Nazigold - Paul Kohl - ebook

Nazigold ebook

Paul Kohl

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Opis

Oberbayern 1946: Anton Nafziger, Chef des Bordells "Crazy Horse" in Mittenwald, wird ermordet aufgefunden. Nur widerwillig kehrt der Münchener Kriminalkommissar Martin Gropper für die Aufklärung des Verbrechens in seine Heimatstadt zurück, in der man ihm mit Misstrauen und Ablehnung begegnet. Tatsächlich stößt er mit seinen Ermittlungen in ein Wespennest, denn Mittenwald beherbergt mehr als nur ein Geheimnis. Um seinen Fall aufzuklären, muss Gropper das Schweigen durchbrechen und die letzten Tage des Opfers ebenso durchleuchten wie das Geschehen in Mittenwald kurz vor Kriegsende.

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Paul Kohl, geboren 1937 in Köln, ist während des Krieges und in der Nachkriegszeit in Oberbayern aufgewachsen. Heute ist er Hörfunk- und Buchautor und schreibt vorwiegend über sozialkritische und zeitgeschichtliche Themen. Sein Schwerpunkt: der Überfall auf die Sowjetunion und die Aufarbeitung der NS-Zeit und der NS-Verbrechen. Paul Kohl lebt und arbeitet seit 1970 in Berlin.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: fotolia.com/Uwe Lütjohann Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch, Berlin eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-143-5 Originalausgabe

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1

»Jetz bin i gmoant«, hat d’Sau gsagt, wia Schlachttag war.

Wie jeden Morgen seit einem Dreivierteljahr putzt Fanny Jais auch heute, an diesem noch frühen Morgen des 29. Mai 1946, die obere Etage des »Crazy Horse«. Mit den fünf Gästezimmern ist sie gerade fertig. Sie hat die verschrumpelten Kondome neben den Betten eingesammelt und in die Mülleimer geschmissen, die Betttücher mit den großen gelben Flecken und manchmal auch kleinen Blutflecken auf den Gang geworfen. Sie hat die Doppelbetten neu überzogen, den Boden gewischt, die leeren Flaschen aus den Zimmern geräumt, die kleinen Kühlschränke mit neuem Bier, Cognac, Whisky und Sekt aufgefüllt. Und sie hat die schief hängenden Kruzifixe und Heiligenbilder über den Doppelbetten gerade gerückt und die geklauten Bibeln durch neue ersetzt und auf die Nachtkästchen gelegt.

Nun muss sie sich daranmachen, das Büro ihres Chefs zu putzen. Danach ist unten das große Lokal dran.

Die abgearbeitete, siebenundfünfzigjährige Fanny Jais, die zehn Jahre älter aussieht, biegt ihr Kreuz gerade, stöhnt leicht und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. In den Achselhöhlen haben sich in ihrem Kittel große nasse Flecken gebildet. Sie hebt den klebenden Stoff etwas an, bläst unter ihre Achseln und spürt die Kühle auf ihrer Haut.

Bevor sie jedoch das Büro aufschließt, will sie erst mal eine rauchen. Das macht sie immer so. Mit einem Seufzer lässt sie sich auf dem Schemel nieder, der jeden Morgen auf sie wartet, holt eine Schachtel Chesterfield aus ihrer Kitteltasche, fummelt mit ihren vom Putzwasser aufgeweichten Fingern einen Ami-Stengel heraus, zündet ihn an und pafft. Die Zigaretten bekommt sie von ihrem Chef geschenkt, mal Camel, mal Lucky Strike, jetzt Chesterfield.

Die Asche tippt sie in die leere Corned-Beef-Dose auf ihrem Schoß. Nach ihrer Pause wirft sie auch die Kippe hinein. Kurz zischt die Zigarettenglut in dem Putzwasser, das sie in die Dose gegossen hat. Dann rafft sie sich ächzend auf, fasst nochmals in ihre Kitteltasche und fingert den Bund mit dem Büroschlüssel und ihre alte Armbanduhr heraus: ein paar Minuten nach sechs. Es wird Zeit, sich sein Büro vorzunehmen. Sie schließt die Tür auf.

Ein kalter Luftzug schlägt ihr entgegen. Die Glastür zum Balkon steht weit offen. Wieso hat er sie am Abend beim Verlassen des Büros nicht geschlossen wie sonst auch immer?

Als sie den Raum betritt, erstarrt sie, ihr stockt der Atem: Ihr Chef liegt neben seinem Schreibtisch auf dem Boden, lang hingestreckt, das Gesicht zur Decke gerichtet. Rund um seinen Hinterkopf schimmert dunkelrot, fast schwarz, eine große Blutlache auf dem Linoleum. Und quer auf seiner Brust liegt sein Gewehr. Seine rechte Hand hält er auf dem Abzugshahn, als hätte er sich selbst erschossen.

