Max Havelaar - Multatuli - ebook

Max Havelaar ebook

Multatuli

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Opis

"Max Havelaar" hat eine komplizierte Rahmenstruktur. Die äußerste Ebene handelt von einem Amsterdamer Kaufmann namens Droogstoppel, der von der Kaffeebörse lebt und genau so dröge ist, wie sein Name verheißt. In das saturierte Leben des philiströsen Droogstoppel dringt ein ehemaliger, jetzt mittelloser Bekannter ein, der um Beihilfe zur Veröffentlichung eines Manuskripts bittet. Dieses Manuskript, das seine eigene Entstehungsgeschichte enthält, bildet den größten und entscheidenden Teil des Buchs; es handelt, weitgehend autobiografisch, von der Karriere des Kolonialbeamten Max Havelaar auf Java in Niederländisch-Indien. Diese endet, als er schwere Verfehlungen seiner Vorgesetzten aufdeckt und letztlich das gesamte Kolonialsystem in Frage stellt.

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Max Havelaar

oder Die Kaffee-Versteigerungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft

Multatuli

Inhalt:

Multatuli – Biografie und Bibliografie

Max Havelaar

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Max Havelaar, Multatuli

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849632380

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Multatuli – Biografie und Bibliografie

Eigentlich Eduard Douwes Dekker, hervorragender niederländischer Schriftsteller, geb. 2. März 1820 in Amsterdam, gest. 19. Febr. 1887 in Niederingelheim am Rhein, trat frühzeitig in den holländischen Kolonialdienst, stieg in Indien rasch von Stufe zu Stufe und bekleidete bereits 1851 das verantwortungsvolle und angesehene Amt eines Assistentresidenten zu Amboina, von wo er 1856 in gleicher Eigenschaft nach Lebak versetzt wurde. Hier kam es zu offenen Differenzen zwischen D. und der holländischen Kolonialregierung in Batavia. D., der das erbarmungslose Ausbeutungssystem der Regierung der einheimischen Bevölkerung gegenüber aus eigner 17jähriger Erfahrung kennengelernt hatte, versuchte in Lebak mit diesem System zu brechen und den Javanern ein menschenwürdigeres Dasein zu verschaffen. Seine Beschwerden fanden aber in Batavia kein Gehör, er wurde im Gegenteil »ernstlich zurechtgewiesen«, worauf er es vorzog, seine Entlassung aus dem Staatsdienst zu nehmen. Er ging nach Holland zurück, um hier seine Gerechtigkeit für sich und seine Javaner zu suchen, aber seine Bemühungen, der Regierung die Augen zu öffnen über die Mängel des bestehenden Systems, blieben erfolglos. Da griff er zur Feder und schrieb einen Roman »Max Havelaar oder die Kaffee-Auktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft« (Amsterdam 1860), den er unter dem seither beibehaltenen Schriftstellernamen Multatuli (v. lat. multa tuli, »ich habe viel erduldet«) veröffentlichte. Die javanischen Zustände sind darin mit glänzender Farbe und glühendem Gefühl geschildert; Natur und Menschen des Morgenlandes, die Tyrannei der indischen Regenten, die Habgier der europäischen Kaufleute treten in das hellste Licht. Der Roman, in einem blendenden, geistreichen Stil geschrieben, erregte in Holland ungeheures Aufsehen. D. entfaltete in den nächsten Jahren, zumeist getrieben durch bittere Not, eine erstaunliche Produktivität. Es erschienen »Minnebrieven« (1861), »Ideen« (1862–77, 7 Bde.), »Duizenden eenige Hoofdtukken over Specialiteiten« (1871) und »Millionen-studien« (1872). Die sieben Bände »Ideen« bilden das große Lebenswerk Dekkers und enthalten unter anderm das Drama »Vorstenschool« (1875, deutsch in Reclams Universal-Bibliothek) und die »Geschichte vom kleinen Walther«, Bilder aus dem Seelenleben eines Knaben, unstreitig der Höhepunkt in Dekkers Schaffen. Eine deutsche Ausgabe seiner Werke in 10 Bänden veranstaltete W. Spohr (Minden 1899ff.). Seine Briefe wurden veröffentlicht von seiner zweiten Lebensgenossin (Amsterd. 1890–92, 6 Tle.), die auch seine gesammelten Werke herausgab (das. 1892, 10 Bde.). Biographien gaben C. D. Busken Huet (inten Brinks »Hedendaagsche Letterkundigen«, 1885) und Meerkerk (Groning. 1900); vgl. auch C. Vosmaer, Een zaaier (Amsterd. 1874), und Th. Swart Abrahamsz, Eduard Douwes D. Eene ziektegeschiedenis (das. 1888).

Max Havelaar

Erstes Kapitel.

 Wir lernen Herrn Batavus Droogstoppel kennen, sowie seine Ansichten über Poesie im allgemeinen und Romanschreiben im besonderen.

Ich bin Makler in Kaffee, und wohne auf der Lauriergracht Nummer 37. Es ist eigentlich nicht mein Fall, Romane zu schreiben oder dergleichen, und es hat auch ziemlich lange gedauert, bis ich mich entschloß, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das ihr, liebe Leser, soeben zur Hand genommen habt, und das ihr lesen müßt, ob ihr Makler in Kaffee seid, oder ob ihr irgend etwas anderes seid. Nicht allein, daß ich niemals etwas geschrieben habe, was nach einem Roman aussah – nein, ich bin sogar nicht einmal ein Freund davon, solches Zeug zu lesen, denn ich bin ein Geschäftsmann. Seit Jahren frage ich mich, wozu so etwas gut sein kann, und ich stehe verwundert über die Unverschämtheit, mit der die Dichter und Romanerzähler euch allerlei weißmachen dürfen, was niemals geschehen ist, und was überhaupt niemals vorkommen kann. Wenn ich in meinem Fach – ich bin Makler in Kaffee und wohne auf der Lauriergracht Nummer 37 – einem Prinzipal – ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft – eine Deklaration machte, in der nur ein kleiner Teil der Unwahrheiten vorkäme, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache sind, er würde zur Stunde sicher Büsselinck & Waterman nehmen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich passe deshalb wohl auf, daß ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, daß Menschen, die sich mit so etwas einlassen, meistenteils schlecht wegkommen. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt, seit zwanzig Jahren besuche ich die Börse, und ich kann daher wohl vortreten, wenn man jemand ruft, der Erfahrung hat. Ich habe schon etwas von Häusern fallen sehen! Und meistens, wenn ich der Sache nachging, kam es mir vor, daß der Grund in der verkehrten Richtung lag, die die meisten in ihrer Jugend empfingen.

Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleib ich. Für die heilige Schrift mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Unsinn beginnt schon mit van Alphen, und gleich bei der ersten Zeile über die "lieben Kleinen". Was Teufel kann den alten Herrn veranlassen, sich für einen Anbeter meiner Schwester Trude auszugeben, die schlimme Augen hatte? Oder meines Bruders Gerrit, der immer die Finger in der Nase hatte? – und doch sagte er: "daß er die Verschen sang, durch Lieb' dazu gedrungen." Ich dachte mir oft als Kind: "Mann, ich möchte dich gern einmal treffen, und wenn du mir dann die Marmeln abschlägst, um die ich dich bitten will, oder meinen Namen in Zuckergebäck – ich heiße Batavus – dann halte ich dich für einen Lügner." Aber ich habe van Alphen niemals gesehen. Er war, glaube ich, schon tot, als er uns erzählte, daß mein Vater mein bester Freund wäre, – ich hielt Paulchen Winser mehr dafür, der in unserer Nähe wohnte, in der Batavierstraat; – und daß mein kleiner Hund so dankbar wäre, – wir hielten keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.

Alles Schwindel. So geht nun die Erziehung weiter. Das neue Schwesterchen ist von der Gemüsefrau gekommen in einem großen Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer konnten froh sein, daß die Bataver sie leben ließen. Der Bey von Tunis bekam Bauchkneifen, als er das Flattern der niederländischen Flagge hörte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, ich glaube 1672, dauerte etwas länger als sonst, bloß um Niederland zu beschirmen. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere Vorfahren sich um ihre Geschäfte kümmerten, und weil sie den rechten Glauben hatten; das ist die Sache.

