedlicher Kriterien untersucht wurden, fanden Polanczyk et al. (2007) eine Prävalenz von 5,29% von ADHS betroffener Kinder und Jugendlicher. Für Deutschland konnte in einer großen repräsentativen Erhebung (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey) zur ADHS eine Prävalenzrate von 4,8% bei Mädchen und Jungen zwischen 3 und 17 Jahren ermittelt werden. Dabei wurde bei Jungen ADHS um den Faktor 4,3 häufiger diagnostiziert als bei Mädchen (Schlack et al., 2007). In einer Folgeerhebung betrug die Prävalenz nahezu unverändert 5% (Schlack et al., 2014).

Bei ADHS handelt es sich nicht um eine auf die Kindheit oder Adoleszenz begrenzte Erkrankung. Bei einem Großteil der Betroffenen persistiert die ADHS als klinisches Vollbild oder Residualsymptomatik (insbesondere als Aufmerksamkeitsstörung) bis ins Erwachsenenalter (Biederman et al., 2000; Wilens et al., 2002; Schmidt & Petermann, 2011; Paslakis et al., 2013). In einer Metaanalyse relevanter epidemiologischer Untersuchungen wurde für die ADHS im Erwachsenenalter eine mittlere Prävalenzrate von 2,5% gefunden (Simon et al., 2009), einer neueren epidemiologischen Untersuchung zufolge wurde die Prävalenz der ADHS bei Erwachsenen in Deutschland sogar auf 4,7% geschätzt (De Zwaan et al., 2012).

Im Adoleszenten- und Erwachsenalter ist die ADHS oft mit anderen psychischen Erkrankungen assoziiert. Nicht selten werden erwachsene Betroffene mit ADHS zunächst aufgrund des komorbiden Störungsbildes behandelt (Fayyad et al., 2007; Paslakis et al., 2013).

2.3        Ätiologie

multifaktorielles Entstehungsmodell

Bei der Pathogenese der ADHS geht man von einem multifaktoriellen Entstehungsmodell aus. Das Auftreten der ADHS wird durch mehrere unterschiedliche Faktoren begünstigt. Es handelt sich dabei um genetische, psychosoziale, toxische und ernährungsbedingte Faktoren (Huss, 2010; Döpfner et al., 2013).

2.3.1      Genetische Faktoren

In Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien wurde nachgewiesen, dass bei der Entstehung

zentrale Rolle von genetischen Faktoren

der ADHS genetische Faktoren eine zentrale Rolle spielen (Banaschewski, in Steinhausen et al., 2010). Molekularbiologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass mehrere Genvarianten (Polymorphismen) vornehmlich des Dopaminsystems, aber auch anderer Neurotransmittersysteme für einen Teil der betroffenen Kinder mit ADHS ursächlich relevant sind. Aufgrund neuer Forschungsergebnisse geht man zudem von Gen-Umwelt-Interaktionen aus, wobei offensichtlich genetische Dispositionen unter bestimmten Umweltkonstellationen aktiviert werden (Renner et al., 2008; Wankerl et al., 2014).

2.3.2      Prä-, peri- und postnatale Schädigung des Zentralnervensystems