Ein paar Sekunden lang ist Fanny Jais unfähig, näher zu treten. Nur langsam kommt wieder Bewegung in ihren Körper. Sie schließt die Bürotür hinter sich und tritt zitternd an den Leichnam heran. Seine Augen sind weit geöffnet, als würde er sie erschreckt ansehen. In seiner blutigen Stirn sieht sie ein schwarzes Loch. Die Blutrinnsale auf seinem Gesicht sind verkrustet. Auch das Blut auf dem Boden um seinen Hinterkopf ist bereits angetrocknet. Er muss schon ein paar Stunden so dagelegen haben. Wie betäubt schwankt sie zur Balkontür, tappt dabei durch die Blutlache, und drückt die Tür zu, schaut zurück auf den Leichnam.

Da packt es sie, sie schreit, sie brüllt; wie eine Wahnsinnige rennt sie die Treppe hinab, hinaus auf die Straße, kreischt: »Dea Nafziger is tot! Dea Nafziger is tot!«

Vor dem Haus trifft sie den Zeitungsjungen, der den »Hochland-Boten« austrägt, um sich etwas Taschengeld zu verdienen. Sie schreit: »Dea Nafziger is tot!«

Der dickliche, schnauzbärtige Müllfahrer, der jeden Morgen die Tonnen hinter dem Lokal leert, kommt hinzu. Sie schreit: »Dea Nafziger is tot!«

Fanny Jais will den beiden die Leiche zeigen, hastet mit ihnen hinauf in das Büro und weist fassungslos auf die Glastür zum Balkon: »De hat ea niea offn lassn!« Verwirrt rennt sie durch den Raum, wieder mitten durch die Blutlache hindurch, und verteilt überall blutige Fußabdrücke.

Neugierig wenden der Zeitungsbote und der Müllfahrer die Leiche hin und her, bis sie auf dem Bauch liegt. Der Müllfahrer zeigt auf den Hinterkopf. »Da is a Loch.« Mit den Fingern wischt er das Blut vom Linoleum, dort, wo der Hinterkopf gelegen hat. »Da, da«, sagt er, »da steckt de Kugl im Bodn«, und will sie herauskratzen. Es gelingt ihm nicht, er gibt es auf und will seine mit Blut verklebten Finger an seiner Jacke abwischen. Auch das gelingt ihm nicht. Nun sind Jacke und Hand rot verschmiert.

Der Zeitungsbote sagt: »Se müssn de Polizei anrufn.«

Fanny stürzt zum Schreibtisch und ergreift den Telefonhörer. Kein Tuten beim Abnehmen und Wählen der Nummer. Sie stellt fest: Das Telefonkabel ist durchgeschnitten. Benommen stolpert sie nach unten in das Lokal, will von dort anrufen. Aber bei der Polizei meldet sich niemand.

Fanny hetzt zur Polizei am Obermarkt. Zehn Minuten muss sie rennen. Als sie das Revier erreicht, ist es sechs Uhr dreißig. Der alte Gendarm Ferdinand Buchner schlüpft gerade in seinen Lodenjanker und will nach Hause. Er hat die Nachtschicht hinter sich, ist müde und will schlafen. Eben sind seine jungen Anfängerkollegen Bergmoser und Senger zur Tagesschicht eingetroffen.

Eigentlich hätte Buchner schon längst pensioniert werden müssen, doch nun, nach Kriegsende, hat man für den Aufbau der neuen Polizei keine erfahrenen Leute. Die Polizeibeamten der Nazizeit wurden von den Amerikanern ins Internierungslager gesteckt, und junge Bewerber müssen erst ausgebildet werden. So hatte man ihn bekniet, noch so lange Dienst zu tun, bis die beiden ihm zugewiesenen Neulinge eingearbeitet sind. Derart gezwungen, bringt Buchner nun seine Tag- und Nachtschichten hinter sich und freut sich, wenn Feierabend ist. Besonders aber freut er sich auf den Tag, an dem er endgültig in Pension gehen kann.

Über das, was er als Gendarm in der Nazizeit gemacht hat, schweigt er beharrlich. Es fragt ihn auch keiner danach. Ebenso hartnäckig verschweigt er, warum man ihn schon nach wenigen Tagen aus dem amerikanischen Internierungslager, diesem Mittenwalder Gehege, wieder freigelassen hat. Die Mittenwalder tuscheln viel darüber und glauben auch, den Grund für seine schnelle Freilassung zu wissen.