Und dann kommen wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein Engel. Nun, wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit; man flüchtet mit dem einen oder anderen Gegenstand bis ans Ende der Welt. Die Welt hat keine Enden, und die Liebe ist auch Dummheit. Kein Mensch kann sagen, daß ich mit meiner Frau nicht gut lebe – sie ist eine Tochter von Last & Co., Makler in Kaffee – kein Mensch kann etwas über unsere Ehe sagen; ich bin Mitglied von Artis, und sie hat ein Umschlagetuch für zweiundneunzig Gulden, aber von so einer verdrehten Liebe, die durchaus am Ende der Welt wohnen will, ist zwischen uns nie die Rede gewesen. Nach unserer Hochzeit haben wir einen Ausflug nach dem Haag gemacht – sie hat da Flanell gekauft – ich trage noch Unterjacken davon – und weiter hat uns die Liebe nicht in der Welt herumgejagt. Also alles Unsinn und Schwindel.

Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die der Menschen, die sich vor Liebe die Schwindsucht an den Hals holten oder die Haare aus dem Kopfe? Oder denkt ihr, daß mein Haus weniger gut geregelt ist, als es wäre, wenn ich vor siebzehn Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, daß ich sie heiraten wollte? Unsinn. Ich hätte es ebenso gut gekonnt wie jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das sicher leichter ist als Elfenbeindrechseln. Wie wären sonst die Pfefferkuchen mit Versen so billig? Und frage einer nach dem Preise eines Satzes Billardbälle!

Gegen Verse an sich habe ich nichts. Will einer die Worte in Reihe und Glied setzen, meinetwegen; aber er soll nichts sagen, was nicht die Wahrheit ist. " Die Luft geht rauh, vier Uhr ist's genau" – das laß ich gelten, wenn es wirklich rauh und vier Uhr genau ist. Aber wenn es nun dreiviertel drei ist, dann kann ich, der seine Worte nicht in Reih und Glied setzt, sagen: "Die Luft geht rauh, und es ist dreiviertel drei." Der Versemacher dagegen ist durch die Rauheit der ersten Zeile an eine volle Stunde gebunden; es muß genau vier, fünf, zwei, ein Uhr sein, oder die Luft darf nicht rauh sein. Da macht er sich nun ans Pfuschen: entweder muß das Wetter geändert werden oder die Zeit. Eins von beiden ist dann gelogen.

Und nicht bloß die Verse verführen die Jugend zur Unwahrheit. Gele einmal ins Theater und höre zu, was da für Lügen an den Mann gebracht werden. Der Held des Stücks wird aus dem Wasser geholt von einem, der gerade im Begriff steht, Bankerott zu machen. Darauf giebt er ihm sein halbes Vermögen; das kann nicht wahr sein. Wie unlängst auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser flog, hab ich dem Mann, der ihn mir wiederbrachte, ein Dübbeltje gegeben, und er war zufrieden. Ich weiß wohl, daß ich ihm etwas mehr hätte geben müssen, wenn er mich selber herausgeholt hätte, aber mein halbes Vermögen ganz gewiß nicht; – denn das ist klar, daß man auf die Weise bloß zweimal ins Wasser fallen dürfte, um bettelarm zu sein. Was aber das Schlimmste bei solchen Theaterstücken ist: das Publikum gewöhnt sich so an die Unwahrheiten, daß es sie schön findet und Beifall klatscht. Ich hätte wohl Lust, einmal so ein ganzes Parterre ins Wasser zu werfen, um zu sehen, ob der Beifall ernst gemeint war. Ich, der ich die Wahrheit liebe, warne hiermit jedermann, daß ich für das Auffischen meiner Person keinen so hohen Finderlohn bezahlen will. Wer nicht mit weniger zufrieden ist, lasse mich liegen. Höchstens Sonntags würde ich etwas mehr bewilligen, weil ich dann meine goldene Uhrkette trage und einen besseren Rock.

Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist so anschaulich. Mit ein bißchen Flittergold und einer Umrahmung von ausgeschlagenem Papier macht sich das alles so verführerisch. Für Kinder und Leute, die nicht im Geschäft sind, meine ich. Selbst wenn sie Armut darstellen will, ist die Vorstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, deren Vater bankerott machte, arbeitet, um die Familie zu ernähren; gut. Da sitzt sie nun, zu nähen, zu stricken oder zu sticken. Aber nun zähle einmal einer die Stiche, die sie während der ganzen Handlung macht. Sie schwatzt, sie seufzt, sie läuft ans Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die Familie, die von der Arbeit leben kann, braucht wenig. So ein Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe hinuntergeworfen; sie ruft fortwährend: "O meine Mutter! o meine Mutter!" und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, die zu einem Paar wollener Strümpfe ein Jahr braucht? Giebt das nicht falsche Ideen von Tugend und "Arbeit um das liebe Leben"? Alles Unsinn und Schwindel.

Dann kommt ihr erster Verehrer, der früher Schreiber war am Kopierbuch – jetzt aber steinreich – mit einem Male zurück, und der heiratet sie. Auch wieder Schwindel. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem bankerotten Hause. Und wenn ihr meint, daß das auf dem Theater hingehen könnte, als Ausnahme, so bleibt doch mein Tadel bestehen, daß man den Sinn für die Wahrheit beim Volke verdirbt, welches die Ausnahme für die Regel nimmt, und daß man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, wenn man das Volk gewöhnt, auf der Bühne etwas zu applaudieren, was im Leben durch jeden verständigen Makler oder Kaufmann für eine lächerliche Verrücktheit gehalten wird. Als ich mich verheiratete, waren wir auf dem Kontor von meinem Schwiegervater – Last & Co. – dreizehn, und es ging etwas vor.

Und noch mehr Lügen auf dem Theater! Wenn der Held mit seinem steifen Kömödienschritt abgeht, um das Vaterland zu retten, wie kommt es, daß dann die doppelte Hinterthür sich immer von selber öffnet?

Und dann – woher weiß eine Person, die in Versen redet, was die andere antworten hat, um ihr den Reim bequem zu machen? Wenn der Feldherr zu der Prinzessin sagt: "Prinzeß, es ist zu spät, verschlossen sind die Thüren!" wie kann er da vorher wissen, daß sie sagen will: "Wohlan denn, unverzagt! laßt uns die Schwerter rühren!" Wenn sie nun einmal, da die Thür zu ist, antwortet, sie werde dann warten, bis wieder aufgemacht wird, oder sie würde ein ander Mal wiederkommen, wo bleibt da Maß und Reim? Ist es also nicht purer Unsinn, wenn der Feldherr die Prinzessin fragend ansieht, um zu wissen, was sie nach Thoresschluß thun will? Noch eins: wenn sie nun gerade Lust hätte, zu Bette zu gehen, anstatt irgend etwas zu rühren? Alles Unsinn!

Und dann die belohnte Tugend? O, o! – ich bin seit siebzehn Jahren Makler n Kaffee – Lauriergracht Nummer 37, – und ich habe also etwas erlebt – das aber kränkt mich immer fürchterlich, wenn ich die gute liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend – ist das nicht, um aus der Tugend einen Handelsartikel zu machen? Es ist nicht so in der Welt, – und es ist gut, daß es nicht so ist, denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde! Wozu also immer die infamen Lügen vorgeschoben?