Zuerst misslaunig, doch dann alarmiert hört sich Buchner an, was die Jais ihm keuchend berichtet: Der Nafziger erschossen! Der Anton! Der Besitzer und Betreiber des »Crazy Horse«, des Ami-Amüsierclubs, in dem er mit den Besatzern, mit dem CIC und den Schwarzhändlern heimliche Geschäfte machte. Und jetzt erschossen! Von wem? Das wird ein Getuschel geben.

Dass es schon wieder einen Toten gibt, wundert ihn nicht. Aber dass es nun den Nafziger erwischt hat, das ist was Besonderes. Seit Kriegsende werden im Ort und in der Umgebung ständig Leute umgebracht, Ausländer und auch Einheimische. Seit der Niederlage, dem Zusammenbruch, der Kapitulation, der Besatzung, der Befreiung gibt es überall Mord und Totschlag. Das hat es früher nicht gegeben, denkt Buchner. Da herrschte Ordnung. Davon ist er überzeugt. Das lässt er sich nicht nehmen. Aber dass es jetzt den Anton weggeputzt hat, das macht Buchner nervös. Das wird Ärger geben.

Noch dazu war der Anton sein Freund.

Es hilft alles nichts: Der Feierabend muss warten. Als erfahrener Polizist kann er diesen neuen Fall nicht den beiden Anwärtern überlassen. Und so kratzt er sich kurz an seiner dunklen Warze am rechten Nasenflügel, schnappt sich seine alte Leica, seine Gummihandschuhe und seine Taschenlampe, bei der er schon lange nicht mehr die Batterie ausgewechselt hat, und eilt mit Fanny zum »Crazy Horse«.

Unterdessen greifen sich der Zeitungsbote und der Müllfahrer den Karabiner, wiegen ihn in den Händen, schätzen respektvoll sein Gewicht und legen den Schießprügel auf den Boden, mitten in die Blutlache. Sie nehmen die Enzianflasche vom Schreibtisch, bedauern, dass sie leer ist, und stellen die nun blutbefleckte Flasche zurück. Sie öffnen die Schubladen, holen Papiere heraus, wenden sie hin und her, stecken einige davon ein, stopfen die restlichen zurück. Auch dicke Bündel von Dollarscheinen finden sie in den Schubladen und lassen sie schnell in ihren Hosen- und Jackentaschen verschwinden.

»Du hoitst dei Mei. Keinen Muckser, hörst?« Kurzes Nicken, Schweigegelöbnis.

Sie öffnen die Balkontür, treten hinaus und schauen hinab auf das Garagendach.

»Fluchtweg«, sagen sie. »Guata Fluchtweg.« Und immer wieder latschen sie in die große rote Lache in der Mitte des Raumes.

Dann gehen sie hinunter auf die Straße, warten auf die Polizei und berichten allen Vorübergehenden: »Obm liagt dea Nafziger un is tot.«

Die Neugierigen drängen die schmale Treppe hinauf, dringen in das Büro ein. Jeder will die Leiche sehen, jeder fuchtelt mit dem Karabiner herum, jeder will sehen, was der Nafziger in seinen Schubladen hat. Jeder nimmt dies und das in die Hand und stellt es irgendwohin zurück oder auch nicht. Was ihnen gefällt, stecken sie ein. So auch die restlichen dicken Dollarbündel, die der Zeitungsbote und der Müllfahrer übersehen haben.

Als Buchner mit Fanny eintrifft, ist der Raum voller Menschen. »Herrgottsakrafix!«, brüllt er sie an. »Seids ihr denn ganz narrisch?« Buchner tobt, schäumt vor Wut. »Wie soll man da noch Spuren finden, ihr Idioten!«

Alle bleiben erschrocken stehen.

»Raus! Raus!«, brüllt er. »Aber fix!«

»Mia wolltn doch nua moi schaun«, sagen einige und stellen irgendwelche Gegenstände irgendwohin zurück.

»Ihr Sauhamme, ihr blöden!« Buchners Stimme überschlägt sich vor Zorn.

Nur langsam verlassen die Leichengaffer und Schubladenwühler einer nach dem anderen den Raum.

»Raus mit euch, alle miteinander! Oder soll ich nachhelfen?« Am liebsten hätte er ihnen einen Tritt in den Arsch versetzt und sie die Treppe hinabgestoßen.

Erst als er mit Fanny allein ist, sieht er den kompletten Schlamassel: Die Leiche liegt auf dem Bauch, der Karabiner auf dem Schreibtisch, der Boden ist voller blutiger Abdrücke.

»Warum haben S’ die Leute reingelassen?«, fährt er Fanny wütend an. »Warum haben S’ das Büro nicht abgesperrt?«

»Vor lauta Aufgregtsei«, erwidert sie verstört.

»Lag die Leiche so da, als Sie sie gefunden haben?«

»Na, de lag aufm Rückn.«

»Und wer hat sie umgedreht?«

»Wahrscheins di Leit, wia i zu Eana ganga bin.«

Buchner kann es nicht fassen. Er muss sich gewaltig zusammennehmen, um nicht völlig auszurasten. »Und wie soll man jetzt rausfinden, wie der Nafziger umgebracht worden ist?«

»In dea Stian is a Loch«, sagt Fanny schüchtern.

»Woher wissen S’ das?«

»Des hab i gsehng, wia i eam zerst gsehng hab. Wenn Se’n umdrahn …«

»Ich rühr den Toten nicht an.«

Er betrachtet den blutigen Hinterkopf, sieht die klaffende Wunde, den Austrittspunkt des Projektils, und kratzt sich an seiner dunklen Warze.

»Und wo lag der Karabiner? Doch nicht da auf dem Tisch.«

»Na, dea hat auf seim Bauch gleng, und ea hat sei Hand draufghaltn.«

»Das müssen S’ alles bezeugen, wenn S’ vernommen werden.«

Fanny ist dem Weinen nah. »Ea wa a so a guater Chef. Mia ham uns imma so guat vastandn. Ea hat so vüi für mi gtan. Wiad jetz des Hors gschlossn? Dann hab i koa Arbat meha. Was soll i denn jetz machn?«

Buchner will das Krankenhaus anrufen, einen Arzt kommen lassen, der Nafzigers Tod bestätigt und den Totenschein ausstellt. Da macht ihn Fanny darauf aufmerksam, dass das Kabel abgeschnitten ist. Mit seiner Leica knipst Buchner ein paar Aufnahmen von der Leiche, von dem Raum und dem Karabiner auf dem Tisch, obwohl er weiß, dass diese Fotos für die Ermittlung völlig wertlos sind.

»Soll i des Gwehr wieda zrucklegn auf den Nafziger?«, fragt sie.

»Kruzifix, das bleibt, wo’s ist! Wie viele Leut haben das Ding schon angefasst?«

»Wahrscheins vüi. I aba net!«

Buchner schüttelt verzweifelt den Kopf und geht zur Balkontür.

»De wa offn, wia i reikomma bin«, sagt Fanny.

»Und wer hat sie geschlossen?«

»I. Weils so koid war.«

»Dann sind Ihre Fingerabdrücke auf der Klinke.«

»Un von den andern a«, wehrt sie ab.

»Welchen andern?«

»De a de Tüa auf- und zuagmacht ham.«

Buchner sagt überhaupt nichts mehr. Um zusätzlich zu den vielen anderen Fingerabdrücken nicht auch noch seine eigenen zu hinterlassen, zieht er seine Gummihandschuhe an. Er weiß, dass auch das völlig sinnlos ist, aber er ist es eben so gewohnt. Vom Balkon schaut er hinunter auf das Garagendach und sieht auf der Teerpappe die Sohlenabdrücke von vier Paar Schuhen.

Sie verlassen den Raum, Fanny schließt ab, und Buchner versiegelt die Tür.

»Lassen Sie keinen Menschen mehr da rein. Verstanden?«

Fanny nickt schuldbewusst. Als Buchner weg ist, schenkt sie sich unten im Lokal drei Gläser randvoll mit Cognac ein, kippt jedes Glas ex, schluckt und weint.

Auf dem Revier bestellt Buchner beim Krankenhaus einen Arzt, der den Totenschein ausstellen soll. Sebastian Senger soll sich darum kümmern, dass der Arzt Zutritt zum Büro bekommt. Buchner drückt ihm ein neues Siegel in die Hand und ermahnt ihn: »Wenn du wieder gehst, denk daran, die Tür wieder gut zu versiegeln, Wastl. Und bring die Kopie vom Totenschein mit. Die brauchen wir für die Münchner.«

Dann meldet er den Mord an das staatliche Landeserkennungsamt in München. Die aber haben in der Stadt so viel zu tun und so wenig Personal, dass sie erst am nächsten Tag kommen können. Es ist warm Ende Mai, sicher fängt da der Nafziger schon an zu stinken. Buchner ist das egal. Es wird nach diesem Mord beim CIC sowieso viel Gestank geben. Jetzt will er nach seiner Nachtschicht und nach dieser Geschichte endlich nach Hause und schlafen.