Da ist zum Beispiel Lukas, der Packknecht, der schon bei dem Vater von Last & Co. gearbeitet hat, – die Firma war damals Last & Meyer, aber die Meyers sind heraus – das war doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Kaffeebohne ging da verloren, er ging gewissenhaft zur Kirche, und trinken that er auch nicht; als mein Schwiegervater zu Driebergen war, bewahrte er das Haus und die Kasse und alles. Einmal hatte er an der Bank siebzehn Gulden zu viel erhalten, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann nicht mehr dienen. Nun hat er nichts; denn es ist viel Umsatz bei uns, und wir brauchen junge Leute. Nun also, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft, und wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten schenkt, oder eine Fee, die ihm Butterbrote schmiert? Wahrhaftig nicht, er ist arm, er bleibt arm, und das muß auch so sein. Ich kann ihm nicht helfen – denn wir brauchen junge Leute, weil viel Umsatz bei uns ist – aber könnte ich auch, wo bleibt da sein Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein sorgenloses Leben führen könnte? Dann sollten wohl alle Packknechte tugendhaft werden, und jeder einzelne, – was doch der Zweck nicht sein kann, weil dann für die Braven nachher keine besondere Belohnung übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das; – alles Schwindel.

Ich bin auch tugendhaft, aber verlange ich dafür eine Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut gehen – und das thun sie – wenn meine Frau und die Kinder gesund sind, sodaß ich keine Schererei habe mit Doktor und Apotheker, – wenn ich jahraus, jahrein ein Sümmchen zurücklegen kann für die alten Tage; – wenn Fritz frisch aufwächst, um später an meine Stelle zu treten, wenn ich nach Driebergen gehe, – dann bin ich zufrieden. Aber das ist alles die natürliche Folge der Umstände, und weil ich auf das Geschäft acht gebe; – für meine Tugend verlange ich nichts.

Und daß ich doch tugendhaft bin, sieht man klar aus meiner Liebe zur Wahrheit; – das ist, nach meiner Festigkeit im Glauben, meine Hauptneigung; und ich wünsche, daß ihr davon überzeugt wäret, Leser, denn es ist die Entschuldigung für das Schreiben dieses Buches.

Eine zweite Neigung, die bei mir ebenso hoch wie die Wahrheitsliebe angeschrieben steht, ist der Herzenszug für mein Fach – ich bin Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37. Nun also, Leser, meiner unantastbaren Liebe zur Wahrheit und meinem geschäftlichen Eifer habt ihr es zu danken, daß diese Blätter geschrieben sind. Ich will euch erzählen, wie das gekommen ist. Da ich nun für den Augenblick von euch Abschied nehmen muß – ich muß nach der Börse – so lade ich euch nachher auf ein zweites Kapitel. Auf Wiedersehen also.

Und, na, hier, steckt es ein – es ist eine kleine Mühe – es kann zu paß kommen – sieh da, da ist es – meine Geschäftskarte – die Compagnie bin ich, seit die Meyers heraus sind – der alte Last ist mein Schwiegervater.

Zweites Kapitel.

 Herr Batavus Droogstoppel thut einen großen Schachzug gegen die Konkurrenz. Er trifft einen alten Bekannten, der sich gern in Sachen mischte, die ihn nichts angingen z.B. das Abenteuer mit dem Griechen.

Es war flau auf der Börse, die Frühjahrsversteigerung muß es wieder gutmachen. Denkt nicht, daß bei uns kein Umsatz ist – bei Büsselinck & Waterman ist es noch flauer. Es ist eine sonderbare Welt; man erlebt schon was, wenn man so an zwanzig Jahre die Börse besucht. Denkt euch, daß sie danach getrachtet haben – Büsselinck & Waterman, meine ich – mir Ludwig Stern abzunehmen. Da ich nicht weiß, ob ihr an der Börse Bescheid wißt, will ich euch sagen, daß Stern ein erstes Haus in Kaffee ist, in Hamburg, welches stets durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich dahinter – ich meine hinter die Pfuscherei von Büsselinck & Waterman. Sie würden ein Viertel Prozent von der Courtage fallen lassen – Schleicher sind sie, weiter nichts – und nun seht, was ich gethan habe, im diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht an Ludwig Stern geschrieben, daß er auch etwas ablassen wolle, und daß er auf Berücksichtigung hoffe wegen der langjährigen Dienste von Last & Co. (ich habe ausgerechnet, daß die Firma, seit rund fünfzig Jahren, vier Tonnen an Stern verdient hat: die Beziehung datiert von der Kontinentalsperre her, als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten) und solche Dinge mehr. Nein, schleichen thue ich nicht. Ich bin nach "Polen" gegangen, ließ mir Feder und Papier geben, und schrieb:

"Daß die große Ausbreitung, die unsere Geschäfte in der letzten Zeit genommen haben, besonders durch die vielen geehrten Aufträge aus Norddeutschland" (es ist die reine Wahrheit), "eine Vermehrung des Personals nötig machte;" (es ist die Wahrheit, – gestern noch war der Buchhalter nach elf auf dem Kontor, um seine Brille zu suchen); "daß vor allem sich das Bedürfnis geltend mache nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten für die Korrespondenz im Deutschen. Daß zwar viele deutsche junge Männer in Amsterdam vorhanden wären, die auch die gewünschten Fähigkeiten besäßen, daß aber ein Haus, das auf sich hält" (es ist die reine Wahrheit), "bei dem zunehmenden Leichtsinn und der Leichtlebigkeit der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit eines soliden Lebenswandels, um Hand in Hand zu gehen mit der Solidität in der Ausführung erteilter Aufträge" (es ist wahrhaftig alles die lautere Wahrheit), "daß solch ein Haus – ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37 – nicht umsichtig genug sein könne beim Engagieren von Personen ..."

Das ist alles die reine Wahrheit, Leser. Weißt du wohl, daß der junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, mit der Tochter von Büsselinck & Waterman davongelaufen ist? Unsere Marie wird im September auch bereits dreizehn.

"Daß ich die Ehre gehabt hätte, von Herrn Saffeler" – Saffeler reist für Stern – "zu vernehmen, daß der geschätzte Chef der Firma Stern einen Sohn habe, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem holländischen Hause arbeiten möchte."

"Daß ich mit Rücksicht auf" – (hier wiederholte ich die Sittenlosigkeit und erzählte die Geschichte von Büsselinck & Watermans Tochter; es kann nicht schaden, wenn man das weiß;) "daß ich mit Rücksicht darauf nichts lieber sehen würde, als Herrn Ernst Stern mit der deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen."

Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Gehalt oder Salair, ich fügte aber bei:

"Daß, falls Herr Ernst Stern mit dem Aufenthalt in unserem Hause – Lauriergracht Nr. 37 – vorlieb nehmen wollte, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und daß seine Wäsche im Hause besorgt werden würde." (Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und strickt ganz nett. Und zum Schlusse:) "Daß bei uns dem Herrn gedient wird."

Das kann er in seine Tasche stecken, denn die Sterns sind lutherisch.

Und den Brief schickte ich ab. Ihr begreift, daß der alte Stern nicht gut zu Büsselinck & Waterman übergehen kann, wenn der junge bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die Antwort.

Um nun wieder auf mein Buch zurückzukommen. Vor einiger Zeit komme ich des Abends durch die Kalverstraat, und ich blieb vor dem Laden eines Krämers stehen, der sich gerade beschäftigte mit dem Sortieren einer Partie "Java, ordinär, schön, gelb, Sorte Cheribon, etwas gebrochen und Kehricht dabei," was mich sehr interessierte, denn ich merke auf alles. Da fiel mir auf einmal ein Herr ins Auge, der in der Nähe vor einem Buchladen stand und mir bekannt vorkam. Er schien mich auch zu erkennen, denn unsere Blicke begegneten sich fortwährend. Ich muß bekennen, daß ich zu sehr vertieft war in die Betrachtung des Kehrichts, um sofort zu merken, was ich später sah, daß er nämlich ziemlich ärmlich in den Kleidern stak, sonst hätte ich die Sache laufen gelassen; aber mit einem Male schoß mir der Gedanke durch den Kopf, es könnte ein Reisender eines deutschen Hauses sein, das einen soliden Makler sucht. Er hatte wohl auch etwas von einem Deutschen an sich, und von einem Reisenden auch; er war sehr blond, hatte blaue Augen, und in Haltung und Kleidung etwas, was den Fremden verriet. Anstatt eines gehörigen Winterüberziehers hing ihm eine Art von Shawl über die Schulter, als ob er so von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Geschäftskarte, Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37. Er hielt sie an die Gasflamme und sagte:

"Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt; ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, indessen ... Last, das ist der Name nicht ..."