»Wenn morgen der Erkennungsdienst kommt«, sagt er zu Bergmoser, »um sechse bin ich wieder da.«

Auf Anordnung der Amerikaner geht der Amüsierbetrieb im »Crazy Horse« weiter, während im ersten Stock die Leiche vom Nafziger liegt. Nur die Bordellzimmer nebenan bleiben vorerst geschlossen. Die rumänische Bardame Lucretia, die die Ermordung ihres Chefs geschäftsmäßig zur Kenntnis nimmt, wird von Bergmoser angewiesen, keine Gäste mit ihren »Froileins« nach oben zu lassen. Die deutschen und amerikanischen Geschäftsfreunde wollen aber dennoch nach oben. Lucretia muss sie abweisen: »Heute geschlossen.«

»Warum?«

»No comment.«

»Ich zahl das Doppelte.«

»Nicht heute.«

»Und morgen?«

»Weiß nicht.«

»Übermorgen?«

»Weiß nicht.«

Lucretia beschwert sich bei Bergmoser und Senger: »Wie lange noch dauert? Ich kein Geld.«

»Wir geben Ihnen Bescheid.«

»Bullshit.«

***

Am darauffolgenden Morgen, am Donnerstag, den 30. Mai 1946, Christi Himmelfahrt, erscheint im »Hochland-Boten« unter der Rubrik »Familien-Anzeigen« folgende Todesanzeige:

Anton Nafziger

Oberst u. ehem. Kdr. der Gebirgsjäger-Kaserne Mittenwald

Eigentümer u. Betreiber des Lokals »Crazy Horse«

geb. 13.9.1910

durch einen tragischen Unfall gest. am 29.5.1946

In tiefer Trauer, das Personal.

Gottesdienst und Beerdigung werden noch bekannt gegeben.

Am Vormittag desselben Tages treffen die Männer vom Münchner Erkennungsdienst zusammen mit einem Leichenwagen in Mittenwald ein. In Nafzigers Büro packen sie ihre Koffer aus und machen sich an die Arbeit. Sie fluchen über das Chaos. Eine beweiskräftige Spurensicherung ist unmöglich. Dennoch: Sie fotografieren, nehmen mit ihren Klebestreifen von Gegenständen Fingerabdrücke und vom Anzug des Ermordeten Anhaftungen, die zur Beweisführung dienen könnten, füllen Blutproben in ihre Fläschchen, kratzen das Projektil aus dem Boden, finden die Messinghülse unter dem Aktenschrank, packen Projektil, Hülse und die Enzianflasche in Zellophanbeutel. Was ihnen in den Schubladen wichtig scheint, füllen sie in Säcke und wickeln den Wehrmachtskarabiner in eine Plastikfolie. Mit Kreide zeichnen sie auf dem Boden die Umrisse des liegenden Körpers nach und laden ihn in den Leichenwagen. Sie durchsuchen die fünf Zimmer neben dem Büro, öffnen die Schränke und die Schubladen in den Nachtkästchen, schauen unter die Betten und schlagen die Bezüge um, wobei Fanny Jais heftig protestiert, denn sie muss nun alle Betten neu machen.

Die ED-Männer klettern an der Ecke Innsbrucker Straße/Dekan-Karl-Platz über eine Leiter auf das Garagendach und fotografieren die vier Paar Schuhabdrücke in der weichen Teerpappe. Auch da, wo die Täter hinter der Garage vom Dach gesprungen sind, finden sie im Erdreich diese vier Paar Sohlenabdrücke. Im Gebüsch daneben entdecken sie ein blau-weißes Schnupftuch mit dunklen Flecken und zwei Hundert-Dollar-Scheine. Die Fußspuren führen zu einem hohen Holzzaun an der Innsbrucker Straße. Im Zaun entdecken sie zwei herausgebrochene Bretter. Das also war ihr Fluchtweg. Auf der Innsbrucker Straße verliert sich die Spur.

Am Schluss machen sie noch Aufnahmen von Nafzigers himmelblauem Buick Super, der vor dem »Crazy Horse« steht, und untersuchen das Innere des Wagens.

»Viel wird dabei nicht herauskommen«, sagen sie und bedauern den Kommissar, der hier ermitteln soll. Dann fahren sie zurück nach München, gefolgt vom Leichenwagen, der Nafziger zur Medizinischen Fakultät der Münchner Universität zur Obduktion bringt.

***

»Wie es aussieht: Mord«, sagt der Münchner Kripoleiter einen Tag später und drückt dem neu angestellten Kommissar Martin Gropper den Obduktionsbericht und das Protokoll des Erkennungsdienstes in die Hand. »Das Opfer ist ein gewisser Anton Nafziger.«

Gropper glaubt, nicht richtig gehört zu haben.

Der Kripoleiter hält ihm Nafzigers Ausweis hin, den die Erkennungsdienstler mitgebracht haben. »Sechsunddreißig Jahre. Geschäftsmann.«

Gropper betrachtet das Passfoto. Es trifft ihn wie ein Keulenschlag: Sein ehemaliger Schulkamerad Anton ist tot, ermordet. Während ihrer Schulzeit waren sie Freunde, doch danach hatte er als Jugendlicher kaum noch Kontakt mit Nafziger. Und erst recht nicht als Erwachsener, da Nafziger sich ab 1933 für die Nationalsozialisten begeisterte. Von da an war ihm sein Schulfreund Anton endgültig fremd geworden. 1937 war er freiwillig zu den Gebirgsjägern gegangen und in die Mittenwalder Kaserne eingezogen. Zufällig gesehen hatten sie sich zuletzt vor acht Jahren, kurz bevor Nafziger 1938 mit seinen »Jagern« in Österreich einmarschierte. Nun also wurde dieser überzeugte Nazi ermordet. Von wem? Warum?

Gropper soll nach Mittenwald fahren und die Ermittlungen aufnehmen. Morgen, am Samstag. Das passt ihm überhaupt nicht. Dazu hat er überhaupt keine Lust. Vor vielen Jahren schon hat er sich geschworen, Mittenwald nie wieder sehen zu wollen. Er lehnt den Auftrag ab mit dem Argument, Nafziger persönlich gekannt zu haben und dadurch nicht neutral ermitteln zu können. Für den Kripoleiter ist aber gerade das der entscheidende Grund, ihm den Fall zu übertragen.

Gropper versucht alle möglichen Ausreden: »Ich bin zu neu. Ich habe noch keine Erfahrung. Ich weiß gar nicht, wie man ermittelt.«

Doch wie er sich auch windet, der Kripoleiter redet auf ihn ein: »Das schaffst du schon. Außerdem haben wir keinen anderen, den wir hinschicken können. Alle anderen müssen in der Stadt bleiben. Also los. Du kennst die Leute dort. Warst drei Jahre lang Gendarm in dem Flecken. Vielleicht erzählen sie dir mehr als einem Fremden.«

»Oder gerade deshalb überhaupt nichts.«

»Red nicht. Morgen in der Früh fährst du nach Mittenwald. Du bist genau der Richtige für diesen Fall«, sagt der Kripoleiter knapp und geht hinaus.

Er will nicht, er will nicht wieder in dieses Kaff. Das hat er sich geschworen, und dabei bleibt es. Er kann Nafzigers Ermordung nicht aufklären. Er kann nicht all die Menschen, die er von Kindheit an kennt, verdächtigen, sie vernehmen, bei ihnen nach Beweisen schnüffeln. Außerdem hat er noch Feinde in Mittenwald aus seiner Zeit als Gendarm. Dass er damals seinen Pflichten nachgehen musste, werden sie ihm heute heimzahlen. Eine Pleite wird es werden und nicht sehr förderlich für seine künftige Laufbahn als Kommissar. Gequält fährt er sich mit den Fingern durch sein blondes gelocktes Haar.

Polizist wollte Martin Gropper nie werden und schon gar nicht Kriminalkommissar. Von Jugend an wollte er Förster werden. Doch das hatte ihm nach dem Tod seines Vaters seine Mutter verboten. Und nur, weil seine Frau Luise ihn dazu drängte, einen anständigen Beruf auszuüben, hatte er sich bei der Polizei gemeldet und war 1936 Gendarm in Mittenwald geworden, wo fast jeder jeden kannte. Geliebt hat er diesen Beruf nie. Allein schon deshalb nicht, weil er meistens Diebstähle, auch Viehdiebstähle, Einbrüche, Wilderei, Viehkaufbetrügereien, Milchpantschereien und oft auch Schwarzbrennen aufdecken musste, Delikte, die entfernte oder nähere Bekannte oder gar Freunde begangen hatten. Da befand er sich oft in der Zwickmühle. Die Täter baten ihn, die Sache nicht so ernst zu nehmen und ruhen zu lassen, was er auch hin und wieder tat, mit nagendem schlechtem Gewissen. Nur wenn die Angelegenheit zu schwerwiegend war, musste er resolut entscheiden, mit der Folge Strafzahlung oder gar Gefängnis für die Betroffenen. Das haben sie ihm nie verziehen. So hat er sich Feinde gemacht, was er gar nicht wollte. Er konnte es keinem recht machen.