"Pardon," sagte ich, denn ich bin stets höflich, "ich bin Mijnheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel ... Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, Lauriergr ..."

"Gut, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich einmal gut an."

Je mehr ich ihn ansah, je mehr erinnerte ich mich, ihn öfter gesehen zu haben; aber merkwürdig, sein Gesicht hatte auf mich die Wirkung, als ob ich fremde Parfümerien röche. Lach nicht darüber, Leser, du sollst später sehen, wie das kam. Ich bin sicher, daß er keinen Tropfen Räucherwerk bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes, etwas Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich's!

"Sind Sie es," rief ich, "der mich von dem Griechen befreit hat?"

"Natürlich," sagte er, "und wie geht es Ihnen?"

Ich erzählte ihm, daß wir insgesamt dreizehn auf dem Kontor wären, und daß viel zu thun wäre. Und dann fragte ich ihn, wie es ihm ginge, was mich später reute, denn er schien nicht in guten Verhältnissen zu sein, und ich liebe arme Menschen nicht, weil da gewöhnlich eigene Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde nicht jemand verlassen, der ihm treu gedient hätte. Hätte ich einfach gesagt, "wir sind insgesamt dreizehn" und "guten Abend weiterhin," dann wäre ich ihn los gewesen, aber durch das Fragen und Antworten wurde es je länger je schwerer (Fritz sagt: je länger, desto schwerer, aber das thu ich nicht), je schwerer also, von ihm los zu kommen. Anderseits muß ich auch wieder bekennen, daß ihr dann dieses Buch nicht hättet zu lesen bekommen, denn es ist eine Folge von dieser Begegnung! ... Man muß immer das Gute hervorheben, und wer das nicht thut, das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.

Ja, ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen gerettet hatte! Denkt nun nicht, daß ich jemals durch Seeräuber bin gefangen genommen worden, oder daß ich in der Levante Krieg geführt habe. Ich habe euch bereits gesagt, daß ich nach der Hochzeit mit meiner Frau nach dem Haag gefahren bin; da haben wir das Moritz-Haus gesehen und in der Veenestraat Flanell gekauft. Das ist der einzige Ausflug, den meine Geschäfte mir überhaupt gestattet haben, weil bei uns so viel zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen, denn er gab sich immer mit Dingen ab, die ihn nichts angingen.

Es war im Jahre drei- oder vierundvierzig, glaube ich, und im September, es war Kirmeß in Amsterdam. Da meine alten Leute vor hatten, aus mir einen Geistlichen zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich öfter gefragt, warum man eigentlich Lateinisch verstehen muß, um auf Holländisch "Gott ist gut" zu sagen. Genug ich war auf der Lateinschule – jetzt sagen sie Gymnasium – und da war Kirmeß, – in Amsterdam, meine ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, so wirst du dich erinnern, daß eine darunter war, die sich auszeichnete durch die schwarzen Augen und die langen Flechten eines Mädchens, die als Griechin angezogen war; auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens sah er wie ein Grieche aus. Sie verkauften allerlei Räucherkram.

Ich war gerade alt genug, um das Mädchen hübsch zu finden, ohne indessen den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig genützt haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen sechzehnjährigen Jungen noch als ein Kind, und darin haben sie ganz recht. Trotzdem kamen wir Quartaner jeden Abend auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.

Nun war er, der da jetzt vor mir stand mit seinem Shawl, eines Tages dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als wir anderen und darum noch ein bißchen zu kindisch, um nach der Griechin zu gucken. Aber er war der Erste in unserer Klasse – denn gescheit war er, das muß ich zugeben – und spielen, balgen und boxen mochte er gern; daher war er bei uns. Wie wir nun, wir waren im ganzen zehn Mann, hübsch weit von der Bude ab zusammenstanden und nach der Griechin schielten und beratschlagten, wie wir es anlegen sollten, um ihre Bekanntschaft zu machen, wurde also beschlossen, Geld zusammenzuthun, um irgend etwas zu kaufen. Aber nun war guter Rat teuer, wer die große Ehre haben sollte, das Mädchen anzureden. Jeder wollte, aber keiner getraute sich. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Nun bekenne ich, daß ich nicht gern Gefahren trotze; ich bin Familienvater, und halte jeden, der Gefahren sucht, für einen Narren, wie es auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm zu erklären, daß ich in meinen Ideen über Gefahr und dergleichen mir gleich geblieben bin, da ich jetzt noch darüber dieselbe Meinung hege, wie jenen Abend, als ich da vor der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern, die wir zusammengelegt hatten, in der Hand. Aber aus falscher Scham getraute ich mich nicht zu sagen, daß ich mich nicht getraute, und außerdem, ich mußte wohl vorwärts, denn meine Kameraden drängten mich, und da stand ich nun vor der Bude.

Das Mädchen sah ich nicht, ich sah überhaupt nichts, Alles war mir grün und gelb vor den Augen ... ich stammelte einen Aoristus Primus von ich weiß nicht welchem Zeitwort ...

"Plaît-il?" sagte sie. Ich faßte etwas Mut, und machte weiter:

"Meenin aeide thea," und "Ägypten wär' ein Geschenk des Nils" ...

Ich bin überzeugt, daß ich mit dem Bekanntschaftmachen schon noch vorwärts gekommen wäre, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden aus kindischer Bosheit mir einen solchen Stoß in den Rücken gegeben hätte, daß ich recht unsanft gegen den Kasten flog, der in halber Manneshöhe die Vorderseite der Bude abschloß. Ich fühlte einen Griff in meinem Nacken ... einen zweiten Griff etwas tiefer ... ich schwebte einen Augenblick in der Luft ... und ehe ich noch recht begriff, wie die Sachen standen, befand ich mich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, "ich wäre ein Gamin, ein Straßenlümmel, und er würde die Polizei rufen." Nun war ich zwar in der Nähe des Mädchens, aber gefallen konnte mir das nicht. Ich heulte und bat um Gnade, denn ich hatte schreckliche Angst. Aber es nutzte nichts; der Grieche hielt mich am Arm und schüttelte mich; ich sah mich nach meinen Kameraden um ... wir hatten den Morgen gerade mit Scävola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer steckte ... und in ihren lateinischen Sätzen hatten sie das so schön gefunden ... jawohl! Keiner war stehen geblieben, um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken ...

So dachte ich. Aber da flog mit einem Male mein Shawlmann durch die Hinterthür in die Bude; er war nicht groß oder stark, und kaum so etwa dreizehn Jahre alt, aber er war ein flinker und tapferer Bursche. Noch sehe ich seine Augen blitzen – sonst blickten sie matt – er gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, daß der Grieche ihn tüchtig verhauen hat; – aber weil ich den festen Grundsatz habe, mich nicht um Dinge zu kümmern, die mich nichts angehen, bin ich schleunigst davongelaufen und habe es also nicht gesehen.

So kam es, daß seine Züge mich so an Räucherwerk erinnerten, und so kann man in Amsterdam mit einem Griechen Streit bekommen.

Wenn bei späteren Jahrmärkten der Mann mit seiner Bude wieder auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen immer wo anders.

Da ich ein Freund von philosophischen Betrachtungen bin, so muß ich dir, Leser, doch eben noch sagen, wie wunderbar die Dinge auf dieser Welt doch miteinander verknüpft sind. Wären die Augen des Mädchens weniger schwarz und ihre Zöpfe kürzer gewesen, oder wenn mich keiner gegen den Ladentisch gestoßen hätte, würdest du dieses Buch nicht lesen. Sei also dankbar, daß das so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, wie es ist, und die unzufriedenen Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht. Da ist z.B. Büsselinck & Waterman ...; aber ich muß fortfahren, denn mein Buch soll noch vor der Frühjahrsversteigerung fertig sein.

Gerade heraus gesagt – denn ich halte auf Wahrheit – war mir das Wiedersehen mit diesem Menschen nicht angenehm. Ich merkte sofort, daß es keine solide Beziehung war. Er sah sehr blaß aus, und als ich ihn fragte, wie spät es wäre, wußte er es nicht. Das sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so an zwanzig Jahre die Börse besucht hat, der so viel erlebt hat ... ich habe schon etwas an Häusern sehen fallen.

Ich dachte, er würde rechts gehen, und mußte daher nach links; aber sieh da, er ging auch links, und ich konnte es also nicht vermeiden, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Aber ich dachte stets daran, daß er nicht wußte, wie spät es war, und bemerkte obendrein, daß seine Jacke bis ans Kinn fest zugeknöpft war, was ein sehr schlechtes Zeichen ist, sodaß ich den Ton unserer Unterhaltung kühl bleiben ließ. Er erzählte mir, daß er in Indien gewesen war, daß er verheiratet war, daß er Kinder hatte. Ich hatte nichts dagegen, fand aber auch nichts Merkwürdiges dabei. Beim Kapelsteeg – ich gehe sonst nie durch den Steg, weil es sich für einen anständigen Mann nicht paßt, wie ich finde – aber diesmal wollte ich beim Kapelsteeg rechts abbiegen. Ich wartete, bis wir an dem Gäßchen beinahe vorbei waren, um ihm recht deutlich zu machen, daß sein Weg geradeaus führte, und dann sagte ich sehr höflich – denn höflich bin ich immer, man kann ja gar nicht wissen, wie man später jemand nötig haben kann – :

"Es war mir sehr angenehm, Sie wiederzusehen, Mijnheer ... und ... und, ich empfehle mich, ich muß hier hinein."

Da sah er mich ganz sonderbar an und seufzte, und faßte mit einem Male einen Knopf meiner Jacke ...

"Lieber Droogstoppel," sagte er, "ich muß Sie um etwas bitten."

Mir ging ein Schauder durch die Glieder. Er wußte nicht, wie spät es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich, daß ich keine Zeit hätte und nach der Börse müßte, obwohl es Abend war: – aber wenn man so zwanzig Jahre die Börse besucht hat ... und jemand will einen um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...

Ich machte meinen Knopf los, grüßte sehr höflich – denn höflich bin ich immer – und ging in den Kapelsteeg hinein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anständig ist; und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, daß es keiner gesehen hat ...

Drittes Kapitel.

 Der verrückte Brief des Shawlmanns und der Theeabend bei Rosemeyers, die in Zucker machen.

Als ich tags darauf von der Börse nach Hause kam, sagte Fritz, es wäre jemand dagewesen, der mich sprechen wollte. Nach der Beschreibung war es der Shawlmann. Wie er mich nur gefunden hatte? Ach ja, die Geschäftskarte! Ich dachte schon daran, meine Kinder von der Schule zu nehmen; denn es ist unangenehm, wenn einem noch zwanzig, dreißig Jahre später ein Schulkamerad nachläuft, der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiß, wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Jahrmarkt ist.

Tags darauf kam ein Brief mit einem großen Paket. Ich will euch den Brief lesen lassen:

 "Lieber Droogstoppel!"

Ich finde, er hätte wohl "Hochgeehrter Herr Droogstoppel" sagen können, denn ich bin Makler.

"Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, ein Anliegen vorzutragen. Ich glaube, daß Sie in guten Verhältnissen leben ..."

Das ist wahr, wir sind im ganzen dreizehn auf dem Kontor –

"und ich wünschte, mich Ihres Kredits zu bedienen, um eine Angelegenheit zustande zu bringen, die für mich von großer Wichtigkeit ist."

Hört sich das nicht an, als handelte es sich um einen Auftrag für die Frühjahrsversteigerung?

"Infolge von allerlei Umständen bin ich augenblicklich einigermaßen in Geldverlegenheit ..."

Einigermaßen! Er hatte kein Hemde auf dem Leibe. Das nennt er: einigermaßen!

"ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was zur Annehmlichkeit des Lebens nötig ist, und auch die Erziehung meiner Kinder ist, aus pekuniären Gesichtspunkten, nicht so wie ich wünschte."

Annehmlichkeit des Lebens? Erziehung der Kinder? Meint er, daß er für seine Frau eine Loge in der Oper mieten will, und seine Kinder in eine Anstalt nach Genf schicken? Es war Herbst und ziemlich kalt, – er wohnte auf einem Bodengelaß ohne Feuer. Als ich diesen Brief empfing, wußte ich das nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und noch jetzt bin ich ärgerlich über den tollen Ton seines Geschreibsels. Zum Kuckuck! wer arm ist, kann sagen, daß er arm ist; Arme muß es geben, das ist notwendig in der menschlichen Gesellschaft; wenn er nur kein Almosen verlangt und niemand zur Last fällt, habe ich durchaus nichts dagegen, daß er arm ist; aber die Ziererei dabei paßt mir nicht. Hört weiter:

"Da nun auf mir die Pflicht ruht, für die Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ..."

Puh! Du weißt, Leser, wie ich und alle vernünftigen Menschen darüber denken.

"und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine Gefühle in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich nieder, was in meiner Seele vorging. Ich glaube, daß darunter einige Arbeiten sind, die Wert haben, und ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist nun gerade die Schwierigkeit. Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Werke mehr nach dem Namen und Ruf des Verfassers als nach dem Inhalt."

Gerade wie wir den Kaffee nach dem Renommee der Sorten und Marken.

"Wenn ich nun auch annehme, daß mein Werk nicht ohne Wert sein würde, so würde das doch erst nach dem Erscheinen zu Tage treten, und die Buchhändler verlangen die Druckkosten u.s.w. im voraus ..."

Finde ich sehr vernünftig.

"was mir augenblicklich nicht gelegen kommt. Da ich indes überzeugt bin, daß meine Arbeit die Kosten decken würde, und ruhig mein Wort darauf verpfänden kann, bin ich, ermutigt durch unsere Begegnung von vorgestern ..."

Das nennt der ermutigen!

"zu dem Beschluß gekommen, an Sie die Bitte zu richten, ob Sie sich bei einem Buchhändler für die Kosten einer ersten Ausgabe verbürgen würden, und wäre es auch bloß ein kleines Bändchen. Ich überlasse die Auswahl für diesen ersten Versuch ganz Ihnen. In dem beifolgenden Paket finden Sie viele Manuskripte; Sie werden daraus ersehen, daß ich viel gedacht, gearbeitet und erlebt habe ..."

Ich habe nie gehört, daß er ein Geschäft hatte.

"und wenn die Gabe der Darstellung mir nicht ganz und gar versagt ist, soll es gewiß nicht an dem Mangel an Eindrücken liegen, wenn ich nicht Erfolg hätte.

In Erwartung einer freundlichen Antwort bin ich

Ihr alter Schulfreund ..."

Sein Name stand darunter, doch ich will ihn verschweigen, weil ich nicht gern jemand ins Gerede bringe.

Lieber Leser, du begreifst, was für ein Gesicht ich gemacht habe, als man mich so plötzlich zum Makler in Versen erheben wollte. Ich glaubte fest, wenn Shawlmann, – ich will ihn nur weiter so nennen – mich bei Tage gesehen hätte, so wäre er mir mit so etwas nicht gekommen; denn Ehrbarkeit und Würde lassen sich nicht verbergen; aber es war Abend, und ich nehme es ihm deshalb nicht so übel.

Selbstverständlich wollte ich von dem Unsinn nichts wissen. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückgeschickt, aber ich wußte seine Wohnung nicht, und er ließ nichts von sich hören. Ich dachte schon, er wäre krank oder gestorben.

Vorige Woche war Gesellschaft bei Rosemeyers – die in Zucker machen. Fritz war das erste Mal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, und ich bin dafür, daß ein junger Mensch in die Welt kommt, sonst läuft er auf den Westenmarkt oder dergleichen. Die Mädchen hatten Klavier gespielt und gesungen, und beim Nachtisch neckten sie sich mit etwas, das wohl im Vorderzimmer vorgekommen war – während wir hinten beim Whist saßen – etwas, an dem auch Fritz beteiligt war.