1939 hätte er in die Gestapo eintreten müssen. Das kam für ihn nun überhaupt nicht in Frage, und so floh er mit seiner schweizerischen Frau Luise in das nahe St. Gallen, wo ihre Eltern wohnten. Als gelernte Krankenschwester arbeitete sie dort in einem Hospital und er im selben Krankenhaus als Rot-Kreuz-Fahrer, weil er als Ausländer keinen anderen Beruf ausüben durfte. Kurz nach dem Krieg kehrten sie nach Deutschland zurück, nach München. Wieder auf Drängen seiner Frau bewarb er sich abermals bei der Polizei, obwohl er immer noch an seinem Traumberuf Förster hing. Als im Frühjahr 1946 die amerikanische Militärregierung in Bayern die Erlaubnis erteilte, eine neue deutsche Polizei aufzustellen, benötigte man dringend auch Kriminalpolizisten. Ab da ging alles wie von selbst. Nach einer Schnellausbildung war Gropper kurze Zeit Anwärter und plötzlich Kommissar. Dieser neue Beruf wurde ihm quasi in den Schoß gelegt.

Und jetzt soll er für seinen ersten Mordfall ausgerechnet nach Mittenwald. Man wird es ihm dort übel nehmen, dass er 1939 abgehauen ist. Er ahnt, was er in Mittenwald zu hören bekommen wird: Fahnenflüchtiger! Deserteur! Vaterlandsverräter!

Widerwillig überfliegt Gropper die beiden Berichte. Zuerst den Obduktionsbefund.

Zeitpunkt des Todes: Mittwoch, 29.5.1946, kurz nach Mitternacht. Tod durch einmaligen Schuss, Spitzgeschoss Kaliber 7,92, mittels des Wehrmachtskarabiners 98k aus circa dreißig Zentimetern Abstand in die Stirn. Starke Quetschung des Kehlkopfes. Am Hals tiefe Eindrücke durch eine Nagelsohle. Dennoch kein Tod durch Ersticken. Das mit dem Rücken auf dem Boden liegende Opfer sollte durch den Druck auf den Hals möglicherweise daran gehindert werden, den Kopf zu bewegen, um den Schuss gezielt auf die Stirn abgeben zu können. Der Vorgang legt eine Hinrichtung nahe.

Wieso Hinrichtung?, fragt sich Gropper.

Dann nimmt er sich das Protokoll des Erkennungsdienstes vor.

Tatwaffe: Infanterie-Karabiner 98k mit Spitzgeschoss Kaliber 7,92. An Kolben, Lauf und Abzugshahn Reste von Enzianschnaps und Schnupftabakkrümel. Schuhabdrücke von vier Personen auf dem Teerpappedach der Garage: 2 Paar Nagelsohlen, 1 Paar flache Sohlen und 1 Paar mit spitzen Absätzen. Im Erdreich hinter der Garage die gleichen Sohlenabdrücke, die zu einer hohen hölzernen Umzäunung an der Innsbrucker Straße führen. Aus dem Zaun sind zwei Bretter herausgebrochen.

Nur Wehrmachtssoldaten tragen Nagelstiefel, überlegt Gropper. Demnach könnten zwei der Täter ehemalige Wehrmachtsangehörige, eventuell Gebirgsjäger gewesen sein. Das Schuhpaar mit den spitzen Absätzen könnte außerdem eine Frau als Täterin einschließen. Die flachen Sohlen lassen sich nicht zuordnen. Vielleicht stammen sie von einem Amerikaner.

In einem Gebüsch neben der Garage zwei Hundert-Dollar-Scheine und ein blau-weiß kariertes, mit Enzianschnaps getränktes Schnupftuch mit Schnupftabakflecken und anhaftenden Tabakkrümeln. Vor dem Lokal der blaue Buick Super des Opfers, Limousine, 4-türig, geparkt. Aufnahmen liegen bei.

Durch die Hinterlassungen zahlreicher Personen sind die am Tatort gesicherten Spuren größtenteils zerstört oder unbrauchbar. In den beschlagnahmten Geschäfts- und Privatordnern keine Hinweise auf Tatverdächtige. Ebenfalls keine Spuren in den neben dem Büro liegenden sauber geputzten fünf Fremdenzimmern.

Resigniert legt Gropper das Protokoll beiseite. Er kommt sich vor wie der Ochs vorm Berg. Nie wird er da etwas herausbekommen. Zumal er auch Amerikaner verdächtigen und vernehmen muss. Das aber wird das örtliche CIC nie erlauben und ihn schroff abweisen.

Gropper wird wieder einmal klar: Er hat den falschen Beruf. Das wusste er von Anfang an.

Der Kripoleiter kommt in sein Zimmer und legt ihm einen großen Umschlag der Spurensicherung auf den Tisch.