"Ja, ja, Luise," rief Betsy Rosemeyer, "geweint hast du! Papa, Fritz hat Luise zum Weinen gebracht."

Meine Frau sagte, daß Fritz dann nicht mehr mitgenommen werden sollte; sie dachte, er hätte Luise gekniffen, oder sonst etwas, was sich nicht schickt, und ich wollte gerade auch schon ein Wort dazu geben, als Luise rief:

"Nein, nein! Fritz ist ganz nett gewesen, ich wollte, er thäte es noch einmal."

"Was denn?"

Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr's.

Natürlich hat die Hausfrau es gern, wenn beim Nachtisch eine "Unterhaltung" stattfindet; – das macht sich nett. Mewrouw Rosemeyer – die Rosemeyers lassen sich "Mewrouw" nennen, weil sie in Zucker machen und einen Anteil an einem Schiff haben – Mewrouw Rosemeyer meinte, was Luise zum Weinen gebracht hätte, würde auch uns unterhalten, und verlangte von Fritz, der so rot aussah wie ein Puter, ein Dacapo. Ich hatte keine Ahnung, was er da aufgetragen haben konnte, ich kannte seine Liste aufs Haar. Das war: die "goldene Hochzeit", die "Bücher des alten Testaments" in Reimen, und ein Stück aus der "Hochzeit des Kamacho", das die Jungen immer so nett finden, weil da etwas von einer Beschummelei vorkommt. Was darunter eigentlich Thränen entlocken konnte, war mir ein Rätsel; zwar, so ein Mädchen weint ja bald einmal.

"Los, Fritz! ach ja, Fritz! komm, Fritz!" – und Fritz begann.

Ich bin kein Freund davon, des Lesers Neugier in Spannung zu versetzen, und will deshalb gleich sagen, daß sie zu Hause das Paket von Shawlmann aufgemacht hatten, und daraus hatten nun Fritz und Marie eine Naseweisheit und Sentimentalität geschöpft, die mir später viel Wirtschaft ins Haus gebracht haben. Ich will aber auch gleich beifügen, Leser, daß dies Buch auch aus jenem Pakete stammt, und ich werde mich nachher deshalb gebührend verantworten; denn ich halte darauf, daß man mich als einen Mann betrachte, der die Wahrheit liebt und der in seinem Geschäft tüchtig ist. (Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37.)

Nun trug Fritz ein Ding vor, das aus lauter Unsinn zusammenhing; nein, es hing überhaupt nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb an seine Mutter, daß er verliebt gewesen war, daß sein Mädchen einen anderen genommen hatte – woran sie meines Erachtens ganz recht that, – daß er aber bei alledem stets seine Mutter liebte. Sind diese drei Sätze deutlich oder nicht? Findet ihr da viele Umstände nötig, um das zu sagen? Nun also, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich war kaum zur Hälfte mit der Bewältigung der zweiten fertig, bevor Fritz seine Geschichte beendet hatte. Aber Luise heulte wieder, und die Damen sagten, es wäre sehr schön. Nun erzählte Fritz, der vermutlich meinte, er hätte ein großes Stück vollführt, daß er es in dem Paket des Mannes, der einen Shawl trug, gefunden hätte; und ich erklärte den Herren, wie das in mein Haus gekommen war; bloß von der Griechin sagte ich nichts, weil Fritz dabei war, und ich sagte auch nichts von dem Kapelsteeg. Jeder fand, daß ich ganz recht gethan hatte, mich von dem Menschen zurückzuhalten. Ihr werdet nachher sehen, daß auch andere Dinge soliderer Natur in dem Paket waren, und davon kommt eins und das andere in dies Buch, weil die Kaffeeversteigerungen der Handelsgesellschaft damit in Beziehung stehen; denn ich lebe für mein Fach.

Später fragte mich der Verleger, ob ich nicht das, was Fritz deklamiert hatte, hier beifügen wollte. Ich will es thun, damit man wisse, daß ich mich mit diesen Dingen nicht aufhalte. Alles Lügen und Unsinn. Ich will nur noch bemerken, daß die Geschichte "18. 3. Padang" geschrieben ist, und daß das eine geringere Sorte ist – der Kaffee, meine ich.

 Mutter, ferne von dem Land

 Steh ich, dem ich einst entsprossen,

 Wo meine ersten Thränen flossen,

 Wo mich führte deine Hand,

 Wo der Mutter Treu' des Knaben

 Seele ihre Sorgen weihte

 Und mir liebreich stand zur Seite

 Stets mit Hand und Herz und Gaben; –

 Ach! das Schicksal riß die Bande

 Grausam ab ... so ist der Schein ...

 Ich steh' hier am fremden Strande

 Mit mir selbst, und Gott ... allein ...

 Aber, Mutter! ob mir trübe

 Sei im Herzen oder licht,

 Mutter, zweifle an der Liebe,

 An des Lieblings Herzen nicht!

 Wenig Jahre sind entflogen,

 Seit ich von der Heimat Küste

 In die fremde Welt gezogen

 Und mein Blick die Zukunft grüßte;

 Alles Schöne mir zur Beute

 Heischte ich mit keckem Ruf,

 Stolz verschmäht' mein Sinn das Heute,

 Der mir Paradiese schuf!

 Durch der Hindernisse Mitten,

 Die sich boten meinen Schritten,

 Bahnt' mein Herz mit kühner That

 Selig träumend sich den Pfad ...

 Doch die Zeit, die so geschwind

 Seit der Trennung hingezogen,

 Wie der Schatten, den der Wind

 Vorwärts treibt, im Nu verflogen:

 Ach, sie ließ im Vorwärtsgehen

 Tiefe, tiefe Spuren stehen!

 Freud' und Schmerz hab ich erlitten,

 Viel gedacht und viel gestritten,

 Hab' gejauchzt und hab' gebebt,

 Hab' nach Lebensheil gestrebt,

 Hab' verloren und gefunden,

 Und der ich vor kurzer Frist

 War ein Kind noch, hab' in Stunden

 Oftmals Jahre durchgelebt ...

 Aber, Mutter! glaube immer,

 Bei dem Himmel, der mich sieht,

 Glaub' es, Mutter, deinem Kinde:

 Nein, dein Kind vergaß dich nimmer!

 Ich liebt' ein Mädchen. Durch die Liebe

 Schien die Welt mir schön allein,

 Sie sollt' mir die Krone sein

 Meines Kampfs im Weltgetriebe.

 Thränen netzten mir die Wangen,

 Wenn ich für den Schatz ihm dankte,

 Den von des Allmächtigen Huld

 Ich als Gnade hatt' empfangen.

 Liebe, Liebe war mein Beten,

 Wenn im stillen Kämmerlein

 Meine Seel' zu Gott getreten,

 Dankt' ich ihm für sie allein!

 Liebe bracht' mir Kümmernis,

 Unrast quälte mir das Herz,

 Nicht zu tragen war der Schmerz,

 Der mein weich Gemüt zerriß!

 Angst und Leid hat mich getroffen,

 Wo aufs Höchste ging mein Hoffen, –

 Nach dem Glücke war mein Streben,

 Gift und Weh ward mir gegeben.

 Mein Genuß war leidend Schweigen.

 Standhaft Hoffen war mein Stern,

 Unglück ließ den Preis mir steigen.

 Trug das Leid, für sie, so gern!

 Aus des Schicksals harten Schlägen

 Schuf ich eine Freude mir:

 Alles trug ich ihretwegen,

 Trennt' das Los mich nicht von ihr.

 Und das Bild, das meinem Lieben

 Als ein unschätzbares Gut

 Treu bewahrt im Herzen ruht' –

 Ach, es ist nicht mein geblieben.

 Und harrt auch die Liebe aus,

 Bis der letzte Hauch im Leben

 Wir im bessern Vaterland

 Endlich sie wird wiedergeben – –

 Ich hatt' begonnen sie zu lieben!

 Was ist Lieb', die einst begann,

 Gegen jene ew'ge Liebe,

 Die dem Kinde mit dem Leben

 Wird zugleich ins Herz gegeben,

 Wenn es noch nicht stammeln kann?

 Da es an der Mutter Brust,

 Kaum dem Mutterschoß entsprossen,

 Lernt die erste Nahrung saugen,

 Schauend in der Mutter Augen!

 Nein, kein Band, das fester binde,

 Fester Herzen hält umschlossen,

 Als das Band, das Gott geschlossen

 Zwischen Mutterherz und Kinde!

 Und ein Herz, das hingegeben

 So sich hat dem schönen Ziel,

 Fand es auch in seinem Streben

 Blumen keine, Dornen viel:

 Könnt' ein solches Herz indessen

 Eines Mutterherzens Treue,

 Könnte es die Frau vergessen,

 Die die ersten Kinderschreie

 Sorgenvoll hat angehört,

 Die mich liebend hat umfangen,

 Thränen küsste von den Wangen,

 Mich mit ihrem Blut genährt?

 Mutter, Mutter, glaub' es nimmer, –

 Bei dem Himmel, der mich sieht,

 Glaub' es Mutter deinem Kinde:

 Nein, dein Kind vergaß dich nimmer!

 Was uns Schönes mag das Leben

 In der süßen Heimat geben,

 Alles, alles liegt mir weit –

 Und der Jugend helle Freuden,

 Meine Pfade sie vermeiden,

 Einsam Herz kennt keine Freud'.

 Steil und dornig sind die Wege,

 Die ich schreite still einher,

 Und das Unglück drückt mich schwer.

 An den Busen der Natur

 Sucht mein Haupt die milde Pflege:

 Ob mein Herz wohl mag gefunden,

 Mögen meine Thränen zeigen,

 Wie so manche trüben Stunden

 Mir das Haupt darnieder beugen ...

 Sank der Mut mir, oftmals habe

 In Gedanken ich geklagt:

 Vater, schenke mir im Grabe,

 Was das Leben mir versagt!

 Vater, woll' mir dort bescheren,

 Drückt der Tod die Augen zu,

 Wolle dorten mir bescheren,

 Was ich hier nicht kannte: Ruh'!

 Aber wenn ich beten wollte,

 Stieg die Bitte nicht zum Herrn,

 Beugt' ich meine Knie nieder,

 Und ich sprach: Noch nicht, o Herr!

 Erst gieb mir die Mutter wieder!

Viertes Kapitel.

 Herr Batavus Droogstoppel findet in dem Paket des Shawlmanns allerlei, was für den Kaffeehandel von Belang ist. Er entschließt sich, "sein Buch" zu schreiben, und schließt zu diesem Zwecke mit Stern einen Vertrag. Sein Besuch bei einer unzufriedenen Familie.

Bevor ich fortfahre, muß ich euch mitteilen, daß der junge Stern angekommen ist, ein ganz netter Bursche. Er scheint flott und geschickt; aber ich glaube, er "schwärmt". Marie ist dreizehn Jahre. Was er mitbringt, ist ganz hübsch. Jetzt ist er am Kopierbuch, um sich im holländischen Stil zu üben. Ich bin begierig, ob nun bald Aufträge von Ludwig Stern kommen werden. Marie soll für ihn ein Paar Pantoffeln sticken – für den jungen Stern, natürlich. Büsselinck & Waterman haben vorbei geangelt – ein anständiger Makler geht nicht auf Schleichwegen, das sage ich.

Den Tag nach der Gesellschaft bei Rosemeyers, die in Zucker machen, rief ich Fritz und ließ mir das Paket von Shawlmann bringen. Du mußt wissen, Leser, daß ich sehr streng auf Religion und Sitte halte. Nun also, den vorigen Abend, wie ich gerade meine erste Birne geschält hatte, las ich im Gesicht von einem der Mädchen, daß da irgend etwas in dem Vers vorkam, was nicht solide war. Ich hatte nicht so genau hingehört; aber ich sah, wie Betsy ihr Brötchen verkrümelte, und das war mir genug. Du wirst sehen, Leser, daß du es mit jemand zu thun hast, der in die Welt paßt. Ich ließ mir also von Fritz das "hübsche Stück" von gestern abend vorlegen und fand auch schnell die Zeile, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da gesprochen von einem Kinde, das an der Mutterbrust liegt – das kann noch durchgehen – aber: "Kaum dem Mutterschoß entsprossen" – sieh, das fand ich nicht gut – darüber zu sprechen, meine ich, und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahre. Von "Kohlköpfen" und dergleichen wird in unseren Hause nicht gesprochen, aber so das Ding beim Namen nennen, ist auch nicht nötig, weil ich auf Sittlichkeit halte. Ich nahm Fritz, der das Stück nun einmal "auswendig weiß", wie Stern das nennt, das Versprechen ab, daß er es nicht wieder aufsagen sollte – wenigstens nicht, ehe er Mitglied der "Doktrina" sein würde, weil nämlich da keine jungen Mädchen hinkommen – und dann steckte ich ihn in mein Pult, den Vers meine ich. Aber ich mußte wissen, ob da nicht noch mehr Anstößiges in dem Paket war, und machte mich deshalb ans Lesen und Blättern. Alles konnte ich nicht lesen, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht verstand, und da fiel mein Auge auf ein Heft: "Bericht über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado."

Mein Herz schlug lauter, denn ich bin Makler in Kaffee (Lauriergracht Nr. 37), und Menado ist eine gute Sorte. Also dieser Shawlmann, der unsittliche Verse machte, hatte in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz anderen Augen an. Ich fand Stücke darin, die ich zwar nicht alle verstand, aber die wirklich Kenntnis von Geschäften verrieten. Da waren Tabellen, Deklarationen, Berechnungen und Ziffern, in denen gar kein Reim vorkam, und alles war mit solcher Sorgfalt und Genauigkeit bearbeitet, daß ich, offen gestanden – denn ich liebe die Wahrheit – auf den Gedanken kam, daß Shawlmann, wenn der dritte Buchhalter einmal abginge – was vorkommen kann, denn er wird alt und wackelig – recht gut dessen Platz würde einnehmen können. Es versteht sich, daß ich dann erst noch über seine Ehrlichkeit, seine Religion und seine Anständigkeit Erkundigungen einziehen müßte, denn ich nehme keinen auf mein Kontor, ehe ich darin sicher bin, das ist mein festes Prinzip. Ihr habt das aus meinem Briefe an Ludwig Stern gesehen.

Ich wollte mir vor Fritz nichts merken lassen, daß ich anfing, dem Inhalt des Pakets Beachtung zu schenken, und schickte ihn deshalb weg. Mir wurde in der That schwindelig, wie ich so ein Heft nach dem anderen in die Hand nahm und die Titel las. Es ist wahr, es waren viel Verse darunter, aber auch viel Nützliches, und ich erstaunte über die Verschiedenartigkeit der behandelten Materien. Ich gebe zu – denn ich liebe die Wahrheit – daß ich, der allzeit Kaffee gehandelt hat, nicht in der Lage bin, den Wert von allem zu beurteilen; aber auch ohne Kritik war die Liste der Aufschriften schon kurios genug. Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wißt ihr, daß ich in meiner Jugend ein bißchen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate enthalte – was auf einem Maklerkontor auch nicht passen würde – so dachte ich doch, wie ich das alles sah: "De omnibus aliquid, de toto nihil," oder "Multa non multum."

Aber das war eigentlich mehr eine kleine Bosheit oder der Trieb, die Gelahrtheit, die da vor mir lag, auf lateinisch anzusprechen, als daß ich es so meinte. Denn, wo ich das eine oder andere Stück etwas länger ansah, mußte ich zugeben, daß der Schreiber mir auf der Höhe seiner Sache zu stehen schien und in seiner Beweisführung sogar sehr solide zu Werke ging.

Ich fand da folgende Abhandlungen und Aufsätze:

Ueber das Sanskrit, als Mutter der germanischen Sprachzweige.