»Schau dir die Fotos an. Dann hast du einen Überblick, was dir bevorsteht.«

Gropper will den Umschlag gar nicht anfassen. Dann zieht er doch ein Foto hervor: ein himmelblauer Buick Super, wie sie in Hollywood-Filmen vorkommen, eine breite, schwere Limousine, die Reichtum symbolisiert. Weißwandreifen, hufeisenförmiger Kühlergrill mit senkrechten Chromstäben, breite Chromstangen. Der Kühlergrill mit den Chromstäben sieht aus wie ein Haifischmaul. Fehlen nur noch die Palmen und der Meeresstrand.

»Die Luxuskarosse des Opfers«, sagt der Kripoleiter. »Interessant, dass er einen solchen Schlitten besessen hat. Also Courage, Gropper. Morgen geht es los.«

Gropper sträubt sich immer noch. Doch es hilft alles nichts. Der Kripoleiter lässt nicht locker, er ermuntert ihn: »Vielleicht kommt dir in deiner Heimat so manche Idee, die dir hilft bei deinen Ermittlungen. Wer weiß. Das hab ich auch schon erlebt. Ist doch schön, zu alten Orten zurückzukehren. Da gab’s doch auch Erfreuliches.«

Da fällt Gropper seine Jugendliebe Wilma ein. Er sieht wieder ihr langes braunes Haar vor sich, ihren roten Mund und ihre schön geschwungenen Lippen. Wilma Gschwandtner, die Metzgerstochter, die Fleisch und Würste hasste. Wenn Schlachttag war, lief sie den ganzen Tag im Wald herum und kam erst wieder nach Hause, wenn die ausgeweideten Tiere im Kühlhaus hingen. Sie wollten damals heiraten und in einem Forsthaus leben, fernab vom Schlachthaus ihres Vaters. Warum haben sie es nicht getan?

Sieben Jahre hat er Wilma nicht mehr gesehen. Was ist aus ihr geworden? Lebt sie noch in Mittenwald? Hat sie doch die Metzgerei ihres Vaters übernommen?

Obwohl er nun schon vierzehn Jahre verheiratet ist, hat Gropper Wilma nie vergessen. Er liebt sie noch immer. Davon ist er überzeugt.

Plötzlich drängt es ihn nach Mittenwald – zu Wilma. Sie ist ihm nun wichtiger als dieser Fall Nafziger. Also auf nach Mittenwald.

2

»Drive carefully! Death is so permanent!«

Amerikanisches Transparent zur Verkehrssicherheit.

Sieben Jahre war er weg. Jetzt ist er wieder da. Der Bahnhof sieht noch genauso aus wie damals, als er von hier mit Luise nach St.Gallen abhaute. Auf den Bahnsteigen tragen immer noch die kunstvoll verzierten Säulen aus Gusseisen die geschwungenen, schmalen Dächer. Gropper steigt die Treppen hinab, durchquert den leicht nach Urin stinkenden Tunnel unter dem Gleis und geht auf der anderen Seite die Treppen wieder hoch. Früher liefen viele einfach quer über das Gleis, was natürlich verboten war. Große Schilder verbieten das auch heute noch. Beim Vorübergehen am eisernen Geländer streift er wie früher mit den Fingern an den klingenden Gitterstäben entlang und gibt dem Fahrkartenkontrolleur in seiner alten Reichsbahnuniform das braune gelochte Pappebillett. Dieser schaut streng auf das Datum und wirft es in die Blechtonne mit der Aufschrift »United Oil« neben ihm. Über dem Kontrolleur verkündet an der Bahnhofswand das alte Stationsschild: »Mittenwald«. So wie früher.

Die Schalterhalle ist voller lärmender Menschen. Hier herrschte immer schon dichtes Gedränge. Doch früher waren es Touristen aus dem ganzen Reich mit ihren teuren Lederkoffern und Hutschachteln oder Skigarnituren, bedrängt von feilschenden Gepäckträgern. Touristen, die hier ihren Sommerurlaub verbringen oder im Schneeparadies ihre Künste auf der Piste zeigen wollten. Nun sind es müde, ausgehungerte, zerlumpte menschliche Wracks, die aussehen, als hätte sie ein Mülltransporter von der Ladefläche gekippt. Ihr Gepäck besteht aus zugeschnürten Kartons, löchrigen Jutesäcken und Bündeln, zusammengewickelt aus schmutzigen Betttüchern. Auf dem mit Dreck übersäten Kachelboden liegen die Menschen in der Mitte der Halle und in den Ecken, zugedeckt mit stinkenden Pferdedecken oder nur mit Zeitungen, gedruckt in Sprachen, die kaum einer versteht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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