Ueber die Strafen auf Kindesmord.

Ueber den Ursprung des Adels.

Ueber den Unterschied zwischen den Begriffen "Unendliche Zeit" und "Ewigkeit."

Ueber die Wahrscheinlichkeits-Rechnung.

Ueber das Buch Hiob. (Es war noch etwas über Hiob da, aber das waren Verse.)

Ueber die Proteine in der atmosphärischen Luft.

Ueber die russische Politik.

Ueber die Vokale.

Ueber Zellengefängnisse.

Ueber alte Vorstellungen vom "horror vacui."

Ueber die wünschenswerte Abschaffung von Strafen für Laster.

Ueber die Ursachen des Aufstands der Niederlande gegen Spanien, welche nicht in dem Streben nach religiöser oder politischer Freiheit lagen.

Ueber das "Perpetuum mobile," die Quadratur des Kreises und die Wurzel wurzelloser Zahlen.

Ueber die Schwere des Lichts.

Ueber den Rückgang der Civilisation seit der Entstehung des Christentums.

Ueber isländische Mythologie.

Ueber Rousseus "Emil."

Ueber die Zivilklage in Handelssachen.

Ueber den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.

Ueber eingeführte Rechte als unzweckmäßig, unpassend, ungerechtfertigt und unsittlich. (Davon habe ich nie etwas gehört.)

Ueber Verse als älteste Sprache. (Glaube ich nicht.)

Ueber weiße Ameisen.

Ueber das Widernatürliche von Schuleinrichtungen.

Ueber die Prostitution in der Ehe. (Ein schandbares Stück.)

Ueber das scheinbare Uebergewicht der westlichen Bildung.

Ueber Kataster, Registratur und Stempel.

Ueber Kinderbücher, Fabeln und Sprüche. (Will ich einmal lesen, denn er dringt darin auf Wahrheit.)

Ueber den Zwischenhandel. (Gefällt mir weniger; ich glaube, er will die Makler abschaffen, aber ich habe es mir doch beiseite gelegt, weil eins oder das andere drin vorkommt, das ich in meinem Buche benutzen kann.)

Ueber Erbfolgerecht.

Ueber Keuschheit als Erfindung. (Das begreife ich nicht.)

Ueber Vervielfältigung. (Der Titel ist sehr einfach, es steht aber viel drin, woran ich früher nie gedacht habe.)

Ueber eine gewisse Art von Witz bei den Franzosen, als Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witz und Armut ... er kann es wissen.)

Ueber den Zusammenhang der Romane von August Lafontaine mit der Schwindsucht. (Das will ich einmal lesen, weil von diesem Lafontaine Bücher auf dem Boden liegen; aber er sagt, daß der Einfluß sich erst im zweiten Gliede zeigt – mein Großvater las nicht.)

Ueber die Macht der Engländer außerhalb Europas.

Ueber das Gottesgericht im Mittelalter und heute.

Ueber das Rechnen bei den Römern.

Ueber Poesiearmut bei Komponisten.

Ueber Pietisterei, Biologie und Tischrücken.

Ueber ansteckende Krankheiten.

Ueber den maurischen Baustil.

Ueber die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch Zug verursacht sind. (Habe ich nicht gesagt, es ist eine kuriose Liste?)

Ueber die deutsche Einheit.

Ueber die Länge auf See. (Ich denke, auf See wird alles ebenso lang sein wie zu Lande.)

Ueber die Pflichten einer Regierung in betreff öffentlicher Lustbarkeiten.

Ueber die Übereinstimmung des Schottischen und des Friesischen.

Ueber Prosodie.

Ueber die Schönheit der Frauen von Nimes und Arles, mit einem Hinblick auf das Kolonisationsprinzip der Phönizier.

Ueber Landbaukontrakte auf Java.

Ueber das Saugvermögen einer neuen Art von Pumpe.

Ueber die Legitimität von Dynastien.

Ueber Volkslitteratur und javanische Rhapsoden.

Ueber die neue Art, die Segel einzubinden.

Ueber die Durchschlagskraft der Handgranaten. (Der Aufsatz stammt von 1847, also vor Orsini.)

Ueber den Begriff der Ehre.

Ueber die Apokryphen.

Ueber die Gesetze Solons, Lykurgs, Zoroasters und Confucius'.

Ueber die elterliche Gewalt.

Ueber Shakespeare als Geschichtsschreiber.

Ueber die Sklaverei in Europa. (Was er damit meint, verstehe ich nicht.)

Ueber Schrauben-Wassermühlen.

Ueber das fürstliche Recht der Gnade.

Ueber die chemischen Bestandteile des Ceylonschen Zimts.

Ueber die Disciplin auf Kauffahrerschiffen.

Ueber die Opiumpacht auf Java.

Ueber die Bestimmungen betreffend den Handel mit Giften.

Ueber den Durchstich der Landenge von Suez und seine Folgen.

Ueber die Bezahlung von Landrenten in Naturalien.

Ueber die Kaffeekultur zu Menado. (Das habe ich schon genannt.)

Ueber den Zerfall des römischen Reiches.

Ueber die "Gemütlichkeit" der Deutschen.

Ueber die skandinavische Edda.

Ueber die Pflicht Frankreichs, sich im indischen Archipel ein Gegengewicht gegen England zu schaffen. (Dies war französisch, ich weiß nicht warum.)

Ueber Essigfabrikation.

Ueber die Verehrung Schillers und Goethes im deutschen Mittelstand.

Ueber das Recht auf Glück.

Ueber das Recht der Empörung gegen Unterdrückung. (Dies war javanisch, ich habe diesen Titel erst später erfahren.)

Ueber Verantwortlichkeit der Minister.

Ueber einige Punkte im Kriminalprozeß.

Ueber das Recht eines Volkes zu verlangen, daß die Steuern zu seinem Nutzen verwendet werden. (Wieder javanisch.)

Ueber das doppelte A und das griechische Eta.

Ueber den unpersönlichen Gott im Menschenherzen.

Ueber den Stil.

Ueber eine Konstitution für das Reich "Insulinde." (Habe von diesem Reiche nie gehört.)

Ueber den Mangel von Ephelkystik in unseren Sprachregeln.

Ueber Pedanterei. (Scheint mit viel Sachkenntnis geschrieben.)

Ueber die Verpflichtung Europas gegen die Portugiesen.

Ueber Holzgeläute.

Ueber Brennbarkeit des Wassers. (Wahrscheinlich meint er gebranntes Wasser.)

Ueber den Milchsee. (Ich habe nie davon gehört; scheint irgend etwas in der Nähe von Banda zu sein.)

Ueber Seher und Propheten.

Ueber Elektrizität als Bewegungskraft, ohne weiches Eisen.

Ueber Ebbe und Flut der Civilisation.

Ueber epidemische Verderbnis in Staatshaushaltungen.

Ueber bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt einiges vor, was ich für mein Buch brauche.)

Ueber Etymologie als Hilfsquelle bei ethnologischen Arbeiten.

Ueber die Vogelnestklippen an der Südküste Javas.

Ueber die Stelle, wo der Tag beginnt. (Verstehe ich nicht.)

Ueber persönliche Begriffe als Maßstab der Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt.

Ueber Galanterie.

Ueber den Versbau der Hebräer.

Ueber das "Jahrhundert der Erfindungen" des Marquis von Worcester.

Ueber die nicht-essende Bevölkerung der Insel Rotti bei Timor. (Es muß da ein billig Leben sein.)

Ueber Menschenfresserei der Batta und Kopfabschneider der Alfuru.

Ueber das Mißtrauen gegen die öffentliche Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser abschaffen; ich bin dagegen.)

Ueber "das Recht" und "die Rechte."

Ueber Béranger als Philosophen. (Das verstehe ich wieder nicht.)

Ueber die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.

Ueber den Unwert des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.

Ueber den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar aus ihren Begriffen von Gott.

Ueber den Zusammenhang der Sinne. (Stimmt; als ich ihn sah, roch ich Rosenöl.)